Literaturliste geupdated

Lesedauer: < 1 Minute

Zugegeben, der erste Entwurf für eine Literaturliste war einfach lieblos hingeklatscht. Ich habe jetzt noch mal ca. 70 Bücher aufgelistet, die ich bei der Beschäftigung mit anarchistischer Theorie empfehlen würde. Ist selbstverständlich nicht vollständig, aber entsteht hoffentlich schon mal ein besserer Überblick.

Wunderbar: Gesammelte Schrift zum Schwarzen und Indigenen Anarchismus

Lesedauer: 5 Minuten

Direkt nach dem Erscheinen versuchte ich an den vermutlich ersten Sammelband zum schwarzen und indigenen Anarchismus auf deutscher Sprache zu kommen. Leider dauerte es doch eine Weile, bis ich dazu kam, ihn zu lesen.

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Unter mir unbekannten Umständen wurden die Herausgeberin Elany und eine Gefährtin kürzlich in der Schweiz verhaftet.[1] Da es müssig und unsinnig ist, über die Hintergründe zu spekulieren, konzentriere ich mich im Folgenden auf den Eindruck, den ich vom Sammelband gewonnen habe. Die aktuellen Ereignisse sind aber zu erwähnen, da mit ihnen deutlich wird, dass es noch Leute gibt, die leben und tun, wovon sie schreiben. Unabhängig von ihren konkreten inhaltlichen Positionen – die freilich auch mit unseren jeweiligen Positionierungen und Erfahrungen in der herrschaftsförmigen Gesellschaft zu tun haben – ist es dieses Engagement anzuerkennen, wertzuschätzen und inspirierend.

In Schwarze Saat sind ganze 85, meist kurze, Texte aus der Perspektive eines schwarzen und indigenen Anarchismus, deren Autor:innen auch den entsprechenden Hintergrund haben.[2] Dass es sich um ein Buch ohne weisse Europäer:innen handelt ist sehr wichtig, um die Ansprüche auf Selbstbestimmung und eigene Organisierung von rassistisch diskriminierten sozialen Gruppen zu unterstreichen. Kein weisser, europäischer Anarchist sollte je wieder das billige Argument der „Spaltungsbestrebungen“ anbringen, wenn sich People of Color oder auch FLINTA (Frauen, Lesben, Inter-, Nonbinary-, Trans-, Agender-Personen) in eigenen Untergruppen oder auch autonomen Gruppen zusammenschliessen, um aus ihrer spezifischen Perspektive heraus herrschaftsfeindliche Praktiken hervorzubringen. Und dies beinhaltet notwendigerweise immer auch eine Kritik an vorgetragenen anarchistischen Ansprüchen von Genoss:innen. Diese hat nicht immer konstruktiv und solidarisch zu sein. Ankommen wird sie vermutlich dennoch meistens, wenn sie so vorgetragen wird.

Ich bin sehr dankbar für die Herausgabe dieses Sammelbands, von dem ein Grossteil der Beiträge übrigens auch einzeln vorab auf der Seite schwarzerpfeil.de[3] veröffentlicht wurde. Und zwar deswegen, weil mit ihm andere Stimmen festgehalten werden, denen ich selbst zu selten Gehör schenke. So wusste ich beispielsweise bisher nicht, dass der ehemalige Black Panther Aktivist Lorenzo Kom’boa Ervin sich offenbar als einer der ersten Anarchists of Color bezeichnete und seine Schrift Anarchism and the Black Revolution, die 1979 erschien, eine unheimlich weite Verbreitung gefunden hat.[4]

Wenn mir die anarchistische Gewerkschaftsaktivistin Lucy Parsons selbstverständlich bekannt war, so nicht die Gruppe Afrofuturist Abolitionists of the America, deren Erklärung zur Selbstbezeichnung „Anarkata“ (ein angeeignetes Schimpfwort für widerständige, eigenwillige Katzen) sehr inspirierend ist. „Intersektionalität“ und „Identitätspolitik“ ist hierbei kein liberaler Rahmen, innerhalb dessen es für mehr „Diversität“ oder „Sensibilität“ einzutreten gälte, sondern eine klare Kampfansage gegen die multiplen, verwobenen Herrschaftsverhältnisse aus Perspektive der von ihnen Betroffenen.

