Verfallsformen des Politischen

Lesedauer: 16 Minuten

Originaltitel: Die Verfallsformen des Politischen und die Wiedergewinnung einer holistischen sozial-revolutionären Praxis

zuerst veröffentlicht auf: de.indymedia.org, barrikade.info, untergrund-blättle.ch

Mona Alona

Dieser Beitrag ist subjektiv. Damit schöpfe ich aus der Reflexion über eigene Erfahrungen und Wahrnehmungen, über die ich gleichwohl schreibe, weil ich aus dem Speziellen auch einige Aspekte des Generellen ableite – die ihre Gültigkeit nur haben, wenn – bzw. zu welchem Grad – sich Andere darin wiederfinden. Ursprünglich entwickelte ich diese Gedanken an er Schwelle zum 30. Lebensjahr, an welchem bekanntliche sich die Großzahl der verbleibenden Genoss*innen, aus der linksradikalen Szene herauszieht.

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Sind wir nicht alle links-grün verseucht?

Lesedauer: 7 Minuten

Eine Kritik am pandemischen Ausnahmezustand

Jens Störfried

zuerst veröffentlicht auf: Lirabelle # 22

Anhand des Strategiepapiers des Innenministeriums zur Bekämpfung der Corona-Pandemie kritisiert Jens Störfried das aktuelle Krisenmanagement und seinen potenziellen Folgen, die auch viele Linke leichtfertig in Kauf zu nehmen scheinen. Damit soll das Bewusstsein gestärkt werden, dass es auch bzw. gerade jetzt Kritik unter anderem an der halben Ausgangssperre und anderen autoritären Maßnahmen, sowie eine Weiterentwicklung unserer Vorstellungen von Solidarität braucht.

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Bakunins negative Dialektik

Lesedauer: 18 Minuten

Originaltitel: Bakunin, die AfD, mein Vater und die sozialen Bewegungen – Eine Revitalisierung von Die Reaktion in Deutschland (1842)

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #108, Mai 2020

von: Jens Störfried

Einstieg in die sozial-revolutionäre Philosophie

Ein (proto-)anarchistischer Text, der mich vor Jahren begeistert hat, war Die Reaktion in Deutschland von Michael Bakunin. Der reißerische Titel allein war es wert, den mal wieder zu lesen… Und siehe da: Inzwischen verstehe ich das philosophische Gedankenkreisen noch etwas besser und finde es hochaktuell. In dieser Darstellung werde ich allerdings etwas abstrakt bleiben, um die Denkweise Bakunins nachzuempfinden und hoffe, sie dennoch etwas zugänglicher zu machen.

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Das Elend des deutschen Beamt*innengeistes

Lesedauer: 15 Minuten

Originaltitel: Splitter aus dem Elend des deutschen Beamt*innengeistes.

Über Rudolf Emil Martins Der Anarchismus und seine Träger. Enthüllungen aus dem Lager der Anarchisten (1887) und Die soziale Revolution (1919)

zuerst veröffentlicht auf: Gai Dao #102, Juni 2019

von Jens Störfried

Ein zeitgeschichtliches Theoriefragment

Vor 100 Jahren erschien ein Buch, dessen Titel für Sozialist*innen interessant klingt: Die soziale Revolution: Der Übergang zum sozialistischen Staat. Geschrieben wurde es gerade in der größten Umbruchsphase, dem Gründungsmythos der deutschen Republik, also 1919 nach Ende des Ersten Weltkrieges. Martin begründet darin in Anschluss an den österreichischen Sozialwissenschaftler und Juristen Anton Menger (Die Neue Staatslehre 1903), warum in Deutschland der Staatssozialismus eingeführt werden müsse. Die Verstaatlichung der Wirtschaft, die Festlegung eines Höchstvermögens von 100.000 Mark und die Übernahme der Regierung durch die Sozialdemokrat*innen, erscheinen ihm als pragmatisches Gebot der Stunde zur Erhaltung der deutschen Volkswirtschaft und Regierungsfähigkeit. Denn in den Wirren und Kämpfen der Nachkriegszeit hat Martin eine schmerzhafte Horrorvorstellung: Chaos, der Bürgerkrieg als „Kampf aller gegen alle“, den Staatsbankrott und letztendlich der Zusammenbruch des Staates. In Hinblick auf die beginnenden selbständigen Enteignungen, Fabrikbesetzungen, die Gründung von Arbeiter- und Soldatenräten und den Aufstand der Spartakist*innen (welche er als Anarchist*innen ansieht), bedürfe es seiner Ansicht nach eine umfassende Umstrukturierung der Gesellschaft, um das Schlimmste zu verhindern. Zusammenfassend schreibt er am Ende seines Buches deutlich: „Die einzige Möglichkeit, diese Entwicklung des Sozialdemokratismus zum Anarchismus zu verhindern, besteht in der positiven sozialen Reform, in der Einführung der von Anton Menger und mir vorgeschlagenen Verstaatlichung […]. Nur wenn der Staat durch ein positives Programm alle Teile der breiten Massen zufriedenstellt und die wirtschaftliche Gleichheit um ein bedeutendes vermehrt […] kann er sich den breiten Massen gegenüber als existenzberechtigt legitimieren und die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten“ (Martin 1919: 198f.).

