Die höflichen anarcho-syndikalistischen, libertär-kommunistischen Revolutionäre

Lesedauer: 14 Minuten




Da ich ja zuletzt mit dem Syndikalismus gearbeitet habe, führte mich dies unter anderem auch dahin, einen Blick in den vergilbten Band Ökonomie und Revolution (Wien: Monte Verita-Verlag 1986, bzw. Karin Karmer-Verlag 1975) zu werfen. Den ersten Beitrag von Juan Peiró zu Syndikalismus und Anarchismus (1936) kann ich an dieser Stelle überspringen, da im Wesentlichen Grundlagen des anarchistischen Syndikalismus zusammengefasst werden, welche sich ebenso zum Beispiel bei Rocker und anderen finden und daher hier nicht wiedergegeben werden müssen. Nett darin ist beispielsweise jedoch diese aufrüttelnde Formulierung:

„„Die Welt erobert man nicht mit Worten, sondern mit Taten. […] Bis jetzt ist der Anarchismus nicht mehr als ein Kompendium gesprochener Wahrheiten, ein moralischer und intellektueller Wert, ohne daß er die Realität tatsächlich durchdringt – oder besser gesagt, Möglichkeiten und praktische Aufgaben realisiert, die eine künftige Gesellschaft, und sei es auch nur prinzipiell, antizipieren. Es reicht nicht aus, von einer neuen Gesellschaft, die zunächst nur eine Minderheit will, immerzu nur zu reden. Wir müssen mit Taten zeigen, daß die von uns angestrebte Gesellschaft nicht ein Hirngespinst oder eine Utopie ist, was die Feinde einer wirklichen Gerechtigkeit behaupten.“ (40)

und darauf folgend:

„„Aus diesen und tausend anderen Gründen, die man hier noch aufführen könnte, meinen wir, daß jederevolutionäre Tat steril bliebe, wenn sie nicht auf einer praktisch – materiellen Basis beruht, d.h. wenn nicht bereits vorher die Grundlage für das neue ökonomisch-soziale Gebäude gelegt worden ist, das dann durch die Revolution endgültig errichtet werden soll. Ein kurzer Blick auf die Gegenwart zeigt, daß der Anarchismus noch nicht das theoretische Gebäude verlassen hat. Wir wagen sogar zu behaupten, daß der Anarchismus, was die praktische Verwirklichung angeht, (Wir wären schon mit den einfachsten Versuchen zufrieden) sehr viel rückständiger ist, als jede andere politische oder philosophische Schule. Es gibt sicherlich vielfältige Gründe dafür. Die Neigung diese Schwierigkeiten dieser praktischen Aufgabe zu überwinden, ist allerdings groß.“ (41f.)

Schön, das in diesen Zeiten das Ziel noch so klar vor Augen stand und es um a) die organisierte Kraft ging, die Produktionsmittel und Grundbesitz aneignet und verteidigt; um b) die technische Vorbereitung für die Übernahme der Produktion; und schließlich c) die Vorbereitung für die Fähigkeit zur Verteilung der Produkte an die Verbraucher“ (43). In diesem Zusammenhang muss es darum gehen, derartige Strukturen vor der Revolution, also heute aufzubauen. Denn der

„Erfolg dieser Aufgabe hängt von dem Beziehungssystem ab, das bereits vor der Revolution zwischen den Gewerkschaften der verschiedenen Industriezweige und Berufe errichtet wurde. Die vorherige Errichtung eines solchen Beziehungssystems mit vorrevolutionärem Charakter muß auf den Prinzipien einer sozialen Doktrin beruhen, die als Orientierung und Antrieb beim Ausbruch der Revolution dient.“ (44)

Schön ist auch diese Aussage, eine wirkliche, eigene Welt aufbauen zu müssen:

„Denn das Vertrauen, das wir in den proletarischen Massen wecken, steht in direkter Beziehung zu den Möglichkeiten, eine organisierte Kraft zu bilden, die den Grund und Boden, alle Produktionsmittel und Werkzeuge, den Konsum, den Transport und den Handel übernimmt und verteidigt“ (46).

