Zizek zu den Vorurteilen gegenüber dem Anarchismus

Lesedauer: 4 Minuten

Jede Person, die sich ansatzweise mit linken politischen Theorien beschäftigt, hat schon mal etwas von Slavoj Žižek gehört. Es ist gewissermaßen unmöglich, um diesen Clown herum zu kommen, weil er sich durch seine Selbstvermarktung unglaublich breit gemacht hat. Sicherlich ist das ein beidseitiger Prozess, der die Rezipienten ebenso angeht. Žižek erfüllt zweifellos ein starkes Bedürfnis: Es ist das Bedürfnis, von Leuten, die sich als links und gebildet verstehen, in einer Haltung der Rechthaberei und Handlungsunfähigkeit verharren zu wollen. Der slowenische Philosoph ist auch deswegen so populär, weil er vollkommen harmlos ist. Der einzige Schaden, den er verursacht, richtet sich gegen emanzipatorische soziale Bewegungen. Als Neo-Leninist stellt er damit einen Antipoden zu den Antideutschen dar. Ohne tatsächlich in Berührung mit bestimmten Themen, Gegenständen und Personen zu kommen, meinen solche Leute, alles be- und verurteilen zu können, was ihnen entfernt vor die Augen kommt. Ihre Meinungen stehen schon fest. Auch Žižek präsentiert im vorliegenden Vortragsausschnitt nicht mehr als eine Meinung. Das ist armselig – aber auch keine völlig neue Erscheinung, zeitgenössische Medien- und Verlagslandschaft hin oder her.

Mit Klick auf das Video erklärst Du Dich einverstanden, dass eine Verbindung zum YouTube-Server hergestellt wird, in deren Folge u.a. auch Analyse-Cookies übertragen werden. Weitere Infos hier.

Kraft seiner Person, die ohne ihr öffentliches Wirken wahrscheinlich wie ein Kartenhaus in sich zusammen fallen würde, stellt sich dieser berühmte Mann hin und bedient fleißig gängige Vorurteile gegenüber dem Anarchismus. Vor allem wettert er gegen die Vorstellungen von selbst-transparenten (= in sich selbst übereinstimmenden), basisdemokratischen Gemeinschaften. Seine beiden Argumente bestehen darin: 1. Menschen würden so etwas nicht wollen. Sie wollen, das ihr Strom aus der Steckdose, ihr Wasser aus der Leitung, ihre Gesundheit vom Krankenhaus, ihre Bildung von der Schule kommt – ohne sich darum weiter im Detail kümmern zu müssen. 2. In der hochtechnologisierten, globalisierten Welt können auf einem Level von basisdemokratischen Gemeinschaften wesentliche Herausforderungen gar nicht gemanaged werden. Anarchist*innen würden somit die Bedingungen verkennen, welche in der modernen Gesellschaft bestehen.

Die Pseudo-Argumente sind so alt wie billig. Zum ersten: Seltsam, dass der Leninist so voluntaristisch herangeht, vor allem davon ausgeht, was die Leute angeblich wollen, respektive, was er will oder nicht will. Denn um Willen geht es in diesem Zusammenhang wenig. Es geht um die Frage nach Gesellschaftsmodellen, mit denen sich Menschen identifizieren und von denen sie Teil sein müssen oder wollen. Dies aber ist vielmehr eine Frage von Auseinandersetzungen um bestimmte Konzepte, als um die völlig abstruse Behauptung, Beteiligte müssten sich in einer basisdemokratischen Gesellschaft um jeden Kleinkram kümmern. Es ist eine bloße Unterstellung, dass es dort keine Arbeitsteilung gäbe. Wenn Menschen in der Gegenwartsgesellschaft oft wenig Lust verspüren, sich in dieser oder für diese zu engagieren, dann ja nicht deswegen, weil Menschen „nun mal so sind“ (eine langweilige, essentialistische Behauptung). Vielmehr empfinden sie sich nicht als Teil des Lebenszusammenhangs in ihrem Umfeld, machen sie nicht die Erfahrung, dass ihre Stimme dort gehört wird und wirksam ist und haben unter den Anforderungen, welche die gegenwärtige Gesellschaft ihnen auferlegt (Lohnarbeit, psychischen Stress, Leistungsdruck usw.), kaum die Kapazitäten sich umfassend auf basisdemokratische Prozesse einzulassen. Es stimmt allerdings, dass Anarchist*innen eine Perspektive für eine qualitativ andere Gesellschaftsform entwickeln – und diese in der Konsequenz ruhiger, überschaubarer und schlichter ist, als unsere jetzige. Die Entscheidung und das Engagement für so ein Leben (also „ob Leute das wollen“) hängt maßgeblich davon ab, ob Leute dieses Modell attraktiv finden. Und das tun sie, wenn sie sehen und erfahren, dass sie darin materielle und soziale Sicherheit haben, in gewinnbringender Gemeinschaft leben und sich zugleich selbst bestimmen können.

Auch die zweite Behauptung Žižeks entpuppt sich schnell als Strohpuppe. Denn die meisten Anarchist*innen gehen und gingen von einer komplexen gesellschaftlichen Organisation aus, die selbstverständlich auch den Koordinationsanforderungen heutiger Gesellschaften gerecht werden kann. Zugleich wird es – um doch einmal vom Ideal her zu denken, wovor ich mich sonst hüte – keinen absurden Regulationsbedarf etwa von Finanzmärkten geben, keine Erfordernisse des Repressionsapparates zur Unterdrückung von Bevölkerungen, keine Steuerberatung, mit welcher Reiche ihr angeeignetes Vermögen der es produzierenden Gesellschaft entziehen können. Auch die genetische Manipulation von Lebewesen sollte meiner Ansicht nach in einer erstrebenswerten Welt keine Rolle mehr spielen.

Angefangen bei Bakunin, über Kropotkin bis hin zu den hehren Ansprüchen der Anarcho-Syndikalist*innen bestand eine der Kernforderungen der Anarchist*innen darin, die neue Gesellschaft „in der Schale der alten“ von „unten nach oben“ aufzubauen – angefangen bei der lokalen Kommune, welche direkte Partizipation ermöglicht, bis hin auf der Ebene der „Weltgemeinschaft“ (Bakunin). Dass dies funktionieren kann, halte ich selbst für absolut möglich. Auch wenn ich technischen Lösungen gegenüber skeptisch bin, weiß ich, dass es mit dem Internet und verschiedenen Programmen dermaßen viele Möglichkeiten für eine basisdemokratische Koordination von Bedürfnissen gibt, das ich hier überhaupt kein Problem sehe.

Was letztendlich von Žižek bleibt sind eigentlich nur zweierlei Dinge: Erstens die Selbstbestätigung von ihm und seinen Anhänger*innen in ihrer Rechthaberei, ihrem abstrakten Verurteilen und damit die Rechtfertigung ihrer Handlungsunfähigkeit. Damit verbunden ist zweitens, die willige Abgabe der eigenen Verantwortung an den sozialdemokratischen Staat, der als Dienstleister gestärkt werden soll. Ganz ehrlich, ich finde das sehr viel langweiliger als jede selbstorganisierte, basisdemokratische Gemeinschaft, in der das Leben ruhig, partizipativ und in sozialer Absicherung für alle stattfindet.