Radio-Sendung: Zur (Anti-)Politik im Anarchismus

Lesedauer: 2 Minuten

Bei Radio Corax habe ich ein Gespräch zur (Anti-)Politik im Anarchismus geführt. Es lässt ebenfalls bei freie-radios.net anhören und downloaden und wird am 26.05. ausgestahlt. Weil wir unserer Zeit voraus sind, ist der Beitrag aber schon jetzt verfügbar. Hört gerne rein. Und macht eine Strichliste um alle „sozusagen“ und „eben“ zu zählen.

Hier noch der Beschreibungstext de Moderatoren:

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Anti-Politik, (Post)Anarchismus, Intellektuelle Dissidenz, Revolution und anderes – ein Gespräch

Lesedauer: < 1 Minute

Mit Josef Mühlbauer vom Varna Peace Institute habe ich ein Gespräch zur im weiteren Sinne (post-)Anarchistischen Theorie des Politischen aufgezeichnet. Da ich nicht in bester Verfassung war, wurden meine Redebeiträge recht ausführlich. Ich hoffe, es ist doch der eine oder andere Gedankengang dabei.

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Mit, gegen oder jenseits von Politik?

Lesedauer: < 1 Minute

Es gibt gute Gründe, die Politik von Regierungen, staatlichen Institutionen, Parteien und NGOs zu kritisieren. Gleichzeitig wollen Menschen in selbstorganisierten Zusammenhängen eigene Politik hervorbringen. Anarchist*innen haben eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dem Politikmachen überhaupt. In der politischen Theorie des Anarchismus werden Individuen, das Soziale, die Gesellschaft, die Ökonomie und die Gemeinschaft als Gegenpole zur Politik verstanden, während letztere oftmals dem staatlichen Herrschaftsverhältnis zugeordnet wird.
Ist politisches Handeln überhaupt etwas, was wir verfolgen sollten? Wann, unter welchen Umständen und wie agieren wir auf dem politischen Feld? Gibt es eine autonome Politik und was sind ihre Kriterien?
Wenn wir diesen Fragen nachgehen, können wir andere Praxisformen entdecken, selbstbestimmter und zielgerichteter in gesellschaftlichen Widersprüchen handeln – und den Politikbegriff strategisch mit unseren eigenen Inhalten und Erfahrungen füllen.

Was die Fragen im Nachgang des Vortrags angeht, frage ich mich etwas, ob einige Menschen erwarten, dass ich ihnen die Welt erklären können muss, bevor sie anarchische Überlegungen ernst nehmen. Natürlich habe ich eine Meinung zu verschiedensten Dingen. Interessanter als diese sollte aber die Weise sein, auf die ich anarchistisches Denken darstelle. Deswegen stimmt es trotzdem, dass es anschauliche, anschlussfähige und funktionierende Beispiele braucht, in denen Menschen leben und sich organisieren. Doch kann ich mich nun einmal nicht mit allem beschäftigen und hoffe, die dargestellten Überlegungen inspirieren die eine oder andere Person…

Wohlstand für alle!

Lesedauer: 8 Minuten

Eine Wiederaneignung von Peter Kropotkins Theorie des kommunistischen Anarchismus

zuerst veröffentlicht in: GWR #463

Welchen Themengebieten und Disziplinen widmete sich Kropotkin? Welche Rolle spielte Wirtschaftstheorie in seinem Gedanken-gut? Und welche Ethik? Wie hat er seine Theorie des kommunistischen Anarchismus mit praxisorientierten Ansätzen verknüpft? Jonathan Eibisch versucht sich an einem knappen Überblick über das Gesamtwerk des anarchistischen Denkers Peter Kropotkin, um zu einer neuen Beschäftigung mit seinen Grundgedanken und seiner Perspektive anzuregen. (GWR-Red.)

Ein bewegtes Leben, der Sache gewidmet

Am 8. Februar 1921, also vor inzwischen über 100 Jahren, starb Peter Kropotkin, einer der wichtigsten Denker der anarchistischen Bewegung. Auch wenn anarchistische Geschichten und Personen im deutschsprachigen Raum leider weniger bekannt sind als etwa in Großbritannien, Spanien, Italien oder Frankreich, haben sicherlich die meisten irgendwie Linken auch hierzulande schon mal von Kropotkin gehört. Nun ist es gerade unter Anarchist*innen teilweise verpönt, an vermeintlich wichtige Personen zu erinnern oder gar Kulte um sie zu errichten. Dies bezieht sich auch auf den „anarchistischen Prinzen“, der zwar sehr bescheiden auftrat, aber dennoch so stark von seinen ei-genen Ansichten überzeugt war, dass es offenbar nicht so einfach war, mit ihm zu kooperieren, wie etwa seine Zeitgenossen Max Nettlau oder Errico Malatesta anmerkten.