Man sei es den Leuten schuldig, nicht nur zu labern, sondern auch mal klare Ansagen zu machen, sagt er weiterhin aus, wenn er schreibt, das

„Proletariat darf weder Gerechtigkeit im Parlamentarismus erhoffen, noch auf Spekulationen von ‚Erlösern‘ oder auf die Kollaboration vertrauen. Aber das Proletariat hat ein Recht darauf zu wissen, wem es vertrauen kann – und es nicht nur zu erfahren, sondern auch Garantien darüber zu bekommen, wie ihre unmittelbaren Interessen erfüllt werden und wie eine künftige Gesellschaft, zwar mehr oder weniger vorläufig, aber positiv aussehen kann“ (48f.).

Hierbei gehe es um das adäquate Zusammenwirken von Syndikalismus als gewerkschaftlicher Massenorganisation, der C.N.T. und Anarchismus, welcher sich als Organisation von ideologisch Überzeugten in der F.A.I. finde. Die Probleme des Proletariats könnten schließlich nicht alleine durch Klassenpolitik gelöst werden:

„Auch wenn wir Materialisten sind, glauben wir nicht so einfach, daß der Mensch von Brot allein lebt. Er braucht vielmehr auch Gerechtigkeit, geistige Nahrung von der Kultur und das Bewußtsein seines eigenen sozialen Wertes. Dies ist ein entscheidender Faktor. Der den grundlegenden Veränderungsprozeß der kapitalistischen Gesellschaft vorantreibt“ (49).

Nun gut, so viel zum Text von Peiró. Dabei wollte ich doch eigentlich zum Text Der ökonomische Organismus der Revolution von Diego Abad de Santillián kommen, den er 1936, also zu Beginn der sozialen Revolution in Spanien, verfasst hatte. Ebenso werde ich dazu einfach einige Zitate als Splitter aneinanderreihen, mögen sie irgendjemanden interessieren oder nicht.

Zunächst wendet er sich – klassisch – gegen die politische Vertretung der Arbeiter*innenklasse, welche ihre Befreiung in die eigenen Hände nehmen solle. Die gälte auch, wenn irgendwelche Politiker nun meinen, „den“ Sozialismus ausrufen zu müssen:

„Das Parlament der zweiten spanischen Republik hat vielleicht ironischerweise in der Präambel zu ihrer Verfassung die ‚Spanische Republik der Arbeiter‘ ausgerufen. Viele haben dies für absurd gehalten und gemeint, der bessere Titel sei ‚Spanien, eine Republik der Polizei, oder der Arbeiter – im Gefängnis‘. Eine Republik der Arbeiter läßt sich nicht im Parlament schaffen und auch nicht über ein staatliches Dekret einführen. Sie kann nur von den Arbeitern selbst an ihren Arbeitsplätzen und nicht von außerhalb geschaffen werden“ (103f.).

Selbstorganisation und Autonomie statt staatliche Politik bleibt also die Devise. Dafür brauche es eine „Organisation der Arbeit“, um die täglichen und unmittelbaren Probleme der Revolution zu lösen, welche nicht der Staat sein können und solle. Eine Koordination auf überregionalem Level schließt dies keineswegs aus – diese richte sich vielmehr gerade gegen das kapitalistische Konkurrenzmodell. Ein gemeinsames Gremium zur Koordinierung von Produktion und Verteilung sei möglich, ohne, dass damit die Freiheit der Einzelnen und lokalen Räte eingeschränkt werde. Und ohne den Staatskapitalismus als vermeintlichen „Zwischenschritt“ einführen zu müssen. Dafür brauche es aber eine umfassende Organisierung der Gesellschaft entlang von Produktionsstätten und -ketten.

