Die Umkehr

Lesedauer: 3 Minuten

Als ich heute aufwachte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Lange genug hatte ich in romantischen Illusionen, nerdigen Hirngespinsten und hippieskten Traumwelten gelebt! Nun aber geht mir endlich auf, was ich die ganze Zeit über verdrängt hatte, was wie ein Wurm von innen an meinen Werten, Idealen und Grundsätzen nagte und sie zerfressen hatte. Was heißt zerfressen!? Ein heilsamer Wunderwurm war es doch, der mich freinagte, damit ich endlich die Wirklichkeit erkennen konnte! So zerbrach der ganze Idealismus und das war schmerzhaft, doch in seiner Grausamkeit befreiend.

Ja, frei bin ich nun von dem Wahn der Anarchie. Frei von den jugendlichen Flausen, dass eine Gesellschaft ohne Herrschaft möglich wäre. Frei von der nur verschleierten Selbsttäuschung, dass der Mensch eigentlich gut sei. Frei von den abstrakten, utopischen Entwürfen, einer harmonischen Ordnung, in welcher alle Ausgebeuteten, Unterdrückten und Entfremdeten Anteil haben könnten. In der auch ich Anteil haben könnte und nicht weiter auf der Suche sein müsste; Diesen blöden Sisyphos-Stein immer wieder den Berg der Realität hinauf rollend – als hätte ich das nicht tausend und tausend mal getan, nur um zu sehen, wie es kurz vor dem Gipfel vorbei an mir hinab saust.

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Tinder: Dating-Plattformen und ihr Versprechen

Lesedauer: 8 Minuten

zuerst veröffentlicht auf: untergrundblättle.ch

Direkt neben meinem Haus stiess ich zuerst darauf. Die Unternehmen „Match Group“, welche mindestens 23 Single-Börsen-Datingplattformen betreibt, hatte eine Werbeoffensive für ihr vermutlich bekanntestes Produkt „tinder“ gestartet. Neben verschiedenen Sprüchen, mit welchen etwas holprig offenbar regionale Bezüge geschaffen werden sollten, las ich auf einem der rosa-farbenen Plakate auch: „2020 schuldet dir was“. Dass die Firma, jetzt, wo der Frühling beginnt, Erfolge für ihr Geschäftsmodell verspricht, liegt auf der Hand. Denn sicherlich haben viele Leute arge soziale und sexuelle Defizite, welche sich durch die Pandemie-bedingte Rückgezogenheit vieler in der Masse betrachtet vermutlich sehr verstärkte.

Die Einsamkeit, welche in der staatlich-kapitalistischen Gesellschaftsform mit ihrer Pseudo-Individualisierung und ihrer Sinnentleertheit, ja ohnehin fast alle Menschen betrifft, soll mit menschlicher Nähe kompensiert werden. Das ist nachvollziehbar, denn hierbei geht es um reale soziale und sexuelle Bedürfnisse. Wer sie beispielsweise während des letzten pandemischen Jahres nicht stillen konnte, wird umso mehr darauf gestossen sein, was ihr oder ihm alles fehlt – und wie schmerzlich das ist, wenn es sich aufgrund der allgemeinen Einschränkungen nur schwer anderweitig kompensieren lässt. Dass soziale und sexuelle Bedürfnisse gleichwohl immer auch gesellschaftlich gerahmt und die Vorstellungen und Möglichkeiten ihrer Erfüllung gesellschaftlich bedingt sind – darüber liesse sich viel erzählen.

Ohne Schulden kein Mangel, keine Sehnsucht, kein Markt

Was mich am Werbespruch jedoch eher irritierte, war der Aspekt der Schuld. Die Haltung, dass ein bestimmtes Jahr oder gar das Leben selbst jemanden etwas schuldig wäre, ist der Ausdruck für die kapitalistisch verstümmelte Subjektivität in der bestehenden Gesellschaftsform par excellence. Sie geht von einer Rechnung aus, die irgendwer vermeintlich mit „dem“ Leben abgeschlossen hätte. Im Endeffekt handelt es sich aber um den Arbeitsvertrag, die Bedingungen und die Bezahlung der Lohnarbeit – und das damit verbundene Selbstwertgefühl von Individuen, die kaum umhin kommen, sich an der sozialen Hierarchie zu orientieren, welche vornehmlich durch die Verfügung über Privateigentum beziehungsweise vergütete Arbeitsleistung definiert ist.

