Anarchistisch ums Ganze

Lesedauer: 3 Minuten

Eva von Redeckers Revolutionäre Protestphilosophie

veröffentlicht in den „Libertären Buchseiten“ der Graswurzelrevolution #459

Buchbesprechung

Eva von Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen, Fischer-Verlag, Frankfurt/M. 2020, 320 Seiten, 23 Euro, ISBN 978-3-10-397048-7

Ist die Rede von Revolution heute nicht vollkommen aus der Zeit gefallen? Dies ist eine erste Frage, die sich mir stellt, wenn ich den Titel Revolution für das Leben der Philosophin Eva von Redecker in die Hände nehme. Die Antwort, welche die Autorin in ihrem Buch formuliert, ist in eindeutiges Nein. Auf der Suche nach einem Begriff für die Sehnsucht danach, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse radikal, umfassend und langfristig verändert werden können, erscheint es in den letzten Jahren immer sinnvoller auch wieder von Revolution zu sprechen. Zu allen Zeiten argumentierten Fürsprecher*innen der sozialen Revolution, dass sich die gesellschaftlichen Widersprüche zuspitzen würden und Auseinandersetzungen unvermeidlich seien. Jedoch bestehe auch die Möglichkeit, sie in eine emanzipatorische Richtung zu drängen. Dennoch nähren die massiven sozialen Verwerfungen gerade heute und weltweit eben jene Sehnsucht, beziehungsweise führen zur bloßen Notwendigkeit, dass die Gesellschaft grundlegend anders werden kann und soll. Die Corona-Pandemie wirkt auch für Eva von Redecker als Katalysator, um eine solidarische Perspektive auf die Transformation der gesamten Gesellschaft zu entwerfen.

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Tag der Befreiung vom Faschismus

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Mal abgesehen davon, dass ich diesen Formulierungen á la „Wir sind alle XYZ“ oder „Alle nach ABC kommen!“ beziehungsweise auch „Irgendwas bleibt rot!“ tatsächlich ziemlich bescheuert finde, weil sie zwar ein diffuses Wir-Gefühl erzeugen, darüber hinaus meistens aber auch nicht mehr bezwecken, lohnt es sich morgen wieder mal auf die Straßen zu gehen. In Erinnerung an die Befreiung vom nationalsozialistischen Faschismus, die ja gewissermaßen ein anhaltender Prozess ist. Gleiches ließe sich über die unabgeschlossene Entnazifizierung staatlicher Behörden sagen…

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Anarchistisch ums Ganze

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Eva von Redeckers Revolutionäre Protestphilosophie

Buchbesprechung

Eva von Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen, Fischer-Verlag, Frankfurt/M. 2020, 320 Seiten, 23 Euro, ISBN 978-3-10-397048-7

Ist die Rede von Revolution heute nicht vollkommen aus der Zeit gefallen? Dies ist eine erste Frage, die sich mir stellt, wenn ich den Titel Revolution für das Leben der Philosophin Eva von Redecker in die Hände nehme. Die Antwort, welche die Autorin in ihrem Buch formuliert, ist in eindeutiges Nein. Auf der Suche nach einem Begriff für die Sehnsucht danach, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse radikal, umfassend und langfristig verändert werden können, erscheint es in den letzten Jahren immer sinnvoller auch wieder von Revolution zu sprechen. Zu allen Zeiten argumentierten Fürsprecher*innen der sozialen Revolution, dass sich die gesellschaftlichen Widersprüche zuspitzen würden und Auseinandersetzungen unvermeidlich seien. Jedoch bestehe auch die Möglichkeit, sie in eine emanzipatorische Richtung zu drängen. Dennoch nähren die massiven sozialen Verwerfungen gerade heute und weltweit eben jene Sehnsucht, beziehungsweise führen zur bloßen Notwendigkeit, dass die Gesellschaft grundlegend anders werden kann und soll. Die Corona-Pandemie wirkt auch für Eva von Redecker als Katalysator, um eine solidarische Perspektive auf die Transformation der gesamten Gesellschaft zu entwerfen.