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Mehr Autonomie wagen!

Lesedauer: 18 Minuten

Möglichkeiten der Wiederaneignung eines diskreditierten Schlüsselbegriffs für den Anarchismus

Jonathan Eibisch // Juli 2019

zuerst veröffentlicht auf: barrikade.info

Annäherungen an den Autonomiebegriff

Im zeitgenössischen Sprachgebrauch erfährt das Wort „Autonomie“ eine vielfache Verwendung in verschiedenen Bereichen. Seiner bekannten Wortbedeutung von eigenmächtiger Regelsetzung, selbstbestimmter Entscheidungskompetenz und Handlungsfähigkeit, sowie von selbstverwalteter Unabhängigkeit und weckt „Autonomie“ für bewegungslinke oder anarchistisch gesinnte Menschen ein ganzes Bündel an Assoziationen. Leichter als seine positive Beschreibung, die ja letztendlich dem Anspruch nach von den jeweiligen Subjekten oder Kollektivitäten selbst vorgenommen werden soll und daher vorab nur schemenhaft bestimmt werden könnte, ist seine Abgrenzung von ihrem Gegenstück: Heteronomie steht für (individuelle wie kollektive) Fremdbestimmung, Abhängigkeit von potenziell willkürlich handelnden Mächten und im anarchistischen Sinne für staatliche Gesetzgebung, also auch für Zwang und Gewalt, durch welche jene eingerichtet und im alltäglichen Zweifelsfall aufrechterhalten wird.

Um mich dem Autonomiebegriff zunächst allgemein anzunähern, recherchierte ich etwas und stieß auf fünf, teilweise miteinander verbundene Stränge seiner Verwendung. Diesen möchte ich nun nachgehen:

1) Bis heute diskutiert wird „Autonomie“ in der idealistischen, hier insbesondere in der deutschen, Philosophie. Dies geschieht maßgeblich in Anschluss an den Nesthocker Immanuel Kant welcher in ihr – verkürzt – die vernunftgeleitete Einsicht in sittliches Handeln meinte1. In den Worten Michael Bakunins: „Die Freiheit, die Sittlichkeit und Würde des Menschen bestehen gerade darin, dass er das Gute tut, nicht weil es ihm befohlen wird, sondern weil er es begreift, weil er es will und liebt“2. Das (klassische) anarchistische Bestreben nach Umsturz hat demnach in seinem Kern eine moralisch verstandene „gute Ordnung“ zum Ziel, welche es jedoch erforderlich mache, „den Teufel im Leib zu haben“3 oder sich mit dem verstoßenen Kain zu identifizieren4, der ja das Spiegelbild der erzwungenen und ausgrenzenden Herstellung normativer Ordnung darstellt und sie deswegen in Frage stellen kann und muss. Die manchmal still-trauernde, bisweilen jähzornig-wütende Anfechtung und Verkehrung des Bestehenden mit der Absicht seiner re-volutionären Umwälzung hat also eigentlich eine möglichst friedliche Koexistenz zum Ziel. Hierin knüpft anarchistisches Denken zum Teil an aufklärerische Philosophie an5, deren Humanismus allerdings in Anschluss an Stirner und Nietzsche wiederum deutlich in Frage gestellt wurde und wird.

2) Weiterhin ist „Autonomie“ ein feststehender Begriff in pädagogischen und (entwicklungs-)psychologischen Kontexten, die verständlicherweise nicht abgekoppelt von gesamtgesellschaftlichen Bedingungen betrachtet werden sollten, wie es bedauerlicherweise (aus Gründen) fortwährend der Fall ist. Sozialarbeiter*innen, Lehrer*innen oder Psycholog*innen kommen in der Regel nicht umhin, Fähigkeiten für individuelles Entscheiden innerhalb eines als (zumeist nach klassistischer, ethnischer, geschlechtlicher oder sexueller Zuschreibung) angebracht geltenden Möglichkeitsrahmens, einer als rational angesehenen Lebensplanung und der damit verbundenen Vorstellung von Selbstbestimmung nach dem – definitionsgemäß unerreichbaren – Vorbild des bürgerlichen Subjektes zu bewerten und anzuerziehen6. In jüngeren Debatten herausgefordert sieht sich die Erlernung von Selbstbestimmung und die Ausprägung von Persönlichkeit einerseits mit der in der neoliberalen Phase des Kapitalismus verstärkten Individualisierung von Produktion, Konsum, somit auch Ausbildung („lebenslanges Lernen“) und Privatleben (Selbstinszenierung in sozialen Medien). In diesem Zusammenhang mag es nicht verwundern, dass frühere Debatten um die Erlangung von „Autonomie“ in der frühen Kindheit oder von Ausprägung von „Identität“ der Adoleszenz-Phase durch jüngere Menschen7 tendenziell durch neuere Diskussionen um die Bewahrung von „Autonomie“ im Alter überholt wird8, welche als „würdevoll“ gilt. Zudem wird nun die zunehmende Digitalisierung auch in regierungsnahen Kreisen als Herausforderung für die Erhaltung von „Autonomie“ diskutiert9.