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Abgleich von „Beziehungsweise Revolution“ und dem kommunitären Anarchismus

Lesedauer: < 1 Minute

Markus Riepenhausen hat eine wie ich finde sehr interessante Hausarbeit mit dem Titel „Zur Kontinuität der libertären Gemeinschaft.
‚Beziehungsweise Revolution‘ im Lichtstreif des kommunitären Anarchismus“
geschrieben, die ich hier gerne zur Verfügung stellen möchte. Also zunächst einen großen Dank an ihn für das Zurverfügungstellen derselben. Die Arbeit bleibt damit geistiges Eigentum des Autoren und darf als solche zitiert werden. (Namensnennung-Nicht kommerziell CC BY-NC)

Markus beschreibt den kommunitären Anarchismus, in Anschluss an Gustav Landauer, Martin Buber und John P. Clark als eine Variante oder Tendenz des Anarchismus, mit einer eigenen Beschaffenheit und eigenständigen Grundannahmen. Gewisse Überlegungen, insbesondere im Verhältnis von Einzelnen zu Gemeinschaften und ihrer Vermittlung, weisen dabei auch Schnittpunkte und Parallelen zu verschiedenen Theorien des „Kommunitarismus“ auf, was jedoch nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass wir es wie erwähnt mit einer Tradition zu tun haben, welche über die Liberalismus/Kommunitarismus-Debatte der Siebziger weit hinaus reicht.

Ganz im Gegenteil erscheinen die angesprochenen Aspekte, wie etwa auch zu einem veränderten Revolutionsbegriff hoch aktuell. Demnach liegt auch ein Vergleich mit Bini Adamczaks „Beziehungsweise Revolution“ (2017) nahe. Markus zeigt hierbei plausibel, dass sich in diesem markanten Buch implizite Bezugnahmen auf Grundannahmen des kommunitären Anarchismus finden lassen. Dies bedeutet auch einen Baustein für den Nachweis, das zeitgenössisches links-emanzipatorisches Denken aus verschiedenen Gründen durchaus immer stärker von anarchistischen Grundeinsichten geprägt wird.

Es handelt sich um eine lesenswerte Arbeit, die auch einen guten Einstieg in die Thematik darstellt.

umgezogen

Lesedauer: 3 Minuten

und wieder umgezogen
während zwölf jahre in vierzehn wohnungen
da ist irgendwas gehörig schief gegangen
und das umso mehr
wenn da keine politische verfolgung war
und keine weltreisen
größtenteils die selbe stadt

die aufzählung wird noch absurder
wenn man in zwei der wohnungen
zweieinhalb und drei jahre existierte

zwischenmieten, streitereien, mit freunden zusammenwohnen wollen,
aggressionen ausgesetzt sein, genervt von mitwohnenden sein
– die gründe der umtriebigkeit waren vielfältig

und sie sind es auch weiterhin
denn das ich hier nicht auf dauer bleiben werde
ist schon durch die drohnung der mieterhöhung
aufgrund der gentrifizierung eingeschrieben

demnach – so lässt sich unschwer erraten –
fällt es schwer, einen bezug zu den eigenen vier wänden herzustellen
denn diese wände – werden wieder andere sein
immer und immer wieder andere wände
und andere menschen
in den zimmern nebenan

verständlicherweise kommt da die frage auf:
würde das alleine leben helfen
um sich und seinen zu sortieren
durch einen festeren bezug
zur eigenen umgebung?
doch dafür fehlt das geld
und ist der reichtum an einsamkeit zu groß
also doch wieder leute, menschen, mitbewohner/innen

man kann pädagogisch an die sache rangehen:
was war schön? was hat mich belastet? was lasse ich da? was nehme ich mit?
die erlebnisse und erfahrungen sind gemischt – wie stets

– doch irgendwas hängt immer nach
was man endlich loswerden will
umschließt wie eine elektronische fußfessel das bein
oder kommt als geist nachts vorbeigespukt

