Antideutsche Regression

Lesedauer: 6 Minuten

trigger-Warnung: Der folgende Beitrag entstand in einem Moment des Auskotzens, würde ein anderes Mal vermutlich anders geschrieben werden und wurde nicht noch mal überarbeitet.

Bedauerlicherweise kam es im Bekanntenkreis erneut zu einem ernsten Fall antideutscher Regression. Also zu einem Rückfall in Annahmen und Vorstellungen, die zwar früher schon teilweise falsch waren, teilweise aber auch ihren Grund und ihre Berechtigung hatten. Zunächst einmal gilt, das mich die antideutsche Kritik sehr geprägt hat und ich das nicht missen will. „Antideutscher“ selbst wurde ich dann jedoch nie. Dazu war es mir einfach zu deutsch, die bestehende Herrschaftsordnung zu affirmieren, anderen aus einer Position theoretischer Arroganz und Überheblichkeit zu erklären, was sie richtig oder falsch machen und von Selbsthass getrieben Abwertung anderer zu betreiben. Doch neulich war ich doch sehr überrascht, dass da einige Genoss*innen offenbar spürbar hängen geblieben sind, ich regelrecht einen Rückfall wahrnehmen musste. So etwas kann passieren. Deswegen schreibe ich ein paar Zeilen dazu.

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Gai Dao #111 erschienen

Lesedauer: < 1 Minute

Die neue Ausgabe der Gai Dao ist erschienen und mit ihr ein offener Brief an Die Plattform. Anarchakommunistische Organisation mit dem Titel Alles nur geklaut? zu finden unter „Texte“.

Darüber hinaus gibt es spannende Beiträge zur Rolle von Anarchist*innen in den Protesten in Belarussland, zu Gerechtigkeit jenseits von Polizei, Justiz und Gefängnis? oder einem schwulenfeindlichen Mord in Ulm 1990.

Alles nur geklaut?

Lesedauer: 8 Minuten

Ein Brief an die Genoss*innen von Die Plattform. Anarchakommunistische Föderation

Liebe Genoss*innen,

ich schreibe euch als querulierende Einzelperson und nicht im Namen einer Organisation. Ich mache meinen Kram, beziehe mich auch auf andere und finde Organisation wichtig. Eine immer währende Frage, die ihr ja auch stellt ist dabei: Welche Organisation, unter welchen Umständen? Hierzu gibt es erfreulicherweise unterschiedliche Ansichten.

Ich schreibe diesen offenen Brief an euch, weil ich mich sehr geärgert habe. Aus historisch-ideologischen Gründen. Das ist eine Ebene, die erst mal nichts direkt mit den Kämpfen zu tun hat, in denen emanzipatorische soziale Bewegungen stecken. Mensch kann sich wunderbar über irgendwelche Standpunkte streiten und ideologische Debatten führen – solange sie nicht an den realen Lebensbedingungen, dem Bewusstsein von Menschen und ihrem sozialen Beziehungsgeflecht anknüpfen, ist das erst mal egal. Es handelt sich dann nur um eine Debatte zwischen Nerds, Möchtegern-Kader*innen oder Anhänger*innen anarchistischer Folklore. Dennoch gibt es eine Verbindung zwischen ideologischen Aspekten, historischem Verständnis, inhaltlichen Positionen, Organisationsformen und den Praktiken, die Anarchist*innen hervorbringen. Und meistens waren sie bisher nicht so gut darin, diese Ebenen miteinander zu vermitteln, was übrigens auf alle ihre Strömungen zutrifft. Hier wäre es gut, wenn wir besser werden!

Weil ihr euch Anarchist*innen nennt, adressiere ich euch als solche und meine, ihr solltet euch weiter mit dem auseinandersetzen, wofür ihr eintretet, was ihr vertretet und propagiert. Nicht, damit wir bloß noch mehr Papier oder Bits produzieren. Sondern, damit sich eure Praxis ändert. Wie ihr mich kennt, richtet sich meine Kritik an euch genauso an andere, und ich bin nicht müde, sie auch gegenüber anderen vorzubringen. Ja, ich bin ein elender, besserwisserischer Nervsack. Aber tröstet euch, das kriegen alle mal ab. Beruhigt euch, mir geht‘s doch auch um die Sache!

Ich fange jetzt gar nicht mit eurem Klassenverständnis an, das ich für verkürzt und seit Alexander Berkmans ABC des Anarchismus (1928) für völlig überholt halte. Er geht darin wie auch andere moderne Anarchist*innen von einer Pluralität proletarisierter Subjekte aus, die in ihrer Unterschiedlichkeit zusammen arbeiten können. Bei einer Vorstellungs-Veranstaltung von „Der Plattform“ hatte ich dagegen eher den Eindruck, ihr geht von einem simplen Dualismus aus, nach welchem hier das Volk und dort die bösen Herrschenden seien. Ebenfalls kritisiere ich bei euch, was ich oben Folklore genannt habe und meiner Ansicht nach zu einer problematischen Identitätskonstruktion führt, die lediglich Spiegelbild der postmodernen Bedingungen ist, unter denen wir leben. Ich möchte an dieser Stelle auch nicht begründen, warum eure Vorstellung von Organisation, wie ich sie wahrnehme, in einem schlechten Sinne letztendlich voluntaristisch ist.

Jetzt aber mal Tacheles reden, klare Worte bitte! Warum um alles in der Welt fotografiert ihr euch bei eurem 3. Kongress Anfang September vor dem Grab von Erich und Zenzl Mühsam? Und wieso bitteschön wählt ihr auf eurem Propaganda-Sticker ein Bild und Zitat von Errico Malatesta?

Ganz ehrlich, ich begreife das nicht. Erich Mühsam hätte über euren verkopften Organisationsversuch geschmunzelt, ihn aber auch kritisiert, weil er sich eben nicht aus real vorfindlichen Kämpfen ableitet. Oder auch, weil der total lust-feindlich rüberkommt. Ja, es muss nicht alles sexy sein und Mühsams Anti-Repressionsarbeit war sicherlich – aus der Notwendigkeit heraus – auch alles andere als dies. In Wort, Tat und der Weise seiner persönlichen politischen Aktivität kann er als Protagonist einer anarchistischen Synthese gelten, zumal er Sebatiens Faures wichtigen Beitrag dazu in seiner Zeitung Fanal veröffentlicht hatte. Mehr dazu findet ihr in meiner Beschäftigung zu seinem Traktat Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus? (in: Gai Dao #109, Juli 2020).