Dass der ungeheure Reichtum der europäischen Post-Kolonialstaaten auf Sklavenarbeit beruht; dass die Kolonialisierung der Amerikas die brutale Unterdrückung der Native People voraussetzte; dass die weisse Arbeiter:innenklasse gegen die schwarze und indigene Bevölkerung ausgespielt wurde und wird, um erstere durch propagierten Rassismus in die Herrschaftsordnung zu integrieren; ja, dass die Entwicklung einer angeblich überlegenen, „weissen Rasse“, erst selbst als ein Produkt dieser krankhaft-zivilisatorischen Unterwerfung ist – dies und anderes war mir auch vorher bekannt. Kapitalistische Ausbeutung in der Klassengesellschaft, staatliche Unterwerfung und Unterdrückung, nationalistische Eingliederung, Naturbeherrschung, patriarchale Dominanz und weisse Vorherrschaft, sind zweifellos miteinander verwobene Herrschaftsverhältnisse von denen wir alle – aber eben alle auch unterschiedlich – betroffen sind.

Wer davor die Augen verschliesst, muss anfangen, Mythen und Rechtfertigungsmuster zu stricken, um sich erklären zu können, warum Menschen irgendeiner Gestalt und Seinsweise, eine unterschiedliche Wertigkeit und Würde zugeschrieben wird – die sich dementsprechend auch materialisiert findet. Die Geschichte zu kennen, ist eine entscheidende Voraussetzung, um in sie eingreifen zu können. Etwas anderes ist es dennoch, Geschichten von Menschen zu hören, die sich der Herrschaftsordnung und ihrer konkreten Auswirkungen widersetzen und gegen sie rebellieren.

Dies führt auch zur schwierigen und prinzipiell nicht abschliessbaren Definition von Schwarzem Anarchismus. Verstanden werden können darunter alle Gruppen von schwarzen anarchistischen Radikalen, seien sie Anarchist:innen in Afrika, schwarze Anarchist:innen oder Autonome in den USA, die antiautoritäre Strömung, die aus den Black Panthers hervorging, die Nachkommen geflohener Sklaven in Brasilien, den Quilombo, sowie die Maroon-Gemeinschaften, beispielsweise auf Jamaika, oder schliesslich die queeren Anarkatas. So herausfordernd die Zusammenkunft von Menschen aus verschiedenen Hintergründen auch sein kann, so viel Potenzial beinhaltet ein heterogenes und unabgeschlossenes Kollektivsubjekt wie der schwarze Anarchismus aber auch.

Zwar gab es hierbei auch die Wiederentdeckung bekannter europäischer Anarchisten. Der Ex-Panther Ashanti Alston schreibt beispielsweise davon, im Knast mit Bakunin, Kropoktin und im Briefverkehr mit anderen anarchistischen Denker:innen Kontakt gekommen zu sein. Zugleich ist sehr verständlich, dass diese nur bedingt etwas zu sagen haben für die Situation und den Erfahrungshintergrund, in dem sich beispielsweise militante schwarze Anarchist:innen in den USA der 70er Jahre befanden. Darüber hinaus inspirierend wurde deswegen die Wiederentdeckung und Wiederaneignung der zu weiten Teilen verschütteten afrikanischen Geschichte, in der lange Zeit in vielen Gebieten egalitäre Gesellschaftsformen bestanden. Weit entfernt davon, diese zu idealisieren, verweisen sie dennoch auf die Möglichkeiten, andere Formen des Zusammenlebens schaffen zu können, als wiederum auch darauf, dass die nationalstaatlich-kapitalistische Herrschaftsordnung ganz wesentlich von Europäer:innen aufgezwungen wurde.

Die Auseinandersetzung mit dem Konzept der „Nation“ spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Denn der phasenweise stark gemachte „schwarze Nationalismus“ ist anders zu bewerten als jener, welcher mit dem Nationalstaat verbunden ist. Unter ersterem konnte sich ein unterdrücktes und in sich heterogenes Subjekt versammeln, um gemeinsam aufzustehen, widerständig zu sein und sich selbst zu organisieren. Davon zu unterscheiden und in vielerlei Hinsicht problematisch ist die von Schwarzen gebildete „Nation of Islam“ – deren Existenz aber unter anderem den Anstoss gab, das Konzept einer (auch als Gemeinschaft verstandenen) Nation zu hinterfragen. Anti-Nationalismus und andere Themen sind allerdings nichts, was weisse Anarchist:innen (vor allem wenn sie einen bürgerlichen Hintergrund haben) anderen erklären müssten, sondern von den jeweiligen Positionen ausgehend entdeckt werden kann.

Vor allem die Autor:innen Aragorn!, zig und Elany selbst schreiben aus einer dezidiert zivilisationsfeindlichen, technologiekritischen und „insurrektionistischen“ Perspektive. Darin haben sie meines Erachtens nach einige Argumente. Denn technologische Entwicklungen werden die ökologische Zerstörung, welche das Kapital unweigerlich hervorbringt und seine Verwertungsschwierigkeiten, mit welchen Arbeiter:innen immer weitere Krisenerscheinungen aushalten müssen, keineswegs abmildern, noch aufhalten. Führen wir uns vor Augen, wie stark im Anthropozän Menschen die lebendige Mitwelt dezimiert und durch eine tote Technosphäre ersetzt haben[5], ergibt sich meiner Ansicht nach von selbst, dass es zu einem umfassenden Bruch mit der bestehenden Gesellschaftsordnung kommen muss.

