Schatzkiste: Aufruf zum Sozialismus! (Gustav Landauer)

Lesedauer: 207 Minuten

An diesen Hauptsätzen des Marxismus ist vielfach, von anarchistischen, bürgerlichen, und in letzter Zeit besonders von revisionistischen Forschern Kritik geübt worden. Ob es einem lieb oder leid ist, gleichviel, wer ehrlich ist, kann nicht leugnen, daß die folgenden Ergebnisse dieser Kritik feststehen.

Man soll überhaupt nicht von kapitalistischen Unternehmern sprechen und dabei voraussetzen, es hänge der Bestand der kapitalistischen Gesellschaft von der Zahl dieser Unternehmer sonderlich ab. Man soll vielmehr von all denen reden, die am Kapitalismus interessiert sind, denen es in bezug auf ihre äußerliche Lebenshaltung innerhalb des Kapitalismus verhältnismäßig wohl und sicher geht, – von solchen, die, sofern sie keine Ausnahms-, sondern Dutzendmenschen sind, auch in ihren Meinungen, Bestrebungen und Stimmungen von ihrem Interesse am Kapitalismus abhängig sind, gleichviel ob sie selbständige Unternehmer, wohlbestellte Agenten, höhere Beamte und Angestellte, Aktionäre, Rentiers oder was immer sind. Und da läßt sich auf Grund der Steuerstatistik und anderer Beobachtungen, die nicht anzutasten sind, nur sagen, daß die Zahl dieser Personen nicht abgenommen, sondern absolut und relativ etwas zugenommen hat.

Man muß sich auf diesem Gebiet besonders davor hüten, sich von Stimmungen leiten zu lassen und aus kleinen persönlichen Erfahrungen und Teilbeobachtungen verallgemeinernde Schlüsse ziehen zu wollen. Das kann freilich jeder sehen, daß die Warenhäuser, an manchen Orten auch die Konsumvereine unter kleinen und mittleren Kaufleuten tüchtig aufräumen. Auch kommen ja gar nicht bloß die Kaufleute in Betracht, die zugrunde gerichtet werden und den Laden schließen, sondern noch viel mehr die, die gar nie den Mut und die Mittel finden, sich selbständig zu machen. Die Frage ist nur, wohin ein großer Teil dieser Unselbständigen zu rechnen ist, ob sie nämlich Proletarier sind. Davon gleich nachher, wenn wir untersuchen, was unter einem Proletarier überhaupt zu verstehen ist. Trotz all solchen persönlichen Erlebnissen und Einzelwahrnehmungen dilettantischer Art ist nicht zu leugnen: die Zahl der am Kapitalismus Interessierten nimmt nicht ab, sondern sogar zu.

Was aber die Zahl der kapitalistischen Unternehmungen, der Betriebe, angeht, so kann eingeräumt werden, daß sie abnimmt; es muß nur hinzugefügt werden, daß diese Abnahme im ganzen eine so langsame und unbedeutende ist, und gar nicht die Tendenz zu rascher Progression zeigt, daß das Ende des Kapitalismus, wenn es wirklich von dieser Abnahme abhängen sollte, noch in Jahrtausenden nicht abzusehen wäre.

Die Frage des neuen Mittelstandes ist viel erörtert worden. Es ist aber gar nicht zu leugnen, daß er vorhanden ist. Es ist ja eben gar nirgends geschrieben, daß man unter Mittelstand nur selbständige Handwerker, Kaufleute, kleinere Bauern und Rentiers zu verstehen habe.

Wir können die Frage: Wer gehört zum Mittelstand? verbinden mit jener andern: Wer ist ein Proletarier? Die Marxisten möchten gerne dabei bleiben, sie klammern sich mit aller Gewalt, wie an die letzte Rettungsplanke, daran, daß sie sagen: ein Angehöriger der besitzenden Klasse sei unabhängig und im Besitz seiner Arbeitsmittel und in Verfügung seiner eigenen Kundschaft; Proletarier sei ein jeder, der abhängig, nicht im Besitz seiner Arbeitsmittel sei und nicht selbständig seinen Abnehmern gegenüberstehe. Diese Erklärung ist gar nicht mehr aufrechtzuerhalten; sie führt zu ganz grotesken Resultaten.

Ich habe vor Jahren über diese Seite der Frage in einer öffentlichen Versammlung, die in einem der größten Berliner Säle stattfand, mit Clara Zetkin debattiert und habe sie gefragt: der Besitzer dieses Saales hier ist wahrscheinlich, wie die meisten Besitzer solcher Etablissements, durchaus abhängig von der Brauerei, die ihm das Bier liefert; diese Brauerei hat Hypotheken auf seinem Grundstück; er ist für Jahre hinaus verpflichtet, nur ihr Bier auszuschenken; die Tische, die Stühle, die Gläser sind das Eigentum der Brauerei; sein Einkommen beträgt jahraus, jahrein 30000, 40000, 50000 Mark; es sind in dieser kapitalistischen Zeit Funktionen entstanden, für die die üblichen Bezeichnungen nicht ausreichen; er ist kein Angestellter, kein Agent, er ist selbständig, aber er ist nicht unabhängig; er ist nicht Eigentümer seiner Arbeitsmittel: ist er ein Proletarier? – Nicht jeder wird es gleich glauben wollen, aber ich habe darauf in der Tat die Antwort bekommen: jawohl, das sei ein Proletarier; auf die Lebenshaltung könne es nicht ankommen und auch nicht auf die gesellschaftliche Stellung, sondern nur auf das Eigentum an den Arbeitsmitteln und die Sicherheit; die Existenz aber dieses seiner Arbeitsmittel beraubten Mannes sei eine durchaus unsichere.

