Kritischer Kommentar zu „Schwarze Flamme“

Lesedauer: 7 Minuten

Eine Rezension für das große Buch von Michael Schmidt und Lucien van der Walt (englisch 2009, deutsch 2013) brauche ich sicherlich nicht mehr schreiben, aber ja, ich habe es jetzt auch mal ganz gelesen. Ersterer Autor hat politisch ja etwas geirrlichtert, wie man so munkelt. Allerdings ging ich ohnehin davon aus, dass vor allem van der Walt das Werk geschrieben hat, zu welchem der angekündigte zweite Band, in welchem es um Syndikalismus weltweit gehen sollte, leider bisher nie erschienen ist.

Gut und beeindruckend an Schwarze Flamme ist die fundierte Recherche und der nachvollziehbare Argumentationsgang. Die Autoren stecken wirklich in den Debatten der jeweiligen Zeit drin. Syndikalismus wäre in der heutigen Welt mit ihrer armen, („eindeutig“ so zu benennenden) Arbeiter*innenklasse von mehr als 2 Milliarden Menschen und den entsprechenden eklatanten Vermögens- und Machtunterschieden der Klassen im 21. Jahrhundert eine relevante Bewegung. Was jedoch weitgehend vergessen worden wäre, sei die Geschichte des Syndikalismus, weswegen Schmidt und van der Walt ein vorrangig historisches Buch schreiben wollten. Dabei gälte es insbesondere an die „glorreiche“ Zeit des Syndikalismus zwischen 1890 und 1920 zu erinnern. – So weit, so verständlich. Gegen die historische Betrachtung habe ich nichts und zweifellos lässt sich aus vergangenen Debatten und Erfahrungen viel für die heutige Praxis lernen. Zu viel wird immer wieder vergessen und verdreht. Zugleich finde ich die Herangehensweise dahingehend schwierig, als das sie ihren Gegenstand meiner Ansicht nach als angestaubt konserviert und ihn als Sozialromantik konserviert. Wie viele Mitglieder welche syndikalistische Gewerkschaft hier und da irgendwann hatte – meine Güte, ich kann es nicht mehr hören! In gewisser Hinsicht bilden die Autoren damit allerdings tatsächlich den theoretischen Stand des Syndikalismus ab. Eine neue große Geschichte, kann nur geschrieben werden, wenn sie sich auf die alte bezieht, aber auch aus ihre herausschält.

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Drei frühe Abhandlungen über Anarchismus

Lesedauer: 4 Minuten

Die früheste deutschsprachige, mir bekannte wissenschaftliche Abhandlung über den Anarchismus findet sich 1895 im Buch von Ernst Viktor Zenkers Der Anarchismus. Kritische Geschichte der anarchistischen Theorie (Jena: Fischer-Verlag). Zenker trat dazu in Kontakt mit Elisée Reclus, welcher ihm viel Erfolg bei seinem Vorhaben einer wissenschaftlichen Beschreibung des Anarchismus machte, jedoch zugleich Zweifel an diesem Vorhaben äußerte, denn „man begreift nicht, was man nicht liebt“. Sprich, eine wissenschaftliche Betrachtung des Anarchismus muss notwendiger unzulänglich sein – wie der bekannte Geograph Reclus festhielt. Zenker sieht diese Herausforderung ebenso und schreibt im Vorwort: Die „Anarchisten werden mir daher die Eignung, über ihre Sache zu schreiben, einfach absprechen und mein Buch abscheulich reactionär nennen, die Socialisten werden mich allzu manchesterlich, die Liberalen allzu tolerant gegen die socialistischen Störenfriede finden; die Reactionären endlich werden mich selbst für einen verkappten Anarchisten erklären“ (Ebd.: S. VIII).

