Mit der Linken sprechen

Lesedauer: 6 Minuten

hier als pdf downloadbar:

von Jens Störfried

gefunden in: Waschlappen. Zeitschrift für einen pragmatischen Anarchismus, Nr. 9

What the fuck ist links-sein? Ganz ehrlich, ich habe es bisher nicht verstanden. Es ist richtig, die Bezeichnung kommt vom Parlamentarismus, der Anordnung der Sitze dort, wo links die radikalen Republikaner bzw. Demokraten (alle männlich) saßen. Diese Tradition wurde fortgesetzt. Der Begriff „links“ ist keineswegs darauf zu reduzieren. Aber weil ihm nun mal der Parteimuff anhängt, aufgrund seiner Schwammigkeit und wegen seiner Einheitsbreiigkeit bringt es meiner Ansicht nach auch nicht wirklich was, sich auf ihn zu beziehen. So sieht es auch mit der außerparlamentarischen Politik aus. Sie ist schwammig und sie ist Parteipolitik zugeordnet, die in einer Parteiendemokratie wiederum dem Staat zugeordnet ist. Klar, damit lassen sich Dinge erreichen. Aber eben auf der Ebene des politischen Handelns. Selbstorganisation von unten und die Autonomie verschiedener Gruppen sehen anders aus. Dies schließt aber keineswegs aus, dass Anarchist*innen autonome Organisationen gründen, sich in diesen einbringen, sie verbreitern und radikalisieren wollen. Dass dies in der BRD merkwürdig zu sein scheint und sich Anarchist*innen oft als Linke betrachten ist problematisch. Dennoch können sie an linken Massenbewegungen partizipieren. Warum es sich für Anarchist*innen lohnt, sich selbst zu bestimmen und ein Selbstbewusstsein zu entwickeln:

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Debate on Anarchists against/in Academy

Lesedauer: 4 Minuten

Auf der Mailingliste des Anarchist Studies Network entspann sich eine ausgiebige Debatte über das Verhältnis von Anarchist*innen zu Universitäten. Der Redebedarf und die kontroversen Beiträge verdeutlichten, dass hierzu noch längst nicht alles gesagt ist, bzw. weiterhin ein Meinungsaustausch zu diesem Thema stattfinden muss. Übrigens betsehen hierzu längst nicht nur zwei Positionen, sondern mehrere – entsprechend der unterschiedlichen Erfahrungen, welche Menschen in diesem Zusammenhang gemacht haben. Dass Uni-Strukturen und der Wissenschaftsbetrieb insgesamt nicht ansatzweise Vorstellungen einer libertären Wissensproduktion und -vermittlung entspricht, versteht sich dabei von selbst. Wie mit den Widersprüchen in dieser und anderen Institutionen aus anarchistischer Perspektive umgegangen werden soll, dazu gibt es hingegen verschiedene Ansichten. Es folgt mein Beitrag zu dieser Debatte mit 13 Punkten als Anregung für die Aufgaben anarchistischer Theoretiker*innen.

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Soziale Freiheit und Solidarität im pandemischen Ausnahmezustand

Lesedauer: 11 Minuten

Originaltitel: Was bedeuten soziale Freiheit und Solidarität in Zeiten des pandemischen Ausnahmezustandes?

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

von Jonathan

Endlich sollte es die Letzte verstanden haben: Stay@Home, keep calm, shut down and control yourself! Die eindringlichen Appelle von Behörden, aus Regierungskreisen, Gesundheitsinstitutionen und sich moralisch überlegen fühlenden linken Bürger*innen sind eindeutig. Die Argumente kennen wir und erscheinen plausibel: Wenn wir uns jetzt alle runter fahren, unsere Aktivitäten und Kommunikation ins Internet verlagern, anstatt in physischen Kontakt zu treten eine „soziale Distanz“ wahren und – für diejenigen, die eines haben – das traute Heim nicht mehr als absolut „notwendig“ verlassen, dann erhöhen wir spürbar die Chance, Menschen aus Risikogruppen zu retten. Um Leben oder Tod geht es. Des Weiteren wird auf die enorme Belastung der Arbeitenden im Gesundheitssektor geschaut, sowie auf jene Kranken, deren Leiden vorerst nur noch zweitrangig behandelt werden können. Das sind nachvollziehbare und durchaus soziale Anliegen. Doch sind wir bereit, für dieses höchste Ziel, unsere Freiheit und diejenigen von anderen zu opfern, uns abzuschotten und uns mit den Schwächsten zu entsolidarisieren? Wollen wir durch unser aktives Mitwirken einer in ihren Grundfesten untragbar gewordenen Gesellschaftsformation zur Transformation in eine neue Form verhelfen? Doch in welche wollen wir sie transformieren?

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Demokratie – kaputt oder ganz?

