Die Sonne, der Krieg, die Bibliothek

Lesedauer: 8 Minuten

– Sorel betritt den Raum durch die Hintertür

Es kommt mir vor als würde ich auf den letzten Metern aus einem langen Winterschlaf erwachen. Der Frühling kommt, die Welt steht in Flammen und ich pfeife auf meinem Fahrrad auf dem Weg zur Bibliothek. Das müssen die Hormone sein. Täglich vernichtet die von Menschen gemachte mehr oder weniger anonyme, doch sehr konkret spürbare Herrschaftsordnung das Leben auf diesem einzigartigen Planeten. Ich denke an einen Menschen, den ich wohl etwas begehre – aber ich weiß noch nicht wie, warum, wozu – und freue mich, solches Begehren überhaupt noch oder wieder empfinden zu können.

Derweil zerfetzen Projektile Leiber in der Ukraine und explodieren Raketen in Wohnhäusern, Krankenhäusern und Einkaufszentren. Nicht so weit weg. Nicht so weit weg von mir. Doch das waren Syrien und Afghanistan auch nie. Eben mal wird die Militarisierung der deutschen Gesellschaft postdemokratisch beschlossen und durchgewunken. Die Stimmung ist gut um den Nationalstaat zu erneuern. Die Leute besoffen vor humanistischem Geseiere und Hilfsbereitschaft in Fahnenmeeren – als Kompensation der Leidenschaften, welche die Politik der Angst in ihnen einpflanzt und auslöst. Im Herzen der Bestie Kratos steht der Militärapparat und pure Gewalt zerschmettert das nackte Leben. Darin gleichen, ergänzen und stützen sich Staat, Kapitalismus und Patriarchat: Dass sie Leben verdinglichen, bewerten, hierarchisch anordnen und im Zweifelsfall vernichten können.

Was ist denn los? Wie kann die Sonne nur wieder so wunderbar scheinen? Ich bin ein Kind dieser Welt und die Hälfte meines kurzen Lebens, dieses chaotisch-träumerisch-sensiblen Windhauchs, ist bereits vorbei – wenn ich Glück habe. Und das habe ich. Denn ich lebe im privilegierten Teil dieser Welt und habe lange Zeit eigene Strategien gefunden, mich so gut es ging den Zumutungen dieser grausamen Realität aus Lohnarbeit, Unterwerfung und Schlachterei zu entziehen. Ich kenne Menschen, die darauf verweisen, dass es Entwicklungen zum Positiven hin gibt. Und das schätze ich, weil es in unserem Potenzial liegt die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend zu verändern. Um die Enteignung und Vergesellschaftung des Reichtums werden wir dabei aber nicht herum kommen. Wie zu allen Herrschaftszeiten erzürnt dies das progressive Bürgertum in seinen moralisch aufgeladenen Debatten um die Weltverbesserung.

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Unbedingte Solidarität

Lesedauer: 2 Minuten

Ein brandaktueller Sammelband zu einem links-emanzipatorischen Grundbegriff

zuerst veröffentlicht in: Libertäre Buchseiten, in: GWR 467

Solidarität – wer blieb von ihrer Anrufung durch das von Regierungskreisen hervorgerufene Propagandafeuer verschont? Dabei ist es durchaus befremdlich und sollte Anlass zum kritischen Nachfragen bieten, wenn dieser Begriff in Krisensituationen von politischen Eliten genutzt und damit auch den emanzipatorischen sozialen Bewegungen enteignet wird. Doch auch die Verwendung des Solidaritätsbegriffs innerhalb der gesellschaftlichen Linken selbst ist nicht unproblematisch. Durch seinen teils inflationären Gebrauch wird der Begriff schnell zur sinnentleerten Phrase und symbolisiert damit vor allem die Suche nach Orientierung, eigenen Standpunkten und Beständigkeit in unsicheren Zeiten. Dies ist legitim und verständlich, sollte allerdings reflektiert geschehen. Denn insbesondere wenn bestimmte Konzepte auf der Straße, in Twitterposts oder Gesprächen vehement propagiert und eingefordert werden, lässt sich die Frage aufwerfen, ob emanzipatorische Linke das selbst überhaupt gut können: solidarisch sein. Denn was verstehen wir überhaupt unter „Solidarität“?

Schließlich fassen sie das „Unbedingte“ des von ihnen dargestellten Verständnisses von Solidarität so auf, dass es in der heutigen Zeit unbedingt und dringend notwendig erscheint, sie zu praktizieren. Worauf sich dies bezieht, dafür bleibt ein weiter Spielraum. Er kann sich auf ausgeschlossene Migrant*innen beziehen, auf kommende Generationen, Menschen in postkolonial unterdrückten Ländern, aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder ihres sexuellen Begehrens marginalisierte Gruppen oder auf prekarisierte Lohnabhängige. Solidarität wird möglich, wo diese Grenzen – die zum Teil auch durch die Herrschaftsordnung gezogen werden – überwunden werden können, ohne deswegen eine Gleichmacherei zu bewirken.

Über Solidarität nachzudenken, geriet in der sozialistischen Bewegung im Unterschied zu den Begriffen der Freiheit und Gleichheit meistens zu kurz. Entweder nahm man an, sie bestünde mehr oder weniger vorab in den kämpfenden Gemeinschaften oder aber, sie könnte erst umfassend verwirklicht werden, wenn die sozialistische Gesellschaftsform erkämpft worden sei. Dass sie aber Voraussetzung für soziale Kämpfe und deren emanzipatorische Ausrichtung ist, dass sie zu Erfahrungen inspiriert, motiviert und verbindet, wird erst in jüngerer Zeit wieder stärker thematisiert. Dies tun im Sammelband unter anderem Rahel Jaeggi als Vertreterin einer zeitgenössischen Kritischen Theorie, Bini Adamczak mit ihrer besonderen beziehungstheoretischen und geschichtsphilosophischen Perspektive, Silke van Dyk mit ihrem Fokus auf die soziale Frage, Friederike Habermann, die in der feministischen Ökonomie bekannt ist, sowie Torsten Bewernitz, welcher sich einer Aktualisierung der gewerkschaftlichen Solidarität widmet. Insgesamt liefern sie damit wichtiges Handwerkszeug für die soziale Revolution.

Jonathan Eibisch

Hoch der intersektionale Feminismus!

Lesedauer: 5 Minuten

Grundlagenwerk feministischer Theorie mit Praxisbezug

zuerst veröffentlicht in: Libertäre Buchseiten, in: GWR 467

Schon Anfang letzten Jahres erschien die deutsche Ausgabe von Für eine feministische Internationale. Die Autorin Verónica Gago ist Professorin für Soziologie in Buenos Aires und nimmt eine ähnliche Rolle ein wie Alicia Garza für die „Black Lives Matter“-Bewegung.(1) Bekannt ist, dass der Frauen*Streik insbesondere von Argentinien ausgehend eine neue Welle globaler feministischer Mobilisierungen angestoßen hat, deren wesentliche Forderungen – Recht auf Schwangerschaftsabbruch und sexuelle Selbstbestimmung, Beendigung patriarchaler Gewalt und der Ausbeutung unbezahlter oder schlecht bezahlter weiblicher Sorge-Arbeit – schon vorher berechtigt waren. Gerade anhand des jüngeren Feminismus, der zugleich radikal und subversiv sowie eine populäre Massenbewegung ist, bilden sich die Konfliktlinien zwischen progressiv-emanzipatorischen und reaktionär-konservativen politischen Lagern deutlich ab. Während in Argentinien auf Druck der „Ni Una Menos“-Bewegung im letzten Jahr Abtreibung tatsächlich legalisiert wurde, wurde sie in Polen im gleichen Zeitraum nochmals verschärft und ist in zahlreichen anderen Ländern aktuell umstritten. Doch in der neuen Welle feministischer Mobilisierung geht es um weit mehr – wenn man Gagos Buch folgt, darum, wie wir alles verändern.

Die situierte Praxistheorie des Kartografierens

Und für diesen umfassenden Transformationsprozess liefert die Autorin, welche die „Ni una menos“-Bewegung selbst mitbegründet(2) und damit der feministischen Streikbewegung einen neuen Schub gegeben hat, die politische Theorie. Für eine feministische Internationale ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie die Verbindung zwischen Praxis und Theorie als wechselseitiger Prozess gelingen kann. Darin wird eine involvierte und leidenschaftlich engagierte wie gleichermaßen theoretisch unterfütterte und auf verallgemeinerte Anwendung bezogene Perspektive entfaltet, die sich als Ergebnis langjähriger feministischer Theorieentwicklung in deren Tradition stellt. Gago interpretiert die Ereignisse, Praktiken, Subjekte, Organisations-, Aktions- und Ausdrucksformen der feministischen Bewegung und verortet sie in einem großen Kontext, wodurch eine Reflexion und Weiterentwicklung möglich wird. Feministische Aktivist*innen und Sympathisierende sollten sich die Zeit nehmen, ihr Buch zu lesen und miteinander zu besprechen. Es lohnt sich und verdeutlicht meiner Ansicht nach zudem, wie wichtig es ist, dass soziale Bewegungen mit politischer Theorie unterfüttert sind.


Mit den Begriffen Kartografierung und Situiertheit beschreibt Gago eine Variante, feministische Theorie zu denken. Unter ersterem versteht sie das Sichtbarmachen – und also das Politisieren – von patriarchaler Gewalt und Sorge-Arbeit. Als situiert beschreibt sie eine Wissensform, die mit Erfahrungen, Emotionalität und daher auch mit Körperlichkeit verbunden ist. Dementsprechend thematitiert sie unter der Kapitelüberschrift „Körper-Territorium: Der Körper als Schlachtfeld“, wie
alltägliche strukturelle Gewalt letztendlich immer von konkreten Einzelnen erfahren wird und sie betrifft. Daher sind umgekehrt aber auch die unterworfenen, ausgebeuteten, erniedrigten Körper die Ausgangspunkte von Widerständigkeit und Subversion. Und darüber hinaus werden Kartografieren und Situieren für die feministische Sozialwissenschaft analytische Methoden, um eine politische Theorie zu entwerfen, welche von den tat – sächlichen Vorgängen in emanzipatorischen sozialen Bewegungen ausgeht und auf diese zurückwirkt. Gago spricht hierbei auch von einer „kollektiven
Intelligenz“, welche in den Versammlungen entsteht und wirkt.

Darin wohlwollend Potenziale zu sehen, ist begrüßenswert. Nicht vergessen werden sollte aber, dass Massen auch träge und verdummend sein können … Dies sehen wir nicht zuletzt in der vehementen anti-feministischen Reaktion, welche durch die feministische Theorie in einem anderen Licht erscheint: Katholische und evangelikale Kirchen, neoliberale Wirtschaftseliten und nach wie vor mit den staatlichen Repressionsapparaten verbundene Faschisten verbünden sich zum Gegenangriff auf
das „Gespenst des Feminismus“, wie dies besonders deutlich unter der Regierung Bolsonaro in Brasilien zu Tage tritt. (3) Mit dem neurechten Kampfbegriff der „Gender-Ideologie“ wurde der Feminismus als „innerer Feind“ ausgemacht, den es religiös, ökonomisch und militärisch zu bekämpfen gelte. – Unter anderem diese Perspektive des Buchs ist es, in der eine explizit strategische Denkweise zum Ausdruck kommt, von der sich Aktive im deutschsprachigen Raum inspirieren lassen sollten.

Verbinden, was zusammengehört

Die Autorin wendet marxistische Argumentationsgänge in Hinblick auf Klassengesellschaft, Ausbeutung und Entlohnung nicht als verkrustete Doktrin, sondern als praktisches Analysewerkzeug an. Ihr Feminismus speist sich aus den Theorien von Silvia Federici, Wendy Brown und Maria Mies. Insbesondere erstere ist in der autonomen und anarchistischen Tradition zu verorten, in welcher die Kritik am Patriarchat mit der an Kapitalismus und Staat zusammen gedacht wird. Verschiedene Achsen der Unterdrückung zusammen zu denken, entspricht der Intersektionalitätstheorie, für welche auch Angela Davis und Audre Lorde stehen, welche im Buch erwähnt werden. In der viral gegangenen, inzwischen legendären Performance aus Chile „Der Vergewaltiger bist du“ kommt dieses neu erstarkte, inhaltlich anarchistische Verständnis zum Ausdruck. So heißt es in einer Zeile: „El Estado opresor es un macho violador“ („Der Unterdrücker-Staat ist ein machistischer Vergewaltiger“).(4) In diesem Zusammenhang ließe sich auch gut an das politische Denken John Holloways anschließen, was Gago jedoch nicht tut. Sie bezieht sich allerdings auf das radikal-demokratische Demokratieverständnis in der Linie von Baruch de Spinoza, Jacques Rancière und Ernesto Laclau, indem sie einen Gegensatz zwischen der konstituierenden Handlungsmacht feministischer Bewegung als potentia und der verfestigten Herrschaftsmacht des patriarchalen Staates aufmacht. Die Aufzählung erfolgte an dieser Stelle nicht, um Name-Dropping zu betreiben, sondern weil ich damit deutlich machen möchte, dass ich Für eine feministische Internationale als ein wichtiges Grundlagenwerk für die feministische politische Theorie ansehe.


