Part #2

Lesedauer: 2 Minuten

#2 anarchist ethical values, organizational principles and theoretical concepts

Anarchism is a complex set of a specific ethic, organizational principles and assumptions in political theory. Although different persons emphasize varied aspects those spheres belong inseparably together. Therefore anarchism can be distinguished from „just“ subculture and ethical lifestyle, „just“ a political theory against all forms of domination and „just“ a libertarian-socialist wing in social movements.

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Material: Folien zu „Für ein neues anarchistisches Bewusstsein“

Lesedauer: < 1 Minute

Die Veranstaltung in Heidelberg fand in einer wunderbaren Atmosphäre statt, da wir erst gemeinsam miteinander gegessen haben, ich spontan zwei bekannte Personen traf und zwei mir vorher unbekannte stabile Genoss*innen kennenlernen durfte, mit denen ich noch bis spät abends diskutierte. Auf den Wunsch mehrerer Personen hin, möchte ich die Folien meines ausgiebigen Vortrags von gestern zugänglich machen.

Für jene, die interessiert sind, aber nicht die Gelegenheit haben, kann der Vortrag noch mal HIER in der Version von vor einem Jahr angehört werden, wobei ich ihn kontinuierlich weiter entwickle..

Witzigerweise erstellte ein weiterer Mensch auch spontan diesen QR-Code zu meinem Blog. Warum nicht, denke ich mir, auch wenn ich das zugleich für modernen Schnickschnack und mystische Zauberei halte 🙂

Vortrag in Heidelberg

Lesedauer: < 1 Minute

Weiterhin werde ich nicht jede meiner Veranstaltungen hier gesondert erwähnen. Unabhängig von meinen eigenen Aktivitäten, werde ich aber von Zeit zu Zeit darauf hinweisen, um zumindest bestimmte Auszüge aus der anarchistischen Szene im deutschsprachigen Raum zu dokumentieren. Denn neben der Wissensvermittlung, Agitation und Unterhaltung, die ich in meinen Veranstaltungen anbiete, werden mit diesen auch Räume für gemeinsamen Austausch und Begegnung geöffnet…

funktional depressiv

Lesedauer: < 1 Minute

guten tag, was darf ich hier nicht machen?
denn ich habe keinen bock auf ihren laden
kann mich nicht einfügen in ihre abläufe
komme nicht klar, mit ihren hierarchien
verstehe nicht, worauf es hier ankommt
mache mein maul auf,
wenn sie es unangemessen finden – immer

schreibe texte
und keine bewerbungen
schieße mich ab
um meine auferlegten verpflichtungen zu umgehen
sabotiere mich selbst
weil ich angst vor veränderungen habe
arbeite durchgehend
um nicht arbeiten gehen zu können

sehne mich nach deiner nähe und will dich halten
aber du schreckst zurück vor meiner bedürftigkeit
will immer mehr
weil ich mich ungenügend fühle

renne weiter
weil ich angst habe
im stillstand tot umzufallen
esse regelmäßig
weil ich das als notwendigkeit begreife

entwickele projekte
die ich alleine gar nicht umsetzen kann
denke dreivierfünfgleisig
um mich nicht fokussieren zu müssen
kämpfe für eine andere gesellschaft
um keine selbstverantwortung zu übernehmen

„selbstverantwortung“ in dem sinne

innerhalb der bestehenden gesellschaftsform

klarzukommen und mitzumachen

ja, das kann ich nicht gut

und bin doch gerade darin ehrlich und konsequent

ausgefunkt – Wie der Trotzkismus sich selbst entlarvt

Lesedauer: 11 Minuten

Dass sich unter den politischen Gegner*innen des Anarchismus auch Trotzkist*innen finden, ist allgemein bekannt. Warum darüber Worte verlieren und es nicht einfach bei den konkurrierenden Standpunkten stehen lassen, zumal wenn abstrakt-theoretische Debatten oftmals weit entfernt von den Praktiken und Fragen derjenigen sind, die sich in emanzipatorischen sozialen Bewegungen engagieren?

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Konkurrent*innen kann allerdings dazu beitragen, die eigenen Positionen festigen und die eigenen Perspektiven zu schärfen. Und ja, viele Anarchist*innen sind nicht besonders theoriefest. Häufig kennen sie auch ihre eigenen Theorien nur unzureichend und lassen sich daher immer wieder verwirren. Darüber hinaus schreibe ich diesen Text, um einiges klar zu stellen. Denn Jannick Hayoz, ein Theoretiker des trotzkistischen Netzwerkes „Der Funke“, welches aktuell eine neuere Werbeoffensive gestartet hat und gerade einen Kongress in Berlin abhält, scheut sich nicht, den Anarchismus falsch darzustellen.

Seine Darstellung ist notwendigerweise falsch, weil politische Sekten darauf angewiesen sind, ihre Konkurrent*innen zu diffamieren und ihre eigenen dogmatischen und in sich abgeschlossenen Gedankengebäude aufrecht zu erhalten. Bedauerlich daran ist, dass mit dieser Falschdarstellung die Vorurteile über den Anarchismus bestärkt werden. Dies bringt niemandem etwas und verhindert, dass Menschen und Gruppen mit verschiedenen Standpunkten auf Augenhöhe zusammenarbeiten können. Daher entfalte ich paradigmatisch am Text „Marxismus oder Anarchismus: Wie zu einer klassenlosen Gesellschaft“ meine Kritik. Weil ich dieser Position nicht mehr Aufmerksamkeit schenken möchte, als sie verdient, werde ich aber keine andauernde Auseinandersetzung beginnen.

Der Ausgangspunkt von Hayoz‘ Text ist idealistisch, wie seine ganze Theorie. Es wäre lediglich das Rebellionsbedürfnis, welches vor allem junge Menschen heute zum Anarchismus führe. Stattdessen brauche es aber „die Ideen des Marxismus“, da der Anarchismus eigentlich pseudo-revolutionär wäre. Statt sich aber mit den Ansichten real existierender Anarchist*innen auseinanderzusetzen, bezieht sich der Autor auf eine Interpretation, welche mit seinen eigenen obskuren Ideen kompatibel erscheinen. In der dogmatischen Herangehensweise steht das abschließende Urteil schon vor der Suche nach Wahrheit fest. Somit kann die Wirklichkeit nur verkannt und die vorgeblich „marxistische“ Theorie nur idealistisch bleiben.

