Gai Dao #110 erschienen

Lesedauer: 13 Minuten

Mit etwas Verzögerung erschien die Septemberausgabe der Gai Dao. Drin findet sich unter anderem auch der sehr interessante Beitrag von Grafi10, den ich unten noch mal poste

Grafi10

„Grafi10“ haben wir unsere Besetzung genannt, denn das Haus steht in der Markgrafenstraße 10 in Konstanz. Unsere Besetzung dauerte vom Samstagmittag des 18.07.2020 bis zum frühen Morgen des Mittwochs in der darauf folgenden Woche, den 22.07.2020. In diesen vier Tagen ist sehr viel passiert, wir wollen im Folgenden darlegen, mit welchen politischen Perspektiven wir an dieses Projekt herangegangen sind, vor allem auch, welche Erfahrungen, Erkenntnisse und Analysen wir im Laufe dieses Projektes gemacht haben. Zuerst legen wir unsere Überlegungen zu den Grundlagen von linksradikaler Politik dar, beschreiben darauf aufbauend unsere Erfahrungen und Erlebnisse und schließen mit den Erkenntnissen, die wir aus diesem Prozess gewonnen haben, ab.

Intersektionalität der Scherben

So notwendig die Organisation in einzelnen politischen Kämpfen ist, so wird die Beschränkung auf einen der vielen Teilaspekte des Kampfes für eine befreite Gesellschaft zu einem ständigen Kampf gegen Windmühlen, solange kein gesellschaftlicher Wandel stattfindet. Um auf diesen gesellschaftlichen Fortschritt hinzuarbeiten, müssen wir Missstände anprangern und Lösungen aufzeigen. Statt einer linksradikalen Bewegung sehen wir ein Sammelsurium an Scherben, die vereinzelt und nebeneinander arbeiten. Weil uns im antifaschistischen Teilbereich zum Beispiel neben Bildungs- und Aufklärungsarbeit wenig Präventionsmöglichkeiten bleiben, betreiben wir oft nur Feuerwehrpolitik: Wir organisieren wichtige und notwendige Gegenproteste, um Faschist*innen nicht die Straße zu überlassen. Antifaschismus alleine lässt uns allerdings ohne vielversprechende und nachhaltige Aussichten zurück, dieses Katz-und-Maus-Spiel zwischen Faschist*innen und Antifaschist*innen aufzuheben, dessen Zuschauer*innen die angepriesene „Mitte der Gesellschaft“ stellt. Jenseits unserer Kämpfe als vereinzelte Scherben wollen wir doch eigentlich eine befreite Gesellschaft aufbauen. Was tun?

Kulturelle Hegemonie/Metapolitik

Das Stichwort hierbei lautet: Normen überwinden! Der unausgesprochene gesellschaftliche Konsens von Normalität geht viel weiter als der Gesetzesapparat und genau darin liegt unsere Stärke! Wir können erkennen, dass es eine Diskrepanz zwischen Recht und Bedürfnissen gibt. Wir sehen beispielsweise, dass rassistische Diskriminierung zwar strafbar ist, es aber dennoch zu rechten Übergriffen und Morden kommt. Genauso sehen wir, dass das Recht auf Eigentum geschützt wird, während das existenzielle Recht auf Wohnen gerade bei finanziell benachteiligten Menschen missachtet wird. Das alles sagt uns, dass wir anfangen müssen, die Gesellschaft, in welcher wir leben wollen, selbst zu gestalten und diese Verantwortung an keinen Staat und keine Gesetzgebung abgeben dürfen, denn diese wandelt sich immer nur im Nachhinein von Aktionen politischer Bewegungen.