Darüber hinaus bedient sich die Autorin der Revolutionstheorie Rosa Luxemburgs, welche mit dem Konzept der revolutionären Realpolitik eine Überwindung des vermeintlichen Gegensatzes von revolutionären und reformerischen Strategien denkbar machte. Hierbei könnte Gago allerdings auch noch einen Schritt weiter gehen. Denn ebenso wie die mögliche Verbindung von Radikalität und Popularität sozialer Kämpfe ist jene zwischen Revolution und Reform gerade ein Markenzeichen anarch@syndikalistischer Bewegungen, wie sie traditionell mit der argentinischen FORA(5) verbreitet war. Damit zeigt sich, dass Gago eine linke Denkerin bleibt, auch wenn die feministische
Bewegung gerade in lateinamerikanischen Ländern sehr stark anarchistisch geprägt ist. In der Staatskritik gehen die zeitgenössischen radikal-feministischen Strömungen beispielsweise über Luxemburg hinaus, indem sie nicht lediglich eine Verbindung zwischen parlamentarischer Parteipolitik und außerparlamentarischer Bewegung anstreben, sondern faktisch neue Versammlungsorte und Strukturen der Selbstorganisation schaffen – und damit meiner Ansicht nach auch das patriarchale Moment des Politischen untergraben, statt sich dieses lediglich feministisch anzueignen.


Plurinationaler Feminismus als sozial-revolutionäre Kraft des 21. Jahrhunderts

Verbindungen zu schaffen, wird von Gago auch als „Transversalität“ begriffen. Damit ist nicht nur das strategische Bündnis von Frauen, Lesben, Travestis und Transpersonen im Sinne eines Zusammenschlusses von vermeintlich vorab kategorisierten sozialen Gruppen gemeint. Vielmehr geht es um die Überschreitung der jeweils zugewiesenen Positionen, um die aktive Verbindung von Menschen in verschiedenen sozialen Positionen, Lebenslagen und sexuellen Identitäten. Gerade indem Differenzen anerkannt werden, können sie auf Augenhöhe verhandelt und in einem Prozess des Streitens und Lernens vermittelt werden. So wurde und wird mit dem Frauen*Streik auch die
herkömmliche Definition von Streik und damit die traditionelle Rolle der Gewerkschaften in
Frage gestellt.(6) Statt diesen lediglich vom sozialen Kampf innerhalb der Kategorien von Lohnarbeitsverhältnissen als Gegenpol zum Kapitalismus ausgehend zu denken, ermöglichen die Thematisierung der feminisierten „popularen“ Ökonomie (Hausarbeit, Sorge- und Pflegearbeit, emotionale Arbeit) und eine Organisierung entlang dieser Konfliktlinie neue Formen sozialer Kämpfe. In Für eine feministische Internationale werden Staat, Kapitalismus, weiße Vorherrschaft und Patriarchat als miteinander verwobene Herrschaftsverhältnisse gedacht – welche im Prisma des
Feminismus zugleich abgebaut werden sollen. Dementsprechend stellt sich der zeitgenössische Feminismus als pluri- und transnational heraus, da er im Nationalstaat keinen primären Bezugspunkt mehr sieht. Setzen wir alles daran, den Feminismus als als sozial-revolutionäre Kraft des 21. Jahrhunderts weiter zu entwickeln.

Jonathan Eibisch

Anmerkungen:

(1) https://www.untergrund-blättle.ch/buchrezensionen/sachliteratur/alicia-garza-die-kraft-des-han-delns-1922.html

(2) https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/notizbuch/heldinnen-aus-aller-welt-veronica-gago-100.html

(3) https://www.medico.de/bulle-bibel-blei-17240

(4) https://www.youtube.com/watch?v=bPZ7ad7up8M&ab

(5) https://de.wikipedia.org/wiki/Federación_Obrera_Regional_Argentina

(6) siehe auch: https://www.akweb.de/bewegung/veronica-gago-neue-welle-antipatriarchale-kaempfe-feministische-internationale

Eine gelungene Geschichte von unten

Lesedauer: 4 Minuten

Sozialgeschichtliche Analyse der Bayrischen Räterepublik

zuerst veröffentlicht in: Libertäre Buchseiten, in: GWR 467

Wenn Simon Schaupp mit seinem Der kurze Frühling der Räterepublik hundert Jahre nach dieser in die öffentliche Diskussion zur deutschen Revolution 1918/1919 von anarchistisch-linksradikaler Seite eingriff und uns die aufregenden Ereignisse in einer Collage der Zeitzeugnisse von Erich Mühsam, Hilde Kramer und Ernst Toller nahebrachte,(1) so reicht uns der Münchner Roman Danyluk mit Unter sticht Ober nun das dazugehörige sozialgeschichtliche Material nach. Dem Genossen ist eine lebendige und faktenbasierte Darstellung der Bayrischen Räterepublik und ihrer Rahmenbedingungen gelungen, die auch historisch interessierten Lesenden einen Zugang erlaubt, welche sich bisher noch nicht damit beschäftigt haben. Dabei ist das Buch auch ohne Fußnoten stichhaltig und glaubwürdig, wie Historiker*innen bestätigen werden. Mit diesem Stil gleicht Danyluks Schreibweise jener von Eric Hobsbawm,(2) ohne allerdings von dessen marxistischen Vorurteilen eingenommen zu sein.

Heterogenität als Stärke


Der Text gewinnt nicht allein durch seine Sachlichkeit an Glaubwürdigkeit, sondern weil die inneren Widersprüche und Unzulänglichkeiten der kurzlebigen Räterepublik keineswegs geleugnet werden. Darüber hinaus ist es in die lang anhaltende Besprechung dieses historischen Fensters einzuordnen, hebt diese allerdings auf eine neue Stufe. So setzte etwa schon Günter Bartsch der Beschränkung der Räterepublik auf München in der bürgerlichen Geschichtsschreibung entgegen: „Seit der Bayrischen Räterepublik wissen wir, daß der Anarchismus mehr als eine soziale Utopie ist. Er kann aus dem Reich der Abstraktion hervortreten und zu einer mehr oder weniger fest umrissenen Gestalt gerinnen. Dies scheint jedoch immer nur dort und dann möglich zu sein, wo sich verschiedene Richtungen zusammenfinden. […] Bis zu einem gewissen Grade war die Bayrische Räterepublik das erste anarchistische Experiment des 20. Jahrhunderts in einem größeren Maßstab“.(3)

Hinsichtlich der geschichtswissenschaftlichen Perspektive werden mit Unter sticht Ober die mehr oder weniger radikalen linken Erzählungen zur Bayrischen Räterepublik ergänzt, wie sie sich etwa in den diversen Veranstaltungsreihen zu den Jahrestagen widerspiegeln.(4) Dem häufig und wiederholt bedienten Mythos, bei der Bayrischen Räterepublik habe es sich um ein naives – und ergo: „gefährliches“ – Projekt von Künstlerinnen und Literaten gehandelt,(5) setzt Danyluk die Sichtweise einer kollektiv handelnden, aber sehr heterogenen sozialen Bewegung entgegen, ohne deswegen zu leugnen, dass manch idealistischer Wunschtraum die anarchistischen Führungsfiguren der kurzlebigen zweiten Phase der roten Republik beflügelte, bevor jene wiederum von der streng politisch-militärischen Logik der KPD-Funktionäre in der dritten Phase abgelöst wurde. Statt dem lächerlichen Schreckgespenst von Anarchie und Chaos finden sich in der Bayrischen Räterepublik Ansätze für den Aufbau einer libertär-sozialistischen Gesellschaftsform, welche demokratischen Ansprüchen weit eher gerecht zu werden vermag als die oktroyierte parlamentarische Klassengesellschaft.

Gegenpol zu bürgerlichen Mythen

Darüber hinaus wird der teilweise unsäglichen bürgerlichen Geschichtsschreibung etwas entgegengesetzt, wie sie beispielsweise in Büchern wie Die letzte Nacht der Monarchie. Wie Revolution und Räterepublik in München Adolf Hitler hervorbrachten reproduziert wird.(6) Immerhin wird schon mit dem Titel suggeriert, dass Sozialist*innen von revolutionären Experimenten die Finger zu lassen haben. Statt zu behaupten, die Konterrevolution, welche die Entstehung des Faschismus stark begünstigte, wäre die logische Folge der rebellischen Umtriebe gegen den Fortbestand der alten Herrschaftsordnung, sieht auch Danyluk, dass das „Grab der ersten demokratischen Republik in Deutschland […] bereits zu deren Beginn ausgehoben [wurde]. Die Reichsexekution gegen die Bayrische Räterepublik hatte vor allem zwei fatale politische Folgen: Zum einen stoppte sie in Bayern den Prozess der Demokratisierung der Gesellschaft und schwächte diejenigen politischen und sozialen Kräfte, die ein nachhaltiges Interesse daran hatten, dem Aufstieg des Rechtsextremismus erfolgreich Paroli zu bieten. Und zum zweiten bot der militärische Feldzug gegen Bayern sowie das anschließende Besatzungsregime im südlichen Teilstaat dem alten Militär und der Reaktion die Möglichkeit zur effektiven Reorganisation. […] Der ‚Sieg‘ über die Emanzipationsbestrebungen der Arbeiter- und Unterklassen war […] teuer erkauft“. (S. 358)

Damit werden in Danyluks differenzierter Untersuchung Optionen und Handlungsspielräume deutlich, die gleichwohl akribisch mit den damaligen sozialstrukturellen und politisch-ideologischen Bedingungen abgeglichen werden. Wertvoll ist sie außerdem, weil der Autor die spezifische Rolle beleuchtet, welche der Antisemitismus auf der Seite des reaktionären Lagers spielte, und weil er, wo es nur möglich ist, die Perspektiven von Frauen mitbedenkt und ihnen Raum gibt.

Konsequenzen für heutige Bewegungen

Doch die Faszination für diesen Kairós-Moment sozial-revolutionärer Kräfte in Deutschland ist für Danyluk keine rein historische. Sein Interesse an der Erarbeitung des Themas ist motiviert von der Frage danach, was wir aus der Geschichte lernen können. Nicht ohne Grund würdigt er deswegen die Erfolge, welche von den zahlreichen in der Räterepublik aktiven Aufständischen erkämpft wurden. Um sie langfristig und umfassend in ein anderes Gesellschaftsmodell zu überführen, waren jedoch die Kräfteverhältnisse nicht günstig genug, konnte die Bauernschaft nicht ausreichend einbezogen werden, war die anti-revolutionäre Grundsatzentscheidung in der SPD-Führung zu einflussreich und fehlte der Räterepublik schlichtweg die Zeit, sich zu entfalten und zu wachsen. Und schließlich veränderte sich in der „bayrischen Hauptstadt […] durch den autoritären Anspruch einer Partei, die alleinige Vorherrschaft zu erlangen, die sozialistische Vielfalt in den maßgeblichen Rätegremien. Soziale Emanzipation kann aber nicht einfach von oben dekretiert werden. Zu ihren Voraussetzungen gehören die Ausweitung – und eben nicht die Einengung – der sozialen Beziehungen und die beständige Erweiterung der gesellschaftlichen Diskussion.


Folgerichtig gestaltet sich die Auseinandersetzung mit den damaligen Ereignissen immer dann als ziemlich spannend, wenn alle Entwicklungsabschnitte der bayrischen Revolution und Räterepublik unvoreingenommen und als ein aufeinander bezogener Zusammenhang betrachtet werden. Nur so lassen sich die jeweils wesentlichen Eigenheiten auf ihren emanzipatorischen Gehalt hin abklopfen, das heißt auf die Tauglichkeit sowohl zur individuellen als auch kollektiven Befreiung des Menschen. Unvoreingenommenheit und die
Vermeidung von Scheuklappen gewährleisten erst, dass in der Rückschau nicht allzu viel Bedeutsames und Bewahrenswertes verloren geht“. (S. 393f.)

Jonathan Eibisch

Anmerkungen:


(1) Jonathan Eibisch: Rezension zu Simon Schaupp, Der kurze Frühling der Räterepublik, Münster 2017, in: GaiDao #88 (April 2018), verfügbar auf: https://issuu.com/fda-ifa/docs/gaidao_nr_88_web.

(2) Siehe z. B. Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, 7. Aufl., München 2004.

(4) Veranstaltungsreihe der RLS zum 90. Jahrestag der „Münchner Räterepublik“ 2009, verfügbar auf: https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Veranstaltungen/2008/90Jahre_Raeterevolution_08.pdf
und: Veranstaltungsreihe „Revolutions-Werkstatt“ der RLS zum 100. Jahrestag 2018/2019; verfügbar auf: http://revolution-baiern.de/

(5) https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/geschichte/muenchner-raeterepublik-sozialistisch-dichter-100.html


(6) Michael Appel: Die letzte Nacht der Monarchie. Wie Revolution und Räterepublik in München Adolf Hitler hervorbrachten, München 2018

Anarchistische Motive in Haus des Geldes

Lesedauer: 10 Minuten

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Ja, auch ich habe eine Netflix-Serie gesehen und das ist überaus unspektakulär. Zunächst wollte ich damit einfach abschalten.

Abschaltung durch Anspannung – eine bezeichnende Paradoxie der Gegenwartsgesellschaft. Seit meiner Kindheit stehe ich auf Gangstergeschichten und das ist einer der Hauptgründe, warum mich er Plot von Haus des Geldes angesprochen hat.