Nun gut, damit nun zu Malatesta. Ernsthaft: Was hat der gute Mann denn auf eurem Sticker verloren? Habt ihr tatsächlich so wenig Geschichtsbewusstsein oder captured ihr hier einfach eine prominente Figuren des Anarchismus, weil ihr bei ihnen prägnante Zitate klauen könnt? Zugegeben: Die Wahrheit ist, hätten andere Anarchist*innen ein ausgeprägteres Verständnis ihrer eigenen Geschichte, ein Bewusstsein über sich selbst in der Gesellschaft und würden mal ihre Romantik zurückstellen, wäre die Plattform gar nicht entstanden. Das macht es aber trotzdem nicht richtiger, dass ihr Malatesta für euch vereinnahmen wollt. Ich schreibe diesen Brief an euch, damit der Schwindel mal auffliegt. Malatesta veröffentlichte im Jahr 1927 den Text Ein Projekt anarchistischer Organisation (Un progretto die organizzazione anarchia) in der in Genf erschienen Zeitung Le Réveil Anarchiste. Warum ich das weiß? Es steht in der Textauswahl von ihm, die Philippe Kellermann unter dem passenden Titel Anarchistische Interventionen herausgegeben hat (Unrast-Verlag 2014, S. 200-214).

Da steht Folgendes drin: Malatesta begrüßt die Aufforderung zur Organisierung und teilt auch einige der vorgetragenen Kritikpunkte des plattformistischen Manifests. Die Frage sei nicht, ob Organisation sinnvoll sei, sondern auf welche Art und Weise sie zu gestalten ist. Dafür brauche es vor allem eine Verständigung von Anarchist*innen untereinander (S. 202). (Weil es diese heute nur bedingt und selten undogmatisch gibt, schreibe ich unter anderem diesen Text.) Die Gewerkschaftsbewegung seiner Zeit wäre äußerst wichtig, aber „es wäre eine große und tödliche Illusion zu glauben, wie es viele tun, dass die Arbeiterbewegung aus sich selbst heraus, als Folge ihres eigenen Wesen, zu einer solchen Revolution führen könne oder müsse“ (S. 203) Deswegen brauche es eigenständige anarchistische Organisationen. Diese jedoch müssen ihren eigenen Ansprüchen genügen. Sie müssen antiautoritär sein. (Dass Malatesta „müssen“ schreibt und überhaupt sagt, wie der Hase läuft, ruft bei vielen heutigen Anarch@s vielleicht schon Abwehrreflexe hervor…).

Das Hauptproblem beim Manifest der Plattform bestünde darin, dass es eine „einzige revolutionäre Kollektivität“ propagiere. Die Vereinigung in einem solchen Bündnis wäre aber gar nicht möglich und auch überhaupt nicht wünschenswert, denn zu

„zahlreich sind die Unterschiede im Umfeld und so in den Kampfbedingungen, zu vielfältig die möglichen Aktionsformen, die der eine oder andere bevorzugt, zu viele auch die Unterschiede im Temperament und die persönlichen Unvereinbarkeiten, als dass eine Generalunion, wenn man sie ernst nimmt, nicht ein Hindernis für die individuelle Aktivität und vielleicht auch der Grund für recht schroffe interne Konflikte würde – anstatt ein Mittel, die Kräfte aller zu koordinieren und zu addieren“ (S. 205).

Wie soll mensch beispielsweise mit Leuten zusammenarbeiten, die glauben, allein die Erziehung der Menschen werde Anarchie ermöglichen oder solchen, die der Meinung sind, allein eine gewaltsame Revolution würde sie realisieren (S. 205)? (Ziemlich gute Fragen eigentlich, denn beide Ansichten gibt es heute komischerweise immer noch…). Und wie könnten denn „Personen zusammenhalten, die sich aus speziellen Gründen nicht mögen und nicht wertschätzen und die dennoch gleichermaßen gute und nützliche Kämpfer des Anarchismus sein können“ (S. 205)? Wenn die (historischen) Plattformist*innen gar nicht die Vorstellung hätten, verschiedene Strömungen zu vereinen, warum ließen sie dann die anderen nicht einfach ihre eigenen Organisationsformen finden? Stattdessen meinen sie einen richtigen Weg vorgeben zu müssen und darüber urteilen zu können, wer ein*e „gesundes Element“ libertärer Bewegung ist. (Diese Formulierung aus dem Text der Organisationsplattform ist für einen Dialog auf Augenhöhe eine ziemlich ungesunde Einstellung). Dabei geht es aber nicht um irgendwelche Belanglosigkeiten. Denn die „anarchistische Wahrheit kann und darf nicht das Monopol eines Individuums oder eines Komitees werden, noch darf sie von Entscheidungen tatsächlicher oder erdachter Mehrheiten abhängen“ (S. 206).

Die Prinzipien und Methoden der Generalunion scheinen nicht mit anarchistischen Vorstellungen überein zu stimmen, meint Malatesta. Er geht noch einen Schritt weiter und bezeichnet das plattformistische Konzept als „autoritär“, weil in ihm Mehrheitsentscheidungen gefällt werden, Exekutivkomitees eingesetzt werden und die individuelle Unabhängigkeit von Einzelnen negiert wird, was letztendlich auch ihre Initiative hemmt. Wenn mensch schon Repräsentativität auf Kongressen anstrebt, ist festzustellen, dass dies der anarchistischen Realität widerspricht, wo die Teilnahme aufgrund von fehlendem Geld, Zeit und Repression faktisch begrenzt ist, sodass Repräsentation verschiedener Gruppen schlichtweg nicht zu gewährleisten ist (S. 208-210). Heruntergebrochen würden das propagierte Ziel der Anarchie daher der vorgeschlagenen Organisationsform widersprechen. (Es ist dabei klar, dass wir uns dabei immer im Widerspruch befinden. Gerade daraus ergibt sich jedoch eine wirkliche Bewegung, die an den realen Verhältnissen andockt und radikal wird, weil sie sie zu überwinden anstrebt.) Entscheidend sind die Versuche, die angestrebten Zielvorstellungen bereits vorwegzunehmen und zwar nicht allein in Hinblick auf ein ethisches Verhalten, sondern insbesondere auch hinsichtlich der Organisationsform:

„Man versteht, dass die Nichtanarchisten meinen, dass die Anarchie, das heißt die freie Organisation ohne Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit oder andersherum, eine nicht zu verwirklichende oder nur in ferner Zukunft realisierbare Utopie ist. Doch es ist unbegreiflich, dass derjenige, der sich zu anarchistischen Ideen bekennt und die Anarchie leben oder sich zumindest ihrer Verwirklichung eher heute als morgen nähern möchte, die grundlegenden Prinzipien des Anarchismus verleugnet – im selben Zuge, in dem er sich vornimmt, für seinen Triumph zu kämpfen“ (S. 211).