Wir konnten in der Grafi10 ein Stück dieser Normalität aufbrechen und kurz unseren Beitrag leisten zu dem Bild einer Gesellschaft, in der wir gerne leben würden. Und was geschah, ist schwer angemessen zu beschreiben. Es gab ein unglaubliches Maß an spontaner und bedingungsloser Solidarität. Anwohner*Innen besuchten das Haus und wurden eingebunden. In diesen wenigen Tagen konnten wir so schöne Erfahrungen in diesem Haus machen, dass wir zuversichtlich sind, sowohl die Problematik der Wohnungssituation in den Fokus gerückt zu haben, als auch Anstöße bei Menschen in Richtung kritische Auseinandersetzung mit bestehendem Recht geleistet zu haben.

Der Bruch mit der Normalität

Linksradikaler Aktivismus stößt schnell an die Grenzen, welche die bürgerliche Ideologie gesetzt hat und zerschellt schon auf einer weltanschaulichen Ebene an diesen. Jede*r, die sich offen für den Anarchismus oder Kommunismus ausgesprochen hat, wird dies gehört haben: „Das endet doch im Chaos“, „das klingt zwar gut, aber klappen kann‘s eh nicht“. In diesen Phrasen drückt sich aus, wie sehr sich der Kapitalismus in den Köpfen der Menschen schon durchgesetzt hat, eine Alternative dazu ist nicht mal mehr denkbar und auch nichts, was man vernünftigerweise in Betracht zieht. Die Hoffnung, die wir bei unserem Projekt hatten und auch immer noch haben, ist, dass wir damit aber die Grenzen dieses Systems aufzeigen konnten und alternative Gesellschaftsformen denkbarer machen. Es ist möglich, Leerstand zu besetzen und damit etwas zu machen, das Menschen anspricht. Der Staat wiederum hat unser Projekt zwar vorerst beendet, aber damit auch klar gemacht, wessen Interessen sich mit der Polizei durchsetzen lassen und welche nicht. Durch diesen Gegensatz von praktischen Möglichkeiten und Bedürfnissen auf der einen und dem Interesse vom Kapital und dem Staat auf der anderen Seite hoffen wir, die Widersprüche des Kapitalismus sehr konkret und greifbar aufzeigen zu können.

Die Erfahrung der Solidarität

„Solidarität“ ist eines dieser Wörter, das gefühlt auf jedem Flyer, jedem Plakat und in jeder einzelnen Rede, die wir in den letzten Jahren gelesen und gehört haben, vorkam. Wenn man sich jedoch vor Augen hält, was wir mit „Solidarität“ meinen und wie viel davon konkret herumkommt, sieht das ziemlich mau aus.

Viele von uns konnten die ersten Erfahrungen mit einer wirklich praktischen Solidarität im und um das besetzte Haus herum machen. Wenn Anwohner*innen trotz Polizeipräsenz vorbeischauen, uns logistisch unterstützen oder mit Vorschlägen ankommen, wie sie uns bei einer Räumung vor der Polizei schützen könnten, dann ist das eine Solidarität, die mehr ist als eine Phrase und die uns versichert hat, dass dieses Projekt sehr gut hätte anlaufen können. Und diese Erfahrung, dass es Menschen gibt, die ohne eine*n zu kennen Ressourcen und Zeit aufwenden und sich, zumindest im Kleinen, gegen die herrschende Ordnung stellen, ist eine Erfahrung, die sehr vielen Menschen fehlt und diese klein hält. Denn „allein machen sie dich ein“, wie es bei Ton Steine Scherben heißt. Dieses Gefühl des Alleinseins bzw. die Erfahrung, mit den eigenen Problemen alleine zu sein, die so selbstverständlich geworden ist, dass ein solches Gefühl gar nicht mehr entsteht, hält Menschen unten. Wer sich als einzelne Person gegen das Jobcenter, den Chef oder die Polizei auflehnt, der wird gnadenlos heruntergemacht und erst die Situation, in der man nicht mehr vereinzelt dasteht, ermöglicht es, für die eigenen Interessen zu kämpfen und zu gewinnen. Das Fehlen dieser Erfahrung ist also eine Hürde, die wir auf dem Weg zu einer befreiten Gesellschaft überwinden müssen. Aber das gestaltet sich ziemlich schwierig, wenn das Gefühl der Vereinzelung Menschen vom widerständigen Handeln abhält. Vielleicht sind solche Projekte ein Ansatz, Menschen Momente autonomer Politik nahezubringen. 