„Wie kann eine Revolution heute aussehen?“, könnte die zweite Frage lauten. Die Autorin spricht hierbei bewusst von einer „Revolution für das Leben“, weil sie davon ausgeht, dass die kapitalistische Herrschaft eine Wirtschaftsweise und Gesellschaftsform ist, die sozialen Tod produziert und zur Folge hat. Und dies gelte nicht erst oder vor allem zum heutigen Zeitpunkt, an welchem dem der Karren bereits an die Wand gefahren zu sein scheint, sondern seit Jahrzehnten und aus einer zugrundeliegenden Logik heraus. Hierbei nimmt sie eine aus Marx‘ frühe Schriften abgeleitete strukturelle Sichtweise ein und fordert uns mit Hannah Arendt auf, aktiv zu werden und ins Handeln zu kommen. Inspiriert unter anderem vom Gustav Landauer entfaltet Eva von Redecker das Verständnis eines prozesshaften, aber tiefschürfenden Wandels. Radikale Veränderungen finden nach diesem Verständnis dezentral in unterschiedlichen Zwischenräumen statt, in denen alternative Formen von Beziehungen, Produktion und Selbstorganisation entwickelt und verwirklicht werden. Die „Sachherrschaft“ des Kapitalismus soll so durch die „Weltwahrung“ schwinden und gebrochen werden. Dabei gehe es auch darum, die „Gezeiten“ von natürlichen Kreisläufen wieder wahrzunehmen. Maßgeblich mit Blick auf die Tatsache des Klimawandels entwickelt von Redecker ihren Revolutionsbegriff aus der ökologischen Dimension weiter – wie es vor Jahrzehnten bereits Murray Bookchin (siehe Artikel in GWR 455) tat.

Doch wie sollen wir heute revolutionär werden und wer führt die Revolution durch? Gelungen an Revolution für das Leben ist insbesondere, dass die Autorin keine schöngeistigen Luftschlösser baut. Sie pflegt kein romantisiertes Verständnis von Revolution, das uns für den Alltagsgebrauch nicht mehr als etwas Erbauung bieten kann. Vielmehr orientiert sie sich an den großen zeitgenössischen emanzipatorischen, sozialen Bewegungen der letzten Jahre: dem Antirassismus von Black Lives Matter, dem Feminismus von Ni una menos und der Klimagerechtigkeitsbewegung. Dies ist ihr hoch anzurechnen und für eine philosophische Betrachtung keineswegs selbstverständlich, denn es gelingt von Redecker auf überzeugende Weise, die Perspektive zu wechseln und sich von diesen Bewegungen in einem positiven Sinne mitreißen zu lassen. Dabei vergisst sie nicht, dass wir nach wie vor in einer Klassengesellschaft leben und eine sozial-revolutionäre Perspektive auch zwangsläufig die Frage nach der Vergesellschaftung der Produktionsmittel aufwerfen muss.

Revolution für das Leben ist in drei Teile gegliedert. In den ersten vier Kapiteln (unter den Überschriften „beherrschen“, „verwerten“, „erschöpfen“ und „zerstören“) wird eine zeitdiagnostische Bestandsaufnahme gewagt und eine Sprache gefunden, um dem vielfach zerstörerischen Zustand der Gegenwartsgesellschaft realistisch zu beschreiben und ihn konfrontieren zu können. Im fünften Kapitel wird der aktualisierte Revolutionsbegriff umrissen, der mit Walter Benjamin insbesondere eine Herangehensweise des Stoppens und Aussteigens beinhaltet. Die Revolution ist hierbei nicht als Lokomotive, sondern als Notbremse der Geschichte zu verstehen. Im sechsten bis neunten Kapitel („retten“, „re-generieren“, „teilen“ und „pflegen“) wird veranschaulicht, welche Ansatzpunkte und Überzeugungen in den genannten sozialen Bewegungen bereits bestehen, die sich auf deren Selbstverständnisse und Organisationsformen auswirken. Neben Ausbeutung und Unterdrückung betont Eva von Redecker die Dimension der Entfremdung, der sie die Vorstellung einer „Wiederweltnahme“ (statt der Aneignung) entgegensetzt.

