Zur Kritik der ultra-orthodoxen Apologetik (Teil 2)

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Jens Kastner wies mich darauf hin, dass ich in meiner Arbeit über den anarchistischen Politikbegriff, eine meist unverstandene Leerstelle behandle, die auch Wolfgang Harich gesehen, aber nicht wirklich begriffen hätte. Aus diesem Grund schaute ich mir das Büchlein Zur Kritik der revolutionären Ungeduld (1969/1971) genauer an.

Leider wirkt diese Kritik am alten und neuen Anarchismus mit ihren Unterstellungen und Vorurteilen auch nach mehr als 50 Jahren weiter nach. Aufgrund der Schwäche der anarchistischen Szene, ihrer Diffamierung sowie der Unerkenntnis ihrer eigenen theoretischen Grundlagen prägten diese das (Miss-)Verständnis des Anarchismus in deutschsprachigen Kontext bis heute.

Hier findet sich der erste Teil des Texts. Der dritte folgt am 31.03.

Das Verkennen und Erkennen des Staates als politisches Herrschaftsverhältnis

Was Harich wurmt ist der „Apolitizismus“, den er im Anarchismus zu erkennen meint (S. 31). Es wäre eben das Unverständnis von Geschichte, ökonomischen Bedingungen und der Funktionsweise von Herrschaftsinstitutionen, welche verbunden mit der „revolutionären Ungeduld“ dazu führten, Politik grundlegend abzulehnen. Im Anarchismus werde Politik als „schmutziges Geschäft“ angesehen und ihr bestimmter Charakter in einer spezifisch-historischen Gesellschaftsformation verkannt. Hierbei trifft der Autor einen Punkt, der allerdings nicht auf den Anarchismus speziell, sondern auf die Reflexe in antiautoritären Bewegungen insgesamt zutrifft. Mit ihrer Abwehrhaltung gelangen sie keineswegs zu echter Selbstbestimmung und häufig wird in ihnen das Problem der Politik umgangen, indem das Rebellionsbedürfnis auf alle möglichen gesellschaftlichen Bereiche gelenkt wird, um ja keine Kämpfe auf dem politischen Feld im engeren Sinne führen zu müssen, wie Harich konstatiert.

Wenn für diesen der Anarchismus gewissermaßen die logische Verfallsform diffuser antiautoritärer Bewegungen darstellt, könnte man diese Ansicht auch positiv wenden: Ja, der Anarchismus ist die logische Konsequenz des antiautoritären sozialistischen Aufbegehrens. Weil Anarchist*innen jedoch über eigenständige Theorien und Erfahrungen verfügen, führt ihn die Verkennung der Politik tatsächlich zur Erkenntnis der Politik – und damit zu sozial-revolutionärem Handeln und dem Streben nach Autonomie. Die Bezugnahme auf Politik führe im Anarchismus zu einer Entpolitisierung. Harichs Gedanken dazu lohnt es sich ausführlicher darzustellen. Die Entpolitisierung als Konsequenz wäre

„keineswegs paradox. In der Anarchie wird politisches Verhalten per definitionem gegenstandslos sein; denn Politik, der das Merkmal der Staatsbezogenheit fehlte, wäre ein Widerspruch in sich, ein hölzernes Eisen. Wer also die Anarchie übergangslos, unter Auslassung des revolutionären Staates zu verwirklichen gedenkt, dem muß es fernliegen, einer herrschenden reaktionären, konservativen oder reformistischen Politik radikale Alternativen entgegenzusetzen, die mit ihr in dem Punkt übereinstimmen, selbst noch politischer Natur zu sein. Die Liquidation jeder Art von Politik ist für ihn die einzig akzeptable Alternative, und solange diese sich nicht realisieren läßt, wird das abstrakt-pauschale Nein zum Politischen überhaupt ihm als vorläufiger Ersatz dienen. Es ist dies der Grund, aus dem der Anarchismus einerseits den wichtigsten politischen Problemen mit einer immer wieder verblüffenden Konzeptions- und Ratlosigkeit begegnet und andererseits eine merkwürdige Vorliebe dafür hat, sich fanatisch der Revolutionierung von Lebensbereichen zu widmen, die politisch dermaßen belanglos sind, daß die regulären Parteien, welcher Richtung auch immer, sie achtlos zu übergehen pflegen oder allenfalls ein neu geheucheltes Interesse für sie übrig haben“ (S. 31).