Dagegen gilt es an den vorhandenen anarchistischen Organisationsprinzipien festzuhalten, welche in ihrer Ausgestaltung nachvollziehbarer Weise nicht perfekt, sondern immer als Suchbewegung gelingen. Aber: Es sind nun einmal die Basics des Anarchismus:

„Volle Autonomie, volle Unabhängigkeit und folglich volle Verantwortung der Individuen wie der Gruppen; freie Übereinkunft zwischen jenen, die es für nützlich halten, sich für ein Ziel zur Zusammenarbeit zu vereinen; moralische Verpflichtung, die übernommenen Aufgaben zu wahren und nichts zu tun, was dem akzeptierten Programm widerspricht. Auf diesen Grundlagen fügen sich dann die Formen der Praxis, die angemessenen Instrumente, um der Organisation ein reales Leben zu verschaffen“ (S. 212).

Dahingehend ist es nicht möglich, einzelnen Leuten oder Gruppen, Beschlüsse aufzuzwingen.

„In einer anarchistischen Organisation können die einzelnen Mitglieder alle Meinungen vertreten und alle Taktiken benutzen, die nicht im Gegensatz zu den anerkannten Prinzipien stehen und die nicht der Aktivität der anderen schaden. In jedem Fall währt eine Organisation solange wie die Gründe für ein Bündnis stärker sind als die Gründe für einen Dissens: andernfalls löst sie sich auf und lässt den Platz anderen einheitlicheren Gruppierungen“ (S. 213).

Selbstverständlich ist die Kontinuität von Organisationen ein wichtiger Faktor für ihren Erfolg, aber sie lässt sich eben nicht erzwingen – sondern nur aus gemeinsamen Erfahrungen und Auseinandersetzungen weiter entwickeln. (Dagegen hilft auch keine romantische oder ideologische Übertünchung der Konflikte oder „ideologische“ Identitätskonstruktionen.)

„Aber die Dauer einer libertären Organisation muss die Konsequenz aus der geistigen Affinität ihrer Komponenten und aus der Anpassungsfähigkeit ihrer Verfassung an die fortwährende Veränderung der Umstände sein: wenn sie nicht mehr in der Lage ist, eine nützliche Mission zu erfüllen, ist es besser, sie stirbt“ (S. 213).

Und das ist letztendlich auch besser, als die implizite Orientierung an einer bolschewistischen Avantgardepolitik, welche in dieselben Sackgassen führt, wie eben jene.

Okay, liebe Genoss*innen. Es stimmt, jetzt habe ich euch eins reingedrückt und das nervt. Sicherlich ist es auch problematisch, dass ich hier so eine antiautoritäre populäre Person wie Malatesta als Argument anbringe. Das hat dann für manche schon wieder einen autoritären Touch. Zumindest wird es als Klugscheißerei abgestempelt, da bin ich mir sicher. Aber ich habe mich eben auch aufgeregt. Ich finde es nicht fair von euch, dass ihr Mühsam oder Malatesta für eure Propaganda vereinnahmen wollt. Sie haben den Plattformismus nicht vertreten und würden ihn definitiv ablehnen. Da bin ich mir sicher. Und hierbei beziehe ich mich nicht nur auf die hier bzw. in der Juli-Ausgabe zitierten Texte von den beiden, sondern auf die Weise, wie sie als Personen aufgetreten sind und in gekämpft haben. Nämlich nicht anhand einer straighten Linie. Die kann es in komplexen, widersprüchlichen Verhältnissen, einerseits, und wenn mensch eine pluralistische, vielfältige Gesellschaft anstrebt, andererseits, auch bis auf in Ausnahmefällen gar nicht geben. Gerade Mühsams und Malatestas kluger Umgang mit Widersprüchen, verschiedenen Leuten, Gruppen, Traditionen, Gefühlen und Gedanken war es, der sie stark und weise gemacht hat. Sie hatte ihre Grundsätze und Überzeugungen, doch damit agierten sie ausdrücklich undogmatisch. So gelang es ihnen auch, dass sie jeweils bis zum Ende ihres Lebens tatsächlich unermüdlich für die anarchistische Sache gekämpft haben.

Daher habt ihr, werte Genoss*innen, alles Recht der Welt Mühsams oder Malatestas Argumentationen und Positionen zu kritisieren oder abzulehnen. Vielleicht sagt ihr auch, dass ihr gar keine „einzige revolutionäre Kollektivität“ annehmt oder anstrebt. Dann wiederum gibt es aber keinen Sinn, dass ihr euch Plattformist*innen nennt, was ihr aber tut. Also bitte tut nicht so, als könntet ihr euch mit eurer Organisation gerade auf die Überlegungen und Gedankengänge von M&M stützen. Das könnt ihr nämlich nicht. So viel Aufrichtigkeit muss sein. Und über anderes reden wir später noch.

Solidarische Grüße

Jens Störfried

Mit der Linken sprechen

Lesedauer: 6 Minuten

hier als pdf downloadbar:

von Jens Störfried

gefunden in: Waschlappen. Zeitschrift für einen pragmatischen Anarchismus, Nr. 9

What the fuck ist links-sein? Ganz ehrlich, ich habe es bisher nicht verstanden. Es ist richtig, die Bezeichnung kommt vom Parlamentarismus, der Anordnung der Sitze dort, wo links die radikalen Republikaner bzw. Demokraten (alle männlich) saßen. Diese Tradition wurde fortgesetzt. Der Begriff „links“ ist keineswegs darauf zu reduzieren. Aber weil ihm nun mal der Parteimuff anhängt, aufgrund seiner Schwammigkeit und wegen seiner Einheitsbreiigkeit bringt es meiner Ansicht nach auch nicht wirklich was, sich auf ihn zu beziehen. So sieht es auch mit der außerparlamentarischen Politik aus. Sie ist schwammig und sie ist Parteipolitik zugeordnet, die in einer Parteiendemokratie wiederum dem Staat zugeordnet ist. Klar, damit lassen sich Dinge erreichen. Aber eben auf der Ebene des politischen Handelns. Selbstorganisation von unten und die Autonomie verschiedener Gruppen sehen anders aus. Dies schließt aber keineswegs aus, dass Anarchist*innen autonome Organisationen gründen, sich in diesen einbringen, sie verbreitern und radikalisieren wollen. Dass dies in der BRD merkwürdig zu sein scheint und sich Anarchist*innen oft als Linke betrachten ist problematisch. Dennoch können sie an linken Massenbewegungen partizipieren. Warum es sich für Anarchist*innen lohnt, sich selbst zu bestimmen und ein Selbstbewusstsein zu entwickeln:

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Debate on Anarchists against/in Academy

Lesedauer: 4 Minuten

Auf der Mailingliste des Anarchist Studies Network entspann sich eine ausgiebige Debatte über das Verhältnis von Anarchist*innen zu Universitäten. Der Redebedarf und die kontroversen Beiträge verdeutlichten, dass hierzu noch längst nicht alles gesagt ist, bzw. weiterhin ein Meinungsaustausch zu diesem Thema stattfinden muss. Übrigens betsehen hierzu längst nicht nur zwei Positionen, sondern mehrere – entsprechend der unterschiedlichen Erfahrungen, welche Menschen in diesem Zusammenhang gemacht haben. Dass Uni-Strukturen und der Wissenschaftsbetrieb insgesamt nicht ansatzweise Vorstellungen einer libertären Wissensproduktion und -vermittlung entspricht, versteht sich dabei von selbst. Wie mit den Widersprüchen in dieser und anderen Institutionen aus anarchistischer Perspektive umgegangen werden soll, dazu gibt es hingegen verschiedene Ansichten. Es folgt mein Beitrag zu dieser Debatte mit 13 Punkten als Anregung für die Aufgaben anarchistischer Theoretiker*innen.