Da die gesamte Denkweise in ihren wesentlichen Grundgedanken einen spürbar anarchistischen Ton aufweist, wäre es schön gewesen, die Autorin hätte diesen noch stärker herausgestellt. Weil sie ihr Verständnis auch aus den Anschauungen der sozialen Bewegungen gewinnt, damit jedoch unweigerlich auch an Grenzen stößt, wird deutlich, dass jene sich ebenfalls stärker ihrer selbst bewusst werden müssten, um zielgerichteter vorangehen zu können.

Eine gewisse Leerstelle bildet die Frage, wie mit den Konfrontationen umgegangen werden kann, in die sozial-revolutionäre Bewegungen unweigerlich hineingezogen werden. Auch dahingehend hält von Redecker es offensichtlich mit Landauer, demzufolge wir mit dem Sozialismus beginnen, etwas für ihn tun müssen, um ihn zu ermöglichen. Statt den Fokus auf den scheinbar allmächtigen Gegner zu legen, gelte es somit eher, dass sich Aktivist*innen auf sich besinnen, von sich ausgehend handeln und Neues schaffen. Dies ist die realistische Hoffnung, die wir haben können.

Jonathan Eibisch

Einige Notizen zur Staatsherausforderung

Lesedauer: 6 Minuten

Heinz-Gerhard Haupt zeigt am Beispiel der anarchistischen Attentate die viel zu wenig annerkannte und diskutierte Tatsache, dass Emotionalität und Politik oftmals stark zusammenhängen.

Der emeritierte Professor Heinz-Gerhard Haupt gehört zu jenen, die die Zeichen erkannt haben und mit ihrer historischen Forschung auf ein hochgradig vorurteilsbehaftetes Kapitel der Geschichte zu werfen: Den anarchistischen Attentaten im späten 19. Jahrhundert, die bekanntlich zur Konstruktion des Mythos‘ von Anarchist*innen als besinnungslosen Bombenwerfern und blutrünstigen Mördern dienten. Dass derartige Schreckensbilder jedoch keineswegs allein eine Erscheinung an der Wende zu 20. Jahrhundert waren, sondern sich ihrer in den letzten Jahren immer wieder bedient wurde, verdeutlicht schon allein die Relevanz von Haupts Betrachtungen.

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Einige Notizen zur Staatsherausforderung

Lesedauer: 6 Minuten

Heinz-Gerhard Haupt zeigt am Beispiel der anarchistischen Attentate die viel zu wenig annerkannte und diskutierte Tatsache, dass Emotionalität und Politik oftmals stark zusammenhängen.

Der emeritierte Professor Heinz-Gerhard Haupt gehört zu jenen, die die Zeichen erkannt haben und mit ihrer historischen Forschung auf ein hochgradig vorurteilsbehaftetes Kapitel der Geschichte zu werfen: Den anarchistischen Attentaten im späten 19. Jahrhundert, die bekanntlich zur Konstruktion des Mythos‘ von Anarchist*innen als besinnungslosen Bombenwerfern und blutrünstigen Mördern dienten. Dass derartige Schreckensbilder jedoch keineswegs allein eine Erscheinung an der Wende zu 20. Jahrhundert waren, sondern sich ihrer in den letzten Jahren immer wieder bedient wurde, verdeutlicht schon allein die Relevanz von Haupts Betrachtungen.

Ob in Russland oder Belarussland Anarchist*innen gefangen genommen oder gefoltert werden, ob die faschistische Türkei im Namen der „Terrorismusbekämpfung“ brutal gegen die kurdische Autonomiebewegung vorgeht, in den USA im Sinne neurechter Rhetorik aus Regierungskreisen ein Verbot „der Antifa“ gefordert wurde und wird oder bei der Berichtserstattung über Ausschreitungen am ersten Mai wieder einmal die „linksautonomen Gewalttäter*innen“ angeprangert werden – staatliche Repression und Innenpolitik braucht ihre fundamentalen Feind*innen, ob sich selbst legitimieren, erhalten und ausbauen zu können.

Waren die anarchistischen Attentate „terroristisch“?

Dass beim real existierenden Rechtsterrorismus dabei deutlich weniger hingeschaut wird, ist allseits bekannt und liegt leider auch im Wesen der Sache, denn dazu müsste den unbequemen Verstrickungen von Polizei, Geheimdiensten und Innenbehörden nachgegangen werden, was den demokratischen Staat in legitimatorische Schwierigkeiten brächte.