3) Ein dritter Strang der aktuellen Verwendung des Autonomiebegriffs findet sich in der Technologie. Ins Auge fällt die Tautologie der „autonom“ fahrenden Autos, deren massenhafte Zulassung zum kapitalistischen Markt, ähnlich wie das Elektroauto, die sich abzeichnende massive Krise der Automobilindustrie überwinden soll. Da der Individualverkehr ab den 1950er Jahren erst mit der propagandistischen Bezugnahme auf die bürgerliche Vorstellung von „Unabhängigkeit“ implementiert werden konnte, scheint es auch naheliegend zu sein, bei seiner Erneuerung an diesen Mythos anzuknüpfen und eine Konferenz mit dem Titel „Autonomy & The Urban Mobility Summit“ auszurichten10. Deutlich tödlicher als der Individualverkehr werden sich künftig jedoch Drohnen und Kampfroboter als „autonome Waffensysteme“ erweisen, denen lediglich die ausgereifte Software fehlt, um die Kriegsführung auf eine bisher ungeahnte Ebene zu heben und somit langfristig Ethikkommissionen mit der Frage nach der Verantwortlichkeit beim staatlichen Morden zu beschäftigen11.

4) „Autonomie“ ist ebenfalls in der (inter-)nationalen Politik ein größeres Thema, welches – trotz zunehmender Internationalisierung von Herrschaftsinstitutionen – unangefochten mit dem, nicht nur metaphorischen sondern physischen, Container des Nationalstaats verknüpft ist. Ob Hongkongs „Kampf um Autonomie“12 oder anderer ehemaligen europäischen Kolonien, jener der in Umerziehungslagern indoktrinierten und gefolterten Uiguren in der „autonomen“ chinesischen Provinz Xinjiang, verrückte orthodoxe Mönche um den griechischen Berg Athos oder den „autonomen Regionen“ Baskenland, Navarra und Katalonien in Spanien – separatistische Bestrebungen und das Spannungsfeld von nationalstaatlichen und „autonomen“ Kompetenzen bleiben weiterhin Gegenstand der Politikwissenschaften. Einen Grenzfall zum fünften Strang – dem Autonomiebegriff sozialer Bewegungen -, nehmen dahingehend die „autonome“ Region Kurdistan im Irak, Rojava in Syrien und die mittlerweile seit 25 Jahren bestehenden autonomen Strukturen der Zapatistas im mexikanischen Chiapas ein13. Hierbei handelt es sich zugleich um eine geographische, wie eine politisch-soziale Konzeption von „Autonomie“, welche insbesondere in Hinblick auf die deutliche Stärkung der Selbstbestimmungsrechte von Frauen außerdem den Bereich individueller Autonomie tangiert.

5) Für den Strang der Verwendung des Autonomiebegriffs in sozialen Bewegungen sind neben der in der BRD Anfang der 80er Jahre aufgekommenen Bewegung der „Autonomen“ und den Kämpfen um selbstverwaltete „Freiräume“, hierbei auch Überlegungen zur „Autonomie der Migration“14 zu erwähnen.

Im Folgenden gehe ich von der (stets begrenzten und subjektiv gefärbten) Wahrnehmung aus, dass in linksradikalen als auch in explizit anarchistischen Kreisen aktuell so gut wie keine Debatten um „Autonomie“ auszumachen sind, was in einem merkwürdigen Missverhältnis zu den dargestellten breit gefächerten Diskussionen um „Autonomie“ in ihrer unterschiedlichen Verwendung steht. Zugleich nehme ich an, dass heutige (post-)politische Diskurse und Praktiken als Scheitern des Anspruchs, Autonomie zu realisieren, verstanden werden können. Statt in den gängigen Abgesang auf autonomes Denken und Handeln einzustimmen, meine ich, dass es sich lohnt, diesen Schlüsselbegriff für eine radikale emanzipatorische Bewegung wiederzuentdecken und sich neu anzueignen. Wenngleich ich mich damit auf den letzten Strang der sozialen Bewegungen konzentriere, bringt es der Autonomiebegriff mit sich, dass er Implikationen von philosophischen Überlegungen, Subjektvorstellungen und politisch-theoretischen Annahmen beibehält. Um mich dieser Vielschichtigkeit zu nähern, fokussiere ich an dieser Stelle auf Autonomie als Organisationsprinzip, welches ich mit einer ethischen Dimension (Selbstbestimmung) und einer theoretischen Dimension (Selbstorganisation), als auch mit weiteren Organisationsprinzipien als inhärent verknüpft begreife.

