ausgefunkt – Wie der Trotzkismus sich selbst entlarvt

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Dass sich unter den politischen Gegner*innen des Anarchismus auch Trotzkist*innen finden, ist allgemein bekannt. Warum darüber Worte verlieren und es nicht einfach bei den konkurrierenden Standpunkten stehen lassen, zumal wenn abstrakt-theoretische Debatten oftmals weit entfernt von den Praktiken und Fragen derjenigen sind, die sich in emanzipatorischen sozialen Bewegungen engagieren?

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Konkurrent*innen kann allerdings dazu beitragen, die eigenen Positionen festigen und die eigenen Perspektiven zu schärfen. Und ja, viele Anarchist*innen sind nicht besonders theoriefest. Häufig kennen sie auch ihre eigenen Theorien nur unzureichend und lassen sich daher immer wieder verwirren. Darüber hinaus schreibe ich diesen Text, um einiges klar zu stellen. Denn Jannick Hayoz, ein Theoretiker des trotzkistischen Netzwerkes „Der Funke“, welches aktuell eine neuere Werbeoffensive gestartet hat und gerade einen Kongress in Berlin abhält, scheut sich nicht, den Anarchismus falsch darzustellen.

Seine Darstellung ist notwendigerweise falsch, weil politische Sekten darauf angewiesen sind, ihre Konkurrent*innen zu diffamieren und ihre eigenen dogmatischen und in sich abgeschlossenen Gedankengebäude aufrecht zu erhalten. Bedauerlich daran ist, dass mit dieser Falschdarstellung die Vorurteile über den Anarchismus bestärkt werden. Dies bringt niemandem etwas und verhindert, dass Menschen und Gruppen mit verschiedenen Standpunkten auf Augenhöhe zusammenarbeiten können. Daher entfalte ich paradigmatisch am Text „Marxismus oder Anarchismus: Wie zu einer klassenlosen Gesellschaft“ meine Kritik. Weil ich dieser Position nicht mehr Aufmerksamkeit schenken möchte, als sie verdient, werde ich aber keine andauernde Auseinandersetzung beginnen.

Der Ausgangspunkt von Hayoz‘ Text ist idealistisch, wie seine ganze Theorie. Es wäre lediglich das Rebellionsbedürfnis, welches vor allem junge Menschen heute zum Anarchismus führe. Stattdessen brauche es aber „die Ideen des Marxismus“, da der Anarchismus eigentlich pseudo-revolutionär wäre. Statt sich aber mit den Ansichten real existierender Anarchist*innen auseinanderzusetzen, bezieht sich der Autor auf eine Interpretation, welche mit seinen eigenen obskuren Ideen kompatibel erscheinen. In der dogmatischen Herangehensweise steht das abschließende Urteil schon vor der Suche nach Wahrheit fest. Somit kann die Wirklichkeit nur verkannt und die vorgeblich „marxistische“ Theorie nur idealistisch bleiben.

Gegensätze ziehen sich nicht an

Dazu passt gut, das Hayoz mit den „gegensätzliche[n] Philosophien“ von Marxismus und Anarchismus in seine Argumentation einsteigt. Ergo gälte es, die Entstehung „dieser Ideen anzuschauen“ – und nicht etwa die Geschichte sozialer Bewegungen, ihre Organisationen, Kämpfe, Ziele und Lebensweisen. Als der Kapitalismus am Anfang des 19. Jh. noch wenig entwickelt war, konnte man „noch keinen Weg vom Kapitalismus in den Sozialismus in der Realität erkennen“. Das mag sein. Man konnte aber schon ziemlich schnell erkennen, dass der Kapitalismus unheimliches Elend verursachte und für seine Einrichtung Menschen enteignet, vertrieben und ihre Gemeinschaften zerstört wurden, um sie zur Fabrikarbeit zu drängen. Die frühen Sozialist*innen (gemeint sind damit z.B. Robert Owen, Saint-Simon und Charles Fourier), entwarfen utopische Konstruktionen einer sozialistischen Gesellschaft – darin ist Hayoz zuzustimmen. Worüber er jedoch hinweg täuscht, ist, dass die Anarchist*innen an dieser Denkweise ansetzen würden, dies „Marxist*innen“ aber angeblich nicht täten. Was aber gibt es utopischeres als die eschatologische Projektion einer ultimativ „befreiten Gesellschaft“? Der Verweis auf den vermeintlich „wissenschaftlichen Sozialismus“ von Engels und Marx reicht dem Autoren dabei als Beweis aus – womit er offenbart, dass er nicht selbst denkt, sondern ein scholastisches Lehrgebäude reproduziert. Tatsächlich verwarfen Anarchist*innen das abstrakt-utopische Denken, entdeckten jedoch überall konkrete Utopien –Zwischenräume, in denen Menschen bereits freiheitlich, solidarisch und gleich leben konnten; wenn auch unter den Rahmenbedingungen der schlechten Gesellschaftsform.

