Online-Tagung: Krise der Nationalstaaten – anarchistische Antworten?

Lesedauer: 3 Minuten

Tagung: Krise der Nationalstaaten –anarchistische Antworten?

Zeit: Freitag, 19.03. bis Sonntag 21.03.2021

Die Tagung findet online statt.

Mal eine interessante akademische Tagung mit einigen spannenden Beiträgen. Zum Einstieg dazu ein auf der Tagungs-Seite verlinktes Interview mit Ilija Trojanow zu Spätkapitalismus und anarchistischem Denken.

Mit Klick auf das Video erklärst Du Dich einverstanden, dass eine Verbindung zum YouTube-Server hergestellt wird, in deren Folge u.a. auch Analyse-Cookies übertragen werden. Weitere Infos hier.

Hintergrund

Nationalstaatliche Arrangements gelten in vielen Ansätzen als selbstverständliche Voraussetzungen gesellschaftlichen Zusammenlebens in größeren Gruppen. Dass die Welt vorrangig aufgeteilt ist in einzelne territorial definierte Nationalstaaten und solche, die es noch werden wollen (Nuristan, Katalonien, Baskenland, als Ausnahme sind Kurden erwähnenswert, die aktuell dabei sind Lösungen jenseits eines klassischen Nationalstaats zu suchen) scheint unhintergehbar. Dem Nationalstaat wird –jenseits ihrer kontroversen Legitimations-und Definitionsdimensionen –ganz prinzipiell als einziger Institution zugetraut, allen Menschen Grundrechte, das heißt in nationalstaatliche Dimensionen transformierte Menschenrechte, zu garantieren und zu gewährleisten, die ohne ihn nicht denkbar zu sein scheinen.Gleichzeitig ist eine Krise nationalstaatlicher Regulation lange beobachtbar und die Sichtweise von Nationalstaaten als Garanten eines Maximums an Grundrechten für alle (Staats-)Bürgerinnen und Bürger schon seit Jahrzehnten (wenn nicht seit Jahrhunderten) stark umstritten. Empirisch lässt sich diese Krise festmachen an der ungeheuren Anzahl inter-und innerstaatlicher bewaffneter Konflikte, an der Krise der europäischen, nord-und lateinamerikanischen und asiatischen Wohlfahrtsstaaten oder an einer kontinuierlichen nationalstaatlicher Verletzung völkerrechtlicher Errungenschaften seit dem Zweiten Weltkrieg. Und ob die Gräuel zweier Weltkriege ohne nationalstaatliche Organisationsform möglich gewesen wären, darf stark bezweifelt werden.In theoretischer Perspektive lassen sich ebenfalls eine ganze Reihe von plausiblen Argumenten gegen den Nationalstaat finden –zunächst wird in historischer Dimension reklamiert, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass der Nationalstaat mit seinen traditionellen Dilemmata (vgl. hierzu Claus Offe, Jürgen Habermas oder Wolfgang Streeck) in Hinblick auf menschlichen Fortschritt die letzte Antwort sein soll. Darüber hinaus wird aus ethnologischer und sozial-anthropologischer Perspektive darauf hingewiesen, dass es historisch und gegenwärtig andere gesellschaftliche Arrangements –auch von großen sozialen Gruppen –gibt, die etwa ohne ein staatliches Gewaltmonopol, Polizei usw. auskommen (vgl. hierzu etwa die Studien von Christian Sigrist oder jüngst Hermann Amborn). In sozialkonstruktivistischer oder machttheoretischer Perspektive lässt sich die Existenz von Nationalstaaten ebenso kritisieren wie aus materialistischer und poststrukturalistischer Perspektive, die (wie etwa Joachim Hirsch, Bob Jessop oder Alex Demirović) darauf bestehen, dass Nationalstaaten nicht das freundliche Bollwerk gegenüber dem bösen Kapitalismus sind, sondern in seiner jetzigen Form integraler Bestandteil.FokusAus all diesen Gründen lässt sich vermutlich die auf Karl Kraus zurückgehende Redewendung in Anschlag bringen, dass der Nationalstaat die Krankheit ist, für deren Therapie er sich hält. Allerdings bleibt bei all der offensichtlich berechtigten Kritik an der gegenwärtigen nationalstaatlich geprägten Welt –vorausgesetzt, sozialdarwinistische und rassistische Positionen werden außen vor gelassen – eine äußerst virulente Frage offen: Wie denn sonst oder was wären denn Alternativen (gerne verbunden mit der Position: wenn Du keine Alternative anbieten kannst, darfst Du auch nicht kritisieren)? Kritik am Nationalstaat wird von dem theoretischen und praktischen Sammelbecken vonAnsätzen, die unter dem Label Anarchismus verhandelt werden, seit mindestens 150 Jahren geübt. Die geplante Tagung soll ausloten, welche theoretischen Ansätze aus dem anarchistischen Spektrum Antworten liefern auf die Frage: was ist –weltgesellschaftlich?! –jenseits des Nationalstaates denkbar und welche Voraussetzungen müssen für eine Reproduktion sinnvollerer gesellschaftlicher Verhältnisse gegeben sein. Die Tagung adressiert damit zwei zentrale Bereiche: Kritik an nationalstaatlichen Arrangements und Formen und Reproduktionsmöglichkeiten alternativer gesellschaftlicher Organisation (klein-und großräumig). Damit bleiben, zumindest in dieser ersten Tagung, zwei große Bereiche außerhalb des Fokus. Weder soll ein Überblick gegeben werden über die zum Teilgroßartigen lebenspraktischen Projekte, wie sie sich in Wohnprojekten, alternativen Konsumzirkeln, Kommunen oder der Organisation einer Gegenöffentlichkeit widerspiegeln (um nur einige zu nennen) noch soll eine Analyse dieser Projekte erfolgen. Auch soll die Frage nach dem Übergang bzw. der Transformation der aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse in eine bessere, gerechtere und menschenwürdigere Zukunft ausgeklammert werden. Ohne die Bedeutung dieser Bereiche schmälern zu wollen, geht es bei der geplanten Tagung zunächst darum zu ermessen, wie plausibel das Spektrum anarchistischer Argumente in theoretischer Hinsicht ist, um eine gehaltvolle Perspektive nationalstaatlicher Kritik zu ermöglichen.

Tagungsorganisation und Tagungsleitung:

Uwe H. Bittlingmayer (PH Freiburg) –

Thomas Stölner (Wien)

Gözde Okcu (PH Freiburg) ://www.ph-freiburg.de/soziologie/veranstaltungen.html