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Anarchismus auf den Philippinen

Lesedauer: 2 Minuten

Im Kontakt mit Simoun Magsalin erfuhr ich einiges über den Anarchismus auf den Philippinen, der sich unter einer Regierung mit starken faschistischen Tendenzen, als Alternative entwickelt. Simoun schrieb den Text Towards an Anarchism in the Philippine Archipelago, in dem er die Notwendigkeit einer befreienden Politik von unten betont und den er mir freundlicherweise hier zur Verfügung stellt:

In Manila strebt das Bandilang Itim Kollektiv eine Verbreitung anarchistischer Vorstellungen an und bezieht sich dabei auch auf neue theoretische Entwicklungen. Lohnenswert scheint mir dahingehend z.B. der Text The Promise of an Anarchist Sociological Imagination von Erwin F. Rafael, indem es um die Wiedergewinnung einer anarchistischen Vision geht, welche emanzipatorische soziale Bewegungen inspirieren kann. Dies hat eine große Relevanz in allen aktuellen Kämpfen, die auch immer tiefer aufeinander bezogen werden. Rafael schreibt unter anderem:

Successes can be found in the cracks of the global system of control and domination: Chiapas and Cheran in Mexico, El Alto in Bolivia, and Rojava in Syria,
to name a few. What these communities have in common is not just a sensibility to relate their personal and community troubles to the global system of control trying to take hold of their lives. These communities also exercise the creative imagination to turn the slogan “Another World Is Possible” into reality, relentlessly refusing to bow down to the common sense of how people’s lives should be organized, and boldly asserting their right to self-determination.

Auch das Fazit des Beitrags finde ich sehr ermutigend, indem formuliert wird, dass anarchistisch zu handeln immer in komplexen Situationen stattfindet und mit Unsicherheiten verbunden ist. Gerade deswegen lässt sich mit dieser Herangehensweise emanzipatorisch voran gehen.

The anarchist sociological imagination’s emphasis on finding potential for freedom in the presen is not based on an unfounded optimism or a naïve positive view of human nature. Instead, it stems from the recognition and acceptance of society’s complexity. Domination is the outcome of responding to complexity through simplification […]. The anarchic response, on the other hand, means learning to live with complexity, just like how one steers through the waves in navigating the ocean. Uncertainty is seen as a necessary correlate to complexity.

Der Text findet sich bei theanarchistlibrary.org und ich lade ihn auch hier noch mal hoch:

CfP 3rd International Conference of Anarchist Geographies

Lesedauer: < 1 Minute

Vom 15.-19.12.2021 – also noch eine ganze Weile hin – wird in Oaxaca City/Mexiko die 3. internationale Konferent zu anarchistischen Geographien und von anarchistischen Geograph*innen statt. Nun ja, das ist nicht gerade um die Ecke, aber dank Corona scheint sich auch die Einsicht durchzusetzen, dass es voll bescheuert ist, für nen paar Tage Konferenz einen Interkontinental-Flug zu machen – und sei sie noch so interessant. Demgegen über steht andererseits, dass direkte Begegnungen äußerst wichtig sind, um gemeinsame Projekte zu starten und sich verbunden zu fühlen. Wer jedenfalls gern plant, kann bis zum 31.12.2020 einen Beitrag einreichen zu “Antiauthoritarian geographies: autonomy, decolonization and libertarian struggles”. Unten findet sich der CfP zum download.

Themenfelder und Ansätze können dabei sein:

Social struggle and solidarity spaces in Oaxaca and the Magonism legacy
– Autonomies and self-determination struggles
– Feminism, gender, and libertarian struggles
– Campesino struggles from a libertarian perspective
– Decoloniality and anarchism
– Territory defense from below
– Dispossession, violence, and imperialism
– Critiques to anarchism from the margins
– Anarchism outside Europe (black, indigenous, transnational, etc.)
– Radical cartographies
– Anarchism and critical, radical, and postcolonial geographies

Climate change and ecological crisis, territorial struggles and anarchism
– Local stages, global conflicts / Local conflicts, global stages
– Geography as an epistemological exploration of the pluriverse
– Anarchist’s diasporas: past and present
– Modalities of rebellious actions
– Visual culture, geography, and anarchism
– Walking, geography, and anarchism
… among many other

Landauer Workshop im November

Lesedauer: 5 Minuten

Veranstaltungsreihe zu Gustav Landauer im Herbst


Mensch – Geschichte – Revolution

Zur Aktualität des kommunitären Anarchismus Gustav Landauers

ANKÜNDIGUNGSTEXT

Der Schriftsteller und Antipolitiker Gustav Landauer gilt als einer der
wichtigsten Theoretiker des deutschsprachigen Anarchismus. Er wurde vor
150 Jahren geboren, war ein Protagonist der Münchener Räterepublik und
wurde 1919 von konterrevolutionären Freikorps-Soldaten ermordet.