Gegensätze ziehen sich nicht an

Dazu passt gut, das Hayoz mit den „gegensätzliche[n] Philosophien“ von Marxismus und Anarchismus in seine Argumentation einsteigt. Ergo gälte es, die Entstehung „dieser Ideen anzuschauen“ – und nicht etwa die Geschichte sozialer Bewegungen, ihre Organisationen, Kämpfe, Ziele und Lebensweisen. Als der Kapitalismus am Anfang des 19. Jh. noch wenig entwickelt war, konnte man „noch keinen Weg vom Kapitalismus in den Sozialismus in der Realität erkennen“. Das mag sein. Man konnte aber schon ziemlich schnell erkennen, dass der Kapitalismus unheimliches Elend verursachte und für seine Einrichtung Menschen enteignet, vertrieben und ihre Gemeinschaften zerstört wurden, um sie zur Fabrikarbeit zu drängen. Die frühen Sozialist*innen (gemeint sind damit z.B. Robert Owen, Saint-Simon und Charles Fourier), entwarfen utopische Konstruktionen einer sozialistischen Gesellschaft – darin ist Hayoz zuzustimmen. Worüber er jedoch hinweg täuscht, ist, dass die Anarchist*innen an dieser Denkweise ansetzen würden, dies „Marxist*innen“ aber angeblich nicht täten. Was aber gibt es utopischeres als die eschatologische Projektion einer ultimativ „befreiten Gesellschaft“? Der Verweis auf den vermeintlich „wissenschaftlichen Sozialismus“ von Engels und Marx reicht dem Autoren dabei als Beweis aus – womit er offenbart, dass er nicht selbst denkt, sondern ein scholastisches Lehrgebäude reproduziert. Tatsächlich verwarfen Anarchist*innen das abstrakt-utopische Denken, entdeckten jedoch überall konkrete Utopien –Zwischenräume, in denen Menschen bereits freiheitlich, solidarisch und gleich leben konnten; wenn auch unter den Rahmenbedingungen der schlechten Gesellschaftsform.

Weiterhin wirft Hayoz den Anarchist*innen vor, sie würden vorrangig auf die Empörung setzen und sich dazu auf „abstrakte Prinzipien und Ideale, nach der [sic!] sich die Welt richten soll“ beziehen. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Die ethischen Vorstellungen im Anarchismus (soziale Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Vielfalt, Selbstbestimmung) und die Organisationsprinzipien (Autonomie, Föderalismus, Dezentralität, Freiwilligkeit und Horizontalität) wurden sich nicht irgendwie ausgedacht – wie Hayoz sich das komischerweise vorstellt – sondern entstanden in gemeinsamen Diskussionsprozessen über die Erfahrungen von Aktiven in sozialen Bewegungen. Sie wollten beispielsweise keine zentralisierten, hierarchischen, autoritären Parteien gründen – und damit die Logik der politischen Herrschaft im Staat selbst übernehmen.

Es zeigt sich, dass Hayoz hier eine regelrechte Verkehrung der eigenen Herangehensweise mit jener des Anarchismus betreibt – die ihm freilich selbst kaum bewusst sein mag, weil er sich wie erwähnt weder mit dem real existierenden Anarchismus beschäftigt noch in der Lage ist, sein abgeschlossenes Gedankengebäude aus Distanz zu betrachten. Stattdessen wird Sankt Marx als Garant für die per se wahren Erkenntnisse herangezogen. Auch im 21. Jh. ist es Trotzkist*innen dabei egal, das Marx seine eigene Theorie heute vermutlich selbst weiterentwickelt hätte. Beispielsweise in dem Aspekt, dass die Arbeiter*innenklasse an sich als revolutionäres Subjekt angesehen werden müsste. Billigerweise kommt Hayoz dann mit einem ganz alten Hut um die Ecke: Er unterstellt den Anarchist*innen ein „kleinbürgerliches“ Bewusstsein. Dass Marx selbst großbürgerlicher Herkunft war und dass zahlreiche marxistisch geprägte Politiker*innen und Gewerkschafter*innen autonome Arbeiter*innenkämpfe niederhielten, geschenkt…

Die „Freiheit des Individuum“, welches ein „Idealbild“ im Anarchismus wäre, schreibt Hayoz dementsprechend auch dieser angeblich kleinbürgerlichen Denkweise zu – statt zu begreifen, dass in den Anarchismus auch liberale Gedanken eingeflossen sind, weswegen er glücklicherweise ein Gegengift zur Verachtung der Einzelnen beinhaltet, wie sie realsozialistische Staaten zur Schau stellten. Somit ist der Trotzkismus auch nicht in der Lage zu begreifen, dass die tatsächlich existierende Arbeiter*innenklasse – wo sie in westlichen Gesellschaften an den Maschinen steht – nationalistisches und rassistisches Gedankengut entwickelt. Wenn sie aber zur Migration gezwungen und getrieben wird, geht sie wiederum keineswegs im verklärten Idealbild des marxistischen „Arbeiters“ auf.

Die ewige Illusion vom Nutzen der Staatsmacht

Dann zum klassischen Streitpunkt „Staat und Revolution“: Ja, Anarchist*innen erkennen, dass der Staat neben einem Institutionenset auch ein gesellschaftliches Herrschaftsverhältnis ist, dass es ebenso wie Kapitalismus, Patriarchat, weiße Vorherrschaft und Naturbeherrschung zu überwinden gilt. Diese Überwindung kann nur geschehen, indem sie miteinander geschieht – und an ihre Stelle egalitäre, libertäre und solidarische Verhältnisse etabliert und ausgedehnt werden. Anarchist*innen haben es mit ihrem Fokus auf die Staatskritik häufig übertrieben und das nicht, weil sie falsch wäre, sondern weil sie häufig dahingehend verkürzt gedacht wird, dass nicht begriffen wurde, dass Staatlichkeit selbst der manifestierte und verdichtete Ausdruck für das politische Herrschaftsverhältnis in der Gesellschaft ist.

Der Umkehrschluss vermeintlicher „Marxist*innen“ ist deswegen ebenso falsch: Wer eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform erkämpfen und aufbauen will, kann sich dazu nicht auf den Staat als Mittel beziehen. Es ist eine immer wieder bediente und beförderte Illusion, dass die staatlichen Instrumente und Institutionen neutral seien und in den Händen sozialistischer Revolutionär*innen ihre Eigendynamik verlieren würden. Trotzkist*innen haben eine falsche Staatstheorie. So ist es beispielsweise auch schlichtweg falsch, den Staat lediglich als „Produkt von Klassengegensätzen und Ausbeutung“ zu begreifen, wie Hayoz es tut. Der moderne Staat ist ein eigenständiges Herrschaftsverhältnis, welches aber in einem permanenten Wechselverhältnis zum Kapitalismus begriffen werden muss. Nur so lässt sich erklären, warum die Bedingungen für kapitalistisches Wirtschaften erst durch massive staatliche Interventionen und Gesetzgebungen brutal durchgesetzt wurden.

