Die anarchistische Synthese in einer Nussschale

Lesedauer: 8 Minuten

„Man nehme von jeder Zutat etwas und werfe es dann blindlings zusammen“ – So könnten die oftmals diffusen Gedankenströme, wackeligen Positionen, schwachen Verbindlichkeiten und unsteten Praktiken in linken Szenen beschrieben werden, in die Anarchist*innen sich hineinziehen lassen; von denen sie immer auch ein Teil waren und sind.

„Nach Jahren der Verunsicherung habe ich einen wahren Massstab gefunden, an dem die Welt sich messen lassen muss“ – So klingen in meinen Ohren all die Äusserungen der Rechthaber*innen der verschiedenen Fraktionen, ob sie sich marxistisch oder feministisch, egoistisch oder kommunistisch, syndikalistisch, plattformistisch, insurrektionalistisch oder gewaltfrei nennen. Die Verworrenheit, Positionslosigkeit, Unverbindlichkeit und Umtriebigkeit einerseits und der problematische Wahrheits-anspruch, das autoritäre Gebaren und Platzhirschgehabe, die vernichtende Kritik andererseits, sind zwei Seiten der selben Medaille.

Beide Kehrseiten waren im Anarchismus schon früher vorhanden. Beide sind aber auch Reaktionen auf die bestimmten Bedingungen genau unserer Zeit. In dieser gibt es starke emanzipatorische sozialen Bewegungen, denen aber die Fluchtlinien zur Gesellschaftsveränderung insgesamt fehlen. Es gibt zahlreiche, auch neue, Gruppierungen, die etwas verändern wollen und damit unmittelbar in ihrer Umgebung beginnen. Doch ihnen fehlt eine geteilte Vision als Orientierung, auf die sie ihre wichtigen Alltagskämpfe und ihre Kommunikation hin ausrichten können.

Die Krisen und Probleme dieser Welt drängen jedoch. Ja, dies haben Radikale schon immer gesagt. Wer immer beisst, wird ungefährlich, weil ihre Zähne sich abnutzen. Dennoch stimmt es auch: Die Gesellschaftsform in der wir leben, wird sich in den nächsten Jahrzehnten grundlegend verändern und darum werden heute Auseinandersetzungen geführt. Die Frage ist, ob wir zuschauen, kritisieren, reflexhaft reagieren und aktionistisch herumdoktorn wollen – oder ob wir uns sozial-revolutionär ausrichten wollen.

Dies betrifft nicht zuerst das, was wir tun – denn da ist schon viel Richtiges, Gutes, Wertvolles dabei – sondern wie und warum wir es tun. Es geht nicht zuerst darum, ob und welche Macht wir haben – denn wir sind zugleich ohnmächtig und handlungsfähig – sondern, ob wir die Mächtigen entmachten wollen – und wie wir dies tun können. Und: Ob und wie wir mit Vielen zusammen eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform, entgegen der gewohnten, gewaltsamen, verfestigten und klebrigen Herrschaftsordnung aufbauen können.

Eine libertär-sozialistische Gesellschaft, bestehend aus Millionen von Föderationen dezentraler, autonomer Kommunen und freiwilligen Zusammenschlüssen, in welcher soziale Freiheit realisiert und anarchistische Ethik praktiziert wird, in welcher Menschen in ihrer Vielfalt koexistieren können und die Einzelnen sich selbst bestimmen und zwanglos gemeinschaftlich sein können. Dort sind die Klassen überwunden, die Produktionsmittel vergesellschaftet und selbst verwaltet; wird die gesellschaftliche Arbeitsleistung auf das notwendige reduziert.

Dort bilden materielle und soziale Sicherheit, gleicher Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und Kultur, die Grundlage für selbstorganisierte Gemeinwesen, in welchen alle bei allen Angelegenheiten, die sie betreffen, in der Aushandlung und Umsetzung von Vereinbarungen partizipieren und ihre Konflikte auf gute Weise lösen können. Die Hierarchisierung von Geschlechtern wird überwunden, ebenso wie der Zustand übler Entfremdung und eine Regeneration der Mitwelt einsetzen.

Und noch einiges mehr liesse sich sagen, von der libertär-sozialistischen Gesellschaft – Wer sagt, dies sei eine langweilige Utopie, die hat recht. Sie ist so langweilig, wie das gute, schöne, reiche und erfüllte Leben, wenn wir die Bedingungen erkämpfen und erschaffen wollen, um es bedingungslos allen Menschen möglich zu machen. Und sie ist so utopisch, weil ihr Anspruch so gross und das Ziel so weit entfernt zu sein scheint. „Unrealistisch“ ist jedoch nicht diese Konzeption, sondern unmöglich ist es, dass sie vom Himmel fällt und die Starrheit, Gewalt und Tiefe der bestehenden Herrschaftsverhältnisse einfach davon fegt.

Doch bei der Konkretisierung anarchistischer Utopien geht nicht darum, irgendwelche Ideale zu entwerfen und Traumschlösser zu bauen. Es geht darum, Vorstellungen zu haben, nicht allein wogegen, sondern wonach wie uns sehnen, wofür wir streiten, worum es eigentlich geht.

Daran können wir unser alltägliches Denken orientieren und davon erzählen. Daran können wir unsere wichtigen, oftmals kleinen, unsichtbaren, radikalen, richtigen Handlungen sozial-revolutionär ausrichten. Mit ihnen gehen wir die Konfrontation ein, führen Auseinandersetzungen in ungleichen Kräfteverhältnisse, in denen wir immer David und nie Goliath sein werden.

Die neue, erstrebenswerte Gesellschaftsform reift wie all ihre reaktionären Konkurrent*innen parallel zur bestehenden Herrschaftsordnung der kapitalistischen und patriarchalen Staatlichkeit heran. Sollte sie eines Tages tatsächlich geboren werden, so wissen wir sehr gut, dass die Anarchie auch sie in Frage stellen und in Bewegung bringen wird…

Es lohnt sich, für die Anarchie einzutreten und sie zu leben. Deswegen gibt es Sinn, den Anarchismus in seiner Pluralität stärker werden und wachsen zu lassen. Wie aber kann dies gelingen? Weil unser Meta-Projekt, der libertäre Sozialismus, heterogen und kunterbunt ist, können wir selbst keine Eindimensionalität vertreten. – Es gibt viele Formen, wie sich Anarchist*innen organisieren können, sei es als soziale Bezugsgruppe oder informelle Aktionsgruppe, in offenen Gesinnungsgruppen oder autonomen Syndikaten, in Bewegungs-Netzwerken, Kommuneprojekten oder Stadtteilläden.

Wichtig ist, sich bewusst für derartige Organisationsformen zu entscheiden, sie zu gestalten und sich ihrer jeweiligen Möglichkeiten und Grenzen bewusst zu sein. Viele Möglichkeiten gibt es auch, welche Praktiken und Taktiken als sinnvoll und brauchbar erscheinen. Auch sie sind so vielfältig wie das Leben. Sie sollten in Verbindung mit unseren eigenen Erfahrungen und Wünschen stehen, uns jedoch stets auch anregen, die gewohnten Wege zu verlassen und Neues auszuprobieren. Es gibt weder eine an sich richtige Praxis und in den allermeisten Fällen verschiedene Optionen, was sinnvollerweise getan werden kann.

Es ist wichtig, darüber miteinander im Gespräch zu sein, um der problematischen Entwicklung entgegen zu wirken, dass sich viele anarchistische Organisationsformen und Praktiken verselbständigt haben und zu Selbstzwecken geworden sind. Dies hängt wiederum mit der verbreiteten Orientierungslosigkeit von Anarchist*innen (und auch anderen Strömungen) zusammen. Es ist darüber hinaus damit verknüpft, dass sie – zurecht – der Vorstellung anhängen, dass ihre Tätigkeiten etwas mit ihnen zu tun haben, sie nicht noch weiter entfremden, sondern Entfremdung abbauen sollen. Dies kommt zum Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung hinzu.

Wenn aber keine Überprüfung des Verhältnisses von Mitteln und Zielen stattfindet, wenn alte Glaubenssätze aufrechterhalten werden, obwohl die Rahmenbedingungen sich geändert haben, wenn die Traditionen und Prinzipien Überlegungen, was zu tun gilt und was getan werden kann, unterdrücken – dann ist es Zeit, aufzubrechen und etwas Neues zu wagen.

Dies gelingt nur, wenn wir Dogmatik, Romantik und Pragmatik in ein gutes Verhältnis bringen. Es ist nichts Verkehrtes daran, Glaubenssätze zu haben und von Wahrheiten auszugehen. Wer abstreitet, dass es eine Klassengesellschaft, Patriarchat, den Klimawandel oder Pandemien gibt, dass der Nationalstaat systematische Ausschlüsse von sozialen Gruppen produziert und sie mittels Anerkennungspolitik und Rassismus teilt und über sie herrscht, mit denen haben wir keine Diskussionsgrundlage auf Augenhöhe. Wenn unsere Dogmen zu einem abgeschlossenen System zusammengefügt werden, wenn sie eine dogmatische Lehre bilden, an der wir die ganze Welt messen, wird es jedoch schwierig. Es gibt immer auch andere Vorstellungen und unsere eigene Position ist immer zugleich subjektiv und historisch-spezifisch.

Ebenso sieht es mit der Romantik aus. Es ist wichtig, dass Emotionalität in all unseren Tätigkeiten eine Rolle spielen kann, dass wir unsere Gefühle von unserem Tun nicht abspalten und kalt werden wie kommunistische Politkader. Romantisch – weil in letzter Hinsicht unbegründbar – sind auch unsere Wertvorstellungen. Der Glauben an die prinzipiell gleiche Würde aller Menschen, der Skandal, dass sie entwürdigt werden, die Tatsache, dass wir gemeinsam für unsere Würde kämpfen können – dies sind Überzeugungen, welche aus unseren eigenen Erfahrungen hervorgehen. Die wir im Übrigen mit vielen Menschen überall auf der Welt teilen. Schwierig ist es aber, wenn wir aus dem Anarchismus romantisierte Identitäten, Ideale oder Praktiken erschaffen, deren Begründung sich dann einfach erübrigen würde.

Der Dogmatik und der Romantik steht, drittens, die Pragmatik gegenüber: Einer Orientierung nicht an Wahrheiten und Begehren, sondern an den Dingen an sich – eine materialistische Sache also. Anarchist*innen sind bekanntlich praktisch-pragmatisch veranlagt und versuchen sich auf greifbare Projekte zu konzentrieren, mit denen sich sichtbare Erfolge erzielen lassen. Zum Beispiel einen Arbeitskampf, die Verschönerung des Stadtviertels, eine Massenaktion zivilen Ungehorsams, einer direkten Aktion oder ein Ladenprojekt. Diese Herangehensweise ergibt viel Sinn. Darin liegt jedoch trotzdem die Gefahr, bestimmte Tätigkeiten wiederum zum Selbstzweck zu betreiben und uns darin zu verlieren. Gegen den verbreiteten Dogmatismus und den grassierenden Romantizismus, tun wir krampfhaft so, als wenn die Dinge für sich selbst sprächen. Aber Dinge können nicht sprechen, nicht denken und nicht handeln – das tun wir mit ihnen. Und wir sollten es reflektiert, in Abgleich mit unserem Verstand und mit unserem Gefühl tun.