Lesedauer: 7 Minuten

Kommentar zur Wahl des Eintags-Ministerpräsidenten in Thüringen

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Jens Störfried

Neben Bratwürsten und Klößen ist Thüringen für seine wunderschöne Landschaft bekannt: Hier gibt es den Naturpark Hainich, die Bleilochtalsperre, den Rennsteig und viele andere Flächen mehr. Das einzige was fehlt, ist eine Küste, ein Meer – aber dann wäre es eben nicht mehr Thüringen. Auch in die politische Landschaft Thüringens lohnt sich ein Ausflug, bietet sie doch eine Vielfalt ohne Gleichen. Doch recht gleich und einig sind sich die Menschen dort scheinbar nicht. Deswegen richtet ja die halbe Medienlandschaft gerade ihren Blick auf das geographische Herz Deutschlands: Weil sich die politisch-kulturelle Spaltung dieser Provinz mit 2,13 EinwohnerInnen dort wie unter einer Käseglocke beobachten lässt.

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Die Armut der Kritik am Anarchismus

Lesedauer: 20 Minuten


von: Mona Alona

Teaser:
In der Erfurter Zeitung „Lirabelle“ hätte eine Debatte zur vermeintlichen Kritik am Anarchismus und seiner Verteidigung stattfinden können. Auslöser waren die Vorurteile, Diffamierungen welche die Autorin Minna Takver verbreitete, in Verbindung mit ihrer hahnebüchenden Unkenntnis ihres Gegenstandes. Anstatt sich der Auseinandersetzung wirklich zu stellen, lehnte die Redaktion der Lirabelle den zweiten Teil der „Armut der Kritik des Anarchismus“ von Mona Alona ab. Da es sich um eine beispielhafte Reaktion handelt und es Formen solidarischer, respektvoller und konstruktiver Auseinandersetzungen weiter zu üben gilt, lohnt es sich, diese schriftliche Provinz-Debatte als Beispiel vor Augen zu führen. Und selbstverständlich, weil der zweite Teil der „Armut der Kritik am Anarchismus“ ja auch irgendwo noch auftauchen sollte und das Ganze ein gewisses Lesevergnügen bereitet.
Wer sich den billigen Szene-Gossip ersparen will, kann die Texte von Minna Takver auch überspringen. Wer den zweiten Teil der Entgegnung lesen möchte, kann ins letzte Viertel scrollen…

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Für eine neue anarchistische Synthese!

Lesedauer: 41 Minuten

Jonathan Eibisch

zuerst veröffentlicht in 4 Teilen in: Gai Dao #100, #101, #102, #103

Zusammenfassung:

Mit diesem Text versuche ich eine Position in eine Strategiendebatte einzubringen, die zum Zeitpunkt seines Erscheinens aktuell ist. Zugleich handelt es sich um einen relativ zeitlosen Text, der das grundlegende Thema betrifft – und dieses neu setzen will -, ob und wie eine pluralistische Organisation möglich ist. Der Inhalt der sozialen Revolution ist keineswegs neu, ebenso wenig wie die Erkenntnisse des synthetischen Anarchismus, dass die verschiedenen Strömungen ihre Berechtigung haben und sie sich darum auf das Gemeinsame besinnen sollten, um Stärke und Selbstbewusstsein entwickeln zu können.

Meist sind es jedoch gerade die scheinbar klaren Einsichten, deren Überprüfung eine tiefe Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zum Vorschein bringt. Dies muss kein Problem sein. Immerhin erweisen sich fundamentale Wahrheiten (wie jene, dass wir aufeinander angewiesen sind und dass Vielfalt unsere Stärke ist), deswegen als wahr, weil wir sie nicht zu fassen kriegen und im Letzten nicht definieren können. Was wir scheuen, sind die ernsten solidarischen Auseinandersetzungen, weil wir verlernt haben, uns konstruktiv zu streiten. Doch nur, wenn wir den Tatsachen ins Augen blicken und uns ent-täuschen lassen, können wir die anarchistische Synthese neu eingehen. Denn ihrem Wesen nach ist sie nicht, sondern ist nur im Werden – das heißt, wenn wir sie bilden.

Nie zuvor war ein Zusammenschluß unserer Kräfte so notwendig wie heute. Heute, wo wir fast allein stehen gegen eine Welt von Feinden mit unserem Ideal der Freiheit, das durch die Entwicklung des [neuen] Faschismus und des [diskreditierten] Bolschewismus eine neue Bedrohung erfahren hat. Beeilen wir uns! Laßt uns nicht einen Tag verlieren! […]

Je zerstreuter unsere Kräfte sind, umso schwächer sind wir. Je stärker solidarische Bande uns vereinen, umso mächtiger wachsen uns die Kräfte. Laßt uns diese elementare Wahrheit nie aus dem Auge verlieren. Sorgt dafür, daß sie die Richtlinie unseres Handelns werde!“

– Sebastien Faure 1928

Endlich neue Tatsachen!

Lesedauer: 12 Minuten

Zu einigen grundlegenden Widersprüchen in der neuen anarchistischen Zeitschrift In der Tat.

