Gedanken zu „The Solutions are already here“

Lesedauer: 3 Minuten

Anfang des Sommers drückte mir eine Genossix bei meinem Besuch ein Buch in die Hand, das Anfang des Jahres veröffentlicht wurde: The Solutions are already here. Strategies for ecological revolution from below von Peter Gelderloos. Sie war dem Autoren persönlich begegnet und wirkte überzeugt. Obwohl ich mich direkt in die Lektüre stürzen wollte, dauerte es dann doch eine Weile, bis ich mich dem komplexen Thema widmen konnte.

In fünf Kapiteln verfolgt Gelderloos die anarchistische Herangehensweise, dass es an den Menschen selbst ist, also an uns liegt, unsere Geschichten zu schreiben und die Gesellschaft von unserer unmittelbaren Umgebung ausgehend, radikal zu verändern. Dies bedeutet zu protestieren, zu organisieren und zu gestalten. So umfassend wie die system-immanenten Krisen, welche die staatlich-kapitalistische Gegenwartsgesellschaft durchlaufen, müssen auch die Antworten auf die alltägliche Apokalypse in der wir zu leben gezwungen werden sein. Doch die schlichte und gute Nachricht, der ich mich vollkommen anschließe, ist: Alles was wir brauchen ist bereits da.

In fünf Kapiteln kritisiert der Autor grundlegend das Anthropozän, welches die Herrschaftsordnung eingeleitet hat („A ide-Angle View“) und zeigt auf, wie irrsinnig und heuchlerisch jegliche Bestrebungen zur „sozial-ökologische Transformation“ in der Umsetzung tatsächlich sind (Foxes Building Henhouses“). Er beschreibt, wo und wie aktuell protestiert wurde und welche Perspektiven daraus hervorgehen („The Solutions are already here“), wie sich diese zusammenbringen lassen („Versatile Strategies“) und wie eine grundlegend andere Zukunft aussehen könnte („A truly different future“).

Um einer ökologisch verträglichen Lebensweise Raum zu geben, bedeutet dies in zahlreichen Gegenden weltweit auch militant gegen Konzerne vorzugehen, deren schonungslose Ausbeutung von Mitwelt und Menschen durch staatliche und paramilitärische Repression gedeckt wird und legislativ und juristisch abgesichert wird. Die selben Akteure, welche Umweltaktivist*innen ermorden lassen preisen in ihrer Werbung ihre angeblich nachhaltige Produktionsweisen an, welche z.B. auf Kompensationszahlungen beruhen, die sie inzwischen ohnehin (manchmal) bezahlen müssen.

Gerade das letzte Kapitel halte ich für notwendig und innovativ, insofern es meistens weniger die Kritik an der bestehenden Gesellschaftsform ist, welche zu ihrer emanzipatorischen Überwindung motiviert, sondern die Hoffnung, dass konviviale, lebenswerte Zukünfte möglich sind. Dass wir ihnen stets nur gebrochen, tastend und widersprüchlich entgegen gehen können, versteht sich dabei von selbst. Und dennoch können wir mit diesem vielfältigen Streben nach Autonomie das Wagnis eingehen, die Gesellschaft neu zu schaffen. So „radikal“ einige Linke auch denken oder sich geben mögen – zu dieser anarchistischen Einsicht gelangen die wenigsten von ihnen.

Hierbei geht es nicht zuerst um die realen Machtverhältnisse, die ideologisch-affektive Verhaftung der Subjekte in der Herrschaftsordnung oder die Gefahr, dass faschistische Kräfte das Vakuum füllen könnten, dass beim Zusammenbruch des Bestehenden entsteht. Mit diesen Realitäten müssen sich selbstverständlich auch Anarchist*innen auseinandersetzen, wenn sie ihre Vorhaben voranbringen wollen. Wichtig ist jedoch die Frage der Perspektive: Wie schauen wir uns die Dinge an? Wie gehen wir an sie heran? Diese schwierig zu bewältigende Perspektiven-Verschiebung ist in sich ein Beitrag zur Umformung der Welt von unserer Seite her – und kann nur so gut funktionieren, wie sie an die materiellen und sonstigen Bedingungen rückgekoppelt ist, unter denen sie vollzogen werden kann.

