Grundlegendes

An dieser Stelle gibt es einen Überblick über meine grundlegenden Vorstellungen und Herangehensweisen.

Sie stammen nicht aus einem Lehrbuch, sondern ich habe sie in jahrelanger Beschäftigung mit Anarchismus, der Begegnung und den Gesprächen mit bestimmten Menschen entwickelt.

Deswegen sind diese Stichpunkte nicht an sich richtig, sondern stammen aus subjektiver Erfahrung.

Sie sind darüber hinaus ein Vorschlag, um ein zeitgemäßes anarchistisches Projekt zu beschreiben. Selbstverständlich glaube ich, dass auch vieles an ihnen sinnvoll und stimmig ist. Möglicherweise werde ich die aufgeführten Punkte in Zukunft trotzdem wieder verändern und/oder ergänzen.

Welche Gedanken hast du selbst zu den Grundlagen des Anarchismus? Wie interpretierst du Anarchismus und wie positionierst du dich in ihm? Und was wünschst du dir für die Stärkung und Weiterentwicklung des Anarchismus?

Anarchismus ist…

  • ein Bündel von bestimmten Vorstellungen, um Dinge anzuordnen und Zusammenleben zu organisieren: dezentral, autonom, freiwillig, föderalistisch, horizontal; dass gilt für einzelne Gruppen und soziale Bewegungen, aber auch für eine erstrebenswerte Gesellschaft insgesamt
  • eine Vielzahl von Lebensformen, in denen Menschen sich selbst bestimmen, entfalten und gestalten wollen; eine Ethik, in der sie solidarisch, gleich, freiwillig und vielfältig sein können
  • eine Sammlung und Denkweisen und Theorien, die davon ausgehen, dass komplexe Gesellschaften selbstorganisiert werden können; dass es erstrebenswert und prinzipiell möglich ist, dass Menschen in freiwilliger Ordnung ohne Herrschaft leben
  • eine bestimmte Szene, wie (potenziell) auch eine Strömung innerhalb emanzipatorischer sozialer Bewegungen; sie beziehen sich auf die anarchistische Tradition
  • eine der Hauptströmungen im Sozialismus neben Sozialdemokratie und Parteikommunismus; je nach Region, Geschichte und politischer Konstellation und der Position von engagierten Gruppen sind mehr oder weniger Schnittpunkte zwischen ihnen vorhanden
  • das Anliegen, Herrschaftsverhältnisse insgesamt und miteinander zu überwinden; das wichtigsten sind: Staat, Kapitalismus, Patriarchat, weiße Vorherrschaft und Naturbeherrschung
  • der experimentelle Versuch, parallel zu Herrschaftsverhältnissen und -institutionen selbstorganisierte Kommunen, dezentrale sozialistische Wirtschaftsformen, egalitäre Geschlechterverhältnisse, grenzenlose Kooperation und konviviale gesellschaftliche Naturverhältnisse einzurichten
  • eine Tradition, die vor allem im europäischen Kontext ab dem 18. Jh. entstanden ist; in anderen Zeiten und Gegenden gab und gibt es ebenso Bestrebungen und Lebensweisen, die als anarchistisch interpretiert werden können; wichtig ist jedoch die Selbstbezeichnung von Menschen, statt der Zuschreibung einer politischen Identität
  • eine Methode um alle Formen von Herrschaft und Hierarchien grundlegend zu analysieren, zu kritisieren und Alternativen zu ihnen aufzuzeigen
  • eine Bewegung hin zur Anarchie, verstanden als Fluchtlinie zur Abschaffung jeglicher Herrschaftsverhältnisse und der umfassenden Verwirklichung von sozialer Freiheit, Gleichheit und Solidarität

