Ein (anti-)politischer Egoismus und Hedonismus

Lesedauer: 13 Minuten

Es gab ein Buch, das mich in letzter Zeit nachdenklich gemacht hat. Und zwar die reine Freude am Sein. Wie man ohne Gott glücklich wird, von Michel Onfray, welches 2008 auf deutsch erschienen ist. Interessant finde ich weniger die Inhalte an sich, sondern der Kontext, in dem es geschrieben ist. Denn Onfray startete gewissermaßen als Anarchist. Sein erstes Buch (1989) war eine Studie zum französischen Individualanarchisten George Palante, welcher sich auf Stirner und Nietzsche bezog. Onfray stellt sich explizit in diese individualanarchistische Tradition und formuliert davon abgeleitet eine vehemente Kritik an gängelnden, normierenden und repressiven Institutionen, sowie an jeglichen Ideologien, welche Einzelne zwingen und unterwerfen. Große Bekanntheit erlangte er mit seinem Buch Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss (2006) und wurde durch seine Schriftstellerei so erfolgreich, dass er 2002 eine Art Volkshochschule in Caen gründete, in welcher er seinen eigenen Stil ausprägen konnte. Dieser besteht insbesondere darin, dass er die hedonistischen Strömungen der europäischen Philosophie als Tradition durch die Geschichte hindurch, in den Vordergrund stellt. Dazu schrieb er zwischen 2006 und 2013 einen Gegengeschichte der Philosophie in neun Bänden, von denen hier insbesondere der fünfte L’eudémonisme social – de Godwin à Bakounine interessant sein könnte. Wichtig ist zudem, dass Onfray sich als „Postanarchisten“ bezeichnet und aus dieser Position heraus eine vehemente Kritik an der EU, am Islam und an „liberalen“ Politikformen der Linken entwickelt – ohne sich deswegen jedoch das Subjekt der Klasse zu rehabilitieren.

„Ein (anti-)politischer Egoismus und Hedonismus“ weiterlesen

23 Thesen zum Anarchismus (Gabriel Kuhn)

Lesedauer: 22 Minuten

Vor inzwischen vier Jahren erschien der Text Revolution ist mehr als ein Wort: 23 Thesen zum Anarchismus. Was ich enorm gelungen finde und womit ich mich stark identifizieren kann, ist die involvierte wie zugleich selbstkritische Position, welche Gabriel Kuhn darin einnimmt. Programmatische Thesen zu schreiben hat eine lange Tradition. Werden sie von Personen verfasst, welche sich selbst in einer Rolle der Nur-Theoretiker*innen sehen, verfehlen sie jedoch in der Regel ihren Gegenstand, auch wenn ihre Aussagen aus einer bestimmten Perspektive ihre Richtigkeit haben mögen. Dieser Text hingegen ist ein Anstoß, in welchem deutlich wird, dass der Autor weiß, wovon er spricht. Seine klare Positionierung im anarchistischen Lager ermöglicht erst jene selbstkritische Herangehensweise, die von Menschen, für welche ihre inhaltliche, politische Position stark mit ihren persönlichen Erfahrungen, Wünschen, Sehnsüchte etc. verbunden ist, auch angenommen werden kann.

„23 Thesen zum Anarchismus (Gabriel Kuhn)“ weiterlesen

(Anti-)Politik als Ausdruck und Ausweg einer verfahrenen Praxis

Lesedauer: 14 Minuten

Anschließend an den Beitrag von Martin Dornis, möchte ich hier den von Lukas aus der ersten Ausgabe der Lirabelle spiegeln. Der Autor beschäftigt sich ebenfalls mit den Widersprüchen radikaler Politik, welche von selbsterklärten Pragmatiker*innen in der sogenannte „radikale Realpolitik“ aufgelöst werden, was meiner Ansicht nach keine zufriedenstellende Lösung ist. Umgekehrt hat aber auch die autonome Perspektive kaum Schritte nach vorn gemacht, was eine sinnvolle Auflösung der Problematik Politik angeht. Schön an Lukas‘ Text ist, dass er seine Reflexion anhand realer Unzulänglichkeiten und Konfliktlinien innerhalb der der „radikalen Linken“ entspinnt, bzw. die praktischen Probleme zum Anlass nimmt, eine Metaüberlegung anzustellen. Über die von Marx abgeleitete „Kritik der Politik“ hinaus, werde ich anderer Stelle allerdings wieder dezidiert anarchistische Ansätze verfolgen.