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #99, März 2019

von Jens Störfried

Es gibt eine neue anarchistische Zeitung, IN DER TAT. Die erste Ausgabe des insurrektionalistischen Blattes erschien im Oktober 2018, die zweite folge im Januar 2019. Wenn sich das Projekt etabliert, haben wir es also mit einem Vierteljahres-Zirkular zu tun. Selbstverständlich sollten wir jedes anarchistische Zeitungsprojekt begrüßen, auch und gerade, wenn es unbequem ist – zumindest solange es sich zurecht als solches bezeichnet. Dabei liegt es in der Sache, dass Anarchist*innen selbst jeweils verschiedene Ansichten zum Individualismus‘ haben, der in In der Tat propagiert wird. Insbesondere, weil die Herausgebenden Beteiligung und eine Debatte wünschen, was ich gut und wichtig finde, möchte ich hier einige Zeilen auf ihre Inhalte verwenden.

Anmerkungen zu anarchistischer (Text-)Kritik

Diese fallen absichtlich kritisch aus, beziehen sich aber einfach auf die vorliegenden Texte und nicht die Menschen, die sie geschrieben haben als Personen. Es wird auch nicht unterstellt, dass sie „an sich“ eine „falsche“ Praxis hätten und diese aus ihren in Textform dargelegten Denkweisen folgen müsste. Ziel ist es also NICHT „die“ Insurrektionalist*innen oder „dem“ Insurrektionalismus „an sich“ dumm zu machen, zu verurteilen oder was auch immer. Die Fragen, die sich daraus ergeben werden für alle Anarchist*innen als wichtig angesehen, weil die Widersprüche, die sich hier auftun, alle angehen. Deswegen ist eine Kritik einiger Aspekte dieser Art anarchistischer Texte aus einer solidarischen Haltung heraus meiner Ansicht nach legitim. Eine umfassende Textkritik kann hier aber nicht vorgenommen, sondern allen sonstigen Leser*innen überlassen werden. Dabei gibt es Sinn, bei den eher programmatischen Texten der anonymen Autor*innen anzufangen…

Bloße Negation oder Neuschaffung? / Revolutionäre Theorie oder praktisches Projekt?

Allgemein durchziehen die Texte ziemlich grundsätzliche Widersprüche. Beispielsweise im ersten einleitenden Text gleich zu Beginn zu lesen ist: „Jegliche Autorität in Frage zu stellen, jedliche [sic!] Formen von Herrschaft zu verwerfen und mit diesen in Konflikt zu treten, ist ein ständiger Kampf. Ein Kampf, in dem wir versuchen freie Beziehungen jenseits des Bestehenden zu entwickeln – doch etwas Neues zu schaffen bedeutet auch immer sich auf Unbekanntes einzulassen und neue Beziehungen, neue Projekte, neue Schritte und Experimente zu wagen“ (#1, S. 1). Was zunächst sehr inspirierend klingt, wird in den letzten Zeilen desselben Artikels jedoch schließlich verworfen. Anstatt etwas Neues schaffen zu wollen, steht dort nämlich geschrieben, der Anarchismus sei „also keine Theorie, welche die verschiedenen Individuen in einen Topf zu werfen beabsichtigt und ihnen ein neues Ideal, neue Moralgesetze und Normen überstülpt […]. Für uns kann er auch nicht die Theorie der Verwaltung einer künftigen ‚anarchistischen Gesellschaft‘ sein, sondern nur eine Theorie (und Praxis) des Kampfes der Zerstörung der Herrschaft. Er bietet somit keine positive Sicherheit, welche das Individuum so oder so besser in sich selbst und nicht ausserhalb [sic!] – in Theorien – suchen sollte“ (#1, S. 4). Also wie jetzt? Ist Anarchismus nun eine Neues schaffende Kraft oder die bloße Negation des Bestehenden?

Und der zweite Widerspruch ist in hierbei ja schon mit enthalten: Einerseits sei das „Projekt des Anarchismus […] also nicht Selbstzweck und auch keine blosse Philosophie, sondern Teil des Kampfes aller unterdrückten Menschen um Befreiung“ (Ebd.), andererseits heißt es, Anarchismus „das ist also eine revolutionäre Theorie welche das Ende jeder Herrschaft bezweckt“ (Ebd.). Na wie denn nun, Anarchismus als Theorie oder nicht? Fest stehe, für „die“ (also wohl: den) Autoren sei „also der Anarchismus nicht bloss eine weitere ‚politische Philosophie‘, welche einfach so an Schulen vermittelt werden könnte“ (#1, S. 3), denn Lehrer*innen, die ihn vermitteln würden, müssten ja mit ihrer eigenen Rolle in der Zwangsinstitution Schule brechen. Wahrscheinlich würden sie damit in Konflikt geraten, ja. Doch abgesehen davon, dass ich selbst noch nie ein*e Lehrer*in etwas Sachliches über Anarchismus habe sagen hören und zwar überrascht, aber keineswegs dagegen wäre, wenn sie dies tun würden, ergibt sich aus dieser Aussage keine Begründung dafür, warum der Anarchismus nicht auch eine politische Philosophie sei. (Wobei völlig klar ist, dass er weit mehr ist.) Zugespitzt gesagt: Weil Anarchist*innen so marginal und bedeutungslos sind und ihnen der Mainstream abspricht, eigenständige Traditionen und Denkweisen zu haben, übernimmt der*die Autor*in diese Stigmatisierung einfach und verwirft damit die Möglichkeit anarchistischer Perspektiven auf die Gesellschaft.