Dennoch kann das historische Datum Anlass für eine Wiederaneignung von Kropotkins Theorie sein. Zunächst ist da seine recht eindrucksvolle Biographie. Angewidert vom Autoritarismus des Zarenreiches verließ er seine soziale Klasse, den russischen Hochadel, um ein anerkannter Geograph zu werden und sich dann sozialrevolutionären Bewegungen anzuschließen. Dies brachte ihm fünf Jahre Haft erst in Petersburg und dann bei Lyon ein. Aus dem ersteren Gefängnis gelang ihm 1876 eine spektakuläre Flucht nach Westeuropa, wo er 40 Lebensjahre im Exil verbrachte. Zu letzterer Haftstrafe wurde er als prominente Figur der anarchistischen Bewegung für militante Akte während eines französischen Bergarbeiterstreiks 1882 verurteilt, mit denen er nichts zu tun hatte. Nur auf internationalen politischen Druck hin wurde er schließlich vorzeitig entlassen. Er lebte und wirkte in der Schweiz, in England und Frankreich. Im hohen Alter kehrte er während der Revolution 1917 nach Russland zurück und wurde dort mit begeisterten Demonstrationen von Genoss*innen empfangen. Kein Wunder, denn Kropotkins Schriften wurden in verschiedene Sprachen übersetzt und fanden vor allem in Form von Broschüren weite Verbreitung unter Anhänger*innen des libertären Sozialismus, vorrangig in der Arbeiter*innenbewegung. Seine Auseinandersetzung mit Lenin ist eine Wegmarke bei den grundlegenden Differenzen zwischen Anarchist*innen und autoritären Parteikommunist*innen.

An dieser Stelle möchte ich allerdings vor allem einen knappen Eindruck von Kropotkins Gesamtwerk vermitteln, um deutlich zu machen, warum dieses auch heute noch interessant ist und einer Wiederaneignung lohnt. Zunächst ist dabei zu bemerken, dass Kropotkin den kommunistischen Anarchismus zwar als „linken Flügel“ der Arbeiter*innenbewegung verstand, dieser aber nicht einfach als Bindeglied oder Mischform zwischen Kommunismus und Anarchismus angesehen werden kann, sondern als eigenständige Strömung begriffen werden muss. Mit dieser wird der Fokus auf eine selbstorganisierte und autonome sozial-revolutionäre Bewegung gelegt, welche in ihren Auseinandersetzungen, Praktiken und Organisationsformen die erstrebenswerte libertär-sozialistische Gesellschaftsform bereits vorwegnimmt. Dabei geht es um eine Ermächtigung der unterschiedlichen ausgebeuteten und unterdrückten sozialen Klassen, die sich in ihrem gemeinsamen Interesse zusammenschließen, um die Herrschaftsordnung zu überwinden und an ihrer Stelle die Anarchie zu verwirklichen. Staatlichkeit wird von Kropotkin nicht allein als Reihe von Institutionen verstanden, sondern als Prinzip von („angemaßter“) Autorität, Hierarchie und Zentralismus. Demgegenüber sollen mit dem kommunistischen Anarchismus Freiwilligkeit, soziale Gleichheit und Föderalismus verwirklicht werden.