Die öffentliche Wahrnehmung

Eine Erklärung, warum wir in der Nachbarschaft und in der Stadt so gut ankamen und so viel Rückhalt hatten, ist die, dass wir nicht als „autonome Chaoten“ oder „Linksextremisten“ wahrgenommen wurden, wie das in anderen Städten öfter passiert. Dies zeigt sich darin, dass in keinem der Zeitungsartikel über „Linksextremismus“ geschrieben wurde und diese elende Extremismustheorie nicht zur Anwendung kam. Klar war auf jeden Fall, dass wir als Hausbesetzer*innen auch linkspolitisch verortet wurden. Insofern kam es auch nicht zu einer Distanzierung zu uns aufgrund unserer politischen Haltung, sondern wenn dann aufgrund der Aktionsform: dem grundlegenden Bruch mit der herrschenden Eigentumsordnung. Was man dazu erwähnen muss ist, dass die Besetzung und auch die Räumung friedlich abliefen und es keine Möglichkeit gab, uns als „Gewalttäter*innen“ an den Pranger zu stellen. Zumal gerade auf Konstanz bezogen klar ist: eine militante Besetzung hätte sich auch nicht halten können. Jede militante Aktion hätte zudem Menschen von uns entfremdet, die uns unterstützt haben und deren Sympathien und Unterstützung haben das Projekt ja erst so erfolgreich gemacht. Dazu muss aber auch erwähnt werden, dass die Grafi10 zwar unter permanenter Beobachtung durch die Polizei stand, aber es bis zur Räumung auch nicht zu körperlichen Übergriffen seitens der Polizist*innen kam und die Frage, wie man sich davor hätte schützen können nicht gestellt werden musste. Dies bringt uns in eine privilegiertere Position als andere Hausprojekte, die sich mit dieser Frage viel mehr auseinandersetzen mussten und müssen.

Die Erfahrung des (temporären) Gewinnens

Die berauschendste Erfahrung dieser Besetzung ist wohl die des Gewinnens. Alleine schon die Tatsache, dass wir länger in dem Haus geblieben sind, als wir erwartet hätten und in dieser Zeit das Haus als auch die Nachbarschaft mitgestaltet haben, unsere Ideen umsetzen und unsere Bedürfnisse (selbstbestimmter Wohn- und Freiraum) verfolgen konnten. Vor Beginn der Aktion befürchteten wir, dass bereits nach wenigen Stunden alles vorbei sein würde. Als sich nach der ersten Nacht abzeichnete, dass der örtlichen Polizei wohl vorerst die Einsatzkräfte sowie der Räumungsbefehl fehlten, änderte sich die Stimmung spürbar. Einige Gemeinderät*innen, die vor fast 40 Jahren ein Haus am Fischmarkt mitbesetzt hatten, und andere Funktionär*innen der Stadt tauchten auf. Ihr Zuspruch, ihre Hilfsbereitschaft gaben weiter Grund zum Optimismus.

Sicher, in einer Lage der dauernden Belagerung durch Polizist*innen, die jeden Schritt beobachten und potentiell aufnehmen, kommt ein echter Moment der Befreiung nicht infrage. Und doch sorgte genau diese Spannung zwischen Zuspruch und Überwachung, zwischen Gestalten und Zerstören, Anfang und drohendem Ende für die Reibung, welche solche politischen Aktionsformen von anderen, alltäglichen Ereignissen unterscheidet.