Weiterhin wirft Hayoz den Anarchist*innen vor, sie würden vorrangig auf die Empörung setzen und sich dazu auf „abstrakte Prinzipien und Ideale, nach der [sic!] sich die Welt richten soll“ beziehen. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Die ethischen Vorstellungen im Anarchismus (soziale Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Vielfalt, Selbstbestimmung) und die Organisationsprinzipien (Autonomie, Föderalismus, Dezentralität, Freiwilligkeit und Horizontalität) wurden sich nicht irgendwie ausgedacht – wie Hayoz sich das komischerweise vorstellt – sondern entstanden in gemeinsamen Diskussionsprozessen über die Erfahrungen von Aktiven in sozialen Bewegungen. Sie wollten beispielsweise keine zentralisierten, hierarchischen, autoritären Parteien gründen – und damit die Logik der politischen Herrschaft im Staat selbst übernehmen.

Es zeigt sich, dass Hayoz hier eine regelrechte Verkehrung der eigenen Herangehensweise mit jener des Anarchismus betreibt – die ihm freilich selbst kaum bewusst sein mag, weil er sich wie erwähnt weder mit dem real existierenden Anarchismus beschäftigt noch in der Lage ist, sein abgeschlossenes Gedankengebäude aus Distanz zu betrachten. Stattdessen wird Sankt Marx als Garant für die per se wahren Erkenntnisse herangezogen. Auch im 21. Jh. ist es Trotzkist*innen dabei egal, das Marx seine eigene Theorie heute vermutlich selbst weiterentwickelt hätte. Beispielsweise in dem Aspekt, dass die Arbeiter*innenklasse an sich als revolutionäres Subjekt angesehen werden müsste. Billigerweise kommt Hayoz dann mit einem ganz alten Hut um die Ecke: Er unterstellt den Anarchist*innen ein „kleinbürgerliches“ Bewusstsein. Dass Marx selbst großbürgerlicher Herkunft war und dass zahlreiche marxistisch geprägte Politiker*innen und Gewerkschafter*innen autonome Arbeiter*innenkämpfe niederhielten, geschenkt…

Die „Freiheit des Individuum“, welches ein „Idealbild“ im Anarchismus wäre, schreibt Hayoz dementsprechend auch dieser angeblich kleinbürgerlichen Denkweise zu – statt zu begreifen, dass in den Anarchismus auch liberale Gedanken eingeflossen sind, weswegen er glücklicherweise ein Gegengift zur Verachtung der Einzelnen beinhaltet, wie sie realsozialistische Staaten zur Schau stellten. Somit ist der Trotzkismus auch nicht in der Lage zu begreifen, dass die tatsächlich existierende Arbeiter*innenklasse – wo sie in westlichen Gesellschaften an den Maschinen steht – nationalistisches und rassistisches Gedankengut entwickelt. Wenn sie aber zur Migration gezwungen und getrieben wird, geht sie wiederum keineswegs im verklärten Idealbild des marxistischen „Arbeiters“ auf.

