20 Jahre Manifest des gekränkten Mannes

Lesedauer: 6 Minuten

Eine Diffamierung

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Vorweg erwähnt werden muss, dass das Gemecker, Gepöbel und klugscheißen in diesem Beitrag für sich genommen einige patriarchale Aspekte aufweist. Ein mehr oder weniger intelligenter, kleiner Mann beißt und kratzt einen anderen ebensolchen an. Darüber gilt es zu reflektieren, auch wenn die inhaltlichen Standpunkte und Erfahrungen verschieden sind. Insofern kann mit der Unabgeschlossenheit dieses Textes, nur ein Denkanstoß geliefert werden.

Mit dem Libertären Manifest erschien vor mittlerweile 20 Jahren ein schlechtes Buch, um die Theorie des sogenannten „Anarcho-Kapitalismus“, welche Murray Rothbard in den USA der 1970er entwickelte, in den deutschsprachigen Raum zu exportieren. Der Autor Stefan Blankertz offenbart sich darin nicht nur als Protagonist dieser skurrilen Szene, sondern ist auch Mitbegründer der neu-rechten Zeitschrift eigentümlich.frei, welche nach eigenen Angaben eine Auflage von über 8000 Stück hat.

Formuliert und legitimiert wird darin der Klassenkampf von oben, der mangels fehlender überzeugender Argumente, fortwährend in einen Hass gegen jeglichen „Egalitarismus“ verfällt, sowie rassistische und sexistische Abwertungen am laufenden Band vornimmt.

Die Verknüpfung von Marktradikalismus, Rassismus und Antifeminismus geschieht durch den ausgeprägten Anti-Egalitarismus – welcher wiederum viele Anknüpfungspunkte für das Denken der Neuen Rechten, wie es etwa Alain de Benoists formuliert, bietet. Die anti-egalitaristische Ideologie ist konsequenterweise anti-demokratisch. Und in diesem Zusammenhang sind alle überzeugten Liberalen (und seien sie bei der FDP) aufzufordern, sich von den hässlichen Auswüchsen, die an ihre Weltanschauung anknüpfen und sie radikalisieren wollen, zu distanzieren.

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20 Jahre Manifest des gekränkten Mannes

Lesedauer: 6 Minuten

Eine Diffamierung

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Vorweg erwähnt werden muss, dass das Gemecker, Gepöbel und klugscheißen in diesem Beitrag für sich genommen einige patriarchale Aspekte aufweist. Ein mehr oder weniger intelligenter, kleiner Mann beißt und kratzt einen anderen ebensolchen an. Darüber gilt es zu reflektieren, auch wenn die inhaltlichen Standpunkte und Erfahrungen verschieden sind. Insofern kann mit der Unabgeschlossenheit dieses Textes, nur ein Denkanstoß geliefert werden.

Mit dem Libertären Manifest erschien vor mittlerweile 20 Jahren ein schlechtes Buch, um die Theorie des sogenannten „Anarcho-Kapitalismus“, welche Murray Rothbard in den USA der 1970er entwickelte, in den deutschsprachigen Raum zu exportieren. Der Autor Stefan Blankertz offenbart sich darin nicht nur als Protagonist dieser skurrilen Szene, sondern ist auch Mitbegründer der neu-rechten Zeitschrift eigentümlich.frei, welche nach eigenen Angaben eine Auflage von über 8000 Stück hat.

Formuliert und legitimiert wird darin der Klassenkampf von oben, der mangels fehlender überzeugender Argumente, fortwährend in einen Hass gegen jeglichen „Egalitarismus“ verfällt, sowie rassistische und sexistische Abwertungen am laufenden Band vornimmt.

Die Verknüpfung von Marktradikalismus, Rassismus und Antifeminismus geschieht durch den ausgeprägten Anti-Egalitarismus – welcher wiederum viele Anknüpfungspunkte für das Denken der Neuen Rechten, wie es etwa Alain de Benoists formuliert, bietet. Die anti-egalitaristische Ideologie ist konsequenterweise anti-demokratisch. Und in diesem Zusammenhang sind alle überzeugten Liberalen (und seien sie bei der FDP) aufzufordern, sich von den hässlichen Auswüchsen, die an ihre Weltanschauung anknüpfen und sie radikalisieren wollen, zu distanzieren.