Zumal die Serie in einem Land produziert wurde, in dem einerseits nach wie vor die Nachwirkungen der europäischen Wirtschaftskrise und Sparpolitik seit 2008 verarbeitet werden müssen. Und in welchem es andererseits eine lange Tradition militanten, populären Widerstands gibt, denken wir etwa an Francesc „Quico“ Sabaté Llopart oder Lucia Urtubia. Die Gruppe „Los Soldiarios“, um Buenaventura Durutti überfiel 1923 mutmasslich auch die spanische Zentralbank. Insofern baut die Delinquenz des 21. Jahrhunderts auf einer langen Tradition auf und kann auf ihren radikalen politischen Gehalt hin diskutiert werden.

Warum kulturindustrielle Erzeugnisse hier einer Besprechung wert sind

Nach dem Ende der fünften Staffel (erschienen am 3.12.21) wurde mir bewusst, dass in er Serie allerlei explizit anarchistische Motive verarbeitet wurden. Weil es sich zugleich um eine der am meist gesehenen Serien überhaupt handelte, lohnt sich ihre Betrachtung. Zumindest wenn wir den Anspruch haben, uns mit zeitgenössischen kulturellen Phänomenen zu beschäftigen, um zu verstehen, was Leute bewegt. Tatsache ist, dass viele Millionen Menschen die Motive von Haus des Geldes aufgriffen und sich davon offenbar inspiriert fühlten.

Deutlich wird dies beispielsweise an der Wiederaneignung des italienischen Partisanenlieds „Bella Ciao“ durch die Sendung. Gerade weil sie auf ein massenkulturelles Erzeugnis ist, trug die Serie zur Verbreitung anarchistischen Fühlens und Denkens weit mehr bei, als ich es in meinem ganzen Leben werde tun können. (Ob sie es auch qualitativ vertieft, steht dabei allerdings auf einem anderen Blatt…) Vielleicht ist es allein schon mein damit verbundener Neid, der mich zur Frage führt, was die Popularität dieser Heist-Erzählung über die bestehende Gesellschaftsform aussagt.

Der Handlungsrahmen

In Haus des Geldes dringt eine Gruppe von zunächst acht Bankräubern in die spanische Notendruckerei und weiteren Verlauf (ab Staffel 3) in die spanische Zentralbank ein. Statt lediglich Geld mitzunehmen, drucken sie über Tage selber welches beziehungsweise schmelzen die staatlichen Goldreserven ein, um sie zu ergaunern. Um dies umzusetzen, nehmen sie die in den Prestige-trächtigen Gebäuden jeweils Anwesenden als Geiseln. Dabei haben die Räuber, deren Decknamen nach Hauptstädten vergeben wurden, Funkkontakt zum „Professor“, der von einem verborgenen Versteck aus agiert und den Überblick behält. Das Mastermind hinter dem Coup hat den detaillierten Raub mit Unterstützung seines Bruders „Berlin“ und dem Anführer „Palermo“ zwei Jahrzehnte lang ausgetüftelt und die Ganoven schliesslich rekrutiert und vorbereitet.

Neben der aufregenden Hintergrundmusik sorgt der nahtlose Übergang der verschiedenen Szenen, sowie die Offenheit des Handlungsverlaufs für Spannung. Interessant sind die eingefügten Rückblenden zur Vorbereitung der Aktion, sowie den Hintergründen der jeweiligen Charaktere. Verständlicherweise ist der ganze Aktionsverlauf in Abhängigkeit der Handlungen der Gegenseite her zu denken: Verschiedenen Ermittlern, Polizeiführern, Geheimdienstchefs und Soldaten mit ihren jeweils eigenen Beweggründen und Widersprüchen.

Integere Ethik und inspirierender Populismus

Das Kriminalität und Anarchismus im bürgerlichen Bewusstsein miteinander assoziiert werden, ist allgemein bekannt. Doch nicht das Übertreten von Gesetzen macht die Bankräuber*innen in Haus des Geldes zu Anarchist*innen. Vielmehr versuchen sie strikt nach ihren eigenen Regeln zu handeln. Dabei verstricken sie sich unweigerlich in zahlreiche Widersprüche. Dies verwundert auch nicht, denn immerhin begeben sie sich in eine hochgradig lebensbedrohliche Situation, die sie selbst geschaffen haben und nur die Androhung von Gewalt aufrechterhalten können.

Dabei sind sie von Sicherheitskräften umzingelt, denen der Tod der Beteiligten wie auch der Geiseln zunehmend legitim erscheint, um die Kontrolle wieder zu erlangen. Dagegen ist die oberste Regel der Gangster, dass keine Geisel sterben darf. Dass sie mit diesem höchsten Grundsatz in der Ausnahmesituation immer wieder in Konflikt kommen, zeigt ihr Ringen um ethische Integrität mit welcher die Kälte der staatlichen Militärmaschine und ihrer Logik kontrastiert werden kann.

Und damit sind die Bankräuber*innen erfolgreicher, als ihnen möglicherweise selbst bewusst ist. Sie bewegen ihre Gegner*innen und sogar Feind*innen zur Mässigung und sogar zum Überlaufen: So wechselt die leitende Ermittlerin Raquel Murillo Fuentes die Fronten und beteiligt sich ab Staffel 3 als „Lissabon“ am zweiten Überfall. Ebenso die Geisel „Mónica Gaztambide“ welche sich als „Stockholm“ anschliesst, um mit ihrem alten Leben zu brechen. Selbst die grausame Polizeichefin Alicia Sierra Montes, welche „Rio“ foltert, lässt schliesslich in der fünften Staffel die Waffen fallen. Von ihren eigenen Leuten verraten, erweisen sich die „Kriminellen“ letztendlich als die rechtschaffeneren Menschen, die sogar ihr vergeben können. Trotzdem sie bewaffnet sind, setzen die Anarchist*innen auf Überzeugung und Verführung, welche neben ihrer Entschlossenheit, ihre eigentlichen Stärken bilden.

Dieses Handeln geschieht aber nicht aus einer rein humanistischen Einstellung, sondern ist Teil der Strategie. Denn als wesentliche Voraussetzung für den Erfolg des Bankraubs gilt, dass die Bevölkerung mit den Bankräuber*innen sympathisieren muss. Die moderne Robin Hood Geschichte findet offenbar immer noch Anhänger*innen, welche den demokratischen Schutz der Öffentlichkeit ermöglicht. – Einem „Volk“, dass sich sehr wohl für Fragen gesellschaftlicher Gerechtigkeit interessiert und zurecht auch vom Rachebedürfnis gegenüber den privilegierten Klassen geprägt ist, mit dem es einen emanzipatorischen Umgang zu finden gilt.

Hinzu kommt, dass die Gangster in der Öffentlichkeit stets Masken tragen. Statt der berühmten Anonymous-Gesichter ist für Polizei und Bevölkerung das immer gleiche Zerrbild eines Gesichts von Dalí zu sehen. Niemand oder jede*r könnte also die Gangster sein. Was zählt, sind nicht sie als Personen, sondern, wie sie handeln und was sie verkörpern: Mut, Entschlossenheit, Selbstbestimmung, Gerechtigkeitsstreben und Rache. Das Verhältnis der anarchoiden Aktivist*innen zum Volk ist damit keines der Führung und Bevormundung, sondern eines der Inspiration und Ermutigung. So werden die Zuschauenden zu Teilnehmenden, die aufgefordert sind, ihre eigenen Lebensumstände zu verändern und eine kämpferische Haltung einzunehmen.

Die Affinitätsgruppe der Verstossenen und ihre leidenschaftliche Genossenschaftlichkeit

Die Gangster selbst bilden mehr als ein Team. Durch zahlreiche schwerwiegende Konflikte hindurch entwickelt eine Affinitätsgruppe, die stärker noch von Freundschaft, dem gemeinsamen Ziel und der gemeinsam gewählten Zwangslage, von genossenschaftlichen Beziehungen geprägt ist. Dieses Gemeinsame entwickeln die Einzelnen erst durch ihre Auseinandersetzungen. Ihre Klassenhintergrund reicht dabei von Proletariern („Denver“ und „Moskau“), über den Ingenieur „Bogotá“ hin zum Möchtegern-Aristokraten „Berlin“. „Palermo“ und „Helsinki“ sind schwul, „Manila“, die später zum Geschehen dazu kommt, ist eine Transfrau. „Tokio“, eine der Hauptfiguren, die auch die Hintergrunderzählstimme spricht, ist trotz ihrer in Szene gesetzten Attraktivität und Scharfsinnigkeit von tiefen Selbstzweifeln geplagt.

Letztendlich handelt es sich bei allen um Anti-Helden, die zum Teil durchaus problematische Verhaltensweisen an den Tag legen. Was sie vereint ist, dass sie sich als Verstossene fühlen, Ausgrenzungserfahrungen gemacht – aber dagegen strukturell vorgehen und somit um ihre Würde kämpfen wollen.

Dass die Auseinandersetzung darum stets auch in den eigenen Reihen zu führen ist, wird durch zahlreiche Konflikte um Geschlechterrollen verdeutlicht. So ruft „Nairobi“ gegen die mackerige Befehlsgewalt in Staffel 2 beispielsweise das Matriarchat aus und übernimmt die Führung. „Palermo“ lässt sich dies nicht bieten, kann aber seinen patriarchalen Führungsstil nicht langfristig durchsetzen, weil er sich schlichtweg nicht mehr als zeitgemäss erweist.

In jedem Fall sind es gerade die Widersprüche in den Charakteren selbst, welche nicht nur den Stoff für eine fesselnde Erzählung geben, sondern eine intensive Identifikation mit ihnen ermöglichen. Ermächtigung und Handlungsfähigkeit können nur von der Widersprüchlichkeit und Gebrochenheit, aber auch von den Sehnsüchten und Hoffnungen aus gelingen, von welcher wir in der bestehenden Gesellschaftsform geprägt sind.

Wenn von Bezugsgruppen und Gruppendynamiken die Rede ist, bleibt die Leidenschaft selbstverständlich nicht aus. Doch mehr als das: In der Erzählung nimmt die Liebe eine herausragende Stellung ein. Für meinen Geschmack fast übertrieben, wird damit nicht vorrangig ein mediterranes „Temperament“ darstellt. Vielmehr steht der Eros als spürbarstes und intensivstes Zeichen dafür, dass Emotionalität in sozialer Revolte eine wichtige Rolle spielen kann und darf.

Die Begegnung zwischen dem Professor und „Lissabon“/Raquel, zwischen „Tokio“ und „Rio“, zwischen „Denver“ und „Stockholm“; die Spannungen zwischen „Helsinki“ und „Palermo“, von Letzterem und „Berlin“; die Irritation zwischen „Denver“ und „Manila“, sowie wiederum zwischen „Stockholm“ und ihrem früheren Geliebten Arturo, als auch das unerfüllte Begehren des Polizisten Ángel Rubio seiner Kollegin Raquel gegenüber.

Mir persönlich sind die Techtelmechtel und Pärchengeschichten zu viel. Doch völlig überzogen ist die Serie ohnehin an allen Ecken und Enden, insbesondere in den Baller-Szenen. Worum es geht ist: Die Rebellion selbst geschieht aus Leidenschaft, um der Leidenschaft willen. Und zwar, weil mit ihr um das Leben selbst gerungen und gekämpft wird, was sich nur eine erotische Dimension hat, sondern sich durch diese auch am intensivsten erzählen lässt.

Die Anti-Anti-Helden der Gegenseite

Übrigens werden in Haus des Geldes auch die Gegenfiguren zu den Anarchist*innen präsentiert. Zum einen handelt es sich dabei um den Sicherheitschef der Zentralbank César Gandía, der sich als Geisel befreit und sich als faschistischer Einzelgänger entpuppt. Wie auch die in Staffel 5 eingesetzten Söldner um den anführenden Kriegsveteran Sagasta, sind diese Mörder, einsame Wölfe, die sich zwar kameradschaftlich verbrüdern, nicht aber solidarisch verbünden können. Weil sie ebenso entschlossen wie die anarchistischen Gangster ein Ziel verfolgen, sich ausserhalb des Gesetzes bewegen und dabei ihr Leben riskieren, stellen sie den diametralen Gegenpol zu ihnen dar. Doch ist ihr Ziel die pure Zerstörung und angetrieben werden sie nicht vom Wunsch nach Selbst-verändernder Befreiung, sondern von Selbsthass und Unterwerfung.

Auf der anderen Seite spielt Arturo Román, den Chefs der Gelddruckerei durch alle Staffeln hindurch eine kontinuierliche Rolle. Seine Charakterzüge werden als derart übertrieben abstossend gezeichnet, dass den Zuschauenden zurecht ein Spiegel vor Augen gehalten wird. Im Grunde genommen ist er weniger Geisel der Bankräuber*innen, sondern jene der entwürdigenden Gesellschaftsform. Anstatt ansatzweise gegen sie aufzubegehren, trägt er sie um seines eigenen Vorteils willen mit und inszeniert sich dazu als Opfer. Schliesslich schreckt er nach dem Überleben des ersten Überfalls Ende der zweiten Staffel noch nicht einmal davor zurück, das Erlebte zu verkaufen, indem er ein Buch darüber schreibt und sich als narzisstischer Coach betätigt. Von seinem egoistischen, verschlagenen, überzogen opportunistischen und verantwortungslosen Verhalten, soll das Publikum zurecht angewidert sein.