Was kommt in der (negierenden) Rebellion wirklich zum Vorschein? Kann Szene-Sprache massentauglich werden?

Doch diese Perspektivlosigkeit hängt vielleicht mit dem dritten Widerspruch zusammen, nach welchem der „positive Gehalt […] [in der] Bejahung der freien Regung, welche die Herrschaft zu verhindern sucht(e), der Revolte – des Lebens, der Selbstbestimmung des Individuums in freier Beziehung mit anderen Individuen“ (#1, S. 4) bestünde. Widersprecht mir, doch ich sehe hier einen bürgerlichen Individualismus am Werk, welcher Herrschaft nur als von außen kommend und einschränkend betrachtet, anstatt zu verstehen, dass die Einzelnen selbst immer schon Produkte der gesellschaftlichen Beziehungen sind, gegen die sie rebellieren. Wenn allein der rebellische Akt, der gefeierte Bruch mit dem Bestehenden, zur Befreiung führen würde, würden wir schon längst in der Anarchie leben. Leider ist dem nicht so: Rebellion ist – für sich allein betrachtet – erst mal die Kehrseite von Herrschaft, wenn sich durch sie die rebellierenden Einzelnen nicht selbst umfassend verändern. Selbstverständlich ist es unheimlich schwer, sich von den verinnerlichten Herrschaftsideologien, der Selbstunterwerfung, Hörigkeit, Verlogenheit, Doppelmoral und dem vereinzelnden Individualismus der staatlich/kapitalistisch/patriarchalen Gesellschaft zu lösen. Die Annahme der Autor*innen von In der Tat, dass es sich dabei vor allem um die Entscheidung der Einzelnen handelt, ist allerdings zu kritisieren. Stattdessen braucht es ein gemeinsames und langfristiges Aufbauen herrschaftsfreier Strukturen und Beziehungen, die uns erst ermöglichen, unsere eigenen Leben und unsere Seinsweisen (unser „Selbst“) miteinander zu gestalten. Dies setzt voraus, gemeinsam eine anarchistische Ethik zu entwickeln, die ein gleichberechtigtes, solidarisches, freiheitliches Zusammenleben ermöglicht. Die zurecht zu kritisierenden Moralkodexe sind niemals sind in der Lage solches herzustellen. Dies meint etwas anderes, als das Streben nach reiner bürgerlicher Selbstverwirklichung, wie es in einer Passage an anderer Stelle ausgeführt wird, wo angenommen wird, in der Zerstörung der Autorität „realisieren [wir] uns selbst, wir werden wir selbst, indem wir uns bewegen und indem wir Pfade beschreiten, für die wir uns selbst entschieden haben“ (#2, S. 3).

Doch ich komme noch zu einem vierten Widerspruch, der im antiprogrammatischen programmatischen ersten Text angelegt ist, zurück. Sehr richtig finde ich den Ansatz, Anarchismus nicht „für ein kleines erlauchtes Milieu aufsparen […] [zu wollen] und nicht […], zu versuchen, die ganze Gesellschaft ins Wanken zu bringen und die eigenen Ideen zu verbreiten und umzusetzen“ (#1, S. 4). Für ein sozial-revolutionäres Wirken sollte der Bezugsrahmen weniger die politisch mehr oder weniger bewusste linke Szene sein, sondern die vorfindlichen gesellschaftlichen Widersprüche und darin stattfindenden Kämpfe. Da hat die heutige anarchistische Szene, zumal in der BRD, noch eine ganze Menge zu lernen. Äußerst seltsam finde ich dahingehend jedoch, das sich die Texte in In der Tat durchweg eher als Poesie lesen, anstatt, dass sie in einer alltagsweltlichen Sprache formuliert wären, welche außerhalb des marginalen Insurrektionalist*innen-Ghettos Menschen erreichen oder ansprechen könnten. Dies scheint allerdings auch gar nicht die Absicht der Autor*innen zu sein, welche sich zwar – meiner Ansicht nach zurecht – gegen plattformistische Disziplin und Militarisierungslogiken aussprechen (#2, S. 16f.), gleichzeitig aber in ihrer Sprache den Anschein erwecken, sich vor allem selbst als Avantgarde zu feiern.

In welche Richtung weist eine spekulative Politikverweigerung?