Damit nun niemand ein falsches Bild vom Anarcho-Syndikalismus bekommt und etwa meint, hierbei handle es sich um ein bloßes Modell, fährt De Santillián nun damit fort, alle 18 Sektionen bzw. Branchen der C.N.T. aufzulisten – angefangen beim „Rat der Nahrungsmittelbranche“, über den „Rat der Metallindustrie“ bis hin zum „Rat für Verlagswesen und kulturelle Aktivitäten“. Spätestens danach weis man, dass Selbstorganisation wirklich Arbeit macht, weswegen sie ja so oft gescheut und leider oftmals lieber als Vertretung an hierarchische Instanzen abgetreten wird. Interessant wird es nun etwas, wenn es um „Ökonomie und Freiheit“ geht und de Santillán hierbei von einem langfristigen Transformationsprozess ausgeht, welcher Freiwilligkeit voraussetzt und in welchem durchaus verschiedene Formen nebeneinander her existieren könnten. Was den Dogmatiker*innen als Larifari erscheint, ist vielleicht am Ende tatsächlich die revolutionäre Herangehensweise, an diese Problematik:

„Wenn man den Anarchismus im Sinne von Freiheit versteht, ist er mit höchst unterschiedlichen ökonomischen Verhältnissen vereinbar – unter der Voraussetzung, daß diese nicht die Freiheit selbst negieren, wie das unter der kapitalistischen Monopolwirtschaft geschieht. Der Anarchismus tritt für die freie Entfaltung von jedermann ein und ist in keiner ökonomischen Situation monopolistisch. Der Menschen kann über sich selbst bestimmen und soll seinen eigenen Willen ohne Beeinflussung von außen ausdrücken können“ (133).

Erheiternder wird es aber gleich im Anschluss, wo de Santillán ganz ohne Zweifel festhält:

„Wenn wir das Prinzip der Herrschaft des Menschen über den Menschen ablehnen, dann heißt das nicht gleichzeitig, daß wir ein vorbestimmtes ökonomisches Niveau nicht erreichen wollen. Unsere Ablehnung wendet sich vielmehr gegen den Marxismus, der ein System zu verwirklichen sucht, das im Grunde der kapitalistischen Entwicklung nur folgt. Um Anarchist sein zu können, muß man ein bestimmtes kulturelles Niveau erreichen, ein Bewußtsein über die Macht haben und die Fähigkeit zur Selbstverwaltung. Idioten können nicht Anarchisten werden. Die Gesellschaft muß sich um sie kümmern, genauso wie um die Kranken und Arbeitsunfähigen“ (133f.).

Dahinter steht für ihn die Annahme – man müsste wohl eher fast sagen: die Überzeugung – dass die menschliche Psyche und Ethik durch seine materiellen Lebensgrundlagen bestimmt sind. Wo materielle und soziale Sicherheit bestünden, wären die Menschen großzügig, wo sie hungern egoistisch. In Hinblick auf diese Überlegung bin ich zwiegespalten. Einerseits glaube ich durchaus, dass Menschen kooperativer, sozialer und freundlicher sind, wenn ihre Lebensgrundlagen gesichert sind. Keineswegs gehe ich davon aus, dass Menschen „natürlicherweise“ zu Konkurrenz und arschlochmäßigen Verhalten neigen. Allerdings macht mich daher umso mehr das Verhalten der Menschen in den westlichen Postindustriegesellschaften stutzig. Ja, dort ist längst nicht alles da. Viele leben auch in sozialer Unsicherheit. Dennoch gibt es auch einen ungeheuren Reichtum, weswegen zur rein materiellen Komponente glaube ich doch noch andere Faktoren hinzutreten. Dies heißt jedoch nicht, die umfassende Angleichung der materiellen Lebensbedingungen zu verwerfen, denn die Zeiten