Ich hatte mir damals erlaubt, ganz schlicht und nicht eigentlich in wissenschaftlicher Sprache zu sagen, ein Proletarier sei, wer eine proletarische Lebenshaltung führe. Es gibt da natürlich alle möglichen Abstufungen; vom größten Elend über eine Existenz, die immer am Existenzminimum hinstreift, bis zu dem Arbeiter, der mit seiner Familie wohl oder übel leben kann, Zeiten der Arbeitslosigkeit übersteht, im großen und ganzen, ohne es zu wissen, durch Unterernährung sein Leben oder wenigstens seine und seiner Nachkommen Lebensintensitäten verkürzt und nie zu dem bescheidenen Überschuß an Einkünften gelangt, ohne den eine Teilnahme an Kunst, Schönheit, freier Heiterkeit nicht möglich ist. So nimmt alle Welt das Wort Proletarier und so nehmen auch wir es. Noch mehr aber: so und nicht anders nehmen es in Wahrheit auch die Marxisten und können denn doch gar nicht anders. Nur diese Proletarier sind nicht am Kapitalismus, sondern an einer Wandlung der Zustände interessiert (wenn sie nämlich ihre Interessen vom Standpunkt der Gesamtheit auffassen), nur von diesen Proletariern kann das Wort gesprochen sein, sie hätten nichts zu verlieren, als ihre Ketten, sie hätten eine Welt zu gewinnen.

Schon in den oberen Schichten der Arbeiterschaft gibt es Berufe, die dem Proletariat nicht mehr völlig angehören. Manche Kategorien unter den Arbeitern des Buchgewerbes, manche Bauhandwerker müßten wir trotz ihrer verhältnismäßig hohen Löhne und günstigen Arbeitszeiten wegen der großen Unsicherheit ihrer Stellung und der also immer drohenden Arbeitslosigkeit doch noch zu den Proletariern rechnen, wenn sie nicht durch ihre eigenen Einrichtungen in ihren für die Zwecke der Lebensfürsorge innerhalb des Kapitalismus nicht genug zu schätzenden Gewerkschaften dafür gesorgt hätten, daß sie auch diese Zeiten leidlich überstehen. Doch ist zuzugeben, daß das eine Grenzgattung ist; und wegen der Gefahr, in den Fällen des Unfalls, der Invalidität und des Alters doch nicht genügend vor Entblößtheit gesichert zu sein, mag man sie doch noch zum Proletariat rechnen. Dagegen ist zu sagen, daß es in andern Schichten Menschen gibt, die bitter arm sind, aber nicht Proletarier genannt werden sollten. Dahin gehören arme Schriftsteller und Künstler, Ärzte, Offiziere und dergleichen. Unter harten Entbehrungen oft haben sie oder ihre Eltern ihnen eine Form der Kultur gesichert, die sie oft nicht davor schützt, zu hungern oder hartes Brot oder die Gerichte der Volksküche zu essen; aber durch ihre äußeren Lebensgewohnheiten und ihren inneren Reichtum unterscheiden sie sich von den Proletariern und bilden, ob sie nun Einsame, Geordnete oder Zigeuner sind, eine kleine Klasse für sich, die übrigens schneller zuzunehmen scheint als das große Proletariat. Einige von ihnen versinken manchmal, wenn sie ihren inneren Halt verloren haben, in die untersten Schichten des Proletariats, werden Pennbrüder, Landstreicher, Zuhälter, Hochstapler oder Gewohnheitsverbrecher.

Unter den umfangreichen Schichten derer jedoch, die in irgendeiner Form abhängig sind, finden sich sehr viele, die durchaus keine Proletarier sind. Kein Zweifel freilich, daß sich unter den kaufmännischen Angestellten z. B. viele finden, die sich weder außen noch innen sonderlich vom Proletariat unterscheiden. Das nämliche gilt von vielen Zeichnern, Technikern und dergleichen. Die Subalternbeamten bilden wieder eine Gattung für sich; sie sind von innen her mehr Sklaven als Proletarier zu nennen. Zu welcher Gattung die Partei- und Gewerkschaftsbeamten gehören, bleibe unerledigt; sie kommen mehr durch ihren Einfluß als durch ihre Zahl in Betracht.

Nun haben wir aber eine große, eigentlich wachsende Zahl von solchen, die ohne Zweifel einen neuen Mittelstand bilden, sofern sie nicht zu den Wohlhabenden gehören. Kaufmännische Angestellte, Filial- und Abteilungsleiter, Direktoren und Generaldirektoren, Ingenieure und Oberingenieure, Agenten, Vertreter gehören dazu. Sie sind alle dergestalt am Kapitalismus beteiligt, daß weder mit ihrer Proletarisierung noch mit ihrer Revolutionierung auf Grund ihrer materiellen Lage und der durch diese bedingten Gesinnung zu rechnen ist. Nur um solche „Proletarier“ aber kann es sich für den Marxismus handeln; die Tatsache, daß es Ausnahmsmenschen oder Massen von Menschen in einer Ausnahmsverfassung gibt, wo es sich dann gar nicht mehr um eine so direkte, mechanische Beziehung von Gesinnung und Wollen zur äußern Lage handelt, läßt gerade der Marxismus außer acht und soll erst von uns wieder betont werden.

Aber die Unsicherheit! Da ist zu sagen, daß die Unsicherheit für alle Angehörigen der kapitalistischen Gesellschaft besteht. Wir müssen eben da den Grad unterscheiden. Wir sprechen ja aber auch von bestimmten Schichten, die am Kapitalismus besonders interessiert sind und nennen sie in abgekürzter Redeweise Kapitalisten, während in Wahrheit wir alle ohne die geringste Ausnahme, solange der Kapitalismus besteht, an ihm beteiligt, in ihn verwoben und in Wahrheit kapitalistisch tätig sind, die Proletarier nicht ausgeschlossen. So müssen wir auch hinsichtlich der Sicherheit läßlich unterscheiden und keine feste, sondern nur schwankende Grenzen ziehen, da es sich nicht um abstrakte Gebilde, sondern um geschichtlich gegebene Wirklichkeiten handelt. Für die vielen, die wir trotz ihrer Abhängigkeit, obwohl sie nicht über eigene Arbeitsmittel und eigene Kundschaft verfügen, zum neuen Mittelstand oder zu den Schichten der Begüterten rechnen, besteht eben normalerweise die Unsicherheit nur theoretisch, der nicht zu leugnenden Möglichkeit nach, wird aber nur ausnahmsweise praktisch. Da die Marxisten aber in Wahrheit gar nicht Haarspaltereien treiben und Begriffe aufstellen, sondern ihren Erwartungen über Schicksal und Verhalten bestimmter Schichten einen in wissenschaftlicher Sprache gekleideten allgemeinen Ausdruck verleihen wollen, dürfen sie, wenn sie nicht lieber sich und ihre eigenen Wünsche betrügen und falsche Theorien bis zum letzten verteidigen wollen, nach den Aufklärungen, die ihnen geworden sind, gar nicht mehr leugnen, daß es eine sehr in Betracht kommende, langsam steigende Zahl Abhängige und Unselbständige gibt, die, alles in allem gerechnet, in ihrer Gesamtheit nie in Gefahr kommen, Proletarier zu werden.