In der zweiten Nummer ist der Einleitungstext eine Übersetzung aus dem Französischen, wie internationale „Korrespondenz“ in In der Tat überhaupt einen recht großen Raum einnimmt. Unter dem Titel Weder Sieg noch Niederlage wird darin (in meinen Worten) eine grundsätzliche Kritik am Politik-machen geübt. Das finde ich ziemlich interessant, wichtig und anarchistisch. Es sollte Anarchist*innen darum gehen, die Logik von Politik zu begreifen und grundlegend zu kritisieren. Wohin der Weg dann gehen sollen, bleibt mir nach der Lektüre allerdings schleierhaft. Daher sage ich mir: Eine Vorstellung zu skizzieren, wie Anarchist*innen – zusammen mit anderen Unterdrückten und Ausgebeuteten -, siegen könnten, fände ich zur Abwechslung auch mal ganz spannend. Dafür braucht es keine ausgefeilten Pläne, abgeschlossenen Programme oder die berüchtigten Reißbrett-Utopien, welche Anarchist*innen schon immer abgelehnt haben. Ein paar Wegweiser, die sich aus Erfahrungen in konkreten Kämpfen ergeben, wären schon etwas.

Um meinen Text nicht übermäßig in die Länge zu ziehen, bitte ich dich Leser*in selbst In der Tat nachzulesen, was du dazu denkst und erlaube mir, zwei einzelne Sätze, die für mich ein paradigmatisches Problem dieser Denkweise auf den Punkt bringen, zu zitieren. Die Autor*innen kritisieren die Lethargie und Langweiligkeit linker Politik und fragen: „Wenn ein Aufruhr, ein Aufstand imstande ist, die Spannung in Richtung der Freiheit zu akzentuieren, zu vertiefen und möglicherweise sogar zu generalisieren, warum sollten wir darauf verzichten diesen Prozess zu beschleunigen, anzutreiben? Können wir im Angesicht der historischen Amnesie, der technologisierten Abstumpfung und der Verflachung von Herz und Bewusstsein nicht umso mehr auf der Notwendigkeit und den Verlockungen der Revolte beharren, sie als begehrenswerter denn je verteidigen, um den Dingen wieder eine Perspektive zu verleihen?“ (#2, S. 2). Beide Fragen entlarven sich selbst als reine Spekulationen. Vielleicht ist ein Aufstand im Stande ein Stück soziale Freiheit aufblitzen zu lassen und zu verwirklichen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht erliegt er einfach der sich vielfach als falsch erwiesenen Annahme, Menschen könnten die äußerlichen Herrschaftsstrukturen einfach angreifen und letztendlich vernichten und dann würde „die befreite Gesellschaft“ ganz von allein kommen. Selbstverständlich können wir einfach nur Revoltieren und uns einreden, dies sei ein Selbstzweck. Anstatt zu glauben, könnten wir aber auch anfangen zu denken und von konkreten Erfahrungen ausgehend die Frage stellen, wie und durch was die alten gesellschaftlichen Strukturen und Beziehungen denn ersetzt werden können. Keineswegs möchte ich mit diesen Worten Überlegungen zu Aufständigkeit und Militanz unterbinden, mich davon distanzieren oder sie für falsch erklären. Worum es mir an dieser Stelle geht, ist die Reproduktion eines meines Erachtens nach für anarchistische Ziele problematischen Denkmusters, dass sich noch toll dafür findet, die eigenen Dogmen fortwährend zu wiederholen.

Wird Revolte mit Revolution verwechselt und dient als Selbstzweck?

Dazu passt natürlich, dass die Autor*innen von In der Tat klassische Texte mögen, die ja oftmals den Anstrich einer längst vergessenen, revolutionären (d.h. für jene, die Revolution nicht als Mittel, sondern Selbstzweck begreifen: „besseren“) Zeit haben. Sie besitzen für sie daher jene Autorität, die sie eigentlich in jeder Form abzulehnen behaupteten. Sicherlich, hier gehen unsere Ansichten weit auseinander. Ich persönlich möchte mich nicht mit Personen assoziieren, die ein Bedürfnis nach dem Ausbruch einer Revolution verspüren, wie es zu Beginn des Textes Politische Taktiererei oder Möglichkeiten ergreifen? heißt (#2, S. 12f.), sondern mit jenen, die ein Bedürfnis nach einer Gesellschaft haben, welche anarchistischen Vorstellungen entspricht.