Interessanterweise reproduziert Hayoz im Übrigen eine Fehlannahme liberaler Theorien, nämlich jene, dass der Kapitalismus quasi naturwüchsig entstanden sei und gewissermaßen eine unvermeidliche Stufe menschlicher Zivilisation darstelle. Dies ist aber nicht der Fall. Die bestehende Herrschaftsordnung (ökonomisch, staatlich, geschlechtlich usw.) wurde gezielt eingesetzt, auch wenn sie eine Eigendynamik entfaltet und keineswegs Produkt einer Verschwörung geheimer Mächte darstellt. Der moderne Nationalstaat ist nicht die logische Entwicklung, welche politische Herrschaft annehmen musste, sondern wurde aufgrund bestimmter Interessen weltweit grausam durchgesetzt und aufgezwungen. Darüber hinaus ist es albern, dass Hayoz sich bei seiner Darstellung des anarchistischen Staatsverständnisses allein auf Bakunin bezieht – anstatt sich etwa mit Kropotkin zu beschäftigen, welcher bereits ein komplexeres Staatsverständnis hatte.

Eine falsche Staatstheorie und der Fetisch zentralisierter Planwirtschaft

Der Arbeiterstaat wäre „zum ersten Mal in der Geschichte ein Staat der Mehrheit: Er hält nicht die arbeitenden, ausgebeuteten Massen unten, sondern die Minderheit: die ehemaligen Herrscher und Ausbeuter“, behauptet der Trotzkist. Wer im 21. Jh. noch derartigen Quatsch von sich geben kann, beweist, dass er resistent ist, ansatzweise aus der Geschichte zu lernen. Einen „Arbeiterstaat“ wie Hayoz vorschwebt, hat es nie gegeben und kann es nie geben. Die realsozialistischen Staaten, welche diesen Anspruch vor sich hertrugen und sich darüber legitimierten, waren in keiner Weise tatsächlich Ausdruck einer Mehrheit der Arbeiter*innenklasse, sondern brachten neue bürokratische herrschende Klassen von Partei-Gänger*innen hervor.

Unterdrückt wurden nicht vorrangig die ehemalig Herrschenden – im Gegenteil, manchmal wurden sie auch in den neuen Staatsapparat aus praktischen Gründen integriert –, sondern alle, welche andere Vorstellungen hatten, als die herrschenden, parteikommunistischen Fraktionen. Unter Trotzki selbst wurden sozialistische Bewegungen wie die Machnow-Bewegung zerschlagen. Der Eispickel in seinem Kopf steht ihm gut, als autoritärem Kader in einer paranoiden herrschenden Elite. Kein Staat wird je absterben, wenn er von Sozialist*innen übernommen wird. Es gilt, das politische Herrschaftsverhältnis als solches abzubauen, um der Föderation dezentraler autonomer Kommunen Raum zu verschaffen. Hätte die trotzkistische Fraktion die Partei- und Staatsmacht in der UdSSR übernommen statt der stalinistische Klüngel, wäre das Ergebnis nur geringfügig anders gewesen, da ihr Staatsverständnis verkürzt ist.

Dass ein Wirtschaftssystem sich nicht „naturwüchsig“ historisch entwickelt, zeigt sich auch darin, dass Hayoz den zentralistischen „Arbeiterstaat“ dadurch legitimiert, dass dieser notwendig wäre, um die Planwirtschaft einzuführen. Seiner Ansucht nach müsste eine föderative Selbstverwaltung von Betrieben zwangsläufig zur Wiedereinführung der Marktwirtschaft führen. Auch diese Annahme ist falsch – die Frage ist, wie Wirtschaft organisiert und nach welchen Prinzipien sie gestaltet wird, vor allem aber, in wessen Händen sich die Produktionsmittel und das Eigentum befinden. Lokale und überschaubare Kollektive können viel besser nach Bedürfnissen und Fähigkeiten produzieren und Güter verteilen, als der Größenwahn einer zentral gesteuerten Wirtschaftsordnung – auch dies hat sich in der Wirklichkeit realsozialistischer Staaten ziemlich gut gezeigt. Es stimmt auch nicht, dass sich Kollektivbetriebe in einem dezentralen Sozialismus nicht koordinieren könnten, oder, dass es keinerlei vermittelnde und beratende Koordinationgremien zwischen ihnen geben sollte – die Frage ist lediglich, ob diese mit einer zentralisierten Entscheidungsmacht ausgestattet werden. Dagegen ist die „Arbeiterdemokratie“, welche Hayoz vorschwebt, eine bloße Kopfgeburt. Sie lässt sich nicht mit staatlichen Mitteln einrichten, sondern nur durch die reale Machtaneignung und -verteilung der Bevölkerung selbst.

Von Anarchist*innen gemieden, von Trotzkist*innen unbegriffen: Das Problem der Führung

In Hinblick auf die Frage nach der Führung von Bewegungen spricht Hayoz einen Punkt an, welcher von Anarchist*innen bedauerlicherweise meistens vermieden wird – weswegen sie nur selten gute Antworten auf dieses Problem hervorbringen. Damit werden sie sich ihrer eigenen Rolle nicht bewusst und verschenken damit häufig ihr Potenzial. Aber problematisieren sie Führung bei der Wurzel und möchten alle Menschen in die Lage versetzen, ihre Angelegenheiten selbst zu bestimmen – wofür einige Voraussetzungen (Zeit, Bildung, Kontakte etc.) geschaffen und verallgemeinert werden müssen. Trotzkist*innen sind stattdessen so naiv zu glauben, dass es dann eben eine andere, „neue, revolutionäre Führung“ bräuchte. Wie gesagt muss ich fairerweise eingestehen, dass Anarchist*innen hierauf oftmals keine guten Antworten haben, weil sie das Problem zwar benennen, aber sich scheuen, sich als ein eigenständiges Lager zu begreifen, welches spezifische Funktionen in sozialen Kämpfen ausüben kann. In gewisser Hinsicht könnte man sagen, Anarchist*innen trauen sich selbst nicht zu, „fragend voranzuschreiten“ und „gehorchend zu führen“, wie es die Zapatistas formulieren oder auch die kurdische Autonomiebewegung praktiziert. Dies ist bedauerlich, da sie gerade aufgrund ihrer selbstkritischen Herangehensweise deutlich mehr zur Ermächtigung und Selbstorganisation der Menschen beitragen, als Trotzkist*innen. Dazu gälte es sich aber sozial-revolutionär zu organisieren und mit einer libertär-sozialistischen Vision zu orientieren. Auch die Erfahrungen in Kämpfen etc. können weitergeben werden, ohne, dass es dazu notwendigerweise einer Partei bedarf. Aktive in sozialen Bewegungen müssen sich allerdings selbst darum bemühen, ihre Funktionen zu begreifen, ihr Wissen zugänglich zu machen und weiterzugeben.