Schliesslich können wir damit in den Streit über verschiedene ideologisch-weltanschauliche, inhaltliche und strategische Fragen eintreten. Im besten Fall sind wir endlich soweit, statt der Harmoniesuppe und dem Durchboxen der eigenen „Wahrheit“, in konstruktive und produktive Auseinandersetzungen einzutreten. Heute gibt es wie vor hundert Jahren anarch@-kommunistische, -syndikalistische und -individualistische Gruppen, Menschen und Ansätze. Darüber hinaus gibt es gewaltfreie und insurrektionalistische Anarchist*innen, Öko-Anarchist*innen und wieder eine stärkere Formulierung anarchafeministischer Positionen.

Sie haben alle ihre Wahrheiten und etwas zu sagen. Es geht hierbei nicht um Identitäten und Kategorisierungen, sondern um die Benennung verschiedener Stränge, Traditionen, Ansätze, Erfahrungshintergründe und Netzwerke. In der Realität treten sie oftmals in unterschiedlicher Gestalt vermischt miteinander auf und das ist gut so. Wichtig ist jedoch, sich der eigenen Standpunkte bewusst zu werden und sie aktiv – in Auseinandersetzung mit den Anderen – weiterzuentwickeln.

Dies bedeutet nicht, die eigenen Überzeugungen zu relativieren oder keinerlei eigene Urteilskriterien zu haben. Im Gegenteil. Es bedeutet, die anarchistische Pluralität anzuerkennen und zu bejahen, weil wir in einer komplexen Gesellschaft leben, weil soziale Gruppen darin auf unterschiedliche Weisen von Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung betroffen sind und weil eine vielfältige Gesellschaftsform unsere Zielsetzung ist. Nur mit einem Verständnis füreinander können wir zu einem Verstehen unserer eigenen Prägung und Perspektiven gelangen, Differenzen benennen und gemeinsam agieren, wo immer es uns möglich und erstrebenswert erscheint.

Es bedeutet selbstverständlich auch die eigenen Grenzen klar zu haben und deutlich zu machen, worauf wir uns nicht einlassen können – in manchen Fällen auch, was wir nicht gelten lassen wollen. Nur aufeinander bezogen, können wir gemeinsam stärker und durch unsere vielfältigen Fähigkeiten und Perspektiven ein relevanter und gestaltender Faktor in den Kämpfen für egalitäre, solidarische und freiheitliche gesellschaftlichen Verhältnissen werden.

Schön und gut. Doch das ist eine privilegierte Sichtweise, mit all diesem schöngeistigen Hippie-Intellektuellen-Geschwätz, könnte man sagen. Und das stimmt auch. Wer Ausbeutung und Unterdrückung sehr direkt zu spüren kommt, hat einen berechtigten Bedarf an klaren Antworten, an konkreten Ansatzpunkten, wie Veränderungen gelingen können, die uns selbst etwas bringen. Wer entfremdet ist, kann nicht eben mal, aus den falschen Verhältnissen wie aus der Höhle zum Licht heraustreten.

Diese Fragen sind zu stellen. Doch hier geht es um jene, wie wir unnötige Spaltungen, problematischen Dogmatismus und romantische Selbstverständnisses hinter uns lassen und auf konstruktive und produktive Weise mit den Konflikten zwischen uns umgehen. Das tut uns erstens besser und ermöglicht uns, zweitens, statt uns selbst zu zerfleischen, gemeinsam gegen die Herrschaftsordnung vorzugehen.

Also machen alle das, was sie ohnehin schon machen und hören etwas besser hin, fragen mal nach, diskutieren miteinander? O k a y . Aber worum geht es jetzt bei der anarchistischen Synthese selbst bitteschön? Wie gesagt, erstens um die Anerkennung der Pluralität und das Vertrauen darauf, dass gerade in ihr das Potenzial liegt, stärker zu werden und emanzipierende Aktionen hervorzubringen.

Zweitens geht es um ein Selbst-Bewusstsein davon, was Anarchismus ist: Dass wir unsere Perspektiven erklären können, für unsere Positionen einstehen und sie selbstbewusst vertreten. Dieser Anarchismus hat zu den meisten gesellschaftlichen Problemen und Fragen etwas zu sagen. Wir haben etwas mit ihm anzubieten.

Drittens können Anarchist*innen, welche die Synthese begrüssen, dazu beitragen, dass sie innerhalb der anarchistischen Szenen, aber auch darüber hinaus, hergestellt wird. Durch Diskussionen, Vermittlungen und Positionierungen versuchen sie zusammen zu denken, was gemeinsam wirksam werden kann – ohne es unter einen Hut zu bringen.

Viertens strebt der synthetische Anarchismus danach, seine Vorstellungen ganz praktisch in weiteren Kreisen zu verbreiten. Dies bedeutet auch immer wieder, die Komfortzone des Szene-Sumpfes zu verlassen. Es bedeutet allerdings nicht, auf Aktionen zu verzichten, die unbeliebt sind oder Repression nach sich ziehen könnten.

Fünftens werden sich Gruppen, die sich entscheiden, die anarchistische Synthese zu praktizieren, dennoch auf bestimmte Kampffelder, Orte, Organisations- und Aktionsformen konzentrieren – weil Konzentration erforderlich ist, um gelingenden und kontinuierlichen Tätigkeiten nachzugehen und ebenso, weil wir uns offenbar immer wieder in ihnen verstricken. Hier ist die Frage, ob es uns gelingt, über unseren Tellerrand hinaus zu blicken und unsere jeweiligen Tätigkeiten und Themen miteinander in Zusammenhang bringen.

Dies ist sie also, die anarchistische Synthese in einer Nussschale.
Wieder mal eine ziemlich grosse Nuss.

Anarchistische Staatstheorie – Vortrag online

Lesedauer: 2 Minuten

Dieser Vortrag wurde am 10.04. bei der Tagung des Netzwerk Utopie zur Staatskritik (https://freieassoziation.noblogs.org/staatskritik/) online gehalten und ist nun zugänglich. Unten folgt der Beschreibungstext der Veranstaltung.

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Föderation autonomer und dezentraler Kommunen

Staatskritik hat im Anarchismus bekanntlich eine große Tradition. Anarchistische Positionen entstanden in Kritik und Auseinandersetzung mit dem modernen Staat. Die enorme Ausdehnung von Staatlichkeit im 18., 19. und 20. Jahrhundert, ihre spezifische Rationalität, ihre unpersönliche, bürokratisch wirkende Macht, ihre Sogwirkung zur Zentralisierung, ihr Militarismus, Nationalismus und ihre Grenzziehung, erschien Anarchist*innen zurecht als Knotenpunkt der Herrschaftsordnung schlechthin. Der moderne Staat disziplinierte und normalisierte über die Zwangsinstitutionen von staatlicher Verwaltung, Militär und Schule die ihm unterworfene Bevölkerung und erschuf sie als staatsbürgerliche Subjekte erst, wobei staatliche Ideologie und Logik zunehmend verinnerlicht wurden.

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Beiträge zum „kulturellen Anarchismus“

Lesedauer: 5 Minuten

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.de

In einem Band von 2019 versammeln die herausgebenden Professor*innen Christine Magerski und David Roberts 15 akademische Aufsätze unter dem Thema der anarchistischen Kulturrebellion.

Bild: Oxford Circus Anarchy. / shando. (CC BY-SA 2.0 cropped)

Hierbei folgen sie der universitären Gepflogenheit vor allem über bestimmte Aspekte zu schreiben und zu urteilen, statt etwa zunächst die Perspektive von Anarchist*innen einzunehmen, die auch heute Kultur produzieren. Sprich in „Kulturrebellen – Studien zur anarchistischen Moderne“ wird leider eine recht grobe Konstruktion „des“ Anarchismus vorgenommen, die an vielen Stellen bei einer näheren Kenntnis des Anarchismus als soziale und politische Bewegung zu wünschen übrig lässt. Dementsprechend wird auch in der Einleitung suggeriert, dass er Anarchismus spätestens nach der Niederschlagung der Spanischen Revolution politisch irrelevant geworden wäre und seine Wiederentdeckung im Zuge der 68er-Bewegung vor allem in der kulturellen Dimension stattgefunden hätte.

Es ist unbestritten, das die politische Wirkungsmacht des Anarchismus vor allem im deutschsprachigen Raum nach Ende der 1920er Jahre ziemlich gering war. Dies trifft vor allem zu, wenn man fairerweise die radikalen Flügel der Neuen Sozialen Bewegungen, wie etwa der Anti-AKW-Bewegung oder die zweite Welle der Frauenbewegung nicht pauschal als anarchistisch deklariert. Weiterhin stimmt es, dass anarchistische Tendenzen in kultureller Hinsicht fortwährend einen Stand hatten und Anarchist*innen im Kulturbereich ein Refugium fanden und finden.

Problematisch ist die Rahmung von Magerski und Roberts jedoch deswegen, weil sie implizit zu einer Entpolitisierung des Verständnisses von Anarchismus beitragen und damit die falsche Annahme seiner politische Unzulänglichkeit reproduzieren, gerade indem sie im in der kulturellen Dimension eine gewisse Bedeutung zugestehen. Dieser Blickwinkel ist im Grunde genommen analog zu jenem geformt, welcher anarchistische Aktivist*innen infantilisiert, wenn diese konkrete Utopien formulieren, während sie mit ihm gleichzeitig dämonisiert werden, wo Privateigentum nicht respektiert oder sich gegen staatliche Repression zur Wehr gesetzt wird.

Warum finden sich im Sammelband keine Beiträge zur anarchafeministischen Utopie wie sie in den anspruchsvollen Kompositionen und Musikvideos der Künstlerin Björk zum Ausdruck kommen? Warum wird die Punkbewegung nicht diskutiert? Warum nicht die radikale Kritik, welche die Band Pussy Riot in ihren Performances entwickelte – und die gerade deswegen hochgradig politisch wirkte? Wie ist die performative und konfrontative Aktionsform der „Rebel Clown Army“ zu deuten – Ist sie noch Kunst oder schon Politik? Ist sie avantgardistisch oder populär?

Warum lesen wir darin weder von den kulturellen Ausdrucksformen der zeitgenössischen feministischen Bewegung Lateinamerikas, die ganz zu weiten Teilen anarchistisch inspiriert ist, noch über die historischen Bildungs- und Kulturvereine der libertär-sozialistischen Bewegung? Auf den Punkt gebracht: Warum wird im Sammelband letztendlich die eigentlich interessante Frage umschifft, worin die produktiven Schnittstellen zwischen anarchistisch beeinflussten kulturellen Formen und ihren politischen Implikationen bestehen? Beziehungsweise warum wird nicht dargestellt, welche kulturellen Erzeugnisse Menschen hervorbringen, die sich politisch-weltanschaulich als Anarchist*innen begreifen? Die Antwort ist vermutlich in der Form akademischer Wissensproduktion, sowie der sozialen Position der Beitragenden zu suchen.