Es scheint also jetzt schon, daß es um die Prophezeiungen der Marxisten übel steht. Und doch kann eingeräumt werden: sie waren einmal so wahr, wie ein Prophetenwort nur wahr sein kann. Karl Marx war, obwohl er nur in seltenen Augenblicken der Erhöhung die echte Propheten- und Dichtersprache, meistens aber die Rede der Wissenschaft und nicht selten der wissenschaftlichen Gaukelei geführt hat, doch damals, als er zuerst auf Grund seiner Betrachtung des noch jugendlichen Kapitalismus seine Gedanken faßte und aussprach, ein echter Prophet. Das heißt aber: er war ein Warner. Er verkündete die Zukunft, die gekommen wäre, wenn es bei dem geblieben wäre, was er vor sich sah. Und auch insofern war er ein echter Prophet, einer von denen, die nicht bloß Warner, sondern auch Wirker sind, daß er selbst erheblich dazu beitrug, daß es nicht bei dem blieb, was seine Augen vor sich sahen, daß seine Warnungen Folgen hatten und daß es anders gekommen ist. Seine Worte sagten, ohne daß er es so wußte: Ihr Kapitalisten, wenn es so weitergeht mit der rasenden Ausbeutung, der schnellen Proletarisierung, der wilden Konkurrenz unter euch selbst, wenn ihr euch immer weiter so gegenseitig auffreßt, ins Proletariat stoßt und die Betriebe zusammenzieht, in ihrer Gesamtheit verringert, die einzelnen immer mehr vergrößert, dann muß es ein schnelles Ende nehmen!

Es ist aber eben nicht so weitergegangen. Der Kapitalismus hat eine solche weitverzweigte Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse geschaffen, so viel teuren, mittleren, billigen und Schundluxus zu befriedigen bekommen, die großen Industrien haben einen solchen Bedarf an Hilfsindustrien ins Leben gerufen, daß gar keine Form der Technik entbehrlich geworden ist, daß ganz neue Arten z. B. der Haus- und Dorfindustrien, der kleinen und mittleren Betriebe entstanden sind, daß selbst die Zahl der Hausierer und der Detailreisenden sich nicht vermindert hat, daß auch die Spezialgeschäfte, die kleinen und mittleren Verkaufsgeschäfte zwar auf manchen Gebieten verdrängt werden, dafür aber auf andern neue Möglichkeiten finden.

Mit dem Konkurrenzkampf ist es keineswegs nach dem abstrakten Schema oder der poetisch gesteigerten Verzweiflung immer schlimmer gekommen; wir sind noch mitten in der großen Bewegung der Vertrustung und Syndikalisierung, die zwar ohne Frage manchen kleinen Betrieben die Kundschaft und die Existenz nimmt, aber denn doch dafür sorgt, daß viele mittlere, große und ganz große ihre Gegenseitigkeit erkannt haben und sich gegen die Konsumenten verbünden, anstatt sich untereinander im Wettlauf um die Konsumenten totzurennen. Und wir sehen auch, wie die Kleinen von ihnen lernen und ihre Vereine und Genossenschaften bilden, um sich behaupten zu können. Die Vereinigungen der selbständigen Tischler haben ihre großen Ausstellungsräume und konkurrieren mit dem Großunternehmer; die kleineren Kaufleute schließen sich zu Einkaufsringen oder zur Festsetzung von Einheitspreisen zusammen. Der Kapitalismus bewährt überall seine Lebendigkeit; und statt daß seine Formen in den Sozialismus überleiten, benutzt er im Gegenteil die echt sozialistische Form der Genossenschaft, der Gegenseitigkeit für seine Zwecke der Ausbeutung der Konsumenten und des Marktmonopols.

Auch auf den Wegen der staatlichen Gesetzgebung ist dafür gesorgt worden, daß der Kapitalismus in den einzelnen Ländern recht kräftig am Leben blieb. Wie die Syndikate im Innern eines Landes dafür Sorge tragen, daß Unterbietung unterbleibt und Schmutzkonkurrenz nicht aufkommt, sorgt die Zollpolitik dafür, daß der Kapitalismus des einen Landes den des andern nicht niederringen kann; immer mehr geht die Tendenz der nationalen Zollgesetzgebungen und internationalen Abmachungen dahin, für die Gleichheit der Bedingungen auf dem Weltmarkt zu sorgen. Diese Gleichheit der Bedingungen war im System des Freihandels nur scheinbar gegeben, weil die Bevölkerungen, die Lohnverhältnisse, die Zivilisationen, die Techniken, die Naturbedingungen und die Preise und Mengen der verfügbaren Rohstoffe in den einzelnen Ländern nicht gleich sind; die Zollpolitik hat die Tendenz, tatsächliche Ungleichheiten durch künstliche Regulationen auszugleichen. Das ist erst in den Anfängen; vorläufig geht es auf diesem Gebiet noch barbarisch zu; jeder Staat sucht noch seine momentane Macht auszunutzen; aber wohin die Tendenz geht, merkt man schon deutlich.

Der Staat hat übrigens auch sonst überall mehr oder weniger dafür gesorgt, daß die schlimmsten Schärfen des Kapitalismus abgeschliffen wurden. Man nennt das Sozialpolitik. Ohne Frage haben die Arbeiterschutzgesetze gegen die wüstesten Auswüchse des Kapitalismus, die Kinder- und Jugendlichenausbeutung, gewisse Sicherungen geschaffen; und auch sonst ist durch staatliches Eingreifen, Reglementieren und Vorsorgen die Lage der Proletarier im Kapitalismus und damit die Lage des Kapitalismus gebessert worden. Eben diese Wirkung haben auch die Arbeiterversicherungsgesetze, zumal für den Fall der Krankheit gehabt.