Unter den Leuten wirksam sein – für Trotzkist*innen keine Option

Hayoz behauptet, Anarchist*innen hätten nur „Lippenbekenntnisse für die revolutionäre Rolle der Arbeiterklasse abgegeben“ – was objektiv falsch ist, da der Großteil der Anarchist*innen proletarisierte Menschen waren, die verschiedenen Geschlechtern angehörten und unterschiedlicher Herkunft waren. Dass viele bekannten Personen des Anarchismus auch Einflüsse aus anderen gesellschaftlichen Schichten hatten, ergibt sich schlichtweg daraus, dass konsequenter Aktivismus Zeit, Ressourcen, Bildung und Kontakte zur Voraussetzung hat. Deswegen müssen diese vor allem jenen zugänglich gemacht werden, welche direkt marginalisiert und unterdrückt werden. Darin sehen Anarchist*innen auch eine ihre hauptsächlichen Rollen: Bestimmte Zugänge zu schaffen, Wissen zu vermitteln, Praktiken vorzuleben und sich für Ausgeschlossene einzusetzen.

Äußerst krude, dass Hayoz nicht begreift, wie wichtig beispielsweise das Wirken der Narodniki in der Bauernschaft Russlands war, um diesen grundlegende Bildung, Selbstbewusstsein und Kampfmethoden an die Hand zu geben. Dass Bäuer*innen irgendwelche städtischen Student*innen gegenüber nicht immer offen und häufig auch von konservativen Ansichten geprägt waren, versteht sich von selbst. Ohne das unermüdliche, selbstlose und gezielte Wirken von Lehrer*innen im Volk (und oftmals war dies tatsächlich auch ihr Beruf) hätten arme Menschen überall auf der Welt nicht der religiösen Verblödung, ihrer Unterwürfigkeit unter Mächtige und ihren patriarchalen Strukturen entkommen können. Es zeigt sich, dass Hayoz nicht ansatzweise in der Lage ist zu begreifen, wie sich progressive gesellschaftliche Entwicklungen vollziehen und welche Rolle darin engagierte Bildner*innen und Aktivist*innen spielen. Ebenso wenig wie die Arbeiter*innenklasse ein homogenes Subjekt ist, welchem eine „historische Mission“ angedichtet wird, um es zum Fußvolk sozialistischer Parteikader zu degradieren, ist es die Bauernschaft, das Kleinbürger*innentum oder sind es Handwerker*innen. Aus einer sozialstrukturellen Position allein, ergibt sich nicht die Ideologie von Personengruppen, welche ebenso kulturell und durch soziale Praktiken geprägt werden. Das Sein bedingt das Bewusstsein, aber es bestimmt es nicht.

Dass er selbst fern jeglicher kämpfender Bewegungen steht, offenbart Hayoz auch darin, dass er nicht in der Lage ist, die Taktiken der Propaganda durch Taten und des schwarzen Blocks zu begreifen. Wenngleich ich selbst die Verselbständigung dieser Taktiken zu bloßen Stilen kritisiere, plädiere ich stark dafür Probleme unmittelbar anzugehen und Alternativen zu ihnen aufzuzeigen. Menschen lassen sich nicht einfach durch spektakuläre Aktionen wachrütteln und schließen sich dann einem sozial-revolutionären Projekt an. Ebenso wenig wird sie aber ein bloßes Gespräch oder ein Vortrag davon überzeugen. Vielmehr muss es darum gehen, Menschen andere Erfahrungen zu ermöglichen. Dazu können spektakuläre Aktionen bedingt beitragen, mehr aber noch Alternativen im unmittelbaren Alltagsleben. Es gilt jene Zwischenräume zu schaffen und auszuweiten, welche Hayoz in seinem Kader-Idiotismus als „opportunistisch“ abtut. Selbstredend gibt es hierbei eine fundamental unterschiedliche Grundannahme zwischen Marxismus und Anarchismus. Ersterer geht davon aus, dass Kapitalismus und Staat die Voraussetzungen für die sozialistische Gesellschaft schaffen, welche aus jenen herauswachsen würde. Zweiterer nimmt an, dass es grundlegend problematisch ist, sich auf die herrschenden Verhältnisse und Institutionen zu beziehen. Das führt Anarchist*innen nicht in die Handlungsunfähigkeit, weil sie annehmen, dass parallel zu den dominierenden Herrschaftsverhältnissen solidarische, gleiche und freiheitliche Verhältnisse bestehen. Menschen verfügen also hier und heute bereits über Mittel, um sich eine erstrebenswerte Zukunft aufzubauen, statt dies auf den fiktiven Zeitpunkt nach einer Revolution zu verschieben.

Geschichtsvergessenheit bis zum bitteren Ende

Hayoz kann sich schließlich nicht unterstehen, auch im letzten Abschnitt seine Geschichtsvergessenheit zur Schau zu stellen. Die Widersprüche der Anarchist*innen im Umgang mit der republikanischen Regierung deutet er als Unentschiedenheit, welche schließlich zum Verrat an der sozialen Revolution im spanischen Bürgerkrieg geführt hätte. So schreibt er: „Die CNT hätte die Macht ohne weiteres übernehmen können. Sie hätte bloß die existierenden Keimformen eines Arbeiterstaats zusammenfassen, die Macht ausrufen und auf ganz Spanien ausweiten müssen, wo ähnliche Prozesse am Passieren waren. Aber die CNT-Führung lehnte es ab, die Macht zu ergreifen“. Was Hayoz nicht begreift ist, dass sich Anarchist*innen eben nicht innerhalb des bestehenden politischen Systems organisieren wollen. Sie sind nicht davon überzeugt, dass darin die eigentliche Macht für emanzipatorische Gesellschaftsveränderung liegt. Vielmehr suchen sie nach anderen Formen und Ebenen, auf denen sie sehr viel direkter und praktischer wirksam sein können: In Betrieben, Nachbarschaften, Kooperativen, mittels direkter Aktionen, Bildung und Selbstorganisationen, bauen sie an der neuen Gesellschaft. Die Anarchist*innen waren in der spanischen sozialen Revolution (aber auch in Argentinien, Uruguay, Brasilien, Italien, Frankreich, den Niederlanden …) so stark, weil sie Menschen nicht politisch vertreten und anführen wollten, sondern deren Ermächtigung, Verständigung und Selbstorganisation förderten. Hayoz ist so arrogant, die Franco-Diktatur den Anarchist*innen anzulasten, weil sie seiner aberwitzigen Ansicht nach die Revolution verraten hätten – anstatt überhaupt zu erwähnen, dass es zuvor irrelevante und dann von der UdSSR unterstützte kommunistische Partei war, welche nicht mit den anderen Fraktionen kooperieren wollte, sondern sie intrigant bekämpfte. Die trotzkistische Erzählung wird hierbei eminent konservativ: Jenen, welche für sich für echte Gesellschaftsveränderung einsetzen und sie unmittelbar umsetzen, wird angelastet, dass sie von der Reaktion brutal bekämpft werden.

