Wissenswertes vom Anarch@-Nietzscheanismus

Lesedauer: 5 Minuten

zu Paul Stephan: Links-Nietzscheanismus. Eine Einführung (Stuttgart 2020)

Kürzlich ist der zweite Band von Paul Stephans linker Nietzsche-Einführung beim Schmetterlingsverlag erschienen. Das ist sehr erfreulich, denn eine Beschäftigung mit dem Dynamit-Mann ist immer wieder lohnenswert. Stephans Schwerpunkt liegt dabei auf der Rezeptionsgeschichte Friedrich Nietzsches, womit der nachweist und verdeutlicht, welche ungeheuere Relevanz dieser unkonventionelle, eigensinnige, gekränkte Denker für die Philosophie insgesamt hatte. Nietzsche wurde kurz nach der Erscheinung von Stirners Der Einzige und sein Eigentum geboren und es heißt, dass er sich von diesem hat beeinflussen lassen (wobei Stephan einen direkten „Ideenklau“ für unwahrscheinlich hält.) Als Philosophen narzisstischer Kränkung, aus welcher eine lebensbejahende Einstellung entspringt, liegt die Verbindung auf der Hand. Die Parallelen zwischen beiden „liegen vor allem daran, dass beide von einer ähnlichen psychosozialen Situation ausgehen“ (S. 54).

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Lucio Urtubia gestorben – Maurer, Anarchist, Sozialrebell

Lesedauer: < 1 Minute

Vor zwei Tagen starb der Anarchist Lucio Urtubia in Paris. Schon vor einigen Jahren beeindruckte mich seine außerordentliche Lebensgeschichte, die er mit 70 Jahren, nach der Verjährung seiner potenziellen Straffälligkeit, offenlegte. Ein Interview mit ihm findet sich bei der Graswurzelrevolution. Seine Autobiografie erschien bei Assoziation-A und ist eng an die Dokumentation Lucio Urtubia – Anarchist und Maurer angelehnt. Diese findet sich auch bei youtube und ist unten verlinkt.

Allgemein finde ich das Hervorheben einzelner Personen selten sinnvoll. Das gilt vor allem, wenn andere Menschen zu einer Projektionsfläche eigener Vorstellungen werden, welchen dann aber nicht selbst nachgegangen wird. Ebenfalls finde ich es schwierig, Helden oder Märtyrer zu konstruieren und sie zu verehren. Es scheint jedoch gerade Lucios selbstlose Haltung und sein Handeln im Verborgenen zu sein, weswegen es ihm gelang, so große Dinger zu drehen, wie 1980 die Travellerschecks der Citibank zu fälschen.

Neben seinen individuellen Enteignungsaktionen interessierte mich der Mensch Urtubia – bzw. seine (Selbst)Darstellung in der Autobiografie. Dazu schrieb ich eine Arbeit. Dazu schrieb ich eine geschichtswissenschaftliche Arbeit mit dem Titel Moderner Sozialbandit oder politischer Aktivist? Eine Untersuchung der Autobiographie Lucio Urtubias anhand Eric Hobsbawms Konzeption von Sozialbanditen.

Hier die gut gemachte und spannende Doku in sieben Teilen:

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Kommentar: Ziviler Ungehorsam und direkte Aktion

Lesedauer: 9 Minuten

Marco Fatfat schrieb kürzlich in der Zeitschrift für philosophische Literatur eine Rezension über das Einführungsbuch „Civil Disobedience“ von William Scheuerman (Cambridge: Polity Press 2018). Ziviler Ungehorsam ist für den vorliegenden Zusammenhang selbstredend ein relevantes Thema. Aufmerksam wurde ich allerdings, als ich las, dass Scheuerman auch ein Kapitel über „Anarchist Uprising“ schrieb – immerhin wollte ich wissen, was er darunter versteht und wie er es einschätzt.

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Gai Dao # 109 erschienen, darin: Mühsams Synthese

Lesedauer: < 1 Minute

Vor einigen Tagen ist die Gai Dao #109 erschienen. Darin findet sich auch der Text Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat – Erich Mühsams Beitrag für eine anarchistische Synthese. Wie andere deratige Beiträge, findet dieser sich in der Rubrik „Texte“.

Mit seinem Traktat Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus? schrieb Erich Mühsam eine lesenswerte Schrift, die weite Verbreitung gefunden hat. Der Literat, Aktivist und Lebenskünstler verfasste sie im Jahr 1932, das heißt zwei Jahre vor seiner Ermordung durch die Nazis im KZ Oranienburg am 10. Juli 1934. In diesem Beitrag ordne ich den Text historisch ein, stelle dar, warum sein Autor damit einen Beitrag zum synthetischen Anarchismus formuliert und kritisiere einige Annahmen, um ihren Gehalt weiterzuentwickeln.

Intervention: Neuer VS-Bericht

Lesedauer: 7 Minuten

Toll! Endlich ist der neue Verfassungsschutzbericht des Innenministeriums veröffentlicht worden. Darin finden sich wieder allerlei Märchen, die hauptsächlich fünf Zwecken dienen: 1. zu Bürger*innen zu erschrecken, 2. die gesellschaftliche Linke insgesamt zu diskreditieren, 3. linke Bewegungen zu spalten, 4. „linken“ und „rechten“ Radikalismus gleichzusetzen, 5. die bestehende Herrschaftsordnung, ihre Institutionen und Trägerinnen als angeblich „ideologiefrei“ zu labeln und schließlich 6. die vermeintliche „Arbeit“ dieses obskuren Vereins von Voyeur*innen auf Biegen und Brechen zu rechtfertigen.

