Gai Dao-Sondernausgabe „Pandemischer Ausnahmezustand“

Lesedauer: 3 Minuten

Schon vor einer Weile erschien die Sonderausgabe der Gai Dao zum „Pandemischen Ausnahmezustand. Statt dies weiter zu kommentieren, spiegele ich unten einfach den Einleitungstext. Downgeloaded werden kann sie hier.

Übrigens haben gewisse Leute, die sich selbst als „Insurrektionalist*innen“ bezeichnen, ein Fakesimile dieser Gai Dao-Sonderausgabe erstellt. Vermutlich, um den Austausch über verschiedene Positionen und Stile anzuregen. So inspirierend manche Gedankengänge aus diesem Spektrum immer wieder sind, beruhen sie jedoch meiner Ansicht nach weitgehend auf problematischen Grundannahmen. Die Autor*innen wissen dies natürlich und so bleibt ihnen zur Rechtfertigung ihrer Positionen lediglich der Verweis auf die vermeintliche „Gesamtscheiße“ und die romantische Verklärung von liberaler Freiheit und des bürgerlichen Individuums. Weil sie es nicht aushalten, mit ihren eigenen Widersprüchen umzugehen und weil ihnen eigentlich kaum wer zuhört, bauen sie sich im konstruktiven Anarchismus einen Strohmann auf, den sie vollpöbeln können. Die Abwertung anderer um die eigene Kränkung zu überwinden, die reflexhafte Abwehr von Kritik und die Ausflucht in die idealistische Traumwelt eines post-zivilisatorischen „puren“ Lebens, lässt sich mustergültig als unbearbeiteter Narzissmus interpretieren. Er birgt die Gefahr, ins Autoritäre umzukippen. Doch wird er mit der individualistischen Leistungs- und Selbstdarstellungsgesellschaft untergehen, die ihn hervorgebracht hat. In dieser Hinsicht erscheint die reine Negation durchaus als erstrebenswert. Wie auch immer, wen das interessiert, findet es hier.

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Inspirierendes zur Möglichkeit von (Anti-)Politik

Lesedauer: 14 Minuten

Der Folgende Aufsatz von Martin Dornis aus dem Jahre 2002 hatte mich vor 4 Jahren sehr inspiriert, weswegen ich ihn hier replizieren möchte um deutlich zu machen, dass ich mich seinen Aussagen sehr verbunden fühle. Damit meine ich eine inhaltliche Bezugnahme (Mit dem Bahamas-Umfeld mit dem Dornis offenbar zumindest 2011 assoziiert war, hatte ich nie was zu schaffen und werde dies auch keinesfalls.)

Ich finde Dornis dialektische Gegenüberstellung von Politik und Anti-Politik spannend und bin überrascht, dass sie so ähnlich wie bei Newman (2010) formuliert ist, der doch aus einer ganz anderen Ecke kommt. Verbindungen bestehen hier sicherlich keinerlei. Gleichwohl ist es naheliegend auf ähnliche Denkfiguren zu kommen, wenn das paradoxe Wesen radikaler Politik erfasst werden soll, die in Frage gestellt und überschritten wird. Ausgangspunkt bei Dornis ist die (wertkritische) Kritik der Politik – und dies betrifft auch sogenannte „außerparlamentarische“, „antifaschistische“ und „autonome“ Politik.

Statt eines langen Kommentars möchte ich dies nur an einem einzelnen Punkt verdeutlichen: Dornis schreibt in seiner 14. These:

Die Anti-Politik ist weder revolutionär noch reformerisch. Sie demaskiert „Reform“ und „Revolution“ als Spielarten der Politik. Sie tritt für ein schrittweises, spontanes und unkontrolliertes Ausbrechen aus der Marktwirtschaft und Staatsgesellschaft ein. Sowohl Reform als auch Revolution verblieben bisher in den Grenzen des Bestehenden. Die Anti-Politik jedoch strebt die Überwindung von Markt und Staat an und will diese nicht durch eine „Selbststeuerung der Gesellschaft“ sondern durch die bewusste und diskutierte Gestaltung ersetzen. Gesellschaftliche Verhältnisse will sie zum Gegenstand der Diskussion machen.

Deutlich werden die Schnittpunkte zum anarchistischen Konzept der sozialen Revolution, auf welches Dornis sich freilich nicht dezidiert bezieht, dessen Grundgedanken jedoch spürbar ähnlich sind. Eine Abgrenzung nimmt er vor, indem er sich gegen die ‚Selbststeuerung der Gesellschaft‘ richtet – eine alte anarchistische Vorstellung, die jedoch zur Floskel verkommt, wenn dahinter kein wirkliches Verständnis (bzw. Verstehen-Wollen) von Gesellschaft steht. Vielmehr ist die Frage nach der Organisation einer solidarischen, egalitären und freiheitlichen Gesellschaft auch von anarchistischer Seite zu beantworten, will diese nicht lediglich zersplitterte Opposition, sondern sozial-revolutionäres Vorhaben sein. Mit seinem Anliegen „gesellschaftliche Verhältnisse […] zum Gegenstand der Diskussion “ zu machen, knüpft Dornis meiner Ansicht nach beim Verständnis der intellektuellen Dissidenz von György Konrád (1985). Dies ist aber eine andere Geschichte…