Der Angriff auf den staatlichen Kapitalismus

Der letzte Punkt, der Haus des Geldes zu einer anarchistischen Erzählung macht, betrifft die Ziele des Raubes: Notendruckerei und Nationalbank. Beides sind zentrale Steuerungsinstitutionen des staatlichen Kapitalismus. Das heisst, hierbei wird auf die Verschränkung von Staat und Kapitalismus als Facetten einer spezifischen Herrschaftsordnung hingewiesen, die anzugreifen aus vielerlei Gründen legitim ist. Mit dem Widerstand gegen sie werden keine einzelnen Personen geschädigt – im Gegenteil dieser ganz im Sinne – bzw. auch im Klasseninteresse – des Grossteils der Bevölkerung, welche durch Rezension, Inflation, Arbeitszwang, Mieterhöhung und Austeritätspolitik gebeutelt ist.

Was dort an Geld gedruckt und an Gold geschmolzen wird, ist öffentliches Eigentum, dass von den Produzierenden enteignet wurde. Und wenn man – in Anbetracht der nationalen Goldreserven – an die Kolonialgeschichte denkt handelt es sich dabei nicht allein um europäischen Reichtum, sondern um gestohlene Güter und weltweite Ausbeutung. Daher erscheint ihr Raub nur in erster Linie als Akt individueller Rebellion und Kriminalität.

Tatsächlich verstehen zahlreiche Menschen, dass mit dieser Aneignung gesellschaftliche Gerechtigkeit wiederhergestellt werden soll. Die randständigen anarchoiden Gestalten wollen mit dem Raub ihren ausweglosen Lagen entfliegen. Sie setzen lieber ihre eigenen Leben auf’s Spiel, um ein neues Leben in Würde zu beginnen, statt sich in das alte als Opfer hinein zu fügen. Doch im Zuge dessen – und während sie sich in Aktion, aufeinander bezogen, selbst verändern – fällt ihr individuelles Freiheitsstreben mit gesamtgesellschaftlicher Befreiung zusammen. Diese Aufregung kann kein linkes Parteiprogramm der Welt bieten.

Ähnlich wie die nationalen Goldreserven letztendlich eine Illusion von finanzökonomischer Sicherheit bieten (worauf der allerletzte Teil des umfassenden Planes in den letzten beiden Folgen von Staffel 5 baut), hat auch Freiheit keine essentielle Grundlage. Auch wenn Lebensgestaltung nach Massstab der Selbstentfaltung und Selbstbestimmung auf materiellen Grundlagen beruht – die es deswegen allen zur Verfügung zu stellen gilt – beinhaltet Freiheit im anarchistischen Sinne stets auch, ein Wagnis einzugehen und sie sich zu nehmen.

Deswegen bietet der Professor in der Szene, die über Leben und Tod der umzingelten Gangster entscheidet, dem Einsatzleiter Tamayo einen Win-win-Deal an: Der Staat erhält seinen Goldschatz und damit die Illusion zurück, auf welchen sich seine Macht gründet. Im Gegenzug wird der Traum und die Sehnsucht genährt, dass es etwas ganz anderes, ein Leben in Freiheit, geben könnte. Daher bleiben sie Räuber*innen, statt Politiker*innen zu werden.

Schlussfolgerungen

Kritisch lässt sich selbstverständlich einwenden, dass in Haus des Geldes letztendlich sogar das Bedürfnis nach Rebellion kommerziell ausgeschlachtet und verkitscht idealisiert wird. Auch von der brutalen, viral gegangenen, südkoreanischen Produktion „Squid Games“ wird behauptet sie sei Kapitalismus-kritisch. Ob die „Kritik“ hier wie dort wirklich auf die gesellschaftlichen Grundlagen zielt oder nur ihre Oberflächenerscheinungen betrifft, ist jedoch durchaus zu hinterfragen. Dabei verstehen die Zuschauenden, dass das Verschanzen in einer staatlichen Notendruckerei oder einer Nationalbank für sie aus verschiedenen Gründen absolut undurchführbar ist.

Doch das ist gar nicht der Punkt, sondern jener, inwiefern die fantastische Erzählung den Zuschauenden Möglichkeiten zur Reflexion (z.B. über ihre Klassenposition), eine Artikulation ihrer Gefühle (z.B. Klassenhass) und Ansatzpunkte zur Veränderung ihres eigenen Handelns (z.B. die Versammlung in Affinitätsgruppen) bietet. Darüber wären weitere Diskussion zu führen.

Die Romantisierung des Raubes und der Delinquenz generell gibt den Rahmen für guten Erzählstoff ab. Dieser ist für die allermeisten Personen, die sich von diesem Genre begeistern lassen, aber nicht deswegen faszinierend, weil sie selbst Räuber*innen werden wollen würden. Ähnlich wie in Krimis kaum wirklich Polizeiarbeit abgebildet wird, lässt sich aus Haus des Geldes kein Handwerkszeug ableiten, dass für Raubzüge gleich welcher Art wirklich von Nutzen wäre. Für den überwiegenden Teil der Kriminellen ist ihr Gewerbe wohl ein äusserst prekäre Erwerbsmöglichkeit, verbunden mit einem hohen Mass an Abhängigkeit und Berufsrisiken.

Eine wichtige Funktion erfüllt die Romantik dann, wenn sie Sehnsüchte anspricht – und damit bewusst macht –, die in uns als Verdrängtes eingeschrieben sind. Zum Beispiel solche nach aufregenden Abenteuern mit einer Gang, nach der Flucht vor der Lohnarbeit bei gleichzeitiger materieller Absicherung oder dem Angriff auf einen übermächtigen Gegner, um unsere Würde wieder zu erlangen. Problematisch ist die Romantik, wenn sie bei lediglich bei der fantastischen Projektion verbleibt, der wir uns kurzzeitig hingeben, um uns dann wieder ohnmächtig zu fühlen und unsere Träume als „utopisch“ abzustempeln. Auch dies sind Aspekte, die sich diskutieren, nicht aber messen lassen.

Schliesslich zeichnet Haus des Geldes noch einen wesentlicher Aspekt aus, der zeitgenössischen linksradikalen und insbesondere anarchistischen Szenen weitgehend fehlt. Und zwar das strategische Handeln, wie es im ausgefuchsten Plan des Professors zum Ausdruck kommt. Nur manche der Aktivist*innen wissen um die Details der Strategie mit ihren verschiedenen Operationen, die eventuell in bestimmten Fällen durchzuführen sind, um auf das grosse Ziel hin zu arbeiten.

Darauf zu vertrauen, dass es einen grösseren und hochgradig komplizierten Plan gibt, ermöglicht es den Beteiligten erst, trotz ihrer Unterschiedlichkeit und Konflikte als Team zu agieren und die Motivation aufzubringen, enorme Belastungen auszuhalten und in Extremsituationen nicht durchzudrehen. Spontaneität und Planung sind dabei keineswegs Gegensätze, sondern bedingen einander sogar. Um strategisch zu denken und zu handeln, braucht es allerdings keine super schlauen, sozial wunderlichen und genialen „Professoren“ im Hintergrund. Völlig genügen würde es, wenn denkende und reflektierte Menschen mit einiger Erfahrung ihr Selbstbild als „kritische Intellektuelle“ endlich aufgeben und sich als Teil einer kämpfenden Bewegung verstehen würden.

Aus der Geschichte lernen – die sozial-ökologische Frage begreifen

Lesedauer: 3 Minuten

Eine anarchistische Perspektive auf die radikale Ökologiebewegung

zuerst veröffentlicht in: Graswurzelrevolution #466

Als ich das neu erschienene „Für einen Umweltschutz der 99 %“ des Schweizer Historikers Milo Probst in die Hand nahm, war ich zunächst skeptisch. Handelte es sich dabei um ein verkürzt gedachtes Wir-gegen-die? Würde die Flugschrift eine energische oder naive Handlungsaufforderung sein – welche sich aber nicht ernsthaft der katastrophalen sozialen und ökologischen Situation stellt, in welche uns die herrschende Klasse hineinmanövriert hat? Sollte das Buch darauf abzielen, ein linksliberales Milieu mit einem schlechten Gewissen dazu zu motivieren, sich politisch zu engagieren oder am Ball zu bleiben?

Doch selten kann ich sagen, dass mich ein Autor so mitgerissen und überzeugt hat. Probst gelingt es, die Notwendigkeit einer sozial-ökologischen Revolution zu verdeutlichen und dazu an der Herausbildung eines pluralen und intersektionalen Kollektivsubjektes zu arbeiten. Er bedient sich dazu einer selbstreflektierten und pointierten Schreibweise, mit der gesellschafts- und herrschaftskritische Theorie, sein Kerngebiet der Geschichtswissenschaften wie auch Erfahrungen aus der zeitgenössischen Klimagerechtigkeitsbewegung gelungen miteinander verknüpft werden.

Intersektionalität muss praktisch sein

In einem einleitenden Kapitel umreißt Probst zunächst in einer verständlichen Sprache seinen Ansatz, positioniert sich als Anarchist und zeigt zugleich, dass sein Denken durch eine intensive akademische Beschäftigung geprägt ist. Die sieben folgenden Kapitel handeln von der Wiederaneignung des utopischen Denkens und der Erschließung eines progressiv-emanzipatorischen Verständnisses von Natur- und Umweltschutz. In ihnen geht es um die Schnittpunkte der ökologischen Frage mit Klassenkämpfen („Umweltschutz der Armen“) und Antirassismus („abolition ecology“), mit Feminismus („Ökologie der Sorge“), der Eigentumsfrage bzw. der Vergesellschaftung („Commoning“) und einer postkolonialen Dezentrierung des eurozentristischen Blicks.

Die überschaubaren Abschnitte beginnen jeweils mit einem fokussierten Einstieg, welcher es ermöglicht, den geschichtswissenschaftlich erschlossenen Themengebieten zu folgen. Diese werden illustriert mit den Erfahrungen des argentinischen Anarchisten Pierre Quiroule, welcher Tiere in sein Solidaritätsverständnis mit einschloss; mit dem gegen Luftverschmutzung engagierten Sozialisten Edward Carpenter und durch Maximiliano Tornet, einen verbannten kubanischen Unabhängigkeitskämpfer, der Ende der 1880er-Jahre in Südspanien einen ökologischen Arbeitskampf anführte. Weiterhin lesen wir von Joseph Cinques, der mit anderen entflohenen Sklav*innen in Maroon-Gemeinschaften ein Interesse an der Erhaltung eines Waldes als Schutzraum hatte; von Louise Michel, die neuartige Beziehungen zur Natur knüpfen konnte, und von der mexikanischen sozialen Revolution, welche das eurozentrische Revolutionsverständnis in Frage stellte.

Geschichte lebendig erforschen und beschreiben

Diese Verbindung aus biografischen Erzählungen und ihren historisch-gesellschaftlichen Kontexten, der Fokus auf anarchistisch inspirierte Personen und Lebenswelten bei Einbeziehung der gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen ist eine bestimmte Weise des historischen Denkens, die Probst sich angeeignet hat. Dass er darüber hinaus die einzelnen Themengebiete, Perspektiven und Umgebungen in der globalen ökologischen Frage zusammenführt, zeigt den umfassenden sozial-revolutionären Anspruch, welchen er in seine Herangehensweise legt. Dies zu entwickeln, gelingt dem Autor, weil sein Denken gleichermaßen durch eine umfangreiche Kenntnis der anarchistischen Geschichte wie durch Eindrücke aus zeitgenössischen Debatten und sozialen Bewegungen geprägt ist.

Statt tote Geschichte zu deuten, arbeitet er auf fundierte Weise deren Bedeutung für die Kämpfe der Gegenwart heraus. So kann schließlich auch mit drei fest verankerten Vorurteilen aufgeräumt werden: Erstens sind ökologische Fragen keine, die erst nach der so genannten postmateriellen Wende in den 1970er-Jahren gestellt wurden. Vielmehr kamen sie bereits im 19. Jahrhundert auf. Zweitens wurden Umweltthemen nicht nur in progressiven oder auch konservativen Milieus des Bürger*innentums, sondern ebenso von proletarisierten und bäuerlichen Zeitgenoss*innen behandelt – die freilich andere Perspektiven auf sie entwickelten. Daran anknüpfend räumt Probst, drittens, mit der falschen Vorstellung auf, ökologische und soziale Probleme könnten getrennt voneinander betrachtet werden. Wenn das in vergangenen Zeiten getan wurde, dann – ähnlich wie heute – durch die herrschenden Klassen, welche rebellische Subjekte gegeneinander ausspielen. (1)

Demnach wird auch der Anspruch verständlich, alle anderen Dimensionen von Herrschaft – das Patriarchat, den Staat, die weiße Vorherrschaft etc. – in das Projekt einer universellen (aber nicht eurozentrisch-universalistischen) menschlichen Emanzipation einzubeziehen und für libertär-sozialistische gesellschaftliche Alternativen zu ihnen zu kämpfen. Dies gelingt im besprochenen Buch und inspiriert nicht zuletzt anarchistische Theorie und Praxis.

Jonathan Eibisch

Milo Probst: Für einen Umweltschutz der 99 %. Eine historische Spurensuche, Nautilus Verlag, Hamburg 2021, 200 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-96054-266-7.