Diese Notwendigkeit zeigte sich bei den Konferenzen der ultra-liberalen „Students for Liberty“, die 2017 und 2018, die in den Räumen der Friedrich-Schiller-Universität Jena stattgefunden hatten. Dort wurde sich nicht gescheut, gegen den angeblichen Konformitätszwang der vermeintlichen „political correctness“ zu wettern und neurechte Netzwerker wie Rainer Zitelmann einzuladen – dies selbstverständlich alles unter dem Label der „Meinungsfreiheit“, dessen sich auch Faschisten, Antisemiten und Antifeministen in den USA ausgiebig bedienen.

Derartige „alternative“ Meinungen verbreitet beispielsweise auch das Klimaleugnungs-Institut EIKE, dass nur dafür gegründet wurde, Desinformationen zu produzieren und mächtigen Unternehmen für eine Weile des Rücken vor unweigerlich anstehenden staatlichen Strukturreformen freizuhalten. Der Keim für diese unsäglichen Auswüchse ist allerdings bereits vorher, etwa bei den „Hayek-Clubs“ zu verorten.

Zweifellos wurde der „Anarcho-Kapitalismus“ in der BRD mit dem Agieren Blankertz‘ verbreitet, stößt in ihr jedoch auf einen weit verbreiteten Glauben an den Staat, der fälschlicherweise als Gegenmodell zu einem idealisierten, vermeintlich „freien“ Markt kritisiert wird. Deswegen von „Sozialismus“ zu sprechen, ist allerdings ein ungeheurer Fehlgriff in die Kiste der ideologischen Kampfbegriffe. Dennoch zieht die Erzählung, dass „die Grünen alles verbieten“ wollen würden: Das schnelle Autofahren und das billige Öl, die Zigaretten, die Witze über Ausländer und Frauen, die billigen Putzfrauen, Kindermädchen und Krankenschwestern aus dem Ausland, das subventionierte schlechte Essen der Lebensmittelindustrie, das Koksen, die Zwangsprostitution, das Anheben der Mietpreise – eben alles, was Spaß macht.

Die Welt der „Anarcho-Kapitalisten“ ist eine, in welcher privilegierte weisse Männer, sich unverblümt nehmen können, was ihnen gefällt: Arbeitskraft und von anderen produzierter Reichtum, Ruhm und Statussymbole, sexuelle Dienstleistungen und die Erfüllung ihrer größenwahnsinnigen Wünsche. Auf unvermeidlichen gesellschaftlichen Transformationsbedarf reagieren sie damit, Utopien von Privat-Städten, künstlichen schwimmenden Inseln, Krypto-Währungen und sonstigen Kram für Bonzen, zu konzipieren…. Warum also einen Beitrag über ein 20 Jahre altes, theoretisch schwaches Buch schreiben, mit welchem zwar das Niveau seiner Anhänger erreicht wird, aber sonst nicht groß etwas erreicht wird?

Nun, traurig im Fall von Blankertz ist, dass er ursprünglich vom Anarchismus kam, bevor er einen kaum bedienten Marktplatz fand. Auf diesem haben aggressive Kapitalist*innen, die sich als Opfer darstellen, eine Nachfrage an primitiven und billigen Ideologien, die Blankertz mit seiner Erfindungsgabe bedienen konnte. Man kann es nicht anders sagen: Blankertz hat sich einen eigenen Absatzmarkt für seine wirren Gedankengänge erschlossen unter Leuten, die behaupten, in der Lohnhöhe spiegele sich wirklich die Leistung eines Menschen und dementsprechend auch seinen Wert, wider – Wenn da nicht die bösen Steuern wären.

Bedauerlicherweise bedient sich der Autor des Manifests des gekränkten Mannes am Denken von Anarchisten, wie Kropotkin, Landauer, Rocker und Paul Goodman, deren Grundannahmen er sämtlich missversteht und gezielt falsch interpretiert. Auch Anthropologen wie Christian Sigrist oder Pierre Clastres werden für die Erarbeitung seiner Weltanschauung mit Neoliberalen wie Milton Friedman oder Friedrich August von Hayek in einen Topf geworfen. Und das ist ärgerlich, weil es eine eindeutige ideologische Konstruktion darstellt. Sie ist billig, schlecht und in vielerlei Hinsicht falsch, weil mit ihr die Ideologie der bürgerlichen, staatlich-kapitalistischen Gesellschaft nicht begriffen und offengelegt, sondern diese gezielt verwirrt und verschleiert wird.

