Professor produziert Wissenschafts-fake

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Ja, die Pandemie-Situation hat sehr vielen Menschen arg zugesetzt. So offenbar auch dem Physik-Professor Roland Wiesendanger aus Hamburg. Mit einer angeblichen Studie will er belegt haben, dass viel darauf hin weisen würde, dass das Covid-19-Virus nicht vom Fleischmarkt in Wuhan, sondern aus dem dortigen virologischen Institut bei einem Unfall entfleucht sei. Nun gut, ich selbst weis nicht wo es her kam und werde den Nachweis nicht bringen. Und das mit der labortechnischen Mutation von Viren experimentiert wird, die für Menschen um ein vielfaches gefährlicher als herkömmliche Viren sind, scheint ebenfalls der Fall zu sein. Wir leben in einer Welt, wo biologische Kampfstoffe existieren – und zwar nicht nur Giftgase, sondern eben auch Krankheitsverursacher. Ihr Einsatz ist entweder akut brutal – wie bei einem Giftgasanschlag bzw. beim Gaseinsatz durch die Polizei gegen Demonstrierende – oder kann verdeckt geschehen, jedoch umso mehr Todesopfer fordern.

Insofern könnte man meinen, die These von Professor Wiesendanger wäre eben eine unter anderen, die zur Diskussion gestellt werden müsste in einer Welt voll Bedrohungen, die insbesondere durch staatliche Akteure um ein Vielfaches potenziert ist. Doch der Punkt an der angeblichen „Studie“ ist, dass sie den Großteil ihrer „Erkenntnisse“ von youtube-Videos und verschwörungsmythologischen Internetseiten bezieht. Sicherlich, wiederum regt sich das rebellische Herz gegen die Engstirnigkeit und Festgefahrenheit der Erzeugung von wissenschaftlicher Legitimität, die ja allzu oft mit einem Statusdünkel einhergeht, mit welchem die (meist Herren) Professor*innen einfach ihre Privilegien absichern wollen. Denn es gilt: Einmal Prof, immer Prof – nach fleißiger Arbeit – so die Vorstellung – gewährt die Gesellschaft ihren klügsten Leuten einen guten Posten. Dass eben auch anerkannte Wissenschaftlicher direkt Fakes erzeugen können, wird am Fall des Käseblattes von Wiesendanger deutlich. Jede Hausarbeit, die mit derartigen Quellen arbeitet, hätte man ihm zurecht zurückgegeben und mit einem Lächeln quittiert.

Aber nein, dieser verzweifelt um Aufmerksamkeit ringende Typ, stellt sich hin – stellt sich mit seinem Universitätspräsident hin, der offenbar meinte, mit diesem PR-Gag etwas fame, also Eliteuni-Förderung, zu erhalten – und behauptet in aller Gemütsruhe: „Die Wissenschaft hätte erwiesen“. Als er inzwischen zurecht heftigen Gegenwind aus seiner Gilde erntete und der Unipräsident zurückruderte, will er nun umso mehr darauf hinaus, man müsste ja mal kontrovers diskutieren. Daher droht Wiesendanger damit, die „Studie“ in weitere Sprachen zu übersetzen. Auch wenn das eine veraltete und durchaus unanarchistische Methode ist: Einen Hund würde man vor lauter Wut am Kopf packen und seine Nase in den Kackehaufen stecken, den er da gerade mitten im Wohnzimmer platziert hat. Nicht so jedoch bei Wiesendanger. Denn er ist Professor. Und das allein scheint ihm seiner Ansicht nach offenbar die Legitimität zu geben, das wahr wird, was durch seine Hände aufgeschrieben wurde. Wissenschaftliche und göttliche Qualitäten scheinen sich hier zu vermischen… Wohlgemerkt, auch wenn er Physiker ist und kein Biologe oder gar Virologe.

Was aber ist die Erklärung für diesen äußerst merkwürdigen Fall? Ich denke es gibt drei Ansätze, die jedoch auch vermischt miteinander auftreten können. (Dass es sich bei Wiesendanger um ein richtig armes, aufmerksamkeitsbedürftiges Schwein handelt, setzt ich dabei allerdings schon mal voraus.)

Erstens: Wiesendanger ist wirklich davon überzeugt, dass er eine wissenschaftliche Studie geschrieben hat, das so wissenschaftliches Arbeiten funktioniert. Dann ist er ein Meister der Täuschung, welcher offenbart, wie man den akademischen Standesdünkel durch einen ausgeprägten Narzissmus und die Kraft seiner Wassersuppe einfach blenden kann. Wie sahen die physikalischen Studien aus, mit denen er seine gesellschaftliche Anerkennung verdient hat? Warf er einfach Jogurts an die Wand und schaute ihnen beim Schimmeln zu? Ich weiß es nicht. Fest steht, dass er nicht der erste Scharlatan wäre, der durch allerlei Tricks und Geklüngel in gehobene Positionen gekommen wäre.

Zweite Hypothese: Wiesendanger ist die Pandemie derart zu Kopf gestiegen, dass er ernsthaft psychische Probleme entwickelte. Möglicherweise kaschierte er sie durch Alkohol oder anderen Drogenkonsum, schon über Jahre, aber im Zeitraum des Lockdowns wurde ihm alles zu viel. Sein rationales Denken setzte aus, er geriet in einen Wahnzustand. Und in diesem schrieb er dann das besagte Pamphlet und hält es so krampfhaft für wissenschaftlich und wahr, weil er einfach nach Erklärungen und Schuldigen sucht, für die Misere, in die so viele geraten sind.

Dritte Vermutung: Wiesendanger ist tatsächlich ein rechtspopulistisches Arschloch, was gezielt fake-science produziert hat, damit sich die Verschwörungsspinner nun einmal mehr auf eine „wissenschaftliche“ Studie beziehen können. Dass sein Quark dann in der wissenschaftlichen community widerlegt und zerfetzt wird, ist insofern völlig egal, als das der content ja produziert wurde, in Zeitungs-Schlagzeilen und ins Netz gelangte. Und wenn die „Studie“ dann verworfen wird, können die Wundergläubigen wiederum sagen, dass kontroverse „wissenschaftliche“ Positionen unterdrückt werden.

Lächerlich macht sich eine Uni und ihr Präsident, die solcher Quacksalberei nicht entgegentreten. Da muss man wirklich sagen: Zum Glück hat die Pluralisierung der Zugänge zu Medien „die“ Wissenschaft unter Zugzwang gesetzt, ihre eigenen Standards zu überprüfen.