Die ewige Illusion vom Nutzen der Staatsmacht

Dann zum klassischen Streitpunkt „Staat und Revolution“: Ja, Anarchist*innen erkennen, dass der Staat neben einem Institutionenset auch ein gesellschaftliches Herrschaftsverhältnis ist, dass es ebenso wie Kapitalismus, Patriarchat, weiße Vorherrschaft und Naturbeherrschung zu überwinden gilt. Diese Überwindung kann nur geschehen, indem sie miteinander geschieht – und an ihre Stelle egalitäre, libertäre und solidarische Verhältnisse etabliert und ausgedehnt werden. Anarchist*innen haben es mit ihrem Fokus auf die Staatskritik häufig übertrieben und das nicht, weil sie falsch wäre, sondern weil sie häufig dahingehend verkürzt gedacht wird, dass nicht begriffen wurde, dass Staatlichkeit selbst der manifestierte und verdichtete Ausdruck für das politische Herrschaftsverhältnis in der Gesellschaft ist.

Der Umkehrschluss vermeintlicher „Marxist*innen“ ist deswegen ebenso falsch: Wer eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform erkämpfen und aufbauen will, kann sich dazu nicht auf den Staat als Mittel beziehen. Es ist eine immer wieder bediente und beförderte Illusion, dass die staatlichen Instrumente und Institutionen neutral seien und in den Händen sozialistischer Revolutionär*innen ihre Eigendynamik verlieren würden. Trotzkist*innen haben eine falsche Staatstheorie. So ist es beispielsweise auch schlichtweg falsch, den Staat lediglich als „Produkt von Klassengegensätzen und Ausbeutung“ zu begreifen, wie Hayoz es tut. Der moderne Staat ist ein eigenständiges Herrschaftsverhältnis, welches aber in einem permanenten Wechselverhältnis zum Kapitalismus begriffen werden muss. Nur so lässt sich erklären, warum die Bedingungen für kapitalistisches Wirtschaften erst durch massive staatliche Interventionen und Gesetzgebungen brutal durchgesetzt wurden.

Interessanterweise reproduziert Hayoz im Übrigen eine Fehlannahme liberaler Theorien, nämlich jene, dass der Kapitalismus quasi naturwüchsig entstanden sei und gewissermaßen eine unvermeidliche Stufe menschlicher Zivilisation darstelle. Dies ist aber nicht der Fall. Die bestehende Herrschaftsordnung (ökonomisch, staatlich, geschlechtlich usw.) wurde gezielt eingesetzt, auch wenn sie eine Eigendynamik entfaltet und keineswegs Produkt einer Verschwörung geheimer Mächte darstellt. Der moderne Nationalstaat ist nicht die logische Entwicklung, welche politische Herrschaft annehmen musste, sondern wurde aufgrund bestimmter Interessen weltweit grausam durchgesetzt und aufgezwungen. Darüber hinaus ist es albern, dass Hayoz sich bei seiner Darstellung des anarchistischen Staatsverständnisses allein auf Bakunin bezieht – anstatt sich etwa mit Kropotkin zu beschäftigen, welcher bereits ein komplexeres Staatsverständnis hatte.

Eine falsche Staatstheorie und der Fetisch zentralisierter Planwirtschaft

Der Arbeiterstaat wäre „zum ersten Mal in der Geschichte ein Staat der Mehrheit: Er hält nicht die arbeitenden, ausgebeuteten Massen unten, sondern die Minderheit: die ehemaligen Herrscher und Ausbeuter“, behauptet der Trotzkist. Wer im 21. Jh. noch derartigen Quatsch von sich geben kann, beweist, dass er resistent ist, ansatzweise aus der Geschichte zu lernen. Einen „Arbeiterstaat“ wie Hayoz vorschwebt, hat es nie gegeben und kann es nie geben. Die realsozialistischen Staaten, welche diesen Anspruch vor sich hertrugen und sich darüber legitimierten, waren in keiner Weise tatsächlich Ausdruck einer Mehrheit der Arbeiter*innenklasse, sondern brachten neue bürokratische herrschende Klassen von Partei-Gänger*innen hervor.

