Wider_sacher_in: Die Systematisierung einer Religion?

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Klickt man sich etwas durch die Artikel dieses Blogs, kommt man aus dem Rätseln und Staunen nicht mehr raus. Das fängt bei einigen ellenlangen Überschriften einzelner Texte an, setzt sich aber fort im schlingernden Stil, welchen der Autor hervorbringt und kultiviert. Er scheint zu faul zu sein, sich grundlegend Gedanken zu machen, was er schreibt, bevor er es tut, sowie zu faul, um das Produzierte im Nachhinein zu überarbeiten. Ersteres beruht vermutlich auf der Annahme, bei all den Büchern, die er selbst gelesen hat, sei es nun an der Zeit und wäre er selbst in der Position, einfach irgendwas auszukotzen, was dann schon irgendeinen Sinn ergibt. Gut, wenn‘s hilft, das der Kopf nicht platzt, meinetwegen – aber sollte das die Motivation sein, einen Blog zu betreiben und sich permanent mitteilen zu wollen? Seine Texte nicht ordentlich überarbeiten zu wollen, zeugt von einer gewissen Überheblichkeit, insofern doch alle Schreibenden, die etwas zu sagen haben ihre Produkte wieder und wieder überarbeiten müssen – denn das ist nun mal Teil des Arbeitsprozesses, auch wenn der Laie dies in den seltensten Fällen sieht und versteht.

Hieronymus Bosch: Bildelement von „Garten Eden“ (lizenzfrei)

Der „anarchistische“ Blogger hingegen schmeißt einfach irgendwas, oft Unförmiges, in den Raum mit der Vorstellung, was damit dann schon irgendetwas geschehen würde. Gut, zugegeben, darin liegt der eine oder andere interessante Gedanke und auch sprachlich ist eine gewisse Entwicklung wahrzunehmen. Ich würde auch nicht so weit gehen, zu behaupten, die Beiträge und Artikel hier hätten keinerlei Struktur. Was ich sagen will ist: Sie haben grundsätzlich keine Struktur. Vielmehr versucht der Autor, seine wirren Gedankengängen nachträglich irgendwie zu strukturieren, um zu verschleiern, dass er insgesamt den reinsten Schlingerkurs fährt, einen rhetorischen Eiertanz aufführt, wie man so sagt. Sicherlich, dies lässt sich dann auch theoretisch rechtfertigen, etwa mit einer tief verinnerlichten skeptischen Grundhaltung, mit Paradoxien und dem Einfluss des viel gehassten poststrukturalistischen Denkens oder auch mit der Pluralität des Anarchismus. Steht dahinter nicht aber die Angst, sich bloß nicht ernsthaft festlegen zu wollen – selbst wenn die meisten Dinge mehrere Seiten haben?

Deutlich wird: Die ganze Rede von „Anarchismus“ soll hierbei die Klammer bilden. „Anarchie“ wird als Ausgangs- und Zielpunkt gesetzt und damit einer wirklichen Begründung entzogen. Wer das Axiom teilt, wird sich hier wiederfinden und selbst bestätigen können. Wer nicht, hat dem wenig bis nichts abzugewinnen und wird ihrer Wege gehen. Das ist okay. Es handelt sich ja auch nur um einen Blog. Dessen Autor macht dankenswerterweise aus seinen Intentionen keinen Hehl. Die eine oder andere Lesende mag es womöglich als Stärke ansehen, auch Unsicherheiten und Unklarheiten zu formulieren. Es gibt Sinn, sich den großen Themen vermittels einer kontinuierlichen Suche anzunähern. Immerhin handelt es sich hierbei tatsächlich um ein Gegenmodell zur autoritären und patriarchalen Feststellung „wie die Welt nun mal ist“. Demnach scheint das hier „gepflegte und erneuerte Denken“ durchaus anarchische Züge aufzuweisen.

Das Problem hierbei ist, dass der anarchistische Theoretiker seiner dogmatischen Offenheit, Unklarheit und Unsicherheit mit der Entwicklung von Systemen zu begegnen versucht. Da lesen wir beispielsweise von Anarchismus als „Theorie“, „Ethik“ und „Organisation“. Hand auf‘s Herz: Handelt sich hierbei nicht lediglich um einen billigen Abklatsch der christlichen Trinitätslehre, der Triade „Vater-Sohn-heiliger Geist“, also der Lehre vom höheren Prinzip, ihre lebenspraktische Anwendung und die Gemeinschaft der Kirche? Oder betrachten wir das Schema, welches anschließend auf dieser Basisunterscheidung aufbaut: Die ethischen „Werte“, organisatorischen „Prinzipien“ und theoretischen „Grundannahmen“. Sind das nicht alles unbestimmte Setzungen, die sich gezielt einer rationalen Begründung entziehen? Zwar mögen sie durchaus aus der langjährigen Beschäftigung mit anarchistischen Gegenständen auf verschiedenen Ebenen hervorgehen. Letztendlich stellt sich dennoch die Frage, ob hier nicht der Versuch betrieben wird, verschiedene einer politisch-weltanschaulichen Strömung zu systematisieren, die sich möglicherweise entweder in vielerlei Hinsicht in pseudo-religiösen Zügen darstellt oder der Autor sie – unbewusst allerdings – in pseudo-theologischen Kategorien wahrnimmt und einordnet?

Nun wäre es ebenfalls verkürzt, zu sagen, Religion und Theologie seien per se irrational. Gewiss, sie weisen ihre spezifische Rationalität auf, welche sich erst dann wirklich kritisieren lässt, wenn ihre Annahmen verstanden werden. Indem sie systematisiert und erfassbar gemacht wird, soll offenbar auch die anarchistische Religion begründet und kritisierbar werden. Der Autor scheint sich als Kirchengründer zu verstehen und entwickelt dazu sein eigenes System. Halleluja!