Wider_sacher_in: Das ewige Selbstgespräch

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Allein die Erfindung meiner Rolle zeigt es doch überdeutlich: Im Grunde genommen redet der Blogautor die ganze Zeit mit sich selbst. Fasziniert von einen Gedanken spinnt er diesen weiter und kommt zum nächsten, kommentiert andere, am Ende doch aber wieder sich selbst. Es handelt sich um ein ewiges Selbstgespräch, bei dem ihm gelegentlich zweidrei Leute zuhören; zum Zeitvertreib lauschen sie dem fortwährenden Redefluss und gehen dann ihrer Wege. Wann sollen diese unaufhörlichen Kreisbewegungen denn enden? Ginge der selbsterklärte anarchistische Theoretiker am Ende sogar so weit, seine eigene Grabrede zu formulieren und sich ein Veranstaltungsprogramm zu seiner eigenen Würdigung in die Memoiren zu schreiben – als notarisch abgesicherte Vorbedingung dafür, dass die Bekannten auf seine riesige Erbschaft zugreifen können?

Bildelement von Hieronymus Bosch (lizenzfrei)

Jene Tendenz, die bei Intellektuellen generell angelegt ist, scheint sich hier ins Absurdeste gesteigert zu zu spitzen. In diesem Zusammenhang von der Wichtigkeit des Perspektivwechsels, von dialogischen Prozessen oder der Begegnung auf Augenhöhe zu sprechen mag einen selbstgewählten heren Anspruch verdeutlichen. Die aufgeführte Praxis konterkariert diesen jedoch als halbherzig bis lächerlich.

Dies wird nicht zuletzt an der Rezeption anderer Autor*innen sichtbar, für welche sich der Blogger entschieden hat. Denn es ist immer eine Entscheidung, auf wen man sich bezieht, damit Raum gibt und abbildet. Gewiss, da gibt es viele Bücher, viele Eindrücke, viele Gedanken, die der Schreibenden konsumiert hat und nun irgendwie verarbeiten muss, um nicht vollends verrückt zu werden. Die Ausrede, es gäbe ja kaum andere Leute, die „anarchistische Theorie“ betreiben würden, zieht hierbei nicht. Ja, es handelt sich bei einem überwiegenden Teil der rezipierten Personen um weiße und männliche Autoren. Hier treffen zwei weiß-männlich geprägte und dominierte Sphären aufeinander: Das Intellektuellentum und die anarchistische Szene, wie sie sich zumindest im deutschsprachigen Raum darstellt. Weder lautet meine Kritik daran, dass es schlecht sein muss, was diese Leute hervorbringen. Noch liegt es mir fern, sie für ihre gesellschaftliche Positionierung pauschal zu verurteilen oder ihren die Aussagekraft per se abzusprechen. Warum auch?

Was vielmehr bemängelt werden muss, ist jenes endlose Selbstgespräch, bei dem der Eindruck entstehen könnte, die Gesprächsteilnehmer*innen dienten eher als Reflexionsfläche des isolierten Gedankenstromes, denn als wirkliche Gegenüber, mit eigenen Interessen, Bedürfnissen und Meinungen. Um auf Einsicht hin zu wirken, sage ich es deswegen ganz deutlich: Ich finde das traurig. Sicherlich leben wir in einer Zeit, wo uns Wortschwalle umgeben und als kontinuierliches Hintergrundgeplapper ihre Bedeutung untergraben. Die Weise allerdings weiß, wann sie redet und wann sie schweigt.