Kein utopischer Reißbrett-Entwurf, sondern rationale Begründung der machbaren Alternative

Im Unterschied etwa zu Bakunin, der es nicht als Aufgabe der Revolutionär*innen ansah, sich Vorstellungen von einer erstrebenswerten Gesellschaft zu machen, weil diese nur aus der Negation des Bestehenden her-vorgehen könne, skizzierte Kropotkin einen solchen positiven Gesellschaftsentwurf. Viel mehr als unvermeidliche Aufstände und revolutionäre Umbrüche sei interessant, was vor diesen und was nach diesen geschehe. Mit einer Revolution werde also nicht von sich aus sozialer Fortschritt oder Freiheit ermöglicht, wes-wegen es umso mehr darauf ankomme, wie sich die sozialen Bewegungen organisieren, wie sie kämpfen und woraufhin sie sich orientieren würden. Dabei betonte Kropotkin vehement, dass es sich bei seinen Überlegungen nicht um „utopische“ Konzeptionen, sondern um eine prinzipiell erkämpfbare, realistische und vor allem rational begründete gesamtgesellschaftliche Alternative handle. Über die Details hinaus ist es meines Erachtens insbesondere jenes Anliegen, weswegen Kropotkins Herangehensweise für uns heute interessant ist. Einerseits besteht heute eine gut begründete Kritik an verschiedenen Aspekten des kapitalistischen Staates und den gegenwärtigen Herrschaftsverhältnissen, andererseits finden sich in sozialen Bewegungen jahrzehntelange Erfahrungen mit alternativen emanzipatorischen Strukturen, Lebensstilen und „radikalen“ Politikformen. Was jedoch nur in Ansätzen und teilweise vorhanden und teilweise leider nicht ernst zu nehmen ist, sind geteilte Visionen, wie es grundlegend anders werden und wo es hingehen kann.

Kropotkin war sich darüber bewusst, dass der Entwurf einer alternativen Moderne nicht am Schreibtisch eines Intellektuellen erarbeitet werden kann. Daher mischte er sich immer wieder mit Beiträgen in aktuelle Debatten ein, bezog sich sowohl auf tagesaktuelle politische Entwicklungen und Diskussionen in der anarchistischen Szene als auch auf wissenschaftliche Forschungen verschiedener Disziplinen, mit denen er analog zu Marx‘ „wissenschaftlichem“ Sozialismus einen „wissenschaftlichen“ Anarchismus begründen wollte. Die in seinen Schriften ausformulierten Darstellungen und Vorschläge sind daher keine bloßen Kopfgeburten, sondern akribische Auseinandersetzungen mit den Bedingungen seiner Epoche. Aber – und das macht sie einerseits problematisch, andererseits zugleich paradoxer-weise aktuell – Kropotkin ist in seinem gesamten theoretischen Werk angetrieben von einem ausgeprägten Begriff sozialer Gerechtigkeit und der unkritischen Begeisterung für die Möglichkeit der „wissenschaftlichen“ Erarbeitung einer den „natürlichen“ Bedürfnissen und Fähigkeiten der Menschen am besten entsprechenden Gesellschaftsform. Darüber hinaus ist er der absoluten Überzeugung, dass gesellschaftliche Ordnung weit besser ohne Staat und Kapitalismus eingerichtet werden kann und jene Herrschaftsverhältnisse keineswegs die Vorbedingungen für den libertären Sozialismus seien.

Damit komme ich zu einem Überblick über seine Schriften, die teilweise erst später in Büchern zusammengefasst wurden. Bei der Darstellung ergibt es Sinn, chronologisch vorzugehen, um Kropotkins Entwicklung aufzuzeigen. Seine anerkannten geographischen Beiträge blende ich dabei aus und konzentriere mich auf jene, die für die politische Theorie des kommunistischen Anarchismus relevant sind. Erstere waren allerdings insofern prägend für Kropotkins Perspektive und Persönlichkeit, als dass er durch seine geographische Forschung eine Begeisterung für Naturwissenschaften generell entdeckte und ein tiefgreifendes Verständnis für die Einbettung von Menschen in ihre Lebenswelten entwickelte. Schließlich stieß er bei seinen Forschungen in Ostsibirien auf indigene Gruppen, die in ihrem ganzen Leben noch nie etwas vom Staat gehört hatten – und damit ganz gut zurechtkamen.