Abgesehen davon, dass der Nihilismus mehr philosophische Gedankenspielerei ist und Weltschmerz ausdrückt, als brauchbares emanzipatorisches Potenzial aufzuweisen, sind allerdings einige Schlussfolgerungen zu problematisieren, welche in dieser Strömung – noch mal beschleunigt durch die Pandemie – bisweilen gezogen werden.[6] Dies ist aber eine andere Geschichte und ergibt sich nicht aus dem schwarzen und indigenen Anarchismus per se. Eine offene Debatte um Fragen nach der Rolle von Zivilisation, Technologie, Individualismus, europäischer Rationalität im Gefüge der bestehenden Herrschaftsordnung bleibt weiter zu führen.

In jedem Fall hilft die Textsammlung in Schwarze Saat, das Selbstverständnis von Anarchist:innen im deutschsprachigen Raum zu hinterfragen und damit zu erweitern.

Jonathan

Elany (Hrsg.): Schwarze Saat. Gesammelte Schrift zum Schwarzen und Indigien Anarchismus. Selbstverlag, 2021.

[1] https://de.indymedia.org/node/168757

[2] Ohne ISBN, u.a. erhältlich bei Black Mosquito: https://black-mosquito.org/de/schwarze-saat-gesammelte-schriften-zum-schwarzen-und-indigenen-anarchismus.html

[3] https://schwarzerpfeil.de/author/elany/

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Lorenzo_Kom%E2%80%99boa_Ervin

[5] siehe auch: https://www.untergrund-blättle.ch/buchrezensionen/sachliteratur/jedediah-purdy-die-welt-und-wir-politik-im-anthropozaen-6597.html

[6] https://barrikade.info/article/4951

Workshop „Unbedingte Solidarität“

Lesedauer: < 1 Minute

Heute führe unter anderem ich diesen Workshop durch.

Der Solidaritätsbegriffs ist seit einiger Zeit wieder in aller Munde. In der Pandemie wurde er verstärkt von Regierungsseite bedient, um das Mitwirken der Bevölkerung bei den Hygiene-Maßnahmen zu erwirken. Viele Linke verwenden ihn inflationär, sodass die Gefahr besteht, dass „Solidarität“ zu hohlen Phrase verkommt und völlig beliebig oder bloß moralisch verstanden wird.
Doch zugleich ist Solidarität ein Schlüsselbegriff aller sozialistischen Bewegungen und darin des Anarch@-Syndikalismus, mit welchem dessen (potenzielle) Stärke ausgedrückt wird. Sich mit dem Solidaritätsbegriff zu beschäftigen, hilft uns, ihn mit eigenen Inhalten zu füllen, die mit unseren Erfahrungen und Positionen verknüpft sind.

Der Workshop dient also der Reflexion über unsere bestehende Praxis, der Vertiefung unserer Grundlagen und einer strategischen Kommunikation. Darüber werden wir gemeinsam in großer Runde und Kleingruppen nachdenken und diskutieren. Vorgestellt werden einige Gedanken, die Lea Susemichel und Jens Kastner in ihrem aktuellen Sammelband „Unbedingte Solidarität“ formuliert haben. Außerdem betrachten wir die Frage nach „Gewerkschaftlichkeit und Solidarität“ anhand eines Textauszugs von Torsten Bewernitz.

Versagten die Linken im Ausnahmezustand?

Lesedauer: 7 Minuten

Vor kurzem wurde die Herausgeberin des Sammelbandes „Schwarze Saat. Gesammelte Schriften zum Schwarzen und Indigenen Anarchismus“, Elany, unter mir unbekannten Umständen und Hintergründen in der Schweiz verhaftet.[0] Spekulationen darüber verbieten sich. Umso mehr weise ich darauf hin, dass der folgende Text sich auf eine (kontroverse) inhaltliche Debatte bezieht und nicht auf die Praxis verschiedener Personen.

zuerst veröffentlicht auf: barrikade.info

Wie verlautbart wurde[1], wird die anarchistische Homepage schwarzer.pfeil.de demnächst stillgelegt werden. Die Gründe dafür sind bedauerlich. Trotzdem nahm seit 2019 die inhaltliche Ausrichtung in den Beiträgen auf der Seite eine ziemlich einseitige Wendung, nachdem der vermeintliche „Einheitsquatsch“ beendet wurde. Sprich, entgegen dem Anliegen, eine realistische und genossenschaftliche Abbildung unterschiedlicher aktiver Anarchist*innen darzustellen, wie es in der Gai Dao zehn Jahre lang mehr schlecht als recht versucht wurde, entschieden sich die Betreibenden wieder einmal für die Eindimensionalität.