Anmerkungen:

(1) Eine ähnliche Herangehensweise vertritt auch Jedediah Purdy in: „Die Welt und wir. Politik im Anthropozän“, Berlin 2020; siehe: https://www.untergrund-blättle.ch/buchrezensionen/sachliteratur/jedediah-purdy-die-welt-und-wir-politik-im-anthropozaen-6597.html

Boomer auf Reflexionskurs

Lesedauer: 6 Minuten

Kürzlich las ich Harald Welzers Buch Nachruf auf mich selbst. Meine Motive waren zugegebenermassen rein egoistisch: Ich wollte wissen, wie man ein Buch schreibt, in dem es einerseits um Gesellschaftstransformation geht und das andererseits eine hohe Auflage erzielt.

zuerst veröffentlicht auf: untergrundblättle.ch

Weil ich aber weiss, dass für letzteres anderes dazu gehört, als vor allem ein paar kluge Gedanken anschaulich und mitnehmend zu formulieren, habe ich mein Anliegen schnell aufgegeben und mich so gut es ging auf den Inhalt eingelassen.

Das ist allerdings insofern nicht so leicht, als dass man es offenbar, wenn man ein Buch von Harald Welzer liest, erst mal sehr viel mit Harald Welzer zu tun hat und sich mit ihm auseinandersetzen muss. Klar, er ist ja auch schon auf dem Cover abgebildet und will seine Erzählung lebensnah und anschaulich gestalten. Ausserdem ist er vor nicht allzu langer Zeit, dem Tod von der Schippe gesprungen nach einem Herzinfarkt – nicht der schlechteste Anlass, darüber ein Buch zu schreiben, wenn man ein Intellektueller ist. Aber auch nicht der Beste. Andere Menschen würden dann tatsächlich einfach erst mal aufhören, mit Büchern die Welt erreichen zu wollen.

Inhaltlich stark und weitgehend überzeugend sind vor allem die ersten Abschnitte des Buches, in denen der Autor eine globale, ja, holistische, Vogelperspektive auf die bestehende, staatlich-kapitalistische Gesellschaftsformation in ihrer beschleunigten und selbstzerstörerischsten Phase einnimmt. Sympathie gewinnt er damit, auch gewisse Positionen klar zu beziehen, in dem er etwa den Schwachsinn in jenen Mustern der politisch herrschenden Klasse aufdeckt, dass die Klimaerwärmung mit technologischen Innovationen, marktförmigen Anreizen oder der Individualisierung von Verantwortlichkeit abgemildert werden könnte. Wie neuerdings wieder mehr gesellschaftstheoretisch denkende Menschen, benennt Welzer den grundlegenden Holzpfad, auf welchem sich unsere Zivilisation befindet und verknüpft diese auch mit der Frage nach dem Wesen des Menschen – dahingehend insbesondere mit der Frage nach der Verdrängung des Todes in der Gegenwartsgesellschaft.

Für Anhänger:innen der Postwachstumsbewegung ist das Buch sicherlich ein gelungener Beitrag, um privilegierte soziale Klassen zur Reduzierung ihres Konsumismus in der imperialen Lebensweise zu motivieren. Doch eine echte Klassenposition will Welzer dann leider nicht beziehen – was ihm jedoch manche theoretische Einsicht verbaut und das Buch gegen Ende letztendlich in Kategorien bürgerlicher Moral und Kreisens um die eigene Subjektivität münden lässt. Fairerweise muss ich dazu sagen, dass ich das schon für in Ordnung halte, denn das Überleben eines Herzinfarkts bringt vermutlich durchaus eine milde Altersweisheit mit sich, die vielleicht weniger „radikal“, dafür aber umso mehr „nachhaltig“ zu sein anstrebt.

In Nachruf auf mich selbst, reflektiert ein Boomer – wie der Autor sich auch zurecht selbst bezeichnet – über die nachhaltig zerstörerische Lebensweise seiner Generation und die Katastrophe, in welche seine Enkel und Urenkel hineingeboren werden. Aus meiner Position heraus, stelle ich aber fest, dass das versöhnlerische altersmilde Gequatsche von entschleunigender Weltverbesserung bei mir doch arge Reaktionen auslöst. Und auch wenn Welzer vielleicht nicht mal selbst Auto fährt, repräsentiert er – gewollt oder ungewollt – dennoch eine Generation der vollendeten Verdrängung.

Eine Generation, in welcher Menschen 40 Stunden Arbeitswochen, häufig im male-bread-winner / Hausfrauen-Modell hatten, zwei bis drei Kinder zeugten, Weltreisen entdeckten, von technologischen Innovationen begeistert waren und sich die Durchsetzung des Neoliberalismus noch als Freiheitsgewinn verkaufen liessen und sie mittrugen. Kurz, eine Generation, in der viele Menschen europäischer Mittelschichten ihre psychische Deformation auf luxuriöse Weise kaschieren konnten, sodass die Aussendarstellung makellos aussah. Und ja, sehr viele diese Leute haben gegenwärtig nach wie vor grosse politische Macht inne.

Die gesellschaftlichen Konflikte lassen sich selbstverständlich nicht allein oder gar vorrangig auf Generationenkonflikte reduzieren, zumal Smartphonifizierung, flexible und prekäre Arbeitsbedingungen, Online-Dating und sonstige Selbstinszenierung, die heutige jüngere Generation sicherlich im Durchschnitt nicht vernünftiger werden und holistischer empfinden und denken lässt. Da Welzer diesen Punkt als Wegmarke für Gesellschaftstransformation aufmacht, beziehe ich mich aber die Generationen. Und da empfinde ich tatsächlich vor allem Wut.

Zwar bin ich selbst nicht mehr ganz jung aber es ist die Wut auf die Elterngeneration. Und jetzt mal abgesehen von darin immer auch mitschwingenden persönlichen Konflikten, resultiert sie eigentlich in dem Gedanken, dass es nicht nur eine Verkehrswende weg vom E-Auto braucht. Sondern, dass die vorhandenen Karren, angefangen bei den SUVs schlichtweg abgefackelt werden sollten. Es stimmt, die Rechnung, wie viel CO2 dabei ausgestossen wird, habe ich nicht aufgemacht. Vermutlich wäre es unterm Strich sinnvoller, die Karren zu vergesellschaften und für notwendige Bauarbeiten einzusetzen.

Dennoch möchte ich in diesem Fall meinem Gefühl folgen: Nein, weg mit diesen verlegenen, verlogenen Ausreden und beschissenen „Wir haben es ja damals auch nicht besser gewusst“-Behauptungen. Natürlich wusstet ihr das, ihr alle. Die individuelle Schuldzuweisung hilft da nicht weiter, zumal, wenn man hierbei auch eine Klassenposition bezieht und die Frage aufwirft, wie zerstörerischer Massentourismus, irrsinniger Energieverbrauch, unnötige Plastikwirtschaft, die Leerfischung der Ozeane, die Abholzung der Wälder und so weiter denn tatsächlich implementiert wurden und wem sie vor allem genutzt haben. Dahingehend habe ich kein Bock auf Versöhnung, bescheuertes Herumdrucksen und bürgerlich-dummes schlechtes Gewissen. Auch wenn Welzer dies thematisiert, so wirkt es doch, als wenn er sich das Leben seiner Generation in schönem Licht zurecht schreiben möchte. Als wenn er nun einen altersmilden Ablasshandel eingehen will.

Zur Verantwortung gezogen werden müssen jene, welche den Klassenantagonismus der westlichen Gesellschaften zulasten zerstörter Mitwelt und imperialistischer Ressourcenextraktion, lethargisch gehaltener Proletarier:innen in den Fabriken und migrantischer Arbeitskräfte, durch permanent steigende Wachstumsraten und das damit verbundene vergiftete kapitalistische Warenwunderland übertünchten.

Das Bedürfnis nach Rache ist in diesem Zusammenhang meines Erachtens nach viel verständlicher, als der Volkszorn der meisten immer-schon-gekränkten aggressiven Kleinbürger:innen, die – meist wissentlich – Faschist:innen hinterher laufen bei den Anti-Corona-Massnahmenprotesten. Aber nein, wer über Rachebedürfnis als Ergebnis von reflektierter Erfahrung in der Gegenwartsgesellschaft spricht, diskreditiert sich, ist nicht mehr zulässig für den politischen Diskurs – auch nicht für den linken. Höchstens künstlerisch liesse sich jenes ausdrücken, weswegen der Film „Django Unchained“ von Quentin Tarantino auch so gut und wahr ist.

Im Übrigen entspringt diese Perspektive auch der Erfahrung, dass es eben nicht einfach möglich ist, in einer „freien Gesellschaft“, sich politisch einbringen und Veränderungen anstossen zu können, wie Welzer annimmt. Dies kann mit gutem Grund bestritten werden, ohne, deswegen zu leugnen, dass Herrschaftsordnungen mit bürgerlichen Grundrechten und demokratischen Elementen, sicherlich deutlich bessere Voraussetzungen für eine sozial-revolutionäre Gesellschaftstransformation gewährleisten, als viel stärker repressive und homogenisierende Staaten, wie in Russland, Ungar, Polen, der Türkei usw..

Dementsprechend halte ich auch Welzers Lob des staatlichen Gewaltmonopols mit der an Steven Pinkert anschliessenden Annahme, die Gewalt in der Gesellschaft sei durch dieses kontinuierlich zurückgegangen, für falsch und problematisch. Wenn man die „Kosten“ der Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols (sowohl historisch, als auch alltäglich) in Rechnung stellen würde, gewänne man eine andere Perspektive auf dieses Thema. Und dies gilt auch für das, was in der Absicht des Buches liegt: Eine grundlegende Gesellschaftstransformation, die effektiv durch Polizei, Geheimdienste, Justiz und Militär verhindert wird – ohne sie wäre es schon vor langer Zeit zur Vergesellschaftung von Produktionsmitteln und gegenwärtig schon längst zur Abschaltung von Kohlekraftwerken gekommen.

Welzer ist vor seinem Herzinfarkt mit seiner Weltreichweite offenbar selten überhaupt an Grenzen gestossen. Er hat keine Ahnung, wie es ist, aus einer Position der Minderheit heraus kein Gehör zu finden und marginalisiert zu werden. Er kennt auch nicht jene Grenze, von paranoiden Polizei- und Justizapparaten, die Aktiven in emanzipatorischen sozialen Bewegungen mit Repression überziehen. Das heisst, auch in der Erkenntnis seiner Sterblichkeit, hören wir wieder mal einem weissen selfmade-man zu, anstatt, dass dieser Raum für andere Stimmen gibt.

Nun gut, jetzt meckere ich wieder sehr herum. Vermutlich bin ich einfach nicht in der Generation und der linksliberalen Zielgruppe des Buchs. Sicherlich ist es gut, sich auch den positiven Beispielen für Veränderungen im Kleinen zu widmen, wenn die verbreitete gegenwärtige Lebensweise grösstenteils den Bach herunter geht. Ein sinnvoller Punkt für einen Nachruf (wie Welzer im letzten Kapitel auflistet und erläutert) wäre aber – für fast alle Boomer – gewesen: „Er hat um die Katastrophe eigentlich gewusst – und sie, wie die meisten seiner Generation, dennoch lange Zeit für seine angemasste Weltaneignung und -reichweite verdrängt“. Als auch: „Trotz guter Analyse scheute er sich, radikalere Schlüsse zu ziehen. Wer will es ihm übel nehmen, er hätte sonst seine Reputation verloren.“

Jonathan

Wunderbar: Gesammelte Schrift zum Schwarzen und Indigenen Anarchismus

Lesedauer: 5 Minuten

Direkt nach dem Erscheinen versuchte ich an den vermutlich ersten Sammelband zum schwarzen und indigenen Anarchismus auf deutscher Sprache zu kommen. Leider dauerte es doch eine Weile, bis ich dazu kam, ihn zu lesen.

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Unter mir unbekannten Umständen wurden die Herausgeberin Elany und eine Gefährtin kürzlich in der Schweiz verhaftet.[1] Da es müssig und unsinnig ist, über die Hintergründe zu spekulieren, konzentriere ich mich im Folgenden auf den Eindruck, den ich vom Sammelband gewonnen habe. Die aktuellen Ereignisse sind aber zu erwähnen, da mit ihnen deutlich wird, dass es noch Leute gibt, die leben und tun, wovon sie schreiben. Unabhängig von ihren konkreten inhaltlichen Positionen – die freilich auch mit unseren jeweiligen Positionierungen und Erfahrungen in der herrschaftsförmigen Gesellschaft zu tun haben – ist es dieses Engagement anzuerkennen, wertzuschätzen und inspirierend.