Denken wir an den „war on terror“, welcher den Auftakt des dritten Jahrtausends bildete und an das unerbittliche Sicherheitsparadigma, nach welchem demokratische Freiheiten und Bürger*innenrechte gerade in den westlichen Demokratien wie den USA, Frankreich und Grossbritannien massiv eingeschränkt und abgebaut wurden, um gegen den islamistischen Terrorismus vorzugehen, gelangen wir zu einer Quintessenz von Haupts historischer Studie: Der Terrorismus gewinnt bereits, wenn Staaten auf ihn mit der Terrorisierung politisch oppositioneller Bewegungen oder missliebiger, verdächtiger Bevölkerungsgruppen reagieren.

Haupt scheint die Welle anarchistischer Gewaltausübung im späten 19. Jahrhundert nicht im engeren Sinne als Terrorismus zu begreifen, wenngleich dies im Klappentext so formuliert wird. Ein Vergleich mit dem heute existierenden Rechtsterrorismus, aber auch mit dem terroristischen Islamismus kann deswegen nicht wirklich gezogen werden. Zu verschieden sind die jeweiligen ideologischen Weltbilder, die sozialen Lagen der Handelnden und die historisch-gesellschaftlichen Konstellationen. Was sich jedoch bedenken und beschreiben lässt – und worin der innovative Aspekte von Den Staat herausfordern besteht -, ist, das asymmetrische Verhältnis zwischen anarchistischen Kreisen und staatlicher Herrschaftsordnung.

Anspruch und Wirklichkeit von Mitteln und Zielen

Somit arbeitet Haupt detailliert heraus, was von vielen Denker*innen der politischen Theorie und Ideengeschichte, als auch Politiker*innen die mit widerständigen Bewegungen umgehen müssen, konsequent verdrängt und geleugnet wird: Dass politische Konstellationen, in denen Gewalt zum Einsatz kommt äusserst komplex und in einem dynamischen Wechselspiel verschiedener Akteur*innen zu betrachten sind. Es stellt sich rasch heraus, dass die tatsächlich von Anarchist*innen durchgeführten Attentate nur ein Bestandteil sind, in einer umfassenden Geschichte von politischer Verfolgung und Unterdrückung, medialen Darstellungen in Zeitungen, wechselnden Strategien der Regierungspolitik, aussenpolitischen Erwägungen und dem Anliegen der Bildung eines Nationalvolkes durch die Konstruktion der Feind*innen der bürgerlichen Nation und Klassengesellschaft.

Haupt stützt sich zu seiner Darstellung auf verschiedene wissenschaftliche Studien, die zum Thema bereits vorhanden sind, auf Literatur von Anarchist*innen und die Zeitungsberichte jener Epoche. Um den Gegenstand einzugrenzen zu können, fokussiert er sich dabei auf die Situationen in Deutschland, Frankreich und Italien. Diese drei Gesellschaften liegen nahe genug beieinander, um sie vergleichen zu können, weisen aber zugleich auch einige Unterschiede auf, sodass die jeweilige Konstellation, in welcher anarchistische Gewalttaten ausgeübt wurden, in variierenden Kontexten betrachtet werden können.

So waren beispielsweise Angriffe auf hohe Repräsentant*innen des Staates deutlich häufiger, als in Frankreich und in Deutschland. In Italien wurden Demonstrationen und Aufstände zu jener Zeit oftmals unter Einsatz des Militärs zerschlagen, während es im Kaiserreich bereits einen ausgebauten Polizeiapparat gegeben hatte, welcher sich im Übrigen auch schon des Spitzelwesens bediente. Spezifisch für Frankreich ist insbesondere die intensive Phase von Bombenanschlägen, nach 1890.