Diese finden wir meines Erachtens auch beim Text der Autorin Elany vom 25.11.2021 [2], auf den ich mich im Folgenden beziehen möchte. Paradoxerweise wird mit ihm zugleich darauf abgezielt, den Blick und die Diskussion, über die dominierenden Positionen einer verängstigen, relativ saturierten und akademisierten Linken zu weiten. Elany und ich denken offensichtlich auf verschiedenen Ebenen, von unterschiedlichen Positionen aus und mit divergierenden Erfahrungen im Hintergrund. Dennoch finde ich es legitim und sinnvoll, dazu etwas zu schreiben, wenn sich die Argumentation am Gegenstand orientiert. Es geht damit also um die Sache, nicht um irgendwelche realen oder vermeintlichen Grabenkämpfe oder persönliche Differenzen. In gewisser Hinsicht ist dieser Text auch parallel zu jenem von Julian Freitag mit dem Titel Hinnehmen oder durchdrehen? – Linke Konfusion in der Spätpandemie vom 27.11.2021 [3] zu sehen, auch wenn er aus einem anderen Lager kommt und eine graduell andere Stoßrichtung aufweist.

„Versagten die Linken im Ausnahmezustand?“ weiterlesen

Versagten die Linken im Ausnahmezustand?

Lesedauer: 7 Minuten

Vor kurzem wurde die Herausgeberin des Sammelbandes „Schwarze Saat. Gesammelte Schriften zum Schwarzen und Indigenen Anarchismus“, Elany, unter mir unbekannten Umständen und Hintergründen in der Schweiz verhaftet.[0] Spekulationen darüber verbieten sich. Umso mehr weise ich darauf hin, dass der folgende Text sich auf eine (kontroverse) inhaltliche Debatte bezieht und nicht auf die Praxis verschiedener Personen.

zuerst veröffentlicht auf: barrikade.info

Wie verlautbart wurde[1], wird die anarchistische Homepage schwarzer.pfeil.de demnächst stillgelegt werden. Die Gründe dafür sind bedauerlich. Trotzdem nahm seit 2019 die inhaltliche Ausrichtung in den Beiträgen auf der Seite eine ziemlich einseitige Wendung, nachdem der vermeintliche „Einheitsquatsch“ beendet wurde. Sprich, entgegen dem Anliegen, eine realistische und genossenschaftliche Abbildung unterschiedlicher aktiver Anarchist*innen darzustellen, wie es in der Gai Dao zehn Jahre lang mehr schlecht als recht versucht wurde, entschieden sich die Betreibenden wieder einmal für die Eindimensionalität.

Diese finden wir meines Erachtens auch beim Text der Autorin Elany vom 25.11.2021 [2], auf den ich mich im Folgenden beziehen möchte. Paradoxerweise wird mit ihm zugleich darauf abgezielt, den Blick und die Diskussion, über die dominierenden Positionen einer verängstigen, relativ saturierten und akademisierten Linken zu weiten. Elany und ich denken offensichtlich auf verschiedenen Ebenen, von unterschiedlichen Positionen aus und mit divergierenden Erfahrungen im Hintergrund. Dennoch finde ich es legitim und sinnvoll, dazu etwas zu schreiben, wenn sich die Argumentation am Gegenstand orientiert. Es geht damit also um die Sache, nicht um irgendwelche realen oder vermeintlichen Grabenkämpfe oder persönliche Differenzen. In gewisser Hinsicht ist dieser Text auch parallel zu jenem von Julian Freitag mit dem Titel Hinnehmen oder durchdrehen? – Linke Konfusion in der Spätpandemie vom 27.11.2021 [3] zu sehen, auch wenn er aus einem anderen Lager kommt und eine graduell andere Stoßrichtung aufweist.

Die Impfpflicht ist zu Unrecht der Aufhänger für den Widerwillen

Obwohl im Text Das Versagen der Linken im Ausnahmezustand von Elany viele wichtige Punkte aufgemacht werden, wird mit der scheinbar klaren Perspektive, die Tatsache umgangen, dass die gleichermaßen dogmatisch und romantisch einseitige Darstellung, gerade eine Folge komplexer gesellschaftlicher Verhältnisse und Bedingungen, als auch plural aufgestellter emanzipatorischer Akteur*innen ist. Statt tatsächlich eigene Inhalte zu generieren, wird sich nicht davor gescheut, Menschen in „richtige“ und „falsche“ Anarchist*innen einzuteilen und Gemeinplätze vorzutragen. Womit ich nicht sagen will, dass es eine anarchistische Haltung sein könnte, explizit für eine Impfpflicht einzutreten, denn das ist meiner Ansicht nach nicht.

