Introduction to fear

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Einige Gedanken zu Brian Massumi, „Everywhere you want to be. Introduction to fear“ (1993)

Der erwähnte Text, welche nun bereits wieder 28 Jahre alt ist, warf einige weitere Gedanken bei mir auf. Es handelt sich um einen poststrukturalistischen Text, auch wenn er die Annahme Sprache konstruiere soziale Realität, dadurch erweitert, dass die Affekttheorie geradezu von einer Produktion sozialer Realität durch Affekte ausgeht. Ohne mich bisher tiefgehender damit beschäftigt zu haben, erscheint mir diese Herangehensweise sinnvoll, um die Vorstellung des vermeintlich kohärenten, sich selbst setzenden, sich selbst bewussten Subjektes in Frage zu stellen. Mit anderen Worten, davon auszugehen, dass wir uns als fühlende Fleischsäcke durch die Welt bewegen, geformt und motiviert von Affekten, welche auf uns einwirken.

Diese sind in der Gegenwartsgesellschaft maßgeblich von einer diffusen Angst geprägt, welche uns zu einer Grunderfahrung der groundlessness führen. Die zeitgenössische Subjektform beschreibt Massumi als eine „accident-form“. Gewissermaßen verstehen wir uns alle als Überlebende aufgrund der bloßen Tatsache, dass wir nicht in einer der zahlreichen Katastrophen zu Schaden oder zu Tode kamen. Zugleich bewegen wir uns aber in einer permanenten Gefahr, zu sterben oder zu schaden zu kommen. Die zeitgenössischen Subjekte unterliegen alle der Erfahrung des Fallens, welche sie zutiefst prägt. Auch wer den apokalyptischen Zustand in welchem wir unsere Leben täglich bestreiten, von sich fernhalten und darüber stehen kann, ist mit einer solchen Haltung bereits Produkt der Unsicherheit, ja der permanenten Kriegssituation, welche Auseinandersetzungen anzunehmen scheinen. Der Feind scheint uns überall und immer zu bedrohen. Diese Bedrohung thematisiert Massumi jedoch nicht weniger als eine reale, welche sie freilich ebenfalls ist, denn als eine virtuelle.

Im Zeitraum zwischen den 1960er bis 1990er Jahren machte die kapitalistische Vergesellschaftung Prozesse der Fluidification und der Intensification durch. Das heißt die vormaligen Grenzen des Kapitalismus lösten sich auf und wurden „internalisiert“, während zugleich die Subjekte selbst in vertieft aufgesogen haben. Neben der globalen Ausdehnung des Kapitalismus, haben wir es mit seiner Veränderung dahingehend zu tun, als dass er sich in Dienstleistungsbereiche ausdehnte. Die herkömmliche industrielle Produktion in den westlichen Post-Industriestaaten wurde ausgelagert und wich einer Kommodifizierung (= „Zur-Ware-machen“) vormals nicht als Ware behandelter Dinge und Beziehungen. Ein gutes Beispiel sind dafür sicherlich die sozialen Medien, in welchen mittlerweile ein Großteil der Menschen Daten generiert, welche in ihrer Warenform und Immaterialität schwer zu begreifen sind. Damit einher gehe laut Massumi, dass auch die persönliche Identität immer stärker individuell (sozusagen als dauerhaftes „Projekt“) erzeugt und erschaffen werden müsse. Dies geschähe durch die Form kapitalistischen Konsums, welcher nicht lediglich des sozialen Status, sondern darüber hinaus auch die scheinbar persönlichen Präferenzen, veranschaulichen soll. Ebenso beträfe dies die Lohnarbeit, beziehungsweise das Selbstverständnis vieler zeitgenössischer Lohnarbeitenden, für welche Freizeit verschwindet, da Identität permanent konstruiert werden müsse.

Was die Ebene des Virtuellen angeht, verstehe ich Massumi so, dass seine Kritik sich keineswegs darauf richtet, dass der die mediale Darstellung der Katastrophen, welche die Gegenwartsgesellschaft produziert (und für welche prinzipiell auch bestimmte Menschen verantwortlich gemacht werden können und sollten) selbst ablehnt. Im Gegenteil, dass es Berichterstattungen über Katastrophen gibt, ist die Voraussetzung für ihre Kritik, demokratische Verhandlung und perspektivische Verhinderung. Massumi kritisiert aber die Form der Darstellung, die spezifische Erzeugung von Virtualität. Gerade die Abbildung des Schreckens – oftmals live und in Farbe – verunmögliche eine kritische gesellschaftliche Debatte und damit auch ein potenzielles Aufbegehren gegen jene Herrschaftsverhältnisse, welche auf Zerstörung gründen und sie permanent hervorbringen. Im 1993 erschienene Beitrag werden beispielsweise der Chemie-Unfall in Bhopal (1984), der Super-GAU von Tschernobyl (1986), die Explosion des Space-Shuttles Challanger (1988), die Ölpest in Alaska mit der Exxon Valdez (1989) und der Golfkrieg (1990) genannt.