Unterdrückt wurden nicht vorrangig die ehemalig Herrschenden – im Gegenteil, manchmal wurden sie auch in den neuen Staatsapparat aus praktischen Gründen integriert –, sondern alle, welche andere Vorstellungen hatten, als die herrschenden, parteikommunistischen Fraktionen. Unter Trotzki selbst wurden sozialistische Bewegungen wie die Machnow-Bewegung zerschlagen. Der Eispickel in seinem Kopf steht ihm gut, als autoritärem Kader in einer paranoiden herrschenden Elite. Kein Staat wird je absterben, wenn er von Sozialist*innen übernommen wird. Es gilt, das politische Herrschaftsverhältnis als solches abzubauen, um der Föderation dezentraler autonomer Kommunen Raum zu verschaffen. Hätte die trotzkistische Fraktion die Partei- und Staatsmacht in der UdSSR übernommen statt der stalinistische Klüngel, wäre das Ergebnis nur geringfügig anders gewesen, da ihr Staatsverständnis verkürzt ist.

Dass ein Wirtschaftssystem sich nicht „naturwüchsig“ historisch entwickelt, zeigt sich auch darin, dass Hayoz den zentralistischen „Arbeiterstaat“ dadurch legitimiert, dass dieser notwendig wäre, um die Planwirtschaft einzuführen. Seiner Ansucht nach müsste eine föderative Selbstverwaltung von Betrieben zwangsläufig zur Wiedereinführung der Marktwirtschaft führen. Auch diese Annahme ist falsch – die Frage ist, wie Wirtschaft organisiert und nach welchen Prinzipien sie gestaltet wird, vor allem aber, in wessen Händen sich die Produktionsmittel und das Eigentum befinden. Lokale und überschaubare Kollektive können viel besser nach Bedürfnissen und Fähigkeiten produzieren und Güter verteilen, als der Größenwahn einer zentral gesteuerten Wirtschaftsordnung – auch dies hat sich in der Wirklichkeit realsozialistischer Staaten ziemlich gut gezeigt. Es stimmt auch nicht, dass sich Kollektivbetriebe in einem dezentralen Sozialismus nicht koordinieren könnten, oder, dass es keinerlei vermittelnde und beratende Koordinationgremien zwischen ihnen geben sollte – die Frage ist lediglich, ob diese mit einer zentralisierten Entscheidungsmacht ausgestattet werden. Dagegen ist die „Arbeiterdemokratie“, welche Hayoz vorschwebt, eine bloße Kopfgeburt. Sie lässt sich nicht mit staatlichen Mitteln einrichten, sondern nur durch die reale Machtaneignung und -verteilung der Bevölkerung selbst.

Von Anarchist*innen gemieden, von Trotzkist*innen unbegriffen: Das Problem der Führung

In Hinblick auf die Frage nach der Führung von Bewegungen spricht Hayoz einen Punkt an, welcher von Anarchist*innen bedauerlicherweise meistens vermieden wird – weswegen sie nur selten gute Antworten auf dieses Problem hervorbringen. Damit werden sie sich ihrer eigenen Rolle nicht bewusst und verschenken damit häufig ihr Potenzial. Aber problematisieren sie Führung bei der Wurzel und möchten alle Menschen in die Lage versetzen, ihre Angelegenheiten selbst zu bestimmen – wofür einige Voraussetzungen (Zeit, Bildung, Kontakte etc.) geschaffen und verallgemeinert werden müssen. Trotzkist*innen sind stattdessen so naiv zu glauben, dass es dann eben eine andere, „neue, revolutionäre Führung“ bräuchte. Wie gesagt muss ich fairerweise eingestehen, dass Anarchist*innen hierauf oftmals keine guten Antworten haben, weil sie das Problem zwar benennen, aber sich scheuen, sich als ein eigenständiges Lager zu begreifen, welches spezifische Funktionen in sozialen Kämpfen ausüben kann. In gewisser Hinsicht könnte man sagen, Anarchist*innen trauen sich selbst nicht zu, „fragend voranzuschreiten“ und „gehorchend zu führen“, wie es die Zapatistas formulieren oder auch die kurdische Autonomiebewegung praktiziert. Dies ist bedauerlich, da sie gerade aufgrund ihrer selbstkritischen Herangehensweise deutlich mehr zur Ermächtigung und Selbstorganisation der Menschen beitragen, als Trotzkist*innen. Dazu gälte es sich aber sozial-revolutionär zu organisieren und mit einer libertär-sozialistischen Vision zu orientieren. Auch die Erfahrungen in Kämpfen etc. können weitergeben werden, ohne, dass es dazu notwendigerweise einer Partei bedarf. Aktive in sozialen Bewegungen müssen sich allerdings selbst darum bemühen, ihre Funktionen zu begreifen, ihr Wissen zugänglich zu machen und weiterzugeben.

