Über das Verhältnis von Anarchie und Demokratie

Lesedauer: < 1 Minute

Ein Vortrag, den Markus Lundström auf der Anarchist Studies Conference gehalten hat. Eine Darstellung der Kerngedanken seiner Buches The Impossible Argument. An Anarchist Critique of Radical Democracy (2018).

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23 Thesen zum Anarchismus (Gabriel Kuhn)

Lesedauer: 22 Minuten

Vor inzwischen vier Jahren erschien der Text Revolution ist mehr als ein Wort: 23 Thesen zum Anarchismus. Was ich enorm gelungen finde und womit ich mich stark identifizieren kann, ist die involvierte wie zugleich selbstkritische Position, welche Gabriel Kuhn darin einnimmt. Programmatische Thesen zu schreiben hat eine lange Tradition. Werden sie von Personen verfasst, welche sich selbst in einer Rolle der Nur-Theoretiker*innen sehen, verfehlen sie jedoch in der Regel ihren Gegenstand, auch wenn ihre Aussagen aus einer bestimmten Perspektive ihre Richtigkeit haben mögen. Dieser Text hingegen ist ein Anstoß, in welchem deutlich wird, dass der Autor weiß, wovon er spricht. Seine klare Positionierung im anarchistischen Lager ermöglicht erst jene selbstkritische Herangehensweise, die von Menschen, für welche ihre inhaltliche, politische Position stark mit ihren persönlichen Erfahrungen, Wünschen, Sehnsüchte etc. verbunden ist, auch angenommen werden kann.

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Zur Kritik der „neuen Klassenpoliktik“

Lesedauer: 20 Minuten

Ernst Lohoff und Lothar Galow-Bergemann veröffentlichten im CEE-IEH 262 einen wie ich finde sehr lesenswerten Text zur Kritik der sogenannten „neuen Klassenpolitik“ aus wertkritischer Perspektive. Sie wenden sich gegen das identitäre Klassenkonzept, wollen sich jedoch keineswegs von einem analytischen Klassenbegriff verabschiebden, welcher durchaus strategisch eingesetzt werden kann. Damit sprechen die Autoren einige Punkte an, die mir ebenfalls durch den Kopf gingen, vor allem, weil ich die Scheindebatte zwischen sogenannter „Identitätspolitik“, welcher eine „neue Klassenpolitik“ gegenüber zu stellen sei, für reichlich sinnlos hielt. Nostalgische Selbstvergewisserung ist letztere, wie Lohoff und Galow-Bergemann andeuten. Mit der ausführlichen marxistischen Herleitung kann ich weniger anfangen, weil ich zu meinen Ansichten eher durch das komme, was ich sehe und wie ich Akteure sprechen höre. Abgesehen davon, das ich Kategorien wie „die Linke“ und „die Rechte“ zurückweise, ist umso wichtiger, dass ich die Schlussfolgerungen teile. Pointiert kommt dies in er Passage zum Ausdruck:

Die Wiederentdeckung der identitären Klassenvorstellung ist eine Art Ersatzhandlung angesichts dieser historischen Aufgabe. Wer Klasse und Klassenkampf bemüht, kann den Anspruch erheben, sich zu den Konflikten unserer Zeit klar zu positionieren und dabei auf sicherem, weil irgendwie vertraut anmutendem Terrain verbleiben. Allein schon deshalb, weil derlei Begriffe ihrer Geschichte wegen einen linken Standpunkt signalisieren, verbreiten sie eine gewisse Heimeligkeit. Gleichzeitig umweht sie der Hauch des Revolutionären. Auf dieser Selbstvergewisserung beruht die Attraktivität des »neuen« Klassendiskurses wesentlich mit. Natürlich spielen bei der Wiederentdeckung der Klasse neben ihrer ererbten identitären Aufladung auch ehrenwerte Motive eine Rolle, insbesondere die Hinwendung zur sozialen Frage. Allerdings hat die Art der Hinwendung mehr mit Nostalgie zu tun als mit einer adäquaten Erfassung der heutigen Situation.
Mit dem Rekurs auf die Klasse wird die Erinnerung an eine bessere Vergangenheit abgerufen. Um die Linke und ihren Einfluss war es im Zeichen des Klassenkampfs in ferner Vergangenheit weit besser bestellt als heute. Ergo, so die implizite Hoffnung, verbessert sich mit dem Rückgriff auf die Klasse der Einfluss der Linken auch wieder. Diese Rechnung kann nicht aufgehen.