Dabei sind viele Beiträge im Einzelnen durchaus informiert und für sich genommen interessant. Das zeigt sich beispielsweise in den Texten „Anarchismus – Bohème – Avantgarde. Zum Konnex dreier Denkfiguren der Moderne “ (Christine Magerski), „Von der dadaistischen Anti-Kunst zur politischen Aktion. Erwin Piscators Kampf gegen die Repräsentation “ (Franz-Josef Deiters), „Anarchismus als Fluchtpunkt der ’68er Kulturrevolution “ (Ivana Perica) oder „Wie die Utopie zum anarchistischen Roman wurde. Michael Moorcocks Zeitnomaden-Trilogie und die kritische Utopie “ (Peter Seyferth). Was wiederum Beiträge darin zu suchen haben, welche von Friedrich Nietzsche oder Walter Benjamin handeln oder das Verhältnis von Wahnsinn und Kunst besprechen, bleibt unklar.

Ebenso hat sich Daniel Loicks anschliessender Beitrag zu den „Aufgaben einer anarchistischen Sozialtheorie“ eher im Sammelband verirrt, in dem Verhältnis von Kultur und Politik kein Thema ist. Die drei darin formulierten Gedankenanstösse („Von der gegenseitigen Hilfe zur Sym-Poiesis“, „Von der freien Vereinbarung zur Transformative Justice“ und „Vom Anarcho-Kommunismus zu den feministischen Commons“) sind meines Erachtens nach insofern diskussionswürdig, als dass mit ihnen unterstellt wird, dass die erneuerten Verständnisse nicht selbst schon stark anarchistisch inspiriert wären – und insofern nur zur Erneuerung der politischen Theorie des Anarchismus empfohlen werden können, wenn unterstellt wird, dass diese sich seit Kropotkin nicht weiter entwickelt hätte. Dankenswerterweise stellen sie Vorschläge dar, die zum mitdenken und weiterdenken einladen, statt blosse Wiedergaben zu sein.

Doch zeugen auch Loicks Gedanken von einer ungenügenden Kenntnis anarchistischer Tradition. So ist sein Gedanke der „Sym-Poiesis“ schon bei „naturalistischen“ Anarchist*innen wie Elisée Reclus oder Isaasḱ Puente angelegt. „Freie Vereinbarung“ stellt nicht allein den Modus zur Herstellung von „Gerechtigkeit“ dar, wenn Verletzungen geschehen, sondern die Grundlage des bewusst gestalteten sozialen Miteinanders überhaupt. Schliesslich sind „feministische Commons“ in vielerlei Hinsicht eine sinnvolle zeitgemässe theoretische Entwicklung, selbstverständlich auch gegenüber Kropotkins Konzeption. Über die Tatsache, dass Anarchismus für die Abschaffung des Kapitalismus, der Klassengesellschaft und des Privateigentums steht, sollte Loick seine Leser*innen aber nicht hinweg täuschen. Interessanterweise begeht er mit seinen Empfehlungen den gleichen Fehler wie in seinem Einführungswerk (2017), wo er auf verkürzte Weise im Anarchismus ein liberales und ein soziales Freiheitsverständnis miteinander konkurrieren sieht und den Anarchist*innen dann einen neuartigen, „ästhetischen“ Freiheitsbegriff empfiehlt – welchen jedoch bereits Bakunin 1871 entwickelte. So zeigt sich bei Loick par pro toto (auch wenn er darin deutlich besser als viele andere ist), dass spekulative akademische Interpretationen gegenwärtig wenig zur Aktualisierung der politischen Theorie des Anarchismus beitragen. Den Unterschied würde eine umfassendere Kenntnis anarchistischer Theorie und Tradition, den sympathisierenden Kontakt zu anarchistisch inspirierten Personen (nicht nur in Gedanken und Worten, sondern in Taten und ihrem Leben), sowie die Bereitschaft, entgegen dem langweiligen akademischen Betrieb, Position zu beziehen, machen.

Allgemein sind verschiedene Beiträge zu begrüssen, welche sich anarchistischen Themen, Praktiken und Gegenständen widmen und sie dabei nicht völlig verkennen. Dies trifft grundsätzlich auch auf den Sammelband von Magerski und Roberts zu. Perspektiven, die ich persönlich wirklich für relevant halte, weil sie nicht nur ein besseres Verständnisses der Kultur in der Moderne ermöglichten, sondern zu ihrer selbstorganisierten und selbstbestimmten Mitgestaltung einladen, kommen darin jedoch leider nur sehr wenige vor. Möglicherweise gibt darüber jedoch auch ein Konzert in einem alternativen Zentrum mehr Aufschluss, als die Lektüre eines Buches.

Umgekehrt hingegen gälte es den eminent (anti)politischen, rebellischen Gehalt kultureller Praktiken in anarchistisch beeinflussten Szenen, wieder zu entdecken und im Sinne einer Gegen-Kultur neu zu beleben. Denn all zu oft haben sie sich verselbständigt und sind zu Selbstzwecken verkommen – eben weil sie immer wieder als blosse Subkultur statt im selben Zuge als (Anti)Politik dargestellt und verstanden werden.

Jonathan Eibisch

Christine Magerski / David Roberts (Hrsg.): Kulturrebellen – Studien zur anarchistischen Moderne. Springer VS; 1. Edition 2019. 322 Seiten. ca. SFr. 45.00 ISBN 3658222743

Einige Notizen zur Staatsherausforderung

Lesedauer: 6 Minuten

Heinz-Gerhard Haupt zeigt am Beispiel der anarchistischen Attentate die viel zu wenig annerkannte und diskutierte Tatsache, dass Emotionalität und Politik oftmals stark zusammenhängen.

Der emeritierte Professor Heinz-Gerhard Haupt gehört zu jenen, die die Zeichen erkannt haben und mit ihrer historischen Forschung auf ein hochgradig vorurteilsbehaftetes Kapitel der Geschichte zu werfen: Den anarchistischen Attentaten im späten 19. Jahrhundert, die bekanntlich zur Konstruktion des Mythos‘ von Anarchist*innen als besinnungslosen Bombenwerfern und blutrünstigen Mördern dienten. Dass derartige Schreckensbilder jedoch keineswegs allein eine Erscheinung an der Wende zu 20. Jahrhundert waren, sondern sich ihrer in den letzten Jahren immer wieder bedient wurde, verdeutlicht schon allein die Relevanz von Haupts Betrachtungen.

Ob in Russland oder Belarussland Anarchist*innen gefangen genommen oder gefoltert werden, ob die faschistische Türkei im Namen der „Terrorismusbekämpfung“ brutal gegen die kurdische Autonomiebewegung vorgeht, in den USA im Sinne neurechter Rhetorik aus Regierungskreisen ein Verbot „der Antifa“ gefordert wurde und wird oder bei der Berichtserstattung über Ausschreitungen am ersten Mai wieder einmal die „linksautonomen Gewalttäter*innen“ angeprangert werden – staatliche Repression und Innenpolitik braucht ihre fundamentalen Feind*innen, ob sich selbst legitimieren, erhalten und ausbauen zu können.

Waren die anarchistischen Attentate „terroristisch“?

Dass beim real existierenden Rechtsterrorismus dabei deutlich weniger hingeschaut wird, ist allseits bekannt und liegt leider auch im Wesen der Sache, denn dazu müsste den unbequemen Verstrickungen von Polizei, Geheimdiensten und Innenbehörden nachgegangen werden, was den demokratischen Staat in legitimatorische Schwierigkeiten brächte.

Denken wir an den „war on terror“, welcher den Auftakt des dritten Jahrtausends bildete und an das unerbittliche Sicherheitsparadigma, nach welchem demokratische Freiheiten und Bürger*innenrechte gerade in den westlichen Demokratien wie den USA, Frankreich und Grossbritannien massiv eingeschränkt und abgebaut wurden, um gegen den islamistischen Terrorismus vorzugehen, gelangen wir zu einer Quintessenz von Haupts historischer Studie: Der Terrorismus gewinnt bereits, wenn Staaten auf ihn mit der Terrorisierung politisch oppositioneller Bewegungen oder missliebiger, verdächtiger Bevölkerungsgruppen reagieren.

Haupt scheint die Welle anarchistischer Gewaltausübung im späten 19. Jahrhundert nicht im engeren Sinne als Terrorismus zu begreifen, wenngleich dies im Klappentext so formuliert wird. Ein Vergleich mit dem heute existierenden Rechtsterrorismus, aber auch mit dem terroristischen Islamismus kann deswegen nicht wirklich gezogen werden. Zu verschieden sind die jeweiligen ideologischen Weltbilder, die sozialen Lagen der Handelnden und die historisch-gesellschaftlichen Konstellationen. Was sich jedoch bedenken und beschreiben lässt – und worin der innovative Aspekte von Den Staat herausfordern besteht -, ist, das asymmetrische Verhältnis zwischen anarchistischen Kreisen und staatlicher Herrschaftsordnung.

Anspruch und Wirklichkeit von Mitteln und Zielen

Somit arbeitet Haupt detailliert heraus, was von vielen Denker*innen der politischen Theorie und Ideengeschichte, als auch Politiker*innen die mit widerständigen Bewegungen umgehen müssen, konsequent verdrängt und geleugnet wird: Dass politische Konstellationen, in denen Gewalt zum Einsatz kommt äusserst komplex und in einem dynamischen Wechselspiel verschiedener Akteur*innen zu betrachten sind. Es stellt sich rasch heraus, dass die tatsächlich von Anarchist*innen durchgeführten Attentate nur ein Bestandteil sind, in einer umfassenden Geschichte von politischer Verfolgung und Unterdrückung, medialen Darstellungen in Zeitungen, wechselnden Strategien der Regierungspolitik, aussenpolitischen Erwägungen und dem Anliegen der Bildung eines Nationalvolkes durch die Konstruktion der Feind*innen der bürgerlichen Nation und Klassengesellschaft.

Haupt stützt sich zu seiner Darstellung auf verschiedene wissenschaftliche Studien, die zum Thema bereits vorhanden sind, auf Literatur von Anarchist*innen und die Zeitungsberichte jener Epoche. Um den Gegenstand einzugrenzen zu können, fokussiert er sich dabei auf die Situationen in Deutschland, Frankreich und Italien. Diese drei Gesellschaften liegen nahe genug beieinander, um sie vergleichen zu können, weisen aber zugleich auch einige Unterschiede auf, sodass die jeweilige Konstellation, in welcher anarchistische Gewalttaten ausgeübt wurden, in variierenden Kontexten betrachtet werden können.