Unter den Leuten wirksam sein – für Trotzkist*innen keine Option

Hayoz behauptet, Anarchist*innen hätten nur „Lippenbekenntnisse für die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse abgegeben“ – was objektiv falsch ist, da der Großteil der Anarchist*innen proletarisierte Menschen waren, die verschiedenen Geschlechtern angehörten und unterschiedlicher Herkunft waren. Dass viele bekannten Personen des Anarchismus auch Einflüsse aus anderen gesellschaftlichen Schichten hatten, ergibt sich schlichtweg daraus, dass konsequenter Aktivismus Zeit, Ressourcen, Bildung und Kontakte zur Voraussetzung hat. Deswegen müssen diese vor allem jenen zugänglich gemacht werden, welche direkt marginalisiert und unterdrückt werden. Darin sehen Anarchist*innen auch eine ihre hauptsächlichen Rollen: Bestimmte Zugänge zu schaffen, Wissen zu vermitteln, Praktiken vorzuleben und sich für Ausgeschlossene einzusetzen.

Äußerst krude, dass Hayoz nicht begreift, wie wichtig beispielsweise das Wirken der Narodniki in der Bauernschaft Russlands war, um diesen grundlegende Bildung, Selbstbewusstsein und Kampfmethoden an die Hand zu geben. Dass Bäuer*innen irgendwelche städtischen Student*innen gegenüber nicht immer offen und häufig auch von konservativen Ansichten geprägt waren, versteht sich von selbst. Ohne das unermüdliche, selbstlose und gezielte Wirken von Lehrer*innen im Volk (und oftmals war dies tatsächlich auch ihr Beruf) hätten arme Menschen überall auf der Welt nicht der religiösen Verblödung, ihrer Unterwürfigkeit unter Mächtige und ihren patriarchalen Strukturen entkommen können. Es zeigt sich, dass Hayoz nicht ansatzweise in der Lage ist zu begreifen, wie sich progressive gesellschaftliche Entwicklungen vollziehen und welche Rolle darin engagierte Bildner*innen und Aktivist*innen spielen. Ebenso wenig wie die Arbeiter*innenklasse ein homogenes Subjekt ist, welchem eine „historische Mission“ angedichtet wird, um es zum Fußvolk sozialistischer Parteikader zu degradieren, ist es die Bauernschaft, das Kleinbürger*innentum oder sind es Handwerker*innen. Aus einer sozialstrukturellen Position allein, ergibt sich nicht die Ideologie von Personengruppen, welche ebenso kulturell und durch soziale Praktiken geprägt werden. Das Sein bedingt das Bewusstsein, aber es bestimmt es nicht.

