Die Sonne, der Krieg, die Bibliothek

Lesedauer: 8 Minuten

– Sorel betritt den Raum durch die Hintertür

Es kommt mir vor als würde ich auf den letzten Metern aus einem langen Winterschlaf erwachen. Der Frühling kommt, die Welt steht in Flammen und ich pfeife auf meinem Fahrrad auf dem Weg zur Bibliothek. Das müssen die Hormone sein. Täglich vernichtet die von Menschen gemachte mehr oder weniger anonyme, doch sehr konkret spürbare Herrschaftsordnung das Leben auf diesem einzigartigen Planeten. Ich denke an einen Menschen, den ich wohl etwas begehre – aber ich weiß noch nicht wie, warum, wozu – und freue mich, solches Begehren überhaupt noch oder wieder empfinden zu können.

Derweil zerfetzen Projektile Leiber in der Ukraine und explodieren Raketen in Wohnhäusern, Krankenhäusern und Einkaufszentren. Nicht so weit weg. Nicht so weit weg von mir. Doch das waren Syrien und Afghanistan auch nie. Eben mal wird die Militarisierung der deutschen Gesellschaft postdemokratisch beschlossen und durchgewunken. Die Stimmung ist gut um den Nationalstaat zu erneuern. Die Leute besoffen vor humanistischem Geseiere und Hilfsbereitschaft in Fahnenmeeren – als Kompensation der Leidenschaften, welche die Politik der Angst in ihnen einpflanzt und auslöst. Im Herzen der Bestie Kratos steht der Militärapparat und pure Gewalt zerschmettert das nackte Leben. Darin gleichen, ergänzen und stützen sich Staat, Kapitalismus und Patriarchat: Dass sie Leben verdinglichen, bewerten, hierarchisch anordnen und im Zweifelsfall vernichten können.

Was ist denn los? Wie kann die Sonne nur wieder so wunderbar scheinen? Ich bin ein Kind dieser Welt und die Hälfte meines kurzen Lebens, dieses chaotisch-träumerisch-sensiblen Windhauchs, ist bereits vorbei – wenn ich Glück habe. Und das habe ich. Denn ich lebe im privilegierten Teil dieser Welt und habe lange Zeit eigene Strategien gefunden, mich so gut es ging den Zumutungen dieser grausamen Realität aus Lohnarbeit, Unterwerfung und Schlachterei zu entziehen. Ich kenne Menschen, die darauf verweisen, dass es Entwicklungen zum Positiven hin gibt. Und das schätze ich, weil es in unserem Potenzial liegt die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend zu verändern. Um die Enteignung und Vergesellschaftung des Reichtums werden wir dabei aber nicht herum kommen. Wie zu allen Herrschaftszeiten erzürnt dies das progressive Bürgertum in seinen moralisch aufgeladenen Debatten um die Weltverbesserung.

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Mit, gegen oder jenseits von Politik?

Lesedauer: < 1 Minute

Es gibt gute Gründe, die Politik von Regierungen, staatlichen Institutionen, Parteien und NGOs zu kritisieren. Gleichzeitig wollen Menschen in selbstorganisierten Zusammenhängen eigene Politik hervorbringen. Anarchist*innen haben eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Politikmachen überhaupt. In der politischen Theorie des Anarchismus werden Individuen, das Soziale, die Gesellschaft, die Ökonomie und die Gemeinschaft als Gegenpole zur Politik verstanden, während letztere oftmals dem staatlichen Herrschaftsverhältnis zugeordnet wird.
Ist politisches Handeln überhaupt etwas, was wir verfolgen sollten? Wann, unter welchen Umständen und wie agieren wir auf dem politischen Feld? Gibt es eine autonome Politik und was sind ihre Kriterien?
Wenn wir diesen Fragen nachgehen, können wir andere Praxisformen entdecken, selbstbestimmter und zielgerichteter in gesellschaftlichen Widersprüchen handeln – und den Politikbegriff strategisch mit unseren eigenen Inhalten und Erfahrungen füllen.