Sich an diesem Thema besonders aufzuhängen, ist es aber ebenfalls nicht, denn es gibt medizinisch gute Gründe für Impfungen sowie sehr viele weitere Themen, in denen wir in unserem Verhalten und Handlungsmustern, in kapitalistische Konzerninteressen oder staatliche Regierungspraktiken, verstrickt sind. Deswegen ist es eine andere Frage, inwiefern „skeptische“ Personen überzeugt werden können, sich impfen zu lassen. Die Impfpflicht stellt dahingehend keine „Grenze“ dar, die um keinen Preis überschritten werden dürfte. Vielmehr wurde diese schon längst überschritten und wird die Selbstbestimmung vieler Menschen täglich massenhaft verletzt – lange bevor verschwörungsmythologisch wirre Leute mit rechtspopulistischer Hetze dazu angestachelt wurden, nun (erneut) ihren Volkszorn zu artikulieren.

Im Vorwurf wird die Bezugnahme auf potenziell Gemeinsames deutlich

Zu dieser Kategorie zählt Elanys Beitrag von Ende November 2021 nicht. Vielmehr versucht die Autorin in ihm, einen Ansatzpunkt für eine anarchistische Positionierung in der gegenwärtigen Situation zu erarbeiten, was sich verständlicherweise als äußerst schwieriges Unterfangen erweist. Denn es gibt den linken Anti-Reflex gegen die reaktionäre Querdenker-Bewegung, als auch den damit verbundenen Konformismus, die Zaghaftigkeit und Staatsgläubigkeit einerseits, als auch die Wahnhaftigkeit andererseits, die offenkundig wieder einmal faschistischen Akteur*innen in die Hände gespielt hat. Nicht jenen, die bei den Querdenker-Spaziergängen mitlaufen, sollten Anarchist*innen zuhören. Aber vielen anderen, die dies nicht tun und dennoch unter den Auswirkungen des pandemischen Ausnahmezustands und aufgrund der Gesellschaftsformation, die ihn hervorbringt und nötig hat, massiv leiden.

Dahingehend bleibt mir unklar, was Elany ausdrücken will, das über ein Auskotzen am Stammtisch hinaus geht. Mit Selbstvergewisserungen wie: „In offener Feindschaft mit jeglicher Autorität und den Menschen, die sie brauchen“ wird dies verschleiert. Denn wenn sie den Autoritarismus, die falsche Hoffnung auf schnelle, technische Lösungen und den Anti-Reflex von Linken kritisiert, warum – so wäre einzuwenden – kritisiert sie dann überhaupt das „Versagen“ oder gar das „Totalversagen“ „der Linken“ im pandemischen Ausnahmezustand?

Viel naheliegender und überzeugender wäre es, sie würde die Logik herausarbeiten, nach welcher die von ihr adressierten Linken den als problematisch kritisierten Verhaltensweisen verfallen. Plausibler wäre es, festzuhalten, dass viele Linke sich mit ihrem politischen Denken und Handeln ganz wesentlich auf den Staat beziehen. Warum sie also moralisch dafür kritisieren, dass sie es tun? Wäre es nicht sinnvoller, ihre verständliche Angst zu thematisieren und die Frage anzuregen, wie wir jeweils und gemeinsam mit unseren Ängsten umgehen können, anstatt auf verkürzte und staatlich vermittelte Lösungsangebote hereinzufallen? Wäre es wichtig, die Debatte nicht darum zu führen, ob es Proteste gegenüber reaktionären Tendenzen und Bewegungen geben sollte, sondern wie diese ausgestaltet werden müssten, um zugleich eine klare emanzipatorische Positionierung zu entwickeln und zu verbreiten? Weil Elany derartige Fragen nicht stellt, ist ihr Denken zumindest nicht als radikal anzusehen.

Die Komplexität der Konstellation anerkennen

Bedauerlich greift die Argumentation im Text meiner Ansicht nach nur teilweise, weil mit ihr die zu kritisierende „Linke“ als Strohpuppe aufgebaut wird. Dass mensch sie danach unterscheiden oder beurteilen könnte, ob sie sich „auf Seite der Autorität gestellt haben“ oder nicht, scheint mir kein hinreichendes Kriterium zu sein – auch wenn ich mich persönlich mit Staatsfetischist*innen nicht mehr abgebe, wofür ich allerdings keine Kategorie der „Feindschaft“ brauche, sondern eine Haltung und Position.