Dass er selbst fern jeglicher kämpfender Bewegungen steht, offenbart Hayoz auch darin, dass er nicht in der Lage ist, die Taktiken der Propaganda durch Taten und des schwarzen Blocks zu begreifen. Wenngleich ich selbst die Verselbständigung dieser Taktiken zu bloßen Stilen kritisiere, plädiere ich stark dafür Probleme unmittelbar anzugehen und Alternativen zu ihnen aufzuzeigen. Menschen lassen sich nicht einfach durch spektakuläre Aktionen wachrütteln und schließen sich dann einem sozial-revolutionären Projekt an. Ebenso wenig wird sie aber ein bloßes Gespräch oder ein Vortrag davon überzeugen. Vielmehr muss es darum gehen, Menschen andere Erfahrungen zu ermöglichen. Dazu können spektakuläre Aktionen bedingt beitragen, mehr aber noch Alternativen im unmittelbaren Alltagsleben. Es gilt jene Zwischenräume zu schaffen und auszuweiten, welche Hayoz in seinem Kader-Idiotismus als „opportunistisch“ abtut. Selbstredend gibt es hierbei eine fundamental unterschiedliche Grundannahme zwischen Marxismus und Anarchismus. Ersterer geht davon aus, dass Kapitalismus und Staat die Voraussetzungen für die sozialistische Gesellschaft schaffen, welche aus jenen herauswachsen würde. Zweiterer nimmt an, dass es grundlegend problematisch ist, sich auf die herrschenden Verhältnisse und Institutionen zu beziehen. Das führt Anarchist*innen nicht in die Handlungsunfähigkeit, weil sie annehmen, dass parallel zu den dominierenden Herrschaftsverhältnissen solidarische, gleiche und freiheitliche Verhältnisse bestehen. Menschen verfügen also hier und heute bereits über Mittel, um sich eine erstrebenswerte Zukunft aufzubauen, statt dies auf den fiktiven Zeitpunkt nach einer Revolution zu verschieben.

Geschichtsvergessenheit bis zum bitteren Ende

Hayoz kann sich schließlich nicht unterstehen, auch im letzten Abschnitt seine Geschichtsvergessenheit zur Schau zu stellen. Die Widersprüche der Anarchist*innen im Umgang mit der republikanischen Regierung deutet er als Unentschiedenheit, welche schließlich zum Verrat an der sozialen Revolution im spanischen Bürgerkrieg geführt hätte. So schreibt er: „Die CNT hätte die Macht ohne weiteres übernehmen können. Sie hätte bloß die existierenden Keimformen eines Arbeiterstaats zusammenfassen, die Macht ausrufen und auf ganz Spanien ausweiten müssen, wo ähnliche Prozesse am Passieren waren. Aber die CNT-Führung lehnte es ab, die Macht zu ergreifen“. Was Hayoz nicht begreift ist, dass sich Anarchist*innen eben nicht innerhalb des bestehenden politischen Systems organisieren wollen. Sie sind nicht davon überzeugt, dass darin die eigentliche Macht für emanzipatorische Gesellschaftsveränderung liegt. Vielmehr suchen sie nach anderen Formen und Ebenen, auf denen sie sehr viel direkter und praktischer wirksam sein können: In Betrieben, Nachbarschaften, Kooperativen, mittels direkter Aktionen, Bildung und Selbstorganisationen, bauen sie an der neuen Gesellschaft. Die Anarchist*innen waren in der spanischen sozialen Revolution (aber auch in Argentinien, Uruguay, Brasilien, Italien, Frankreich, den Niederlanden …) so stark, weil sie Menschen nicht politisch vertreten und anführen wollten, sondern deren Ermächtigung, Verständigung und Selbstorganisation förderten. Hayoz ist so arrogant, die Franco-Diktatur den Anarchist*innen anzulasten, weil sie seiner aberwitzigen Ansicht nach die Revolution verraten hätten – anstatt überhaupt zu erwähnen, dass es zuvor irrelevante und dann von der UdSSR unterstützte kommunistische Partei war, welche nicht mit den anderen Fraktionen kooperieren wollte, sondern sie intrigant bekämpfte. Die trotzkistische Erzählung wird hierbei eminent konservativ: Jenen, welche für sich für echte Gesellschaftsveränderung einsetzen und sie unmittelbar umsetzen, wird angelastet, dass sie von der Reaktion brutal bekämpft werden.