Hier nun zum vollständigen Artikel:

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Direkte Aktion im Widerstreit zwischen Egalität und Autonomie

Lesedauer: < 1 Minute

Nora Ziegler macht einen wie ich fand sehr spannenden Punkt auf, indem sie argumentiert, dass der Handlungsmodus der direkten Aktion aus den widerstreitenden Praktiken von Egalität und Autonomie hervorgeht. Sie widersprechen sich nicht. Sie entsprechen sich jedoch auch nicht einfach. Das heißt die Autonomie einer Gemeinschaft (im Sinne ihrer eigenen Regel-Setzung und -Ausübung) führt nichts zwangsläufig zur Anerkennung der Gleichheit all ihrer Mitglieder oder jener anderer Gruppen. Ebenso wenig führt die Herstellung und Gewährleistung von Gleichheit nicht automatisch zur Selbstbestimmung von unterschiedlichen Gemeinschaften, sondern könnte ja beispielsweise zentralistisch durchgesetzt werden. Nora meint, eine sinnvolle Vermittlung aus anarchistischer Perspektive sei nicht einfach gegeben, sondern herzustellen. Gerade dies geschähe durch direkte Aktionen:

We need practices of autonomy that contest universals and we need practices of equality that affirm that we are all equally valid and valuable. […] I would argue that to be both disruptive and sustaining, political action needs
to be founded on the reciprocal and meaningful collaboration between people across divisions using not complementary but conflicting practices of equality and autonomy.

Eine inspirierende Überlegung, die sie in ihrem paper auch anhand der Ausnahmesituation während der Pandemie entwickelte.

(Die Veröffentlichung erfolgt mit persönlicher Zustimmung vom 18.09.2020)

Vom Loslassen der Kadaver, dem Begreifen von (Un)Gleichzeitigkeiten und dem Entwurf eines emanzipatorischen Meta-Narrativs

Lesedauer: 11 Minuten

zuerst veröffentlicht auf: HARP und hier als pdf:

von Jonathan Eibisch

„Einige haben vermutet, dass mit dem scheinbaren Triumph von Liberalismus und Kapitalismus diese Geschichte [von Befreiung] nun am Ende ist. Doch das ist unwahrscheinlich. Trotz geringer Beachtung […] kämpfen Millionen von Menschen jeden Tag darum, sich aus der Unterdrückung zu befreien und gleiche Rechte und soziale Gerechtigkeit zu erlangen. Diese Bemühungen werden jedoch häufig von Beobachtern […] als unerklärliche Handlungen verängstigter und verwirrter Menschen (miss-)gedeutet […]. [O]bwohl der liberaldemokratische Kapitalismus weiterhin die Vorstellungen davon prägt, was möglich ist, sollten wir nicht zulassen, dass er die Interessen und Sehnsüchte derjenigen verschleiert und verdeckt, die von ihm marginalisiert und ausgegrenzt werden.“ (Eric Selbin)1

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Trostpreis für die ostdeutsche Transformation

Lesedauer: 11 Minuten

Mein für den Eos-Preis der HARP eingereichter Text zum linken Geschichtsverständnis nach 1989 aus philosophischer Perspektive, kam leider nicht in die Auswahl der besten drei. SCHADE! Aber gut, ich bin auch kein Philosoph, zugegeben. Ich denke, er ist dennoch lesenswert und dabei durchaus subjektiv.

Gestern erschienen auf dem Blog der HARP bzw. unter Texte.

Vom Loslassen der Kadaver, dem Begreifen von (Un)Gleichzeitigkeiten und dem Entwurf eines emanzipatorischen Meta-Narrativs

von Jonathan Eibisch

Einige haben vermutet, dass mit dem scheinbaren Triumph von Liberalismus und Kapitalismus diese Geschichte [von Befreiung] nun am Ende ist. Doch das ist unwahrscheinlich. Trotz geringer Beachtung […] kämpfen Millionen von Menschen jeden Tag darum, sich aus der Unterdrückung zu befreien und gleiche Rechte und soziale Gerechtigkeit zu erlangen. Diese Bemühungen werden jedoch häufig von Beobachtern […] als unerklärliche Handlungen verängstigter und verwirrter Menschen (miss-)gedeutet […]. [O]bwohl der liberaldemokratische Kapitalismus weiterhin die Vorstellungen davon prägt, was möglich ist, sollten wir nicht zulassen, dass er die Interessen und Sehnsüchte derjenigen verschleiert und verdeckt, die von ihm marginalisiert und ausgegrenzt werden.“ (Eric Selbin)1