„der Entbehrungen und der Armut schaffen ein Klima der Brutalität, moralischer Regression. Jeder kämpft gegen jeden um das tägliche Brot. Dementsprechend ist es klar, daß die ökonomischen Bedingungen das Leben des einzelnen und dessen soziale Beziehungen beeinflussen. Deshalb wollen wir die bestmöglichen ökonomischen Bedingungen schaffen, die als Garantie für gleichberechtigte Beziehungen der Menschen untereinander dienen sollen. […] Wir streben ein ökonomisches System an, in dem Wohlstand, Wohlergehen und Genuß für alle verwirklicht werden kann. In diesen Zielen unterscheiden wir uns nicht von anderen Revolutionären. Wohlergehen als Ideal ist allen sozialen Bewegungen gemein. Was uns von anderen unterscheidet, sind die Gründe, weshalb wir Anarchisten sind. Sie stellen wir sogar noch vor das Wohlergehen. […] [Und daher ist unser Ziel […] ein ökonomisches System mit gleichen Rechten und Gerechtigkeit für alle, in dem gleichzeitig eine Überflußproduktion möglich ist. Die angemessene Befriedigung materieller Bedürfnisse schafft allein günstige soziale Bedingungen, ohne die Freiheit und Solidarität nicht garantiert werden können“ (134f.).

De Santillián argumentiert allerdings weiter, zur Klassenpolitik kämen noch andere Faktoren hinzu, welche die Anarchist*innen und den Kommunist*innen unterscheide, beziehungsweise erstere eine spezifischere Ausprägung von Letzteren wären. Dabei führt er das etwas merkwürdig anmutende Argument an, Anarchismus sei auch ohne „Überfluss“ möglich – ergo zum einen eine Frage des Bewusstseins und zum anderen, eine Frage der vorgefundenen gesellschaftlich-ökonomischen Bedingungen. Dies führe notwendigerweise (zum Horror für alle Leninisten,) zum Experiment und zur Vielfalt:

„Wir wollen also die Zukunft ökonomisch neu organisieren, frei von allen vorgefaßten Meinungen, bereits fixierten Systemen und Dogmen. Kommunismus wird dann natürliches Ergebnis des Überflusses sein, ohne dieses wird er nur ein Ideal bleiben. Die unterschiedlichen Formen des Kommunismus, des Kollektivismus und der Solidarität hängen jeweils von den vorgefundenen Bedingungen ab. Warum sollten wir Regeln aufstellen? Wenn wir Freiheit auf unsere Fahnen schreiben, können wir sie nicht einfach in der Wirtschaft abschaffen. Deshalb muß es Möglichkeiten geben, frei zu experimentieren, Initiativen zu entwickeln, Vorschläge zu unterbreiten und Organisationsformen frei zu bilden“ (136).

Damit gehe es de Santillián zu Folge aber gerade nicht darum, dass alle ihr eigenes Süppchen kochen sollen, vielmehr sei die Fabrik „weder ein isolierter Organismus, noch kann sie isoliert funktionieren. Sie ist Teil eines komplizierten Netzwerkes, das seine Basis in den einzelnen Orten hat, sich über die Region und Nation bis über die Grenzen hin ausstreckt“ (137). In einer modernen Gesellschaft sei es nicht erstrebenswert zum wirtschaftlichen Lokalismus zurückzukehren. Es brauche eine überregionale Koordination, anstatt ländliche „freie Kommunen“, welche vielleicht Kollektiveigentümer werden, jedoch das Privateigentum als Struktur nicht abschaffen würden.

Damit aber zur Höflichkeit von de Santillián, die der Aufhänger für mich war, diese Schrift knapp zusammen zu fassen. Unter der Überschrift „Die libertäre Revolution“ offenbart er eine meiner Wahrnehmung nach sehr realisierte und reflektierte Haltung hinsichtlich der eigenen Position. So schreibt er:

„Als Individuen und als Bewegung zeichnen wir uns vor allem durch eine kritische Haltung gegenüber dem Prinzip der Autorität und durch den Respekt vor der Freiheit von allem und von jedem aus. Von den Methoden einmal abgesehen, können wir in ökonomischen Fragen mit anderen Kräften zusammenarbeiten. Auf der politischen Ebene wollen wir die Prinzipien der Autorität und ihre Verkörperung – den Staat und die Unterdrückungsmaschinerie – durch freie Vereinbarung der sozialen Gruppen ersetzen. In dieser Frage sind wir Anarchisten allerdings sehr isoliert und werden sogar während einer siegreichen Revolution eine Sonderstellung einnehmen“ (139).