All diese Gründe wären schon ausreichend, um auf eine Abschaffung des VS hinzuwirken. Wie ihr wisst kommen aber die bekannten und unbekannten Verstrickungen von VS-Mitarbeiter*innen mit handfesten Faschistinnen hinzu. Über Jahrzehnte flossen so Staatsgelder in neonazistische Gruppen, wurden der NSU finanziert, Akten über Faschos geschreddert, Gewalttaten von Nazis gedeckt. Es gibt nur eine sinnvolle Antwort auf die kruden Machenschaften dieses Ladens und die liegt in seiner Abschaffung.

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Rastloses Streben nach Ermächtigung

Lesedauer: < 1 Minute

Ein Lied in dem Nina Simone mit vehementer Stimme und ein Rhythmus, der die innere Umtriebigkeit ausdrückt, ein rastloses Streben nach Ermächtigung besingt. Die Suche nach Schutz, Zugehörigkeit und Anerkennung ist eine, die es in eine kollektive Ermächtigung zu transformieren gilt. Dies beinhaltet jedoch auch mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten und unserer eigenen Verhaftung in das System der Herrschaft zu brechen, was einem Kampf mit Dämonen gleich kommt.

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Schatzkiste: Die soziale Freiheit (Michael Bakunin)

Lesedauer: 24 Minuten

In dieser Rubrik möchte ich jeweils auf kürzere Texte des frühen Anarchismus aufmerksam machen, welche ich für besonders lesenswert und wichtig halte. Anstatt in der Mottenkisten zu wühlen, denke ich, es handelt sich hier vielmehr um eine Schatzkisten. Gleichzeitig bin ich ebenfalls der Ansicht, die alten Genoss*innen und Gefährt*innen würden sich im Grab umdrehen, wenn wir andächtig ihr Vermächtnis pflegen und sie verehren würden. Viel froher wären sie, wenn uns ihre Schriften auf zu neuen Taten inspirieren würden! Trotz einigem gehörigen Respekt will ich deswegen rebellische Leichen fleddern. Also mir raus picken, was mir für eine sozial-revolutionäre Perspektive auch heute geeignet scheint.

Wenn es möglich ist, werde ich den entsprechenden Text hier ebenfalls posten. Vermutlich werde ich einige von ihnen von anarchismus.at übernehmen. Wahrscheinlich werde ich von bekannteren zu weniger bekannten Texten übergehen…

Eine Vorwarnung habe ich allerdings schon: Der Fokus wird auf hauptsächlich auf Texten von männlichen und europäischen Autoren liegen. Dies halte ich für ein Problem – ohne, dass dies ihre Texte schlechter machen würde. Bis mir eine andere Umgangsweise damit einfällt, bleibt mir nur, dies wenigstens anzusprechen.

Damit aber zum vorliegenden Text…

Cover von Jürgen Mümken, Michael Bakunin. Philosophische Betrachtungen
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Material: Zusammenhang Ethik, Organisierung, Theorie

Lesedauer: 3 Minuten

Vielleicht werde ich immer wieder mal Materialien zur Veranschaulichung bestimmter Aspekte und Denkfiguren anarchistischer Theorie hochladen. Dabei gilt für alle derartigen Schaubilder, dass sie keine Wahrheiten selbst verkörpern, sondern vor allem dazu dienen, das Erfassen komplizierter Themen zu unterstützen.

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Post-Pseudo-Party-Depression

Lesedauer: < 1 Minute

Auch wenn ich noch nicht weiß, wie ich diesen Blog genau bespiele, scheint mir Musik irgendwie dazu zu gehören. Nach getaner Kopf-Arbeit sucht der Mensch einen Weg, diesen frei zu kriegen. Daher bedient er sich prä-pandemischer Rituale, die auch damals nur gelegentlich funktionierten…

Wie auch immer, die Nerven ironisieren gekonnt den Konservatismus moderner Popmusik, welche mit der Depression kokettiert und danach trachtet, sich ins bestehende Schlechte einzufügen. Bricht das gewohnte miefige Ordnungsgefüge aus patriarchaler Kleinfamilie, Anerkennung in der Arbeitswelt und klaren hierarchischen Strukturen im Politischen auseinander, erscheint dem bürgerlichen Subjekt nach seiner konformistischen Revolte immer noch der Selbstmord näher, als ein sozial-revolutionäres Engagement. Ob im Lied der romantische Kitt freilich tatsächlich untergraben oder ihm gerade durch seine ironische Wendung ein Tribut gezollt wird, liegt im Ohr der Hörenden…

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Diskussionskreis: Ent fremdung – Sehn sucht – Auf begehren

Lesedauer: 2 Minuten

Ent fremdung – Sehn sucht – Auf begehren

Konzept für den zweiten Anlauf zum anarchistischen Diskussionskreis

in der Autodidaktischen Initiative / mittwochs 17-19 Uhr, ab 24. Juni 2020

Die Welt ist im Wandel. Keineswegs jedoch in Richtungen, die wir selbst wesentlich gestalten oder wünschenswert finden. Auch wenn keine*r von uns daran individuell „Schuld“ ist, sind wir doch alle Teil der zerstörerischsten Gesellschaftsform, die Menschen je hervorgebracht haben. In den seltenen Momenten, wo sie ihre Emotionalität nicht abspalten, sondern zulassen, wissen viele instinktiv um den unhaltbaren Zustand der bestehenden Herrschaftsordnung.

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