Meiner Ansicht nach begreift Harich hier wiederum den Charakter des Anarchismus nicht. Er verfehlt ihn wie auch schon zuvor, weil er nicht in der Lage ist seine Perspektive zu wechseln und anarchistisches Denken zu begreifen. Man mag dieses teilen, sympathisch finden, durch es irritiert sein oder es grundsätzlich ablehnen. Da der Anarchismus aber eine Realität hat, die immer wieder aktualisiert wird, wäre es angemessen, ihn verstehen zu wollen. Und das tut Harich eben nur als ablehnender Beobachter, nicht aber als sympathisierender Teilnehmer der 68er-Bewegung. So ist das Politikverständnis im Anarchismus tatsächlich als paradox zu charakterisieren. Politik stellt sich in vergangenen und gegenwärtigen Gesellschaftsformen als Herrschaftsverhältnis dar, mit welchem Staatlichkeit – mit seinen autoritären, zentralisierenden, monopolisierenden und hierarchisierenden Prinzipien – in alle gesellschaftliche Bereiche übertragen wird. In der Ablehnung, Politik unter bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen zu betreiben, kommt eine zutreffende Kritik an Herrschaftsordnungen und den in ihnen als anerkannt, effektiv und legitim geltenden Praktiken, Verfahren und Logiken überhaupt zum Ausdruck. Was wiederum daraus folgt, kann sehr unterschiedlich sein, ist nicht festgelegt und darüber gibt es innerhalb des Anarchismus auch verschiedene Ansichten. Jedenfalls wird Politik zu großen Teilen als dem Staat zugeordnet und von diesem vereinnahmt angesehen. Staatlichkeit als solche wird von Anarchist*innen kritisiert und das sehr konkret und nicht pauschal, wie Harich unterstellt. Beispielsweise in Texten von Bakunin, Kropotkin, Malatesta, Most und Goldman ist immer wieder von der Differenzierung zwischen Staatsformen zu leben, weswegen ihre Kritik zurecht auch „sozialistische Staaten“ trifft.

Auch ein autoritäres Huhn findet einige Körnchen Wahrheit

Harich macht seine Position klar: In pseudo-revolutionärer Manier fordert er die Diktatur des Proletariats, als auch die mit Gewalt verbundene politische Machtübernahme des Staates, um „den“ Sozialismus als Vorbedingung des Kommunismus einzuführen. Eine Teilnahme an der Politik gebietet sich aus kommunistischer Sicht nicht, um konkrete Reformen umzusetzen, sondern, um sich auf dem politischen Feld als entscheidendem Kampfplatz als geschlossene und überzeugte Gegenhegemonie zu platzieren, welche die Herrschaft übernimmt, sobald die „objektiven Bedingungen“ reif dafür sind. Praktisch führt diese Einstellung zum politischen Klassenkompromiss zwischen kommunistischen und konservativen Parteien, wie er insbesondere in Italien und Frankreich der 60er bis 80er Jahre ausgeprägt war und wie er noch heute bei Rudimenten wie der griechischen KKE vorhanden ist. Proletarische Kämpfe degenerieren zur kauzigen Folklore und systemstabilisierenden Familienunternehmen. Sie wenden sich taktisch gegen autonome und selbstorganisierte Kämpfe von Arbeiter*innen und gegen als „opportunistisch“, „reformistisch“, „trotzkistisch“ oder eben „anarchistisch“ geschmähte konkurrierende Sozialismen. Das ist also die politische Alternative für welche Harich eintritt. Und darin erweist er sich als ultra-orthodox, weil er an den ML-Prinzipien auch dort festhält, wo sie in der praktischen Politik notwendigerweise zu Widersprüchen führen müssen. In der 68er-Bewegung sollte dieser kommunistische Parteizirkus aufgebrochen werden. (Ebenso wie übrigens auch sozial-liberale Einhegungsversuche, wie sie etwa Wilhelm Wolfgang Schütz formulierte, der die Gefahr ud Illegitimität des Anarchismus ebenfalls in dessen Apolitizismus sieht.) Doch da der Antiautoritarismus tatsächlich in vielerlei Hinsicht unbegriffener Reflex blieb, mündeten größere Teile der Bewegung wiederum im autoritären maoistischen Sektenwesen oder der skurrilen und Che-Anhängerschaft, welche Harich zurecht belächelt.

