Die Zerstörung des Sommertags

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Es stimmt, Träume sind persönliche Angelegenheiten und gehören sicherlich nicht mit aller Welt geteilt. Immerhin geben sie Einblick in das intimste Innere einer Person, einem hohen Gut, welches unter Bedingungen unseres heutigen social media-Aktivismus immer brüchiger wird. Darüber hinaus bewegt sich der öffentlich wirkende Intellektuelle (vom Selbstverständnis her, die Reichweite ist erst mal nebensächlich) ja immer im Widerspruch mit seiner eigenen Persönlichkeit zu wirken, um gesellschaftliche Themen zu erschließen und interpretieren – und dies natürlich möglichst anschaulich und aus einer bestimmten Perspektive. Traumtagebücher scheinen ja eher in die postadoleszente Lebensphase zu gehören, in welcher jene, die immer problematisieren und deuten müssen, bekannterweise vieles unheimlich geheimnisvoll und bedeutungsvoll erscheint, was sie in ihrem Inneren entdecken. Und diesen Entdeckungen, wie Traumbildern, wird dann eben unglaublich viel Bedeutungsgehalt zugeschrieben, wie es in der Hybris der romantisierenden Jugend so üblich ist. Bürgerliche Ideologen kommen aus dieser Phase ja nie raus, werden später in der Regel dann aber zynisch, arrogant oder versöhnlich. Dass ich davon noch weit entfernt bin, soll deswegen die Fragmente des folgenden Traums versinnbildlichen…

Sommer. Sommertag. Sommerliches gleißendes Licht, sommerliche Gefühle. (Oh wow! Das erscheint mir schon als ferner Traum für sich…) Wir harrten tagelang in einer Art alten Fabrikhalle aus, die abseits von der Stadt irgendwie lieblos in die Landschaft gepflanzt war. Vielleicht so, wie es in den sächsischen Industriedörfern bisweilen üblich war und dennoch schon immer ein skurriles Bild abgegeben haben muss, aufgrund des Zusammentreffens von Asphalt, Schloten und Maschinen mit Bäumen, Wiesen, Feldern. Ja, Felder waren da ringsherum, Weizen vermutlich, der kurz vor seiner Reife war. Wir hielten uns nicht ohne Grund auf diesem Fabrikgelände auf, sondern erschlossen uns einzelne Räume in den oberen Etagen als Werkstätten und zur Organisation, mit der Absicht ein kleines Festival durchzuführen. Die Vorfreude war groß. Ein munteres Kollektiv werkelte und bastelte, hing aber zwischenzeitlich auch einfach herum und genoss den Sommer. Da waren auch kleine Kammern, in den oberen Etagen. In einem finsteren Areal befanden sich Räume, in denen jeweils ein Klo eingebaut war. Ich zwängte mich dort hinein und mich überkam das schauerliche Gefühl, es müsste sich um eine Gefängniszelle handeln.

Vermutlich war unser Festival illegal. Nicht wegen einer eventuellen Seuche denke ich, sondern einfach, weil wir keinerlei Anmeldung vorgenommen hatten. Dies schien uns nicht zu beunruhigen – entweder, weil wir uns einfach so einen abseitig gelegenen Ort gesucht hatten, oder, weil uns als selbstverständlich erschien, dass wir eventuelle Komplikationen schon würden regeln können. Dabei ahnten wir jedoch noch nicht, wie falsch wir mit dieser Annahme lagen.

Wir hörten von einem Aufmarsch des rechten Volksmobs in der Nähe. Ein Ereignis, dem wir keinen Wert beimaßen und keinen Protest entgegensetzen, sondern es einfach geschehen lassen wollten. (Möglicherweise ein Vorzeichen für die völlige Resignation und den sich ankündigenden Rückzug in die hedonistische Blase? Dann aber sollte der folgende Verlauf als Warnung zu verstehen sein…) Was uns eher zu Denken gab, war die Polizeipräsenz in der Region. Daher fuhr ich mit jemandem das Feld entlang, die Straße entlang, bis hin zum nächsten Dorf und die Gegend ab. Wir beobachteten die Bullen-Wannen, in welcher Richtung sie unterwegs waren, wie viele im Abstand einer Weile einzeln vorbei fuhren. Das Wetter war herrlich. Und vielleicht war es dies, was uns in unserer Einschätzung blendete, vielleicht auch die unterbewusste projizierte Sehnsucht nach Sommer, Begegnung, Selbstorganisation, Genuss und Feierlaune. So fuhren wir zurück.