Blankertz ist nicht dumm, sondern ein manipulativer Falschspieler. So geht er etwa davon aus, wirtschaftliche Beziehungen seien eigentlich „frei“ und bildeten auch die Grundlage von Gesellschaftlichkeit. Staatliche Vorgaben, Steuern, Konkurrenz-bremsende Gleichheitsforderungen, die Forderung verschiedener sozialer Gruppen nach einem gerechten Anteil am von ihnen produzierten Reichtum, sowie Moralismus, würden diese „Freiheit“ der Märkte angeblich einschränken.

Das ist eigentümlich idiotisch. Worauf die damit verbundenen Vorstellungen hinaus laufen, ist Folgendes: Proletarisierte Klassen sollen ungezügelt, ohne jeden Ausgleich, ausgebeutet werden, öffentliche Güter und Dienstleistungen sollen sämtlich privatisiert werden. Der Eigentumsschutz wird durch private Milizen vorgenommen, die Rechtsprechung durch Privatanwälte geregelt, die sich gegenseitig bekriegen. So etwas wie ein freies Mittagsessen gibt es in dieser Welt, in der alles zur Ware gemacht wird, schon gar nicht.

Soziologische, historische, ideengeschichtliche, ja selbst ökonomische, falsche Grundannahmen werden in der Szene der „Anarcho-Kapitalisten“ fortlaufend reproduziert. So wird etwa behauptet, ursprünglich „freie“ (und dadurch auch implizit vermeintlich moralisch „gute“) Märkte wären erst durch Staaten korrumpiert worden, anstatt zu begreifen, dass Märkte, Geldform und Finanzwesen von Staat oktroyiert wurden, um effektivere Kriegsführung zu ermöglichen, größere Reiche beherrschen und Metalle ausbeuten zu können.

Durch die Vermarktlichung und die Geldform wurden Menschen über Jahrhunderte vom Handel abhängig und verloren ihre Subsistenzgrundlagen. „Den“ Markt umgekehrt als „böse“ oder „schlecht“ darzustellen, wäre genau so ahistorisch und verkürzt wie die Argumentation der „Anarcho-Kapitalisten“. Anzunehmen, er wäre „neutral“ und von Staat (und auch Patriarchat) unabhängig, ist es aber ebenso.

Da dies keine Rezension ist, gehe ich nicht auf den inhaltlichen Argumentationsgang im Manifest des gekränkten Mannes ein. Diese könnte an anderer Stelle geschehen, erspare ich mir hier aber. Entweder die Lesenden werfen selbst einen Blick in das online digital verfügbare Buch – oder sie lassen es sein, weil sie daraus keinen großen Gewinn ziehen werden. Was aber mag bei Stefan Blankertz los gewesen sein und immer noch los sein, dass er sich als denkender Mensch nicht scheut, solch offensichtlichen Schund zu produzieren?

Da mag erstens der erwähnte Aspekt seines Absatzmarktes eine Rolle gespielt haben. Jede Theoretiker:in, die sich aus Interesse marginalen Themen widmet, kennt das Problem, das es schwierig ist, diese zu verallgemeinern und ihnen langfristig nachgehen zu können. So hat sich Blankertz die Fraktion einer sozialen Klasse gesucht, welche einen Ideologiebedarf hatte und dabei über Vermögen verfügte. Keine schlechte Strategie.

Zweitens scheint der Autor von einer beißenden „Staatskritik“ getrieben zu sein, die sich so auch in seinen späteren Beiträgen wiederfindet – und also ein Grundthema ist, welches ihn beschäftigt. Der Mensch wird nicht gern bevormundet und gegängelt, das ist klar. Statt „unter sich keine Sklaven [zu] haben und über sich keine Herrn“, wie es im Einheitsfrontlied mit dem Text von Bertold Brecht heißt, beschloss Blankertz offenbar den umgekehrten Weg einzuschlagen. Statt sich weiter die linken Jammerchor anzuhören, biederte er sich als Hofnarr der ökonomisch Siegreichen mit Minderwertigkeitskomplexen an.