Unter anderem wird verkannt, dass absurde Kampagnen wie „Zero Covid“ unter ganz
verschiedenen linken Aktiven umstritten sind – trotz des kurzweiligen Hypes, den sie erfahren haben. Ich selbst habe die Kampagne von Anfang abgelehnt und nicht erst letzten Jahres irgendwann. Doch auch der Punkt der staatlichen Repression ist kontroverser. Immerhin gab es zahlreiche Linke, welche die offensichtliche Unsinnigkeit dieser autoritären Maßnahmen in Hinblick auf die Pandemiebekämpfung kritisierten und dabei auch feststellten, dass die staatliche Narrative und die Erneuerung staatlicher Souveränität durchaus genutzt werden können, um die Befugnisse des Polizeistaates auszuweiten.[4]

Schließlich wollen auch nicht alle Linken „Bullen“ spielen, weil sie bestimmte Maßnahmen akzeptieren oder in ihrem Umfeld einfordern. Klar kann es sein, dass dahinter die zuvor verdeckte Staatsverblödung und ein Autoritarismus steht. Vielleicht ist es aber auch der Fall, dass die entsprechenden Personen aus nachvollziehbaren Gründen ein hohes Sicherheitsbedürfnis sich selbst oder anderen gegenüber haben. Abgesehen davon, dass es absolute Sicherheit nie geben kann und sollte, ist dies berechtigt. Die Gründe sind individuell also sehr unterschiedlich gelagert. Menschen fangen dann an, individuell Bullen zu spielen, wenn keine kollektiv und partizipativ ausgehandelten Regeln für Gruppen und Räume vereinbart werden.

Was den „Impfnationalismus“ angeht – sprich der global ungleichen Verteilung und Verfügbarkeit von Impfstoffen nach ökonomischer und politischer Macht der jeweiligen Nationalstaaten -: Jenen, die in der Pandemie meinen „Viel hilft viel“, ist entgegen zu halten, wie strukturell ungerecht die Verfügung über Gesundheitsgüter geschieht. Diese Erkenntnis stammt nur nicht von der Autorin, sondern von entwicklungspolitischen Gruppierungen, die sich wohl weniger selbst als „anarchistisch“ verstehen würden oder zu verstehen brauchen.[5] Übrigens wurde die Kritik am „Impfnationalismus“ bis weit in die bürgerlichen Medien oder von Sozialdemokrat*innen aufgegriffen.[6] Abgesehen davon lässt sich daraus umgekehrt nicht ableiten, dass eine ungleiche globale Verteilung zu einem Verzicht auf das „Impf-Privileg“ anregen sollte – denn dadurch gelangt der Impfstoff ebenso wenig in benachteiligte Länder, noch wird die Pandemie dort effektiv zurückgedrängt, wo dies ansatzweise möglich ist.

Kein linkes Kollektivsubjekt braucht moralisch verurteilt zu werden

Wenn vom „Versagen“ der Linken gesprochen wird, bedeutet dies in moralischen Kategorien zu denken. Ähnlich wie beim Vorwurf des „Verrates“ greift diese Behauptung aber nur dann, wenn zuvor ein bestimmter Anspruch vorgetragen wurde, der nicht erfüllt werden konnte, oder, wenn eine Vereinbarung getroffen wurde, die nicht eingehalten wurde. Damit wird allerdings eine Unterstellung aufgemacht, die spätestens an dieser Stelle deutlich werden lässt, dass es so etwas wie „die“ Linken gar nicht gibt. Wer sich zum Staat bekennt oder welche Maßnahmen fordert oder mitträgt ist dabei – bei aller Feindschaft! – kein ausreichenden Kriterium, um Menschen einzusortieren. Vielmehr haben wir es mit einem multiplen, verzweigten und fluiden Netzwerk sehr unterschiedlicher Akteur*innen zu tun. An dieses gilt es keine Erwartungen oder gar Forderungen zu stellen, sondern mit der jeweiligen Gruppe und Strömung das eigene Umfeld zu organisieren, davon ausgehend Aktivitäten hervorzubringen und diese in den Vordergrund zu stellen. Auf dieser Basis kann mensch dann auch sinnvoll kritisieren, vorschlagen, vorleben.

