Kollektive Verfügung und konvivale Lebensformen im neuen Commonwealth

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Jedediah Purdy (2020): Die Welt und wir. Politik im Anthropozän, Berlin: Suhrkamp.

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Die Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft nahm wie in allen westlichen Gesellschaften kontinuierlich zu und stellt diese vor enorme Herausforderungen. Dies zeigt sich auch hinsichtlich von Themen rund um Umwelt, Klima und Gesundheit – die teilweise nach wie vor das Image von „soften“ und irgendwie dazu kommenden Politikfeldern haben, obwohl sie direkt mit Klassenfragen, den Lebensbedingungen von Menschen, ihren Selbstentfaltungsmöglichkeiten und ihre Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie zu tun haben. Die moderne Zivilisation hat sich eine unglaubliche Technosphäre aus verarbeiteter Natur erschaffen, die umgerechnet 40.000 Tonnen pro Person (vermutlich als Durchschnitt für US-amerikanische Bürger*innen berechnet) beträgt.

In ihr meinen wir, mehr oder weniger frei zu handeln und verfolgen zurecht das Ziel, unsere kurze Lebensspanne so angenehm wie es unter den herrschenden Bedingungen möglich ist, zu gestalten. Dabei sind wir gefangen von diesem unglaublichen technologisch überformten Ballast, dem Zwang zur Lohnarbeit, den bürokratischen Verfahren und auch der kontinuierlichen Zerstörung unserer Lebenswelt: „Technologische Exoskelette, Zirkulationssysteme und Nervennetze sind unabdingbare Voraussetzungen unserer Existenz; ohne sie haben wir nicht den Hauch einer Chance. Wir sind Geschöpfe der von uns geschaffenen Umwelt, eine infrastrukturbasierten Gattung“ (S. 107)

Die gegenwärtige Gesellschaftsordnung basiert auf der Untergrabung genau ihrer Voraussetzungen und zwar in verschiedenen Kreisläufen, die ineinander greifen: Kommunikation, Kooperation, Produktion, juristische, politische und ökonomische Beziehungen, davon ausgehend die globale Atmosphäre, Boden, Wasserkreisläufe usw. (S. 107). Vor den Tatsachen dieser Verflechtungen unserer Leben die Augen zu verschließen, und sie zu abzustreiten, bezeichnet Purdy als „Denialismus“. Er schreibt: „Im Wesentlichen, so könnte man sagen, ist der Denialismus eine Moral, die auf der Weigerung basiert, die Welt als einen auf jeder Ebene zutiefst pluralistischen Ort zu begreifen, an dem wir alle zusammenleben. Der Denialist leugnet das nicht etwa, weil er es nicht zu sehen vermag, sondern, gerade weil er es sieht, nicht, weil er nicht glaubt, dass es Menschen gibt, sondern, weil er ihre Gegenwart intensiv spürt und fürchtet, dass sie Forderungen an ihn stellen, ihn überwältigen und ihm alles wegnehmen könnten“ (S. 41).

Jedediah Purdy, der 15 Jahre lange Professor an einer renommierten Universität war, stellt seine Darstellung der katastrophalen – aber menschenverursachten – Entwicklung der kapitalistischen Gegenwartsgesellschaft, in die Tradition von Henry David Thoreau. Jene ist innerhalb des individualistischen Anarchismus vom Strang des „gesellschaftsfeindlichen“ Egoismus in Anschluss an Max Stirner und vom Rationalismus ausgehend von William Godwin, abzugrenzen. Mit Thoreau lässt sich eher ziviler Ungehorsam denken und begründen. Dementsprechend nimmt Purdy auch Bezug zur Umweltgerechtigkeitsbewegung und zeigt ein erstaunliches Wissen über deren Geschichte und Entwicklung, insbesondere in den 70er Jahren.

Was viele heute unter anderem nicht wissen, ist, dass es schon zu dieser Zeit starke Bestrebungen gegeben hatte, „Umweltschutz“ mit Klassenfragen zusammen zu denken und dementsprechend auch Gewerkschaften und ökologische Bewegungen zu vernetzen. Purdy erinnert diesbezüglich wohlwollend an die Jahrzehnte währenden Arbeitskämpfe im Kohlebergbau in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus thematisierte der radikalere Flügel der Ökologiebewegung die Umweltgerechtigkeit, welche darauf abzielte, die strukturelle Diskriminierung von marginalisierten sozialen Gruppen zu kritisieren und das pseudo-aristokratische Bedürfnis nach dem Schutz „unberührter Wildnis“ der besitzenden Klassen zurückzuweisen. Ökologiebewegungen sind also kein Markenzeichen für sich genommen – es kommt auf ihre Ausrichtung und auch Abgrenzung zu reaktionären Tendenzen an (S. 134ff.).