Es folgt der Text von Martin Dornis Anti-Politik ist eine Möglichkeit

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Kritik des radical chic

Lesedauer: < 1 Minute

Ein „Rebellenlied“ von Erich Mühsam, vertont von Slime, die ihm mit dem Video einen ironischen Unterton geben. Immerhin kann durchaus danach gefragt werden, was aus der einen und dem anderen Großstadt- oder Kleinstadtrebell*in im Laufe der Jahre geworden ist. Eine problematische Entwicklung ist die zunehmende Verwendung radikaler Rhetoriken bei gleichzeitig oft schon selbstverständlichem Appell an die bestehenden politischen Institutionen und Machthabenden. Autonome Perspektiven als gelebte Gegenentwürfe und die Erfahrungen in experimentellen, selbstverwalteten Räume scheinen immer seltener zu werden. „Selbstorganisation“ wird dagegen individualistisch in Arbeitsformen gesucht, die Kreativität, Flexibilität und Mobilität versprechen und somit darauf verpflichten – freilich ohne das Leistungsprinzip in Frage zu stellen. Als vermeintliche Selbstbestimmung hingegen gilt beispielsweise der massentaugliche Individualtourismus der Backpacker*innen weltweit. Umgekehrt jedoch stimmt ebenso: Wirkliche Rebellion lässt sich nicht vorrangig am Kleidungs- oder Lebensstil festmachen und kann durchaus auch einen Coolness-Faktor aufweisen (womit keine Nazis in Nadelstreifen gemeint sind). Die Frage lautet also: Ab wann degeneriert der radical style einer Szene zu einem bloßen radical chic. Wo bleibt er – trotz politisch erwünschter Sprachcodes und cleverem ästhetischem Ausdruck – lediglich an der Oberfläche, anstatt als Überzeugung tief zu gründen?

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Wissenswertes vom Anarch@-Nietzscheanismus

Lesedauer: 5 Minuten

zu Paul Stephan: Links-Nietzscheanismus. Eine Einführung (Stuttgart 2020)

Kürzlich ist der zweite Band von Paul Stephans linker Nietzsche-Einführung beim Schmetterlingsverlag erschienen. Das ist sehr erfreulich, denn eine Beschäftigung mit dem Dynamit-Mann ist immer wieder lohnenswert. Stephans Schwerpunkt liegt dabei auf der Rezeptionsgeschichte Friedrich Nietzsches, womit der nachweist und verdeutlicht, welche ungeheuere Relevanz dieser unkonventionelle, eigensinnige, gekränkte Denker für die Philosophie insgesamt hatte. Nietzsche wurde kurz nach der Erscheinung von Stirners Der Einzige und sein Eigentum geboren und es heißt, dass er sich von diesem hat beeinflussen lassen (wobei Stephan einen direkten „Ideenklau“ für unwahrscheinlich hält.) Als Philosophen narzisstischer Kränkung, aus welcher eine lebensbejahende Einstellung entspringt, liegt die Verbindung auf der Hand. Die Parallelen zwischen beiden „liegen vor allem daran, dass beide von einer ähnlichen psychosozialen Situation ausgehen“ (S. 54).

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Lucio Urtubia gestorben – Maurer, Anarchist, Sozialrebell

Lesedauer: < 1 Minute

Vor zwei Tagen starb der Anarchist Lucio Urtubia in Paris. Schon vor einigen Jahren beeindruckte mich seine außerordentliche Lebensgeschichte, die er mit 70 Jahren, nach der Verjährung seiner potenziellen Straffälligkeit, offenlegte. Ein Interview mit ihm findet sich bei der Graswurzelrevolution. Seine Autobiografie erschien bei Assoziation-A und ist eng an die Dokumentation Lucio Urtubia – Anarchist und Maurer angelehnt. Diese findet sich auch bei youtube und ist unten verlinkt.

Allgemein finde ich das Hervorheben einzelner Personen selten sinnvoll. Das gilt vor allem, wenn andere Menschen zu einer Projektionsfläche eigener Vorstellungen werden, welchen dann aber nicht selbst nachgegangen wird. Ebenfalls finde ich es schwierig, Helden oder Märtyrer zu konstruieren und sie zu verehren. Es scheint jedoch gerade Lucios selbstlose Haltung und sein Handeln im Verborgenen zu sein, weswegen es ihm gelang, so große Dinger zu drehen, wie 1980 die Travellerschecks der Citibank zu fälschen.