Dies unterscheidet die Besetzung gerade auch von den beiden Aktionsfeldern, in denen in den letzten Jahren am meisten in Konstanz passiert ist, Antifaschismus und die Rojava-Solidarität. Dies sind beides Felder, in denen es wenig länger anhaltende Erfolgserlebnisse gibt und in denen es auch nur selten zu dem Punkt kommt, an dem das eigene Leben dadurch besser geworden ist. Dass die Identitäre Bewegung in Konstanz kaum noch aktiv ist, ist ein klares Resultat antifaschistischer Arbeit, aber kein*e Aktivist*in hat sich dadurch mehr Freiraum in ihrem eigenen Leben erkämpft. Das Erkämpfen von Freiräumen und die Verbesserung der eigenen Lebenslage sind eigentlich zentrale Momente Autonomer Politik, im Vordergrund steht dabei die eigene Position in der Gesellschaft, Politik wird selbstgemacht, statt von Anderen oder für Andere. Schließlich machen wir ja deswegen Politik, damit wir besser leben können und während der Besetzung war genau dieses Gefühl da – dass wir für uns mehr gewonnen haben, dass es gelungen ist, das eigene Leben zu verbessern. Hierin liegt eine entscheidende Form Autonomer Politik, nämlich dass Autonome Politik auch Selbstermächtigung ist und die unvermitteltste Art und Weise darstellt, sich politisch zu betätigen.

Doch Optimismus, Begeisterung und Solidarität zerbrachen an der kompromisslosen Effizienz eines Polizeiapparates, der mit maschineller Genauigkeit die bürokratischen Abläufe befolgt, die seine Existenz garantieren. Dem entgegen stand wenig, einige Aktivist*innen, ausgestattet mit Schlafsäcken, Taschenlampen und ein paar guten Ideen – und die Zivilgesellschaft aus dem Umfeld.

Am Tag nach der Räumung fand eine Gemeinderatssitzung statt, einer der Tagesordnungspunkte sollte die Besetzung der Markgrafenstraße 10 sein. Kommunalpolitiker*innen verschiedener Fraktionen hatten vor, ihren Zuspruch auszudrücken und zu bewirken, dass das Wasser angestellt, vielleicht sogar eine Duldung ausgesprochen wird. Polizei und Staatsanwaltschaft handelten jedoch schneller, als es den Parlamentarier*innen möglich war. Am Beispiel der Grafi10 wurde anschaulich demonstriert, wie eng die Sackgasse ist, in der wir stecken. Jede progressive Idee oder Aktion wird, ganz egal wie die Meinung der Zivilgesellschaft oder örtlichen Räte aussieht, in den Mühlen der Justiz und der Exekutive zermahlen, bevor Sie ernsthaft diskutiert wird. Und auch wenn die Gemeinderatssitzung nicht vor vollendete Tatsachen gesetzt worden wäre, ist fraglich wie sehr sie das Vorgehen von Stadt und Polizei hätte einschränken können. Schließlich liegen die Grundbedingungen für das Funktionieren staatlicher Institutionen in der erfolgreichen Kapitalvermehrung und ebendiese haben wir versucht direkt anzugreifen.

Die Macht des Staates und unsere Ohnmacht

Wir haben von Anfang an damit gerechnet, dass wir die Besetzung nicht allzu lange halten können. Uns ist klar, dass das Kräfteverhältnis zwischen Aktivist*innen und Polizei in Konstanz nicht so verteilt ist, dass eine direkte Konfrontation mit dem Staat hätte glücken können.

Im Diskurs, der um das Haus herum entstand, war das Kräfteverhältnis jedoch anders verteilt, es gab nur wenig Kritik an der Besetzung. Bezeichnend hierbei ist, an welcher Problematik der Anstoß genommen wurde. Es scheint eine größere Gefahr von dem Angriff auf Eigentum als von einem alternativen Lebens- und Wohnkonzept auszugehen. Dies führte dazu, dass wir auf Unterstützung aus der städtischen Gesellschaft zählen konnten, die Polizei allerdings trotz all dem Zuspruch dem Recht auf Eigentum den Vorzug gewährte.

