Arbeit drucken, Druck abschütteln

Lesedauer: 4 Minuten

Bakunin stattet mir einen Besuch ab, um mich persönlich zu agitieren

So, jetzt ist’s fertig. Nach viereinhalb Jahren reiche ich meine Doktorarbeit zur politischen Theorie des Anarchismus ein. Zu überqualifiziert und eigenbrötlerisch für Maloche-Jobs, zu unterqualifiziert und politisch-weltanschaulich positioniert für die Academy – Wird spannend, wie ich dann den Rest meines Lebens an Ressourcen komme. Doch das beschäftigt mich eigentlich nicht. Da ich ohnehin immer arm war, sind meine materiellen Ansprüche gering. Wichtige andere Fragen werde ich stattdessen in näherer Zukunft wälzen müssen: Wo kommt überhaupt etwas Kohle her? Wie kann ich mich langfristig gut organisieren, um meine Fähigkeiten und Perspektiven einzubringen? Was fühlt sich überhaupt sinnvoll an für mich? Was hat das Leben noch zu bieten, außer meine Umtriebigkeit, Heimatlosigkeit, meinen Veränderungswunsch und Tatendrang in intellektuelle Arbeit zu kanalisieren? Und was ist mit der Liebe?

In den letzten zwei Wochen, der wirklich letzten Phase der Arbeit an meiner Dissertation, habe ich merkwürdig und unruhig geschlafen. Die schrecklichen Kriegsereignisse verfolgte ich weiter, wusste aber dennoch, was nun dran und endlich fertig zu stellen ist. So spielte sich wieder eine alte Szene vor meinem inneren Auge ab. Etwas naiv, zurückhaltend und gelegentlich schreckhaft wie ich bin, saß ich da und sann darüber, wie ich mich sinnvoll engagieren könnte. (Ich weiß nicht warum, aber solche Situationen spielen dann entweder immer verlassenen Landhäusern, auch wenn ich nie in einem gelebt habe oder mich in einem aufhielt. Oder in verruchten Kaschemmen in dämmrigen, verwinkelten Gassen von Altstädten, wie in diesem Fall…)

Während ich unzufrieden mit der Welt und mir darin vor mich hin sinniere, zerrt es plötzlich an der Holztür und eine riesenhafte, verwegene Gestalt betritt den Raum. Sie setzt sich neben mich und fährt sich durch den Bart. Eine leichte Alkoholfahne weht zu mir rüber, während der grobe Kunde in seiner Geldkatze kramt und dann Rotwein beim Wirt bestellt. Dann blickt er auf, mich an und ich erkenne ihn: Es ist Bakunin. Der gute Mann hatte auch schon mal bessere Tage gesehen. Schweigend sitzen wir da und trinken den Wein. Die leicht beklemmende Ruhe überrascht mich, kenne ich doch sein aufbrausendes Temperament, seine rastlose Aktivität. Und natürlich war es nicht so, dass Bakunin mich grundlos aufgesucht hat. Gerade, weil ich recht klein bin, erscheint mir, als wäre es ein Bär, der bedächtig seinen Arm um meine Schulter legt und mich vertrauensvoll zu sich heran zieht.

„Um die Gegner des Proletariats zu besiegen, müssen wir zerstören, noch mehr zerstören und immer zerstören.“
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Schatzkiste: Die soziale Freiheit (Michael Bakunin)

Lesedauer: 24 Minuten

In dieser Rubrik möchte ich jeweils auf kürzere Texte des frühen Anarchismus aufmerksam machen, welche ich für besonders lesenswert und wichtig halte. Anstatt in der Mottenkisten zu wühlen, denke ich, es handelt sich hier vielmehr um eine Schatzkisten. Gleichzeitig bin ich ebenfalls der Ansicht, die alten Genoss*innen und Gefährt*innen würden sich im Grab umdrehen, wenn wir andächtig ihr Vermächtnis pflegen und sie verehren würden. Viel froher wären sie, wenn uns ihre Schriften auf zu neuen Taten inspirieren würden! Trotz einigem gehörigen Respekt will ich deswegen rebellische Leichen fleddern. Also mir raus picken, was mir für eine sozial-revolutionäre Perspektive auch heute geeignet scheint.