Der Argumentationsgang von Jannick Hayoz ist in vielerlei Hinsicht geschichtsvergessen, inhärent dogmatisch, verkürzt und verzerrend. Auf leicht zu durchschauende Weise konstruiert der trotzkistische Autor den Anarchismus als Pappfigur, auf welche er mit seiner eigenwilligen Interpretation des „Marxismus“ einprügeln kann. Denn nur so kann er zirkulär und tautologisch zur Schlussfolgerung gelangen: „Wir teilen den revolutionären Anspruch der meisten Anarchisten. Aber die Methode des Anarchismus ist nicht wahr und nicht revolutionär. Das rächt sich spätestens dann, wenn der Anarchismus mit der objektiven Realität konfrontiert wird“. Bis zu Letzt zeigt sich darin die Projektion des eigenen inhärent idealistischen Denkens, durch welches die Welt an den eigenen Idealvorstellungen und abstrakten Theorien gemessen wird. Jede Anarchist*in mit etwas Lebenserfahrung kann – mit ihrem rebellischen Begehren und ihren manchmal träumerischen Vorstellungen – zu Recht behaupten, stärker an der Wirklichkeit orientiert und mit der wirklichen Bewegung verbunden zu sein, als der Kader-Trotzkismus. Dessen Theorien brauchen Revolutionär*innen weltweit heute weniger denn je. Sie haben ihre Funktion zur Organisierung einer arroganten, dogmatischen Tendenz innerhalb von kommunistischen Parteien. Zu mehr taugen sie nicht.

Prinzipienreiter*innen mit Selbstbestätigungsfilm

Lesedauer: 23 Minuten

Eine Soligruppe für Gefangene hat HIER kürzlich mehrere Texte von Malatesta wieder veröffentlicht. Vermutlich, um sich vor allem zu versichern, dass sie sich gegen ach so jegliche Herrschaft positionieren. Tatsächlich kann ich der Argumentation Malatestas weitgehend zustimmen. Umso bedauerlicher, dass die Soligruppe sie ahistorisch handhabt und sich nicht bereit zeigt, ihren Gehalt zu kontextualisieren und auf die heutige Situation zu übertragen. Objektiv lässt sich durchaus sagen, dass der Krieg in der Ukraine – oder der in Syrien oder wo auch immer – nicht im Interesse des Großteils der Bevölkerung ist, sondern durch rivalisierende kapitalistische Staaten und andere autoritäre Akteure geführt wird. Anarchistisches Ziel muss es sein, dass der gegenwärtige Krieg beendet wird. Anarchistisches Ziel muss es aber eben auch sein, zu verhindern, dass Russland die Herrschaft über die Ukraine oder größere Teile von ihr erlangt, denn dies vermindert die Spielräume für soziale Kämpfe und den Grad sozialer Freiheiten und Rechte, welche die Ausgangsbedingung für etwaige zukünftige Verbesserungen – aufs Ganze gesehen, für die soziale Revolution – sind.

Die Einleitung, also das knappe Statement der Soligruppe strotzt vor romantischen Phrasen wie etwa: „Gegen die Kriege des Kapitalismus hilft nur Klassenkrieg, sozialer Krieg, Insurrektion/Aufstand und soziale Revolution. Wir haben kein Vaterland, wir sind Parias, wir werden keine eigene noch fremde herrschende Klasse verteidigen, es gilt sie alle anzugreifen und zu zerstören“. Liebe Genoss*innen ich glaube euch ja, das ihr das glaubt. Ich meine nur, dass fair wäre, dieses hochtönende Bekenntnis mit Inhalt zu unterfüttern und sich – statt sich vorrangig selbst zu versichern und in seinem Sektendasein wohlzufühlen – mit den Realitäten der russischen Invasion und des Regimes in Russland auseinander zu setzen. Dies schließt selbstverständlich dessen Stützung durch Exportabhängigkeiten, Handelsbeziehungen, geostrategische Bedrohung, die raubtierkapitalistische Ausbeutung in den 90er Jahren, die Duldung von groben Menschenrechtsverletzungen durch westeuropäische Regierungen ein.

Besonders ärgerlich ist, dass im Statement mit groben Verdrehungen und Unterstellungen gearbeitet wird. Dies verwundert nicht, denn wo grundsätzlich nicht die Bereitschaft besteht, die eigenen Dogmen zu überdenken, verfallen ihre Verfechter in Stresssituationen eben in die Ultra-Orthodoxie. Genoss*innen, die auf die eine oder andere Weise in der Ukraine gegen die russische Invasion kämpfen zu unterstützen, ist nicht das gleiche, wie den ukrainischen Staat zu unterstützen. Zumindest dem Anspruch nach auf die Selbstorganisation und die Einmischung von Anarchist*innen im Krieg zu setzen, ist nicht das gleiche, wie eine Beteiligung am Krieg zu rechtfertigen. Mit dem Herzen bei ihnen zu sein bedeutet nicht, einem höchst problematischen Militarismus und Waffenfetischismus zu verfallen. Diese Position schließt auch nicht aus, Rheinmetall zu entwaffnen und die Aufstockung des Rüstungsbudget um 100 Mrd. zu kritisieren.