Um einen sehr klassischen Text anzuführen, der dies thematisiert, verweise ich auf Peter Kropotkins Wortes eines Rebellen (1879/1922). An mehreren Stellen macht Kropotkin dabei unmissverständlich klar: „Eine Regierung zu stürzen – für einen Bourgeoisrevolutionär ist dies das höchste Ziel. Für uns bedeutet dies nur den möglichen Beginn der sozialen Revolution“. Wäre – rein hypothetisch – die Armee des kapitalistischen Staates besiegt worden, könnte mit „der Umwälzung all jener Gesellschaftseinrichtungen, welche zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen und politischen Sklaverei dienten [begonnen werden]. Die Möglichkeit, frei handeln zu können, ist erkämpft worden – aber was werden nun die Revolutionäre tun?“1 2. Als einzige Strömungen innerhalb der Revolutionäre seien es ausschließlich die Anarchist*innen, welche keine Regierung wollen, weil Regierung und Revolution sich nach anarchistischem Verständnis ausschließen. Eine „revolutionäre Regierung“ ist demnach ein Widerspruch in sich. Doch auch eine „Diktatur des Proletariats“ verfällt genau in jene Logik der Politik, welche die Autor*innen in In der Tat ja berechtigterweise kritisieren. Sofort „nach“ der erfolgreichen Revolte, bestehe nach Kropotkin „die Notwendigkeit einer gründlichen Umänderung der bestehenden Verhältnisse – man muß zu Aktionen greifen, man muß schonungslos mit dem Reorganisationswerk beginnen, um den Boden für das neue Leben frei zu machen“3. Diese selbstorganisierte und antiautoritäre Reorganisationsarbeit könne allerdings nur an den Vorstellungen anschließen, welche Anarchist*innen vorher in der Bevölkerung verbreiten, vorleben und verwirklichen konnten. Explizit müsse es um die Ausarbeitung von neuen gesellschaftlichen Formen gehen, die aber nicht von Anarchist*innen selbst, sondern „nur aus der gemeinschaftliche (kollektiven) Geistesarbeit der Massen hervorgehen“4 könne. Dennoch beinhalten diese Überlegungen klar, dass Anarchist*innen Vorstellungen davon entwickeln sollen, wie eine für sie erstrebenswerte Gesellschaft denn aussieht. Geschieht dies nicht, wird das alte System schneller als wir sehen können wieder eingerichtet – auch wenn die Regierenden andere sein mögen. Dies gilt meiner Ansicht nach auch, wenn lediglich gesehen wird, den „autoritären Revolutionären dient die Barrikade ausschließlich als Sprungbrett auf [sic!] den Verhandlungstisch, wo es Ordnung braucht um Gespräche weiter zu bringen. Die Anarchisten hingegen dürfen sich nicht erlauben auch nur einen Stein der alten Welt auf dem anderen zu lassen. Ihre Wiederherstellung muss undenkbar werden“ (#2, S. 12). Anders gesagt befürchte ich, Insurrektionalist*innen machen sich hier zu nützlichen Idioten autoritärer Straßenpolitik.

Möglicherweise besteht die „anarchistische Spannung“ von der die Autor*innen in In der Tat ausgehen, weniger zwischen der absoluten Gegner*innenschaft zum System und der alltäglichen Lebenswelt, sondern zwischen der Notwendigkeit zur Zerstörung bei gleichzeitiger Neuschaffung, der Übernahme von Verantwortung bei gleichzeitigem Vertrauen auf den Gehalt der eigenen Perspektive (wenn sie denn bewusst entwickelt worden wäre). Doch dazu bräuchte es ein anderes Machtverständnis als jene flapsige Behauptung, sich einfach gegen jede Macht zu richten ohne ein Verständnis von ihr zu haben. Natürlich kann man das Thema damit einfach wegwischen. Die gesellschaftlichen Widersprüche werden damit aber nicht überwunden, sondern reproduziert, was ich versucht habe hier ansatzweise auszuführen.

Von Mensch zu Mensch: Das Herumnörgeln an (potenziellen) Gefährt*innen

Um zu einem letztes Bündel an Beispielen von den tatsächlichen Widersprüchen zu geben: Um sich „jenseits des digitalen Deliriums und […] [den] vorgekauten Meinungen“ (#1, S.1) zu bewegen, werde diese Zeitschrift auf Papier „von Individuum zu Individuum“ zirkulieren. Abgesehen davon, dass ich ungern als bürgerliches Individuum adressiert werde (wobei ich die Kritik an der digitalen Lebenswelt und den Bewusstseinsformen des gesellschaftlichen Spektakels gut finde), wundere ich mich dann aber umso mehr, warum ich den Text eines violenten Nörglers mit dem Titel Anarchismus-Spezialisten? dann auf anarchistischebibliothek.org finde. Immerhin ist diese feine Website genauso Bestandteil des Internets, wie jene Teil der bestehenden Gesellschaft sind, die meinen (mehr als andere?), Brüche mit dem System zu vollziehen. Im Übrigen glaube ich auch, dass die „Korrespondenz“ der Beteiligten sich bestimmt des Internets bedient – auch wenn heutzutage das Briefeschreiben zweifellos deutlich sicherer ist. Es wäre also die durchaus nicht marxistische Frage zu stellen, inwiefern es echte alternative Strukturen und Beziehungen innerhalb dessen gibt, was wir vorfinden. Ich glaube, es gibt sie und zwar haufenweise. Dies herauszustellen und zu betonen, finde ich persönlich wesentlich wichtiger, als die Idee einer (historischen?) Notwendigkeit eines Aufstandes zu propagieren – auch wenn ich sie nicht insgesamt ablehne.