Dies ist ein Ausdruck dessen, was gemeinhin als strukturelle Gewalt bezeichnet wird. Strukturelle Gewalt geht aber weiter als die Befugnisse der Polizei. Zwar nehmen diese wie in unserem Beispiel die ausführende Rolle des Staates ein, zu Grunde liegen allerdings die gesellschaftlichen Konzeptionen zu Eigentum, Wohnen, Arbeiten und so vielem mehr. Wir hoffen ein Teil dieser Normalität durch unsere Aktion angegriffen zu haben. In dieser Situation zeigt sich die grundlegende Schwäche der linksradikalen Bewegung in Deutschland, die zur Zeit keine gesellschaftlich relevante Macht ist und sich vor allem nicht als geschlossene Bewegung formiert. In dieser Situation stehen wir der Macht des Staates ohnmächtig gegenüber.

Selbstverständlich gibt es Widerstand, Selbstermächtigung als Reaktion auf das Gewaltmonopol des Staates und auch Auseinandersetzungen, in denen temporär sich ein Freiraum erkämpft wurde. Das findet aber nur vereinzelt statt und kann sich meistens nicht all zulange halten. Diese Situation müssen wir reflektieren und in unsere praktischen und theoretischen Auseinandersetzungen mitdenken.

Durch unsere neu gewonnene Erfahrung sehen wir die Möglichkeit für eine stärkere politische Organisation darin, in der geteilten Lebensrealität von einander anzusetzen. Dies klingt sehr allgemein und das ist es auch. Das stellt aber auch eine große Stärke dar. Dadurch dass grundlegende Konzeptionen, die viele Menschen betreffen, in Frage gestellt werden und niedrigschwellige Aktionsformen möglich sind, ist ein relativ hürdeloser Einstieg in politische Organisationsformen möglich. Konkret: Wenn man im offenen Antifaschist*innen-Treff das Gefühl bekommt, nicht genügend Semester Marx studiert zu haben, beteiligt man sich viel eher durch eine Essensspende bei einer Hausbesetzung und trägt trotzdem zu einer radikalen politischen Aktion bei und findet so viel eher Anschluss an politische Kämpfe, die die eigene Lebensrealität betreffen.

Perspektivisch scheint uns Selbstorganisation, in den Teilaspekten gesellschaftlicher Ausbeutungsverhältnisse wie Arbeit oder Wohnen, einen nachhaltigeren Ansatz für gesellschaftlichen Wandel zu bieten. So werden Alternativen zu den bestehenden Herrschaftsverhältnissen sichtbar gemacht. Am Ende ist das Ziel jeglicher linker Bestrebung eine befreite Gesellschaft. Das ist allerdings keine Notwendigkeit, die irgendwann eintreten wird, sondern bedeutet einen langen Weg, den wir selbst gehen müssen – niemand wird das für uns übernehmen.

Gegen die (gesamte linke) Szene (in Deutschland und deren Abgrenzungsmechanismen)