Ich legte mich in den oberen Etagen noch eine Weile zum Schlafen und ging dann hinunter in einen der Räume, den wir als Atelier hergerichtet hatten. Dort waren unsere Flyer, Plakate und anderer Papierkram für die Veranstaltung. Ich schaute mir einige der in verschiedenen Pastellfarben gehalten Flyer an und stellte mir vor, wie ich sie glücklich als Erinnerung an diese schönen, befreiten Tage aufheben und an meine Zimmerwand kleben würde. Dann ging ich hinunter und zog mir aus irgendeinem Grund eine Art Schlafanzug oder zumindest einen sehr schlabberigen Jogginganzug an und ging nichtsahnend hinunter zur Halle.

Erst hier bemerkte ich, dass alles gehörig schief gelaufen war. Schon daran, dass der Laserpointer einer halbautomatischen Waffe eines Bullen auf mich gerichtet war, der mich unweigerlich durch das Tor in die riesige Halle zwang. Dort waren in Zwanziger Gruppen die Leute aufgereiht, auf der anderen Seite die Cops, schwer bewaffnet, die Menge in Schach haltend. Doch es zuckte sich ohnehin niemand mehr wirklich. Hier war schon alles unter Kontrolle. Oder außer Kontrolle, je nach Ansicht eben. Knarren auf einen gerichtet zu fühlen und mit diesen durch ihre Kampfanzüge und Helme unmenschlichen Robotern zu tun zu haben, stresste mich sehr. Vor allem war ich jedoch schockiert von diesem dreisten Überfall, den ich in keiner Weise hatte kommen sehen.

Doch die Schikane ging weiter. Wir wurden gezwungen, Sport zu machen, Hockstreck-Sprünge oder so was in der Art, was man tun konnte, ohne den angewiesenen Platz zu verlassen. Diese Penner hatten unsere ganze Atmosphäre zerstört. So weit ich in Erinnerung habe, wurde niemand geschlagen oder körperlich verletzt. Allerdings packten die Staatslakaien noch eine Ladung drauf, die ich durchaus nicht für möglich gehalten hätte: Sie requirierten unser gekochtes Essen, das wie üblich in großen Töpfen vor Ort zubereitet worden war. Wir durften ihnen dabei zusehen, wie sie sich satt aßen. Abschließend stießen sie noch einige der Töpfe um, schikanierten die Leute noch etwas und zogen dann mit ihrem Trupp von dannen. Es waren sicherlich hundert von ihnen, eine große Zahl.

Ich konnte diesen Überfall nicht fassen. Üblicherweise wird bei so einer Gelegenheit ja irgendein Vorwand gesucht oder dann provoziert, um eine Anzeige zu ermöglichen und das Polizeihandeln formal zu rechtfertigen. Nichts davon geschah hier, keine Beschuldigung, keine Anzeige. Einfach nur eine bis an die Zähne bewaffnete Gang, die in unseren Freiraum eindrang und unseren Lebenswillen zunichte machte. Noch im Traum fragte ich mich, ob es denn nicht etwa irgendwelche Vorschriften gab, welche das Essen irgendwelcher Speisen im Einsatz verboten. So aus Gründen des Selbstschutzes wegen Vergiftung und so weiter. Ich meinte, das wäre so. Daraufhin aber wurde mir schlagartig klar, dass einer der Bullen selbst jahrelang in unserer Szene als Partygast und Konsument zugegen war und darum sehr wohl wusste, dass das Essen aus den Töpfen der Volxküchen äußerst nahrhaft und bekömmlich war. Und auch reichlich. So reichlich, dass man damit eine ganze Hundertschaft locker versorgen konnte. Was wir erlebten war also eine vollständig post-demokratische Polizei, die als Söldnertrupp fungierte. Nach alteingesessener spätmittelalterlicher Praxis plünderten die Landsknechte jene Gegenden, in die sie eingefallen waren. Schlagartig wurde mir klar, dass hier auch ein Spitzel anwesend war – nicht, in der Kerngruppe, die das Event organisierte, sondern unter die Gäste gemischt. Es blieben Wut, Trauer und Frustration. Es blieb die Zerstörung der Sehnsucht auf einen erfüllten Sommertag.