Die Zukunft invertieren – Apokalypse als Offenbarung

Lesedauer: 6 Minuten

Srećko Horvats Gedanken zum Ende der Welt

zuerst veröffentlicht in: GWR #471, September 2022

Der kroatische Intellektuelle Srećko Horvat ist vor allem bekannt geworden durch seinen Sammelband Nach dem Ende der Geschichte. Vom Arabischen Frühling zur Occupy-Bewegung von 2013 (1), als Direktor des in Zagreb stattfindenden Subversive Festivals und als Mitglied der Partei DiEM25 (2). Diese Partei, welche unter anderem auch von Noam Chomsky unterstützt und von Yanis Varoufakis getragen wird, kann als „neo-eurokommunistisch“ beschrieben werden. Damit stellt sie eine demokratische und emanzipatorische Alternative zur nationalen Beschränktheit und dem stumpfsinnigen Populismus der Wagenknechtschaft in der BRD dar. In seinem aktuellen Buch After the Apocalypse beschäftigt sich Horvat – maßgeblich beeinflusst von der Corona-Pandemie, der Klimakrise und der nach wie vor vorhandenen atomaren Bedrohung im Nuklearzeitalter – mit gesellschaftlicher Krise, post-apokalyptischer Melancholie und Vorstellungen von Zeitlichkeit. An dieser Stelle werde ich – in meinen eigenen Formulierungen zusammengefasst – die neun Thesen vorstellen, welche Horvat im Einleitungskapitel formuliert (S. 1–41), um aufzuzeigen, dass er sich letztendlich mit dem in der marxistischen Theorie eingeschriebenen teleologischen Fortschrittsdenken auseinandersetzt. Dieses wurde im anarchistischen Denken durch das Verständnis von „Präfiguration“ bereits überwunden.

Neun Thesen zur alltäglichen Apokalypse, dem Leben in ihr und der Entscheidung für ein alternatives Ende der Welt

Nach Horvat begegnen wir heute alltäglich der „nackten“ Apokalypse, die jedoch nicht mehr die Hoffnung auf ein anbrechendes Zeitalter der Erlösung beinhalten kann. Denn die globalen Krisen potenzieren sich gegenseitig, sodass wir mit einer umfassenden Krise der kapitalistischen Gesellschaftsform konfrontiert sind, deren eigenes Potenzial zur Transformation aus sich selbst heraus versiegt ist. Daher ist die Apokalypse – und das gilt konkret auch für die vielen Erscheinungen, welche die Pandemie mit sich brachte – als eine Offenbarung zu verstehen: Sie verweist auf die Möglichkeit des Aussterbens menschlichen Lebens, das einen Großteil des terrestrischen Lebens mit sich in den Abgrund reißt. In diesem Prozess befinden wir uns, und in ihm findet nicht nur ein Kampf um Körper, sondern auch einer um Bedeutungen statt. Vertraute Koordinaten unseres Denkens geraten ins Wanken, die Sprache selbst infiziert sich im Ausnahmezustand. Dies führt auch zu Veränderungen unseres Menschseins, unserer Subjektivität. Das Wissen um den zerstörerischen Zustand, in dem wir gefangen sind, und unsere jeweilige persönliche Erfahrung prägen uns alle in Form einer post-apokalyptischen Melancholie. Sie kann kaum in hergebrachten Kategorien von Trauer gefasst werden, da sie unsere ganze Lebensweise im 21. Jahrhundert bestimmt.

Eine Umgangsweise damit ist, die Apokalypse zu „normalisieren“. Dingen, die gemeinhin zuvor als „unnormal“ erschienen, wird – nahezu krampfhaft – eine Normalität zugeschrieben, die, mit etwas Abstand betrachtet, irritieren sollte. Dass Regierungen und Bürger*innentum beispielsweise nach wie vor an automobilem Individualverkehr und Massentierhaltung festhalten, dass die Kohlekraft ganz gemächlich heruntergefahren wird und Atomenergieproduktion wieder rehabilitiert ist, grenzt an blanken Wahnsinn. Dabei verschleiert die Rahmung der Pandemie als „Naturkatastrophe“ oder „Krieg“, dass sie in ihrer Ausprägung ein Ergebnis des globalen Kapitalismus ist. Der berühmte „tipping point“, an dem das globale Klimasystem kippen wird (weil die arktischen Gletscher unweigerlich schmelzen, der Permafrostboden auftaut, der Regenwald und die Korallenriffe vollständig zerstört sind), lässt sich auch auf apokalyptische Prozesse in anderen Dimensionen anwenden. In ihrer Verschmelzung (Migration und Kapitalverwertung ließen sich z. B. ergänzen) steht das ultimative Aussterben am geschichtlichen Horizont – und übersteigt zugleich unsere Vorstellungskraft, weil wir etwas so Umfassendes kaum begreifen können. Dies muss schließlich zum Zusammenbrechen des teleologischen Fortschrittsdenkens der Moderne selbst führen, von dem wir alle geprägt sind. Darin liegt die Voraussetzung für die Entscheidung zwischen dem ignoranten Weitermachen wie bisher und einer radikalen Wiedererfindung der Welt. Doch zu Letzterem können wir nur gelangen, wenn wir uns der Wahrheit der gegenwärtigen Apokalypse bewusst werden.