Wer von bestimmten linken Gruppen oder Menschen – möglicherweise zu recht – enttäuscht ist, geht von einem Versprechen aus, welches gebrochen wurde. Durch die Kritik an verschiedenen Akteur*innen und beobachtetem Verhalten, soll also eine Abgrenzung vorgenommen werden, welche gerade damit die Bezogenheit der Autorin auf eine potenziell gemeinsame autonome Bewegung verdeutlicht. In diesem Zusammenhang wünsche ich Elany, dass ihre eigenen Aktivitäten nicht in den selben moralischen Kategorien und leistungsorientierten Maßstäben gemessen werden, welche sie anwendet.

Ein konsequenter Bruch mit den kritisierten Linken ist an selbstorganisierten, nach Autonomie strebenden Alternativen festzumachen

Schließlich zeigt sich, dass der verbal-radikal vorgetragene konsequente Bruch mit „der Linken“[7] gar nicht vollzogen und noch gar keine Position bezogen wurde, die einen eigenen Inhalt aufweist. Jene gälte es jedoch zu entwickeln und Handlungsanregungen für Anarchist*innen und mit ihnen sympathisierende Personen vorzuschlagen. Dies bedeutet, über die bloße Kritik, die reine Negation oder die Destruktion/Destitution hinaus zu gelangen und für die Organisierung eines konstruktiven, sozial-revolutionären Projektes einzutreten. Es wäre auch die Grundlage dafür, einen gemeinsamen Nenner zu suchen.

Geschieht dies nicht, verbleibt jede Kritik an linken Akteur*innen im pandemischen Ausnahmezustand im Grunde genommen in den gleichen Reflexen und Glaubenssätzen, wie sie den Kontrahent*innen und potenziellen Genoss*innen vorgeworfen werden. Statt von mehr oder weniger subjektiven Eindrücken und privaten „Meinungen“ auszugehen, sind Prozesse der gemeinsamen Bewusstseinsbildung und Wahrheitsfindung anzustreben, die zur Stärkung eines heterogenen Bündnisses sozial-revolutionärer und emanzipatorischer Akteur*innen dienen. Es sollte darum gehen, was wir – in und mit unseren Differenzen – gemeinsam mit vielen unterschiedlichen Menschen potenziell verwirklichen und erreichen können, statt um die Aufrechterhaltung von „reinen“ Identitäten und Dogmen. Dies ist meiner Ansicht nach anarchistisch.

Ich stimme Elany allerdings darin zu, dass die Auswirkungen der Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung so gut wie ganz ignoriert werden und dies insbesondere, was besonders verletzbare soziale Gruppen angeht. Das betrifft auch die von Elany angesprochene psychische Verletzbarkeit.[8] Das sollte auch skandalisiert werden, um aufzuzeigen, wie arg staatliche Politik und Linke, die sie stützen ihren eigenen Behauptungen entsprechend versagen. Die politische Klasse ist daher auch nicht im Stande zu begreifen, warum Personen in die Schwurbelei, das Reichsbürgertum, die Esoterik usw. abdriften. Denn dies ist die Kehrseite ihrer entmenschlichenden technokratischen Regierungspraktiken.

Jens Störfried

[0] https://de.indymedia.org/node/168757

[1] https://schwarzerpfeil.de/2021/12/31/alles-hat-ein-ende/

[2] https://schwarzerpfeil.de/2021/11/25/das-versagen-der-linken-im-ausnahmezustand/

[3] https://barrikade.info/article/4881

[4] https://www.tag24.de/leipzig/protest-gegen-ausgangssperre-spontan-demo-am-lene-voigt-park-1944108

[5] Gastkommentar vom 31.01.2021
https://www.wienerzeitung.at/meinung/gastkommentare/2090314-Impfnationalismus-waere-bei-Corona-fahrlaessig.html

[6] Statement der europäischen Sozialdemokraten vom 10.02.2021: https://www.socialistsanddemocrats.eu/de/newsroom/sd-fraktion-wir-sagen-nein-zum-impfnationalismus-die-impfung-muss-der-eu-und-weltweit

[7] https://maschinenstuermerdistro.noblogs.org/post/2020/07/20/mit-der-linken-brechen/

[8] https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/130751/Lauterbach-Coronakurs-nicht-ursaechlich-fuer-mehr-psychische-Stoerungen

Ni dios, ni patrón, ni marido

Lesedauer: < 1 Minute

Schon 2009 wurde dieser argentinische Film veröffentlicht, der von der anarchfeministischen Bewegung ab 1896 handelt. Wenn man den Historiker*innen glauben mag, steht dabei die erste anarchafeministische Gruppe um Viginia Bolten im Vordergrund der Erzählung, welche die Zeitung La Voz de la Mujer herausgab. Der Film ist auf Spanisch verfügbar. Eine Beschreibung auf Englisch findet sich HIER.