Weil auch ein autoritäres Huhn manchmal ein paar Körner Wahrheit findet, macht der Autor die zutreffende Beobachtung, dass Anarchist*innen in einer selbstgenügsamen, „verblüffenden Konzeptions- und Ratlosigkeit“ verharren und ihre Energie auf die verschiedensten gesellschaftlichen Teilkämpfe verstreuen, nur, um sich nicht um Politik kümmern zu müssen. Dies stellt ein Problem dar. Allerdings meine ich, dass jenes darin begründet liegt, dass Anarchist*innen ihre eigene Theorie zu wenig verstehen und deswegen mit ihrer Erkenntnis über den herrschaftlichen Charakter von Politik nur selten zu einer Politik der Autonomie gelangen. Diese hätte eine andere Qualität und würde es ermöglichen, auch auf dem politischen Feld hier und heute sozial-revolutionäre Kämpfe zu führen, ohne von den dominierenden Logiken, Verfahren und Praktiken darauf aufgesogen zu werden.

Erheiternd ist auch der Abschnitt über die pauschale Institutionenkritik der frühen 68-Bewegung (S. 45-64). Eine kleine Zeitreise treten die Lesenden an, wenn sie Harich in eine Radiosendung folgen. In dieser führen der tief-konservative Soziologe Arnold Gehlen und der Kritische-Theorie-Übervater Theodor W. Adorno ein Streitgespräch über die „Verunsicherung von Institutionen“. Konservative finden sie problematisch bis gefährlich, Progressive – bzw. „Liberale“, wie Harich nicht ganz ohne süffisanten Unterton meint – finden es im Gegensatz dazu gut, wenn wir dieser Verunsicherung Raum geben. Beide Lager beziehen sich auf Institutionen als solche und Verunsicherung per se, wobei sie sich auf anthropologische Grundannahmen zurückziehen, wenn ihnen die Argumente versiegen. Menschen und die Institutionen, welche sie schaffen, in ihrem spezifisch-historischen Kontext zu begreifen, mit welchem eine pauschale Ablehnung oder Befürwortung ihrer „Verunsicherung“ lächerlich erscheinen muss, gelingt weder Gehlen noch Adorno. Auch hierin hat Harich einen Punkt. Was das mit dem Anarchismus zu tun hat, bleibt aber unklar.

Auch weitere Kritikpunkt Harichs treffen zu. Die antiautoritäre Bewegung war und ist diffus und kurzlebig. Sie funktioniert häufig Affekt-gesteuert und dementsprechend auf kurzlebige und gern auch spektakuläre Events fixiert. Sie kriegt es auch in endlosen Plena nicht hin, verbindliche Entscheidungen zu fällen oder gemeinsame Grundlagen herauszuarbeiten. Darüber hinaus stimmt es nicht, dass es keine Hierarchien gibt, nur weil Menschen sich für rebellische Antiautoritäre halten und erklären. So sagt man zumindest. Und es stimmt, je nach Ort, Zeit, Gruppe, Menschen und Umstände.

Wer emanzipatorische sozialen Bewegungen aufbauen möchte, die sich ernsthaft an der sozialen Revolutionierung der Gesamtgesellschaft ausrichten, darf diese Erscheinungen nicht ignorieren. Vielmehr müssen ihre Ursachen begriffen werden, damit ihre negativen Folgen abgemildert und die ihnen innewohnenden Potenziale genutzt werden. Darüber sollten wir reden. Die Frage ist allerdings, wie das geschieht und wer aus welcher Position heraus spricht. Sollen Harich und seine ML-Genoss*innen doch ihre Meinungen haben. Den Anarchismus derart verzerrt darzustellen ist aber nicht fair, sondern ein manipulativer Zug, der mit einem instrumentellen Umgang mit Menschen korrespondiert. Dies ist das Grundproblem bei Harich von Co., nicht die abweichenden Ansichten über Geschichte, revolutionäre Subjekte, Utopie, Strategien und so weiter.