In Deutschland von einer linksradikalen Bewegung zu sprechen, wäre sehr verwegen. Gerade in Konstanz sind die linken Zusammenhänge recht klein und haben augenscheinlich geringen Einfluss auf die sozialen Begebenheiten dort, wo sie aktiv sind. Unserer Ansicht nach hat viel davon mit Szenetypischen Verhaltensmustern zu tun. Szeneausdrücke, politische Begrifflichkeiten und Verhaltensnormen, welche für Nichteingeweihte schwer verständlich sind, wirken auf Außenstehende eher befremdlich als ansprechend. Personen, welche sich in linke Räume begeben und nicht diesen Codes entsprechen, werden oft komisch angeschaut und wer nicht bei Gesprächen über aktuelle politische Entwicklungen und verschiedenste theoretische Konzepte mithalten kann, ist ebenfalls schnell außen vor. Viele linksradikale Zusammenhänge haben nur dem Namen und Anspruch nach etwas mit der Klasse zu tun, deren Interessen sie meinen vertreten zu können. Wer von „Klassenbrüdern und -schwestern“ schreibt und in jedem zweiten Satz die „Imperialisten“ anfeindet, ohne jemals erklärt zu haben, wer das denn sein soll, drückt sich für fast alle der Arbeiter*innen unverständlich und fremd aus. Aber auch das Abnabeln in den wenigen übrig gebliebenen autonomen Hochburgen hat mehr mit subkultureller Abschottung zu tun als mit dem Versuch, eine politische Bewegung aufzubauen, die offen ist für Menschen mit anderen Lebensrealitäten, die in die Masse hinein wirkt. In so einer Szene definiert man sich dann gerne über den eigenen Radikalismus in Wort und Tat und vergleicht sich dann auch mit den anderen: wer war bei der krassesten Aktion dabei? Wer hat politisch am meisten bewegt? Wer ist am belesensten, wer ist am besten vernetzt? Wessen Politgruppe ist die beste? So wird das eigene Selbstbild durch die Konkurrenz mit Anderen aufgewertet. Eine Konkurrenz, die zu einem nicht geringen Teil dem patriarchal kapitalistischen Denken entstammen dürfte. Es wird sich auch gerne noch von politisch definierten Feindbildern (z.B. „Almans“, „Kartoffeln“, „Spießer“, „Kleinbürger“) abgegrenzt, während man sich auf der anderen Seite gerne mit politischen Bewegungen und Kräften identifiziert, die räumlich und historisch weit außerhalb der eigenen Wirkungsmacht liegen, das umfasst dann auch die ganze Spannweite von der Sowjetunion, Machno, dem revolutionären Spanien bis hin zu diversen nationalen Befreiungsbewegungen anderer Kontinente.

Woher diese Dynamiken kommen, können wir kaum beantworten. Die Ursprünge scheinen so vielseitig wie die Menschen dahinter. Ein Teil des Problems, so scheint es uns, ist die Rettung in die Überheblichkeit in Anbetracht der eigenen Hilflosigkeit.

Das ist so auch in Konstanz der Fall: linksradikale Politik findet in dem Rahmen einer kleinen Szene statt, in der die meisten Menschen sich kennen, so etwas wie Basisgewerkschaften oder Mieter*innenorganisationen gibt es nicht. Die Besetzung der Grafi10 war somit das erste Mal seit Jahren, dass linksradikale Aktionen und Anliegen in Konstanz einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich waren und dort auf positive Resonanz gestoßen sind. Wir haben von Anfang an den Kontakt zur Nachbarschaft gesucht, haben schon in den ersten Tagen versucht, auf Bedürfnisse einzugehen. Klar, als linksradikales Kollektiv von nebenan gibt es erst einmal Missfallen. Da gehen die Vorstellungen von Nachtruhe halt auseinander, besonders wenn dank der Streife an der Ecke immer ein paar Menschen Wache schieben müssen, statt sich auszuschlafen.

Wie geht es weiter?

Wir sammeln Geld zur Unterstützung der Genoss*innen, welche im Rahmen der Besetzung mit Repression zu kämpfen haben. Daneben arbeiten wir in regelmäßigen Treffen die ganze Aktion auf. Wir besprechen, was organisatorisch hätte besser laufen können, was bereits gut lief, worauf wir das nächste Mal mehr Augenmerk legen.

Die emotionale Aufarbeitung des Erlebten war uns von Anfang an sehr wichtig. Es war für uns alle schlimm, unser Projekt sterben zu sehen. Da kommen morgens um fünf bewaffnete Trupps ins Zimmer gestürmt und zwingen Menschen nach wenigen Stunden Schlaf aus dem neuen Zuhause. Die meisten haben in den Nächten nach der Räumung schlecht geschlafen, auch eine Woche danach schleicht sich auf dem Weg zum Einkauf noch das Gefühl ein, beobachtet zu werden.