Überblick über Kropotkins Gesamtwerk

Kropotkins politisch-agitatorische Frühschriften sind in Worte eines Rebellen (1885) gesammelt, in denen er für die soziale Revolution plädiert und diese in Abgrenzung zur Sozialdemokratie und dem Staatskommunismus begründet. Er fasst die Grundaspekte der anarchistischen Staatskritik zusammen und befürwortet revolutionäre Minderheiten, die aber keine Avantgarde bilden sollen. Dies bedeutet vor allem, das Klassenbewusstsein, die Organisation und Motivation der Aktiven in den sozialen Bewegungen zu fördern. Darüber hinaus verdeutlicht er, dass soziale und politische Rechte und Freiheiten nichts gelten, wenn sie lediglich formal durch Staaten gewährt werden, sondern erst dann Bedeutung haben, wenn sie zu Gewohnheitsrechten werden und in Alltagspraktiken verankert sind. Nach seiner Freilassung aus französischer Haft schrieb er mit In Russian and French Prisons (1887) eine umfassende Kritik an Gefängnissen und Strafen. Die Eroberung des Brotes (1892), aus welchem die bekannte Parole „Wohlstand für Alle“ stammt, ist eines meiner persönlichen Lieblingswerke Kropotkins. Anders als Marx in seiner Kritik der politischen Ökonomie widmet sich Kropotkin der Ausarbeitung einer politischen Wirtschaftstheorie für eine Gesellschaft auf Grundlage anarchistischer und kommunistischer Vorstellungen. Damit will er nachweisen, dass Wohlstand für alle gewährleistet werden kann, wenn die bestehende Gesellschaft grundlegend reorganisiert wird. Fünf Stunden gesellschaftlich notwendige Tätigkeit pro fünfköpfigem Haushalt täglich würden völlig ausreichen, um allen Menschen gleichermaßen ein Leben in Würde und Selbstbestimmung zu ermöglichen. Dazu wären selbstredend die Enteignung und Vergesellschaftung der Produktionsmittel, aber auch eine kollektive Organisation des Konsums notwendig.Das Buch Die große französische Revolution 1789-1793 (1893) stellt eine Geschichtsschreibung „von unten“ dar, in welcher Kropotkin der bürgerlichen Geschichte jene der Volksklassen entgegensetzt, die über Jahrzehnte hinweg selbstständig direkte Aktionen ausgeübt hätten und dann vom Bürger*innentum verraten worden seien, welches eine neue Herrschaftsordnung errichtet habe.

Moderne Wissenschaft und Anarchismus (1896) ist ein Beitrag, in welchem der Theoretiker den bereits erwähnten „wissenschaftlichen Anarchismus“ zu begründen versucht, wobei dieser kein „philosophisches System“, sondern eine reale Strömung in der Arbeiter*innenbewegung sei. Mit Die historische Rolle des Staates (1898) versucht sich Kropotkin – wie der Titel schon sagt – an einer historisch-kritischen Analyse der Entstehung des modernen Staates, wobei er eine Idealisierung der mittelalterlichen Städte und Dorfgemeinden des 12. Jahrhunderts betreibt, was ihm den Vorwurf einbrachte, anti-modern zu denken. Meiner Ansicht nach ist dieser Vorwurf nicht berechtigt, wenn man Kropotkins Gesamtwerk betrachtet. Auch seine Behauptung, dass das „anarchistische“ Modell einer Föderation dezentraler, autonomer Kommunen durch die Geschichte hin-durch immer wieder aufkomme und umgesetzt werde, halte ich für plausibel. Dagegen ist Kropotkin vorzuwerfen, dass er die repressiven Aspekte nicht-staatlicher Herrschaft im Feudalismus – wie etwa persönliche Abhängigkeiten und Fronarbeit – weitgehend ausblendet.In seiner Schrift Landwirtschaft, Industrie und Handwerk (1898) legt er den Fokus dagegen wie-der auf die Konzeption einer libertär-sozialistischen Gesellschaftsform. Er fordert darin eine Dezentralisierung der Industrie, die aufgrund der Arbeitsteilung in vielen Bereichen möglich sei, und eine Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe, um koloniale Abhängigkeiten und internationale Konkurrenz zu verringern. Statt für eine Verstädterung tritt er für eine Dezentralisierung urbaner Lebensräume ein. Weiterhin brauche der einzelne Mensch eine gleichmäßige Tätigkeit in industriellen, handwerklichen, landwirtschaftlichen und intellektuellen Bereichen. Zu diesem Zweck müsse eine umfassende „integrale“ Bildung für alle gewährleistet werden.Mit 55 Jahren schreibt er seine Memoiren eines Revolutionärs (1899) und beschäftigt sich mit Idealen und Wirklichkeit in der russischen Literatur (1901). So-wohl das Schreiben seiner eigene Biographie als auch jenes über Literatur entspricht allerdings keineswegs einer schriftstellerischen Leidenschaft, sondern er stellt es in den Dienst von Propaganda durch das Aufzeigen emanzipatorischer Alternativen.

Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt (1902) ist vermutlich Kropotkins bekannteste Aufsatzsammlung, die zu-nächst im englischen Naturwissenschaftsmagazin Nineteenth Century publiziert wurde. Darin wendet er sich in Anschluss an die Evolutionstheorie von Darwin gegen den so genannten Sozialdarwinismus, mit welchem in einer Krise des Kapitalismus begründet werden sollte, warum jener eine „naturgemäße“ Gesellschaftsform sei. Ohne Konkurrenz zu leugnen, weist Kropotkin ausführlich nach, dass ganz im Gegenteil Kooperation der entscheidende Faktor der Evolution sei. Sein Rückschluss von den natürlichen Instinkten nicht-menschlicher Tiere auf Menschen hinkt dabei, da das Leben in Gesellschaft andere Dynamiken aufweist als die Geselligkeit bei Tieren. „Solidarität“ ist kein Naturgesetz, sondern ein ethisch-politischer Standpunkt, welcher dement-sprechend eine bewusste Entscheidung verlangt. Dennoch lassen sich aus der von Kropotkin angelegten Perspektive viele Einsichten und Erkenntnisse ab-leiten, die heute teilweise auch evolutionsbiologisch begründbar sind.Den Abschluss seines Werkes bildet seine Ethik. Ursprung und Entwicklung der Sitten (1923), von welcher er vor seinem Tod nur den ersten Band fertigstellen konnte. Darin entwickelt er die Grundlagen einer materialistischen Ethik, welche die Bedürfnisse von Menschen in ihrem jeweiligen geschichtlichen und sozialen Kontext, anstatt etwa religiöse oder philosophische Moralsysteme, zum Ausgangspunkt nimmt. Eine moderne und rationale Ethik müsse dabei eine Synthese zwischen individuellen und gesellschaftlichen Bestrebungen der Einzelnen zum Ziel haben.

Schlussfolgerungen

Betrachten wir Kropotkins Werk in seiner Gesamtheit, zeigt sich, dass dieser sich verschiedenen Themengebieten und Disziplinen widmete. Von der Geographie gelangte er zur politischen Anthropologie und Geschichte sozialer Bewegungen. Daran schließt er eine anarchistische Wissenschaftstheorie an. Seine Staatstheorie und -kritik ist mit einer Wirtschaftstheorie des anarchistischen Kommunismus verknüpft. Geschichtsphilosophie und Menschheitsgeschichte bilden den großen Hintergrund seiner Überlegungen. Letztendlich ist es aber die Ethik, welche Kropotkins ganzes Denken, Forschen und Schreiben motiviert und die gewissermaßen seinen Ausgangs- und Schlusspunkt bildet. Dieses ethische Leben ist ebenso wie die Gesellschaftsform, die es ermöglicht, nicht einfach gegeben, sondern muss durch autonome und emanzipatorische soziale Bewegungen erkämpft und verwirklicht werden. Wenngleich Kropotkin der Frauenbewegung seiner Zeit bedauerlicherweise nicht den ihr gebührenden Stellenwert einräumte, so weisen seine Überlegungen doch äußerst progressive ökologische und anti-koloniale Aspekte auf. Statt „Antikapitalismus“ oder „Antistaatlichkeit“ als leere linksradikale Phrasen zu verwenden, skizzierte er Bedingungen und Formen eines dezentralen Sozialismus, föderativer und autonomer Kommunen. Damit zeigte er Fluchtlinien zu einer erstrebenswerten Gesellschaftsform auf, die aus vernünftigen Gründen verwirklicht werden kann.

Jonathan Eibisch

Anarchistische Staatstheorie – Vortrag online

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Vortrag wurde am 10.04. bei der Tagung des Netzwerk Utopie zur Staatskritik (https://freieassoziation.noblogs.org/staatskritik/) online gehalten und ist nun zugänglich. Unten folgt der Beschreibungstext der Veranstaltung.