Worum es geht, ist die Notwendigkeit der Bewusstseinsbildung der Bevölkerung insgesamt, welche erforderlich sei, um eine soziale Revolution in einem umfassenden Sinne durchzuführen. Ihr entgegen steht zweifellos die verbreitete Unwissenheit der Menschen, ihre negative Beeinflussung durch die staatlich-kirchliche Erziehung und ihre mangelhafte Sensibilisierung, die geringe Ausprägung ihres „Freiheits-, Unabhängigkeits- und Gerechtigkeitssinn[s]“ (140). So mag die Revolution

„in vielen Menschen den Befreiungswillen auslösen, der bisher in der täglichen Routine und durch die erdrückende Umwelt in Lethargie erstarrt war. Aber die Revolution kann nicht durch Kunststücke oder Zauber die anarchistische Minderheit in eine absolute soziale Mehrheit verwandeln. Und selbst wenn wir morgen eine Mehrheit würden, bliebe noch immer eine andersdenkende Minderheit, die unseren Zielen mißtraut und sich ihnen widersetzt, weil sie unsere Experimentierfreudigkeit fürchtet“ (140).

Anschließend verliert de Santillán noch einige äußerst kluge Worte zum Umgang mit Gewaltanwendung, die selbstverständlich im Kontext der Zeit zu sehen sind, in welchem die Faschisten der Spanischen Bevölkerung einen Bürgerkrieg aufzwang. Gewalt darf nicht zur Durchsetzung der eigenen Position dienen. Mit ihr darf nicht gegen Menschen vorgegangen werden, weil sie andere Meinungen haben. Gewalt ist legitimerweise ausschließlich gegen den Feinde anwendbar (und als diese können nicht irgendwelche Kritiker oder gar politische Konkurrenten gelten wie für die Bolschewisten). Hinsichtlich konkurrierender Fraktionen muss „unser Respekt vor der Freiheit auch die Freiheit unserer Gegner mit einschließen, ihr eigenes Leben zu leben – allerdings immer unter der Bedingung, dass sie nicht aggressiv vorgehen und die Freiheit der anderen zu unterdrücken suchen“ (140). Sicherlich wäre mit der Mehrheit des eigenen Lagers (welche die Anarchist*innen seinerzeit ja phasenweise sogar hatten) die Umsetzung der eigenen Vorhaben wesentlich leichter. Doch auch in diesem Falle gälte es Minderheiten zu respektieren und sich mit ihnen zu verständigen. Nur eine Mehrheit zu sein, verschaffe kein Recht über andere zu urteilen oder zu bestimmen, was nicht ausschließt, von der eigenen Position überzeugt zu sein:

„Als historische Minderheit hätten wir Anarchisten den gleichen Anspruch auf die Freiheit, zu experimentieren, und diese Freiheit mit aller Kraft gegen jede Partei und gegen jede Klasse zu verteidigen, die versucht, sie zu zerstören. Jede totale Lösung trägt faschistische Züge, selbst wenn man sie im Namen der Revolution und des Proletariats verteidigt. Die neue Lebensweise ist eine soziale Hypothese, die nur durch praktische Erfahrung bewertet werden kann. Wir sind davon überzeugt, daß Recht und Gerechtigkeit auf unserer Seite sind, obwohl wir gleichzeitig die Rechte und Ziele anderer sozialer Bewegungen anerkennen. Wir meinen zwar, daß unsere Konzepte geeigneter sind, in die Realität umgesetzt zu werden, aber wir halten uns nicht für unfehlbar, noch bestreiten wir die Ernsthaftigkeit und guten Absichten anderer Auffassungen“ (141).