Neben seinen individuellen Enteignungsaktionen interessierte mich der Mensch Urtubia – bzw. seine (Selbst)Darstellung in der Autobiografie. Dazu schrieb ich eine Arbeit. Dazu schrieb ich eine geschichtswissenschaftliche Arbeit mit dem Titel Moderner Sozialbandit oder politischer Aktivist? Eine Untersuchung der Autobiographie Lucio Urtubias anhand Eric Hobsbawms Konzeption von Sozialbanditen.

Hier die gut gemachte und spannende Doku in sieben Teilen:

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Kommentar: Ziviler Ungehorsam und direkte Aktion

Lesedauer: 9 Minuten

Marco Fatfat schrieb kürzlich in der Zeitschrift für philosophische Literatur eine Rezension über das Einführungsbuch „Civil Disobedience“ von William Scheuerman (Cambridge: Polity Press 2018). Ziviler Ungehorsam ist für den vorliegenden Zusammenhang selbstredend ein relevantes Thema. Aufmerksam wurde ich allerdings, als ich las, dass Scheuerman auch ein Kapitel über „Anarchist Uprising“ schrieb – immerhin wollte ich wissen, was er darunter versteht und wie er es einschätzt.

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Gai Dao # 109 erschienen, darin: Mühsams Synthese

Lesedauer: < 1 Minute

Vor einigen Tagen ist die Gai Dao #109 erschienen. Darin findet sich auch der Text Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat – Erich Mühsams Beitrag für eine anarchistische Synthese. Wie andere deratige Beiträge, findet dieser sich in der Rubrik „Texte“.

Mit seinem Traktat Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus? schrieb Erich Mühsam eine lesenswerte Schrift, die weite Verbreitung gefunden hat. Der Literat, Aktivist und Lebenskünstler verfasste sie im Jahr 1932, das heißt zwei Jahre vor seiner Ermordung durch die Nazis im KZ Oranienburg am 10. Juli 1934. In diesem Beitrag ordne ich den Text historisch ein, stelle dar, warum sein Autor damit einen Beitrag zum synthetischen Anarchismus formuliert und kritisiere einige Annahmen, um ihren Gehalt weiterzuentwickeln.

Erich Mühsams Beitrag für eine anarchistische Synthese

Lesedauer: 18 Minuten

Originaltitel: Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat – Erich Mühsams Beitrag für eine anarchistische Synthese

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #109, Juli 2020

Mit seinem Traktat Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Was ist kommunistischer Anarchismus? schrieb Erich Mühsam eine lesenswerte Schrift, die weite Verbreitung gefunden hat. Der Literat, Aktivist und Lebenskünstler verfasste sie im Jahr 1932, das heißt zwei Jahre vor seiner Ermordung durch die Nazis im KZ Oranienburg am 10. Juli 1934. In diesem Beitrag ordne ich den Text historisch ein, stelle dar, warum sein Autor damit einen Beitrag zum synthetischen Anarchismus formuliert und kritisiere einige Annahmen, um ihren Gehalt weiterzuentwickeln.

von Jens Störfried

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Intervention: Neuer VS-Bericht

Lesedauer: 7 Minuten

Toll! Endlich ist der neue Verfassungsschutzbericht des Innenministeriums veröffentlicht worden. Darin finden sich wieder allerlei Märchen, die hauptsächlich fünf Zwecken dienen: 1. zu Bürger*innen zu erschrecken, 2. die gesellschaftliche Linke insgesamt zu diskreditieren, 3. linke Bewegungen zu spalten, 4. „linken“ und „rechten“ Radikalismus gleichzusetzen, 5. die bestehende Herrschaftsordnung, ihre Institutionen und Trägerinnen als angeblich „ideologiefrei“ zu labeln und schließlich 6. die vermeintliche „Arbeit“ dieses obskuren Vereins von Voyeur*innen auf Biegen und Brechen zu rechtfertigen.

All diese Gründe wären schon ausreichend, um auf eine Abschaffung des VS hinzuwirken. Wie ihr wisst kommen aber die bekannten und unbekannten Verstrickungen von VS-Mitarbeiter*innen mit handfesten Faschistinnen hinzu. Über Jahrzehnte flossen so Staatsgelder in neonazistische Gruppen, wurden der NSU finanziert, Akten über Faschos geschreddert, Gewalttaten von Nazis gedeckt. Es gibt nur eine sinnvolle Antwort auf die kruden Machenschaften dieses Ladens und die liegt in seiner Abschaffung.

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Rastloses Streben nach Ermächtigung

Lesedauer: < 1 Minute

Ein Lied in dem Nina Simone mit vehementer Stimme und ein Rhythmus, der die innere Umtriebigkeit ausdrückt, ein rastloses Streben nach Ermächtigung besingt. Die Suche nach Schutz, Zugehörigkeit und Anerkennung ist eine, die es in eine kollektive Ermächtigung zu transformieren gilt. Dies beinhaltet jedoch auch mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten und unserer eigenen Verhaftung in das System der Herrschaft zu brechen, was einem Kampf mit Dämonen gleich kommt.

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