Die Stärke von Haupts Darstellung liegt in ihrer Sachlichkeit, ihrer Detail-Treue und der Einbeziehung explizit anarchistischer Quellen. Sein Urteil über die Welle der Attentate als Ausprägung der „Propaganda durch Taten“, erscheint dabei recht eindeutig und klar: Für die anarchistische Bewegung selbst brachten die Attentate wenig, sondern trugen massgeblich zu ihrer Ausgrenzung durch andere Sozialist*innen, vor allem aber zu ihrer Isolierung auch von proletarischen Milieus bei. Dies bedeutet nicht, dass der ausgeübte Klassenhass sich nicht bisweilen auch stärker verbreiteter Sympathie unter den Arbeiter*innen erfreute, als Sozialdemokraten oder Regierungsparteien lieb gewesen wäre.

Doch zur Vermittlung der anarchistischen Ziele und Konzepte in weitere Kreise der Bevölkerung trugen sie laut Haupt in der Regel ebenso wenig bei, wie zur Organisation der Ausgebeuteten. Vor allem untergruben des anarchistischen Attentate faktisch die emanzipatorischen Ziele der Anarchist*innen – ein Widerspruch, der vielen von ihnen bewusst war, aber mit der Hoffnung in Kauf genommen wurde, die bürgerliche Gesellschaft sei so dermassen marode, verdorben und verachtenswert, dass sie im Grunde genommen bald zusammenbrechen müsste.

Komplexität im Umgang mit Gewalt und Widersprüche des Polizeihandelns

An dieser Stelle wird die Darstellung wirklich interessant: Statt über die eine verfehlte Strategie zu echauffieren oder in die Litanei einer Fetischisierung von „Gewaltlosigkeit“ einzusteigen, sucht Haupt nach den Gründen, dieser Eskalation – die nicht zwangsläufig eine Konfrontation mit den herrschenden Klassen ist, sondern möglicherweise eher ein Substitut für sie darstellt. Im zweiten Hauptkapitel widmet er sich daher der „Prävention und Repression“ um aufzuzeigen, wie die Sicherheitspolitik des modernen Staates erst entwickelt werden musste.

Die anarchistischen Umtriebe – und ihre Attentate dabei vermutlich nur an der Spitze – dienten als Anlass und Gegenstand der Verfeinerung von Herrschaftstechniken unter modernisierten Bedingungen. Regierungspolitik fand sich dabei im Verbund mit Polizei und Justiz im permanenten Widerspruch, einerseits hart und konsequent gegen Angriffe auf den bürgerlich-kapitalistischen Staat umzugehen, dabei jedoch andererseits die Freiheiten und Rechte seiner Bürger*innen nicht zu stark zu untergraben und einzuschränken – und somit den revolutionären Strömungen damit in die Hände zu spielen.

In manchen Zeitungen und liberalen politischen Kreisen und Parteien wurde dabei durchaus die Vorgehensweise beispielsweise des Preussischen Obrigkeitsstaates kritisiert. In Frankreich gab es phasenweise eine regelrechte Faszination der Journalist*innen für Bombenanschläge, sodass sie ganze Drohbriefe im Original abdruckten. In Italien wurden Anschläge auf den König Umberto I. keineswegs so konsequent verfolgt und skandalisiert, wie man erwarten könnte – weil dessen relative Unbeliebtheit dem politische Ziel der nationalen Vereinigung für einige Politiker*innen ein Hindernis darstellte.

Ähnlich sah es beispielsweise auch mit der Praktik der Infiltration aus: Als bekannt wurde, dass verschiedene Anschläge unter dem Wissen oder der Beteiligung von Polizeispitzeln durchgeführt wurden, scheint vielen Leuten bewusst geworden zu sein, dass die Erzählung von den Bomben legenden Anarchist*innen offenbar so einfach nicht ist. Vor allem jedoch schien das Versprechen der Regierungen, mit dem Ausbau der Polizei tatsächlich für die Sicherheit ihrer Bürger*innen zu sorgen, damit zumindest teilweise in Frage gestellt zu werden.

Der Zusammenhang von (hergestellter) Emotionalität und politischer Agenda

Eine weitere Besonderheit von Haupts Buch findet sich in den Ausführungen des dritten Kapitels, in welcher er „staatliche Sicherheitspolitik und Emotionen-Management“ betrachtet. Darin stellt sich gewissermassen heraus, dass der Diskurs über Anschläge und Attentate im Grunde genommen viel bedeutender und wirkmächtiger ist, als diese selbst – zumindest gesamtgesellschaftlich betrachtet und wenn man in diesem Zusammenhang von den Opfern auf den verschiedenen Seiten absieht. Mit Emotionen wurde also schon Ende des 19. Jahrhunderts Politik gemacht.