Dies führt zum dritten Punkt, der meiner Wahrnehmung nach für Blankertz, wie für für seine Kunden, ausschlaggebend gewesen sein muss, diesen völligen Quark von „Anarcho-Kapitalismus“ zu erfinden und zu kaufen. Hinter der reflexhaften Abwehr des angeblich alles durchdringenden „Egalitarismus“ verbirgt sich letztendlich eine unbearbeitete männliche Kränkung, welche sich gegen Schwächere und Andere richtet. Als Autor dieser Zeilen kenne ich dieses Problem leider selbst.

So lässt sich beispielsweise auch fragen, warum ich diesen Text auf diese Weise formuliere und überhaupt meine, veröffentlichen zu müssen. Da will ich „meinen“ Anarchismus vor seiner ideologischen Verfälschung bewahren und deutlich machen, dass der sogenannte „Anarcho-Kapitalismus“ nichts mit dem Anarchismus zu tun hat. Doch es geht um mehr: Nicht mal bei Benjamin Tucker liessen sich direkte Anknüpfungspunkte für die AnKaps finden. Jener ist zwar für regionale freie Märkte, ganz im Gegenteil zum Marktradikalismus aber ebenfalls für Genossenschaften und Kollektivbetriebe, eingetreten.

Mit meiner Ansicht, Blankertz ganze Schrift in theoretischer Hinsicht nicht das Papier wert ist, auf das sie gedruckt wurde, habe ich recht und könnte mir die Mühe machen, sie detailliert zu begründen – was eine Frage von verfügbaren Kapazitäten und Zeit ist.

Doch letztendlich ändert dies nichts an seiner hintergründigen Motivation daran, so ein „Manifest“ zu verfassen und das Wort „libertär“ zu reklamieren, um verwirrte Geister in den eigenen ideologisch-politischen, neoliberal-aggressiven Sumpf hinein zu ziehen. Da ich Blankertz nicht kenne und also nur indirekt – auf der Ebene der ideologischen Auseinandersetzung – blöderweise mit ihm verstrickt bin, spare ich mir die Spekulation über persönliche Beweggründe, die hier auch nichts zur Sache beitragen.

Diese braucht es auch nicht, denn eine große Zahl von Männern in der patriarchalen Gegenwartsgesellschaft kennt sie und hatte an verschiedenen Punkten in seinem Leben Gelegenheit, sich damit lösungsorientiert zu beschäftigen – was allerdings zweifellos zunächst nervig und anstrengend ist.

Tatsächlich sind die Möglichkeiten und Chancen zur Reflexion über die eigene Geschlechtsidentität, die damit verbundenen Rollenerwartungen und Enttäuschungserfahrungen, in verschiedenen Milieus sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Umso mehr könnte eigentlich angenommen werden, dass ökonomisch privilegierte Gruppen dafür eine weit bessere Grundlage haben, als etwa jene Menschen, denen sie ihre Leistungsideologie, Überstunden und Entlassungsdrohungen aufdrücken. Dass dies nicht der Fall zu sein scheint, verdeutlicht einmal mehr, dass die allermeisten Menschen an Kapitalismus, Staat und Patriarchat leiden. Tragisch ist nicht dies, sondern das jene, die es besser wüssten und könnten, diese Herrschaftsverhältnisse noch affirmieren. Sie sind der ausgesprochene, miss-gestaltete, Klassenfeind.

Jonathan Eibisch

Das innere Parlament

Lesedauer: 2 Minuten

Und es wird noch mal spannend im Endspurt. Die Wahl meines inneren Parlaments ist noch nicht abgeschlossen. Ob etwas und wenn ja was am Ende gewählt wurde, wird natürlich nicht verraten, denn ich möchte ja nicht per unausgesprochenem Mehrheitsbeschluss vollständig aus der anarchistischen Szene ausgeschlossen werden. Hey Leute, was soll denn das? Man kann nicht sagen, Wahlen ändern nichts und dann Menschen verurteilen, die wählen, auch wenn sie annehmen, das es nichts ändert – denn in dem Fall wäre ihre Wahl ja auch egal. Darum geht es eben nicht.