Der Argumentationsgang von Jannick Hayoz ist in vielerlei Hinsicht geschichtsvergessen, inhärent dogmatisch, verkürzt und verzerrend. Auf leicht zu durchschauende Weise konstruiert der trotzkistische Autor den Anarchismus als Pappfigur, auf welche er mit seiner eigenwilligen Interpretation des „Marxismus“ einprügeln kann. Denn nur so kann er zirkulär und tautologisch zur Schlussfolgerung gelangen: „Wir teilen den revolutionären Anspruch der meisten Anarchisten. Aber die Methode des Anarchismus ist nicht wahr und nicht revolutionär. Das rächt sich spätestens dann, wenn der Anarchismus mit der objektiven Realität konfrontiert wird“. Bis zu Letzt zeigt sich darin die Projektion des eigenen inhärent idealistischen Denkens, durch welches die Welt an den eigenen Idealvorstellungen und abstrakten Theorien gemessen wird. Jede Anarchist*in mit etwas Lebenserfahrung kann – mit ihrem rebellischen Begehren und ihren manchmal träumerischen Vorstellungen – zu Recht behaupten, stärker an der Wirklichkeit orientiert und mit der wirklichen Bewegung verbunden zu sein, als der Kader-Trotzkismus. Dessen Theorien brauchen Revolutionär*innen weltweit heute weniger denn je. Sie haben ihre Funktion zur Organisierung einer arroganten, dogmatischen Tendenz innerhalb von kommunistischen Parteien. Zu mehr taugen sie nicht.

ausgefunkt – Wie der Trotzkismus sich selbst entlarvt

Lesedauer: 11 Minuten

Dass sich unter den politischen Gegner*innen des Anarchismus auch Trotzkist*innen finden, ist allgemein bekannt. Warum darüber Worte verlieren und es nicht einfach bei den konkurrierenden Standpunkten stehen lassen, zumal wenn abstrakt-theoretische Debatten oftmals weit entfernt von den Praktiken und Fragen derjenigen sind, die sich in emanzipatorischen sozialen Bewegungen engagieren?

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Konkurrent*innen kann allerdings dazu beitragen, die eigenen Positionen festigen und die eigenen Perspektiven zu schärfen. Und ja, viele Anarchist*innen sind nicht besonders theoriefest. Häufig kennen sie auch ihre eigenen Theorien nur unzureichend und lassen sich daher immer wieder verwirren. Darüber hinaus schreibe ich diesen Text, um einiges klar zu stellen. Denn Jannick Hayoz, ein Theoretiker des trotzkistischen Netzwerkes „Der Funke“, welches aktuell eine neuere Werbeoffensive gestartet hat und gerade einen Kongress in Berlin abhält, scheut sich nicht, den Anarchismus falsch darzustellen.

Seine Darstellung ist notwendigerweise falsch, weil politische Sekten darauf angewiesen sind, ihre Konkurrent*innen zu diffamieren und ihre eigenen dogmatischen und in sich abgeschlossenen Gedankengebäude aufrecht zu erhalten. Bedauerlich daran ist, dass mit dieser Falschdarstellung die Vorurteile über den Anarchismus bestärkt werden. Dies bringt niemandem etwas und verhindert, dass Menschen und Gruppen mit verschiedenen Standpunkten auf Augenhöhe zusammenarbeiten können. Daher entfalte ich paradigmatisch am Text „Marxismus oder Anarchismus: Wie zu einer klassenlosen Gesellschaft“ meine Kritik. Weil ich dieser Position nicht mehr Aufmerksamkeit schenken möchte, als sie verdient, werde ich aber keine andauernde Auseinandersetzung beginnen.

Der Ausgangspunkt von Hayoz‘ Text ist idealistisch, wie seine ganze Theorie. Es wäre lediglich das Rebellionsbedürfnis, welches vor allem junge Menschen heute zum Anarchismus führe. Stattdessen brauche es aber „die Ideen des Marxismus“, da der Anarchismus eigentlich pseudo-revolutionär wäre. Statt sich aber mit den Ansichten real existierender Anarchist*innen auseinanderzusetzen, bezieht sich der Autor auf eine Interpretation, welche mit seinen eigenen obskuren Ideen kompatibel erscheinen. In der dogmatischen Herangehensweise steht das abschließende Urteil schon vor der Suche nach Wahrheit fest. Somit kann die Wirklichkeit nur verkannt und die vorgeblich „marxistische“ Theorie nur idealistisch bleiben.

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Talk about our demonstrations

Lesedauer: 9 Minuten

Eine Reflexion über Demonstrationen als Praxis

Ein Beitrag von mir in der dritten Ausgabe des Bella Ciao-Magazins. Auch im dritten Heft finden sich Fotos und Berichte von verschiedenen links-emanzipatorischen Protestereignissen der letzten Monate aus der BRD.

Bedauerlicherweise macht sich die Inflation auch bei der Redaktion der Bella Ciao bemerkbar. Mit den 6€ Ladenpreis werden die laufenden Kosten nicht gedeckt, auch wenn hier niemand daran verdient. Also überlegt euch, ob ihr ein Abo abschließen und dieses Magazin unterstützen wollt!

Ich habe einen Gastbeitrag verfasst, den ich hier etwas zeitverzögert gerne abbilde. Mein Anliegen damit war die Reflexion über unsere Praktiken, die immer wieder vor der Gefahr stehen zu Selbstzwecken zu werden. Auch Demos sind logische und sinnvolle Mittel, um Menschen zu versammeln, Ansichten zu artikulieren, Diskussionen zu beeinflussen und einen Aktionsraum zu bilden. Dennoch ist von mal zu mal abzuwägen, ob eine Demo immer die richtige Aktionsform ist – und wenn ja, welche Ziele wir konkret mit ihr verfolgen und wie wir sie gestalten wollen….

Demos und ihre Funktionen

In meinem Umfeld und in der linken Szene im weiteren Sinne beobachte ich seit geraumer Zeit die Tendenz, dass der Besuch von Demos und das Engagement in selbstorganisierten Gruppen immer weiter auseinander zu klaffen scheinen. Die neoliberale Individualisierung, der immer schwerer zu entfliehende Zwang zur Lohnarbeit, als auch ein apokalyptisches Zeitgefühl lassen es nicht attraktiv erscheinen, sich langfristiger, verbindlicher und kontinuierlicher Basisarbeit zu widmen. Allgemein spricht nichts gegen das Organisieren und die Teilnahme an Demonstrationen. Im Gegenteil, sich im öffentlichen Raum zu versammeln, zu artikulieren und aktiv zu sein, ist äußerst wichtig für soziale Bewegungen.