Gelderloos aktuelles Buch ist dahingehend fundiert, dass er Interviews mit Aktivist*innen aus verschiedenen Teilen der Erde geführt und ihnen dabei gut zugehört hat. Dies überzeugt mich persönlich weit mehr als die Aussage, seine Erkenntnisse wären „wissenschaftlich fundiert“, wie er hinsichtlich „Worshiping Power. An anarchist view of early state formation“ (2013) behauptete. Dass der Autor involviert schreibt, dazu (vermutlich aufgrund seiner umtriebigen Lebenssituation) viel auf Internetquellen zurückgreift und seine Argumentation somit stark am Ziel orientiert ist, welches für ihn bereits feststeht, halte ich für legitim. Wichtig erscheint mir aber, dies transparent zu machen und damit überzeugen zu wollen. Ein wissenschaftlicher Anspruch würde seine stichhaltigen Argumente eher unglaubwürdig machen.

Doch wie erwähnt halte ich The Solutions are already here für lesenswert und am Puls der Zeit. Einmal deutlicher wird mir damit, dass der linken Szene im deutschsprachigen Raum anarchistische Perspektiven und Herangehensweisen gut tun würden.

Gedanken zu „The Solutions are already here“

Lesedauer: 3 Minuten

Anfang des Sommers drückte mir eine Genossix bei meinem Besuch ein Buch in die Hand, das Anfang des Jahres veröffentlicht wurde: The Solutions are already here. Strategies for ecological revolution from below von Peter Gelderloos. Sie war dem Autoren persönlich begegnet und wirkte überzeugt. Obwohl ich mich direkt in die Lektüre stürzen wollte, dauerte es dann doch eine Weile, bis ich mich dem komplexen Thema widmen konnte.

In fünf Kapiteln verfolgt Gelderloos die anarchistische Herangehensweise, dass es an den Menschen selbst ist, also an uns liegt, unsere Geschichten zu schreiben und die Gesellschaft von unserer unmittelbaren Umgebung ausgehend, radikal zu verändern. Dies bedeutet zu protestieren, zu organisieren und zu gestalten. So umfassend wie die system-immanenten Krisen, welche die staatlich-kapitalistische Gegenwartsgesellschaft durchlaufen, müssen auch die Antworten auf die alltägliche Apokalypse in der wir zu leben gezwungen werden sein. Doch die schlichte und gute Nachricht, der ich mich vollkommen anschließe, ist: Alles was wir brauchen ist bereits da.

In fünf Kapiteln kritisiert der Autor grundlegend das Anthropozän, welches die Herrschaftsordnung eingeleitet hat („A ide-Angle View“) und zeigt auf, wie irrsinnig und heuchlerisch jegliche Bestrebungen zur „sozial-ökologische Transformation“ in der Umsetzung tatsächlich sind (Foxes Building Henhouses“). Er beschreibt, wo und wie aktuell protestiert wurde und welche Perspektiven daraus hervorgehen („The Solutions are already here“), wie sich diese zusammenbringen lassen („Versatile Strategies“) und wie eine grundlegend andere Zukunft aussehen könnte („A truly different future“).

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Vortrag in Berlin zu Anarchismus, Theorie und Wissenschaften

Lesedauer: 2 Minuten

Weder der Titel noch der Beschreibungstext entsprechen dem, was ich eingereicht habe. Denn „Theorie“ und „Praxis“ in ein „Spannungsverhältnis“ zu setzen, reproduziert das Verständnis ihrer vermeintlich unausweichlichen Gegenüberstellung, welche es zu vermitteln gälte. Diese Vorstellung entspricht allerdings einer bestimmten arbeitsteiligen und ausdifferenzierten Gesellschaftsform, welche mit dem Anarchismus weiter entwickelt werden soll (Wenngleich dieser sich nicht gegen Spezialisierung richtet).

Darüber hinaus weise ich darauf hin, dass ich mir bewusst bin, dass von verschiedenen Seiten Kritik an die Bibliothek der Freien herangetragen wurde, der ich nichts entgegensetzen möchte. Mit dieser wird das Engagement der Beteiligten keineswegs abgestritten. Es geht dabei nicht um persönliche Angriffe, sondern um strukturelle Defizite. Dennoch habe ich mich entschieden, dort eine Veranstaltung zu machen, um im Austausch zu bleiben und mit meiner Art vielleicht auch einen Unterschied markieren zu können.

Anarchismus zwischen Theorie und Praxis Über ein kreatives Spannungsverhältnis

Viele Libertäre glauben vor allem für die „Praxis“ zuständig zu sein, andere erklären das unter Verweis auf die „Theorie“ für verkürzt – so nimmt die gegenseitige Verständnislosigkeit zu. Obwohl sich viele Anarchist*innen Zugang zu Bildung erschlossen haben und teilweise auch die Unis bevölkern, besteht eine ausgeprägte Theorie-Feindlichkeit: Romantische Phrasen und dogmatische Prinzipien stehen dabei einer tiefer gehenden Beschäftigung mit dem anarchistischen Denken im Wege.