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Soziale Freiheit und Solidarität im pandemischen Ausnahmezustand

Lesedauer: 11 Minuten

Originaltitel: Was bedeuten soziale Freiheit und Solidarität in Zeiten des pandemischen Ausnahmezustandes?

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

von Jonathan

Endlich sollte es die Letzte verstanden haben: Stay@Home, keep calm, shut down and control yourself! Die eindringlichen Appelle von Behörden, aus Regierungskreisen, Gesundheitsinstitutionen und sich moralisch überlegen fühlenden linken Bürger*innen sind eindeutig. Die Argumente kennen wir und erscheinen plausibel: Wenn wir uns jetzt alle runter fahren, unsere Aktivitäten und Kommunikation ins Internet verlagern, anstatt in physischen Kontakt zu treten eine „soziale Distanz“ wahren und – für diejenigen, die eines haben – das traute Heim nicht mehr als absolut „notwendig“ verlassen, dann erhöhen wir spürbar die Chance, Menschen aus Risikogruppen zu retten. Um Leben oder Tod geht es. Des Weiteren wird auf die enorme Belastung der Arbeitenden im Gesundheitssektor geschaut, sowie auf jene Kranken, deren Leiden vorerst nur noch zweitrangig behandelt werden können. Das sind nachvollziehbare und durchaus soziale Anliegen. Doch sind wir bereit, für dieses höchste Ziel, unsere Freiheit und diejenigen von anderen zu opfern, uns abzuschotten und uns mit den Schwächsten zu entsolidarisieren? Wollen wir durch unser aktives Mitwirken einer in ihren Grundfesten untragbar gewordenen Gesellschaftsformation zur Transformation in eine neue Form verhelfen? Doch in welche wollen wir sie transformieren?

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Demokratie – kaputt oder ganz?

Lesedauer: 7 Minuten

Kommentar zur Wahl des Eintags-Ministerpräsidenten in Thüringen

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Jens Störfried

Neben Bratwürsten und Klößen ist Thüringen für seine wunderschöne Landschaft bekannt: Hier gibt es den Naturpark Hainich, die Bleilochtalsperre, den Rennsteig und viele andere Flächen mehr. Das einzige was fehlt, ist eine Küste, ein Meer – aber dann wäre es eben nicht mehr Thüringen. Auch in die politische Landschaft Thüringens lohnt sich ein Ausflug, bietet sie doch eine Vielfalt ohne Gleichen. Doch recht gleich und einig sind sich die Menschen dort scheinbar nicht. Deswegen richtet ja die halbe Medienlandschaft gerade ihren Blick auf das geographische Herz Deutschlands: Weil sich die politisch-kulturelle Spaltung dieser Provinz mit 2,13 EinwohnerInnen dort wie unter einer Käseglocke beobachten lässt.

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Die Armut der Kritik am Anarchismus

Lesedauer: 20 Minuten


von: Mona Alona

Teaser:
In der Erfurter Zeitung „Lirabelle“ hätte eine Debatte zur vermeintlichen Kritik am Anarchismus und seiner Verteidigung stattfinden können. Auslöser waren die Vorurteile, Diffamierungen welche die Autorin Minna Takver verbreitete, in Verbindung mit ihrer hahnebüchenden Unkenntnis ihres Gegenstandes. Anstatt sich der Auseinandersetzung wirklich zu stellen, lehnte die Redaktion der Lirabelle den zweiten Teil der „Armut der Kritik des Anarchismus“ von Mona Alona ab. Da es sich um eine beispielhafte Reaktion handelt und es Formen solidarischer, respektvoller und konstruktiver Auseinandersetzungen weiter zu üben gilt, lohnt es sich, diese schriftliche Provinz-Debatte als Beispiel vor Augen zu führen. Und selbstverständlich, weil der zweite Teil der „Armut der Kritik am Anarchismus“ ja auch irgendwo noch auftauchen sollte und das Ganze ein gewisses Lesevergnügen bereitet.
Wer sich den billigen Szene-Gossip ersparen will, kann die Texte von Minna Takver auch überspringen. Wer den zweiten Teil der Entgegnung lesen möchte, kann ins letzte Viertel scrollen…

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Für eine neue anarchistische Synthese!

Lesedauer: 41 Minuten

Jonathan Eibisch

zuerst veröffentlicht in 4 Teilen in: Gai Dao #100, #101, #102, #103

Zusammenfassung:

Mit diesem Text versuche ich eine Position in eine Strategiendebatte einzubringen, die zum Zeitpunkt seines Erscheinens aktuell ist. Zugleich handelt es sich um einen relativ zeitlosen Text, der das grundlegende Thema betrifft – und dieses neu setzen will -, ob und wie eine pluralistische Organisation möglich ist. Der Inhalt der sozialen Revolution ist keineswegs neu, ebenso wenig wie die Erkenntnisse des synthetischen Anarchismus, dass die verschiedenen Strömungen ihre Berechtigung haben und sie sich darum auf das Gemeinsame besinnen sollten, um Stärke und Selbstbewusstsein entwickeln zu können.

Meist sind es jedoch gerade die scheinbar klaren Einsichten, deren Überprüfung eine tiefe Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zum Vorschein bringt. Dies muss kein Problem sein. Immerhin erweisen sich fundamentale Wahrheiten (wie jene, dass wir aufeinander angewiesen sind und dass Vielfalt unsere Stärke ist), deswegen als wahr, weil wir sie nicht zu fassen kriegen und im Letzten nicht definieren können. Was wir scheuen, sind die ernsten solidarischen Auseinandersetzungen, weil wir verlernt haben, uns konstruktiv zu streiten. Doch nur, wenn wir den Tatsachen ins Augen blicken und uns ent-täuschen lassen, können wir die anarchistische Synthese neu eingehen. Denn ihrem Wesen nach ist sie nicht, sondern ist nur im Werden – das heißt, wenn wir sie bilden.