Gewalt schaffe eben keine Wahrheit. So wäre auch die Vernichtung der Anarchist*innen während des russischen Bürgerkriegs (1917-1921) kein Beleg dafür, dass die anarchistischen Positionen falsch gewesen seien. Dies betrifft ebenfalls die Konflikte im eigenen Lager. Daher wollten die überzeugten Anarcho-Syndikalist*innen

„vor allem die Rechte aller sozialer Bewegungen auf freie Experimente in unserer Revolution hervorheben. Deshalb wird es keine neue Tyrannei geben, sondern hier wird Freiheit und Wohlergehen herrschen. Alle Kräfte können sich frei entwickeln, alle Initiativen können ausprobiert und alle fortschrittlichen Tendenzen in die Praxis umgesetzt werden. Gewalt ist gerechtfertigt, um die alte Gewaltherrschaft zu zerstören, sie ist aber konterrevolutionär und anti-sozial, wenn sie als Methode gebraucht wird, eine andere Gesellschaft aufzubauen“ (143).

Wie bei der vorangegangen sozialistischen Revolution in Asturien schließt dies keineswegs aus, mit anderen Sozialist*innen zusammen zu arbeiten und sich zu verständigen, auch wenn die Anarchist*innen dezidiert für einen libertären Kommunismus eintreten. So ist die Ablehnung der totalitären Methoden der Bolschewisten im Grunde genommen analog zur Ablehnung staatlicher Herrschaft zu sehen. Wobei es mir interessant erscheint, dass de Santillián dies auf der politischen Ebene begründet. Er meint:

„Politisch müssen wir selbstverständlich die Vorherrschaft eines Komitees, einer Partei oder einer vorgegebenen Richtung ablehnen. Das heißt, wir müssen auch den Staat als eine Einrichtung darin einschließen, die Gehorsam von allen – mit deren Zustimmung oder auch nicht – verlangt. Ohne diesen Staat und die von ihm diktierten Gesetze abzulehnen, kann es keine wahre Revolution und sozialen Wohlstand geben“ (143).

Dennoch gälte es auch anderen Sozialist*innen eine Art Vertrauensvorschuss zu geben und ihnen respektvoll zu begegnen. Hierbei geht es jedoch nicht um de Santillián persönliche Befindlichkeit, sondern um klare strategische Überlegungen, die jedoch mit der anarchistischen Ethik verknüpft werden:

„Diesen guten Willen vorausgesetzt, muß eine Einigung erfolgen – ungeachtet aller politischen und sozialen Unterschiede, die die Partner trennen. So ist es möglich, ein großes Netzwerk an Beziehungen auf nationaler Ebene aufzubauen, ohne daß eine Fraktion die Herrschaft übernimmt, das Leben und die Produktion monopolartig regiert.

Seit über einem halben Jahrhundert spaltet der Marxismus die Reihen der Arbeiterbewegung, weil er dogmatisch an der totalitären Staatskonzeption festhält. Wir aber haben die Einheit der Arbeiterbewegung zum Ziel. Denn ohne diese Einheit werden Arbeiter Kanonenfutter oder Lasttiere zum Wohle der privilegierten Klassen bleiben. Wir wollen, daß diese Einheit dem allgemeinen Interesse aller entspringt und dazu dient, die Freiheit des einzelnen im Kollektiv zu garantieren. Unsere gemeinsame Verständigungsgrundlage ist die Anerkennung unserer unterschiedlichen Charaktere, Temperamente und Erziehungen. Gemeinsam sollte uns außerdem gegenseitiges Verständnis auf der Basis von Respekt sein. Unser gemeinsames Ziel ist: die Abschaffung des Kapitalismus und des totalitären Staates, um der Revolution zum Sieg zu verhelfen“.

