Du sollst nicht bedürftig sein

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Und wieder ist der Herbst eingezogen. Die Zeit der bunten Blätter und der wechselnden Kleidung. Die Zeit, sich ein Nest für den Winter zu bauen, die Zeit der Depressionen. Theoretisch eine Zeit für eine kämpferische Herbstoffensive, nachdem alle im Sommer ihre ausgedehnten Auszeiten hatten. Praktisch eine Zeit der Auszeit von der Auszeit, also sprich: der apolitischen Rudimente autonomer Politik, welche als „politisch“ ausgegeben werden.

Für mich geht die Suche weiter. Und das ist ja falsch, wie ich immer wieder erfahre. Sehnsucht ist eine romantische Verlagerung der Erfüllung konkreter Bedürfnisse. Eine Projektion auf Zukünfte, andere Welten, andere Menschen, in welchen und durch welche die Bedürfnisse dann irgendwie erfüllt werden sollten. Und das ist äußerst problematisch, das gebe ich zu. Denn, so scheint es nun mal zu sein, das Erwachsenenleben im Kapitalismus. Dass mensch sich selbst kümmern muss, um Alles beziehungsweise um das Essenzielle. Ist ja auch prinzipiell besser, als wenn das der paternalistische Sozialstaat tut.

Gelegentlich kommt es mir so vor, als würde das (neo)liberale Diktum „Jede ist ihres Glückes Schmiedin“ vor allem in linken Szenen zelebriert werden. Menschen faseln von „Solidarität“, weil es oftmals so ist, dass man viel von Dingen spricht, die man eigentlich ziemlich schlecht kann. So wie die Reaktionären von „Heimat“ schwafeln, tun es die Linken von „Solidarität“. Damit möchte ich gar nicht sagen, dass Solidarität gar nicht praktiziert wird. Selbstverständlich engagieren sich viele zehntausend Menschen täglich für den Aufbau einer besseren Welt und das gilt es zu würdigen.

Was ich in diesem Zusammenhang meine, ist die in unserer Zeit verbreitete Selbstbezüglichkeit, von der ich mich nicht ausnehmen will. Die Haltung, sich aus der kurzen Lebensspanne, die wir haben, das Beste heraus zu krallen, in der Angst, bei all dem zerstörerischen Reichtum, den diese Gesellschaft produziert, zu kurz zu kommen. Gerade „konsum-kritische“ Personen konsumieren dabei vor allem Erlebnisse… und andere Menschen. Das geschieht teilweise doch ziemlich rücksichtslos, muss ich immer wieder feststellen

Und diese Einstellung widert mich an – weil ich neidisch bin und das nicht kann. Weil ich mich nicht gut um mich selbst kümmern kann. Weil ich aber auch nur sehr schlecht etwas einfordern, greifen und erzwingen kann… Dazu fehlt mir die Grundhaltung, dass ich es „verdient“ habe. Denn ich möchte nichts „verdienen“ müssen, sondern nur beschenkt werden und schenken.

Was Selfcare angeht, ist das auch absolut mein (männlich konnotiertes) Problem, das gebe ich zu. Da muss mich mich selbst bewegen, um etwas zu verändern – die Gründe, warum das so ist, hin oder her. Über die anderen Aspekte würde ich aber schon ganz gerne mal wieder ins Gespräch kommen…

Was mich da beispielsweise stark irritiert, ist, dass es in linken Szenen erwünscht ist, ja, nahezu erwartet wird, dass Menschen über ihre Gefühle sprechen. Aber wenn sie dies tun, dann ist es schnell auch wieder zu viel und mensch geht in Distanz. Das heißt, Menschen werden anerkannt, wenn sie über ihre Gefühle sprechen. Aber sie sollen es auf eine bestimmte Weise tun. Nämlich so, dass sie bei anderen den Eindruck von Offenheit, Ehrlichkeit und „Authentizität“ vermitteln. Nicht aber so, dass sie offen, ehrlich und „authentisch“ rüber bringen, wie abgefuckt sie von dieser Gesellschaft und den Erfahrungen in ihr sind. Das erste wird als wünschenswert emotional verstanden. Das zweite als Irritation und Infragestellung des eigenen Yolo-Daseins aufgefasst.

Doch nur eine Beschäftigung mit Letzterem würde ermöglichen, eine anti-politische Einstellung zu den gesellschaftlichen Verhältnissen zu entwickeln. Also mal aufzuhören mit dem Kreisen um das eigene Hausprojekt, um die Bildungsarbeit oder die eigenen Identität. Mal raus zu kommen, aus der abgekoppelten Beschäftigung mit Theorie oder den kopflosen Einweg-Aktionen. Sondern derartige Praktiken auf ein Ganzes zu beziehen.

Doch das Ganze, das verstehe ich schon, erscheint oftmals ganz schön groß. Zu groß. Und so gilt es also wiederum, individualisiert der Erfüllung eigener Bedürfnisse nachzugehen. Dazu kann mensch sich auch in seine geschlossene, spießige Wohlfühl-Gemeinschaft zurückziehen. Das tun viele. Aber meine Sache ist es nicht. Und auch nicht die von allen. Manche können das nicht. Vielleicht ist es auch ein Privileg, das zu können, anstatt draußen in der Welt sein zu müssen. Der Kälte der Welt im warmen zwischenmenschlichen Nest zu entfliehen, jenen sogenannten „Rückzugsräumen“, die auf keinen Fall irritiert und verletzt werden sollen…

Dagegen werden sozial-revolutionäre Perspektiven gemieden, weil sie eben nicht primär der eigenen Bedürfnisbefriedigung dienen, weil das ach so besondere und wichtige Individuum darin weniger Lust, Anerkennung und Sicherheit findet, als ihm der Kapitalismus in westlichen Staaten zu bieten scheint. Insbesondere dort, wo Rebellionswünsche heute auf verschiedenen Weisen warenförmig ausgelebt werden können… Grenzen zu überwinden, bedeutet aber immer, Sicherheiten aufzugeben, sich verletzbar zu machen und nicht zu wissen, ob mensch dabei gewinnt.

Im Endeffekt ist es doch gerade in unseren Szenen so: Wer hat, dem wird gegeben. Und: Du sollst nicht bedürftig sein.