All die schlimmen, schönen, wilden Momente haben uns und die Menschen, die mit uns gefiebert haben, geprägt und weiter gebracht.

Wir bleiben auch mit der Nachbarschaft in Kontakt, erfahren von dort noch immer Unterstützung. Wir waren nur kurz Teil des Viertels, waren Menschen, die plötzlich in die Umgebung gekommen sind, und das Umfeld musste damit zurecht kommen. Wir wollen die Menschen weiter begleiten.

Selber machen → Gesellschaft selbstgestalten und ansetzen in der Lebensrealität

„Politik“ bezeichnet die Organisation des Gemeinwesens, der Gesellschaft. Nun wird uns allerdings niemals das abstrakte Konstrukt einer deutschen Gesellschaft auf der Straße begegnen. Jegliche Erfahrungen, die wir mit Gesellschaft machen, sind die unmittelbar alltäglichen. Im seltensten Fall werden wir mit dem Staat konfrontiert. Dies geschieht in der Regel unfreiwillig und stellt meist keine positive Erfahrung dar. Ob nun der Gang zum Arbeitsamt, die „verdachtsunabhängige“ Personenkontrolle oder prügelnde Schlägertrupps auf Demos, klar ist, dass gerade die strukturell benachteiligten Menschen innerhalb der Gesellschaft jene sind, die am meisten von Repressionen getroffen werden. Warum ist das so?

Aus unserer Perspektive spiegelt die parlamentarische Politik die Herrschaftsverhältnisse wieder, der alle Mittel recht sind, also legislative, judikative und exekutive Gewalt, um den status quo aufrecht zu erhalten. Das spiegelt sich ebenfalls im Verständnis des Wortes Politik wieder, wenn damit parlamentarische Demokratie gemeint ist. Wir gehen weiter!

Unserer Meinung nach ist jegliche soziale Interaktion politisch! Indem wir uns in der Gesellschaft verhalten, formen wir sie. Das bedeutet also, dass alles politisch ist. Der Mensch ist ein soziales Wesen und somit auch ein politisches. Es gibt keinen Teilaspekt, der dabei ausgeschlossen ist. Und somit ist es in unserer Verantwortung die Gemeinschaft, in der wir leben wollen, selbst zu gestalten. Diese abzugeben an die Legislative des Staates ist Entmündigung unserer selbst. Deswegen ist auch Wohnen politisch. Wir wollen in einer Gesellschaft leben, in der das Recht auf Wohnen gewährleistet ist. In einer Gesellschaft, in der dieser Anspruch miteinander geteilt wird und solidarischer Beistand besteht. Wenn etwas frei ist, warum sollte Mensch darin nicht wohnen? Wenn das Recht auf Wohnen wichtiger wird als das Recht auf Profit, haben wir einen von vielen Schritten in Richtung einer schöneren und freien Gesellschaft getan.

Wir sind ein Durcheinander von Menschen, die vom passiven Dasein entschieden genug haben. Wir haben bei einer Aktion zusammengefunden, die uns alle weiter gebracht hat. Wir sind zusammengerückt, durften erleben, was es heißt, etwas selbst aufzubauen, zu gestalten und auch was es bedeutet, wenn das Erreichte unbarmherzig genommen wird. Unser Weg ist nicht zu Ende, wir geben hier nicht auf. Die Welt um uns herum bietet zu viele Möglichkeiten, zu viel Potential und zu viele Notwendigkeiten, um die Füße still zu halten. 

Die Grafi10 ist ein Projekt eines strömungsübergreifenden Gemenges aus anarchistischen, israelsolidarischen, libertären oder eher orthodox-kommunistischen, antimperialistischen, sowie queerfeministischen Menschen, welche dieses Projekt aus einem antiautoritären, antikapitalistischen Konsens heraus getragen haben.

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Blog: grafi.noblogs.org