Sollte man Faschisten lesen?

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zu Alain de Benoist, Kulturrevolution von rechts

Ja okay, zugegeben: Ich habe einen Faschisten gelesen. Warum auch nicht? Wer den Feind besiegen will, muss ihn schließlich kennen. Wer den Feind besiegen will, muss erfassen, aus welcher Gesellschaftsform er hervorgeht, also seine Wurzeln bekämpfen. Es war immer so eine Sache für mich mit den Faschisten: Wie sie sich inszenieren oszilliert meist zwischen Stumpfsinn und theatralischer Lächerlichkeit. Wenn sie den Mund aufmachen, hört man oftmals das geballte Elend, was Deutschland hervorgebracht hat. Weil es Rudimente der gleichen Sprache sind, die sie von sich geben, entsteht instinktiv dann doch etwas wie Fremdscham. Doch, das trifft es eigentlich: Man schämt sich fremd und möglichst fremd, so fremd wie möglich, weil man mit diesen Leuten nichts gemein haben will, nur eben befürchtet, sich vor Leuten, die mit anderen Sprachen aufgewachsen sind, für diese Deutschen rechtfertigen zu müssen. In der Regel ist was sie schreiben endlos schlecht. Daher ja meine Arroganz und Ignoranz den Faschisten gegenüber: Ich kann sie selten Ernst nehmen. Selbstverständlich, ihre Gewaltandrohungen auf verschiedenen Ebenen – die sind ernst zu nehmen, denn sie führen täglich zu Gewalt. In diesem Land. In meiner Umgebung. Aber ernst nehmen auf einer intellektuellen Ebene kann ich sie kaum.

Und dennoch ist es nicht gut, gleich bei den Grundannahmen auszusteigen. Das ist eben ein Problem, was ich durchaus bei mir sehe. Widersprechen sich die Grundannahmen einer Ideologie meinen Lebenserfahrungen, meinen Weltkenntnissen und meinem gesunden Menschenverstand, dann schalte ich schnell ab. Dies ist eine verständliche und nicht die schlechteste Reaktion. Immerhin ist es schon anstrengend genug, unter den gegebenen Herrschaftsverhältnissen zu leben. Da muss man sich nicht noch dauernd ihre schlimmsten menschlichen, ästhetischen und intellektuellen Auswüchse vor Augen halten, wie sie sich im Faschismus manifestieren. Da sich die (neo)faschistische Ideologie – zumeist inzestiös mit dem braunen Eso-Sumpf vermischt – gerade auch in letzten Jahren ausbreiten konnte, muss ich wohl oder übel der Tatsache ins Auge schauen, dass sie wirkmächtig ist, ob sie vernünftig ist oder nicht. Nun ja, im Grunde genommen wird mir nur übel dabei. Wohlsein empfinden könnte man lediglich in der Negation des Faschismus. Nicht jedoch in der Falle des Anti, wo die Identifizierung mit dem Feind eine sadomasochistische Form anzunehmen tendiert, sondern durch das Eintreten für das Eigene – also für die soziale Revolution. Der reine Abwehrreflex ist zwar verständlich – eine wirkliche Kritik jedoch kann er nicht hervorbringen.

Doch zurück zum Thema: Sollte man Faschisten lesen? Ich denke nein. Man kann den Feind auch anders kennen und benennen lernen. Kann man Faschisten lesen: Offensichtlich ja. Die Auflagen rechtsextremer Publikationen sprechen dafür und ihre Leser*innen scheinen nicht daran zu sterben. Physisch zumindest. Wenn sie innerlich vertrocknen sieht man das nun einmal nicht gleich. Daher gilt es einen Warnhinweis auszusprechen: Wenn jemand die Finger schon nicht davon lassen kann, dann bitte nehmt sie in kleinen Dosen ein. Und dergestalt war auch meine Herangehensweise: Ich dachte, wenn dann schaue ich mir doch lieber einen Stein des Fundaments an, als das ganze Haus des Grauens.

So lag es nahe, dass ich bei Alain de Benoist landete. Genauer gesagt las ich sein Buch Kulturrevolution von rechts (1985/2017), weil ich annahm, hier Grundlagen der heute aktiven Identitäten und ihnen vergleichbaren Gesocks zu finden. Zum Thema der Deutschen hält de Benoist unter anderem fest: „Von Natur aus hat die deutsche Seele keine Natur. Sie muß sich eine geben – tut sie das nicht, so geht sie ein. Das ist – fürchte ich – der Punkt, an dem die Deutschen heute stehen“ (150). Hier schon zeigt sich, dass de Benoist kein schlechtes Gespür für das Volksleben hat. Genau, dass deutsche Volk gab und gibt es nämlich gar nicht, wie die Faschisten sich das vorstellen. Also erfinden sie einen solchen Mythos und nennen diesen Akt dann Politik – genauer gesagt: Metapolitik.