Nie zuvor war ein Zusammenschluß unserer Kräfte so notwendig wie heute. Heute, wo wir fast allein stehen gegen eine Welt von Feinden mit unserem Ideal der Freiheit, das durch die Entwicklung des [neuen] Faschismus und des [diskreditierten] Bolschewismus eine neue Bedrohung erfahren hat. Beeilen wir uns! Laßt uns nicht einen Tag verlieren! […]

Je zerstreuter unsere Kräfte sind, umso schwächer sind wir. Je stärker solidarische Bande uns vereinen, umso mächtiger wachsen uns die Kräfte. Laßt uns diese elementare Wahrheit nie aus dem Auge verlieren. Sorgt dafür, daß sie die Richtlinie unseres Handelns werde!“

– Sebastien Faure 1928

Endlich neue Tatsachen!

Lesedauer: 12 Minuten

Zu einigen grundlegenden Widersprüchen in der neuen anarchistischen Zeitschrift In der Tat.

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #99, März 2019

von Jens Störfried

Es gibt eine neue anarchistische Zeitung, IN DER TAT. Die erste Ausgabe des insurrektionalistischen Blattes erschien im Oktober 2018, die zweite folge im Januar 2019. Wenn sich das Projekt etabliert, haben wir es also mit einem Vierteljahres-Zirkular zu tun. Selbstverständlich sollten wir jedes anarchistische Zeitungsprojekt begrüßen, auch und gerade, wenn es unbequem ist – zumindest solange es sich zurecht als solches bezeichnet. Dabei liegt es in der Sache, dass Anarchist*innen selbst jeweils verschiedene Ansichten zum Individualismus‘ haben, der in In der Tat propagiert wird. Insbesondere, weil die Herausgebenden Beteiligung und eine Debatte wünschen, was ich gut und wichtig finde, möchte ich hier einige Zeilen auf ihre Inhalte verwenden.

Anmerkungen zu anarchistischer (Text-)Kritik

Diese fallen absichtlich kritisch aus, beziehen sich aber einfach auf die vorliegenden Texte und nicht die Menschen, die sie geschrieben haben als Personen. Es wird auch nicht unterstellt, dass sie „an sich“ eine „falsche“ Praxis hätten und diese aus ihren in Textform dargelegten Denkweisen folgen müsste. Ziel ist es also NICHT „die“ Insurrektionalist*innen oder „dem“ Insurrektionalismus „an sich“ dumm zu machen, zu verurteilen oder was auch immer. Die Fragen, die sich daraus ergeben werden für alle Anarchist*innen als wichtig angesehen, weil die Widersprüche, die sich hier auftun, alle angehen. Deswegen ist eine Kritik einiger Aspekte dieser Art anarchistischer Texte aus einer solidarischen Haltung heraus meiner Ansicht nach legitim. Eine umfassende Textkritik kann hier aber nicht vorgenommen, sondern allen sonstigen Leser*innen überlassen werden. Dabei gibt es Sinn, bei den eher programmatischen Texten der anonymen Autor*innen anzufangen…

Bloße Negation oder Neuschaffung? / Revolutionäre Theorie oder praktisches Projekt?

Allgemein durchziehen die Texte ziemlich grundsätzliche Widersprüche. Beispielsweise im ersten einleitenden Text gleich zu Beginn zu lesen ist: „Jegliche Autorität in Frage zu stellen, jedliche [sic!] Formen von Herrschaft zu verwerfen und mit diesen in Konflikt zu treten, ist ein ständiger Kampf. Ein Kampf, in dem wir versuchen freie Beziehungen jenseits des Bestehenden zu entwickeln – doch etwas Neues zu schaffen bedeutet auch immer sich auf Unbekanntes einzulassen und neue Beziehungen, neue Projekte, neue Schritte und Experimente zu wagen“ (#1, S. 1). Was zunächst sehr inspirierend klingt, wird in den letzten Zeilen desselben Artikels jedoch schließlich verworfen. Anstatt etwas Neues schaffen zu wollen, steht dort nämlich geschrieben, der Anarchismus sei „also keine Theorie, welche die verschiedenen Individuen in einen Topf zu werfen beabsichtigt und ihnen ein neues Ideal, neue Moralgesetze und Normen überstülpt […]. Für uns kann er auch nicht die Theorie der Verwaltung einer künftigen ‚anarchistischen Gesellschaft‘ sein, sondern nur eine Theorie (und Praxis) des Kampfes der Zerstörung der Herrschaft. Er bietet somit keine positive Sicherheit, welche das Individuum so oder so besser in sich selbst und nicht ausserhalb [sic!] – in Theorien – suchen sollte“ (#1, S. 4). Also wie jetzt? Ist Anarchismus nun eine Neues schaffende Kraft oder die bloße Negation des Bestehenden?

Und der zweite Widerspruch ist in hierbei ja schon mit enthalten: Einerseits sei das „Projekt des Anarchismus […] also nicht Selbstzweck und auch keine blosse Philosophie, sondern Teil des Kampfes aller unterdrückten Menschen um Befreiung“ (Ebd.), andererseits heißt es, Anarchismus „das ist also eine revolutionäre Theorie welche das Ende jeder Herrschaft bezweckt“ (Ebd.). Na wie denn nun, Anarchismus als Theorie oder nicht? Fest stehe, für „die“ (also wohl: den) Autoren sei „also der Anarchismus nicht bloss eine weitere ‚politische Philosophie‘, welche einfach so an Schulen vermittelt werden könnte“ (#1, S. 3), denn Lehrer*innen, die ihn vermitteln würden, müssten ja mit ihrer eigenen Rolle in der Zwangsinstitution Schule brechen. Wahrscheinlich würden sie damit in Konflikt geraten, ja. Doch abgesehen davon, dass ich selbst noch nie ein*e Lehrer*in etwas Sachliches über Anarchismus habe sagen hören und zwar überrascht, aber keineswegs dagegen wäre, wenn sie dies tun würden, ergibt sich aus dieser Aussage keine Begründung dafür, warum der Anarchismus nicht auch eine politische Philosophie sei. (Wobei völlig klar ist, dass er weit mehr ist.) Zugespitzt gesagt: Weil Anarchist*innen so marginal und bedeutungslos sind und ihnen der Mainstream abspricht, eigenständige Traditionen und Denkweisen zu haben, übernimmt der*die Autor*in diese Stigmatisierung einfach und verwirft damit die Möglichkeit anarchistischer Perspektiven auf die Gesellschaft.

Was kommt in der (negierenden) Rebellion wirklich zum Vorschein? Kann Szene-Sprache massentauglich werden?