So waren beispielsweise Angriffe auf hohe Repräsentant*innen des Staates deutlich häufiger, als in Frankreich und in Deutschland. In Italien wurden Demonstrationen und Aufstände zu jener Zeit oftmals unter Einsatz des Militärs zerschlagen, während es im Kaiserreich bereits einen ausgebauten Polizeiapparat gegeben hatte, welcher sich im Übrigen auch schon des Spitzelwesens bediente. Spezifisch für Frankreich ist insbesondere die intensive Phase von Bombenanschlägen, nach 1890.

Die Stärke von Haupts Darstellung liegt in ihrer Sachlichkeit, ihrer Detail-Treue und der Einbeziehung explizit anarchistischer Quellen. Sein Urteil über die Welle der Attentate als Ausprägung der „Propaganda durch Taten“, erscheint dabei recht eindeutig und klar: Für die anarchistische Bewegung selbst brachten die Attentate wenig, sondern trugen massgeblich zu ihrer Ausgrenzung durch andere Sozialist*innen, vor allem aber zu ihrer Isolierung auch von proletarischen Milieus bei. Dies bedeutet nicht, dass der ausgeübte Klassenhass sich nicht bisweilen auch stärker verbreiteter Sympathie unter den Arbeiter*innen erfreute, als Sozialdemokraten oder Regierungsparteien lieb gewesen wäre.

Doch zur Vermittlung der anarchistischen Ziele und Konzepte in weitere Kreise der Bevölkerung trugen sie laut Haupt in der Regel ebenso wenig bei, wie zur Organisation der Ausgebeuteten. Vor allem untergruben des anarchistischen Attentate faktisch die emanzipatorischen Ziele der Anarchist*innen – ein Widerspruch, der vielen von ihnen bewusst war, aber mit der Hoffnung in Kauf genommen wurde, die bürgerliche Gesellschaft sei so dermassen marode, verdorben und verachtenswert, dass sie im Grunde genommen bald zusammenbrechen müsste.

Komplexität im Umgang mit Gewalt und Widersprüche des Polizeihandelns

An dieser Stelle wird die Darstellung wirklich interessant: Statt über die eine verfehlte Strategie zu echauffieren oder in die Litanei einer Fetischisierung von „Gewaltlosigkeit“ einzusteigen, sucht Haupt nach den Gründen, dieser Eskalation – die nicht zwangsläufig eine Konfrontation mit den herrschenden Klassen ist, sondern möglicherweise eher ein Substitut für sie darstellt. Im zweiten Hauptkapitel widmet er sich daher der „Prävention und Repression“ um aufzuzeigen, wie die Sicherheitspolitik des modernen Staates erst entwickelt werden musste.

Die anarchistischen Umtriebe – und ihre Attentate dabei vermutlich nur an der Spitze – dienten als Anlass und Gegenstand der Verfeinerung von Herrschaftstechniken unter modernisierten Bedingungen. Regierungspolitik fand sich dabei im Verbund mit Polizei und Justiz im permanenten Widerspruch, einerseits hart und konsequent gegen Angriffe auf den bürgerlich-kapitalistischen Staat umzugehen, dabei jedoch andererseits die Freiheiten und Rechte seiner Bürger*innen nicht zu stark zu untergraben und einzuschränken – und somit den revolutionären Strömungen damit in die Hände zu spielen.

In manchen Zeitungen und liberalen politischen Kreisen und Parteien wurde dabei durchaus die Vorgehensweise beispielsweise des Preussischen Obrigkeitsstaates kritisiert. In Frankreich gab es phasenweise eine regelrechte Faszination der Journalist*innen für Bombenanschläge, sodass sie ganze Drohbriefe im Original abdruckten. In Italien wurden Anschläge auf den König Umberto I. keineswegs so konsequent verfolgt und skandalisiert, wie man erwarten könnte – weil dessen relative Unbeliebtheit dem politische Ziel der nationalen Vereinigung für einige Politiker*innen ein Hindernis darstellte.

Ähnlich sah es beispielsweise auch mit der Praktik der Infiltration aus: Als bekannt wurde, dass verschiedene Anschläge unter dem Wissen oder der Beteiligung von Polizeispitzeln durchgeführt wurden, scheint vielen Leuten bewusst geworden zu sein, dass die Erzählung von den Bomben legenden Anarchist*innen offenbar so einfach nicht ist. Vor allem jedoch schien das Versprechen der Regierungen, mit dem Ausbau der Polizei tatsächlich für die Sicherheit ihrer Bürger*innen zu sorgen, damit zumindest teilweise in Frage gestellt zu werden.

Der Zusammenhang von (hergestellter) Emotionalität und politischer Agenda

Eine weitere Besonderheit von Haupts Buch findet sich in den Ausführungen des dritten Kapitels, in welcher er „staatliche Sicherheitspolitik und Emotionen-Management“ betrachtet. Darin stellt sich gewissermassen heraus, dass der Diskurs über Anschläge und Attentate im Grunde genommen viel bedeutender und wirkmächtiger ist, als diese selbst – zumindest gesamtgesellschaftlich betrachtet und wenn man in diesem Zusammenhang von den Opfern auf den verschiedenen Seiten absieht. Mit Emotionen wurde also schon Ende des 19. Jahrhunderts Politik gemacht.

Heinz-Gerhard Haupt: Den Staat herausfordern. Attentate in Europa im späten 19. Jahrhundert.Tatsächlich geht sie mit der technischen Umsetzbarkeit der Massenkommunikation einher: Mit der Entstehung von Tageszeitungen. Und mit der Etablierung anarchistischer Publikationen, die zwar vermutlich in bestimmten Kreisen enorm wichtig waren, jedoch meistens nur eine geringe Auflage hatten und nur in wenigen Fällen kontinuierlich über einen längeren Zeitraum erscheinen konnten. Ob bei Demonstrationen und Kundgebungen, vor rauchenden Gebäudetrümmern, bei turbulenten Gerichtsprozessen, in erhitzten Kneipengesprächen und donnernden Moralpredigten – Stimmungen werden eingefangen und verknüpft mit ihre jeweiligen Inhalten festgehalten und medial vermittelt. Damit erzeugt die eingefangene Stimmung und ihre Darstellung wiederum bestimmte Emotionalität. Und mit dieser versuchen die verschiedenen Akteur*innen Politik zu machen.

Dass Emotionalität und Politik zusammenhängen, ist eine Tatsache, die leider selten anerkannt und diskutiert wird. Gerade dies tut Heinz-Gerhard Haupt am Beispiel der anarchistischen Attentate. Regierungskommunikation und bürgerliche Zeitungen bestialisierten die Gewalttäter, anstatt ihre Taten begreifen zu wollen. Sie nutzten die gewaltsamen Widerstandsakte, um sozialistische Bewegungen insgesamt zu delegitimieren, auszugrenzen und zu kriminalisieren. Die Ziele mancher Anarchist*innen, unter der Bevölkerung Schrecken zu verbreiten, Rache zu üben und zum aktiven Widerstand anzustacheln, fielen damit zumindest phasenweise paradoxerweise mit einer Regierungsagenda zusammen, dass genau diese verbreiteten Gefühle des drohenden Chaos und der blindwütigen Zerstörungswut, aufgriff, um die Repression oppositioneller politischer Strömungen und die Sicherheitspolitik auszuweiten und zu verschärfen.

Abschliessend ist die Studie auch deswegen wertvoll, weil sich Haupt mit ihr an einer bestimmten historischen Phase abarbeitet und darin eine spezifische gesellschaftliche Konstellation beleuchtet. Denn dadurch kann festgehalten werden: Attentaten entsprechen weder dem Wesen anarchistischer Ideologie an sich, noch stellen sie deren logische Konsequenz dar. Armut, Unterdrückung und brutale staatliche Repression sozialer Bewegungen lassen Gewalttaten aus ihrem Umfeld verständlich erscheinen.

Sie stellen jedoch ein schlechtes Mittel in einer Situation der Defensive und Isolation dar, welches überdies die eigene Zielsetzung untergraben muss. Darin unterscheiden sich Anarchist*innen von Faschist*innen und Islamist*innen grundlegend. Denn für die Letzteren ist die Gewaltanwendung präfigurativ: Sie verweist auf die totalitäre Gesellschaftsform, welche nur mit Gewalt aufrecht erhalten werden kann.

Heinz-Gerhard Haupt: Den Staat herausfordern. Attentate in Europa im späten 19. Jahrhundert.

Überlegungen zum politischen Subjekt im Anarchismus

Lesedauer: 16 Minuten

[Entwurf]

Jonathan Eibisch

Die Frage nach dem politischen Subjekt im Anarchismus verweist auf ein Spannungsfeld innerhalb des anarchistischen Denkens. Es handelt sich um jenes zwischen Politik und dem Anderen von Politik, dem, was von ihr ausgeschlossen wird und/oder ihr entfliehen möchte.

Skepsis gegenüber politischer Subjektivität

Anarchistische Anti-Politik beinhaltet die ethische und utopische Forderung danach, dass alle Menschen sich als Einzelne selbst bestimmen können. Demnach können auch die Autonomie von Kommunen und Kollektiven dem Anspruch nach nur durch vollständig Freiwilligkeit, also aus dem eigenen vernünftigen Entschluss ihrer Mitglieder, verwirklicht werden. Menschen schlössen sich demnach nicht mehr aufgrund ihrer geographischen oder sozialen Herkunft und nicht aufgrund konstruierter Identitäten zusammen. Ihre Assoziation geschähe aufgrund der Orte an denen sie leben, den Tätigkeiten, welchen sie aktuell nachgehen und den Leidenschaften beziehungsweise Vorlieben, welche sie jeweils haben. Diese seien jedoch multiple und auch wandelbar. Wo keine Zwänge auf die Einzelnen ausgeübt werden, würden diese in der überwältigenden Mehrheit die meiste Zeit dazu tendieren, sich mit ihren Fähigkeiten in die Reproduktion und Gestaltung kollektiver Aktivitäten einzubringen. Damit könnten sie ihre ausgeprägten sozialen Bedürfnisse befriedigen, hätten individuell ein angenehmeres Leben und würden in Beziehung mit anderen erst zu wirklichen Individuen werden.