Doch zurück, zum „Spezialisten-Text“ (#1, S 15f.): Wie auch andere in In der Tat verwendet der Nörgler ein verallgemeinerndes „Wir“, um seinen Gedanken den Anschein einer kollektiven Überlegung zu geben. Wäre sie es gewesen, hätte er wahrscheinlich nicht so tief gestapelt, denn mehr als nörgeln kann er offensichtlich nicht. Umso erstaunlicher, dass er sich gegen das – in einem Buch von Nino Kühnis wahrgenommene – „Aufspüren einer ‚kollektiven Identität‘ […] [von Anarchist*innen richtet, die] vor allem einen polizeilichen Blickwinkel aufzeigt“ (Ausrufezeichen). Der Nörgler sollte erst mal den Bullen in seinem eigenen Kopf töten, bevor er seine Eigenbrötelei als vereinnahmende Kollektivität ausgibt.

Sein Hauptanliegen ist die Zeitschrift Ne Znam zu diffamieren. Die vorgebrachte Kritik daran, dass eine fast ausschließlich historische Betrachtung des Anarchismus, diesen völlig entpolitisiert, verharmlost und „in die Vergangenheit verbannt“, teile ich sogar ausdrücklich. Ich gehe auch mit, dass immer die Gefahr besteht, dass eine rein akademische Betrachtung anarchistischer Themen überhaupt nicht automatisch zu einer „radikalen Infragestellung“ der Herrschaft führt. Nur frage ich mich, was das alles mit der Zeitschrift Ne Znam zu tun hat, um die sich „gewisse Leute“ „geschart“ hätten. (Man beachte die – mutmaßlich volkstümlich wirken wollende – Sprache der konservativen Dorfpresse.) Ich frage mich, warum der Nörgler annimmt, dass alle, die sich intellektuell mit Anarchismus beschäftigen, dazu nicht auch angesammeltes Wissen aus den Universitäten entreißen. Und wie er behaupten kann, dass sie das gewonnene Wissen „horten“ würden, wo sie es doch offensichtlich publizieren und somit für alle Interessierten zugänglich machen. Der Nörgler sollte froh sein, fast keine „horrende Preise […] für Kopien von historischen anarchistischen Zeitschriften“ mehr bezahlen zu müssen, weil gewisse Personen in freiwilliger Selbstausbeutung den ganzen Kram einscannen und zur Verfügung stellen. Gemein wäre dieses Argument, wenn er nicht die technischen Fähigkeiten oder finanziellen Möglichkeiten hätte, einen Internetzugangs nutzen zu können. Doch dass dies der Fall ist, hat sich ja schon gezeigt. Und selbst was die klassischen Texte angeht, die der Nörgler (wie ein nerdiger Historiker) irgendwie als Fetische benutzt, kann er doch froh sein, dass einige Personen auch diese – in freiwilliger Selbstausbeutung und weil es eben „ihre Sache“ ist – in Neuausgaben herausgeben. Eine berechtigte Kritik an einer (weit entfernten) Akademisierung des Anarchismus formuliert der Nörgler nicht…

Zum Ende – Mach dir selbst (k)ein Bild!

Was bleibt also nach meinen Lektüre-Eindrücken der ersten zwei Ausgabe von In der Tat? Selbstverständlich zunächst die Aufforderung, dass du Leser*in dir selbst eine Eindruck verschaffst und deine eigene Ansicht dazu entwickelst. Als Freund von sehnsüchtigen Prosa-Texten, würde ich die Zeitschrift unbedingt empfehlen und anschließend zur Lektüre von Renzo Novatore raten. Als anarch@-kommunistischer Quälgeist muss ich allerdings sagen, dass ich mir doch schon die eine oder andere gedankliche Weiterentwicklung aus dieser Richtung wünschen würde. Fast hätte ich geschrieben (und so stehen gelassen): In der Poesie fänden Widersprüche ihren angemessenen Platz, machten sie diese lesenswert und schön, weil unsere Leben voller Spannungen sind – zumal, wenn Menschen tatsächlich für eine Gesellschaft der Freien und Gleichen kämpfen. In einer sozial-revolutionären Zeitschrift brächte dies jedoch nicht wirklich viel. – Doch das ist natürlich völliger Quatsch. Wirklich radikale Gedankengänge haben immer auch poetische Aspekte. Vor allem selbstverständlich unsere leidenschaftlichen Handlungen, die sich nicht eben mal in Worten fassen lassen und die vielleicht auch nicht in Worte gefasst werden sollen. Denn sie übersteigen und kritisieren alles, was mit Politik möglich gemacht werden könnte. Notwendigerweise bewegen sie sich in Widersprüchen, die sie nicht einfach auflösen können, da es nicht primär gedankliche, sondern gesellschaftliche Widersprüche sind. Doch könnte anarchistisches Denken dazu beitragen, jene nicht immer weiter zu reproduzieren. Dies würde ich mir In der Tat wünschen – auf Papier, mehr aber noch im Alltag.