Doch diese Perspektivlosigkeit hängt vielleicht mit dem dritten Widerspruch zusammen, nach welchem der „positive Gehalt […] [in der] Bejahung der freien Regung, welche die Herrschaft zu verhindern sucht(e), der Revolte – des Lebens, der Selbstbestimmung des Individuums in freier Beziehung mit anderen Individuen“ (#1, S. 4) bestünde. Widersprecht mir, doch ich sehe hier einen bürgerlichen Individualismus am Werk, welcher Herrschaft nur als von außen kommend und einschränkend betrachtet, anstatt zu verstehen, dass die Einzelnen selbst immer schon Produkte der gesellschaftlichen Beziehungen sind, gegen die sie rebellieren. Wenn allein der rebellische Akt, der gefeierte Bruch mit dem Bestehenden, zur Befreiung führen würde, würden wir schon längst in der Anarchie leben. Leider ist dem nicht so: Rebellion ist – für sich allein betrachtet – erst mal die Kehrseite von Herrschaft, wenn sich durch sie die rebellierenden Einzelnen nicht selbst umfassend verändern. Selbstverständlich ist es unheimlich schwer, sich von den verinnerlichten Herrschaftsideologien, der Selbstunterwerfung, Hörigkeit, Verlogenheit, Doppelmoral und dem vereinzelnden Individualismus der staatlich/kapitalistisch/patriarchalen Gesellschaft zu lösen. Die Annahme der Autor*innen von In der Tat, dass es sich dabei vor allem um die Entscheidung der Einzelnen handelt, ist allerdings zu kritisieren. Stattdessen braucht es ein gemeinsames und langfristiges Aufbauen herrschaftsfreier Strukturen und Beziehungen, die uns erst ermöglichen, unsere eigenen Leben und unsere Seinsweisen (unser „Selbst“) miteinander zu gestalten. Dies setzt voraus, gemeinsam eine anarchistische Ethik zu entwickeln, die ein gleichberechtigtes, solidarisches, freiheitliches Zusammenleben ermöglicht. Die zurecht zu kritisierenden Moralkodexe sind niemals sind in der Lage solches herzustellen. Dies meint etwas anderes, als das Streben nach reiner bürgerlicher Selbstverwirklichung, wie es in einer Passage an anderer Stelle ausgeführt wird, wo angenommen wird, in der Zerstörung der Autorität „realisieren [wir] uns selbst, wir werden wir selbst, indem wir uns bewegen und indem wir Pfade beschreiten, für die wir uns selbst entschieden haben“ (#2, S. 3).

Doch ich komme noch zu einem vierten Widerspruch, der im antiprogrammatischen programmatischen ersten Text angelegt ist, zurück. Sehr richtig finde ich den Ansatz, Anarchismus nicht „für ein kleines erlauchtes Milieu aufsparen […] [zu wollen] und nicht […], zu versuchen, die ganze Gesellschaft ins Wanken zu bringen und die eigenen Ideen zu verbreiten und umzusetzen“ (#1, S. 4). Für ein sozial-revolutionäres Wirken sollte der Bezugsrahmen weniger die politisch mehr oder weniger bewusste linke Szene sein, sondern die vorfindlichen gesellschaftlichen Widersprüche und darin stattfindenden Kämpfe. Da hat die heutige anarchistische Szene, zumal in der BRD, noch eine ganze Menge zu lernen. Äußerst seltsam finde ich dahingehend jedoch, das sich die Texte in In der Tat durchweg eher als Poesie lesen, anstatt, dass sie in einer alltagsweltlichen Sprache formuliert wären, welche außerhalb des marginalen Insurrektionalist*innen-Ghettos Menschen erreichen oder ansprechen könnten. Dies scheint allerdings auch gar nicht die Absicht der Autor*innen zu sein, welche sich zwar – meiner Ansicht nach zurecht – gegen plattformistische Disziplin und Militarisierungslogiken aussprechen (#2, S. 16f.), gleichzeitig aber in ihrer Sprache den Anschein erwecken, sich vor allem selbst als Avantgarde zu feiern.

In welche Richtung weist eine spekulative Politikverweigerung?

In der zweiten Nummer ist der Einleitungstext eine Übersetzung aus dem Französischen, wie internationale „Korrespondenz“ in In der Tat überhaupt einen recht großen Raum einnimmt. Unter dem Titel Weder Sieg noch Niederlage wird darin (in meinen Worten) eine grundsätzliche Kritik am Politik-machen geübt. Das finde ich ziemlich interessant, wichtig und anarchistisch. Es sollte Anarchist*innen darum gehen, die Logik von Politik zu begreifen und grundlegend zu kritisieren. Wohin der Weg dann gehen sollen, bleibt mir nach der Lektüre allerdings schleierhaft. Daher sage ich mir: Eine Vorstellung zu skizzieren, wie Anarchist*innen – zusammen mit anderen Unterdrückten und Ausgebeuteten -, siegen könnten, fände ich zur Abwechslung auch mal ganz spannend. Dafür braucht es keine ausgefeilten Pläne, abgeschlossenen Programme oder die berüchtigten Reißbrett-Utopien, welche Anarchist*innen schon immer abgelehnt haben. Ein paar Wegweiser, die sich aus Erfahrungen in konkreten Kämpfen ergeben, wären schon etwas.

Um meinen Text nicht übermäßig in die Länge zu ziehen, bitte ich dich Leser*in selbst In der Tat nachzulesen, was du dazu denkst und erlaube mir, zwei einzelne Sätze, die für mich ein paradigmatisches Problem dieser Denkweise auf den Punkt bringen, zu zitieren. Die Autor*innen kritisieren die Lethargie und Langweiligkeit linker Politik und fragen: „Wenn ein Aufruhr, ein Aufstand imstande ist, die Spannung in Richtung der Freiheit zu akzentuieren, zu vertiefen und möglicherweise sogar zu generalisieren, warum sollten wir darauf verzichten diesen Prozess zu beschleunigen, anzutreiben? Können wir im Angesicht der historischen Amnesie, der technologisierten Abstumpfung und der Verflachung von Herz und Bewusstsein nicht umso mehr auf der Notwendigkeit und den Verlockungen der Revolte beharren, sie als begehrenswerter denn je verteidigen, um den Dingen wieder eine Perspektive zu verleihen?“ (#2, S. 2). Beide Fragen entlarven sich selbst als reine Spekulationen. Vielleicht ist ein Aufstand im Stande ein Stück soziale Freiheit aufblitzen zu lassen und zu verwirklichen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht erliegt er einfach der sich vielfach als falsch erwiesenen Annahme, Menschen könnten die äußerlichen Herrschaftsstrukturen einfach angreifen und letztendlich vernichten und dann würde „die befreite Gesellschaft“ ganz von allein kommen. Selbstverständlich können wir einfach nur Revoltieren und uns einreden, dies sei ein Selbstzweck. Anstatt zu glauben, könnten wir aber auch anfangen zu denken und von konkreten Erfahrungen ausgehend die Frage stellen, wie und durch was die alten gesellschaftlichen Strukturen und Beziehungen denn ersetzt werden können. Keineswegs möchte ich mit diesen Worten Überlegungen zu Aufständigkeit und Militanz unterbinden, mich davon distanzieren oder sie für falsch erklären. Worum es mir an dieser Stelle geht, ist die Reproduktion eines meines Erachtens nach für anarchistische Ziele problematischen Denkmusters, dass sich noch toll dafür findet, die eigenen Dogmen fortwährend zu wiederholen.