Warum sind die Wahlen so ein Aufreger – während wir ja auch in vielerlei Hinsicht mit unserem Konsum, durch die Infrastrukturen, die wir nutzen, durch die Lohnarbeit, der sich zu entziehen auch ein Privileg darstellt usw., an den herrschenden Verhältnissen partizipieren oder sie zumindest dulden? Bitte, bitte, keine Fundi-Kritik. Sie nährt nur die Frustration und bringt uns in der Entfaltung unserer eigenen Inhalte und Praktiken nicht weiter, sondern verweist uns in die Position des Reagierens, anstatt das wir selbstbestimmte Akteur*innen werden!

Insgesamt geht es mir vor allem auch um die Teilnahme an einer mir fremden kollektiven Prozedur – für die Menschen allerdings in früheren Zeiten und auch heute bisweilen vehement gekämpft haben. Teilnehmende Beobachtung wird das auch genannt. Vor allem möchte ich eben auch mal wo mitmachen statt im Anti-Reflex zu verharren. Solche Dinge wollte ich – in verträglichen Dosen – zur Selbstinfragestellung, um nicht in den Gedanken zu verfallen, etwas Besseres zu sein, mal wieder machen: Zum Fußball gehen, durch das Großeinkaufszentrum flanieren, Tourist sein, programmierte Popmusik feiern, Tatort gucken, meinen eigenen Gartenzwerg aufstellen.

Meine letzte (nicht-repräsentative) Umfrage unter allem Persönlichkeitsanteilen – die nicht aus verschiedenen Gründen ohnehin für diese Frage gemutet werden – hat für die Zweitstimme ergeben:

29% Pragmatismus (= Die Linke)

24% ehrliche Nicht-Wähler

17% Humor (Die Partei)

11% Eigeninteresse (= Bündnis Grundeinkommen)

9% Wechselwunsch (Diem25)

6% Frust (Tierschutzpartei)

4% Neugier (Die Humanisten).

(Die Bergpartei* tritt in meinem Wahlkreis nicht an, sonst hätten sie sicherlich noch 1-2% aus Solidarität erhalten…)

Was die aktuell größte Fraktion angeht, wären an anderer Stelle noch viele Worte zu verlieren. Grob zusammengefasst, rein inhaltlich und vom Stil her betrachtet, teile ich die sozialdemokratische Auffassung eines Drittels der Linkspartei nicht und halte die Ansichten eines weiteren Drittels für problematisch, weil sie irgendwelchen altkommunistischen Mythen anhängen, fremdenfeindliche Züge tragen oder sonstwie krude sind. Dabei muss ich zugeben, dass ich die Wagenknechtschaft, in der sich signifikante Teile dieser Partei befinden damit für den Moment schon hart ausblende. Mit den Leuten des letzten Drittels kann man reden und was machen und das geschieht ja auch. Grundsätzlich respektiere ich selbstverständlich alle Personen, die bestimmte Standpunkte vertreten und sich dafür einsetzen.

Nun dann: Schauen wir mal, was wird. Jedenfalls kann niemand sagen, ich hätte mich nicht informiert!

Weisheiten

Lesedauer: 2 Minuten

Allgemein halte ich nicht sonderlich viel von gesammelten Weisheiten, die auf Denkzetteln präsentiert werden. Denn oftmals werden sie aus dem Kontext gerissen und bleiben die Lesenden mit ihrer Beschäftigung an der Oberfläche.

Wie ich an anderer Stelle bereits ausgeführt habe, ist meine Sicht differenziert: Wenn Wählen nichts ändert, ändert Wählen auch nichts. Sprich: Es sollte einfach um andere Dinge gehen… Aus anarchistischer Perspektive ist das Wahlspektakel vor allem insofern relevant, als dass die daraus hervorgehenden Widersprüche, wie auch die sogenannte „Politikverdrossenheit“ von Menschen thematisiert und aufgegriffen werden kann. Der entscheidende Schritt ist aber, Möglichkeiten alternativer gesellschaftlicher Organisation aufzuzeigen.

Wie auch immer, weil es in die Zeit passt, übernehme ich als Denkanstoß diese Weisheiten meiner Hamburger Genoss*innen.