Deutschland hatte eine schwere Kindheit, hören wir weiter. Daher ist „das deutsche Schicksal gewiß nicht [leicht]. Jedesmal, wenn Deutschland in der Geschichte Gestalt annimmt, hat es eine radikal verschiedene Gestalt angenommen, die nicht zu den bisherigen Gestalten passen wollte“ (145). Nehmen wir de Benoist wiederum beim Wort, ließen sich daraus verschiedene Konsequenzen ziehen: Entweder man konstruiert sich eben irgendein Volks-Tamtam auf lächerliche Weise zurecht. Oder man beschäftigt sich mit Geschichte anstatt mit Geschichtsrevisionismus. Wenn dieser Deutschland ein derartiger Gestaltwandler und nur mit so viel Energieaufwand formbar ist, bleibt zu hoffen, dass die Faulheit siegen und der unförmige Sack einfach in sich zusammenfallen wird. Sich der eigenen Unförmigkeit hingeben, anstatt krampfhaft gradlinig zu sein – das wäre doch ein wahres Geschichtsbewusstsein! Und dazu viel entspannender.

Wenn de Benoist schreibt, die Deutschen scheuten sich, ihre Feinde zu benennen und Politik zu machen, meint er ja im Grunde genommen, dass sie keine Eier haben, wie man so sagt. Dass sie sich nicht selbst bestimmten, sondern willenlose Konsumzombies sein wollen. Daran mag was dran sein. Ob das in Frankreich so groß anders ist, weiß ich nicht. Nur sind es eben genau jene verweichlichten Subjekte, welche auch die Faschisten adressieren. Hierbei kann nur mit Bedauern konstatiert werden, dass er Volkstod wirklich noch nicht besonders weit fortgeschritten ist.

Aber ich will auf den Punkt kommen. Laut de Benoist hätten Egalitarismus und Universalismus sich inzwischen allgemein ausgebreitet und bestimmten die moderne Gesellschaftsordnung. Liberalismus, Kommunismus, Christentum – letztendlich sei das doch alles ganz ähnlicher Mist. Die drei gegen einen, einen neu auferstandenen, einen „dritten Weg“ des Faschismus – das ist verdammt unfair. Da kann man schon mal wieder eine Täter-Opfer-Verkehrung betreiben. Doch die ganze Argumentation geht grundlegend nicht auf. Ja, Liberalismus und Sozialismus entspringen der modernen Gesellschaft. Der reaktionäre Faschismus jedoch ebenfalls. Er kann nicht an das anknüpfen, was sich mit ihm als „Volk“ imaginiert wird. Liberalismus und Sozialismus sind jedoch nicht gleichermaßen „egalitaristische“ Ideologien. Schaut man sich die Entstehung liberaler Parteien an, ist festzustellen, dass sie in der Regel zunächst großkapitalistische Interessen und also die Reichen vertreten haben. Von Egalitarismus fehlt hier jede Spur. Zugegen, die Forderungen nach gleichen politischen Rechten (für alle männlichen Bürger) war ein Schritt in Richtung politischer Gleichheit. Dieser ging stark mit dem entstehenden Nationalstaat einher. Umso mehr frage ich mich, was denn de Benoists Problem mit ihm ist, schließlich wäre sein Faschismus ja ohne den Nationalismus undenkbar.

Und so lügt er sich eben selbst die Taschen voll. Er behauptet etwa für die Vielgestaltigkeit der Welt einzutreten und von dieser Warte aus gleichermaßen Antirassismus und Rassismus ablehnen zu können. Wenn ich ihm abkaufe, dass er sich tatsächlich nicht für rassistisch hält, versteht er jedoch nicht, woher Rassismus entspringt: Erst aus den Grenzziehungen und der Konstruktion vermeintlich homogener Volkskörper und ihrer Geschichte. Beispielsweise begann der inzwischen seit Jahrzehnten währende „ethnische“ Konflikt zwischen hinduistischer Mehrheitsbevölkerung und muslimischer Minderheit genau an dem Punkt, wo die Bildung souveräner Nationalstaaten als moderner Herrschaftsordnung durchgesetzt wurde. Baskische, irische, mexikanische oder uigurische Minderheiten wurden erst dann rassistisch ausgegrenzt und verfolgt, wo sie sich gegen die Einverleibung vermeintlich ursprünglicher Nationen wehrten. Was de Benoist als „Vielgestaltigkeit“ benennt, ist die Theorie des später so genannten „Ethnopluralismus“, nach der alle „Völker“ in ihren jeweils angestammten Ländern – respektive von den jeweiligen Staaten, die Anspruch auf sie als Staatsbürger*innen erheben -, unterworfen werden sollen.