Hier nun der Text von Lukas:

„(Anti-)Politik als Ausdruck und Ausweg einer verfahrenen Praxis“ weiterlesen

Schatzkiste: Die Macht der Minderheiten (Emma Goldman)

Lesedauer: 14 Minuten

In ihre Beitrag von 1910, der unter den Titeln Minderheiten weisen den Weg und auch Die Masse publiziert worden ist, setzt sich Emma Goldman mit dem Verhältnisse von Mehrheiten und Minderheiten auseinander. Dies betrifft Politik im engeren Sinne, aber auch die Meinung in der Gesellschaft und kulturelle Fragen. Einleitend schreibt sie:

Wenn ich die Richtung, in der unsre Zeiten sich bewegen, mit einem Wort zusammenfassen soll, so sage ich: Quantität. Die Menge, der Geist der Masse herrscht allenthalben vor und zerstört die Qualität. All unser Leben – Produktion, Politik und Erziehung – beruht auf der Quantität, auf der großen Zahl. […] In der Politik zählt nichts als Quantität: Prinzipien, Ideale, Gerechtigkeit und Festigkeit sind völlig von der Menge hinweggespült worden.

Quelle: wikipedia, respektive: https://www.loc.gov/pictures/item/2014680747/
„Schatzkiste: Die Macht der Minderheiten (Emma Goldman)“ weiterlesen

Inspirierendes zur Möglichkeit von (Anti-)Politik

Lesedauer: 14 Minuten

Der Folgende Aufsatz von Martin Dornis aus dem Jahre 2002 hatte mich vor 4 Jahren sehr inspiriert, weswegen ich ihn hier replizieren möchte um deutlich zu machen, dass ich mich seinen Aussagen sehr verbunden fühle. Damit meine ich eine inhaltliche Bezugnahme (Mit dem Bahamas-Umfeld mit dem Dornis offenbar zumindest 2011 assoziiert war, hatte ich nie was zu schaffen und werde dies auch keinesfalls.)

Ich finde Dornis dialektische Gegenüberstellung von Politik und Anti-Politik spannend und bin überrascht, dass sie so ähnlich wie bei Newman (2010) formuliert ist, der doch aus einer ganz anderen Ecke kommt. Verbindungen bestehen hier sicherlich keinerlei. Gleichwohl ist es naheliegend auf ähnliche Denkfiguren zu kommen, wenn das paradoxe Wesen radikaler Politik erfasst werden soll, die in Frage gestellt und überschritten wird. Ausgangspunkt bei Dornis ist die (wertkritische) Kritik der Politik – und dies betrifft auch sogenannte „außerparlamentarische“, „antifaschistische“ und „autonome“ Politik.

Statt eines langen Kommentars möchte ich dies nur an einem einzelnen Punkt verdeutlichen: Dornis schreibt in seiner 14. These:

Die Anti-Politik ist weder revolutionär noch reformerisch. Sie demaskiert „Reform“ und „Revolution“ als Spielarten der Politik. Sie tritt für ein schrittweises, spontanes und unkontrolliertes Ausbrechen aus der Marktwirtschaft und Staatsgesellschaft ein. Sowohl Reform als auch Revolution verblieben bisher in den Grenzen des Bestehenden. Die Anti-Politik jedoch strebt die Überwindung von Markt und Staat an und will diese nicht durch eine „Selbststeuerung der Gesellschaft“ sondern durch die bewusste und diskutierte Gestaltung ersetzen. Gesellschaftliche Verhältnisse will sie zum Gegenstand der Diskussion machen.

Deutlich werden die Schnittpunkte zum anarchistischen Konzept der sozialen Revolution, auf welches Dornis sich freilich nicht dezidiert bezieht, dessen Grundgedanken jedoch spürbar ähnlich sind. Eine Abgrenzung nimmt er vor, indem er sich gegen die ‚Selbststeuerung der Gesellschaft‘ richtet – eine alte anarchistische Vorstellung, die jedoch zur Floskel verkommt, wenn dahinter kein wirkliches Verständnis (bzw. Verstehen-Wollen) von Gesellschaft steht. Vielmehr ist die Frage nach der Organisation einer solidarischen, egalitären und freiheitlichen Gesellschaft auch von anarchistischer Seite zu beantworten, will diese nicht lediglich zersplitterte Opposition, sondern sozial-revolutionäres Vorhaben sein. Mit seinem Anliegen „gesellschaftliche Verhältnisse […] zum Gegenstand der Diskussion “ zu machen, knüpft Dornis meiner Ansicht nach beim Verständnis der intellektuellen Dissidenz von György Konrád (1985). Dies ist aber eine andere Geschichte…

