Was Anarchist*innen (unter anderem) lernen müssten, wenn sie viele werden wollen

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Das ich mich in einem vorherigen Beitrag auf die in der Folge von Übertage formulierten Erweckungserlebnisse bezog, hatte biographische, strategische und theoretische Gründe.

Anarchismus als ideologische Weltanschauung beinhaltet stets auch einen Moment des Glaubens. Glauben steht nicht mit Zweifeln im Widerspruch – wohl aber in einer produktiven Spannung, wenn wir ihn nicht fundamentalistisch, sondern emanzipierend denken. Glauben bedeutet ein (zumindest situatives) Verkennen dessen, dass für die eigene Perspektive spezifisch ist und das sie auch irrationale Färbungen aufweist. Es bedeutet das emotionale Erkennen einer angenommenen Wahrheit, die in einer affektiven Dimension geteilt werden kann. Diese Wahrheit muss vernünftige Begründungen und Erklärungen notwendigerweise übersteigen und unterlaufen. Dennoch ist sie als bestimmte Deutung von Seins- und Weltzuständen in wirklichen Erfahrungen gegründet.

In herkömmlicher linker Politik in der BRD wird die emotional-affektuelle Dimension schwer vernachlässigt. Dies hat nachvollziehbare Gründe, insofern durch den Faschismus damit Wahn genährt, Gefühl und Verstand manipuliert, Angste und Sehnsüchte instrumentaliert wurden. Weil Menschen angeblich steuerbare, irrationale Wesen seien, wäre es legitim, mit ihnen manipulativ und instrumentell umzugehen, lautet die Rechtfertigung für faschistische Strategien. Die darin übrigens nicht unähnlich kapitalistischer Werbung ist, welche umso mehr den freien Willen der Individuen bei ihrem Kaufentscheid behauptet, um ihr Vorgehen zu verschleiern.

Daraus den Umkehrschluss zu ziehen, Emotionalität und Affekte seien für so etwas wie linke Ansätze einfach zu ignorieren, ist allerdings grundfalsch. Was „Linke“ tun, interessiert mich nur bedingt. Klar scheint mir dagegen zu sein, dass ein anarchistisches Projekt auch populistische Elemente aufweisen sollte – und ohnehin in Ansätze aufweist. Hierbei schließt meine These an, dass der Anarchismus als strukturelle Homologie zu christlichen Freikirchen zu verstehen ist. Damit werfe ich einen kurzen Blick auf pfingstlerische Erweckungsbewegungen – und hoffe dem Thema an anderer Stelle ausführlich nachgehen zu können.

Abseits von Organisationsstrukturen und abseits von Theorie und Inhalt lassen sich erste Anregungen aus der Betrachtung zeitgenössischer evangelikaler Stile ziehen. Schau wir z.B. das Lobpreislied „Adonai“ des nigerianischen pfingstlerischen Musikers und Religions-Business-Man Nathanel Bassy an. Zugegeben, damit habe ich ein ziemlich provokantes Beispiel gewählt, weil die Adressat*innen Angehörge der wohlständigen, aufgestiegenen Klassen sind. Also keine normalen Leute. Hierbei handelt es sich klar um Herrschaftsideologie. Somit kommt aber der Kontrast besser raus, auf den ich hinaus möchte. Darüber hinaus sind es jene Milieus, die bei einer grundlegenden Gesellschaftsveränderung gewinnen und aber auch die Voraussetzungen haben, sich organisieren zu können, aus denen eine sozial-revolutionäre Perspektive entwickeln lässt. Eben deswegen ist die Ideologie, welche im Video dargestellt wird reaktionär: Mit ihr wird jener Impuls aufgegriffen, aber in einem religiös-fundamentalistischen Gewand, ins in die neurechte Mobilisierung gewendet.

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In weiß, gold, schwarz und gelb ist die Farbpalette getaucht, welche eine würdevolle Atmosphäre produzieren soll. (Mag nicht ganz zufällig sein, dass ich hierbei auch einen Hauch von Ankap assoziiere …) Das durchkomponierte Stück weißt die klassisch predigerische Vor- und Nachsänger-Struktur mit Chor und kräftigem Leadsänger auf. Mit melodischen Streichern, kräftigen Beats und schließlich dem Einsetzen eindringlicher Trompenklänge wird eine ekstatische Atmophäre aufgebaut, welche jeden Gesang einer protestantischen Dorfkirche in den Schatten stellt. Da ist es auch scheissegal, ob die ganze Show einfach nur Playback stattfindet…

Von den perfekt abgestimmten und bewegten Lichteffekten bis hin zum Schwenken der Fahnen ist hier alles aufeinander abgestimmt. Dabei scheuen sich die Produzierenden keineswegs herauszustellen, dass sie sich für die Effektheische und Stimmungsproduktion modernster Techniken bedienen. So wird ein Strom der Begeisterung erzeugt, der heilige Geist erzeugt – oder doch tatsächlich einfach nur herbei gerufen? Da Ganze soll sich jedenfalls so geil anfühlen, wie mit dem allmächtigen Herrn selbst rumzumachen.

