Demut beibringen

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Verletzlich zu sein ist ja nichts Schlimmes. Wenn wir unsere Grenzen erfahren, können wir uns selbst – in einer Welt der sinnentleerten kapitalistischen Warenform besonders spüren. Dies ermöglicht uns, eine realistische Einschätzung darüber gewinnen, was wir effektiv schaffen und erreichen können. Das gilt für Einzelnen, Gruppen, sogenannten „Szenen“, aber auch für soziale Bewegungen. In gewisser Hinsicht kann diese Lernerfahrung nur geschehen, wenn wir riskieren, auch Verletzungen zu kassieren. Dies gilt insbesondere, wenn mensch eine konfrontative sozial-revolutionäre Praxis entfalten möchte, die darauf abzielt, Verletzungen zu heilen, indem wir um unsere Würde kämpfen.

Ich möchte gerne so viel mehr machen und Geduld war nie meine Stärke. Es war auch nie meine Stärke, meine Lebenssituation zu akzeptieren, sie anzunehmen – und sie davon ausgehend zu verändern. Stattdessen neige ich dazu, in ihr festzuhängen. Äußere Umstände und bestimmte Gründe, gesellschaftliche Gesamtscheiße und tägliche Apokalypse hin oder her – Mensch steht sich oftmals selbst am meisten im Wege. Selbstbestimmung bleibt ein lebenslanger Prozess, dessen Gelingen davon abhängt, inwiefern mensch sich von anderen inspirieren und mitreißen lässt, ohne sich selbst einzugliedern oder sich mit anderen zu vergleichen.

Im Kapitalismus werden uns warenförmige Grenzerfahrungen angeboten. Allen voran wird für Angehörige der Mittelklassen das Reisen vermarktet – zunächst nur für Menschen aus Westeuropa und Nordamerika, dann ausgedehnt auf alle Länder, in denen breitere Bevölkerungsschichten Zugang zu diesen Privilegien erhalten. Leute bereisen die Welt, als gäbe es kein Morgen, auf der Jagd nach Erlebnissen, schönen Momenten und Grenzerfahrungen. Sie suchen Entspannung durch Anspannung. Paradox ist, dass es die meisten dann doch recht angenehm haben wollen dabei.

Freeclimbing, Fallschirmspringen, Marathonläufe – Menschen suchen extreme Erfahrungen. Welche viele aber interessanterweise dann aber doch gar nicht selbst machen wollen, sondern sich dafür Spezialist*innen anschauen (und anheuern). Dass Menschen ihre Fähigkeiten austesten und erweitern, dass sie sich mit sich selbst und anderen messen wollen, ist durchaus nicht verkehrt. Durch ihre Entwicklung ihrer spezifischen Fähigkeiten und Eigenheiten, werden die Einzelnen überhaupt erst zu Individuen. Zu einem Problem wird das allerdings dann, wenn alle ganz besonders sein (oder dies zumindest „authentisch“ behaupten) müssen, um überhaupt gelten und wahrgenommen werden zu können.

In der zeitgenössischen Phase des Kapitalismus wird die Warenförmigkeit auf den Konsum von Erlebnissen mit Menschen ausgedehnt. Der Feudalherr konsumierte die Arbeitskraft der Fronarbeiter, gab ihnen dafür aber kein Geld, sondern ihr bloßes Existenzrecht. Der Kapitalist konsumiert die Arbeitskraft der Arbeiter*innen. Weil er ihnen Geld als Entlohnung gibt, kann er einen Mehrwert aus der Arbeitsleistung abschöpfen und in den Kapitalkreislauf einspeisen. Die Lohnarbeiter*innen werden doppelt frei und überdies zu Konsument*innen warenförmiger Produkte.

Aus zwei Gründen ändert sich dies graduell: Einerseits dehnt der Kapitalismus die Warenform auf den Bereich privater sozialer Beziehungen aus, da sie wesentlich subtiler, aber auch wesentlich aggressiver in allen Lebensbereichen implementiert wurde. Andererseits wird der Konsum physischer Produkte langfristig in der Masse zurückgehen, aufgrund der Endlichkeit von Ressourcen, aber auch der Verlagerung multipler Funktionen in digital vernetze technologische Prothesen.

Mit Computern und Smartphones können Menschen sich so gut beschäftigen, dass sie scheinbar weniger physische Dinge – Arbeitsgeräte, Unterhaltungsformen, Kommunikationsmittel – brauchen. Die Kehrseite dieser Technologisierung des Alltagslebens – in der Breite, wie in der Tiefe – besteht in der Gefahr des Verlustes sozialer und kommunikativer Fähigkeiten, wie auch der Möglichkeit zur Erfahrung der eigenen Begrenztheit. (Was wiederum nicht bedeutet, dass Menschen sich damit auch stärker vernetzen und neuartige Beziehungen herstellen können.) Gefühle von Fatalismus und Handlungsunfähigkeit entstehen, die zugleich schwer verstanden werden, denn scheinbar gibt es ja Möglichkeiten und wird die ganze Welt in Reichweite gebracht. Es entsteht eine spezifische emotionale Leere, während die Pseudo-Verfügbarkeit über die Welt nicht in ein holistisches Empfinden und Denken mündet, indem sich die Individuen als Teil einer Ganzheit begreifen können.

Weil der Konsum von Produkten mehr und mehr lustlos geschieht, wird er auf den Konsum von Erlebnissen und anderen Menschen ausgedehnt. Die Frage ist, welche andere Option es dazu gibt. Die Hoffnung besteht darin, dass es eine wuchernde und letztendlich unberechenbare Sozialität gibt, welche relativ unmittelbar in sozialen Zwischenraum geschieht und nach eigenem Willen gestaltet werden kann. Was, wenn nicht dies hat sonst das Potenzial, die Warenförmigkeit und Verwertung der Dinge und Menschen aufzubrechen? Um soziale Affinitäten zu finden und zu stiften braucht es allerdings Initiationsriten und überhaupt Rituale. Diese gilt es aufzufinden und neue zu erfinden. Erst in Anerkennung unserer Grenzen, werden wir handlungsfähig. Das gilt für körperliche und geistige Fähigkeiten, ebenso, wie für emotionale und soziale.