Wichtiger aber noch als diese tatsächlichen Wirkungen für den Kapitalismus waren die moralischen Ergebnisse dieser Gesetzgebung. Sie hat für die Masse nicht nur der Proletarier, sondern auch der Politiker die Unterschiede zwischen ihrem Zukunftsstaat und dem Gegenwartsstaat verwischt. Der Staat eroberte sich und seiner Polizei eine neue Machtsphäre: die Inspektion über die Fabriken, die Vermittlung zwischen Arbeitern und Unternehmern, die Sorge für kranke, alte, invalide Proletarier, den Schutz gegen die Gefahren des Betriebs nicht nur, sondern der abhängigen und unsicheren Lage. Die landesväterliche Haltung des Staates, das kindliche Vertrauen zum Staat und seiner Gesetzgebung ist gestärkt und gesteigert worden. Die revolutionäre Stimmung in den Massen und den politischen Partelen ist wesentlich geschwächt worden.

Was die Unternehmer selbst taten, was der Staat besorgte, das förderten nun auch die Proletarier selbst nicht bloß durch ihre politische Mitarbeit an der staatlichen Gesetzgebung, sondern durch die Einrichtungen, die sie sich in eigener Solidarität schufen. Nicht umsonst haben Marx und Engels ursprünglich gar nichts von den Gewerkschaften wissen wollen. Sie hielten die Berufsverbände für nutzlose, schädliche Überreste aus der Zeit des Kleinbürgertums. Sie ahnten wohl auch, welche Rolle die Solidarität der Arbeiter als Produzenten zum Nutzen der kapitalistischen Bestandsicherheit einmal spielen könnte. Aber sie konnten es keineswegs aufhalten, daß die Arbeiter sich nicht als von der Vorsehung erkorene Erlöser und Verwirklicher des Sozialismus gebärdeten, sondern als solche, die auch nur ein Leben haben und dieses Leben, das sie innerhalb des Kapitalismus zu führen genötigt sind, wohl oder übel so gut als möglich zu gestalten suchen. So schützen sich denn also die Arbeiter durch ihr Kassenwesen für den Fall der Arbeitslosigkeit, der Wanderschaft, der Krankheit, manchmal auch des Alters und der plötzlichen Sterbefälle gegen die Not. Sie sorgen, wo sie gegen die Arbeitsnachweise der Unternehmer oder der Gemeinden oder privater Stellenvermittler aufkommen können, für schnelle und ihren Interessen entsprechende Arbeitsvermittlung. Sie haben angefangen, durch Tarifverträge, die beide Teile für längere Fristen binden, zwischen Unternehmern und Arbeitern gesicherte Beziehungen zu schaffen. Sie haben sich von der Wirklichkeit und den Erfordernissen der Gegenwart treiben lassen und sind durch keinerlei Theorien und Parteiprogramme davon abzubringen gewesen. Die Parteiprogramme und Theorien haben vielmehr dem folgen müssen, was die Wirklichkeit des kapitalistischen Arbeitsverhältnisses an Auskunftsmitteln geschaffen hat. Allerlei Doktrinäre und Idealisten, aus verschiedenen Lagern, wollen die Arbeiter daran verhindern, durch zweckmäßige Behelfe für ihre armselige und öde Gegenwart zu sorgen; aber das kann natürlich keinen Erfolg haben. Die Arbeiter lassen es sich gerne in Massen gefallen, daß man sie in schmeichlerischen und anbetenden Worten als die revolutionäre Klasse bezeichnet; aber man macht sie damit nicht zu Revolutionären. Revolutionäre gibt es nur in Massen, wenn es eine Revolution gibt; einer der schlimmsten Irrtümer der Marxisten, mögen sie sich Sozialdemokraten oder Anarchisten nennen, ist die Meinung, auf dem Wege über Revolutionäre könne man zur Revolution kommen, während man umgekehrt nur auf dem Wege der Revolution zu Revolutionären kommt. Ein paar Jahrzehnte lang Reinkulturen von Revolutionären schaffen, vermehren und beisammen halten wollen, um sie für den Fall der Revolution doch einmal sicher in der rechten Zahl zu haben, ist ein echt deutscher, kindisch pedantischer und schulmeisterlicher Einfall. Um die Revolutionäre braucht man nicht bange zu sein; sie entstehen wirklich in einer Art Urzeugung – wenn nämlich die Revolution kommt. Damit die Revolution, ein gestaltendes Neue aber kommt, müssen die neuen Bedingungen geschaffen werden.

Am besten werden sie von Unbefangenen geschaffen, von denen, die man wohl Optimisten nennt (obwohl sie es nicht zu sein brauchen), von solchen, die es noch gar nicht für ausgemacht halten, daß es zur Revolution kommen muß, die so innig von der Notwendigkeit und Gerechtigkeit ihrer neuen Sache erfüllt sind, daß sie Hindernisse und Gefahren gar nicht als unüberwindlich und unvermeidlich sehen.

Von solchen, die nicht die Revolution, im besten Falle ein Mittel, wollen, sondern eine bestimmte Wirklichkeit, die ihr Ziel ist. Geschichtliche Erinnerungen können Schlimmes zustande bringen, wenn Menschen sich etwa als alte Römer oder Jakobiner drapieren, während sie ganz andere Aufgaben zu vollbringen haben; aber noch schlimmer ist diese Sorte Geschichtswissenschaft, die der verhegelte Marxismus gebracht hat. Wer weiß, wie lange wir schon die Revolution hinter uns hätten, wenn wir gar nie an eine bevorstehende gedacht hätten. Der Marxismus hat uns eine Art Gang gebracht, die an keine der vorhandenen Schrittarten erinnert, nicht einmal an die Echternacher Springprozession, bei der man immer zwei Schritte vorwärts und einen zurückspringt, wobei es also doch immer noch eine Vorwärtsbewegung gibt. Beim Marxismus aber macht man zielbewußte Scheinbewegungen dem Ziele der Revolution zu und entfernt sich gerade dadurch immer mehr von ihr. Es stellt sich heraus, daß das Insaugefassen der Revolution in seinem Ergebnis immer dem Bangen vor ihr gleichkommt. Es ist zu raten, beim eigenen Handeln nicht an das, was verhängt sein kann, zu denken, sondern an das, was zu tun ist. Die Forderung des Tages ist zu erfüllen: gerade von denen, die recht weithin, recht grundlegend und grundstürzend das Werk ihres Herzens, ihrer Sehnsucht, ihrer Gerechtigkeit und ihrer Phantasie bauen wollen.