Landauer entwarf und propagierte einen libertären Sozialismus, der nicht
allein Sache des Kopfes oder Klasseninteresses sein, sondern die
Menschen ganzheitlich befreien sollte. Den Marxismus als Parteidoktrin
und die in der Sozialdemokratie vorhandenen Hierarchien lehnte er
vehement ab. Stattdessen knüpfte er in seinem Denken an radikale
Philosophen wie Nietzsche, Mystiker wie Meister Eckart und die jüdische
Überlieferung an. Die Moderne sah er kritisch, wurde darum aber
keineswegs konservativ, sondern dachte sie alternativ weiter. Dazu
entfaltete er auch ein eigenes Geschichtsverständnis und reflektierte
über die Bedeutung von Ästhetik, Menschenbild und Spiritualität für die
Befreiung der Menschen und den Zusammenhalt einer neuen „Gesellschaft
der Gesellschaften“. Demnach fokussierte er sich nicht auf einen
politischen Umsturz, sondern rief dazu auf, mit dem Sozialismus heute zu
beginnen und in auf Freiwilligkeit basierenden Gemeinschaften eine
sozialistische und freiheitliche Kultur, neue Lebensformen und
genossenschaftliche Wirtschaftsformen zu entwickeln.

Mit der Veranstaltungsreihe möchten wir an einen bedeutenden
gesellschaftskritischen Denker erinnern, dessen Erkenntnisse für die
politische Theorie, für die Philosophie und für ein Verständnis von
Sozialismus, Mensch und Revolution weiterhin relevant sind und als
Inspiration dienen können. Zugleich gilt es aber seine Texte auch selbst
kritisch zu lesen und sie im Kontext ihrer Entstehungszeit zu
betrachten.

Sie beinhaltet Vorträge von Paul Stephan, Jonathan Eibisch und Siegbert
Wolf sowie einen angeleiteten Lektüreworkshop zu ausgewählten
Schlüsseltexten zu Landauers Philosophie und politischer Theorie.

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Eine nicht-anthropozentrische Geschichte?

Lesedauer: < 1 Minute

Ein weiterer Vortrag von Markus Lundström mit dem er versucht, Macht neu zu denken, die im Dienst einer nicht-anthropozentrischen Sichtweise gestellt werden kann.

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Über das Verhältnis von Anarchie und Demokratie

Lesedauer: < 1 Minute

Ein Vortrag, den Markus Lundström auf der Anarchist Studies Conference gehalten hat. Eine Darstellung der Kerngedanken seiner Buches The Impossible Argument. An Anarchist Critique of Radical Democracy (2018).

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Direkte Aktion im Widerstreit zwischen Egalität und Autonomie

Lesedauer: < 1 Minute

Nora Ziegler macht einen wie ich fand sehr spannenden Punkt auf, indem sie argumentiert, dass der Handlungsmodus der direkten Aktion aus den widerstreitenden Praktiken von Egalität und Autonomie hervorgeht. Sie widersprechen sich nicht. Sie entsprechen sich jedoch auch nicht einfach. Das heißt die Autonomie einer Gemeinschaft (im Sinne ihrer eigenen Regel-Setzung und -Ausübung) führt nichts zwangsläufig zur Anerkennung der Gleichheit all ihrer Mitglieder oder jener anderer Gruppen. Ebenso wenig führt die Herstellung und Gewährleistung von Gleichheit nicht automatisch zur Selbstbestimmung von unterschiedlichen Gemeinschaften, sondern könnte ja beispielsweise zentralistisch durchgesetzt werden. Nora meint, eine sinnvolle Vermittlung aus anarchistischer Perspektive sei nicht einfach gegeben, sondern herzustellen. Gerade dies geschähe durch direkte Aktionen:

We need practices of autonomy that contest universals and we need practices of equality that affirm that we are all equally valid and valuable. […] I would argue that to be both disruptive and sustaining, political action needs
to be founded on the reciprocal and meaningful collaboration between people across divisions using not complementary but conflicting practices of equality and autonomy.

Eine inspirierende Überlegung, die sie in ihrem paper auch anhand der Ausnahmesituation während der Pandemie entwickelte.

(Die Veröffentlichung erfolgt mit persönlicher Zustimmung vom 18.09.2020)