Der anarcho-syndikalistische Revolution schließt seinen Aufsatz mit Überlegungen zur aktuellen revolutionären Situation in Spanien. Die Krise im Land sei umfassend, wobei viele den Fetischen neuer Herrschaftsordnungen, also Hitler, Mussolini und Stalin anhingen. Dies ließe sich nicht einfach durch die Unterdrückung und Grausamkeit dieser totalitären Gesellschaftssysteme erklären. Vielmehr müsse ebenfalls gesehen werden, dass viele Menschen sich verdorben durch eine jahrhundertelange „perverse Erziehung“ freiwillig unterordnen würden. So haben der „Samen geistiger Sklaverei […] Früchte getragen und lediglich die Anarchisten haben sich gegen alle Störungen ihren Glauben an sich selbst erhalten“ (145). Zugleich hätten die Zeichen der Zeit aber noch nie so günstig dafür gestanden, die gesellschaftliche Verhältnisse grundlegend in eine libertär-sozialistische Richtung zu verschieben. Auch der Glaube an den modernen Staat sei stark erodiert – nicht allein, weil er tyrannisch sei, sondern auch, weil er viel zu viel kosten würde „und seine Hauptaufgabe dem sozialen Fortschritt entgegensteht“ (147). Dieses Problem werde auch nicht in totalitären Staaten gelöst. Im Gegenteil gäbe es dort eine viel ausgeprägtere Vetternwirtschaft und Bürokratie. Daher möchte de Santillián

„gegenüber jenen, die immer noch an eine proletarische Regierung glauben, noch einmal hervorheben, daß der Staatskapitalismus nicht den Kapitalismus abschafft, ihn vielmehr hintenherum wieder aufleben läßt. Die proletarische Regierung ist wie jede andere Regierung – nur viel schlechter, denn sie weckt die Hoffnungen der Arbeiter auf vermeintliche Lösungen und bindet sie damit an die staatlichen Institutionen“ (148).

Stattdessen gälte es selbstorganisierte Arbeiterorganisationen zu schaffen, welche von religiösen, politischen und sozialen Ideen unabhängig seien. In diesem Gedanken drückt sich freilich ein Grundproblem des Anarcho-Syndikalismus aus, da dessen eigene Vorstellungswelt ja ebenfalls eine spezifische ist und Interessen zwar „objektiv“ bestimmbar sind, ihre Interpretation und Schlussfolgerungen daraus jedoch divergieren und nicht zwangsläufig sind.

In der Russischen Revolution jedenfalls zeigt sich überdeutlich, wie falsch der Glaube an die politische Revolution sei. Denn die

„Politik des Staates hat den Sozialismus zerstört und nach ein paar Jahren hörte dieses große Land auf, ein Symbol für Freiheit zu sein. Es wurde zu einem Idealbild für Bürokraten. Heute ist es eine imperialistische Macht unter anderen Mächten, die sich auf den Krieg vorbereitet, wie andere Mächte auch und die so wenig mit Sozialismus und den Idealen des Proletariats zu tun hat wie jeder andere Staat auch. Diese Entwicklung mag manchen überraschen, uns aber nicht, denn wir haben ständig durch Kritik auf diese Gefahr verwiesen. Einmal mehr bestätigt die Geschichte unsere Ansichten. Die Politik des Staates läßt sich mit Sozialismus so wenig vereinbaren wie Wasser mit Feuer. Wenn eines den Sieg davonträgt, unterliegt das andere und umgekehrt. Sozialismus kann nur geschaffen werden, wenn gleichzeitig der Staat zerstört und Institutionen des Volkes errichtet werden, die die direkte Kontrolle über Produktion und Verteilung übernehmen“ 149).