1 Kropotkin, Peter, Worte eines Rebellen; herausgegeben von Pierre Ramus, Wien 1922, S. 172.

2 Fairerweise muss ich zugeben, dass ich glaube, die meisten Insurrektionalist*innen unterscheiden sehr wohl zwischen Aufstand und Revolution. Der Vorwurf, sie täten es nicht, kam historisch meistens aus der Richtung rechter Sozialdemokrat*innen, die sich damit allgemein gegen jegliche revolutionären Bestrebungen richteten, um ihre parlamentarische Parteipolitik zu legitimieren. Selbst Blanqui war klar, dass der Aufstand nicht die Revolution ist oder sie ersetzt. (siehe Emilio Lussu, Theorie des Aufstands, Wien 2017, S. 25f.). Anarchist*innen sollten daher nicht in die Falle tappen, unbewusst die Kritik rechter Sozialdemokrat*innen zu übernehmen.

Für den vorliegenden Fall habe ich dennoch den Eindruck, dass hier eine Verwechslungsgefahr zwischen Aufstand und Revolution besteht.

3 Kropotkin, Peter, Worte eines Rebellen; herausgegeben von Pierre Ramus, Wien 1922, Ebd. S. 174.

4 Ebd. S. 183.

„Inhabit. Instructions for Autonomy“

Lesedauer: < 1 Minute

zu Inhabit. Instructions for Autonomy (2018)

recycling: Widerständige Subjektivierung und (Selbst-)Organisation IV – „Inhabit“ (30.11.2018)

In unser unregelmäßigen Sendereihe zu den gegenwärtigen
(Un-)Möglichkeiten und Formen revolutionärer Politik besprechen wir diesmal das Manifest und die Internetseite: https://inhabit.global/. Gesprächsthemen der Sendung sind die dystopische Geschichtserzählung des Manifests, das Verhältnis von Technik und Befreiung in revolutionärer Politik, die besondere Ästhetik des Manifestes sowie die Strategie- und Praxisvorschläge.

verfügbar auf: https://www.freie-radios.net/92477

Für eine Erneuerung anarchistischer Theorie!

Lesedauer: 7 Minuten

Originaltitel: So wie es ist, darf es nicht bleiben! Für eine Erneuerung anarchistischer Theorie

Eine persönlich gehaltene Antwort auf Maurice Schuhmann

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #83 / Nov. 2017

„It would be misleading to offer a neat definition of anarchism, since by its very nature it is anti-dogmatic. It does not offer a fixed body of doctrine based on one particular world-view. It is a complex and subtle philosophy, embracing many different currents of thought and strategy. Indeed, anarchism is like a river with many currents and eddies, constantly changing and being refreshed by new surges but always moving wowards the wide ocean of freedom…“ – Peter Marshall, Demanding the Impossible. A history of anarchism

Lieber Maurice Schuhmann,

was schreibst du denn da für Sachen in deinem Artikel „Wider die Vermurxung und Verwässerung des Anarchismus“ in der letzten Gai Dào? Darf ich mich vorstellen, ich bin dein devils advocate, dein Antagonist für diese Debatte.

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Anarchismus hat es nicht nötig verteidigt, sondern gelebt zu werden

Lesedauer: 6 Minuten

Plädoyer für eine selbstkritisch-solidarische und respektvolle Diskussionskultur sowie eine Entgegnung

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #83 / Nov. 2017

von: Jens Störfried

Mit Freunde las ich die Kritik von Hyman Roth an meiner Rezension, auf welche ich deswegen auch gerne antworte. Meiner Wahrnehmung nach gibt es nämlich zu wenig Auseinandersetzungen über anarchistisches Denken, dass heißt auch seine theoretischen Ausformungen. Sich gegenseitig von anarchistischen Gedanken zu erzählen und sich darin wechselseitig in den eigenen politischen und lebensweltlichen Ansichten zu bestätigen ist legitim und wichtig. Zweifellos handelt es sich aber um etwas anderes, als die Auseinandersetzungen und die selbstkritische Betrachtung der eigenen Argumente und Perspektiven. Werden diese mit Nicht-Anarchist*innen geführt – seien es Menschen, welche vollends in bürgerlichen Denk- Lebenswelten beheimatet sind oder konkurrierende sozialistische Strömungen (denn mit wirklichen politischen Gegner*innen scheint es ja fast nie Debatten zu geben) – tendieren sich selbst als Anarch@s verstehende Menschen dazu, ihre Weltanschauung zu verteidigen. Dass sollten sie auch zu tun, immerhin gibt es unglaublich viel Aufklärungsarbeit dabei zu leisten.

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