Panikreaktionen und Offenbarungsmythen

Horvats Darstellung des komplizierten Themas unserer gegenwärtigen Zeit ist überzeugend. Er beschreibt den Eindruck, dass uns die Zeit selbst zwischen den Fingern zerrinnt, worauf Menschen je nach Prägung, Umfeld und Gesellschaftsform sehr verschieden reagieren. Es ist durchaus angebracht, sich dem Thema der umfassenden Zerstörung, die sich aus der bestehenden Herrschaftsordnung und unserer Lebensweise in ihr ergibt, zu widmen. Dabei in Panik zu verfallen, hilft sicherlich nicht weiter, um aktiv dafür zu handeln, dass die Geschichte einen anderen Verlauf nimmt, als weiterhin auf das Aussterben zuzusteuern. Panik ist nicht hilfreich – aber im Grunde genommen verständlicher, als weiter in unseren Alltagsroutinen zu verharren. Menschen gewöhnen sich an vieles, auch an die alltägliche Apokalypse. Dass die atomare Bedrohung heute genauso vorhanden ist wie vor 50 Jahren, ist eine Tatsache. Menschen haben die komplexe Fähigkeit entwickelt zu verdrängen, dass Millionen von ihnen auf einen Schlag vernichtet werden können.

In der Konfrontation mit dieser Wahrheit sind Horvats Thesen stark. Doch um sie aufzustellen, wendet er ein modernes Schema auf eine unter anderem biblische Erzählung an, die gerade mit der teleologischen und chronologischen Zeit bricht. Durch das Genre des Katastrophenfilms sind wir gewohnt, das apokalyptische Ende (sei es durch Zombies, Aliens, Überschwemmungen, Asteroiden oder Seuchen) als spektakulären Bruch mit dem Bestehenden zu verstehen. Bekanntlich wird dieser durch einzelne Held*innen abgewendet, die über besondere wissenschaftliche Kenntnisse, Mut und Glück verfügen. Im Ergebnis kehren wir meist zur vorherigen bürgerlichen Kleinfamilie als „Keim der Gesellschaft“ zurück, und die chronologische Zeit kann weiterlaufen. Doch die Offenbarung der Bibel beinhaltet genau jene Erzählung, nach welcher Horvat sucht: Sie handelt vom alltäglichen Erleben der Repression, der Dekadenz und des Irrsinns der alten Herrschaftsordnung wie auch vom Widerstand gegen diese – und erzählt dies auf mythologische Weise. Um einen emanzipatorischen Umgang mit der gegenwärtigen Apokalypse zu erhalten, müssen wir dementsprechend paradoxerweise trotzdem an vergangene apokalyptische Erfahrungen anknüpfen.

Prophetische Eschatologie und präfigurative Politik im Anarchismus

Zweitens beinhaltet Horvats Darstellung die Erkenntnis, dass aus dem Kapitalismus keine sozialistische Alternative hervorgehen wird, wie Marxistinnen früherer Zeiten annahmen. Wir müssen sie außerhalb, woanders, aber parallel zum Kapitalismus vorhanden denken und aus ihm „austreten“, wie Gustav Landauer formulierte. Das Gleiche ließe sich nun auch für Staat, Patriarchat, weiße Vorherrschaft und Naturbeherrschung sagen, die keineswegs „neutraler“ als der Kapitalismus oder lediglich aus diesem abgeleitet sind. Anarchistinnen denken dahingehend in Kategorien der „Präfiguration“, das heißt der Vorwegnahme der erstrebenswerten Zukunft in der Gegenwart. Deswegen setzte Landauer auf die wegweisende Funktion von experimentellen Kommunen. In mutualistischen Ansätzen wurde die politische Revolution verworfen und der Aufbau von Parallelstrukturen angestrebt, ebenso wie in individualistischen Strömungen des Anarchismus,
in welchen auf die Befreiung der Einzelnen gesetzt wird, um im Hier und Jetzt – angefangen bei uns selbst – Veränderungen zu bewirken. Auch in der anarch@syndikalistischen Doppelaufgabe von Basisgewerkschaftsgruppen als „Kampforganisationen und Keimzellen der kommenden Gesellschaft“ kommt ein eminent präfigurativer Anspruch zum Ausdruck.