Menschen kommen also individuell nur in sozialer Auseinandersetzung und im kollektiven Zusammenhang zu sich selbst. Es scheint, dass viele Anarchist*innen davon ausgehen, dass der Begriff „Subjekt“ neben „Handlungsfähigkeit“ stets auch einen Aspekt der Fremdbestimmung aufweist, der über die bloße Tatsache hinaus geht, dass Menschen als gesellschaftliche Wesen umfassend voneinander abhängig sind, weswegen sie bisweilen auch spontane individuelle Impulse oder Interesse zurückstellen. Diese unfreiwillige Eingliederung kann sich innerhalb der weiten Spanne von sanftem sozialen Zwang bis hin zu direkter und brutaler Unterwerfung bewegen. Damit müsste konsequenterweise angenommen werden, dass bei vollständig ausgeprägten Anarchie, sowohl der Subjektstatus von Personen, als auch jener von Kollektiven entsprechend den utopischen und ethischen Fluchtlinien des Anarchismus aufgelöst sein würde. Zumindest wäre er radikal anders, als für die meisten Menschen in der heutigen Gesellschaft. Entscheidend ist, dass im Anarchismus die Möglichkeiten zur Selbstbestimmung aller (unterschiedlicher) Einzelnen Ziel und damit auch Indikator für die Verwirklichung von sozialer Freiheit ist. Aus der Ablehnung von erzwungenen Kollektivitäten ergibt sich somit im Anarchismus auch eine grundlegende Skepsis gegenüber politischer Subjektivität.

Dimensionen eines anarchistischen Verständnisses von politischer Subjektivität

Dieser Zielvorstellung, welche gleichwohl nicht irgendwann ist oder sein soll, sondern entweder hier und heute gebrochen und widersprüchlich anbricht, oder gar nicht ist, steht notwendigerweise die politische Seite des Anarchismus gegenüber. Anarchismus als Streben nach umfassender Emanzipation und Autonomie ist nicht unpolitisch oder apolitisch, sondern (anti)politisch. Und in der Politik geht es um die Aushandlung der divergierenden Interessen unterschiedlicher politischer Subjekte, die über verschiedene Machtressourcen verfügen.

Politische Subjektivität weist in anarchistischen Verständnissen sechs Dimensionen auf. Mit der sozial-strukturellen Dimension lässt sich erheben und beschreiben, wie sich bestimmte soziale Gruppen anhand ihrer Positionierung in der sozialen Hierarchie der Gesamtgesellschaft, herausbilden. Dies lässt sich überwiegend anhand der ökonomischen und politischen Macht beschreiben, welche jene sozialen Gruppen aufweisen. Sie überschneidet sich mit der sozial-kulturelle Dimension, beide gehen jedoch keineswegs ineinander auf. Als sozial-kulturelle Faktoren können Sprache, Habitus, Narrationen und Mythologien gelten, welche Gefühle von Gemeinsamkeit und Unterschiedlichkeit erzeugen. Sozial-strukturelle und sozial-kulturelle Dimensionen haben starken Einfluss auf die Prägung von sozialen Subjekten.

Als politische Subjekte können diese jedoch erst gelten, wenn ihre jeweiligen Eigenheiten politisiert, also in das Feld politischer Auseinandersetzungen überführt werden. Dies geschieht in der strategisch-organisatorischen Dimension von politischer Subjektivität. Eine wesentliche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Räume der Versammlung und Auseinandersetzung. Die Ausbildung politischer Subjektivität geschieht zum einen durch die Strukturierung nach innen, zum anderen beim Auftreten in der Öffentlichkeit. Ferner sind soziale Hierarchien innerhalb von politischen Subjekten, als auch ihre Organisationsformen und Arbeitsweisen generell und deren Unterscheidung von jenen anderer politischer Subjekte zu bestimmen. Dies ist mit der strategisch-diskursiven Dimension verknüpft. Zwar lassen sich sozial-strukturelle oder sozial-kulturelle Faktoren eines Subjektes relativ objektiv bestimmen. Zu einem politischen Subjektiv kann es jedoch nur werden, wenn ihnen spezifische Bedeutung verliehen wird, wenn sie benannt werden. Die Benennung eines politischen Subjektes geschieht notwendigerweise in Abgrenzung zu anderen politischen Subjekten, wobei die Art der Abgrenzung und die Möglichkeiten ihrer politischen Beziehungen eine große Varianz aufweisen. Ebenso besteht eine Variabilität darin, zu welchem Grad dem politischen Subjekt eine Essenz zugeschrieben wird oder ob diese als strategische Setzung offen gelegt und damit zur Verhandlung gestellt wird. Politische Organisation und Artikulation geschehen zu Stärkung eines spezifischen sozialen Subjekte in der politischen Auseinandersetzung. Politische Tätigkeit besteht jedoch auch in der Desorganisation und Desartikulation von konkurrierenden und gegnerischen politischen Subjekten.

Im anarchistischen Verständnis spielt auch die ethische Dimension politischer Subjektivität eine Rolle. Diese beinhaltet die Legitimation, mit welchem einem politischen Subjekt eine spezifische Position in der sozialen Hierarchie zukäme, die es zu behalten oder zu erringen gälte. Politische Subjekte werden formiert, um politische Auseinandersetzung einzugehen und letztere bedingen auch ihre Konstituierung. Anders gesagt bedeutet Emanzipation, dass unterworfene, ausgebeutete und entfremdete politische Subjekte danach streben, die Bedingungen aufzulösen, unter welchen sie sich als spezifische politische Subjekte konstituieren. Daran knüpft schließlich die voluntaristische Dimension an. Emanzipation kann nicht für andere politische Subjekte, sondern muss durch diese selbst vollzogen werden. Dies bedeutet, dass aus den jeweiligen sozialen Gruppen möglichst viele Menschen möglichst umfassend an der Konstitution ihrer politischen Subjektivität mitwirken sollen. Diese Prämisse gründet sich erstens auf der Annahme einer subjektiven Verhaftung von Menschen in den Herrschaftsverhältnissen und zweitens auf der Einsicht darin, dass sie letztendlich nur selbst definieren, entscheiden und mit Inhalt füllen könnten, worin „Freiheit“, „Gerechtigkeit“, „Anerkennung“ oder „Gleichheit“ für sie konkret bestehen. Dass darum offensichtlich Auseinandersetzungen geführt werden und es verschiedene Bewusstseinsgrade davon gibt, wird im Anarchismus mit dem Anliegen vermittelt, möglichst alle Menschen zu ihrer Bewusstseinsbildung und Selbstbestimmung zu befähigen. Die ethische und voluntaristische Dimension politischer Subjektivität führen wiederum zur anarchistischen (Anti)Politik zurück.

Präfiguration, Pluralität, Heterogenität von politischer Subjektivität

Die Konstituierung politischer Subjekte wird im Anarchismus nicht als Selbstzweck gedacht, sondern geschieht strategisch, um für einen libertären Sozialismus zu kämpfen. Darüber hinaus sollen die zu konstituierenden Subjekte im Sinne einer präfigurativen Politik in ihrer Organisationsform, ihren Aktionsformen und in ihren Beziehungsweisen die angestrebten gesellschaftlichen Verhältnisse bereits vorwegnehmen. Da das sozial-revolutionäre Anliegen im Anarchismus darin besteht, die gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt grundlegend zu verändern, versteht sich von selbst, dass mit präfigurativer Politik Ansprüche formuliert werden, welche erstens wiederum selbst Teil von Aushandlungsprozessen sind und die zweitens als Orientierungsmarken dienen, deren Erfüllung stets nur partiell, gebrochen und widersprüchlich gelingen kann. Aufgrund dieser ethischen und utopischen Komponente, sind emanzipatorische politische Subjekte daher auch nicht als bloße Mittel zu Erreichung spezifischer Zwecke zu verstehen. Aus dem Changieren zwischen der Tendenz von formierten Subjekten zum „sozialen“ Selbstzweck zu werden und jener, „nur-politischer“ Zweck zum Mittel sein, ergibt sich ein komplexes Verständnis (anti)politisches Subjektivität, welches anarchistische Akteure vor große Herausforderungen stellt.

Da der Anarchismus sehr plural ist, sich auf verschiedene soziale Gruppen bezieht und unterschiedliche ideologisch-weltanschauliche und strategische Vorstellungen umfasst, ergibt sich von selbst, dass in ihm verschiedene Vorstellungen von politischen Subjekten und politischer Subjektivität bestehen. Hierbei müsste streng genommen zwischen politisch-ideologisch überzeugten „Anarchist*innen“, Aktiven in emanzipatorischen sozialen Bewegungen im weiteren Sinne und solche sozialen Gruppen unterschieden werden, welche in ihrer sozial-strukturellen und sozial-kulturellen Position in einer historisch-spezifischen Herrschaftsordnung am stärksten ausgebeutet, unterdrückt und entfremdet werden. Die Übergänge sind jedoch fließend.

Allgemein kann festgestellt werden, dass der Anarchismus bei seiner Genese in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Kategorie des „Volkes“ im Sinne des vierten Standes Bezug nahm. „Volk“ ist in der anarchistischen Verwendung also eine sozialstrukturelle Kategorie der unteren Klassen, welche zu weiten Teilen politisch unterdrückt und ausgeschlossen werden. Die beinhaltet jedoch bereits die Annahme seiner inhärenten Heterogenität, angefangen bei der Arbeit verschiedener sozialer Gruppen in der Landwirtschaft, im Handwerk oder der Industrie, aus welcher unterschiedliche Interessen resultieren. Darüber hinaus werden auch sozial-kulturelle Unterschiede ausgemacht, je nach geographischem Raum (Stadt-Land, verschiedene Regionen), nach Herkunft (unterschiedliche Sprachen, Gebräuche) oder weltanschaulichen Überzeugungen (z.B. Prägung durch Religionsgemeinschaften). Wenn im frühen Anarchismus von „Volk“ gesprochen wurde, dann stets von einer Gemengelage unterschiedlicher sozialer Gruppen, denen jedoch unterstellt wurde, sich in einem strukturellen Antagonismus zum Großgrund-besitzenden Adel oder dem Kapital-besitzenden Bürgertum zu befinden. Wesentlich ist dem Anarchismus die Ablehnung eines vermeintlich privilegierten revolutionären Subjektes, wie es etwa im Marxismus mit dem Industrieproletariat ausgemacht wurde. Fast als Gegenbewegung zum Marxismus findet sich daher im Anarchismus auch eine Bezugnahme auf den angeblich reaktionären „fünften Stand“, das sogenannte „Lumpenproletariat“. Darunter werden mit Langzeitarbeitslosen, Obdachlosen, Tagelöhnern, Kleinkriminellen und Prostituierten all jene sozialen Gruppen zusammengefasst, welche von der Hand in den Mund leben müssen, oftmals keinen dauerhaften Wohnsitz haben und daher keinen geregelten Lebenslauf vorweisen können.

Der soziale Gegensatz zwischen „Volk“ und herrschenden Gruppen sollte anarchistischer Lesart nach mit dem Nationalismus übertüncht und in seiner republikanischen oder völkischen Variante in die konstruierte Gesamtheit von „Republik“ oder „Volksgemeinschaft“ überführt werden. Dementsprechend wird in allen Varianten der nationalstaatliche Rahmen für die Herausbildung politischer Subjekte abgelehnt, im Unterschied zu sozialdemokratischer Politik vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute.