Ganz anderes freilich müssen sie bauen, als die Flickwerke am Kapitalismus, wie wir sie, als Unternehmungen der Unternehmer, des Staats und der Arbeiter selbst, in diesen letzten Jahrzehnten beobachtet und jetzt eben in ihrem Zusammenhang schnell vorgeführt haben.

In diesen Zusammenhang hinein gehört auch der Kampf der Arbeiter in ihren Produzentenorganisationen, den Gewerkschaften, zur Verbesserung ihrer Lebenslage und ihrer Arbeitsbedingungen. Wir haben gesehen, wie die Arbeiter als Produzenten, durch ihr Kassenwesen, regulierend in das eingreifen, was die Marxisten als Verhängnis und unabwendbar bezeichnen. Daneben ist aber eine Hauptaufgabe der Gewerkschaften immer noch der Kampf um höhere Löhne und Verkürzung der Arbeitszeiten auf den Wegen der Unterhandlung und des Streiks.

In dem Kampf um die Erhöhung der Löhne handelt es sich in Wahrheit um den Kampf einzelner, wenn auch vieler und geschlossen auftretender Produzenten gegen die Gesamtheit der Konsumenten; und, da jeder einmal in diesen Produzentenkampf eintritt: um den Kampf der Arbeiter gegen sich selbst. Die Arbeiter und ihre Organisationen sind in durchaus dilettantischer Art geneigt, das Geld, den Lohn, den sie empfangen, für eine absolute Größe zu nehmen. Es ist kein Zweifel, daß 5 Mark mehr sind als 3 Mark; und so ist es dem Arbeiter freilich zu gönnen und nachzufühlen, daß er sich freut, daß er gestern nur 3 Mark, von heute ab aber 5 Mark Arbeitslohn täglich empfängt. Die Frage ist nur, ob er heut übers Jahr und über 3, 5, 10 Jahre auch noch Grund zum Vergnügen hat. Denn Geld ist nur der Ausdruck der Beziehungen der Preise und Löhne zueinander; es kommt alles auf die Kaufkraft des Geldes an.

Selbstverständlich werden aber durch die Erhöhung der Löhne, genau ebenso wie durch andere Steuern und Zölle, die Preise der Waren erhöht. Natürlich ist nun der Klavierarbeiter geneigt, folgendermaßen zu argumentieren: Was liegt mir viel daran, daß die Klaviere teurer geworden sind! Ich bekomme höheren Lohn und kaufe mir kein Klavier, sondern Brot, Fleisch, Kleider, Wohnung usw. Und selbst der Weber z. B. kann sagen: Wenn auch die Stoffe, die ich kaufen muß, teurer werden; ich habe nur einen kleinen Teil meines Bedarfs verteuert, habe aber meinen ganzen Lohn, mit dem ich meinen ganzen Bedarf decke, vergrößert.

Die Antwort auf diese und alle ähnlichen Einwendungen des privaten Egoismus sei gleich in der grundsätzlichen, umfassenden Form gegeben, die wir P. J.Proudhon verdanken. „Was in ökonomischen Dingen für den einfachen Privatmann Geltung hat, wird in dem Augenblick falsch, wo man es auf die ganze Gesellschaft ausdehnen will.“

Die Arbeiter benehmen sich in ihren Lohnkämpfen durchaus, wie sie sich als Teilhaber der kapitalistischen Gesellschaft benehmen müssen: als Egoisten, die mit dem Ellbogen kämpfen, und, da sie allein nichts ausrichten könnten, als organisierte, vereinigte Egoisten. Organisiert und vereinigt sind sie als Branchengenossen. Alle diese Branchenvereinigungen zusammen bilden die Gesamtheit der Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten für den kapitalistischen Warenmarkt. In dieser Rolle führen sie einen Kampf, wie sie meinen, gegen die kapitalistischen Unternehmer, in Wahrheit aber gegen sich selbst in ihrer Wirklichkeit als Konsumenten.

Der sogenannte Kapitalist ist nicht eine feste, greifbare Gestalt: er ist ein Vermittler, an dem freilich viel hängen bleibt, aber die Hiebe, die ihm der als Produzent kämpfende Arbeiter versetzen will, bleiben nicht an ihm hängen. Der Arbeiter schlägt zu, schlägt wie durch ein durchlässiges Scheingebilde hindurch und trifft sich selbst.

In den Kämpfen innerhalb des Kapitalismus können die immer nur wirkliche Siege, d.h. bleibende Vorteile erringen, die als Kapitalisten kämpfen. Ist ein Ingenieur, ein Direktor, ein kaufmännischer Angestellter seinem Chef oder seiner Aktiengesellschaft vermöge seiner persönlichen Tüchtigkeit oder seines Wissens um Geschäftsgeheimnisse unentbehrlich, so kann er etwa eines Tages sagen: Bisher habe ich 20000 M. Gehalt, gib mir 100000, sonst gehe ich zur Konkurrenz! Wenn er das durchsetzt, hat er vielleicht für die Zeit seines Lebens einen endgültigen Sieg errungen; er ist als Kapitalist vorgegangen; Egoismus hat mit Egoismus gekämpft. So kann auch manchmal ein einzelner Arbeiter sich unentbehrlich machen, seine Lebenshaltung verbessern oder ganz in den Bezirk des Reichtums eingehen. Sowie die Arbeiter aber in ihren Gewerkschaften kämpfen, machen sie sich zu Nummern, deren jede persönlich bedeutungslos ist. Sie akzeptieren damit ihre Rolle als Maschinenteile, sie agieren nur noch als Teile der Gesamtheit und die Gesamtheit reagiert gegen sie.