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Föderation autonomer und dezentraler Kommunen

Staatskritik hat im Anarchismus bekanntlich eine große Tradition. Anarchistische Positionen entstanden in Kritik und Auseinandersetzung mit dem modernen Staat. Die enorme Ausdehnung von Staatlichkeit im 18., 19. und 20. Jahrhundert, ihre spezifische Rationalität, ihre unpersönliche, bürokratisch wirkende Macht, ihre Sogwirkung zur Zentralisierung, ihr Militarismus, Nationalismus und ihre Grenzziehung, erschien Anarchist*innen zurecht als Knotenpunkt der Herrschaftsordnung schlechthin. Der moderne Staat disziplinierte und normalisierte über die Zwangsinstitutionen von staatlicher Verwaltung, Militär und Schule die ihm unterworfene Bevölkerung und erschuf sie als staatsbürgerliche Subjekte erst, wobei staatliche Ideologie und Logik zunehmend verinnerlicht wurden.

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Kritischer Kommentar zu „Schwarze Flamme“

Lesedauer: 7 Minuten

Eine Rezension für das große Buch von Michael Schmidt und Lucien van der Walt (englisch 2009, deutsch 2013) brauche ich sicherlich nicht mehr schreiben, aber ja, ich habe es jetzt auch mal ganz gelesen. Ersterer Autor hat politisch ja etwas geirrlichtert, wie man so munkelt. Allerdings ging ich ohnehin davon aus, dass vor allem van der Walt das Werk geschrieben hat, zu welchem der angekündigte zweite Band, in welchem es um Syndikalismus weltweit gehen sollte, leider bisher nie erschienen ist.

Gut und beeindruckend an Schwarze Flamme ist die fundierte Recherche und der nachvollziehbare Argumentationsgang. Die Autoren stecken wirklich in den Debatten der jeweiligen Zeit drin. Syndikalismus wäre in der heutigen Welt mit ihrer armen, („eindeutig“ so zu benennenden) Arbeiter*innenklasse von mehr als 2 Milliarden Menschen und den entsprechenden eklatanten Vermögens- und Machtunterschieden der Klassen im 21. Jahrhundert eine relevante Bewegung. Was jedoch weitgehend vergessen worden wäre, sei die Geschichte des Syndikalismus, weswegen Schmidt und van der Walt ein vorrangig historisches Buch schreiben wollten. Dabei gälte es insbesondere an die „glorreiche“ Zeit des Syndikalismus zwischen 1890 und 1920 zu erinnern. – So weit, so verständlich. Gegen die historische Betrachtung habe ich nichts und zweifellos lässt sich aus vergangenen Debatten und Erfahrungen viel für die heutige Praxis lernen. Zu viel wird immer wieder vergessen und verdreht. Zugleich finde ich die Herangehensweise dahingehend schwierig, als das sie ihren Gegenstand meiner Ansicht nach als angestaubt konserviert und ihn als Sozialromantik konserviert. Wie viele Mitglieder welche syndikalistische Gewerkschaft hier und da irgendwann hatte – meine Güte, ich kann es nicht mehr hören! In gewisser Hinsicht bilden die Autoren damit allerdings tatsächlich den theoretischen Stand des Syndikalismus ab. Eine neue große Geschichte, kann nur geschrieben werden, wenn sie sich auf die alte bezieht, aber auch aus ihre herausschält.

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Drei frühe Abhandlungen über Anarchismus

Lesedauer: 4 Minuten

Die früheste deutschsprachige, mir bekannte wissenschaftliche Abhandlung über den Anarchismus findet sich 1895 im Buch von Ernst Viktor Zenkers Der Anarchismus. Kritische Geschichte der anarchistischen Theorie (Jena: Fischer-Verlag). Zenker trat dazu in Kontakt mit Elisée Reclus, welcher ihm viel Erfolg bei seinem Vorhaben einer wissenschaftlichen Beschreibung des Anarchismus machte, jedoch zugleich Zweifel an diesem Vorhaben äußerte, denn „man begreift nicht, was man nicht liebt“. Sprich, eine wissenschaftliche Betrachtung des Anarchismus muss notwendiger unzulänglich sein – wie der bekannte Geograph Reclus festhielt. Zenker sieht diese Herausforderung ebenso und schreibt im Vorwort: Die „Anarchisten werden mir daher die Eignung, über ihre Sache zu schreiben, einfach absprechen und mein Buch abscheulich reactionär nennen, die Socialisten werden mich allzu manchesterlich, die Liberalen allzu tolerant gegen die socialistischen Störenfriede finden; die Reactionären endlich werden mich selbst für einen verkappten Anarchisten erklären“ (Ebd.: S. VIII).