Ein Zitat de Benoists erinnerte mich stark an Kropotkin, in dem Sinne, dass es seine Antithese darstellt:

„Der Kampf, dessen Schauplatz die Welt nunmehr ist, […] stellt unterschiedliche Arten, die Welt zu erfassen, sie zu begreifen und sie abzubilden zu suchen, einander gegenüber: Eine differentialistische Art und eine universalistische Art. Eine antiegalitaristische Art und eine egalitaristische Art. Eine Art, die eine organische Gemeinschaft angestrebt, auf der Grundlage und unter der Herrschaft einer immer größeren Vielgestaltigkeit, und eine Art, die eine mechanische Gesellschaft anstrebt, in der eine immer größere Homogenität herrschen würde“ (57).

Kropotkin dagegen argumentiert für die freiheitliche, libertäre und egalitäre Tradition, entgegen der autoritären, hierarchischen, für welche de Benoist einsteht. Eine wirkliche Verdrehung der Tatsachen stellt deswegen die Behauptung dar, egalitäre Ansprüche würden zu einer Homogenisierung der Menschen, der Welt, führen. Klar, denkt man an die homogenen Gesellschaften, welche der Staatssozialismus hervorgebracht hat, wäre das verständlich, aber darum geht es in diesem Zusammenhang eigentlich nicht. Umgekehrt ist es der Fall, dass erst die Umsetzung von ökonomischer, politische und auf Würde bezogener Gleichheit aller Menschen, ihnen die Möglichkeit gibt, sich vielgestaltig und auch individuell zu entwickeln. An diesem Punkt meine ich, dass meine Argumentation nicht weiter reicht. Wir müssten Leute fragen, was sie dazu denken. Ich kann nur sagen, dass de Benoists Aussage eines homogenisierenden Egalitarismus schlichtweg für falsch halte.

Vielgestaltigkeit bezieht sich dabei für ihn auf die „Völker“ nicht auf die Individuen. Einzelne sollen sich im Gegenteil dem Zwangskollektiv unterwerfen und nur darin ihren Sinn und ihre Aufgabe finden. Der Punkt, dass wir alle miteinander in Beziehungen stehen und aus diesem Grund die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern müssen, um besser miteinander zu leben, solidarisch sein zu können, versteht sich von selbst. Statt dieser faktisch vorhandenen Beziehungen zwischen Einzelnen und Gruppen (die ja nicht per se „gut“ sind), geht de Benoist davon aus, erst sein Faschismus könnte hier vermittels der Volksgemeinschaft Sinn, Geschichte und Selbstwert geben. Wie armselig die Personen sein müssen, die so etwas anspricht, lässt sich nur erahnen. Es stimmt auch: Staatlicher Kapitalismus, Patriarchat und Naturbeherrschung haben tatsächlich Gemeinschaften und die Integration der Individuen in größere Zusammenhänge zerstört. Daher gehen de Benoists Argumente ja nicht an die Ursachen dieser Erosion heran, sondern möchte er die Desintegration der Gesellschaft mit der homogenen Zwangsgemeinschaft und Ideologie des „Volkes“ kitten.

Was ich hier formuliere sind lediglich einige Gedankensplitter. Um noch einen Überblick über den faschistischen Klassiker zu geben: Im ersten Kapitel Die alte und die neue Rechte, wünscht sich de Benoist, dass der Konservatismus faschistisch und reaktionär werden möge. Allerdings verpackt er dies, indem er unterstellt, Konservative seien „reaktionär“, weil sie sich am Vergangenen, Verlorenen orientierten, während seiner Ansicht nach ein wirklicher Konservatismus „revolutionär“ sein müsste – worin sich eben sein faschistisches Denken ausdrückt, auch wenn er sich zugleich von einem „neofaschistischen Ghetto“ (61) abzugrenzen glaubt. In Die kulturelle Macht zeigt de Benoist, dass er Gramsci gelesen und sich dessen Grundgedanken zu eigen gemacht hat. Offensichtlich ein neuartiger move in seiner Zeit, der für Irritation gesorgt hat und durch den die Erneuerung des Faschismus durch die Neue Rechte möglich wurde. De Benoist glaubt und behauptet ferner Wider den Rassismus zu sein, mit der oben bereits dargestellten Argumentation, die noch mal zugespitzt wird, etwa in dem er behauptet, die angeblich „natürliche“ Abneigung gegen Andersseiende, richte sich vom Prinzip her genauso gegen Städter, Deutsche und Schwarze. In Die Verwurzelung geht es dann um die verlorene Heimat, die nie existiert hat. Vermutlich versucht er sich damit an der Aufarbeitung einer verlorenen Kindheit, welche durch eine autoritäre Erziehung und fehlende Liebe getrübt wurde.