Die Arbeiter bewirken also durch ihren Produzentenkampf eine Verteuerung der Herstellung aller Artikel. Diese Verteuerung, auch wenn es sich zum Teil um Luxusartikel handelt, bewirkt doch eine Erhöhung der Preise vor allem in den Artikeln des notwendigen Massenbedarfs. Und zwar nicht eine verhältnismäßige, sondern eine unverhältnismäßige Erhöhung. Bei steigenden Löhnen steigen die Preise unverhältnismäßig hoch; bei sinkenden Löhnen dagegen sinken die Preise unverhältnismäßig langsam und wenig.

Es ergibt sich: auf die Dauer und im Ganzen muß der Kampf der Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten die Arbeiter in ihrer Wirklichkeit als Konsumenten schädigen.

Hier wird nicht im geringsten gesagt, die ungemeine Verteuerung des Lebens, die Erschwerung des Lebens für viele komme ganz oder auch nur zur Hauptsache auf Rechnung der Arbeiter selbst. Es hat viel zusammengewirkt, und immer war der Egoismus schuld, der keine Gesamtwirtschaft und damit keine Kultur kennt. Einer dieser Faktoren war der Kampf der Produzenten, die sich mit diesem Kampf ausdrücklich darein gefunden haben, Glieder des Kapitalismus, aber auf seiner untersten Stufe zu sein. Alles, was die Kapitalisten als Kapitalisten tun, ist gemein; was die Arbeiter als Kapitalisten tun, ist proletarisch gemein. Natürlich ist damit nur gesagt, daß sie sich in eine gemeine Rolle gefunden haben; das ändert nichts daran, daß sie außerhalb und innerhalb dieser Rolle brav, wacker, edelmütig, heldenhaft sein können. Auch Räuber können heldenhaft sein; die Arbeiter aber in ihrem Kampfe um Lohn- und Preiserhöhung sind Räuber, ohne es zu wissen, Räuber an sich selbst.

Man wird bemerken wollen, die Gewerkschaften kämpften mit den Streiks gar nicht bloß um Lohnerhöhung, sondern auch um Verkürzung der Arbeitszeit, aus Solidarität mit Gemaßregelten, um ihre Arbeitsnachweise usw. Darauf ist zu erwidern, daß in diesem Zusammenhang aber lediglich von der Wirkung der Lohnerhöhung die Rede sein sollte, und daß der uns seltsam mißverstehen würde, der meinte, es solle hier ein Kampf gegen die Gewerkschaften geführt werden. O nein! Es wird anerkannt, daß die Gewerkschaft eine durchaus notwendige Organisation innerhalb des Kapitalismus ist. Man verstehe doch endlich, was hier überhaupt gesagt wird.

Hier wird anerkannt, daß die Arbeiter nicht eine revolutionäre Klasse, sondern ein Haufen armer Schlucker sind, die im Kapitalismus leben und sterben müssen. Hier wird zugegeben, daß für den Arbeiter die „Sozialpolitik“ des Staats, der Gemeinden, die proletarische Politik der Arbeiterpartei, der proletarische Kampf der Gewerkschaften, das Kassenwesen der Gewerkschaften Notwendigkeiten sind. Es wird auch eingeräumt, daß die armen Arbeiter gar nicht immer in der Lage sind, die Interessen der Gesamtheit, auch nur der Gesamtheit der Arbeiterschaft zu wahren. Die Branchen müssen ihren egoistischen Kampf führen; denn jede Branche ist ja gegenüber allen andern eine Minderheit und muß sich angesichts der steigenden Verteuerung der Lebensmittel ihrer Haut wehren.

Aber alles, was hier anerkannt, zugegeben, eingeräumt wird, sind lauter Schläge für den Marxismus, der ja die Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten nicht als die armselige unterste Stufe des Kapitalismus, sondern als die vom Schicksal erkorenen Träger der Revolution und des Sozialismus auffassen will.

Dagegen wird hier gesagt: nein. All diese Dinge sind im Kapitalismus notwendig, solange es die Arbeiter nicht verstehen, aus dem Kapitalismus auszutreten. Aber es führt das alles nur immer im zwingenden Kreise des Kapitalismus herum; es kann alles, was innerhalb der kapitalistischen Produktion geschieht, nur immer tiefer in sie hinein, aber nie aus ihr herausführen.

Wir wollen dieselbe Sache noch einmal kurz von einer andern Seite betrachten. Die Kapitalisten begehen, wie Marx und andere ausführlich und in vielen wertvollen Einzeldarstellungen gezeigt haben, gegen die Arbeiter eine Erpressung: ihr habt, sagen sie durch die Tat, keine Arbeitsmittel und Werkstätten und Betriebsmittel, ihr seid in großer Zahl da, oft mehr als wir brauchen: arbeitet für den Lohn, den wir bieten.

Solange die Kapitalisten bloß einig sind – ohne dafür einer Vereinbarung zu bedürfen – in diesem Verhalten gegen die Arbeiter, unter einander aber national und international in heftiger Konkurrenz liegen, ergeben sich aus diesen zwei Tatsachenreihen: niedrige Löhne und billige Preise. Vereinigen sich nun die Arbeiter, um notgedrungen und rechtmäßig mit der Erpressung zu antworten: wir arbeiten alle nicht, wenn ihr nicht höhere Löhne zahlt, dann ergeben sich: höhere Löhne und teure Preise. Vereinigen sich dem gegenüber nun wieder die Kapitalisten, erstens zur gegenseitigen Unterstützung und Versicherung gegen die Pression der Arbeiter, zweitens zu Kartellen zwecks Preisfestsetzung, so wird die Erhöhung der Löhne sogar immer schwerer, die Erhöhung der Preise immer leichter vor sich gehen. Dazu kommt noch die Sicherung gegen billige ausländische Konkurrenz durch Zölle;manchmal auch Einfuhr billiger, anspruchsloser Arbeitskräfte aus dem Ausland oder wenigstens vom Lande, oder auch Ersatz der männlichen Arbeiter durch weibliche, der gelernten durch ungelernte, der Handarbeit durch Maschinenarbeit. Man sieht, der Kapitalismus ist allewege im Vorteil, solange die Arbeiter bloß auf die Löhne, aber nicht auch zugleich auf die Preise Einfluß üben können.