Nur neigen viele leider dazu, das Mitlaufen bei der Demo als politische Betätigung schlechthin anzusehen – im schlimmsten Fall sogar als eine Art Ablass dafür zu begreifen, dass sie anderweitig keine Kapazitäten aufbringen könnten, um für eine andere Gesellschaftsform und konkrete Veränderungen zu kämpfen. Mit dieser Aussage lege ich keine Leistungsmaßstäbe an, wie sie uns im Kapitalismus ohnehin gepredigt werde. Aber ich kritisiere jene, welche meinen und auch erzählen, dass sie sich engagieren, während sie tatsächlich nur gelegentliche Demobesucher*innen sind und sich ansonsten auf twitter, facebook und Co. belesen. Kraftvolle Demos sind gut, funktionierende Basisarbeit ist besser. Erstere sollten Ausdruck von Letzterem sein. Viel wichtiger als die spektakulären Ereignisse sind die oft stillen Prozesse.

Es kursiert die Annahme, eine Demo würde für sich genommen „Druck auf die Politik erzeugen“ oder irgendwelche Veränderungen bewirken. Doch das ist leider ein Mythos. Dennoch sage ich nicht, dass Demos gar nichts bringen, im Gegenteil. Allerdings müssen wir uns bewusst machen, wozu sie dienen können und sollen. Darüber machen sich auch viele Leute andere Gedanken. Die folgenden Überlegungen sollen dazu nur eine weitere Anregung sein.

Im Wesentlichen haben Demonstrationen meiner Ansicht nach fünf Funktionen: Erstens dienen sie der Versammlung von ähnlich gesinnten und sympathisierenden Menschen, damit der Pflege unserer Gemeinschaften und eventuell auch der Erweiterung von sozialen Kontakten. Zweitens ermächtigen und bestärken sich Menschen, wenn sie unter einem bestimmten Label und mit ähnlichen Vorstellungen zusammen kommen. Sie wollen sich verstanden und verbunden fühlen – was völlig legitime Bedürfnisse sind. Werden sie erfüllt, kommen die Beteiligten auch im Alltag eher ins Handeln. Demos haben drittens die Funktion der Bewusstseinsbildung und der Selbstverständigung. Das geschieht in Redebeiträgen, in Gesprächen am Rand, durch Parolen, Transpi-Aufschriften und andere Stilmittel. Dies ist nicht allein ein rationaler Vorgang. Viertens soll mit ihnen Kommunikation nach außen und Überzeugung geschehen. Andere Menschen sollen mitbekommen, wofür die Demonstrierenden stehen, welche Wahrheit ihre Perspektive hat und wie sie begründet wird. Der fünfte Punkt besteht in der direkten Aktion. Das kann vieles beinhalten und muss keineswegs notwendigerweise in Glasbruch münden. Entscheidend ist aber, die Form des legitimierten Spaziergangs zu verlassen und sich selbstbestimmt die Straße zu nehmen.

Gegen die Demo-Reflexe

Selbstverständlich können Demos – abhängig von den organisierenden Gruppen, den politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen, der gesellschaftlichen Situation, dem Anlass und dem lokalen Kontext – sehr stark variieren. Schon aus diesem Grund kann es keine an sich gelingende Demo geben – allerdings durchaus welche, die ihre Ziele verfehlen. Weil wir oftmals eher dazu neigen die Aspekte zu benennen, welche uns nicht passen, nerven oder stören, als jene, welche wir gut finden, sollten wir aber auch wertschätzen, was wir hinbekommen. Eine andere Frage ist allerdings, ob es denn überhaupt immer eine Demo sein muss, wenn es darum geht, einen Handlungswunsch auszudrücken.

Gerade im deutschsprachigen Raum scheint mir die Kreativität hinsichtlich des Repertoires an Aktionsformen oftmals ziemlich beschränkt zu sein. Ein Ereignis bestürzt uns, wir fühlen uns ohnmächtig und die Antwort darauf ist sehr schnell eine Demo zu organisieren. Gleiches betrifft Jahrestage oder Gegenproteste. So verständlich das ist, sollten wir ernsthaft überdenken, ob Demonstrationen immer das adäquate Mittel sind, um unsere Anliegen zu verwirklichen. Und wenn wir zum Ergebnis gelangen, dass eine Demo für uns in Bezug auf ein bestimmtes Ereignis Sinn ergibt, führt dies zurück zu den oben erwähnten Absichten, welche mit ihnen verfolgt werden können.

Erst dann stellen wir uns nämlich die Frage, WIE unsere Demo tatsächlich aussehen soll, um Gemeinschaften zu stiften, Menschen zu ermächtigen, Bewusstsein zu bilden, zu kommunizieren, zu überzeugen und direkte Aktionen zu ermöglichen. Und in diesem Zusammenhang gilt es die verdammte Konsummentalität zu überwinden: Nein, dies ist nicht allein die Aufgabe der Demo-Orga. Sondern von allen, die sich daran beteiligen und irgendwelche Kapazitäten haben, sich darauf vorzubereiten. Dann nämlich gestalten wir diese Ereignisse selbst, machen sie also zu unseren eigenen Veranstaltungen.
Welche Demos hast du erlebt, die du richtig gut fandest und aus welchen Gründen war das so? Wie stellst du dir eine Demo vor, die du sinnvoll und kraftvoll findest, an der du dich gerne beteiligen und mitwirken willst? Von welchen Demos warst du genervt und frustriert? Woran lag das und wie lässt sich das verändern? Darüber lohnt es sich weiter nachzudenken.

Spontaneität und Lethargie der Masse

In der BRD wird zu viel herum gelaufen. Das ist nicht schlimm, sollte uns aber zu denken geben. Wer den Umkehrschluss daraus zieht, es müsste einfachmehr Krawall geben, bleibt oftmals ebenfalls bei einer recht eingeschränkten Vorstellung des Demonstrierens stehen. Deswegen gilt es militant zu werden. Das bedeutet, eine im besten Sinne kämpferische und lebendige Haltung zu entwickeln, sich also aktiv und dynamisch in die Ereignisse einzubringen.

Welche Handlungen sich daraus konkret ergeben bleibt dabei offen. Gruppen können kurze Straßentheater inszenieren, Flugblätter an Passant*innen verteilen, den Schatz an Demoslogans erweitern, mit Farbe arbeiten, nach Nazis kundschaften, völlig abseits der Route ein Statement setzen oder was auch immer. Es ist klar, dass dies nur durch organisierte Bezugsgruppen gelingen kann, in denen sich nach Möglichkeit nicht unmittelbar vor Beginn der Demo ein paar Einzelne zusammentun, die sich gar nicht kennen. Vielmehr sollten sich in ihnen Personen verschwören, die Überzeugungen und Aktionsformen teilen, miteinander und nach außen kommunizieren und sich bei allen Vorkommnissen unterstützen bzw. Unterstützung suchen können. Eine Demo ist nur so stark wie unsere genossenschaftlichen Beziehungen zueinander.

