Frei:Raum

Lesedauer: 3 Minuten

Gestern, als ich die „Soziale Kampfbaustelle“ in Connewitz besuchte, war ich eher in meinen eigenen Gedanken und mit dem Lecken meiner Wunden beschäftigt, als dass ich mich auf Leute und Programm hätte einlassen können. Mit einer massiven Polizeipräsenz wurde die Demo „Kämpfe verbinden“ wegen einer Lappalie aufgelöst und zerstreut. Die Medien berichteten, was sie vorher bereits notiert hatten und doch immer der selbe Schwachsinn ist. Man kennt es, aber es ist ärgerlich. Die viel beschworene „Gewalt“ von Linksautonomen wird herbei geschrieben um den Rechtsterrorismus zu relativieren. Hinzu kam zu späterer Stunde ganz klar, dass die Polizei ihre massives Aufgebot rechtfertigen musste, also den Streit provozierte, der ohne sie gar nicht entstanden wäre.

Gleichzeitig ärgert es mich, dass sich die mehr oder weniger „autonomen“ Kräfte dort immer wieder in die Rolle drängen lassen, die ihnen zugeschoben wird. Aus purem Trotz heraus, kann man sich nicht als selbstbestimmten und selbstbewussten Akteur setzen. Natürlich war die Situation angeheizt, weil es vorgestern dort mal kurz geknallt hatte und vor und davor wegen der Räumung der Ludwigstr. 71 bei der Eisenbahnstraße. Elf Tage Hausbesetzung – das war schon ein Erfolg gewesen! Und hat mich bewegt.

Als ich aufwachte, kreisten sich meine Gedanken darum, was ich überhaupt mit sogenannten Freiräumen, selbstverwalteten Zentren und dergleichen, verbinde, warum sie mich früher zu faszinierten. Warum hatte ich 2007 eine Weile in einem besetzen Haus gelebt, anschließend 2 Kommunen besucht, mich lokale Auseinandersetzungen um Räume in der studentischen Kleinstadt eingebracht und dann 2013 selbst ein Haus besetzt?

Ich denke, da war und ist ein starker Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben bei mir. Gemeinsam und solidarisch miteinander seinen eigenen Kram zu machen, auch mit den damit einhergehenden Widersprüchen und Konflikten. Die Erfahrung in solchen Räumen hatte mich begeistert. Und eben als Erfahrung lässt sich von ihr zwar erzählen, aber geteilt werden kann sie nur wirklich, wenn andere ähnliche Erfahrungen machen. Die Sehnsucht und dann auch die Vorstellung davon, wie verschiedene Dinge anders werden können, brauchen Orte, wo sie sich materialisieren können. Diese Orte haben als rebellische Nester per se einen vorläufigen, offenen, prozesshaften Charakter. Mit und in ihnen findet Präfiguration statt. Dabei ist die Transformation durch Freiräume zweifellos eine anarchistische Strategie, wie Eric Olin Wright in Reale Utopien (2017) festhält. Mit ihnen geht es nicht darum, dass beispielsweise eine Subkultur lediglich ihren Treffpunkt findet, sondern um den Anspruch, die Gesellschaft insgesamt zu ändern.

Im Nachgang zu unserer Besetzung 2013 legte ein Genosse einige Thesen zu „Stützpunkten“ vor. Mit ihnen kritisierte er den Begriff „Freiraum“. Es ist eben nicht möglich, sich spartial oder kulturell völlig raus zu nehmen, sich raus zu wähnen. Es ist nicht zielführend, sich auf einen Standpunkt der moralisch Überlegenen zu stellen. Noch ist es der Fall, dass Räume einfach nach eigenem Entschluss so genommen und aufrecht erhalten werden könnten. Sie werden immer auch gewährt.

Der Begriff des „Stützpunktes“ ist meiner Ansicht nach rundum abzulehnen. Er verkörpert eine militaristische Logik und verschiebt die Erfüllung von Bedürfnissen, ebenso wie die Erfahrbarkeit einer anderen Gesellschaft auf eine unbestimmte Zukunft. Damit ist er auch mit einer Vorstellung von Avantgardepolitik verknüpft. Mit ihm wird die eigene Machtbasis, vor allem die Art der eigenen Macht, falsch eingeschätzt, wird ein instrumenteller Blick auf Menschen angewandt und aus vermeintlicher Radikalität letztendlich nichts weiter als Kritik hervorgebracht. Nicht jedoch eine Vision.

Von „Freiräumen“ zu sprechen, ist jedoch ebenfalls problematisch. Und dennoch macht es eben Unterschiede sich in selbstverwalteten Zentren aufzuhalten, ein Stadtviertel mit emanzipatorischer Politik und inspirierender Kultur zu prägen, damit auch andere Beziehungen und Strukturen der kommunalen Selbstorganisation entgegen jenen der staatlichen Verwaltung zu stiften.

Herunter gebrochen wird deutlich: Die Logik, welche sich im Begriff „Stützpunkte“ abbildet ist eine, in welcher der Zweck die Mittel heiligt und diese instrumentell angewandt werden. Im Begriff „Freiräume“ hingegen tendiert das Mittel oftmals, zu einem Selbstzweck zu werden: Autonome Zentren gehen an ihrer Deorganisation zu Grunde, lang haltende Projekte geben ihren widerständigen Charakter zugunsten eines mehr oder weniger alternativen Lebensstils auf, die Lebenszeit, welche in derartige Vorhaben fließt, fehlt um andere Politikformen hervor zu bringen.

Beide Tendenzen gilt es daher zu vermeiden: Dass selbstorganisierte Räume von Ansätze der Selbstorganisation in Stadtvierteln lediglich als Mittel betrachtet werden. Und dass sie zu Selbstzwecken degenerieren. Die Balance ist wichtig, um den potenziell rebellischen Charakter bestimmter Orte aufrecht zu erhalten, in ihnen jedoch zugleich tatsächlich libertäre, solidarische und egalitäre Beziehungen und Institutionen präfiguriert werden. ~ Soweit meine unausgegorenen sonntäglichen Gedanken an dieser Stelle.

[frei herunter geschrieben am 6.9.]