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Anarchismus auf den Philippinen

Lesedauer: 2 Minuten

Im Kontakt mit Simoun Magsalin erfuhr ich einiges über den Anarchismus auf den Philippinen, der sich unter einer Regierung mit starken faschistischen Tendenzen, als Alternative entwickelt. Simoun schrieb den Text Towards an Anarchism in the Philippine Archipelago, in dem er die Notwendigkeit einer befreienden Politik von unten betont und den er mir freundlicherweise hier zur Verfügung stellt:

In Manila strebt das Bandilang Itim Kollektiv eine Verbreitung anarchistischer Vorstellungen an und bezieht sich dabei auch auf neue theoretische Entwicklungen. Lohnenswert scheint mir dahingehend z.B. der Text The Promise of an Anarchist Sociological Imagination von Erwin F. Rafael, indem es um die Wiedergewinnung einer anarchistischen Vision geht, welche emanzipatorische soziale Bewegungen inspirieren kann. Dies hat eine große Relevanz in allen aktuellen Kämpfen, die auch immer tiefer aufeinander bezogen werden. Rafael schreibt unter anderem:

Successes can be found in the cracks of the global system of control and domination: Chiapas and Cheran in Mexico, El Alto in Bolivia, and Rojava in Syria,
to name a few. What these communities have in common is not just a sensibility to relate their personal and community troubles to the global system of control trying to take hold of their lives. These communities also exercise the creative imagination to turn the slogan “Another World Is Possible” into reality, relentlessly refusing to bow down to the common sense of how people’s lives should be organized, and boldly asserting their right to self-determination.

Auch das Fazit des Beitrags finde ich sehr ermutigend, indem formuliert wird, dass anarchistisch zu handeln immer in komplexen Situationen stattfindet und mit Unsicherheiten verbunden ist. Gerade deswegen lässt sich mit dieser Herangehensweise emanzipatorisch voran gehen.

The anarchist sociological imagination’s emphasis on finding potential for freedom in the presen is not based on an unfounded optimism or a naïve positive view of human nature. Instead, it stems from the recognition and acceptance of society’s complexity. Domination is the outcome of responding to complexity through simplification […]. The anarchic response, on the other hand, means learning to live with complexity, just like how one steers through the waves in navigating the ocean. Uncertainty is seen as a necessary correlate to complexity.

Der Text findet sich bei theanarchistlibrary.org und ich lade ihn auch hier noch mal hoch:

CfP 3rd International Conference of Anarchist Geographies

Lesedauer: < 1 Minute

Vom 15.-19.12.2021 – also noch eine ganze Weile hin – wird in Oaxaca City/Mexiko die 3. internationale Konferent zu anarchistischen Geographien und von anarchistischen Geograph*innen statt. Nun ja, das ist nicht gerade um die Ecke, aber dank Corona scheint sich auch die Einsicht durchzusetzen, dass es voll bescheuert ist, für nen paar Tage Konferenz einen Interkontinental-Flug zu machen – und sei sie noch so interessant. Demgegen über steht andererseits, dass direkte Begegnungen äußerst wichtig sind, um gemeinsame Projekte zu starten und sich verbunden zu fühlen. Wer jedenfalls gern plant, kann bis zum 31.12.2020 einen Beitrag einreichen zu “Antiauthoritarian geographies: autonomy, decolonization and libertarian struggles”. Unten findet sich der CfP zum download.

Themenfelder und Ansätze können dabei sein:

Social struggle and solidarity spaces in Oaxaca and the Magonism legacy
– Autonomies and self-determination struggles
– Feminism, gender, and libertarian struggles
– Campesino struggles from a libertarian perspective
– Decoloniality and anarchism
– Territory defense from below
– Dispossession, violence, and imperialism
– Critiques to anarchism from the margins
– Anarchism outside Europe (black, indigenous, transnational, etc.)
– Radical cartographies
– Anarchism and critical, radical, and postcolonial geographies

Climate change and ecological crisis, territorial struggles and anarchism
– Local stages, global conflicts / Local conflicts, global stages
– Geography as an epistemological exploration of the pluriverse
– Anarchist’s diasporas: past and present
– Modalities of rebellious actions
– Visual culture, geography, and anarchism
– Walking, geography, and anarchism
… among many other