Die Teilnahme an Demos wird zwar gelegentlich vorbereitet, viel zu selten aber geschieht ihre Auswertung – egal, ob im eigenen Kreis oder einem größeren halböffentlichen Rahmen. Abgesehen davon, dass Repressionsdrohung zu vermeiden ist und Menschen begrenzte Kapazitäten haben, werden damit aber wichtige Lernprozesse verspielt – sei es in taktischer Hinsicht oder bei der Beziehungsarbeit. Jene Demonstration ist auch eine pädagogische Aktion.

Weil eine funktionierende Bezugsgruppenpraxis meiner Wahrnehmung nach bei weitem zu wenig ausgeprägt ist, kommt es dann doch immer wieder zu den bekannten Latschdemos. Auch hier gilt: Die Demo-Orga steckt zwar einige Rahmenbedingungen ab, ist dabei aber weder in der Pflicht die Konsummentalität der Teilnehmenden zu bedienen, noch hat sie das Recht vollends zu bestimmen, was auf der Demo stattfinden darf oder nicht. Dennoch sollten Kommunikationsmöglichkeiten vor, während und nach der Demo ausgeschöpft werden, wenn man nicht gegeneinander, sondern gemeinsam etwas erreichen möchte. Statt der einlullenden passiven Lethargie der Masse gelangen wir zu ihrer selbstbestimmten Spontaneität.

Das Spannungsfeld zwischen Reform und Revolution überwinden

In linksradikalen Kreisen wird oftmals ein Gegensatz von Reform und Revolution konstruiert. Damit wird ein Spannungsfeld zwischen der Forderung nach ganz konkreten Verbesserungen innerhalb des bestehenden politischen, rechtlichen und ökonomischen Systems einerseits und der Überwindung des durch die bestehende Herrschaftsordnung gesetzten Rahmens aufgemacht. Historisch wurde dies ausgiebig im sogenannten Revisionismus-Streit diskutiert. Eduard Bernstein gab die revolutionäre Perspektive vollständig auf, während Karl Kautsky den Fakt, dass die Sozialdemokratie sich bereits vollkommen angepasst hatte, dadurch verschleiern wollte, dass sie sich revolutionärer Phrasen bediente, um ihre Mitglieder zu mobilisieren. Rosa Luxemburg ging einen anderen Weg, indem sie die Partei als Ausdruck der organisierten Arbeiter*innenklasse ansah und mit dieser eine „revolutionäre Realpolitik“ anstrebte. Dagegen entwarf Wladimir Iljitsch Lenin eine „Partei neuen Typs“, welche als straffe Avantgarde-Organisation streng auf die politische Revolution hin ausgerichtet war und die Staatsmacht übernehmen sollte.

Leider viel weniger bekannt als diese sozialdemokratischen und parteikommunistischen Strategien, sind die anarchistischen. Jene entstanden gerade in Kritik sowohl an politischen Reformen, welche nicht aufs Ganze zielen und die von der herrschenden Klasse gesetzten Rahmenbedingungen aufrecht erhalten, als auch an der politischen Revolution, mit welcher von der falschen Annahme ausgegangen wurde, die Staatsmacht könne als neutrales Instrument verwendet und die sozialistische Gesellschaft mittels einer Diktatur eingerichtet werden. Alternativ thematisiert Élisée Reclus in einem Beitrag von 1891 sehr schön, dass „Revolution“ und „Evolution“ keine Gegensätze, sondern vielmehr zwei verschiedene Momente des selben Prozesses seien.

Vielfältige Strategien für anhaltende Veränderungen

Damit wurden vier Wege entwickelt, um grundlegende Gesellschaftstransformation zu erzielen. Erstens – als Abkehr von der Reform – die mutualistische Selbstorganisation, mit welcher darauf gesetzt wurde, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse sich durch Graswurzelarbeit langfristig und radikal verändern lassen Pierre-Joseph Proudhon und Gustav Landauer standen z.B. für diesen Ansatz. Zweitens wurde in Enttäuschung von der politischen Revolution auf den Aufstand ohne konkrete Zielvorstellung gesetzt, etwa von Luigi Galleani. Näher am Politikmachen dran sind dagegen, drittens, organisierte Massenbewegungen, welche zivilen Ungehorsam praktizieren. Sie sind keineswegs nur anarchistisch, aber Anarchist*innen wie Errico Malatesta oder Emma Goldman beteiligten sich aktiv in einer eigenen Strömung in ihnen. Schließlich beziehen sich alle diese Strategien, viertens, auch auf das Konzept der sozialen Revolution, welches sie gewissermaßen zusammenbindet und auf die Gesellschaftstransformation insgesamt hin ausrichtet. Wie insbesondere Peter Kropotkin herausarbeitet, wird damit auch eine konkrete Utopie als positive Vision für eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform verbunden. In anarch@-syndikalistischen Ansätzen, z.B. bei Émile Pouget, wird dieser Bezugspunkt aufs Ganze wiederum mit konkreten sozialen Kämpfen im Alltag verbunden.

Es gibt also eine ganze Menge Strategien, um umfassende, radikale und anhaltende Gesellschaftsveränderung zu denken und soziale Kämpfe an ihnen auszurichten. Und wir sollten uns bewusst werden und entscheiden, welche Strategien wir – langfristig und auf bestimmte Situationen bezogen – eigentlich verfolgen. Denn auch dies wird sich auf die Gestaltung unserer Demos auswirken, ihren Charakter und ihre Effekte prägen. Es ist völlig klar, dass es dabei nicht den einen richtigen Weg oder nur eine sinnvolle Strategie geben kann. Tatsächlich vermischen sie sich, was auch völlig okay und bereichernd ist. Irritation und Streit kommen aber auf, wenn die Strategien, Ziele und Praktiken der unterschiedlichen Teilnehmenden sehr verschiedene sind – und wenn dies weder bewusst gemacht noch transparent und ehrlich kommuniziert und diskutiert wird. Und dies wirkt sich logischerweise auch auf die Gestaltung, den Ausdruck von Demonstrationen und die Handlungsoptionen in ihnen aus.