In Schwarze Saat sind ganze 85, meist kurze, Texte aus der Perspektive eines schwarzen und indigenen Anarchismus, deren Autor:innen auch den entsprechenden Hintergrund haben.[2] Dass es sich um ein Buch ohne weisse Europäer:innen handelt ist sehr wichtig, um die Ansprüche auf Selbstbestimmung und eigene Organisierung von rassistisch diskriminierten sozialen Gruppen zu unterstreichen. Kein weisser, europäischer Anarchist sollte je wieder das billige Argument der „Spaltungsbestrebungen“ anbringen, wenn sich People of Color oder auch FLINTA (Frauen, Lesben, Inter-, Nonbinary-, Trans-, Agender-Personen) in eigenen Untergruppen oder auch autonomen Gruppen zusammenschliessen, um aus ihrer spezifischen Perspektive heraus herrschaftsfeindliche Praktiken hervorzubringen. Und dies beinhaltet notwendigerweise immer auch eine Kritik an vorgetragenen anarchistischen Ansprüchen von Genoss:innen. Diese hat nicht immer konstruktiv und solidarisch zu sein. Ankommen wird sie vermutlich dennoch meistens, wenn sie so vorgetragen wird.

Ich bin sehr dankbar für die Herausgabe dieses Sammelbands, von dem ein Grossteil der Beiträge übrigens auch einzeln vorab auf der Seite schwarzerpfeil.de[3] veröffentlicht wurde. Und zwar deswegen, weil mit ihm andere Stimmen festgehalten werden, denen ich selbst zu selten Gehör schenke. So wusste ich beispielsweise bisher nicht, dass der ehemalige Black Panther Aktivist Lorenzo Kom’boa Ervin sich offenbar als einer der ersten Anarchists of Color bezeichnete und seine Schrift Anarchism and the Black Revolution, die 1979 erschien, eine unheimlich weite Verbreitung gefunden hat.[4]

Wenn mir die anarchistische Gewerkschaftsaktivistin Lucy Parsons selbstverständlich bekannt war, so nicht die Gruppe Afrofuturist Abolitionists of the America, deren Erklärung zur Selbstbezeichnung „Anarkata“ (ein angeeignetes Schimpfwort für widerständige, eigenwillige Katzen) sehr inspirierend ist. „Intersektionalität“ und „Identitätspolitik“ ist hierbei kein liberaler Rahmen, innerhalb dessen es für mehr „Diversität“ oder „Sensibilität“ einzutreten gälte, sondern eine klare Kampfansage gegen die multiplen, verwobenen Herrschaftsverhältnisse aus Perspektive der von ihnen Betroffenen.

Dass der ungeheure Reichtum der europäischen Post-Kolonialstaaten auf Sklavenarbeit beruht; dass die Kolonialisierung der Amerikas die brutale Unterdrückung der Native People voraussetzte; dass die weisse Arbeiter:innenklasse gegen die schwarze und indigene Bevölkerung ausgespielt wurde und wird, um erstere durch propagierten Rassismus in die Herrschaftsordnung zu integrieren; ja, dass die Entwicklung einer angeblich überlegenen, „weissen Rasse“, erst selbst als ein Produkt dieser krankhaft-zivilisatorischen Unterwerfung ist – dies und anderes war mir auch vorher bekannt. Kapitalistische Ausbeutung in der Klassengesellschaft, staatliche Unterwerfung und Unterdrückung, nationalistische Eingliederung, Naturbeherrschung, patriarchale Dominanz und weisse Vorherrschaft, sind zweifellos miteinander verwobene Herrschaftsverhältnisse von denen wir alle – aber eben alle auch unterschiedlich – betroffen sind.

Wer davor die Augen verschliesst, muss anfangen, Mythen und Rechtfertigungsmuster zu stricken, um sich erklären zu können, warum Menschen irgendeiner Gestalt und Seinsweise, eine unterschiedliche Wertigkeit und Würde zugeschrieben wird – die sich dementsprechend auch materialisiert findet. Die Geschichte zu kennen, ist eine entscheidende Voraussetzung, um in sie eingreifen zu können. Etwas anderes ist es dennoch, Geschichten von Menschen zu hören, die sich der Herrschaftsordnung und ihrer konkreten Auswirkungen widersetzen und gegen sie rebellieren.

Dies führt auch zur schwierigen und prinzipiell nicht abschliessbaren Definition von Schwarzem Anarchismus. Verstanden werden können darunter alle Gruppen von schwarzen anarchistischen Radikalen, seien sie Anarchist:innen in Afrika, schwarze Anarchist:innen oder Autonome in den USA, die antiautoritäre Strömung, die aus den Black Panthers hervorging, die Nachkommen geflohener Sklaven in Brasilien, den Quilombo, sowie die Maroon-Gemeinschaften, beispielsweise auf Jamaika, oder schliesslich die queeren Anarkatas. So herausfordernd die Zusammenkunft von Menschen aus verschiedenen Hintergründen auch sein kann, so viel Potenzial beinhaltet ein heterogenes und unabgeschlossenes Kollektivsubjekt wie der schwarze Anarchismus aber auch.

Zwar gab es hierbei auch die Wiederentdeckung bekannter europäischer Anarchisten. Der Ex-Panther Ashanti Alston schreibt beispielsweise davon, im Knast mit Bakunin, Kropoktin und im Briefverkehr mit anderen anarchistischen Denker:innen Kontakt gekommen zu sein. Zugleich ist sehr verständlich, dass diese nur bedingt etwas zu sagen haben für die Situation und den Erfahrungshintergrund, in dem sich beispielsweise militante schwarze Anarchist:innen in den USA der 70er Jahre befanden. Darüber hinaus inspirierend wurde deswegen die Wiederentdeckung und Wiederaneignung der zu weiten Teilen verschütteten afrikanischen Geschichte, in der lange Zeit in vielen Gebieten egalitäre Gesellschaftsformen bestanden. Weit entfernt davon, diese zu idealisieren, verweisen sie dennoch auf die Möglichkeiten, andere Formen des Zusammenlebens schaffen zu können, als wiederum auch darauf, dass die nationalstaatlich-kapitalistische Herrschaftsordnung ganz wesentlich von Europäer:innen aufgezwungen wurde.

Die Auseinandersetzung mit dem Konzept der „Nation“ spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Denn der phasenweise stark gemachte „schwarze Nationalismus“ ist anders zu bewerten als jener, welcher mit dem Nationalstaat verbunden ist. Unter ersterem konnte sich ein unterdrücktes und in sich heterogenes Subjekt versammeln, um gemeinsam aufzustehen, widerständig zu sein und sich selbst zu organisieren. Davon zu unterscheiden und in vielerlei Hinsicht problematisch ist die von Schwarzen gebildete „Nation of Islam“ – deren Existenz aber unter anderem den Anstoss gab, das Konzept einer (auch als Gemeinschaft verstandenen) Nation zu hinterfragen. Anti-Nationalismus und andere Themen sind allerdings nichts, was weisse Anarchist:innen (vor allem wenn sie einen bürgerlichen Hintergrund haben) anderen erklären müssten, sondern von den jeweiligen Positionen ausgehend entdeckt werden kann.

Vor allem die Autor:innen Aragorn!, zig und Elany selbst schreiben aus einer dezidiert zivilisationsfeindlichen, technologiekritischen und „insurrektionistischen“ Perspektive. Darin haben sie meines Erachtens nach einige Argumente. Denn technologische Entwicklungen werden die ökologische Zerstörung, welche das Kapital unweigerlich hervorbringt und seine Verwertungsschwierigkeiten, mit welchen Arbeiter:innen immer weitere Krisenerscheinungen aushalten müssen, keineswegs abmildern, noch aufhalten. Führen wir uns vor Augen, wie stark im Anthropozän Menschen die lebendige Mitwelt dezimiert und durch eine tote Technosphäre ersetzt haben[5], ergibt sich meiner Ansicht nach von selbst, dass es zu einem umfassenden Bruch mit der bestehenden Gesellschaftsordnung kommen muss.

Abgesehen davon, dass der Nihilismus mehr philosophische Gedankenspielerei ist und Weltschmerz ausdrückt, als brauchbares emanzipatorisches Potenzial aufzuweisen, sind allerdings einige Schlussfolgerungen zu problematisieren, welche in dieser Strömung – noch mal beschleunigt durch die Pandemie – bisweilen gezogen werden.[6] Dies ist aber eine andere Geschichte und ergibt sich nicht aus dem schwarzen und indigenen Anarchismus per se. Eine offene Debatte um Fragen nach der Rolle von Zivilisation, Technologie, Individualismus, europäischer Rationalität im Gefüge der bestehenden Herrschaftsordnung bleibt weiter zu führen.

In jedem Fall hilft die Textsammlung in Schwarze Saat, das Selbstverständnis von Anarchist:innen im deutschsprachigen Raum zu hinterfragen und damit zu erweitern.

Jonathan

Elany (Hrsg.): Schwarze Saat. Gesammelte Schrift zum Schwarzen und Indigien Anarchismus. Selbstverlag, 2021.

[1] https://de.indymedia.org/node/168757

[2] Ohne ISBN, u.a. erhältlich bei Black Mosquito: https://black-mosquito.org/de/schwarze-saat-gesammelte-schriften-zum-schwarzen-und-indigenen-anarchismus.html

[3] https://schwarzerpfeil.de/author/elany/

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Lorenzo_Kom%E2%80%99boa_Ervin

[5] siehe auch: https://www.untergrund-blättle.ch/buchrezensionen/sachliteratur/jedediah-purdy-die-welt-und-wir-politik-im-anthropozaen-6597.html

[6] https://barrikade.info/article/4951

Versagten die Linken im Ausnahmezustand?

Lesedauer: 7 Minuten

Vor kurzem wurde die Herausgeberin des Sammelbandes „Schwarze Saat. Gesammelte Schriften zum Schwarzen und Indigenen Anarchismus“, Elany, unter mir unbekannten Umständen und Hintergründen in der Schweiz verhaftet.[0] Spekulationen darüber verbieten sich. Umso mehr weise ich darauf hin, dass der folgende Text sich auf eine (kontroverse) inhaltliche Debatte bezieht und nicht auf die Praxis verschiedener Personen.

zuerst veröffentlicht auf: barrikade.info

Wie verlautbart wurde[1], wird die anarchistische Homepage schwarzer.pfeil.de demnächst stillgelegt werden. Die Gründe dafür sind bedauerlich. Trotzdem nahm seit 2019 die inhaltliche Ausrichtung in den Beiträgen auf der Seite eine ziemlich einseitige Wendung, nachdem der vermeintliche „Einheitsquatsch“ beendet wurde. Sprich, entgegen dem Anliegen, eine realistische und genossenschaftliche Abbildung unterschiedlicher aktiver Anarchist*innen darzustellen, wie es in der Gai Dao zehn Jahre lang mehr schlecht als recht versucht wurde, entschieden sich die Betreibenden wieder einmal für die Eindimensionalität.

Diese finden wir meines Erachtens auch beim Text der Autorin Elany vom 25.11.2021 [2], auf den ich mich im Folgenden beziehen möchte. Paradoxerweise wird mit ihm zugleich darauf abgezielt, den Blick und die Diskussion, über die dominierenden Positionen einer verängstigen, relativ saturierten und akademisierten Linken zu weiten. Elany und ich denken offensichtlich auf verschiedenen Ebenen, von unterschiedlichen Positionen aus und mit divergierenden Erfahrungen im Hintergrund. Dennoch finde ich es legitim und sinnvoll, dazu etwas zu schreiben, wenn sich die Argumentation am Gegenstand orientiert. Es geht damit also um die Sache, nicht um irgendwelche realen oder vermeintlichen Grabenkämpfe oder persönliche Differenzen. In gewisser Hinsicht ist dieser Text auch parallel zu jenem von Julian Freitag mit dem Titel Hinnehmen oder durchdrehen? – Linke Konfusion in der Spätpandemie vom 27.11.2021 [3] zu sehen, auch wenn er aus einem anderen Lager kommt und eine graduell andere Stoßrichtung aufweist.

Die Impfpflicht ist zu Unrecht der Aufhänger für den Widerwillen

Obwohl im Text Das Versagen der Linken im Ausnahmezustand von Elany viele wichtige Punkte aufgemacht werden, wird mit der scheinbar klaren Perspektive, die Tatsache umgangen, dass die gleichermaßen dogmatisch und romantisch einseitige Darstellung, gerade eine Folge komplexer gesellschaftlicher Verhältnisse und Bedingungen, als auch plural aufgestellter emanzipatorischer Akteur*innen ist. Statt tatsächlich eigene Inhalte zu generieren, wird sich nicht davor gescheut, Menschen in „richtige“ und „falsche“ Anarchist*innen einzuteilen und Gemeinplätze vorzutragen. Womit ich nicht sagen will, dass es eine anarchistische Haltung sein könnte, explizit für eine Impfpflicht einzutreten, denn das ist meiner Ansicht nach nicht.

Sich an diesem Thema besonders aufzuhängen, ist es aber ebenfalls nicht, denn es gibt medizinisch gute Gründe für Impfungen sowie sehr viele weitere Themen, in denen wir in unserem Verhalten und Handlungsmustern, in kapitalistische Konzerninteressen oder staatliche Regierungspraktiken, verstrickt sind. Deswegen ist es eine andere Frage, inwiefern „skeptische“ Personen überzeugt werden können, sich impfen zu lassen. Die Impfpflicht stellt dahingehend keine „Grenze“ dar, die um keinen Preis überschritten werden dürfte. Vielmehr wurde diese schon längst überschritten und wird die Selbstbestimmung vieler Menschen täglich massenhaft verletzt – lange bevor verschwörungsmythologisch wirre Leute mit rechtspopulistischer Hetze dazu angestachelt wurden, nun (erneut) ihren Volkszorn zu artikulieren.