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Wunderbar: Gesammelte Schrift zum Schwarzen und Indigenen Anarchismus

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Direkt nach dem Erscheinen versuchte ich an den vermutlich ersten Sammelband zum schwarzen und indigenen Anarchismus auf deutscher Sprache zu kommen. Leider dauerte es doch eine Weile, bis ich dazu kam, ihn zu lesen.

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Unter mir unbekannten Umständen wurden die Herausgeberin Elany und eine Gefährtin kürzlich in der Schweiz verhaftet.[1] Da es müssig und unsinnig ist, über die Hintergründe zu spekulieren, konzentriere ich mich im Folgenden auf den Eindruck, den ich vom Sammelband gewonnen habe. Die aktuellen Ereignisse sind aber zu erwähnen, da mit ihnen deutlich wird, dass es noch Leute gibt, die leben und tun, wovon sie schreiben. Unabhängig von ihren konkreten inhaltlichen Positionen – die freilich auch mit unseren jeweiligen Positionierungen und Erfahrungen in der herrschaftsförmigen Gesellschaft zu tun haben – ist es dieses Engagement anzuerkennen, wertzuschätzen und inspirierend.

In Schwarze Saat sind ganze 85, meist kurze, Texte aus der Perspektive eines schwarzen und indigenen Anarchismus, deren Autor:innen auch den entsprechenden Hintergrund haben.[2] Dass es sich um ein Buch ohne weisse Europäer:innen handelt ist sehr wichtig, um die Ansprüche auf Selbstbestimmung und eigene Organisierung von rassistisch diskriminierten sozialen Gruppen zu unterstreichen. Kein weisser, europäischer Anarchist sollte je wieder das billige Argument der „Spaltungsbestrebungen“ anbringen, wenn sich People of Color oder auch FLINTA (Frauen, Lesben, Inter-, Nonbinary-, Trans-, Agender-Personen) in eigenen Untergruppen oder auch autonomen Gruppen zusammenschliessen, um aus ihrer spezifischen Perspektive heraus herrschaftsfeindliche Praktiken hervorzubringen. Und dies beinhaltet notwendigerweise immer auch eine Kritik an vorgetragenen anarchistischen Ansprüchen von Genoss:innen. Diese hat nicht immer konstruktiv und solidarisch zu sein. Ankommen wird sie vermutlich dennoch meistens, wenn sie so vorgetragen wird.

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Auszug aus „Revolutionäre Dringlichkeit“

Lesedauer: 3 Minuten

Der Beitrag von Alexander Behr im Sammelband „Unbedingte Solidarität“ hat mich besonders feststellen und regelrecht berührt, muss ich sagen. Seine Schlussfolgerungen für eine Art radikale Realpolitik angesichts der globalen Klimakrise und postkolonialer Abhängigkeiten würde ich nicht teilen. Zumal mir unklar ist, was er unter „Militanz“ versteht, dass er in ihr kein Potenzial sieht. Dennoch überzeugte mich seine Argumentation, die zutiefst vom Glauben an die Möglichkeit von grundlegender Gesellschaftstransformation geprägt ist. Dieser ist aber keine romantische Projektion, sondern speist sich aus dem Engagement unter anderem im Netzwerk Afrique Europe Interact und der Begegnung mit diversen Personen, an deren Lebensgeschichte die postkoloniale Ausbeutung besonders deutlich wird. Sehr beeindruckend, wie ich finde. Hier ein kleiner Auszug.

Alexander Behr, Revolutionäre Dringlichkeit. Thesen zu den Voraussetzungen und Umsetzungsstrategien für globale Solidarität, in: Lea Susemichel / Jens Kasnter (Hrsg.), Unbedingte Solidarität, Münster 2021.

„Solidarität ist ein alter Begriff: Viele Generationen haben sich unter der Erbringung hoher Opfer für Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit, also Solidarität eingesetzt. Die praktischen Gehversuche, die aus den drei großen gesellschaftliche-emanzipatorischen Entwürfen des 19. und 20. Jahrhunderts entstanden sind und die mit dem Begriff der Solidarität verknüpft sind, also Sozialdemokratie, Anarchismus und Kommunismus, sind, gemessen an ihren Ansprüchen gescheitert: Die Sozialdemokratie wurde vom kapitalistischen System kooptiert. Der Anarchismus hat stets verweigert, die Machtfrage zu stellen und blieb deshalb (mit Ausnahme der Spanischen Republik in den 1930er-JAhren) meist auf sehr eingegrenzte Milieus und geografische Räum beschränkt. Kommunistische Ansätze glitten in autoritäre und mörderische Regime ab. Um die Bedingungen für unser Handel zu diskutieren, müssen wir uns also mit der Geschichte der Solidaritätsbewegungen auseinandersetzen.

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