Wenn daher die Arbeiter in ihrer Rolle als Produzenten für den kapitalistischen Warenmarkt bleiben, aber trotzdem radikal ihre Lage verbessern, d. h. dem Kapital einen Teil seiner Erträge nehmen, für sich nehmen wollen, bleibt ihnen nichts übrig, als auf möglichst hohe Löhne und möglichst niedrige Preise zugleich abzuzielen. Auf dem Wege der Selbsthilfe können sie bis zu einem gewissen Grade auch innerhalb des Kapitalismus in dieser Richtung vorgehen: wenn sie eine Organisationsform des Sozialismus, die Genossenschaft, in den Dienst ihres Konsums stellen und so für einen Teil ihrer Lebensbedürfnisse – auf den Gebieten der Nahrung, Wohnung, Kleidung, Hauswirtschaft, usw. – einen Teil des Zwischenhandels ausschalten. So haben die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter mit relativ hohen Löhnen Aussicht, einen Teil ihrer Erfolge wirklich zu genießen, wenn sie ihre Bedürfnisse in ihren Konsumgenossenschaften (auch Wohnungsgenossenschaften sind Konsumgenossenschaften) zu relativ niedrigen Preisen decken.

Ein anderer, radikalerer Weg zur Oberleitung eines Teils der kapitalistischen Erträge in die Hände der Arbeiter, d. h. zur Vermögenskonfiskation ist die gleichzeitige Festsetzung von Minimallöhnen und Maximalpreisen durch die Gesetzgebung des Staats oder der Gemeinde. Das war das Mittel der mittelalterlichen Kommunen und es ist auch – ohne rechten Erfolg – in der französischen Revolution mehr vorgeschlagen als wirklich versucht worden. Sehen wir von der Kommunalpolitik des Mittelalters ab, wo es sich um ganz andere Verhältnisse, um wirkliche Kultur und Gemeinschaft gehandelt hat, so ist zu sagen: solche Vermögenskonfiskation ist revolutionäre Klassenpolitik, die sich vielleicht in gewaltsamen Übergangszeiten vorübergehend empfiehlt, ist aber höchstens ein Stückchen Weg zum Sozialismus, ist nicht Sozialismus, da Sozialismus eben nicht eine gewalttätige Operation, sondern bleibende Gesundheit ist.

Auf beiden Wegen – dem der Verquickung von Gewerkschaftslohn und Genossenschaftspreis und dem der gleichzeitigen Festsetzung von hohen Löhnen und niedrigen Preisen – liegt aber eine dilettantische und nur übergangsmäßige Vermengung von Kapitalismus und Sozialismus vor. Die Organisation des Konsums ist ein Anfang des Sozialismus; der Kampf der Produzenten ist eine Verfallserscheinung des Kapitalismus. Hohe Löhne und niedrige Preise in ihrer Gleichzeitigkeit sind eine erschreckende Unstimmigkeit, und eine kapitalistische Gesellschaft könnte die gleichzeitige Wirkung einer starken Gewerkschafts- und geschlossenen Konsumgenossenschaftsbewegung ebensowenig aushalten wie die obrigkeitliche Anbefehlung von hohen Löhnen und niedrigen Preisen.

Solcher Zwangskurs des Geldes – um nichts anderes handelte es sich in beiden Fällen – würde eine furchtbare Explosion vorbereiten und wäre der Anfang des Staats- und Gesellschaftsbankrotts.

Das könnte einen Wink für Gewaltrevolutionäre abgeben; aber selbstverständlich würde auch diesmal der Kapitalismus sich seiner Haut wehren: wir sehen ja auch heute, wie Gewerkschafts- und Genossenschaftsbewegung mit scheelen Augen betrachtet werden. Die eine ist immer das Element der revolutionären Beunruhigung und hat die Tendenz zum Generalstreik in sich; die andere ist ein wenn auch überaus bescheidener und seiner selbst nicht bewußter Anfang zum Sozialismus. Würden sie stärker um sich greifen und sich ihrer Zusammengehörigkeit bewußt werden, so wäre eine so erstickende Stockung in bedrohlicher Nähe, daß ein Ventil geöffnet und die Koalition auf beiden wirtschaftlichen Gebieten eingeschränkt oder unmöglich gemacht werden würde.

Bei hohen Löhnen und niedrigen Preisen ist jeder Gesellschaft das Leben unmöglich gemacht; genauso unmöglich wie bei niedrigen Löhnen und hohen Preisen. In Zeiten des relativen Friedens werden es sich Kapitalisten und Arbeiter in ihrem verblendeten Privategoismus nicht nehmen lassen, für hohe Preise und hohe Gehälter und Löhne zu sorgen und damit die Luxusgier und Unbefriedigung, die Unlust des Lebens, die Schwierigkeit der Geldbeschaffung, die Stockung, die chronische Krise und den trägen Umlauf immer mehr ins Werk zu setzen; im Zeitpunkt der Revolution wird die Tendenz, die Proudhon anno 48 so großartig, wenn auch erfolglos propagiert hat: niedrige Preise! niedrige Bezüge! niedrige Löhne! hoffentlich das nächste Mal durchdringen. Sie würde Freiheit, Beweglichkeit, heitere Laune, rascheren Umlauf, Leichtigkeit des Lebens, bescheidene Freuden, schlichte Harmlosigkeit im Gefolge haben.