Wie auf der Technoparty versuchen die Einzelnen durch die Ekstase ihr Selbst loszulassen. Dies gelingt ihnen paradoxerweise, indem sie sich im mitreißenden Strom ganz selbst spüren und in Verzückung geraten. Die Einzelnen fühlen also ihre Sehnsuchtsmomente, die sie als gemeinsame erleben – weswegen der Inhalt des Gesungenen auch maximal gering sein muss. Wie gesagt spielt es für die Beteiligten dabei gar keine Rolle, dass die charismatische Atmosphäre künstlich erzeugt wurde – dann immerhin war es – angefangen bei Volkstänzen und Gesängen – immer eine Kunst, gemeinschaftsstiftende Rituale zu produzieren.

In einer hochindividualisierten, modernen Gesellschaft, die der kapitalistische Staates hervorbringt, ist der Bedarf an temporärer Ich-Aufgabe besonders hoch. Wer dies anerkennt, wird es für legitim halten, sich aller Register zu bedienen, um eine Flucht ins Sehnsuchtsland als eine präfigurative Vorschau in die andere Gesellschaftsform zu ermöglichen. In jeder Ausprägung des Christentums oder Islams handelt es sich dabei – wenn auch zu sehr verschiedenen Graden – um eine Projektion ins Jenseits, mit der gleichwohl das Handeln und die moralischen Maßstäbe im Diesseits inspirert, geformt und geleitet werden sollen. Dass es sich bei den Charismatiker*innen im Video größtenteils um homophobe, patriarchale und intolerante Fundamentalist*innen handeln dürfte, sei dahin gestellt. Sich davon abzuwenden und abzugrenzen ist verständlich und legitim. Und zugleich muss die Frage gestellt werden, welche durch die Gegenwartsgesellschaft geformten Bedürfnisse diese Leute ansprechen und kanalisieren.

Da ist das spirtuelle Bedürfnis nach holistischer Verbundenheit in der Ganzheit des Kosmos. Ekstatische Erfahrungen bei Drogenkonsum, Sport, Musik oder Fußball funktionieren hierbei ähnliche wie Gottesdienste. Auf symbolisch-imaginärer Ebene braucht es Klänge, Bilder, Farben, rhythmische Bewegungen, in denen dies ausgedrückt und dargestellt werden kannn. Weiterhin sind da soziale Bedürfnisse nach Vertrauen, Teilen und gegenseitiger Unterstützung in der Gemeinschaft der Gläubigen. Da ist der Wunsch nach Überwindung der Trennungen – und also auch der Klassengegensätze. Gleichzeitig soll es möglichst klare Feindbildern, hierarchischen Strukturen, Führungsfiguren und Dogmen geben, welche alltägliche Orientierung ermöglichen. Und sicherlich ist da auch der Wunsch nach Vergebung der eigenen „Sünden“ – die als individuell schuldhaftes Verhalten freilich erst von Religionen konstruiert werden, um die Gläubigen in ihren Bann zu ziehen und abhängig zu machen.

So abstoßend dies auf einige wirken mag – Wer sich nicht mit diesen Bedürfnissen auseinandersetzt, wird weder Gesellschaftsformen im 21. Jahrhundert verstehen, noch Antworten darauf finden, wie diese sich effektiv kritisieren oder emanzipatorisch transformieren lassen.

Ein Anarch@-Populismus müsste stilistische Elemente solcher Feste aufgreifen – und selbstverständlich anders mit ihnen umgehen und sie mit anderen Formen und Inhalten verknüpfen. Darunter zählt die Einsicht, dass Emotionalität berechtigt ist und angesprochen werden sollte, wenn man Menschen zu etwas bewegen möchte. Zudem braucht es eine Symbolisierung der emanzipatorischen Fluchtbewegung hin zum libertären Sozialismus. Dieser kann eben kein gedankliches Konstrukt bleiben, sondern muss eine gefühlte und geglaubte Realität werden, der man sich begeistert anschließen möchte; von der man sich angezogen und verführt fühlt. Es braucht Bilderwelten und Vorbildern, an welchen sich Menschen orientieren können, als Entlastungsfunktion in einer hochkomplexen, widersprüchlichen Welt. Es braucht die Überzeugung von bestimmten Wahrheiten und eine Leidenschaft dafür, das eigene Leben an ihnen orientieren zu wollen.

All dies schließt nicht aus, dass sich die angesprochenen Einzelnen freiwillig zusammenschließen, sich selbst bestimmen und selbst denken. Es schließt nicht aus, dass das alltägliche Leben weit wichtiger als die inszenierte Show ist. Es schließt nicht aus, über ekstatische Erlebnisse zu reflektieren und die eigene Emotionalität weiter zu entwickeln. Die angesprochenen Stilelemente führen auch nicht zwangsläufig zu einem verkürzten Weltverständnis oder gar zu einer fundamentalistischen Weltsicht. Dies zu behaupten, würde den Einzelnen wiederum absprechen, selbst denken und handeln zu können – auch wenn Manipulation immer eine Gefahr und ein schwieriges Thema ist.

Doch darüber werde ich an anderer Stelle weiter nachdenken… Entscheidend hier ist, seine Gegner*innen ernst zu nehmen, sie zu verstehen, ihnen das Wasser abzugraben und sich bisweilen ihrer Stile zu bedienen, um sie für das eigene Vorhaben subversiv zu wenden.