In die Welt und wir stellt der Autor implizit die Eigentumsfrage, auch wenn er die notwendige Vergesellschaftung aller lebenswichtiger Infrastruktur, sowie ihre Umstrukturierung eher andeutet. Sein Stichwort ist dafür die Erschaffung eines neuen und globalen „Commonwealth“, also der kollektiven Verfügung über Ressourcen, Arbeitsleistungen und auch Landschaften. Dieses „Homeland“ ist dabei durchaus von rechten bis faschistischen Narrationen und staatlich konstruiertem Nationalismus zu unterscheiden.

Es bezieht sich nicht auf vermeintliche Ursprünglichkeit und im Grunde genommen noch nicht einmal auf „Naturverbundenheit“. Vielmehr werden Menschen damit, als Einzelne, aber auch kollektiv, als ohnehin verbunden mit ihrer Lebenswelt gesehen, die sie prinzipiell gestalten können, aber unter der bestehenden Herrschaftsordnung ihrer Verfügung entzogen wird. „Wir“ haben „unser“ Land verloren und „uns“ stattdessen eine Welt erschaffen, die einem Hamsterrad im Käfig gleichkommt – so die Botschaft Purdys. Als einprägsames Beispiel bespricht er dabei das seit den 90er Jahren praktizierte „mountaintop removal“ im Appalachen-Gebirge. Damit ist die Sprengung ganzer Berggipfel für die Kohlegewinnung gemeint, welche verheerende ökologische Folgen nach sich zieht. Und dies in einer Zeit, in welcher die Kohleverstromung ohnehin als anarchronistisch und unwirtschaftlich gelten muss.

Die holistische Sichtweise, welche er entwickelt, ist die eigentliche Stärke von Purdys bildreicher Erzählung. Aufgrund seiner Auseinandersetzung mit den juristischen Rahmenbedingungen und Spielräumen des Umweltrechts, als auch seiner Kenntnis der Geschichte der Umweltgerechtigkeitsbewegung, sucht er nach Möglichkeiten, diese weiterzuentwickeln und zu beeinflussen. Dass dies nur durch eine starke und überzeugte Ökologiebewegung gelingen kann, welche Druck von außen erzeugt und die Kategorien und Kampffelder Klasse, Ethnie und Geschlecht mit einbezieht, ist ihm klar.

Wie gesagt geht es dabei längst nicht mehr um den „Umweltschutz“ der in den 70er bis vielleicht noch 2000er Jahren verbreitet war. Vielmehr stellt er Grundfragen nach unserer Gesellschafts- und Lebensform, nach dem Wert, dem wir Leben – und welchem Leben – zumessen, danach, wer über was verfügt und deutet die Vision einer konvivalen Zukunftsgesellschaft an, welche vom jetzigen Zustand allerdings schwer vorstellbar ist. Purdy sieht beides: Die ungleichen politischen Kräfteverhältnisse und die gigantische Macht von kapitalistischen Unternehmen, aber auch die Sensibilität, Entschlossenheit und neue Stärke ökologischer und anderer sozialer Bewegungen.

Vor diesem Hintergrund erscheint es sowohl naheliegend, als auch bedauerlich, dass Purdy die Forderung nach einem „Green New Deal“ vertritt und zum Schluss kommt: „Die Ungleichheit der Lebensumstände ist etwas, das wir selbst herbeigeführt haben. Doch der Staat ist nicht nur das waffenstarrende Werkzeug der übelsten Dinge, die wir einander und allen übrigen Lebensformen antun, sondern auch das geeignete Mittel, genau daran etwas zu ändern“ (S. 117). Schließlich beginnt seine Erzählung mit der politischen Enttäuschung, die er ein weiteres Mal erfahren hat, als Trump 2016/17 zum Präsidenten gewählt wurde.

Mit Thoreau sollte er es eigentlich besser wissen, anstatt politische Illusionen zu nähren – mit welch progressiven Einstellungen und Vorsätzen Politiker*innen sich auch immer in Parlamente wählen lassen. Dennoch ist Purdys Betrachtung stichhaltig, denn sie erweitert den Blick auf den Menschen, eingebettet in seine technologisch überformte Umwelt, in der fast alles auf den kapitalistischen Wert reduziert wird. Mit diesem zu brechen und die Frage nach dem Wert allen Lebens zu stellen, ist die ethische Herausforderung für den Beginn einer neuen Epoche.