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Wider_sacher_in: Problemverlagerung

Lesedauer: 2 Minuten

Was soll dieser Blog? Ja klar, angeblich geht es wieder mal um „die“ Sache. Was ist das hier ausgebreitete Konzept von „anarchistischer Theorie“ denn mehr als das Bestreben, anderen die Welt erklären zu wollen? Ist dieses Anliegen nicht gespeist aus der zwar verbreiteten – deswegen gleichwohl keinesfalls weniger traurigen – Grunderfahrung, dass die Welt sich unverständlich, irritierend, all zu oft auch konfliktbehaftet darstellt?

Hieronymous Bosch : Bildelement von „Der Garten der Lüste“ (lizenzfrei)
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Kleine Geschichte der Anarchie (Film)

Lesedauer: 4 Minuten

Weil ich davon ausgehe, dass die meisten Lesenden die Doku „Kein Gott, kein Herr! Eine kleine Geschichte der Anarchie“ bereits gesehen haben, hat die Verlinkung eher dokumentarischen Charakter. Tancrède Ramonet produzierte 2013 den Film, welcher dann 2017 glaube ich auch bei Arte in Deutschland lief. D.h. nicht die gesamt vierteilige Reihe, sondern lediglich die ersten beiden Teilen mit den Titeln „Lust an der Zerstörung (1840–1914)“ und „Erinnerung der Besiegten (1911–1945)“. Die beiden letzte Teile wurden dann trotz des Erfolgs der ersten nicht weiter finanziert, ohne, dass es dafür eine Begründung der öffentlich-rechtlichen Sender gegeben hätte. Allerdings kam mittlerweile über eine Crowdfunding-Kampange die Gelder zusammen.

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Einen Frontbrief bitte!

Lesedauer: < 1 Minute

Schreib mir doch mal wieder einen Brief! An die Front. – Die feuchten Träume der Neuen Rechten haben sich zwar noch nicht erfüllt, den einen Bürgerkrieg gibt es bisher noch nicht. Also bitte keine Kriegsrhetorik und Fetischpflege! Andererseits: Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Und wer nicht kämpft, kann die Kämpfenden auch nicht verstehen; jene, die sich die Auseinandersetzung nicht ausgesucht haben, sondern zu ihr getrieben wurden, weil sie die Würde besitzen, sich der Herrschaft entgegen zu setzen. Die Arten, Weisen und Mittel mit denen sie kämpfen können sehr verschiedene sein. Eine ungeklärte Frage bleibt dabei: Schließen sich Lebensgenuß und Kampf kategorisch aus? Ich tendiere zu „Ja“. So singt Rolando Alarcón im Volkslied sinngemäß: An der Front fressen sie Granatsplitter. Daran ist nicht nur aus historischen Gründen zu erinnern. Emma Goldman hat trotzdem recht, wenn sie meint: If I can’t dance, it’s not my revolution. Denn soziale Revolution ist eben nicht nur Kampf…

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Ne Znam #9 erschienen – Kritik einer Falschdarstellung des anarchistischen Revolutionsverständnisses

Lesedauer: < 1 Minute

Von mir unbemerkt erschien die 9. Nummer der Ne Znam. Zeitschrift für Anarchismusforschung. Neben Beiträgen von Olaf Briese, Hartmut Rübner, Jens Kastner und Wolfgang Eckhardt, findet sich auch wieder ein Beitrag von mir darin. Darin kritisiere ich auf eine kleinliche Weise – wie es sonst eigentlich nicht meine Art ist – Florian Grossers Darstellung des anarchistischen Revolutionskonzeptes. Ich zeige auf, dass Grosser die Texte der beiden hauptsächlichen Denker auf die er sich bezieht – Bakunin und Kropotkin – nicht verstanden und möglicherweise noch nicht einmal gelesen hat. Vielmehr scheint Grosser nur seine vagen Vorurteile bestätigen zu wollen. Das ist sehr schade, immerhin handelt es sich um einen Einführungsband zu „Revolution“. Der Beitrag findet sich unter „Texte“…