Im Vorwurf wird die Bezugnahme auf potenziell Gemeinsames deutlich

Zu dieser Kategorie zählt Elanys Beitrag von Ende November 2021 nicht. Vielmehr versucht die Autorin in ihm, einen Ansatzpunkt für eine anarchistische Positionierung in der gegenwärtigen Situation zu erarbeiten, was sich verständlicherweise als äußerst schwieriges Unterfangen erweist. Denn es gibt den linken Anti-Reflex gegen die reaktionäre Querdenker-Bewegung, als auch den damit verbundenen Konformismus, die Zaghaftigkeit und Staatsgläubigkeit einerseits, als auch die Wahnhaftigkeit andererseits, die offenkundig wieder einmal faschistischen Akteur*innen in die Hände gespielt hat. Nicht jenen, die bei den Querdenker-Spaziergängen mitlaufen, sollten Anarchist*innen zuhören. Aber vielen anderen, die dies nicht tun und dennoch unter den Auswirkungen des pandemischen Ausnahmezustands und aufgrund der Gesellschaftsformation, die ihn hervorbringt und nötig hat, massiv leiden.

Dahingehend bleibt mir unklar, was Elany ausdrücken will, das über ein Auskotzen am Stammtisch hinaus geht. Mit Selbstvergewisserungen wie: „In offener Feindschaft mit jeglicher Autorität und den Menschen, die sie brauchen“ wird dies verschleiert. Denn wenn sie den Autoritarismus, die falsche Hoffnung auf schnelle, technische Lösungen und den Anti-Reflex von Linken kritisiert, warum – so wäre einzuwenden – kritisiert sie dann überhaupt das „Versagen“ oder gar das „Totalversagen“ „der Linken“ im pandemischen Ausnahmezustand?

Viel naheliegender und überzeugender wäre es, sie würde die Logik herausarbeiten, nach welcher die von ihr adressierten Linken den als problematisch kritisierten Verhaltensweisen verfallen. Plausibler wäre es, festzuhalten, dass viele Linke sich mit ihrem politischen Denken und Handeln ganz wesentlich auf den Staat beziehen. Warum sie also moralisch dafür kritisieren, dass sie es tun? Wäre es nicht sinnvoller, ihre verständliche Angst zu thematisieren und die Frage anzuregen, wie wir jeweils und gemeinsam mit unseren Ängsten umgehen können, anstatt auf verkürzte und staatlich vermittelte Lösungsangebote hereinzufallen? Wäre es wichtig, die Debatte nicht darum zu führen, ob es Proteste gegenüber reaktionären Tendenzen und Bewegungen geben sollte, sondern wie diese ausgestaltet werden müssten, um zugleich eine klare emanzipatorische Positionierung zu entwickeln und zu verbreiten? Weil Elany derartige Fragen nicht stellt, ist ihr Denken zumindest nicht als radikal anzusehen.

Die Komplexität der Konstellation anerkennen

Bedauerlich greift die Argumentation im Text meiner Ansicht nach nur teilweise, weil mit ihr die zu kritisierende „Linke“ als Strohpuppe aufgebaut wird. Dass mensch sie danach unterscheiden oder beurteilen könnte, ob sie sich „auf Seite der Autorität gestellt haben“ oder nicht, scheint mir kein hinreichendes Kriterium zu sein – auch wenn ich mich persönlich mit Staatsfetischist*innen nicht mehr abgebe, wofür ich allerdings keine Kategorie der „Feindschaft“ brauche, sondern eine Haltung und Position.

Unter anderem wird verkannt, dass absurde Kampagnen wie „Zero Covid“ unter ganz
verschiedenen linken Aktiven umstritten sind – trotz des kurzweiligen Hypes, den sie erfahren haben. Ich selbst habe die Kampagne von Anfang abgelehnt und nicht erst letzten Jahres irgendwann. Doch auch der Punkt der staatlichen Repression ist kontroverser. Immerhin gab es zahlreiche Linke, welche die offensichtliche Unsinnigkeit dieser autoritären Maßnahmen in Hinblick auf die Pandemiebekämpfung kritisierten und dabei auch feststellten, dass die staatliche Narrative und die Erneuerung staatlicher Souveränität durchaus genutzt werden können, um die Befugnisse des Polizeistaates auszuweiten.[4]

Schließlich wollen auch nicht alle Linken „Bullen“ spielen, weil sie bestimmte Maßnahmen akzeptieren oder in ihrem Umfeld einfordern. Klar kann es sein, dass dahinter die zuvor verdeckte Staatsverblödung und ein Autoritarismus steht. Vielleicht ist es aber auch der Fall, dass die entsprechenden Personen aus nachvollziehbaren Gründen ein hohes Sicherheitsbedürfnis sich selbst oder anderen gegenüber haben. Abgesehen davon, dass es absolute Sicherheit nie geben kann und sollte, ist dies berechtigt. Die Gründe sind individuell also sehr unterschiedlich gelagert. Menschen fangen dann an, individuell Bullen zu spielen, wenn keine kollektiv und partizipativ ausgehandelten Regeln für Gruppen und Räume vereinbart werden.

Was den „Impfnationalismus“ angeht – sprich der global ungleichen Verteilung und Verfügbarkeit von Impfstoffen nach ökonomischer und politischer Macht der jeweiligen Nationalstaaten -: Jenen, die in der Pandemie meinen „Viel hilft viel“, ist entgegen zu halten, wie strukturell ungerecht die Verfügung über Gesundheitsgüter geschieht. Diese Erkenntnis stammt nur nicht von der Autorin, sondern von entwicklungspolitischen Gruppierungen, die sich wohl weniger selbst als „anarchistisch“ verstehen würden oder zu verstehen brauchen.[5] Übrigens wurde die Kritik am „Impfnationalismus“ bis weit in die bürgerlichen Medien oder von Sozialdemokrat*innen aufgegriffen.[6] Abgesehen davon lässt sich daraus umgekehrt nicht ableiten, dass eine ungleiche globale Verteilung zu einem Verzicht auf das „Impf-Privileg“ anregen sollte – denn dadurch gelangt der Impfstoff ebenso wenig in benachteiligte Länder, noch wird die Pandemie dort effektiv zurückgedrängt, wo dies ansatzweise möglich ist.

Kein linkes Kollektivsubjekt braucht moralisch verurteilt zu werden

Wenn vom „Versagen“ der Linken gesprochen wird, bedeutet dies in moralischen Kategorien zu denken. Ähnlich wie beim Vorwurf des „Verrates“ greift diese Behauptung aber nur dann, wenn zuvor ein bestimmter Anspruch vorgetragen wurde, der nicht erfüllt werden konnte, oder, wenn eine Vereinbarung getroffen wurde, die nicht eingehalten wurde. Damit wird allerdings eine Unterstellung aufgemacht, die spätestens an dieser Stelle deutlich werden lässt, dass es so etwas wie „die“ Linken gar nicht gibt. Wer sich zum Staat bekennt oder welche Maßnahmen fordert oder mitträgt ist dabei – bei aller Feindschaft! – kein ausreichenden Kriterium, um Menschen einzusortieren. Vielmehr haben wir es mit einem multiplen, verzweigten und fluiden Netzwerk sehr unterschiedlicher Akteur*innen zu tun. An dieses gilt es keine Erwartungen oder gar Forderungen zu stellen, sondern mit der jeweiligen Gruppe und Strömung das eigene Umfeld zu organisieren, davon ausgehend Aktivitäten hervorzubringen und diese in den Vordergrund zu stellen. Auf dieser Basis kann mensch dann auch sinnvoll kritisieren, vorschlagen, vorleben.

Wer von bestimmten linken Gruppen oder Menschen – möglicherweise zu recht – enttäuscht ist, geht von einem Versprechen aus, welches gebrochen wurde. Durch die Kritik an verschiedenen Akteur*innen und beobachtetem Verhalten, soll also eine Abgrenzung vorgenommen werden, welche gerade damit die Bezogenheit der Autorin auf eine potenziell gemeinsame autonome Bewegung verdeutlicht. In diesem Zusammenhang wünsche ich Elany, dass ihre eigenen Aktivitäten nicht in den selben moralischen Kategorien und leistungsorientierten Maßstäben gemessen werden, welche sie anwendet.

Ein konsequenter Bruch mit den kritisierten Linken ist an selbstorganisierten, nach Autonomie strebenden Alternativen festzumachen

Schließlich zeigt sich, dass der verbal-radikal vorgetragene konsequente Bruch mit „der Linken“[7] gar nicht vollzogen und noch gar keine Position bezogen wurde, die einen eigenen Inhalt aufweist. Jene gälte es jedoch zu entwickeln und Handlungsanregungen für Anarchist*innen und mit ihnen sympathisierende Personen vorzuschlagen. Dies bedeutet, über die bloße Kritik, die reine Negation oder die Destruktion/Destitution hinaus zu gelangen und für die Organisierung eines konstruktiven, sozial-revolutionären Projektes einzutreten. Es wäre auch die Grundlage dafür, einen gemeinsamen Nenner zu suchen.

Geschieht dies nicht, verbleibt jede Kritik an linken Akteur*innen im pandemischen Ausnahmezustand im Grunde genommen in den gleichen Reflexen und Glaubenssätzen, wie sie den Kontrahent*innen und potenziellen Genoss*innen vorgeworfen werden. Statt von mehr oder weniger subjektiven Eindrücken und privaten „Meinungen“ auszugehen, sind Prozesse der gemeinsamen Bewusstseinsbildung und Wahrheitsfindung anzustreben, die zur Stärkung eines heterogenen Bündnisses sozial-revolutionärer und emanzipatorischer Akteur*innen dienen. Es sollte darum gehen, was wir – in und mit unseren Differenzen – gemeinsam mit vielen unterschiedlichen Menschen potenziell verwirklichen und erreichen können, statt um die Aufrechterhaltung von „reinen“ Identitäten und Dogmen. Dies ist meiner Ansicht nach anarchistisch.

Ich stimme Elany allerdings darin zu, dass die Auswirkungen der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung so gut wie ganz ignoriert werden und dies insbesondere, was besonders verletzbare soziale Gruppen angeht. Das betrifft auch die von Elany angesprochene psychische Verletzbarkeit.[8] Das sollte auch skandalisiert werden, um aufzuzeigen, wie arg staatliche Politik und Linke, die sie stützen ihren eigenen Behauptungen entsprechend versagen. Die politische Klasse ist daher auch nicht im Stande zu begreifen, warum Personen in die Schwurbelei, das Reichsbürgertum, die Esoterik usw. abdriften. Denn dies ist die Kehrseite ihrer entmenschlichenden technokratischen Regierungspraktiken.

Jens Störfried

[0] https://de.indymedia.org/node/168757

[1] https://schwarzerpfeil.de/2021/12/31/alles-hat-ein-ende/

[2] https://schwarzerpfeil.de/2021/11/25/das-versagen-der-linken-im-ausnahmezustand/

[3] https://barrikade.info/article/4881

[4] https://www.tag24.de/leipzig/protest-gegen-ausgangssperre-spontan-demo-am-lene-voigt-park-1944108

[5] Gastkommentar vom 31.01.2021
https://www.wienerzeitung.at/meinung/gastkommentare/2090314-Impfnationalismus-waere-bei-Corona-fahrlaessig.html

[6] Statement der europäischen Sozialdemokraten vom 10.02.2021: https://www.socialistsanddemocrats.eu/de/newsroom/sd-fraktion-wir-sagen-nein-zum-impfnationalismus-die-impfung-muss-der-eu-und-weltweit

[7] https://maschinenstuermerdistro.noblogs.org/post/2020/07/20/mit-der-linken-brechen/

[8] https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/130751/Lauterbach-Coronakurs-nicht-ursaechlich-fuer-mehr-psychische-Stoerungen

Eine Reflexion über den pandemischen Ausnahmezustand

Lesedauer: 6 Minuten

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Eigentlich hatte ich beschlossen, nichts mehr zur Pandemie, ihrer technokratischen Bearbeitung im staatlichen Hygieneregime, verschwörungsideologisch durchseuchten, rechtspopulistischen Protesten und dergleichen zu schreiben.

Es standen einfach zu viele andere Dinge an: Und darunter zählte definitiv auch, die Kraft zu finden, unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Umständen klar zu kommen und weiter zu machen. In meinem Text Was bedeuten soziale Freiheit und Solidarität in Zeiten des pandemischen Ausnahmezustandes?[1] habe ich vor bald zwei Jahren recht früh einen Gedankenanstoss aus anarchistischer Perspektive formuliert. Darin wurden vor allem die Kriegsrhetorik kritisiert, sowie die autoritären Potenziale des Hygieneregimes und der sich abzeichnende, von Angst getriebene und reflexhafte Konformismus der Linken thematisiert.