Was übrig bleibt sind moralisierende Todschlagargumente, die den pseudo-religiösen Charakter der Autor*innen offenbaren. Von „Verräter*innen“, „Konterrevolution“, „Reaktion“, „Reformismus“ und „Schande“ wird da herum posaunt. Mit diesem Bauchgefühls-Geblubber werden dann jene Genoss*innen diffamiert, welche sich differenzierter mit der Situation in Russland und der Ukraine auseinandersetzen. Dabei mutet es albern an, dass die Autor*innen über kaum eine Vorstellung von „Revolution“ zu verfügen scheinen. Dies nämlich würde bedeuten, sich einmischen und aktuelle Entwicklungen mitgestalten zu wollen – in Solidarität mit jenen, die sich für die Potenziale und Spielräume freiheitlicher gesellschaftlicher Transformation engagieren.

Wer dies nicht begreift und anerkennen möchte, verachtet Menschenleben für die eigene Prinzipientreue. Wenn das „anarchistisch“ sein soll, dann gute Nacht! Eure Denkweise (inklusive den Versatzstücken leninistischer Imperialismustheorie) kommt dem Bolschewismus näher als dem Anarchismus!

Es folgen zur Dokumentation die historischen Texte zum Thema…

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Kritischer Kommentar zu „Schwarze Flamme“

Lesedauer: 7 Minuten

Eine Rezension für das große Buch von Michael Schmidt und Lucien van der Walt (englisch 2009, deutsch 2013) brauche ich sicherlich nicht mehr schreiben, aber ja, ich habe es jetzt auch mal ganz gelesen. Ersterer Autor hat politisch ja etwas geirrlichtert, wie man so munkelt. Allerdings ging ich ohnehin davon aus, dass vor allem van der Walt das Werk geschrieben hat, zu welchem der angekündigte zweite Band, in welchem es um Syndikalismus weltweit gehen sollte, leider bisher nie erschienen ist.

Gut und beeindruckend an Schwarze Flamme ist die fundierte Recherche und der nachvollziehbare Argumentationsgang. Die Autoren stecken wirklich in den Debatten der jeweiligen Zeit drin. Syndikalismus wäre in der heutigen Welt mit ihrer armen, („eindeutig“ so zu benennenden) Arbeiter*innenklasse von mehr als 2 Milliarden Menschen und den entsprechenden eklatanten Vermögens- und Machtunterschieden der Klassen im 21. Jahrhundert eine relevante Bewegung. Was jedoch weitgehend vergessen worden wäre, sei die Geschichte des Syndikalismus, weswegen Schmidt und van der Walt ein vorrangig historisches Buch schreiben wollten. Dabei gälte es insbesondere an die „glorreiche“ Zeit des Syndikalismus zwischen 1890 und 1920 zu erinnern. – So weit, so verständlich. Gegen die historische Betrachtung habe ich nichts und zweifellos lässt sich aus vergangenen Debatten und Erfahrungen viel für die heutige Praxis lernen. Zu viel wird immer wieder vergessen und verdreht. Zugleich finde ich die Herangehensweise dahingehend schwierig, als das sie ihren Gegenstand meiner Ansicht nach als angestaubt konserviert und ihn als Sozialromantik konserviert. Wie viele Mitglieder welche syndikalistische Gewerkschaft hier und da irgendwann hatte – meine Güte, ich kann es nicht mehr hören! In gewisser Hinsicht bilden die Autoren damit allerdings tatsächlich den theoretischen Stand des Syndikalismus ab. Eine neue große Geschichte, kann nur geschrieben werden, wenn sie sich auf die alte bezieht, aber auch aus ihre herausschält.

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