Wird Revolte mit Revolution verwechselt und dient als Selbstzweck?

Dazu passt natürlich, dass die Autor*innen von In der Tat klassische Texte mögen, die ja oftmals den Anstrich einer längst vergessenen, revolutionären (d.h. für jene, die Revolution nicht als Mittel, sondern Selbstzweck begreifen: „besseren“) Zeit haben. Sie besitzen für sie daher jene Autorität, die sie eigentlich in jeder Form abzulehnen behaupteten. Sicherlich, hier gehen unsere Ansichten weit auseinander. Ich persönlich möchte mich nicht mit Personen assoziieren, die ein Bedürfnis nach dem Ausbruch einer Revolution verspüren, wie es zu Beginn des Textes Politische Taktiererei oder Möglichkeiten ergreifen? heißt (#2, S. 12f.), sondern mit jenen, die ein Bedürfnis nach einer Gesellschaft haben, welche anarchistischen Vorstellungen entspricht.

Um einen sehr klassischen Text anzuführen, der dies thematisiert, verweise ich auf Peter Kropotkins Wortes eines Rebellen (1879/1922). An mehreren Stellen macht Kropotkin dabei unmissverständlich klar: „Eine Regierung zu stürzen – für einen Bourgeoisrevolutionär ist dies das höchste Ziel. Für uns bedeutet dies nur den möglichen Beginn der sozialen Revolution“. Wäre – rein hypothetisch – die Armee des kapitalistischen Staates besiegt worden, könnte mit „der Umwälzung all jener Gesellschaftseinrichtungen, welche zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen und politischen Sklaverei dienten [begonnen werden]. Die Möglichkeit, frei handeln zu können, ist erkämpft worden – aber was werden nun die Revolutionäre tun?“1 2. Als einzige Strömungen innerhalb der Revolutionäre seien es ausschließlich die Anarchist*innen, welche keine Regierung wollen, weil Regierung und Revolution sich nach anarchistischem Verständnis ausschließen. Eine „revolutionäre Regierung“ ist demnach ein Widerspruch in sich. Doch auch eine „Diktatur des Proletariats“ verfällt genau in jene Logik der Politik, welche die Autor*innen in In der Tat ja berechtigterweise kritisieren. Sofort „nach“ der erfolgreichen Revolte, bestehe nach Kropotkin „die Notwendigkeit einer gründlichen Umänderung der bestehenden Verhältnisse – man muß zu Aktionen greifen, man muß schonungslos mit dem Reorganisationswerk beginnen, um den Boden für das neue Leben frei zu machen“3. Diese selbstorganisierte und antiautoritäre Reorganisationsarbeit könne allerdings nur an den Vorstellungen anschließen, welche Anarchist*innen vorher in der Bevölkerung verbreiten, vorleben und verwirklichen konnten. Explizit müsse es um die Ausarbeitung von neuen gesellschaftlichen Formen gehen, die aber nicht von Anarchist*innen selbst, sondern „nur aus der gemeinschaftliche (kollektiven) Geistesarbeit der Massen hervorgehen“4 könne. Dennoch beinhalten diese Überlegungen klar, dass Anarchist*innen Vorstellungen davon entwickeln sollen, wie eine für sie erstrebenswerte Gesellschaft denn aussieht. Geschieht dies nicht, wird das alte System schneller als wir sehen können wieder eingerichtet – auch wenn die Regierenden andere sein mögen. Dies gilt meiner Ansicht nach auch, wenn lediglich gesehen wird, den „autoritären Revolutionären dient die Barrikade ausschließlich als Sprungbrett auf [sic!] den Verhandlungstisch, wo es Ordnung braucht um Gespräche weiter zu bringen. Die Anarchisten hingegen dürfen sich nicht erlauben auch nur einen Stein der alten Welt auf dem anderen zu lassen. Ihre Wiederherstellung muss undenkbar werden“ (#2, S. 12). Anders gesagt befürchte ich, Insurrektionalist*innen machen sich hier zu nützlichen Idioten autoritärer Straßenpolitik.

Möglicherweise besteht die „anarchistische Spannung“ von der die Autor*innen in In der Tat ausgehen, weniger zwischen der absoluten Gegner*innenschaft zum System und der alltäglichen Lebenswelt, sondern zwischen der Notwendigkeit zur Zerstörung bei gleichzeitiger Neuschaffung, der Übernahme von Verantwortung bei gleichzeitigem Vertrauen auf den Gehalt der eigenen Perspektive (wenn sie denn bewusst entwickelt worden wäre). Doch dazu bräuchte es ein anderes Machtverständnis als jene flapsige Behauptung, sich einfach gegen jede Macht zu richten ohne ein Verständnis von ihr zu haben. Natürlich kann man das Thema damit einfach wegwischen. Die gesellschaftlichen Widersprüche werden damit aber nicht überwunden, sondern reproduziert, was ich versucht habe hier ansatzweise auszuführen.

Von Mensch zu Mensch: Das Herumnörgeln an (potenziellen) Gefährt*innen

Um zu einem letztes Bündel an Beispielen von den tatsächlichen Widersprüchen zu geben: Um sich „jenseits des digitalen Deliriums und […] [den] vorgekauten Meinungen“ (#1, S.1) zu bewegen, werde diese Zeitschrift auf Papier „von Individuum zu Individuum“ zirkulieren. Abgesehen davon, dass ich ungern als bürgerliches Individuum adressiert werde (wobei ich die Kritik an der digitalen Lebenswelt und den Bewusstseinsformen des gesellschaftlichen Spektakels gut finde), wundere ich mich dann aber umso mehr, warum ich den Text eines violenten Nörglers mit dem Titel Anarchismus-Spezialisten? dann auf anarchistischebibliothek.org finde. Immerhin ist diese feine Website genauso Bestandteil des Internets, wie jene Teil der bestehenden Gesellschaft sind, die meinen (mehr als andere?), Brüche mit dem System zu vollziehen. Im Übrigen glaube ich auch, dass die „Korrespondenz“ der Beteiligten sich bestimmt des Internets bedient – auch wenn heutzutage das Briefeschreiben zweifellos deutlich sicherer ist. Es wäre also die durchaus nicht marxistische Frage zu stellen, inwiefern es echte alternative Strukturen und Beziehungen innerhalb dessen gibt, was wir vorfinden. Ich glaube, es gibt sie und zwar haufenweise. Dies herauszustellen und zu betonen, finde ich persönlich wesentlich wichtiger, als die Idee einer (historischen?) Notwendigkeit eines Aufstandes zu propagieren – auch wenn ich sie nicht insgesamt ablehne.