Was die Fragen im Nachgang des Vortrags angeht, frage ich mich etwas, ob einige Menschen erwarten, dass ich ihnen die Welt erklären können muss, bevor sie anarchische Überlegungen ernst nehmen. Natürlich habe ich eine Meinung zu verschiedensten Dingen. Interessanter als diese sollte aber die Weise sein, auf die ich anarchistisches Denken darstelle. Deswegen stimmt es trotzdem, dass es anschauliche, anschlussfähige und funktionierende Beispiele braucht, in denen Menschen leben und sich organisieren. Doch kann ich mich nun einmal nicht mit allem beschäftigen und hoffe, die dargestellten Überlegungen inspirieren die eine oder andere Person…

Satanismus als subversive anti-politische Aktionsform?

Lesedauer: 2 Minuten

In meiner Suche nach Aktionsformen, Stile und Symboliken, an denen Figuren der Anti-Politik veranschaulicht werden können, komme ich naheliegenderweise auch beim Satanismus heraus. Nicht bei irgendwelchem abgedrehten Leuten, die Satan für ein physisches Wesen halten (obwohl ihnen das selbstverständlich nicht zu verbieten wäre), sondern beim politischen Satanismus, der sich gegen die Agenda der christlich-fundamentalistischen Rechten in den USA formierte. Unten finden sich einige Videos von Vice, welche The Satanic Temple interviewen und ihre Aktionen einfangen.

Daraus geht ziemlich klar hervor, dass dieser Satanismus zweifellos als Provokation angelegt ist, jedoch ein berechtigtes Aufbegehren gegen die Ungleichbehandlung von religiösen Vorstellungen darstellt. Hierbei geht es dann auch um handfeste politische Themen, wie das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Im Grunde genommen hat Satan vor allem deswegen Macht, weil Christen an ihn glauben, nicht Satanist*innen. Zumindest dem TST geht es dabei um eine zutiefst humanistische Auslegung des Satanismus mit dem sich die Dominanz christlicher und darin auch fundamentalistischer Gruppierungen angreifen lässt. Genauer wird dies an der Forderung deutlich, vor dem Kongressgebäude in Arkansas eine Statue von Baphomet aufstellen zu lassen, um die Selbstverständlichkeit anzufechten, mit welcher ein Monument mit den Zehn Geboten auf diesem Grund steht.

Dieses Konterkarieren von herrschaftlichen Symboliken, aus einem asymmetrischen Machtverhältnis heraus, scheint eine eminent anarchistische Handlungsweise zu sein. Werfen wir beispielsweise einen Blick in Bakunins Gott und der Staat von 1871, findet sich darin ganz zu Beginn folgende Passage:

„Jehova, von allen Göttern […] [der] Freiheit feindlichste, schuf Adam und Eva aus man weiß nicht was für einer Laune heraus, ohne Zweifel, um seine Langeweile zu vertreiben, die bei seiner ewigen egoistischen Einsamkeit schrecklich sein muss, oder um sich neue Sklaven zu schaffen […] Aber da kam Satan, der ewige Rebell, der erste Freidenker und Weltenbefreier. Er bewirkte, dass der Mensch sich seiner tierischen Unwissenheit und Unterwürfigkeit schämte; er befreit ihn und drückt seiner Stirn das Siegel der Freiheit und Menschlichkeit auf.“

Michael Bakunin, Gott und der Staat, in: Gesammelte Werke (Max Nettlau Hrsg.), hier S. 94.

Der eigentliche Sinne des Schöpfungsmythos bestünde daher darin:

„Der Mensch hat sich befreit, er hat sich von der tierischen Natur getrennt un sich als Mensch gebildet; er begann seine Geschichte und seine eigentlich menschliche Entwicklung mit einem Akt des Ungehorsams und der Erkenntnis, das heißt mit der Empörung und dem Denken.“

Ebd. S. 95.

Statt einfach nur gegen Religion zu pöbeln, bedient sich Bakunin hier selbst des religiösen Mythos, um seine Interpretation in eine der herrschenden Vorstellungswelt widersprechenden Weise auszulegen. Er greift das Christentum also immanent an – und dies wie der TST in einem klar humanistischen Sinne. Die Empörung, der Ungehorsam ist der erste Akt, welcher den Menschen von seiner „tierischen Natur“, also auch von seiner Abhängigkeit von metaphysischen Imaginationen befreit und damit eigentlich zum Mensch werden lässt, der seine eigene Geschichte gestalten, sich also selbst bestimmen kann. (Die Metapher lässt sich kollektiv als auch individuell auslegen.) Eine schöne Sache also, in derem Zusammenhang der anti-politische Move des TST diskutiert werden könnte…

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