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Freiheit für Jan

Lesedauer: 3 Minuten

Das Ereignis ist nicht tagesaktuell, möchte ich hier aber festhalten, weil mich der Fall aus bestimmten Gründen besonders bewegt. Weil dazu schon viel gesagt wurde, muss ich diesen Repressionsschlag nicht noch einmal kommentieren…

Foto von der Soli-Kundgebung zum Haftantritt von Jan

Um den Jamnitzer Platz im Nürnberger Stadtteil Gostenhof kam es immer wieder zu massiver Polizeikontrollen, u.a. im Zuge der Durchsetzung von Gentrifizierungsbestrebungen. Als Bewohner*innen im Juni 2019 genug davon hatten und sich den Bullen entgegen stellten, mussten diese sich zurück ziehen. Diese seltene Niederlage konnten die hochgerüsteten Knechte der Staatsgewalt offenbar nicht ertragen. Daher nahmen sie mehrere Personen fest.
Einer von ihnen war der Anarchist und Punk Jan, der absurderweise an diesem Abend gar nicht vor Ort war. Er war den Bullen ein Dorn im Auge, weil er am 31.05.2017 mit vielen anderen daran beteiligt war, sich gegen die Abschiebung eines Berufsschülers zur Wehr zu setzen, weswegen er eine Bewährungsstrafe erhielt. Im Prozess wegen des Jamnitzer Platzes wurde er am 9.8. zu 1 Jahr und 2 Monaten Knast verurteilt. Vor einigen Tagen musste er diese Haftstrafe antreten.

Am 16.10. soll es deswegen eine Anti-Repressions-Demo in Nürnberg geben.

Ob Nürnberg, bundesweit oder international – United against repression! – Freiheit für Jan!

-> https://jamnitzer.noblogs.org/

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Schatzkiste: Rudolf Rocker zu den Wahlen

Lesedauer: 11 Minuten

Dieser Text ist deswegen interessant, weil Rocker eine differenzierte und kluge Sichtweise auf den Wahlvorgang, den damit einhergehenden Illusionen und Frustrationen hat. Er richtet sich an die eigenen Leute, die Politikverdrossenen, jene, die nicht nur von den Sozialdemokraten verraten wurden, sondern auch der sich seinerseits neu formierten KPD zurecht skeptisch gegenüber stehen – also an das antiautoritäre, libertär-sozialistische Lager. Rocker braucht ihnen nicht zu erklären, warum Wahlen problematisch sind – auch wenn als allgemeines und gleiches Recht tatsächlich erst mit der Einrichtung der neuen Republik gewährt wurden.

Wie der Titel schon aussagt geht es Rocker darum, dass die Angesprochenen trotz ihrer Frustration, ihrer Resignation und ihrem Zorn über das politische System nicht aufhören, sich zu engagieren und Hoffnungen in alternative Organisationsformen zu setzen. Das sind autonome soziale Bewegungen, selbstorganisierte Gewerkschaften, Zusammenhänge kommunaler Selbstverwaltung und von Parteien unabhängige Interessenorganisationen. Die fundamentale Kritik an Staat, Parteien, Wahlen, sei unbedingt gerechtfertigt. Sie alleine bringt aber nicht weiter, wenn mit ihr die eigene Ohnmacht lediglich genährt wird, anstatt ihr zu begegnen und sie zu transformieren.

Dabei ist es nicht so, dass die selbstorganisierten Arbeiter*innen überhaupt keine Macht hätten. Im Gegenteil haben sie mit ihren Aktivitäten durchaus beachtliche Erfolge erzielt. Diese aber sind schwer zu vermitteln und zu sehen, wenn Politik scheinbar aus Parteigeschaher und ihren medialen Darstellungen zu bestehen scheint, wenn dort die eigentliche Macht zu liegen scheint….

Mit diesem Text will ich nicht aussagen, dass mensch nun nicht wählen sollte. Das bleibt selbstverständlich die Entscheidung jeder einzelnen Person. Ich will damit aber auch nicht sagen, dass mensch wählen soll. Sondern, dass mensch sich Gedanken machen soll, wie wir uns selbst organisieren und autonome Kämpfe führen können.

Rudolf Rocker – Seid aktive Nichtwähler! (1924)

https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/rudolf-rocker/7694-rudolf-rocker-seid-aktive-nichtwaehler-1924

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Punks aus der Wissensgesellschaft

Lesedauer: < 1 Minute

So, mal was zur Ironisierung meines eigenen Hintergrunds aus dem post-akademischen Prekariat. Keine Ahnung, ob ich in drei Jahren im Supermarkt an der Kasse oder in der Schule vor ner Klasse sitze; ob ich Diskussionen sprenge, für Aktionen brenne oder an der Nadel hänge… Was die Zeit halt bringt und wohin das Leben führt.