Umgekehrt konzentriert sich die Theoriearbeit mancher Libertären vor allem auf den Wissenschaftsbetrieb bzw. ihre akademische Karriere und sind damit für die anarchistische Bewegung verloren. Höchste Zeit also für eine kritische Neubestimmung: Was taugen moderne anarchistische Theorien und wozu dienen sie praktisch? Warum sollte ein pragmatisch orientierter Anarchismus auch theoretisch unterfüttert sein? Wie kann Theorie statt abstrakter Selbstbeschäftigung zum Werkzeugkoffer für Anarchist*innen werden? (Vortrag mit Diskussion)

Biografische Vergleiche

Lesedauer: 3 Minuten

Ja, es bringt nichts, sich mit anderen zu vergleichen. Jeder Lebensweg ist einzigartig. Manche Dinge können wir beeinflussen und verändern. Andere gilt es vor allem zu verstehen und zu akzeptieren. Wir sind Schöpfer*innen unserer eigenen Leben. Aber wir erschaffen uns unter Umständen, die wir uns nicht selbst gewählt haben. Dies führt auch zum grundsätzlichen Skandal auf dem die bestehende Gesellschaftsform beruht: Das Versprechen der Selbstentfaltung aller ist blanker Hohn, wenn die dafür erforderlichen Bedingungen und Mittel enorm ungleich verteilt sind. Wie soll ich mich selbst sinnvoll und eigenständig entfalten können, wenn andere in Heime gesperrt werden, an Grenzcamps ausharren müssen oder als Kanonenfutter verheizt werden? Emanzipatorische Selbstentfaltung kann sich nicht gegen andere richten und nicht in Abgrenzung vollziehen. Sie zielt vielmehr darauf ab, weniger Privilegierten Wege zu eröffnen und Entfaltungsmittel umzuverteilen, damit alle die Verfügung über ihre Leben erlangen. Dies ist ein Ideal, dem entgegen zu streben sich dennoch lohnt.

In der Mitte meines Lebens frage ich mich, was ich geschafft habe und was ich gern schaffen möchte. Auch dahingehend bringt es nichts, sich zu vergleichen. Aber vielleicht liegt das vor allem daran, weil der Vergleich in einer Konkurrenzsituation stattfindet, welche durch Kapitalismus und staatliche Anerkennungsmodi produziert wird. Stattdessen könnte man auch so herangehen sich von Personen, die etwas Ähnliches tun, inspirieren zu lassen. Sie sich zum Vorbild zu nehmen, wohl wissend, dass sie ihre eigenen Wege gegangen sind und dies motivieren soll, wiederum die eigenen Themen weiter zu verfolgen und den eigenen Stil zu entwickeln.

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Eindrücke von der Anarchist Bookfair Amsterdam

Lesedauer: 2 Minuten

Am 29. und 30.10. fand in Amsterdam zum sechsten Mal in jüngerer Zeit eine anarchistische Buchmesse statt. Als Vorwand, um dort teilzunehmen (und auch meine Gedanken zu verbreiten und zu diskutieren), steuerte ich auch einen Vortrag zu „With, against or beyond politics“ bei. Auf dem Rückweg gehe ich das Erlebte gedanklich durch und möchte einige Eindrücke festhalten und teilen.

Zunächst schien die Buchmesse eine voller Erfolg zu sein. Die Haupthalle im Dokuis, wo sich die Stände fanden war ebenso kontinuierlich gut gefüllt, wie die Workshops und die Straße vor dem Veranstaltungsort. Auch die Menschen vom Orga-Team freuten sich über den regen Zuspruch, der sicherlich motiviert, trotz all dem Stress, damit weiter zu machen. Besonders ins Auge fiel mir die internationale Orientierung und der inklusive, offene Charakter, den die Veranstaltung insgesamt hatte.

Dieser ist Ausdruck einer kontinuierlichen Vernetzung und Debatte verschiedener Gruppen und Menschen, die sich beispielsweise im Vrije Bond (https://www.vrijebond.org) zusammengeschlossen haben. Auf diese Weise konnten sowohl alteingessene Anarchist*innen, wie auch erst kürzlich sympathisierende Menschen Willkommen fühlen und begegnen. An den Ständen fanden sich dabei Gruppen unterschiedlicher Ausrichtung, sodass hierbei die vorhandene Pluralität der Bewegung zum Ausdruck kam.

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