Für mehr Autonomie auf dem CSD!

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Der Wahlkampf zieht noch mal richtig an, die Plakate belästigen mensch nun überall. Doch auch Verbände mobilisieren ihre Klientel, um ihre politischen Positionen deutlich zu machen und Bundespolitik zu beeinflussen. So fand in Berlin etwa eine Großdemo des Volksfront-Bündnisses #unteilbar statt, welches gewissermaßen für eine Regierungsoption von rot-grün-rot steht.

In Dresden geriet ich zufällig in eine CSD-Parade. Dort kam ich mir sehr alt vor, denn den letzten sommerlichen Samstag vor Schulbeginn nahmen offensichtlich zahlreiche Schüler*innen zum Anlass, sich bunt und schrill feiernd die Straße zu nehmen. Da ich nicht wirklich in der LGBTQ-community unterwegs und ohnehin gerade mit ganz anderen Dingen beschäftigt bin (auch wenn ich die Homo-Lobby natürlich absolut unterstütze!), war ich zunächst verwundert, dass das besagte Event nicht im Juni oder Juli stattfand. Darüber hinaus war mir auch nicht nach schrillen Massenevents zu Mute. Dass derartige Veranstaltungen von verschiedenen Vereinen dominiert werden, die sehr darauf bedacht sind, Förderungen zu erhalten und Teil der fiktiven gesellschaftlichen Mitte zu sein, ist bekannt und ein Grundproblem. Irritierend fand ich allerdings, einen Party-Wagen der FDP im Zug zu sehen. Dass Parteien bei einer derartigen Veranstaltungen mitfahren dürfen, zumal in Wahlzeiten, ist zutiefst problematisch und für die Organisator*innen beschämend.

kein Bild vom CSD Dresden 2021

Der CSD ist ein Musterbeispiel dafür, wie dass der Kampf für die Selbstbestimmung aller Menschen, stets die beiden Seiten von Integration/Anerkennung und Opposition/Rebellion hat. Das ist auch erst mal nicht weiter schlimm. Traurig aber ist, dass die community dahinter sich immer weiter entradikalisiert und auch entpolitisiert hat. Gegen eine Feierparade ist grundsätzlich überhaupt nichts einzuwenden. Wenn damit jedoch keine Konfrontation eingegangen wird, bleibt unklar, wofür die Mobilisierung überhaupt steht. Ja, für eine liberale, demokratische Gesellschaft. Dafür einzutreten ist in Sachsen beispielsweise durchaus nicht selbstverständlich. Gerade in den osteuropäischen Ländern gilt es derartige Events und Gruppierungen deswegen unbedingt zu unterstützen. Ein CSD könnte aber so vieles mehr sein. Daher liegt es an linksradikalen Gruppierungen, dass sie zumindest eigene Blöcke auf derartigen Veranstaltungen formieren und sich kritisch mit der Funktion und Rolle derartiger Ereignisse auseinandersetzen.

Zugleich kann gesagt werden, dass sich in diesem Feld in den letztem 30 Jahren unheimlich viel getan hat. Allerdings bleibt es weiterhin sehr stark vom sozialen Milieu abhängig, wer sich zur eigenen Sexualität bekennen kann, ohne angefeindet, ausgegrenzt oder mit dämlichen Sprüchen bedacht zu werden. „Schwuchtel“ bleibt vermutlich eines der verbreitetsten Beleidigungen auf dem Schulhof. Ebenso wirkt das Patriarchat weiter, wenn auch verdeckter und von vielen gekränkten Männern nun so vehement verfochten, dass sie sich damit selbst völlig lächerlich machen. Selbst das AfD-Klientel kommt nicht umhin einzusehen, dass für einen bedeutenden Teil der Bevölkerung die #pride auf ihre eigene Sexualität und Seinsweise viel stärker ausgeprägt ist, als der Stolz auf die Nation.

Der CSD versinnbildlicht, wie progressive Inhalte und Themen Jahre und Jahrzehnte lang von marginalisierten radikalen Aktivist*innen verfochten werden, bevor sie dann an einem Kipppunkt von verstaatlichter Politik und hegemonialen Erzählungen aufgegriffen und in die Narration der Herrschenden einbezogen werden. Mit Anerkennung und finanzieller Förderung geht Konformität und Abhängigkeit einher. Dies bedeutet nicht in jedem Fall, solche abzulehnen, aber damit zumindest einen strategischen Umgang zu finden. Selbstorganisierte, nach Autonomie strebende emanzipatorische soziale Bewegungen sehen anders aus. Daran gilt es sich allerdings zu orientieren. Was LGBTQI*-Rechte angeht und ebenso in allen anderen Bereichen. Insbesondere junge Menschen, auch bei Fridays for Future, ließen sich weiterhin von Parteien verarschen und nur wenigen gelang ist, sich aus ihrem bürgerlichen Bewusstsein hinaus zu entwickeln. Festgehalten werden kann immerhin, dass sich einiges bewegt hat und bewegt aktuell. Perspektiven und Positionen jenseits von Vereinsmeierei und auf den Staat bezogener Politik sind allerdings aktiv zu entwickeln und zu vermitteln.