Autonomie oder Integration

Reform und Revolution gegeneinander zu stellen, ist konstruierter Widerspruch, den wir auch in der Ausgestaltung unserer Demos praktisch überwinden können. Viel eher lohnt es sich in einem Gegensatz von Autonomie und Integration zu denken. Denn dieses Spannungsfeld zieht sich im Grunde genommen durch alle sozialen Bewegungen und ihre verschiedenen Flügel. Zielen wir mit einer Demonstration vor allem darauf ab, Gehör für unsere partikularen Forderungen zu finden, ein Thema in den Mainstream-Medien zu setzen oder gar eine bestimmte Gesetzesveränderung zu bewirken? Oder wollen wir deutlich machen, dass wir uns selbst organisieren, die erstrebenswerten gesellschaftlichen Verhältnisse bereits praktisch einrichten und eine selbstbestimmte Agenda verfolgen, mit welcher wir auf eine möglichst klare Distanz zum gesetzten Rahmen der politisch und ökonomisch herrschenden Klassen und ihres Verwaltungs- und Zwangsapparates gehen? Hierbei geht es – ebenso wie bei den Transformationsstrategien – nicht in erster Linie darum, wie viel Macht die Aktiven in emanzipatorischen sozialen Bewegungen aktuell haben. Stattdessen ist entscheidend, wie und worauf hin sie ihre Botschaften, Ausdrucks-, Aktions- und Organisationsformen orientieren.

Auch wenn es zunächst etwas befremdlich wirkt – selbstverständlich können wir unser Handeln auch in einer kleinen Bezugsgruppe sozial-revolutionär, aufständisch, zivil-ungehorsam oder mutualistisch-selbstorganisierend ausrichten. Die Frage ist, WIE wir etwa tun und WO wir hin wollen. Und ob unser Handeln mit unseren Strategien, Vorstellungen und Aussagen übereinstimmt. Die Behauptungen, wir lebten in nicht-revolutionären Zeiten, erst müssten wir den Faschismus zurückschlagen oder aktuell wären nur Symbolpolitik oder marginale Reformen möglich, sind Schein-Argumente, die immer zur Integration in den Rahmen der bestehenden politischen Herrschaft dienen – auch wenn sie mit noch so linksradikal klingenden Phrasen und Begründungen vorgetragen werden. Dagegen wird es Zeit, dass wir eine andere Herangehensweise wieder entdecken und nach Autonomie streben.

Allerdings müssen wir uns dabei vor Augen halten, wer in welcher Position ist. Für Migrantinnen ist es beispielsweise entscheidend, dass sie einen Aufenthaltsstatus erhalten, damit sie in der BRD bleiben können – auch wenn das bedeutet, dass sie sich integrieren sollen. Ebenso ist es wünschenswert, wenn Aktivistinnen, die einer Lohnarbeit als Lehrerin, Anwältin, Journalistin, Sanitäterin oder Kulturschaffende nachgehen, ihre Positionen nutzen, um soziale Bewegungen zu stärken – auch wenn dies regelmäßig zu Widersprüchen führt. Dennoch können sie in ihren Aktivitäten für eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform kämpfen, anstatt sich mühevoll am starren Rahmen der verwelkenden, zerrütteten Herrschaftsordnung abzuarbeiten. Eine solche Herangehensweise wird sich auch auf den Charakter von Demonstrationen und alle anderen Praktiken auswirken.

Wenn der Spaß ernst wird…

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9. November, 19 Uhr
Anarchie! Wenn der Spaß ernst wird…
Demmeringstraße 74 (Lindenau)

Die Veranstaltung hat keinen spezifischen Bezug zum symbolträchtigen Datum.

https://meinungsmacheleipzig.tumblr.com/

Chaos, Liebe, Anarchie – wer will das nicht? Doch wenn ihr euch näher mit dem Anarchismus beschäftigt werdet ihr schnell feststellen, dass dieser seriöser ist, als euch lieb ist. Kaum zu glauben, aber wahr: Anarchist*innen wollen eigentlich Ordnung schaffen. Nur eben ohne Herrschaft. Dafür haben sie keinen Masterplan – aber dennoch eine Menge guter Vorschläge.

In der Veranstaltung werden einige Grundlagen des Anarchismus vorgestellt. So etwa das Konzept der Selbstorganisation egalitärer und freiwilliger Kommunen und theoretische Annahmen. Im Anarchismus werden Gesellschaftskritik und Visionen zusammen gebracht.

Doch zur Ausweitung von Anarchie gehört auch eine andere Ethik. Hier kann gefragt werden, ob wir diese mit ernsthaften Humor bereits leben oder doch im bürgerlichen Zynismus hängen bleiben. Um eine Reflexion über unsere Praxis zu ermöglichen, wird dann auch noch das politisch-theoretische Konzept der (Anti-)Politik beschrieben.

Abschließend können wir gemeinsam kontrovers diskutieren: Ticken wir eigentlich schon anarchistisch oder haben wir nichts mehr zu lachen, wenn die ANARCHIE herrscht?“

Anarchismus-Historiker*innen in Brasilien

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Was es unter anderem noch so gibt: Aktuell einen viertägigen wissenschaftlichen Kongress vor allem zu historischer Erforschung des Anarchismus, der in São Paulo stattfindet. Die beiden Vorgänger fanden 2016 in Buenos Aires (Argentinien) und 2019 in Montevidéu (Uruguai) statt. Das Programm selbst würde mich jetzt nicht vom Hocker hauen, aber allgemein ist es schön zu sehen, das sich Forscher*innen verstärkt dem Anarchismus widmen – und damit auch anarchistische Perspektiven ihren Möglichkeiten nach verbreiten und vertiefen. Darin ist in begrenztem Maß auch die Keimzelle einer (intellektuellen) Gegenbewegung zum global erstarkten Faschismus zu sehen… Ob an einer Uni oder woanders – Ein Kongress zu anarchistischen Theorien im deutschsprachigen Raum steht noch in den Sternen.

https://3congressoanarquista.noblogs.org/

Riseup – Motivierender Film über Aktivismus

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https://www.riseup-film.de/

Das Filmkollektiv Leftvision hat nun den Film Riseup herausgebracht. Unter dem Eindruck der Pandemie entstanden werden weltweit fünf Aktivist*innen aus Chile, den USA, Deutschland, Rojava und Südafrika portraitiert. Dabei geht es weniger um die Ziele, Inhalte und Formen ihrer jeweiligen Kämpfe gegen Apartheit, den DDR-Staat, Rassismus, Patriarchat, Armut und Kapitalismus, sondern darum, was ihnen Motivation und Hoffnung gibt und welche Erfahrungen und Emotionen mit dem aktivistischen Dasein verbunden sind. Die fünf Personen stehen paradigmatisch für Aktivist*innen weltweit. Sie sind so besonders, entschlossen und kämpferisch, wie zugleich ganz durchschnittlich. Ein spannender Blickwinkel mit radikaler Kapitalismuskritik, mit dem Ohnmacht in Mut transformiert wird, ohne sich die globale Situation schön zu reden. Die Einblendung des Karl-Marx-Monuments als eine Art angedeutetem Hoffnungsschimmer verrät allerdings, dass es eine Produktion westdeutscher Studies bleibt…