Heinz-Gerhard Haupt: Den Staat herausfordern. Attentate in Europa im späten 19. Jahrhundert.Tatsächlich geht sie mit der technischen Umsetzbarkeit der Massenkommunikation einher: Mit der Entstehung von Tageszeitungen. Und mit der Etablierung anarchistischer Publikationen, die zwar vermutlich in bestimmten Kreisen enorm wichtig waren, jedoch meistens nur eine geringe Auflage hatten und nur in wenigen Fällen kontinuierlich über einen längeren Zeitraum erscheinen konnten. Ob bei Demonstrationen und Kundgebungen, vor rauchenden Gebäudetrümmern, bei turbulenten Gerichtsprozessen, in erhitzten Kneipengesprächen und donnernden Moralpredigten – Stimmungen werden eingefangen und verknüpft mit ihre jeweiligen Inhalten festgehalten und medial vermittelt. Damit erzeugt die eingefangene Stimmung und ihre Darstellung wiederum bestimmte Emotionalität. Und mit dieser versuchen die verschiedenen Akteur*innen Politik zu machen.

Dass Emotionalität und Politik zusammenhängen, ist eine Tatsache, die leider selten anerkannt und diskutiert wird. Gerade dies tut Heinz-Gerhard Haupt am Beispiel der anarchistischen Attentate. Regierungskommunikation und bürgerliche Zeitungen bestialisierten die Gewalttäter, anstatt ihre Taten begreifen zu wollen. Sie nutzten die gewaltsamen Widerstandsakte, um sozialistische Bewegungen insgesamt zu delegitimieren, auszugrenzen und zu kriminalisieren. Die Ziele mancher Anarchist*innen, unter der Bevölkerung Schrecken zu verbreiten, Rache zu üben und zum aktiven Widerstand anzustacheln, fielen damit zumindest phasenweise paradoxerweise mit einer Regierungsagenda zusammen, dass genau diese verbreiteten Gefühle des drohenden Chaos und der blindwütigen Zerstörungswut, aufgriff, um die Repression oppositioneller politischer Strömungen und die Sicherheitspolitik auszuweiten und zu verschärfen.

Abschliessend ist die Studie auch deswegen wertvoll, weil sich Haupt mit ihr an einer bestimmten historischen Phase abarbeitet und darin eine spezifische gesellschaftliche Konstellation beleuchtet. Denn dadurch kann festgehalten werden: Attentaten entsprechen weder dem Wesen anarchistischer Ideologie an sich, noch stellen sie deren logische Konsequenz dar. Armut, Unterdrückung und brutale staatliche Repression sozialer Bewegungen lassen Gewalttaten aus ihrem Umfeld verständlich erscheinen.

Sie stellen jedoch ein schlechtes Mittel in einer Situation der Defensive und Isolation dar, welches überdies die eigene Zielsetzung untergraben muss. Darin unterscheiden sich Anarchist*innen von Faschist*innen und Islamist*innen grundlegend. Denn für die Letzteren ist die Gewaltanwendung präfigurativ: Sie verweist auf die totalitäre Gesellschaftsform, welche nur mit Gewalt aufrecht erhalten werden kann.

Heinz-Gerhard Haupt: Den Staat herausfordern. Attentate in Europa im späten 19. Jahrhundert.

Geboren in eine Welt des Chaos

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Als der Blitz einschlug am Rande des Berges, wurde ich geboren. Ich erlosch im Fluss und strömte mit ihm hinter; bis an die Wolken den Berg hinauf gelangte ich zum heiligen Rauchwerk; und folgte dem Weg der Aussaat. Mein Kissen war wie klingen und schlief so fest, wie ein scheues Kaninchen. Das Gras brannte lautlos, während wir die Ernte sammelten. Ich sammelte – und ich bettelte. Ich aß und trank, doch hungrig ging ich schlafen. Etwas fehlt in diesem Leben.

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