– und irgendwas ist immer auch
das noch-nicht-seiende
in der neuen bude, das, was fehlt
wo man nicht weiß, wie man’s herstellen kann
oder glaubt, keine zeit dafür zu haben
in der turbulenz der eigenen entwurzelung

also bleibt dem vernünftigen, gealterten vagabunden
nur das akzeptieren
und das harren auf die dinge, die da kommen
neu werden geht nur, wenn altes vergeht
aufbrechen gelingt nur, wenn man nicht innerlich festhängt
doch altes kann nicht abgeschnitten,
sondern nur verarbeitet werden
und von der verhaftung und verstrickung
kann man sich nicht durch schwerhiebe lösen
– so brennend dieser wunsch gelegentlich sein mag

doch all das wäre kaum von bedeutung
wenn es hierbei nicht um menschen ginge
also jene, die sehr wichtig waren
für eine weile
und nunmehr nicht im eigenen leben sind
aus verschiedenen gründen

auf der straße leben könnte ich
in bussen, gartenlauben oder auf couches
wenn ich wüsste, an wen ich mich wirklich hielte
wenn zutrauen hätte zur verbindlichen bezugsgruppe
wenn ich keine energie
ins erzeugung des notwendig sozialen stecken müsste
in phasen, wo mir die kraft dazu fehlt
– doch so ist es nicht
ich bin zu abhängig, zu schwach, zu unselbständig
und zu gern unter menschen
– und ich denke: das ist ganz in ordnung

was lerne ich also daraus für den moment?

– nicht jedem anfang wohnt ein zauber inne

– wohnen will hergestellt sein

– jedes ding, was man in den keller packt, auch wenn man es
ehrlicherweise selbst nicht nutzen wird, wird zum kleinen fluch auf dem weg ins fünfte stockwerk

– als hinzukommender musst du dich auf die sozialen systeme und teils unverständlichen abläufe der bewohner/innen einstellen, die ihnen oftmals selbst nicht bewusst sind und von denen du nicht erwarten kannst, dass sie in der lage sind, darüber zu verhandeln

– manchmal heiligt der zweck die aktuelle wg – schöner ist es, wenn man gern miteinander ist

– suche den streit, bevor er dich findet, weil die anderen noch schlechter kommunizieren können

– eine spülmaschine entspannt das soziale leben enorm

– auch viele ikea-möbel halten zehn umzüge durch

– das mietverhältnis ist nicht als sekundär zur lohnabhängigkeit zu betrachten: in seiner eigenständigen beschissenheit entscheidet sich an ihm, ob am ende des halbjahres genug geld über ist, dass man sich gönnen kann, mit einer reise die wohnung zu verlassen, für welche man im alltag die scheine ranschaffen muss

umgezogen sein
hin und her gerissen
zwischen urbanen nomadentum und sesshaftigkeit
weiß man nicht: ist das die durchsetzung
oder die auflösung der moderne?
in jedem fall jedoch
ist das grundgefühl, in dieser welt keine wohnung zu haben
keine existenzielle bedingung menschlichen seins
sondern der erfahrung geschuldet, dass die vier wände immer wieder andere sind
oder?
oder ist es doch andersherum?

Dissertation über Emma Goldmans „Mother Earth“

Lesedauer: < 1 Minute

Ja, es gibt offenbar Menschen, die ihre Dissertationen tatsächlich schaffen, weil sie sich auf ein bestimmtes Thema konzentrieren und es bearbeiten. 2016 legte Rachel Hui-Chi Hsu in Baltimore eine Arbeit zum Thema „Beyond progressive America: Mother Earth and its anarchist world (1906-1918)“ vor. Ich stieß auf sie im Netz und möchte sie hier erwähnen, weil leider nicht viele Arbeiten und Quellentexte aus dem klassischen Anarchismus zu feministischen Themen bekannt sind. Und weil die Arbeit einen ganz guten Überblick, über die in dieser Zeit verhandelten Themenfelder gibt, als beispielsweise Empfängnisverhütung, Kritik der bürgerlichen Kleinfamilie, freie Rede oder Grundlagen des Anarchismus. Aus dem Titel der Arbeit geht schon hervor, dass sich Goldman mit ihrem Anarchafeminismus in Abgrenzung gegen den „progressiven“, als liberalen Feminismus positioniert.

Die Dissertation kann hier herunter geladen werden:

https://jscholarship.library.jhu.edu/bitstream/handle/1774.2/40367/HSU-DISSERTATION-2016.pdf?sequence=1

Propaganda der Yuppieschweine!