Mit dem in der Ersten Internationale (1864-1876) verbreiteten und später von Peter Kropotkin ausformulierten anarchistischen Kommunismus wurde das Subjekt des Volkes zunehmend durch jenes der Klasse ersetzt. Doch auch bei ihm gingen anarchistische Denker*innen von seiner inhärenten Heterogenität aus. Mit anderen Worten richteten sie ihr Augenmerk darauf, wie die „Klasse an sich“ zu einer „Klasse für sich“ werden könnte, wie es Marx formulierte. Denn dieser Prozess geschieht nicht mehr oder weniger automatisch, sondern ist aktiv organisatorisch, diskursiv, ethisch und voluntaristisch herzustellen, vor allem deswegen, weil die „Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiterklasse selbst sein“ soll. Die Bezeichnungen „Volk“ und „Klasse“ treten jedoch auch künftig oftmals vermischt auf. Im spanischen Raum sind „pueblo“ und im englischen „people“ anders konnotiert als im deutschen Sprachgebrauch. Dahingehend lassen sich im Anarchismus bis Anfang des 20. Jahrhunderts auch explizite Bezugnahmen auf die Bauernschaft zeigen – man denke beispielsweise an die mexikanische Revolution oder die Macho-Bewegung.

Die Entwicklung des Anarcho-Kommunismus ist jedoch nur eine Linie im Anarchismus. Ihr gegenüber steht die Ausbreitung des individualistischen Anarchismus, der einerseits in Abwehr der sich ausdehnenden Zwangsinstitutionen des bürgerlichen Nationalstaats und andererseits in Ablehnung der Massengesellschaft und politischer Kollektive generell entsteht. Kommunistische Anarchist*innen lehnten sozialistische politische Parteien ab, befürworteten jedoch Massenorganisationen, um politische Subjekte zu konstituieren. Individualanarchist*innen dagegen argumentieren, mit Massenorganisationen und der Bezugnahme auf kollektive politische Subjekte geschähe erneut eine Unterordnung von Einzelnen unter abstrakte Gesamtwillen, was dem anarchistischen Grundanliegen widerspräche. Als politische Subjekte werden hingegen gerade die Individuen betrachtet, welche es zu stärken gälte. Etwas später noch, ab den 1890er Jahren kamen der anarchistische Syndikalismus und der kommunitäre Anarchismus auf. In ersterem wird das politische Subjekt der proletarischen Klasse eindeutiger als im Anarcho-Kommunismus betont, wenngleich weiterhin von ihrer Heterogenität ausgegangen wird. Im anarchistischen Kommunitarismus ist eine Relativierung von sozial-strukturellen Begründungen festzustellen. Stattdessen wird die sozial-kulturelle Dimension in dem Sinne betont, als dass die politischen Subjekte eher in Lebensreform- und Genossenschaftsbewegungen gesucht werden.

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist ein zunehmende Integration der Arbeiterklasse in den staatlichen Kapitalismus zu beobachten. Staatliche Eingriffe in die Wirtschaft während der Kriege, die Ausdehnung von Konsummöglichkeiten und relativer Wohlstand, politisch-gewerkschaftliche Klassenkompromisse, die Entwicklung der Unterhaltungsindustrie, die parlamentarische Einbindung sozialistischer und kommunistischer Parteien und die Beschwörung nationaler Einheit durch äußere und innere Feind*innen sind hierbei als wesentliche Faktoren für diese Entwicklung zu nennen. Zumindest sozial-revolutionäre Bestrebungen waren mit dem herkömmlichen Klassensubjekt nicht mehr denkbar. Dies galt ebenso für die realsozialistischen Staaten in welchen mit der Proklamation der Diktatur der Arbeiterklasse, reale Klassenunterschiede negiert wurden, während ebenso eine neuartige Einbindung proletarischer Klassen in herrschende Schichten erfolgte.

Zugleich brach sich eine Entwicklung bahn, deren Keim schon lange vorher gelegt war: Herkunft/race und Geschlecht/Sexualität wurden als Unterdrückungsmomente begriffen, denen mit weißer Vorherrschaft und Patriarchat eigenständige Herrschaftsverhältnisse zu Grunde liegen. Um diesen entgegenzutreten, wurde über Identitätspolitiken verschiedene politische Subjekte gebildet, die sich gegen multiple Unterdrückungsachsen zu Wehr setzen.

Mit der Welle der antiimperialistischen Bewegungen wurde von Anarchist*innen ebenfalls auf die Subjekte von um Befreiung kämpfenden sozialen Gruppen in Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ Bezug genommen. Dies geschah jedoch deutlich kritischer auch dem sowjetischen Imperialismus und dem Nationalismus der Befreiungsbewegungen gegenüber. Ab den 1990ern ist von einer weiteren Pluralisierung oder auch Fragmentierung politischer Subjekte im Anarchismus zu sprechen. Mit der Diskussion um die Ansprüche nicht-menschlicher Lebewesen oder auch zukünftig lebender menschlicher Generationen wird eine Ansammlung von politischen Subjekten in Abwesenheit eingeführt.

Der Fragmentierung wird mit Überlegungen zur Bildung neuer Allianzen zwischen verschiedenen politischen Subjekten begegnet. Die postoperaistische „Multitude“ erfuhr dabei teilweise Zustimmung von Anarchist*innen, gilt ihnen jedoch noch als zu unbestimmt, schematisch und unterkomplex. Stärker wird versucht, heterogene politische Subjekte an den „Rändern“ der Herrschaftsordnung zu suchen (z.B. Indigene, Arbeitslose, Migrant*innen, Sexarbeiter*innen), die ebenso „innerhalb“ ihrer Metropolen, in deren „Rissen“ und „Zwischenräumen“ (z.B. Autonome, digitale Bohéme, Transpersonen, anti-elitärer Kosmopolitismus) gefunden werden können. Der Vorstellung eines „linken Mosaiks“ nicht fern, geht es um die Bildung von „Äquivalenzketten“ um verschiedenen politischen Subjekte zusammen zu schließen. Über „linke“ Vorstellungen hinaus, soll eine solche Allianz jedoch ohne anführende Partei auskommen und in vollständiger Bewahrung beziehungsweise erst Herstellung der Autonomie der sich freiwillig und horizontal föderierenden politischen Subjekte gelingen. Diese anarchistische Pluralität richte sich gegen den liberalen Multikulturalismus, wie Richard F. Day betont (2005). Mit dem Ansatz der „Total Liberation“ soll wiederum eine Vereinigung verschiedener Subjekte gegen soziale Hierarchie generell möglich werden, in dem vom Kristallationspunkt der ökologischen Zerstörung ausgegangen wird (2019).

Im Individualanarchismus wird das Subjekt „souveräner sozialer Singularitäten“ fortgeschrieben (Saul Newman (2016); Crispin Sartwell (2008)), ebenso wie im Anarcho-Syndikalismus der Klassenbegriff aufgewärmt wird (Schmidt/van der Walt (2009)) oder kommunale (Murray Bookchin (1997)) beziehungsweise kommunitäre Kollektivitäten (John P. Clark (2013)) wieder in den Blick genommen werden. Traditionelle Diskussionen werden hierbei also unter teilweise veränderten Umständen fortgeschrieben.

Das Element des Willens und die Dimension der Entfremdung

Allen Strömungen im Anarchismus ist gemein, dass in ihnen der Wille von Subjekten zu ihrer eigenen Ermächtigung beziehungsweise Emanzipation betont wird. Die im Sozialismus weit verbreitete Vorstellung eines unweigerlichen gesellschaftlichen Fortschritts wird ebenso abgelehnt, wie jene, dass Geschichte nach vermeintlich historischen Gesetzmäßigkeiten verlaufe. Verworfen wurden die Verelendungsthese, nach welcher Menschen dann revolutionär werden würden, wenn sich ihre Lebensbedingungen verschlechtern und auch das angeblich „eherne Lohngesetz“, mit welchem davon ausgegangen wurde, dass jegliche Verbesserungen von Arbeitsbedingungen durch eine Erhöhung der Preise oder Mieten ausgeglichen werden würden. Die Situation von Unterdrückung, Ausbeutung und Entfremdung führe bei Angehörigen der produzierenden Klassen zu Fatalismus und Perspektivlosigkeit. Religionsgemeinschaften, Medien und Unterhaltungsindustrie hielten sie in einem dauerhaften Spektakel gefangen oder verdummten sie regelrecht, sodass sich ihr Drang aufzubegehren in reaktionäre Richtungen wendet.

Für Anarchist*innen spielen sozialistische Parteien dieses Spiel mit, anstatt sich ihm entgegen zu stellen. Sie artikulieren und vertreten die Interessen ihres Klientels, anstatt dass die Angehörigen einer sozialen Gruppe dies selbst tun. Sie vermitteln ihre Interessen in parlamentarischen politischen Gremien und Prozessen, anstatt direkt für ihrer Umsetzung als soziale Praxis einzutreten. Sie bilden hierarchische Strukturen aus, die jenen des Staates gleichen. Indem Parteisozialist*innen Menschen organisieren und anführen, anstatt das diese sich selbst organisieren und selbst bestimmen (was auch kollektiv und prinzipiell auch institutionalisiert geschehen kann), tendieren sie dazu, sie in Unwissenheit, Abhängigkeit, Ohnmächtigkeit und Gehorsam zu halten.

Daher wird im individualistischen Anarchismus die Eigenwilligkeit der Einzelnen betont, deren Erkennen und Ausleben an sich eine antiautoritäre Stoßrichtung aufweise. Im Mutualismus wird mit neuartigen Institutionen wie den Arbeiterbörsen, Kollektivbetrieben oder Genossenschaften gegenseitige Hilfe, praktische Solidarität und sozialer Zusammenhalts gestiftet, die bewusst nicht für andere, sondern für ihre Mitglieder selbst geschehen soll. Der Anarcho-Kommunismus weist den Widerspruch auf, dass seine Anhänger*innen die proletarischen Klassen einerseits nicht anführen, sondern zu ihrer Selbstermächtigung anregen wollen; andererseits aber eine festere Vorstellung davon haben, wie der gesellschaftliche Zustand zu beschreiben ist und wie die Vision für eine libertär-sozialistische Gesellschaft aussieht. Dies führt zu einer Überbetonung von der Notwendigkeit der Bewusstseinsbildung, Propaganda und Agitation der Menschen, welche sich darauf hin selbst erheben und organisieren sollen. Im anarchistischen Syndikalismus wird der „Arbeiterwille“ als „neuer Faktor“ angesehen, sprich als etwas, was nicht einfach gegeben ist, sondern was durch spezifische Erfahrungen geprägt und durch Sozialtechniken gefördert werden könne. Daher wird Wert auf die genaue Organisationsform der Syndikate gelegt, in welchen die Arbeiter*innen sich organisieren, darüber hinaus jedoch auch ihrer Lage bewusst werden, solidarisieren und ermächtigen können. Die Anwendungen von direkten Aktionen dient zum Einen dazu, bestimmten Forderungen Nachdruck zu verleihen, indem Tatsachen geschaffen werden. Nicht weniger jedoch hat sie eine erzieherische Funktion für jene, die sie anwenden als auch für jene, die sie sehen. Auch im kommunitären Anarchismus wird der Wille der Einzelnen betont, welcher Voraussetzung dafür sei, politische Subjekte zu konstituieren, die anarchistischen Vorstellungen entsprechen. Klassenübergreifend sollen all jene, die gesamtgesellschaftliche Veränderungen in Verbindung mit der Veränderung ihrer eigenen Lebensweise wollen versammelt werden, um ein experimentelles „neues Beginnen“ zu wagen. Schließlich soll auch im anarchistischen Insurrektionalismus die Rebellion, der Aufstand, nicht allein dazu dienen, Aspekte der Herrschaftsordnung direkt anzugreifen und zu zerstören. Ebenso sollen mit ihm die Verletzbarkeit der Herrschaft aufgezeigt und die Ermächtigung der Subjekte in der aufständischen Situation erfahren werden, damit die Ohnmacht gebrochen und der Wille erzeugt wird, mit der Herrschaftsordnung auf umfassende Weise zu brechen.