Es folgt der Text von Martin Dornis Anti-Politik ist eine Möglichkeit

„Inspirierendes zur Möglichkeit von (Anti-)Politik“ weiterlesen

Kommentar: Ziviler Ungehorsam und direkte Aktion

Lesedauer: 9 Minuten

Marco Fatfat schrieb kürzlich in der Zeitschrift für philosophische Literatur eine Rezension über das Einführungsbuch „Civil Disobedience“ von William Scheuerman (Cambridge: Polity Press 2018). Ziviler Ungehorsam ist für den vorliegenden Zusammenhang selbstredend ein relevantes Thema. Aufmerksam wurde ich allerdings, als ich las, dass Scheuerman auch ein Kapitel über „Anarchist Uprising“ schrieb – immerhin wollte ich wissen, was er darunter versteht und wie er es einschätzt.

„Kommentar: Ziviler Ungehorsam und direkte Aktion“ weiterlesen

Verfallsformen des Politischen

Lesedauer: 16 Minuten

Originaltitel: Die Verfallsformen des Politischen und die Wiedergewinnung einer holistischen sozial-revolutionären Praxis

zuerst veröffentlicht auf: de.indymedia.org, barrikade.info, untergrund-blättle.ch

Mona Alona

Dieser Beitrag ist subjektiv. Damit schöpfe ich aus der Reflexion über eigene Erfahrungen und Wahrnehmungen, über die ich gleichwohl schreibe, weil ich aus dem Speziellen auch einige Aspekte des Generellen ableite – die ihre Gültigkeit nur haben, wenn – bzw. zu welchem Grad – sich Andere darin wiederfinden. Ursprünglich entwickelte ich diese Gedanken an er Schwelle zum 30. Lebensjahr, an welchem bekanntliche sich die Großzahl der verbleibenden Genoss*innen, aus der linksradikalen Szene herauszieht.

„Verfallsformen des Politischen“ weiterlesen

Sozial-liberale Inspirationsquelle oder Extremismus der Mitte?

Lesedauer: 26 Minuten

– äußerst ausführliche Buchbesprechung zu Wilhelm Wolfgang Schütz Antipolitik. Eine Auseinandersetzung über rivalisierende Gesellschaftsformen, Köln/Berlin (1969)

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Jonathan Eibisch

Der Ausgangspunkt: „Erschütterungen“ und „Unfrieden“

In meiner Suche nach Bezugspunkten für die Erarbeitung eines anarchistischen Politikverständnisses stieß ich auf das Buch Antipolitik. Eine Auseinandersetzung über rivalisierende Gesellschaftsformen des Politikberaters und Journalisten Wilhelm Wolfgang Schütz. Zunächst gelangweilt vom etwas altväterlich wirkenden Stil des Autoren, wollte ich es lediglich grob durchzublättern, bis ich entdeckte, dass der Autor einer recht seltenen und heute kaum mehr anzutreffenden Gruppe angehört: Schütz (1911-2002) war tatsächlich ein Sozial-Liberaler, einer, der die Freiheit der Einzelnen betonte, mit humanistischem Ansatz Menschenrechtsvergehen anprangerte und für eine sich selbst kontrollierende demokratische und pragmatische Sachpolitik eintrat. Bekannt ist er für seine unkonventionellen Vorschläge zur damals sogenannten „Deutschlandpolitik“, also den Bestrebungen zur Wiedervereinigung. Er wollte sie durch eine wechselseitige Annäherung und wirtschaftliche Verflechtungen erreichen. Äußerst selten kommt es vor, dass jemand, die*der Teil des politischen Establishments ist, in diesem Betrieb zugleich eine selbstkritische Haltung einnimmt und eigene Meinungen vertritt. Schließlich ist es ja auch selten, dass Politiker*innen überhaupt eigene Meinungen haben.