Lesedauer: < 1 Minute

Früher als notwendig wachte ich auf mit diesem Song von Mühlheim Asozial. Die Zeile „Propaganda der Yuppieschweine – Arbeit hat man besser keine!“ hämmerte fröhlich in meinem inneren Ohr und das „Lasst euch nicht erzähln, ihr hättet ein Problem“, war mir eine erbauliche Bestärkung. Wieder einmal zweifelte ich an meinem Konzept der Lohnarbeit mit Mehrarbeit zu entfliehen, also keinen Mehrwert zu erzeugen, indem ich Dinge produziere, die unter anderen gesellschaftlichen Verhältnissen mehr wert wären. Es ist unmöglich den Leistungsfetischismus mit einer verinnerlichten Getriebenheit zur Produktivität zu überwinden. Von spielerischer Tätigkeit ist dies weit entfernt, auch wenn ich sie mir – in Maßen – durchaus noch bewahrt habe. Das alles ist ein schwieriges Thema, für das es zweifelsohne objektiv keine Lösung gibt als die soziale Revolution, die Abschaffung des Privateigentums und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Bis dahin aber muss ich auch noch irgendwie durch kommen. Für politische Aktivist*innen und deklassierte Intellektuelle stellt sich also doch wieder die unangenehme Frage: Wär’s mit einer Lohnarbeit einfacher? Doch die – völlig aufrichtige – Antwort ist in jedem Fall: Dafür habe ich viel zu viel zu tun! Lohnarbeit, gleich welcher Form, ist Notwendigkeit. Wer in ihr Erfüllung findet, kann kaum mehr einen kritischen Geist erhalten. Wie gesellschaftlich notwendige und sinnvolle Tätigkeiten dagegen zu organisieren sind, ist eine ganz andere Frage, der ich an dieser Stelle nicht nachgehe. Sie kann aber auch nur ernsthaft gestellt werden, wenn mensch der Propaganda der Yuppieschweine nicht auf den Leim geht.

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Ein polymathischer Geist: Kropotkins Beiträge zur Wissenschaft

Lesedauer: 12 Minuten

ein Beitrag von Iain McKays, übersetzt und veröffentlicht auf: Schwarzer Pfeil

TEIL 1

Während Peter Kropotkin heute vor allem als führender anarchistischer Denker und einer der überzeugendsten Verfechter des anarchistischen Kommunismus in Erinnerung ist, sollten wir nicht vergessen, dass er auch ein weltbekannter Wissenschaftler war, ein Geograph, der unser Verständnis der physischen Eigenschaften Asiens revolutionierte. Sein Ansehen war so groß, dass er neben seinem zu Recht berühmten – und viel nachgedruckten – Eintrag über den Anarchismus für die 11. Ausgabe der Encyclopaedia Britannica auch Einträge über die physische und menschliche Geographie von Russland und Asien beisteuerte.

Es ist nicht verwunderlich, dass ein Nachruf in der Zeitschrift The Geographical Journal veröffentlicht wurde, in dem bedauert wurde, dass Kropotkins „Absorption“ in seinen politischen Aktivitäten „die Dienste, die er ansonsten der Geographie hätte erweisen können, ernsthaft vermindert hat“. Er „war ein scharfer Beobachter, mit einem gut ausgebildeten Intellekt, vertraut mit allen Wissenschaften, die sein Thema betreffen“ und seine „Beiträge zur geographischen Wissenschaft sind von höchstem Wert.“

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Ein revolutionäres Herz: Kropotkins Politik

Lesedauer: 12 Minuten

Zweiter Teil von Iain McKays Beschäftigung mit der Biographie Kropotkins. Im ersten Teil betonte er seine Rolle als Wissenschaftler. Im zweiten stellt er heraus, dass Kropotkin zeitlebens ein überzeugter anarchistischer Kommunist war… Übersetzt und gespiegelt von Schwarzerpfeil.de

Peter Kropotkin war vor allem ein Revolutionär. Obwohl er allzu oft als Autor von Mutual Aid, dem sanften Prinzen der Kooperation, in Erinnerung bleibt, ist dieses Bild eines Anarcho-Santa falsch. Kropotkin war kein Reformist, kein naiver Gläubiger der klassenübergreifenden Zusammenarbeit. Er war ein revolutionärer Anarcho-Kommunist, der sich fünf Jahrzehnte lang für den direkten Kampf gegen das Kapital einsetzte.

Dies soll nicht die Bedeutung von Mutual Aid und seiner bahnbrechenden Darstellung dessen, was heute ein Grundpfeiler der Evolutionstheorie ist, leugnen, sondern nur darauf hinweisen, dass dies ein Aspekt eines Denkers war, der von 1879 bis 1914 der führende Theoretiker des revolutionären Anarchismus war. In Büchern wie Words of a Rebel (1885), Conquest of Bread (1892) und Modern Science and Anarchy (1913) sowie in unzähligen Zeitungsartikeln popularisierte er die Kernideen des revolutionären Anarchismus: direkte Aktion und Solidarität, Antiparlamentarismus, Enteignung und Aufstand.

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