Dies betrifft, drittens, auch Horvats Überlegungen zur „Wiedererfindung“ der Welt. Letztendlich ist sie nichts anderes als die Forderung nach einer „Reorganisation“ oder „Neustrukturierung“ der Gesellschaft jenseits der bürgerlichen Herrschaftsordnung, wie sie bereits Wilhelm Weitling um 1838 formulierte – und die später vom libertären Flügel der sozialistischen Bewegung aufgegriffen wurde. Sozialdemokratinnen konnten sich dagegen ganz gut in der apokalyptischen Gegenwartsgesellschaft einrichten, und autoritäre Kommunistinnen setzten auf den großen Knall der politischen Revolution, welche ins goldene Zeitalter führen sollte (und aus historischer Notwendigkeit heraus in dieses münden müsste, weswegen es auch erzwungen werden könnte). Gegen diese „apokalyptische Eschatologie“ (3) prägte Martin Buber unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg den Begriff der „prophetischen Eschatologie“, welche er im Anarchismus als gegeben ansieht (4). Diese wurzelt in einer echten historischen und holistischen Situierung von konkreten Menschen, denen Handlungsspielräume und Verantwortung aufgebürdet werden. Sie führt deswegen, viertens, auch zur Aufforderung zur Entscheidung, die Konfrontation mit dem apokalyptischen Zustand der bestehenden staatlich-kapitalistischen Verhältnisse einzugehen, mit diesen zu brechen, sie zu unterbrechen und aus ihnen den Exodus ins unbekannte Land zu wagen. Eine grundlegend andere Gesellschaftsform können wir uns als psychisch, emotional, ideologisch, materiell und sozial in der Herrschaftsordnung Verhaftete kaum vorstellen. Beim Versuch, dies zu tun, stoßen wir an die gleiche Begrenztheit unserer Vorstellungskraft wie im Bewusstwerden darüber, was das Artensterben und die Ersetzung von Biomasse durch tote Technosphäre wirklich bedeutet.

Über die Grenzen der bestehenden Herrschaftsordnung hinausgehen

Zusammengefasst lässt sich in Horvats Verständnis von Geschichte, Zeitlichkeit und Subjektivität aufzeigen, dass er implizit marxistische Annahmen hinterfragt, teilweise überwindet und sich anarchistischen Positionen annähert. Diese sind selbstverständlich nicht per se nicht-teleologisch, denken wir zum Beispiel an den sozialen Fortschrittsoptimismus Peter Kropotkins. Jedes Verständnis von Geschichte und das Erleben von Zeit sind von den Bedingungen der historischen Zeit geprägt, in welcher sie – auch in verschiedenen Varianten – entspringen. Was Anarchist*innen aber auszeichnet, war und ist, an die Grenzen des herrschaftsförmigen Alltagsverstandes zu gehen, Konfrontationen mit der bestehenden Herrschaftsordnung einzugehen, sie zu ignorieren und Alternativen zu ihr zu imaginieren und zu verwirklichen. Und davon können sich viele linke Intellektuelle – trotz ihrer gewinnbringenden kritischen Anstöße – eine Scheibe abschneiden.

Anmerkungen

(1) Srećko Horvat: Nach dem Ende der Geschichte. Vom Arabischen Frühling zur Occupy-Bewegung, Übersetzung aus dem Kroatischen von Blažena Radaš, Laika-Verlag, Hamburg 2013.
(2) https://diem25.org/de/

(3) Eschatologie ist das religiöse Konzept des Endzeitlichen, insbesondere die prophetische Lehre von den Hoffnungen auf Vollendung des Einzelnen und der gesamten Schöpfung.
(4) Martin Buber, Pfade in Utopie, Heidelberg 1950, S. 29ff.