Um die soziale Revolution voranzutreiben brauche es keine patriotische Einstellung, also keine Glorifizierung des eigenen Landes. Immerhin gäbe es in Spanien keine Gerechtigkeit, sondern „Elend und Sklaverei“. Der Kapitalismus bringe hingegen den allermeisten Menschen dort nichts, sondern nutze lediglich einer reichen Oberschicht. Nicht mit ihm oder aus ihm heraus, sondern ohne und gegen ihn, gälte es die neue Gesellschaft aufzubauen. Etwas blumig formuliert, hält de Santillián fest:

„Wir streben ein libertäres System an, in dem wir anstelle der Gesetze und der Autorität freie Föderationen und Solidarität setzen werden. Wir können nach unseren Grundsätzen leben, und wir glauben, daß auch alle jene, die vom autoritären Virus angesteckt sind, sich bald gerne dem Leben und er Arbeit auf der Grundlage gegenseitiger Hilfe anschließen werden, genau dem, was wir anstreben. Wir sind fest davon überzeugt, daß die Welt nur dann glücklich sein kann, wenn sie frei ist, wenn sie sich von ihren alten Institutionen und Ideen befreit hat: von der Herrschaft und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ (150f.).

Selbstverständlich brauche es einen Zusammenschluss, insbesondere, weil die Bedrohung durch den Faschismus immer weiter zu nimmt. Doch diese

„Einheit kann nur auf dem Boden der Freiheit der Vereinbarung und des gegenseitigen Respekts entstehen – in der Gegenwart und in der Zukunft. Wenn dies unter der Prämisse geschieht, daß der Staat erobert werden muß, dann würde notwendigerweise wieder die Macht des Gesetzes für persönliche Ziele eingesetzt. […] Die reaktionäre, antisoziale und anti-proletarische Tendenz des Staates zu leugnen, käme einem Selbstmord gleich. […]

Eine Revolution kann keine Wunder vollbringen. Aber sie kann vom gegenwärtigen System paralysierte Energien freisetzen und alle Anstrengungen zum Nutzen aller einsetzen.“

Daher gälte es eine wirkliche Alternative aufzubauen, an welcher sich an andere Länder orientieren könnten.

Nach einem Gewerkschaftsbericht und dem Konzept des libertären Kommunismus, als Rahmenprogramm der C.N.T., wie es – mit der deutlichen Handschrift von Isaak Puente – 1936 auf dem Kongress von Zaragossa angenommen wurde, ist noch eine Zwischenbilanz der Revolution von Diege Abad de Santillián zu lesen. Darin geht er einerseits auf die Schwierigkeit der aktuellen Lage ein, welche die Anarchist*innen paradoxerweise dazu zwang, an der republikanischen Regierung teilzunehmen, um an Waffen und Informationen zu kommen. Andererseits betont er darin die Notwendigkeit der Bewusstseinsbildung von neuen Mitgliedern der CNT. Der rasche Aufschwung, den die revolutionäre Gewerkschaft nahm, war natürlich sehr erfreulich. Er zeigt jedoch auch, wie wichtig es ist, dass die eigenen Grundlagen und Überzeugungen übermittelt werden, wenn mit wachsender Mitgliederzahl auch das eigene Vorhaben vorangebracht werden soll. Anschaulich weist er darauf hin:

„Ein Anarchist zu sein ist nicht dasselbe wie Mitglied einer Partei zu sein. Man tritt nach einigem Papierkrieg in eine Partei ein und verläßt sie auch genauso wieder. Anarchist wird man aber nicht plötzlich, sondern man entwickelt sich mühsam in einem Prozeß der Reflexion und des Studiums, der Jahre dauern kann. Eine zweite Natur ersetzt die erste und leitet später unsere Gedanken und Aktionen, wo immer wir uns auch befinden mögen. Ich habe nie verstanden, wieso uns Kameraden verlassen haben, die wir für Genossen hielten. Wenn Leute in andere Parteien gehen, dann wird es offenkundig, daß sie nie tatsächlich Anarchisten waren: Wir können jemanden verstehen, die sich aus den Reihen der Militanten zurückzieht, denn menschliche Kräfte sind begrenzt. Aber es ist unverständlich, wie jemand seine Ansichten völlig aufgeben kann, die Bestandteile seines eigenen Lebens und seines eigenen Wesens geworden waren“ (195).