Schon damals hatte ich versucht eine Brücke zu schlagen zwischen einerseits einem reflexhaften Anti-Autoritarismus, verbunden mit einer wichtigen Kritik an Technokratie und Unterwürfigkeit, die bei einigen Anarchist:innen zu finden war und andererseits jenen Ansätzen, in denen die Potenziale von Selbstorgansiationsprozessen in der Krise betont wurden, ohne deswegen die Situation schön zu reden oder die Gefährlichkeit der Krise auf zynische Weise herab zu spielen.[2]

Das Aufbrechen der linken Schockstarre

Wie sich herausstellen sollte, begaben sich viele Linke in Geiselhaft der Regierungspolitik, was grundsätzlich keine Überraschung ist. Schockiert hatte mich dennoch die Schnelligkeit, mit welcher dies geschah – dass da so wenig Kritik, Abwehr, wenigstens Skepsis, vorgetragen wurde, gegenüber den oktroyierten Massnahmenpaketen. Das Rad drehte sich weiter und im Zuge der offenkundigen Fehleinschätzung der Wirkungsweise einiger Massnahme, sowie ihrer andauernden Nachregulierung, kamen aus dem weiten Spektrum der gesellschaftlichen Linken kritische Beiträge. Es wurden auch einige gute Aktionen hervorgebracht.

Bekanntermassen bezogen diese sich insbesondere auf die Situation von Geflüchteten („Leave no one behind“), die Arbeitsbedingungen im Gesundheits- und Pflegesystem und seine Kapitalverwertungsimperative. Später wurde dann der sogenannte „Impfnationalismus“ und die in der Krise gewachsenen Profite von Superreichen (sowie einiger Politiker:innen mit ihren Maskendeals) kritisiert. Hierin fanden sich einige gute Momente. Ausserdem handelte es sich auch um Versuche, aus der Schock-Situation, in welchen sich die Rahmenbedingungen des Handelns schlagartig geändert hatten und die gesellschaftlich-politische Konstellation völlig unübersichtlich geworden war, herauszukommen. Darunter zählte auch die eine oder andere autonome Spontandemonstration, etwa den Irrsinn der Ausgangssperre.

Allerdings blobbten leider bald auch solche hahnebüchenen Initiativen wie „ZeroCovid“ auf, die nicht nur das Wesen der Pandemie verkannten, sondern sich ungeachtet ihrer prominenten Unterstützung, fern ab der Wirklichkeit bewegten. Mit ihrem moralistischen Gehabe stellten lediglich das Kehrseite der eigenen Positionslosigkeit und Verzweiflung an der Lage dar. Emanzipatorische soziale Bewegungen, werden sich erst dann echte Macht aneignen können, wenn sie mit den Illusionen einer abgehobenen Akademiker:innen-Linken und anderen Pseudo-Avantgarden brechen und stattdessen konsequent auf Selbstorganisation setzen und nach Autonomie streben.

Leider gelang es meiner Wahrnehmung nach nur sehr wenig, die erwähnten sinnvollen Ansatzpunkte, mit den Gegenprotesten und -aktionen gegen die sogenannte Querdenker-Bewegung zu verbinden, die bekannterweise schon wenige Monate nach ihrer Entstehung vollkommen von organisierten Faschisten, AfD-Politiker:innen, Reichsbürger:innen und Rechts-Esoteriker:innen durchsetzt war. Ebenfalls stimmt es, dass die Querfront zu einem geringeren Teil von links gesucht wurde, durch Leute wie Anselm Lenz oder krypto-leninistischen Gruppierungen wie die „Freie Linke“.

Warum in den deutschsprachigen Länder etwa im Unterschied zu den mediterranen Ländern, der anti-moderne Irrationalismus besonders ausgebreitet ist, darüber könnten verschiedene Thesen aufgestellt werden, bleibt aber noch weiter zu klären. Ich persönlich glaube, dass dies mit einem weiter verbreiteten Gemeinschaftssinn zu tun hat, der kulturell und durch andere Krisenerfahrungen gewachsen ist, den es aber nicht zu romantisieren gilt.

Vielleicht haben die Anhänger der „konservativen Revolution“ recht mit ihrer These eines dekadenten Zivilisationsverfalls – nur, dass sich dieser keineswegs an der Verbreitung liberaler Diskursen und selbstbestimmter Lebensweisen, sondern an der Zuspitzung der materiellen, sozialen und politischen Ungleichheit sowie der Wahnhaftigkeit der Privateigentumsfetischist:innen festmachen lässt.

Die Zerrissenheit emanzipatorischer sozialer Bewegungen und die Notwendigkeit einer umfassenden Systemkritik

Wie auch immer: Akteur:innen in emanzipatorischen sozialen Bewegungen fanden sich zerrissen zwischen, erstens, dem Gegenprotest gegen eine erschreckend starke reaktionäre Bewegung mit ungeheurerer Dynamik, die den Volkszorn effektiv mobilisieren konnte (und kann), zweitens, den zaghaften und oftmals realitätsfernen linken Forderungen an die Regierungen, und drittens, den Versuchen wieder selbst unter veränderten Bedingungen in Bewegung zu kommen und nach der schockierten Pause die eigene Agenda weiter zu verfolgen. Platz für viertens blieb dagegen bislang so gut wie kaum: Kritik und Gegenwehr gegen die Transformation der bestehenden Gesellschaftsformation, die durch die Pandemie in einer neuen Phase durchsetzbar erschien.

Der italienische Philosophie Giorgio Agamben wurde viel für seine Kritik der Biopolitik und seine Statements in der „Corona-Krise“ kritisiert. Inwiefern dies im Detail berechtigt ist, kann ich nicht beurteilen. Dennoch teile ich die Kritik am Ausbau der neoliberalen Technokratie, der Veränderung des Verhältnisses von Herrschenden und Beherrschten in Hinblick auf eine weitere Verinnerlichung herrschaftlicher Imperative, sowie die post-demokratische Erosion gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Deswegen spreche ich auch von einem „Hygiene-Regime“, dass spezifische Veränderungen, Herrschaftstechnologien und Subjektivierungen ermöglicht. Daraus aber umgekehrt eine Ablehnung des Impfens zu folgern, wäre ein verkürzter Fehlschluss, der sich nicht an medizinischen Erkenntnissen orientiert, welche ich zu schätzen weiss.

Wer heute von umfassender Gesellschaftsveränderungen spricht, setzt sich schnell dem Verdacht aus, in der „grossen Transformation“ einen geheimen Plan der Eliten zu sehen – einem grundlegenden Element antisemitischer und rassistischer Verschwörungsideologie, analog zur angeblichen „Umvolkung“, dem „Gender-Gaga“ oder „Klima-Hype“, die Rechtspopulist:innen aller Orten von einem linksliberalen Establishment durchgesetzt sehen.

Wenn aber der anti-emanzipatorisch Rechtspopulismus zurückgekämpft werden soll, der sich Verschwörungsmythen, Rassismus und Strassengewalt bedient, muss verstanden werden, welche Punkte dieser aufmacht, die ihm derartigen Zulauf gewähren. Dies hat auch mit technischen Möglichkeiten zu tun, etwa der massenweisen, instrumentellen Nutzung der sozialen Medien, sowie der quasi-faschistischen Emotionalisierung von Politik, mit welcher Ängste von Menschen nicht nur angesprochen, sondern auch geschürt werden. Daraus hervor hervorgehender Zorn wird dann auf Sündenböcke gelenkt, die in Anderen, Fremden und dem politischen Gegnern ausgemacht werden. Damit wird auch das konservativ-reaktionäre Märchenbild einer vermeintlich besseren, vergangenen, organischen, hierarchischen Ordnung gezeichnet, die es wieder zu erlangen gälte.

Umbau des technokratischen Herrschaftsarrangements

Und dennoch geschieht der Gesellschaftsumbau vor unseren Augen. Der kapitalistische Staat und die mit ihm verbundenen herrschenden und verwaltenden Klassen, sind angesichts der umfassenden Folgen von Klimawandel, Migrationsströme, sozialen Verwerfungen, Verfall der öffentlichen Infrastrukturen, der Kapitalverwertungsschwierigkeiten durch Automatisierung, der Begrenztheit gewisser Ressourcen, der Veränderung der Machtverhältnisse im internationalen Staatensystem, neuen kriegerischen Bedrohungen und im besten Fall auch durch die sich ausweitende Gegenmacht von emanzipatorischen sozialen Bewegungen, gezwungen, systemische Veränderungen vorzunehmen. Wie stets und je nach dem, wie die Auseinandersetzungen darüber geführt werden und sich entwickeln, wird dies repressive, subjektivierende, reformerische und technologische Folgen nach sich ziehen.

Erstere vollzieht sich im Ausbau des Überwachungssystems, als auch der Ausweitung polizeilicher Kompetenzen und des Gefängnissystems. Die subjektivierenden Effekte finden sich in suggestiver Verhaltenskontrolle und neuem bürgerlichen Moralismus, wie auch der Individualisierung von Verantwortlichkeiten. Als Reformprojekt fällt der „grüne“ Kapitalismus ins Auge, welcher in Form des „Green New Deal“ auch offensiv von linken Parteien wie Diem25 in der Hoffnung gefordert wird, damit Spielräume für sozialistische Anliegen zu eröffnen – die selbstredend alle über den Staat vermittelt gedacht werden.

Was die Technologisierung angeht, war und ist nie die Nutzung von Werkzeugen selbst das Problem, sondern jene schlichtweg ein ko-evolutionärer Bestandteil menschlicher Entwicklung. Dennoch ist in Technologie ein Herrschaftscharakter eingeschrieben, den es nicht zu vernachlässigen gilt. Es kommt hierbei zu einer „Smartphonizierung der Macht“, wie in einem insurrektionalistischen Sammelband von 2018 zurecht festgestellt wird. Und dies gilt insbesondere bei einem neuen Schub für das technokratische Regieren, wie wir ihn derzeit erleben. Denn die technische Handhabung von Regierungsinstrumenten durch Politiker:innen geschieht in Übereinstimmung mit der Kontrolle über die von fast allen genutzten Technologien durch Tech-Unternehmen.

Digitalisierung wird nicht nur als Allheilmittel gepriesen, sondern – viel problematischer – nimmt das mehr oder weniger liberale Bürgertum seine Selbstentmündigung vor – damit aber zugleich jene aller anderen Bürger:innen. Die eigentlich offenen Fragen zum Nutzen, dem Klassencharakter, dem Besitz, der Notwendigkeit und der konkreten Ausgestaltung von technologischen Innovationen und ihrer massenweisen Implementierung, werden schlichtweg der Vorstellung geopfert, diese Entwicklungen seien unausweichlich und könnten deswegen auch der gesellschaftlichen Verhandlung darüber entzogen werden.

Zu den Grenzen der Regierbarkeit vordringen

Dass es vernünftigerweise Grenzen geben könnte und sollte, was technologischen „Fortschritt“ und seine rücksichtslose, warenförmige Verbreitung angeht, wird damit weggewischt. Es muss keinen Gott geben, um sagen zu können, dass Leben – auch nicht-menschliches – als heilig angesehen werden sollte, dass es ein pluriversales Recht auf Selbstbestimmung und Selbstentfaltung geben sollte. Es braucht keine Religion, um darauf aufmerksam zu machen, dass wir eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform nur erkämpfen können, wenn Menschen holistische Weltbeziehungen und auch neue Formen materialistischer Spiritualität entwickeln. Denn eine Bearbeitung unseres Entfremdungszustandes ist kein Luxusgut für Privilegierte und auch kein Ergebnis sozial-revolutionärer Kämpfe, sondern ebenso Ausgangsbedingung dafür, diese motiviert und emanzipatorisch führen zu können.

Sozial-revolutionäres Agieren ist überhaupt das Stichwort, mit welchem es sich in diesem Zusammenhang weiter zu beschäftigen gilt. Denn es beinhaltet – nicht im Detail, aber in der Herangehensweise – das, bei der obigen Schilderung von im weiteren Sinne links-emanzipatorischen Umgangsweisen mit den Pandemie fehlt. Anarchist:innen machen hier Unterschiede und verweisen auf andere Handlungsmöglichkeiten, eine umfassendere Kritik und einen konkret-utopische Vision, von denen sich Linke, auf die ich mich hier beziehe, etwas abschauen können.

Die Frage lautet eben nicht, ob wir im pandemischen Ausnahmezustand unseren Fokus auf die Bekämpfung reaktionärer Bewegungen, den zaghaften Kritik an Regierungspolitik oder dem Wiederaufleben eigener Kampagnen legen sollten. Vielmehr gilt es in allen drei Hinsichten sozial-revolutionäre Perspektiven herauszuarbeiten, die sich wie erwähnt aber nur dadurch entwickeln lassen, wenn die funktionale Veränderung des herrschenden Arrangements unter pandemischen Bedingungen mitgedacht, rekonstruiert und sabotiert wird.

Wenn Anarchist:innen dies verstehen würden, könnten sie ihr eigenes Potenzial entfalten, ihre Perspektiven verbreiten, aus der Szene heraustreten und inspirierend und motivierend wirken. Damit könnte auch die Angst des reaktionären Lagers aufgegriffen werden, deren verschwörungsmythologisches Zerrbild einer „grossen Transformation“ ja eine Wahrheit enthält: Nämlich, das die soziale Revolutionierung der Gesamtgesellschaft, in einem libertär-sozialistischen Sinne, auf lange Sicht keineswegs so abwegig und unmöglich erscheint, wie wir zu glauben gewohnt sind.

Jonathan

Fussnoten:

[1] https://www.untergrund-blättle.ch/gesellschaft/coronavirus-soziale-freiheit-solidaritaet-2214.html

[2] https://www.untergrund-blättle.ch/buchrezensionen/sachliteratur/marina-sitrin-colectiva-sembrar-pandemic-solidarity-mutual-aid-during-the-covid-19-crisis-6252.html