Es wirkt, als wären derartige destruktiven Großereignisse Ende der 1980er und Anfang der 1990er auf eine neue Weise medial aufbereitet worden, weswegen sie für Massumi zum Gegenstand des Interesses werden. Dreißig Jahre später ließe sich diese Liste kontinuierlich fortsetzen. Schlimmer noch: Ganz im Gegensatz zum erzeugten Image umweltfreundlicherer Technologien oder eines möglicherweise ausgedehnteren Umweltrechts mit internationaler Verankerung, sind aktuelle Desaster keineswegs weniger verheerend als jene die Massumi nennt. Aus der Exxon Valdez liefen 37075 Tonnen Öl aus. Bei der Explosion der Erdölplattform Deepwater Horizont 2010 flossen ca. 672.000 Tonnen Öl in den Mexikanischen Golf. Dort hatte es bereits 1979 eine Ölkatastrophe gegeben, bei welcher 400.000 bis 1.400.000 Tonnen ins Meer gerieten, während es 1991 eine Ölpest im Persischen Golf gab, bei welcher 800.000 bis 1.700.000 Tonnen Öl austraten. Ähnliches ließe sich für das Nigerdelta oder Westsibirien darstellen1. Dennoch wurde der Unfall der Exxon Valdez zu einem medialen Großereignisse, welches offenbar verschiedene gesellschaftliche Debatten nach sich zog, was für die anderen Ölkatastrophen nicht im selben Maße gesagt werden kann. Hierbei geht es also um die Weise der medialen Darstellung, welche Virtuelles erzeugt und damit auch Realität schafft.

Dies wirkt auch in umgekehrter Richtung. Im Beitrag wird unter anderem ein misogynes Massaker in Montreal von 1989 genannt. Der Täter separierte seine Geiseln und erschoss 14 Frauen. Das Ereignis rief eine Welle morbider Faszination hervor und führte zu einer ausgiebigen medialen Besprechung. Die Journalisten schienen vor allem davon beeindruckt zu sein, dass der Täter ein so überaus gewöhnliches Leben zu führen schien. Während also offenbar lang und breit in den Medien diskutiert wurde, ersetzte dieser virtuelle Pseudo-Diskurs gewissermaßen eine „echte“ gesellschaftliche Debatte. In der Folge geschah laut Massumi nichts, was den Gründen für Femizide entgegenwirkte. Im Gegenteil stieg die Gewalt gegen Frauen in der betreffenden Region in den folgenden Monaten sogar an. An diesem Beispiel wird gut deutlich, wie die Virtualisierung von Angst einerseits zu einer ungreifbaren, permanenten Angst als Grundbedingung des Seins in der Gegenwartsgesellschaft führt und das Gefühl des Fallens erzeugt. Während sie andererseits den Eindruck erzeugt, die bestehenden Herrschaftsverhältnisse und demnach auch die Ursachen für Destruktion seien unangreifbar und unabänderbar. Moderne Medien produzieren – so verstehe ich Massumi – das Grundgefühl „Katastrophen“ schicksalshaft ausgeliefert zu sein. Damit verhindern sie wie gesagt Rebellion gegen die Ursachen der Zerstörung, ergo auch die Verantwortlichen effektiv zur Rechenschaft zu ziehen. Zugleich wird das aus diesen Darstellungen (realer) katastrophaler Ereignisse hervorgegangene accident-Subjekt in einen permanenten (wenn auch unterschwelligen und oft ungreifbaren) Angstzustand versetzt. Dieser kann nur durch eine Weise des Konsums von Waren kompensiert werden, der kein „echter“ Genuss sein kann, sondern lediglich ein Versuch, dem Tod zu entgehen, vor ihm (zeitweilig) geschützt zu sein und das Gefühl zu erlangen, am Leben zu sein. Weil wir affektuell auf die virtuelle Darstellung reagieren müssen, können wir die real geschehenden Ereignisse kaum mehr beeinflussen. ~ Soweit meine Darstellung und Interpretation.