Wenn es möglich ist, werde ich den entsprechenden Text hier ebenfalls posten. Vermutlich werde ich einige von ihnen von anarchismus.at übernehmen. Wahrscheinlich werde ich von bekannteren zu weniger bekannten Texten übergehen…

Eine Vorwarnung habe ich allerdings schon: Der Fokus wird auf hauptsächlich auf Texten von männlichen und europäischen Autoren liegen. Dies halte ich für ein Problem – ohne, dass dies ihre Texte schlechter machen würde. Bis mir eine andere Umgangsweise damit einfällt, bleibt mir nur, dies wenigstens anzusprechen.

Damit aber zum vorliegenden Text…

Cover von Jürgen Mümken, Michael Bakunin. Philosophische Betrachtungen
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Bakunins negative Dialektik

Lesedauer: 18 Minuten

Originaltitel: Bakunin, die AfD, mein Vater und die sozialen Bewegungen – Eine Revitalisierung von Die Reaktion in Deutschland (1842)

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #108, Mai 2020

von: Jens Störfried

Einstieg in die sozial-revolutionäre Philosophie

Ein (proto-)anarchistischer Text, der mich vor Jahren begeistert hat, war Die Reaktion in Deutschland von Michael Bakunin. Der reißerische Titel allein war es wert, den mal wieder zu lesen… Und siehe da: Inzwischen verstehe ich das philosophische Gedankenkreisen noch etwas besser und finde es hochaktuell. In dieser Darstellung werde ich allerdings etwas abstrakt bleiben, um die Denkweise Bakunins nachzuempfinden und hoffe, sie dennoch etwas zugänglicher zu machen.

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Zur Frage der Gewalt im frühen Anarchismus

Lesedauer: 59 Minuten

Jonathan Eibisch

Zur Frage der Gewalt im frühen Anarchismus

Ein Abriss anhand der Vorstellungen Michail Bakunins und Pjotr Kropotkins

Am Ausgangspunkt dieser Arbeit stand die Verunglimpfung des Anarchismus‘ der angeblich Gewalt per se befürworten würde oder/und in seiner Konsequenz zu ihr führen würde. Dass schon der frühe Anarchismus maßgeblich auf einer Kritik an der Gewalt aller Herrschaftsverhältnisse – insbesondere des Staates – beruhte, sollte damit totgeschwiegen werden. Was blieb wäre eine Rechtfertigung der staatlichen Gewalt und des bestehenden politischen Systems um jeden Preis. Diese Gedankenfigur ist ein wesentliches Element fast jeder politik-theoretischer Überlegungen. Dem entgegen entstand die vorliegende Abhandlung mit dem Anliegen, im Rahmen der politischen Ideengeschichte eine seltene staatskritische Perspektive einzunehmen. Dem Professor fiel dabei gar nicht das Grundproblem der von ihm gestellten Pseudo-Frage, wie und warum Anarchist*innen Gewalt legitimieren auf: Um diese überhaupt beantworten zu können, brauchte es eine Beschäftigung mit dem Verständnis von und den Überlegungen zu Gewalt bei den frühen Anarchist*innen…
In der Broschüre werden grundlegende Vorstellungen zu Gewalt und anarchistische Grundbegriffe dargestellt, um diese erfassen und beschreiben zu können. Dazu dient die Beschäftigung vor allem mit Bakunin und Kropotkin als bedeutende frühe Theoretiker des Anarchismus‘. Weil ‚Gewalt‘ aber stets mit Herrschaft verknüpft ist und einhergeht, stellt ihre Thematisierung gleichzeitig einen Einstieg in das anarchistische Denken insgesamt dar. In diesem Sinne ist diese Schrift eher als leichter Einstieg zu verstehen, anstatt das sie grundlegend neue Erkenntnisse zu Tage fördert. Dennoch stellt die fortwährende Beschäftigung mit grundlegenden Gedanken einen wichtigen Beitrag dar, damit Handelnde in sozial-revolutionären Bewegungen ein Bewusstsein über sich selbst erlangen und diese in unseren reaktionären Zeiten weiterentwickeln können.

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