„Sozial-liberale Inspirationsquelle oder Extremismus der Mitte?“ weiterlesen

Eine anarchistische Politik der Autonomie zwischen Politik und Anti-Politik

Lesedauer: 11 Minuten

Darstellung einiger Kernaspekte von Saul Newmans „The Politics of Postanarchism“ (2010)

zuerst veröffentlicht in: Paradox-A / Dez. 2017

von Jonathan Eibisch

Das Werk zur anarchistischen politischen Theorie Saul Newmans ist nun schon wieder einige Jahre alt. Obwohl ich davon ausgehe, dass diejenigen, welche an anarchistischer Theoriebildung interessiert sind und ihre Erneuerungsbewegungen verfolgen durchaus auch auf das Buch von Newman gestoßen sind und sich davon ausgehend ihre Gedanken gemacht haben, ist mir keine Besprechung des Buches auf deutsch bekannt. Ich vermute also weder der einzige noch der erste zu sein, der sich mit den Fragen beschäftigt, welche Annahmen über Politik im anarchistischen Denken bestehen, ob es überhaupt anarchistische politische Theorie gibt und welche Politikformen der Anarchismus anzubieten hat. Gleichzeitig wünsche ich mir, die Debatte darüber, vor allem in Hinblick auf eine strategische Entwicklung des Anarchismus in der BRD (anstatt nur aus reinem „Interesse“ oder als Hobby) auszuweiten und mitzugestalten. Dazu halte ich die Theorie von Newman für sehr wertvoll und durchaus geeignet, um sich darüber bewusst zu werden, was Anarchist*innen eigentlich meinen, wenn sie von „Politik“ sprechen und welche Konsequenzen für ihr Handeln sie daraus ableiten. Würde ich verschiedene Personen fragen die sich selbst als Anarchist*innen bezeichnen, so bin ich mir sicher, äußerst verschiedene und schwammige Antworten darauf zu erhalten. Ist Politik das was in staatlichen Institutionen, dem Parlament oder den Ministerien oder auch in hierarchisch strukturierten Parteien und großen Unternehmen stattfindet und ist sie deswegen aus anarchistischer Perspektive grundsätzlich abzulehnen? Oder handelt es sich um das, was wir in unseren politischen Gruppen und ganz von uns ausgehend tun wenn wir uns in Basiskämpfen engagieren, gelegentlich in der Öffentlichkeit wirken und anarchistische Ideen verbreiten und nicht zu Letzt uns zunächst erst einmal selbst gleichberechtigt und freiwillig organisieren? Ist für uns entscheidend, eine selbstbestimmte und reflektierte „Politik der ersten Person“ zu betreiben und mit Direkten Aktionen unmittelbar auf unsere Umgebung einzuwirken? Oder sollte es bei Politik vor allem darum gehen, „den Massen“ von Menschen (das heißt all jenen, die im demokratischen politischen Prozess unterrepräsentiert sind oder überhaupt nicht vorkommen) Hinweise und Fähigkeiten in die Hände zu geben, damit diese ihre Interessen selbst organisieren und artikulieren können? Unter welchen Umständen sind beispielsweise die Organisierung einer Soliparty, des kollektiven Zusammenlebens oder der Care-Arbeit als äußerst politische Angelegenheiten anzusehen und wann gibt es eher Sinn, sie explizit als weniger politisch zu bezeichnen – aber deswegen keineswegs als weniger wichtig als einen Infostand oder eine Demonstration? „Das Private ist politisch“ ist ein Slogan der „zweiten Frauenbewegung“ der 1970er Jahre der – so vermute ich – dem Politikverständnis der meisten Leser*innen dieses Textes sehr nahe liegen dürfe. Auch wenn ich diesem Ansatz grundsätzlich zustimme frage ich mich jedoch, welche Bedeutung der Begriff „Politik“ noch hat, wenn im Grunde genommen alles als politisch angesehen wird. Und ob dann der Poker und das Geklüngel um die Macht von verschiedenen kapitalistischen Fraktionen innerhalb staatlicher Institutionen noch als Politik zu bezeichnen ist oder nicht im Grunde genommen als etwas ganz anderes – zum Beispiel als „Verwaltung“ – beschrieben werden müsste… Vorstelllungen von Politik gibt es alleine im anarchistischem Denken sehr verschiedene. An dieser Stelle geht es nicht darum, festzulegen, was Politik an sich denn „eigentlich“ und noch weniger, was denn die richtige Politik ist. Vielmehr finde ich es wichtig Diskussionen darüber anzustoßen, was wir jeweils in unseren konkreten Situationen und Zusammenhängen unter Politik verstehen, wo wir sie betreiben wollen oder vielleicht gerade auch nicht.

„Eine anarchistische Politik der Autonomie zwischen Politik und Anti-Politik“ weiterlesen