Besonders kitschig wird der Vordenker der Neuen Rechten in Die Elite. Diese will er von Aristokratie als sozialer Gruppe abgegrenzt wissen, welche ihre Vormachtstellung unter anderem durch ihre Dekadenz eingebüßt hätte. Er kritisiert die Ökonomisierung und Verbürgerlichung des Adels. Das ist deswegen merkwürdig, weil seine Überlegungen ja dazu dienen, dass sich irgendwelche dummen bürgerlichen Burschenschaftler elitär fühlen können. Damit zeichnet er ein düsteres Bild, was sich etwa so liest:

„Alle aristokratischen Werte scheinen heute restlos zerstört zu sein. Das Sich-Gehen-Lassen, der Individualismus, die immer größere Unfähigkeit, den geringsten Zwang zu ertragen, die Umkehrung aller Werte, die für unsere Kultur konstitutiv sind – diese Stichworte charakterisieren unsere Zeit. Die egalitäre Barbarei breitet ihren grauen Einheitsmantel über die Welt“ (136). Schade ist in diesem Zusammenhang, dass Nietzsche so missverstanden wird, denn was de Benoist beschreibt, ist doch eine Neubewertung gegen Werteverlust und Nihilismus. Mit ihr wird vielfältige Entfaltung vieler Einzelnen ermöglicht – die es freilich für alle Menschen herzustellen gilt.

Eher weniger spannend ist das Kapitel Was ist totalitär? Seiner Ansicht nach führe der Egalitarismus konsequenterweise zum Totalitarismus. Die Aussage, dass auch der Liberalismus totalitäre Tendenzen aufweist, teile ich durchaus. Dennoch ist der Faschismus nicht einfach in ihm enthalten und der kapitalistische Totalitarismus der Reduzierung aller Dinge auf ihren ökonomischen Wert zwar eine verdammenswerte Herrschaftsform, jedoch nicht das gleiche, wie der Faschismus, wo er an die Macht gelangt.

Abschließend möchte er den Hauptfeind benennen, weil dies das Wesen von Politik wäre. Anders als de Benoist habe ich den Faschismus schon als Hauptfeind benannt, darüber hinaus jedoch auf die gesellschaftlichen Bedingungen verwiesen, unter denen er entsteht und die es grundlegend zu verändern gilt, will man mit dem Faschismus aufräumen. Eine Ausrichtung auf das eigene sozial-revolutionäre Projekt halte ich daher für sinnvoller, als eine negative Identifizierung mit dem Feind – was diesen ja auch in die Rolle eines Protagonisten versetzt, dem man hinterher läuft. In diesem Zusammenhang stelle ich fest, dass mein Denken zuvor schon als Antithese zu jenem de Benoists wirkt, wenn jener schreibt: „Wir sind keine Primär-Antikommunisten. Unsere Gegnerschaft zum Kommunismus ist sekundär. Sie leitet sich natürlich und logisch aus unserer Gegnerschaft zur Gleichheitslehre ab“ (201). In jeder Hinsicht sehe ich dies anders und formuliere: „Wir sollten nicht primär Antifaschist*innen sein. Unsere Gegnerschaft zum Faschismus ist ein wesentlicher Baustein unserer Praxis, nicht jedoch unserer Identität. Sie leitet sich folgerichtig, nach unserer Entscheidung zu Überwindung jeglicher Hierarchie ab“:

Um auf den Kontext von 1985 zurück zu kommen, geht es de Benoist jedoch vor allem darum, nicht die liberale, westliche Demokratie zu unterstützen, um den „Kommunismus“ im Osten zurück zu drängen, sondern einen dritten, faschistischen Weg einzuschlagen, mit welchem Liberalismus, Kommunismus und Christentum zugleich zurückgedrängt werden könnten. Hierbei würde ich auch nicht wählen wollen, sondern alle drei zurückschlagen: Staatssozialismus, Kapitalismus und Faschismus. De Benoists Gedankengänge kann ich also durchaus nachvollziehen, komme jedoch zu diametral entgegen gesetzten Schlüssen.

Wirklich arm, sinn- und geschichtsvergessen ist, wer ein Volk braucht, um etwas zu sein. Letztendlich kann ich von den Lektüre von Alain de Benoists Buch Kulturrevolution von rechts zumindest sagen, nicht dümmer geworden zu sein. Unverständlich bleibt für mich dennoch, wie Gruppierungen wie die Identitäre Bewegung derartiges Selbstbewusstsein aus so mittelmäßigen intellektuellen Schriften ziehen kann… Immerhin ist es beruhigend zu wissen, dass ich absolut nicht zur Zielgruppe derjenigen gehöre, die sich davon angesprochen fühlen.