Ich trete für einen Anarchismus ein, der

  • pluralistisch und vereint im Streben nach Autonomie ist; dahingehend können (schematisch) mindestens die Tendenzen des individualistischen, mutualistischen, kommunistischen, insurrektionalistischen, syndikalistischen und kommunitären Anarchismus unterschieden werden; meistens sind diese zu verschiedenen Graden vermischt und verbunden
  • synthetisch ist, das heißt, Menschen aus unterschiedliche anarchistische Gruppen und Strömungen mit ihren verschiedenen Geschichten, Erfahrungen und Taktiken in Austausch bringen will; mit der Absicht – wo es geht und sinnvoll ist – gemeinsame Projekte zu verwirklichen und sich aufeinander zu beziehen
  • pragmatisch ist, sich also nicht mit dogmatisch gesetzten Wahrheiten oder romantischen Phrasen zufrieden gibt, sondern darauf abzielt, die gesellschaftlichen Verhältnisse graduell – aber radikal – zu verändern; (die Vorstellung eines kompletten „Umsturzes“ und einer „befreiten Gesellschaft“ ist ein Irrglaube)
  • materialistisch ist, das heißt von den realen Lebensbedingungen und den davon stark beeinflussten Bewusstseinsformen von Menschen auszugehen; deswegen gilt es die materielle Struktur der Gesellschaftsform zu verändern, was sich insbesondere an der Verfügung über Produktionsmittel und den Eigentumsformen zeigt
  • anti-fundamentalistisch und undogmatisch ist, da Einzelne stets nur ein Teil der Wahrheit begreifen können und diese ein Spektrum ist, dem wir uns durch das Zusammentragen verschiedener ernstzunehmender Perspektiven annähern können; (die Behauptung von angeblich unhinterfragbarer Dogmen ist bei allen sozialen Themen ein autoritärer Akt und widerspricht somit dem Anarchismus)
  • handlungsorientiert und Akteurs-zentriert ist, also versucht Menschen nicht primär als ohnmächtige Opfer, sondern als Akteur*innen in gesellschaftlichen Konflikten wahrzunehmen und zu adressieren; sie zum selbstbestimmten Handeln inspiriert und motiviert
  • zukunftsweisend und konstruktiv ist und damit nach konkreten Utopien sucht, welche als Vision für eine qualitativ andere Gesellschaftsform dienen taugen; (Hintergrundannahmen ist dabei, dass libertäre, egalitäre und solidarische Beziehungen und Institutionen bereits vorhanden sind und gegen die dominanten Herrschaftsverhältnisse ausgeweitet werden können); selbstverständlich braucht es dazu auch die Negation der eindeutige bestehenden Herrschaftsordnung
  • libertär-sozialistisch – sprich am Ziel einer grundlegenden Gesellschaftstransformation – orientiert ist; deswegen mit anderen Personen und Gruppen zusammenarbeitet, welche ähnliche Grundwerte teilen und Praktiken haben
  • zugleich radikal und populär sein will; somit komplizierte Themen auf eine verständliche Weise herunterbricht und sie zum Selbstdenken anregt; als auch Menschen in ihrer Emotionalität anspricht, ohne sie zu instrumentalisieren
  • sozial-revolutionär wird, also Aufstand, Selbstorganisation und Engagement in emanzipatorischen sozialen Bewegungen einbezieht, um die Gesellschaftsform in ihren verschiedenen Dimensionen (politisch, ökonomisch, geschlechtlich, rassifiziert, im Naturverhältnis) radikal, anhaltend und umfassend zu transformieren

Dazu wünsche ich mir, dass Anarchist*innen

  • lernen in Spannungsfeldern zu denken und von unerfüllbaren Maximalvorstellungen wegkommen
  • Widersprüche aushalten und als Herausforderung begreifen, ihre gesellschaftlichen Ursachen zu überwinden
  • Differenzen anerkennen und begrüßen; sich über sie verständigen; versuchen sie in solidarischem und konstruktivem Streit auszuhandeln
  • sich von teleologischen Vorstellungen abwenden, nach welche Geschichte ein linearer Prozess mit einem bestimmten Endziel ist; stattdessen die Einsicht darin, dass Geschichte immer in Auseinandersetzungen gestaltet wird und kein Ende findet
  • den selbst-bewussten Anspruch entwickeln, vorantreibende Akteur*innen in sozialen Kämpfen zu werden
  • sich theoretisch weiterentwickeln, indem sie darauf vertrauen, dass es eigenständige anarchistische Theorie gibt, die oftmals zu erneuern und weiter zu verbreiten ist
  • ihre Szenen als Ausgangspunkte und Rückzugsbasen ansehen, sie aber nicht Selbstzwecke begreifen (und damit letztendlich vor allem um sich selbst kreisen)
  • aufhören, Folklore zu pflegen, sondern rebellische Leichen fleddern, um soziale Kämpfe zu inspirieren und aus der Tradition zu lernen
  • sich in bestimmten Abständen und Rahmen über ihre Strategien austauschen und diese aufeinander beziehen
  • Emotionalität und Eigenheiten von Personen mitdenken, wo es geht wertschätzen, sich aber auch gegenseitig kritisieren und reflektieren
  • sich gelegentlich durch Humor von ihren eigenen Ansprüchen distanzieren – gerade um an ihnen und der Welt nicht zu Grunde zu gehen und zu verbittern, sondern langfristig emanzipatorisch zu kämpfen