Doch zurück, zum „Spezialisten-Text“ (#1, S 15f.): Wie auch andere in In der Tat verwendet der Nörgler ein verallgemeinerndes „Wir“, um seinen Gedanken den Anschein einer kollektiven Überlegung zu geben. Wäre sie es gewesen, hätte er wahrscheinlich nicht so tief gestapelt, denn mehr als nörgeln kann er offensichtlich nicht. Umso erstaunlicher, dass er sich gegen das – in einem Buch von Nino Kühnis wahrgenommene – „Aufspüren einer ‚kollektiven Identität‘ […] [von Anarchist*innen richtet, die] vor allem einen polizeilichen Blickwinkel aufzeigt“ (Ausrufezeichen). Der Nörgler sollte erst mal den Bullen in seinem eigenen Kopf töten, bevor er seine Eigenbrötelei als vereinnahmende Kollektivität ausgibt.

Sein Hauptanliegen ist die Zeitschrift Ne Znam zu diffamieren. Die vorgebrachte Kritik daran, dass eine fast ausschließlich historische Betrachtung des Anarchismus, diesen völlig entpolitisiert, verharmlost und „in die Vergangenheit verbannt“, teile ich sogar ausdrücklich. Ich gehe auch mit, dass immer die Gefahr besteht, dass eine rein akademische Betrachtung anarchistischer Themen überhaupt nicht automatisch zu einer „radikalen Infragestellung“ der Herrschaft führt. Nur frage ich mich, was das alles mit der Zeitschrift Ne Znam zu tun hat, um die sich „gewisse Leute“ „geschart“ hätten. (Man beachte die – mutmaßlich volkstümlich wirken wollende – Sprache der konservativen Dorfpresse.) Ich frage mich, warum der Nörgler annimmt, dass alle, die sich intellektuell mit Anarchismus beschäftigen, dazu nicht auch angesammeltes Wissen aus den Universitäten entreißen. Und wie er behaupten kann, dass sie das gewonnene Wissen „horten“ würden, wo sie es doch offensichtlich publizieren und somit für alle Interessierten zugänglich machen. Der Nörgler sollte froh sein, fast keine „horrende Preise […] für Kopien von historischen anarchistischen Zeitschriften“ mehr bezahlen zu müssen, weil gewisse Personen in freiwilliger Selbstausbeutung den ganzen Kram einscannen und zur Verfügung stellen. Gemein wäre dieses Argument, wenn er nicht die technischen Fähigkeiten oder finanziellen Möglichkeiten hätte, einen Internetzugangs nutzen zu können. Doch dass dies der Fall ist, hat sich ja schon gezeigt. Und selbst was die klassischen Texte angeht, die der Nörgler (wie ein nerdiger Historiker) irgendwie als Fetische benutzt, kann er doch froh sein, dass einige Personen auch diese – in freiwilliger Selbstausbeutung und weil es eben „ihre Sache“ ist – in Neuausgaben herausgeben. Eine berechtigte Kritik an einer (weit entfernten) Akademisierung des Anarchismus formuliert der Nörgler nicht…

Zum Ende – Mach dir selbst (k)ein Bild!

Was bleibt also nach meinen Lektüre-Eindrücken der ersten zwei Ausgabe von In der Tat? Selbstverständlich zunächst die Aufforderung, dass du Leser*in dir selbst eine Eindruck verschaffst und deine eigene Ansicht dazu entwickelst. Als Freund von sehnsüchtigen Prosa-Texten, würde ich die Zeitschrift unbedingt empfehlen und anschließend zur Lektüre von Renzo Novatore raten. Als anarch@-kommunistischer Quälgeist muss ich allerdings sagen, dass ich mir doch schon die eine oder andere gedankliche Weiterentwicklung aus dieser Richtung wünschen würde. Fast hätte ich geschrieben (und so stehen gelassen): In der Poesie fänden Widersprüche ihren angemessenen Platz, machten sie diese lesenswert und schön, weil unsere Leben voller Spannungen sind – zumal, wenn Menschen tatsächlich für eine Gesellschaft der Freien und Gleichen kämpfen. In einer sozial-revolutionären Zeitschrift brächte dies jedoch nicht wirklich viel. – Doch das ist natürlich völliger Quatsch. Wirklich radikale Gedankengänge haben immer auch poetische Aspekte. Vor allem selbstverständlich unsere leidenschaftlichen Handlungen, die sich nicht eben mal in Worten fassen lassen und die vielleicht auch nicht in Worte gefasst werden sollen. Denn sie übersteigen und kritisieren alles, was mit Politik möglich gemacht werden könnte. Notwendigerweise bewegen sie sich in Widersprüchen, die sie nicht einfach auflösen können, da es nicht primär gedankliche, sondern gesellschaftliche Widersprüche sind. Doch könnte anarchistisches Denken dazu beitragen, jene nicht immer weiter zu reproduzieren. Dies würde ich mir In der Tat wünschen – auf Papier, mehr aber noch im Alltag.

1 Kropotkin, Peter, Worte eines Rebellen; herausgegeben von Pierre Ramus, Wien 1922, S. 172.

2 Fairerweise muss ich zugeben, dass ich glaube, die meisten Insurrektionalist*innen unterscheiden sehr wohl zwischen Aufstand und Revolution. Der Vorwurf, sie täten es nicht, kam historisch meistens aus der Richtung rechter Sozialdemokrat*innen, die sich damit allgemein gegen jegliche revolutionären Bestrebungen richteten, um ihre parlamentarische Parteipolitik zu legitimieren. Selbst Blanqui war klar, dass der Aufstand nicht die Revolution ist oder sie ersetzt. (siehe Emilio Lussu, Theorie des Aufstands, Wien 2017, S. 25f.). Anarchist*innen sollten daher nicht in die Falle tappen, unbewusst die Kritik rechter Sozialdemokrat*innen zu übernehmen.

Für den vorliegenden Fall habe ich dennoch den Eindruck, dass hier eine Verwechslungsgefahr zwischen Aufstand und Revolution besteht.

3 Kropotkin, Peter, Worte eines Rebellen; herausgegeben von Pierre Ramus, Wien 1922, Ebd. S. 174.

4 Ebd. S. 183.