Insgesamt kann für die anarchistische Theorie wiederum von einem dialektischen Verhältnis vom „Willen“ als Ausgangspunkt zur Konstitution von politischen Subjekten und „Willen“ als Ziel formierter politischer Subjekte ausgegangen werden. „Wille“ ist dabei nicht als etwas naturgemäß gegebenes oder als bloße Charaktereigenschaft zu verstehen. Vielmehr gründet er sich in der „Erziehung“, das heißt zum Beispiel dem Kennenlernen der eigenen Bedürfnisse und Vorstellungen, einem Bewusstsein von der eigenen gesellschaftlichen Situation und Zielvorstellungen davon, wie diese anders sein könnte, sowie in der Erfahrung von Selbstwirksamkeit, die als mit anderen (im Kampf) verbunden zu verstehen ist. In jedem Fall ist diese voluntaristische Dimension wie erwähnt eine, die zu politischen Subjekten, die einem anarchistischem Verständnis entsprechen, hinzukommen muss. Im Zusammenhang mit der Dimension einer sozialistischen Ethik übersteigt sie die sozial-strukturellen und sozial-kulturellen Bedingungen in denen soziale Subjekte situiert sind und ermöglicht tendenziell einen Zusammenschluss von politischen Subjekten aus verschiedenen Kontexten. Diese Schnittpunkte sind jedoch aktiv herzustellen.

Das Problem der „Avantgarde“ und der Fokus auf „radikale Minderheiten“

So unterschiedlich die Hintergründe von Anhänger*innen der anarchistischen Szene beziehungsweise anarchistisch beeinflusster sozialer Bewegungen waren und sind, kam der Großteil von ihnen aus proletarischen Verhältnissen, waren sie Industriearbeiter, Bauern oder abhängige Handwerker. Die Namen, die historisch überliefert werden sind jedoch in der Regel jene von Aktiven, die entweder Bücher oder Zeitungsartikel geschrieben haben, sich als Redner*innen und Organisator*innen besonders hervortaten oder durch ihren außergewöhnlichen Wagemut zur Legende gemacht wurden. Damit wird die gängige Vorstellung reproduziert, es seien entweder fast ausschließlich „privilegierte“, „besonders begabte“ oder „fanatische“ (überwiegend weiße und männliche) Personen, welche emanzipatorische soziale Bewegungen prägen oder anführen. Wenngleich die Zugangschancen äußerst unterschiedlich sind, trügt dieser Eindruck dennoch. Echtes sozial-revolutionäres Handeln geschieht durch viele „durchschnittliche“ Leute und wird in oftmals sehr unspektakulären Handlungen und kontinuierlicher Organisationsarbeit vollzogen. Einen „Willen“ – im oben beschriebenen Sinne – für diese Graswurzeltätigkeiten zu entwickeln, ist an bestimmten Voraussetzungen gekoppelt. Dies gilt umso mehr, je weniger das sozial-revolutionäre Handeln an der Oberfläche kratzt, während es für tiefschürfende und daher oftmals wenig sichtbare Aktivitäten selten soziale Anerkennung oder überhaupt Verständnis gibt. Politisch aktiv zu werden, also sich bewusst als Teil eines politisches Subjektes zu verstehen und politische Subjekte organisieren zu wollen, verlangt über eigene Zeit zu verfügen, Zugang zu bestimmter Bildung zu haben und einen bestimmten Habitus ausbilden zu können, um Anteil an einer bestimmten politischen Szene und Kontakte in ihnen zu haben. Je schwerer Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung auf den sozialen Gruppen lasten, desto schwerer ist es für sie, sich freiwillig als bewusste politische Subjekte zu konstituieren.

Dass soziale Gruppen sich als politische Subjekte formieren und sich emanzipatorischen sozialen Bewegungen oder sogar einer anarchistischen Szene anschließen, lässt sich also nicht allein oder vorrangig aus sozial-strukturellen und sozial-kulturellen Bedingungen ableiten, ergibt sich aber auch nicht bloß aus der ethischen oder voluntaristischen Dimension, sondern ist eine Frage von Organisation und Diskurs. Menschen können sich aus verschiedenen Positionen heraus politischen Subjekten anschließen. Auch wenn sich Faktoren dafür benennen, begründen und somit auch in gewissem Maß beeinflussen lassen, wäre es müßig danach zu suchen, aus welchen Gründen genau sich Einzelne oder bestimmte Gruppen einem politischen Subjekt anschließen. Beziehungsweise wäre es – wenn es umfassend betrieben werden würde – auch schlichtweg manipulativ und damit nicht emanzipatorisch.

Festzustellen ist, dass es immer wieder eine Kluft zwischen ideologisch überzeugten Aktiven und einer breiten und relativ unbewussten beziehungsweise lethargischen Masse zu geben scheint. Dies hängt mit den erwähnten Zugangsvoraussetzungen zusammen, mit der Ohnmacht und Fatalismus erzeugenden gesamtgesellschaftlichen Konstellation, als auch mit der bloßen „sozialen“ Tatsache, dass sich nur wenige Menschen trauen mit mehrheitlich verbreiteten Vorstellungen oder Verhaltensweisen zu brechen und damit in der Regel die eigene Komfortzone zu verlassen. Letzteres bedeutet zudem die Bereitschaft, sich auch als soziales Subjekt in Frage zu stellen und sich von dessen Bedingungen emanzipieren zu wollen.

Wie erwähnt, setzen Anarchist*innen auf die Selbstermächtigung und Selbstorganisation der von Herrschaft betroffenen Subjekte. Damit werden Stellvertretungsprinzip und Avantgarde-Politik zurückgewiesen. In der Konsequenz führte dies oftmals zu einer subkulturellen oder dogmatisch-identitären Selbstbezüglichkeit in anarchistischen Kreisen. Die Ansprüche daran, eigene Lebensweisen zu verändern, wurden derart hoch angelegt, dass das Verständnis für die eigene „Progressivität“, beziehungsweise die Exklusivität der spezifischen gesellschaftlichen Position, verloren ging. Mit schlecht vermittelbaren Beispielen und fernen Lebensrealitäten lassen sich die eigenen Vorstellungen jedoch nur schwierig verbreiten. Die Kluft zwischen bewussten politischen Subjekten und durch die – in der staatlich-kapitalistischen Gesellschaft hergestellten – Massen, lässt sich somit nicht überbrücken.

Die Diskussionen um diese Thematik führten im Anarchismus zum Konzept der radikalen Minderheiten. Mit diesem geht es nicht darum, eine große Anzahl von Menschen zu versammeln zu werden, „bevor“ sozial-revolutionär gehandelt werden könnte, sondern umgekehrt sozial-revolutionär zu handeln, um „mehr“ zu werden. Die neu überzeugten Anhänger*innen eines sozial-revolutionären Subjektes, sollen sich jedoch nicht lediglich einem politischen Subjekt anschließen, sondern entweder aktiv in ihm mitwirken oder aus der eigenen spezifischen sozialen Gruppe heraus politische Subjektivität ausbilden. Heruntergebrochen zähle nicht die Quantität der Anhänger*innen, sondern die Qualität ihres bewussten, selbstbestimmten und radikalen Handelns. Es liegt nahe, dass hierbei wiederum die Gefahr besteht, in exklusive Kleingruppen zurück zu fallen, welche an Wirkungsmacht, Themenvielfalt und Verankerung in der Bevölkerung einbüßen. Damit dies nicht geschieht, wurden im Anarchismus immer wieder nach Formen gesucht, wie Gemeinsamkeiten trotz Pluralität der politischen Subjekte hergestellt werden können.

Die Herstellung von Vielfalt und Gemeinsamkeit

Meiner Lesart nach wird mit anarchistischen Strategien versucht, unterschiedliche politische Subjekte in gemeinsame Kämpfe gegen eine allgemeine Herrschaftsordnung zu vereinen, die sich zwar unterschiedlich auf die jeweils Betroffenen auswirkt, von welcher aber angenommen wird, dass sie den Beteiligten grundlegend schadet. Wie eingangs erwähnt, ist die Annahme der Heterogenität politischer Subjekte ein wesentliches Kennzeichen des Anarchismus, mit welchem danach gesucht wird, wie diese sich freiwillig und horizontal zusammenschließen können, ohne ihre Autonomie aufzugeben.

Dazu wird im Individualanarchismus die Differenz im Sinne des Strebens nach der Selbstentfaltung von Einzelnen betont, deren divergierende „Leidenschaften“ idealtypisch gerade aufgrund ihrer sich ergänzenden Vielfalt vermittelt werden könnten. Schwierig wird es allerdings, wenn kein verbindlicher organisatorischer Rahmen besteht, in welchem Differenzen in Auseinandersetzung treten können, um dann Gemeinsames zwischen ihnen herzustellen – etwa weil individuelle Anliegen und Bedürfnisse derart in den Vordergrund gestellt werden, dass damit Bezugnahme auf die Kollektivität eines politischen Subjektes verunmöglicht wird. Im Anarcho-Syndikalismus besteht die Tendenz einer Relativierung von Differenzen durch die Betonung der gemeinsamen Klassenposition. Die gewerkschaftliche Praxis ruft jedoch immer wieder ins Bewusstsein, dass unterschiedliche Subjektpositionen und mithin verschiedene politische Subjekte zu beachten sind, um einen Klassenantagonismus überhaupt von der eigenen Seite her kämpferisch aufmachen zu können. Wie erwähnt wird im anarchistischen Kommunitarismus der Wille zum experimentellen und verändernden Neuaufbau als wesentliche Voraussetzung angesehen. Damit wird Vielfalt begrüßt, werden jedoch auch neue Habitusformen erzeugt, mit denen Zugangsbarrieren einhergehen, welche der Heterogenität wiederum entgegen stehen. Aus diesen Gründen befinden sich anarchistische Ansätze in einem Dilemma zwischen dem Anspruch, die Vielfalt und Offenheit von politischen Subjekten zu gewährleisten, während dieser gleichzeitig aufgrund der Komplexität der anarchistischen Vorstellungen, bestimmten Voraussetzungen für die politische Subjektivierung und damit einhergehenden subjektiven Anstrengungen, untergraben wird.