Man darf übrigens die Voraussage, was Staat und Kapitalismus tun würden, tun müßten, wenn sie von dem abnormen Verein einer starken Produzenten- und Konsumentenbewegung bedrängt würden, durchaus nicht so verstehen, als ob sie eine Warnung an die Adresse der Arbeiter sei, nach dem beliebten Muster: Was sollen wir erst anfangen? der Staat wird’s ja doch verbieten! Solche Warnung ist nicht unsre Art und unser Amt. Mag immerhin zu vermuten sein, daß andre tun, was ihrer Rolle entspricht; das kann abgewartet werden und braucht einen nicht zu kümmern. Wer also die Aufgabe zu haben glaubt, dafür zu sorgen, daß die Kapitalisten immer weniger von den Arbeitern einnehmen und immer mehr an die Arbeiter ausgeben, hat nun von uns erfahren, daß dafür eine starke Konsumorganisation im Verein mit einem sich durchsetzenden Gewerkschaftskampf die gebotene Waffe ist. Denn auf das Gegenstück, die behördliche Lohn- und Preisfestsetzung wird kaum einer große Hoffnungen setzen wollen und ebensowenig auf einen Versuch, der ja auch hierher gehörte: den Einkommensüberschuß der Kapitalisten durch die Steuer konfiszieren und ihn durch geeignete Mittel ins Proletariat, etwa in die Arbeiterassoziationen fließen zu lassen. Das ist ebenfalls ein lediglich revolutionäres Mittel, das pfuscherhaft und dilettantisch ist und zu dem man nur ganz vorübergehend im Übergang seine Zuflucht nehmen könnte. Ähnliches ist ja denn auch ohne Erfolg in der Konventszeit hie und da versucht und auch bald nach 1848 von Herrn von Girardin in Frankreich vorgeschlagen worden. Auch Lassalles politisches Treiben und Drängen bewegte sich in dieser Richtung.

Wir also warnen nicht vor dem eigentümlichen Versuch, durch eine Verquickung von Revolution und Sozialismus, von Kampf und Aufbau die Stockung und Verstopfung in die Gesellschaft zu bringen. Wir müssen nur sagen, daß es heute noch lange nicht soweit ist und daß die Konsumgenossenschaften, wie wir sie heute haben, die ein kümmerlicher Anfang des Sozialismus sind, ohne es zu wissen, nicht im geringsten dazu angetan sind, dem Kapitalismus irgendwie ernsthaft die Preise zu verderben oder die Abnehmer zu nehmen. Das also ist vor allem die Aufgabe derer, die zum Sozialismus aufrufen: zu sagen, daß der Sozialismus beginnen muß, um zu kommen, daß er beim Konsum einzig und allein beginnen kann. Davon bald. Hier war die Aufgabe, zu zeigen, daß aller einseitige Kampf und alle Betätigung auf dem Gebiete der kapitalistischen Produktion, alles Vorgehen also der Produzenten ein Stück Geschichte des Kapitalismus ist und nichts überdies.

Weil wir aber doch schon dahin gekommen sind, die Betätigung der Produzenten in den Gewerkschaften, die wirtschaftliche Selbsthilfe der Arbeiter und ihren dadurch erzielten Druck zum Behuf gesetzlicher Regulierungen auf den Staat zu beschreiben und zu kritisieren, soll auch noch auf zwei andere wichtige Aufgaben dieser Organisationen und ihre Kämpfe kurz eingegangen werden. Hauptaufgaben der Gewerkschaften sind noch die Durchsetzung der Verkürzung der Arbeitszeiten und eine Änderung im Lohnwesen, die damit doch wohl in inniger Verbindung steht, nämlich der Ersatz des Stück- und Akkordlohns durch den Taglohn. Der Stück- und Akkordlohn ist eine Bezahlung nach dem Verhältnis der Arbeit zur Menge und Qualität des erzielten Produkts.

Es ist zu sagen, daß man in einer gerechten Tauschwirtschaft immer wieder auf diese An des Arbeitslohnes zurückkommen wird; daß es aber in einer Gesellschaft der Ungerechtigkeit gegen den Menschen, der Vernachlässigung seiner notwendigsten Bedürfnisse kaum Schlimmeres geben kann als die Verschärfung dieser Ungerechtigkeit durch die Gerechtigkeit gegen die Sachen. Unter dem Regiment des Kapitalismus kann es der Arbeiter nicht ertragen, daß irgendein anderes Prinzip sein Einkommen bestimmt als sein Bedürfnis. Da es nun zum Bedürfnis seines Leibes und Lebens nicht nur gehört, so viel Lohn zu erhalten, daß er und seine Familie existieren können, sondern auch, daß er sich nicht durch übermäßige Arbeitszeiten um Gesundheit, Schlaf und Muße bringt, bietet ihm sein Kampf um Verkürzung der Arbeitszeit einen neuen Grund, sich gegen Stück- und Akkordlohn zu wehren: denn die Verkürzung der Arbeitszeit soll sein Einkommen nicht verringern und soll ihn nicht zu maßloser Steigerung der Intensität der Arbeit nötigen. Darum übrigens ist es auch bedenklich, daß in manchen Berufen, z. B. in denen des Baugewerbes nicht ein Taglohn, sondern ein Stundenlohn bezahlt wird; die Arbeiter sind dadurch genötigt, bei jedem Kampf um Verkürzung der Arbeitszeit gleichzeitig um Erhöhung des Stundenlohns zu kämpfen, und oft geht ein solcher Streit mit einem Kompromiß zu Ende: sie erreichen das eine und müssen im andern nachgeben, verkürzen also z. B. gleichzeitig ihre Arbeitszeit und ihr tatsächliches Einkommen. Darum müßten die Arbeiter überall unterm Kapitalismus nicht nur den Stück- und Akkordlohn, sondern auch den Stundenlohn bekämpfen. Taglohn! muß die Forderung des kapitalistischen Arbeiters sein. In ihr kommt für jeden, der ein Ohr für die Stimme der Kultur oder der Niedrigkeit hat, mit scharfer Deutlichkeit zum Ausdruck, daß der Arbeiter kein freier Mann ist, der auf den Markt des Lebens tritt und Güter tauscht, sondern daß er ein Sklave ist, dem der Lebensunterhalt vom Herrn gewährt und von der Gesellschaft garantiert werden muß. Unter dem Regiment des Taglohns besteht kein ausgesprochenes Verhältnis der Arbeit zu der Menge und Qualität ihrer Produkte, besteht nicht Tausch gegen Tausch; es besteht nur die Notdurft, die nach Unterhalt begehrt. Auch hier also wieder sehen wir: der Arbeiter muß in der kapitalistischen Welt für eine kapitalistische, für eine kulturwidrige Einrichtung eintreten, um der Erhaltung seiner Existenz willen; die Not und die Rolle als Produzent machen ihn zum Helfershelfer und zum Leibeigenen des Kapitalismus.