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Wahlen – ein gewohnt-befremdliches Spektakel

Lesedauer: 4 Minuten

Vielleicht ist es der einen oder anderen Person aufgefallen. Draußen in der Welt bahnt sich ein Ereignis an, um welches gerade viel Wirbel gemacht wird. Nein, ich meine nicht den Protest gegen die Klassengesellschaft und der Beginn der Umverteilung des gesellschaftlich produzierten Reichtums, auch nicht den konsequenten Umschwung in der ökologisch zerstörerische Wirtschafts- und Lebensweise oder die Entstehung selbstverwalteter föderierter kommunalistischer Gegenstrukturen.

Was ich meine sind die Bundestagswahlen. Alle Jahre wieder, so heißt es ja. Alle Jahre wieder ein Kreuz machen und seine Stimme abgeben – im doppelten Sinne. Die anarchistische Grundsatzkritik an der repräsentativen Demokratie und dem Wahlvorgang ist weithin bekannt: Wahlen entfremden und entmündigen, Repräsentanten verselbständigen sich und Mehrheitsentscheide stellen sich bei näherer Betrachtung oftmals als von privilegierten Minderheiten gesteuert heraus, werden aber dennoch gesetzlich durchgesetzt.

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Wider_sacher_in: Das ewige Selbstgespräch

Lesedauer: 2 Minuten

Allein die Erfindung meiner Rolle zeigt es doch überdeutlich: Im Grunde genommen redet der Blogautor die ganze Zeit mit sich selbst. Fasziniert von einen Gedanken spinnt er diesen weiter und kommt zum nächsten, kommentiert andere, am Ende doch aber wieder sich selbst. Es handelt sich um ein ewiges Selbstgespräch, bei dem ihm gelegentlich zweidrei Leute zuhören; zum Zeitvertreib lauschen sie dem fortwährenden Redefluss und gehen dann ihrer Wege. Wann sollen diese unaufhörlichen Kreisbewegungen denn enden? Ginge der selbsterklärte anarchistische Theoretiker am Ende sogar so weit, seine eigene Grabrede zu formulieren und sich ein Veranstaltungsprogramm zu seiner eigenen Würdigung in die Memoiren zu schreiben – als notarisch abgesicherte Vorbedingung dafür, dass die Bekannten auf seine riesige Erbschaft zugreifen können?

Bildelement von Hieronymus Bosch (lizenzfrei)
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Lenin gelesen

Lesedauer: 20 Minuten

Hab mal wieder Lenin gelesen, Staat und Revolution von 1917. War lange überfällig, dass ich dort noch mal ausgiebiger reinschaue, doch für eine tiefgehende Auseinandersetzung fehlen mir gerade die Kapazitäten. An anderer Stelle wäre sie allerdings vorzunehmen, denn immerhin behandelt Lenin Grundfragen der politischen Theorie des revolutionären Sozialismus, denen sich Anarchist*innen oft genug entzogen. Dennoch schreibe ich hier nur einige lose Überlegungen herunter…

Es wird gesagt, Lenin hätte die Schrift am Vorabend der zweiten Russischen Revolution geschrieben, um Anarchist*innen zu überzeugen, dass die Bolschewisten im Grunde genommen die selben Ziele wie sie verfolgen würden. Und das ist maßgeblich die Überwindung des Staates als politische Herrschaft der Bourgeoisie und Zwangsapparat zur Aufrechterhaltung der Klassengesellschaft.

Was Lenin betreibt ist eine akribische Exegese der Schriften von Marx und Engels, um diese Argumentation zu stützen und ich muss schon zugeben, dass dabei ein scharfsinniger Denker am Werk ist, mag man von seinen Schlussfolgerungen halten, was man will. Tatsächlich grenzt sich aber auch Lenin eindeutig von den Anarchist*innen ab und beanstandet, dass diesen jegliche Staatskritik und das Ziel seiner Zerschlagung von den opportunistischen Sozialdemokrat*innen zugeschoben worden wäre – obwohl es ebenso eine revolutionär-marxistische Staatskritik und die Bestrebung seiner Überwindung gäbe.

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