Meiner Ansicht nach wird dieses Dilemma im zeitgenössischen Anarchismus kaum gelöst, weil strategische Überlegungen abgelehnt und eine politisch motivierte Beschäftigung mit Theorie, ja vielmehr ihre Übertragung und Anwendung in die politische Praxis, oftmals nicht als notwendig erachtet wird. „Strategische Überlegungen“ müssen dabei keineswegs den Charakter von der kritisierten Parteipolitik annehmen oder deren politische Logik übernehmen, noch braucht es für sie zwangsläufig eine bestimmte Größe von sozialen Bewegungen. Mit der Anwendung „politischer Theorien“ ist keine Aneignung von bloßem Bücherwissen oder die Exegese von einem Schriftenkanon gemeint, aus welcher dann Masterpläne abgeleitet werden. Vielmehr geht es mit ihnen darum, sich gezielt Wissen über gesellschaftliche Entwicklungen, soziale Positionen von Menschen usw. anzueignen, um sich organisieren und emanzipatorisch kämpfen zu können. Dies kann zahlenbasiert und „wissenschaftlich“ sein, aber ebenso in der Kenntnis von Narrationen und in Erfahrungen beim Agieren von politischen Verbündete, Konkurrent*innen oder Gegner*innen, bestehen. Auch hinsichtlich des Nachdenkens über politische Subjekte, ihrer Ausgestaltung und der Zugehörigkeit zu ihnen, bestehen im Anarchismus starke Tendenzen zur Romantik und zur Dogmatik. Spezifische Praktiken und politische Subjekte stehen dauernd vor der Gefahr zu Selbstzwecken oder bloßen Mitteln zu Zwecken zu verkommen. Präfigurative Praxis hingegen bedeutet, die Formung und Ausgestaltung von politischen Subjekte, ihre Zugangsmöglichkeiten und ihr Verhältnis in der Differenz zu anderen politischen Subjekten fortwährend zu reflektieren und zur Debatte zu stellen. Auch dies ist letztendlich ein Grund dafür, warum eine Festlegung von politischen Subjekten im Anarchismus – abseits von der wahren, aber allgemeinen Beschreibung, dass sie von Herrschaftsverhältnissen betroffen sind und sich von diesen emanzipieren wollen – nicht vorgenommen werden kann. Anhaltende Debatten um „Privilegien“ in linken Szenen verdeutlichen jedoch, dass dahingehend eine gewisse Reflexionsbereitschaft und ein Problembewusstsein für die trennenden Unterschiede bestehen, in welche die Herrschaftsordnung Menschen setzt. Dies wird ergänzt durch die Begrüßung von selbstbestimmter Vielfalt, die potenziell Grundlage für horizontale Gemeinsamkeiten sein kann.

Die Kommune von Kronstadt (Radio-Interview)

Lesedauer: < 1 Minute

„Kronstadt ist der point of no return der russischen Revolution. Danach war die Sache praktisch gelaufen.“ So fasst Klaus Gietinger in seinem Buch „Die Kommune von Kronstadt“ (Buchmacherei) die Ereignisse zusammen, die sich von Ende Februar bis zum 18. März 1921 in Kronstadt zutrugen. Die Matrosen, die sich als Vorkämpfer der Revolution verstanden, wollten nicht die alleinige Parteienherrschaft der Bolschewiki akzeptieren. Diese schlugen den Aufstand militärisch nieder. Ein Gespräch über die Ereignisse vor 100 Jahren. Zum Buch: https://diebuchmacherei.de/produkt/die-kommune-von-kronstadt/

Ein hörenswertes Interview anlässlich des 100. jährigen Jubiläums bei Radio Corax.

Grundlagen: Leben ohne Chef und Staat

Lesedauer: 5 Minuten

Wie so viele hatte mich vor Jahren Horst Stowassers Leben ohne Chef und Staat. Träume und Wirklichkeit der Anarchisten sehr inspiriert. Das 1986 im Eichborn-Verlag erschienene Buch beinhaltet sieben Auszüge aus der der anarchistischen Praxis. Von der Machno-Bewegung, dem Attentäter Simón Radowitzky in Argentien, dem Pöbel-Agitator Johann Most, südamerikanischen anarchistischen Kommunen, spanischen Enteignern um Buenaventura Durruti, Arbeitskämpfen der Bergarbeiter in Düsseldorf 1920 bis hin zum zeitgenössischen Anarchismus in Mexiko, zeichnet Stowasser verschiedene Beispiele der anarchistischen Wirklichkeit nach. Und dies tut er auf eine lebendige Weise, indem er jeweils zunächst eine „Story“ (beziehungsweise „Anekdoten“) präsentiert, auf den historischen Kontext eingeht und dann – etwas altbacken – eine „Moral“ aus der jeweiligen Geschichte ableitet. Auch wenn er mit dem Buch explizit keinem wissenschaftlichen Anspruch genügen will, verweist Stowasser dazu auf zahlreiche Quellen, die er bis zu Letzt im von ihm gegründeten „Anarchiv“ in Wetzlar sammelte. Wie kaum ein anderer trug Stowasser in den von den 70er bis zu den 2000er Jahren zur Pflege und Weiterentwicklung des anarchistischen Erbes bei und inspirierte damit zahlreiche Menschen. So wurde auch sein Buch Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft (1995) zu einem wichtigen Grundlagenwerk des Anarchismus im deutschsprachigen Raum (2007 neu herausgegeben unter dem Titel Anarchie! – Idee, Geschichte, Perspektiven [kostenloser Download hier]).

Stowasser war auch als Mitentwickler des sogenannten „Projektanarchismus“ bekannt mit dem er „Wege aus dem Szene-Ghetto“ finden wollte. Er versuchte bis zu seinem Lebensende in der Kommune WEPSE in Neustadt an der Weinstraße seine Vorstellungen umzusetzen, um deutlich zu machen, dass Anarchie eine äußerst praktische Angelegenheit ist.

„Grundlagen: Leben ohne Chef und Staat“ weiterlesen

Anarchistische Parteinahmen

Lesedauer: 26 Minuten

Der folgende Beitrag von Ralf G. Landmesser wurde mir zugespielt. Anarchistische Parteien – oder „anarchistische Parteien“. Ich habe darüber nachgedacht. Denn es ist ja wichtig, immer wieder mal neu nachzudenken. So konnte ich neu feststellen, dass das mein Ding ist. Wenn eine Anarchistin PolitikPolitik machen will, soll sie sich auf Basisebene bei der Linkspartei einbringen, wo diese was taugt. Wenn ein Anarchist paeteimäßige Anti-Politik machen will, soll er zu DER PARTEI gehen. Mich aber interessiert das nicht. Mich interessieren autonome, selbstorganisierte, emanzipatorische Bewegungen, die Druck auf „die Politik“ ausüben, vor allem aber selbst was anderes verwirklichen. Wie auch immer, als Diskussionsgrundlage taugt die Abhandlung und von historischem Interesse ist sie allemal.

Gespiegelt von bergpartei, die überpartei

anarchistische parteinahmen

 – Zur Geschichte und Perspektive anarchistischer Parteien –
ein A-Laden Experience [ALEx]-Impulsvortrag zur Diskussion von R@lf G. Landmesser 2016 im Baiz, mit Ergänzungen von das beni

Einleitung

„Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten.“

Das kann mensch mit einiger Berechtigung so sehen. Einzufügen wäre: „etwas GRUNDSÄTZLICHES ändern würden“. Kleine Verändrungen – sogar welche mit großen Auswirkungen, die nicht an den Grundfesten des NeoLiberalen Kapitalsystems rütteln, werden im Gegenteil als frische Modernisierungstendenzen gern gesehen und garantieren die notwendige gesellschaftliche Zustimmung. Aber so wahr dieser Spruch ist, so wahr ist auch, dass unsere Lebens- und Alltagserfahrung zeigt, dass Wahlen sehr wohl etwas an eingefahrenen Strukturen und anscheinend fest betonierten Machtverhältnissen etwas ändern können, ja geradezu umstürzlerisch wirken können. Wie weit diese umstürzlerische Wirkung letztendlich von den globalen Mächten toleriert wird und wie lange, steht auf einem anderen Blatt. Immerhin können die Verhältnisse ganz schön in Bewegung geraten und Bewegungen gebären. Dass Wahlen nichts verändern, ist so richtig wie falsch

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Drei frühe Abhandlungen über Anarchismus

Lesedauer: 4 Minuten

Die früheste deutschsprachige, mir bekannte wissenschaftliche Abhandlung über den Anarchismus findet sich 1895 im Buch von Ernst Viktor Zenkers Der Anarchismus. Kritische Geschichte der anarchistischen Theorie (Jena: Fischer-Verlag). Zenker trat dazu in Kontakt mit Elisée Reclus, welcher ihm viel Erfolg bei seinem Vorhaben einer wissenschaftlichen Beschreibung des Anarchismus machte, jedoch zugleich Zweifel an diesem Vorhaben äußerte, denn „man begreift nicht, was man nicht liebt“. Sprich, eine wissenschaftliche Betrachtung des Anarchismus muss notwendiger unzulänglich sein – wie der bekannte Geograph Reclus festhielt. Zenker sieht diese Herausforderung ebenso und schreibt im Vorwort: Die „Anarchisten werden mir daher die Eignung, über ihre Sache zu schreiben, einfach absprechen und mein Buch abscheulich reactionär nennen, die Socialisten werden mich allzu manchesterlich, die Liberalen allzu tolerant gegen die socialistischen Störenfriede finden; die Reactionären endlich werden mich selbst für einen verkappten Anarchisten erklären“ (Ebd.: S. VIII).

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Material: Anarchismus – Sozialismus?

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Mit diesem Schema wird deutlich, dass ich den Anarchismus als Hauptströmung des Sozialismus ansehe. Die leite ich einerseits aus der Ideengeschichte ab und andererseits aus der ethischen Wertebasis, die meiner Ansicht nach alle „echten“ Sozialist*innen teilen. Beispielsweise haben sich die anarchistischen in zahlrecihen Debatten und Streits innerhalb des sozialistischen Lagers entwickelt. Als sich der Anarchismus als eigenständige Strömung formierte, geschah dies, um die als ursprünglich angenommenen Organisationsvorstellungen (z.B. den Föderalismus, die Dezentralität) und die Grundanliegen (z.B. der Anti-Nationalismus, Selbstorganisation von unten) entgegen dem hierarchischen Prinzip von sozialistischen Parteien und ihrer Integration in die bestehende politische Ordnung zu verteidigen. John Holloway macht diese Unterscheidungen der Hauptströmungen des Sozialismus in Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen auf und ebenso Erik Olin Wright in Reale Utopien.

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