Der Autonomiebegriff als bedeutender Bezugspunkt in der radikalen Linken

Die Attraktivität der Vorstellung von Autonomie im Sinne von selbstorganisierten Gruppen, deren Mitglieder sich – ganz von sich ausgehend -, selbst bestimmen und formelle sowie informelle, Regeln geben, besteht darin, dass mit ihr gesamtgesellschaftliche, kollektive und individuelle Emanzipation zusammen gedacht werden können. In autonomen Gruppen können Einzelne Erfahrungen der Selbstbestimmung machen, welche ihnen in den allermeisten gesellschaftlichen Bereichen nicht möglich oder direkt versagt sind. Dies gilt insbesondere, wo es sich nicht um die individuelle Selbsterfahrung, des bürgerlichen, abgeschnittenen Individuums handelt, sondern um eine Autonomie, die erst durch die Bezugnahme auf andere ermöglicht wird und dabei den Bereich des Privaten übersteigt. Dass Autonomieprinzip, nach welchem sich die autonome Gruppe organisiert, ist dahingehend keine rein taktische Angelegenheit, etwa, um Repression zu erschweren. Ebenso verweist es auf den Fluchtpunkt einer selbstorganisierten – d.h auch: nicht-staatlichen -, Gesellschaft, welche mit der eigenen Organisationsform ansatzweise vorweggenommen werden soll. Daneben ergaben die jahrzehntelangen Erfahrungen in sozialen Kämpfen, dass etwa eine hierarchische, zentralisierte und/oder „demokratische“ Parteiform von dieser Warte aus, kein gangbarer Weg für eine sozial-revolutionäre Gesellschaftsveränderung darstellen kann. Demnach wurde mit „Autonomie“ in der radikalen Linken ein komplexes Freiheitsverständnis assoziiert, welches sich vom Staatssozialismus und vom Liberalismus unterscheidet.

Gleichwohl ist die Referenz zu „Autonomie“ eine historisch-spezifische. Mit ihr wird, in Anschluss an die 68er-Bewegung, die Ausweitung individueller Befreiungs- und Selbstbestimmungsansprüche mit der Suche nach Ansatzpunkten zur Infragestellung, Subversion und Anfechtung der bestehenden Herrschaftsordnung – namentlich des ab den 70er Jahren neu eingeführten postfordistischen Akkumulationsregimes und des politischen Neoliberalismus – verbunden. Dies ist auch einer der Gründe, warum die sogenannte globalisierungskritische Bewegung stark von Diskursen der autonomen Bewegung inspiriert war bzw. mit diesen verknüpft werden konnte15.

Entgegen der Annahmen und Ideologie der neoliberaler Think Tanks und Politiker*innen, endet die „relative Autonomie“ des Staates nicht mit seiner Umstrukturierung, etwa der Zurückdrängung von Gewerkschaften, dem Abbau von für die dominierenden Nationalstaaten hinderlicher Zölle, sonstiger Einfuhr- und Ausfuhrbeschränkungen oder dem Outsourcing vormals staatlicher Funktionen (wie Verkehr, Bildung, Beratung, Kommunikationsdienste usw.). Dieser Begriff aus der materialistischen Staatstheorie verweist darauf, dass der Staat aus strukturellen Gründen relativ unabhängig von der kapitalistischen Klasse und ihren Interessen sein muss, um den Kapitalismus als Gesellschaftsform aufrechterhalten zu können. Auch wenn dieser weiteren Verwendung des Autonomiebegriffs an dieser Stelle nicht nachgegangen wird, findet sich hier ein theoretischer Aspekt der Autonomie, welcher die Bezugnahme auf sie attraktiv erscheinen könnte: Tatsächlich bestehen gesellschaftliche Teilbereiche und „Zwischenräume“, in denen parallel zu den dominierenden Verhältnisse andere existieren. Nach diesen „Rissen“ zu suchen und sie auszuweiten, kann aus diesem Grund als sinnvoller strategischer Ansatz diskutiert werden. Diese gehen (immanent) aus der historisch-spezifischen Gesellschaftsstruktur hervor, weswegen es kein künstlich konstruiertes – und darum mit Zwang und Gewalt durchgesetztes – Staatsprojekt dagegen zu stellen gilt. Selbstredend bezieht sich eine autonome Perspektive nicht auf den Staat, sondern durchschaut seine „relative Autonomie“ als Fundament seiner Eigenständigkeit als Herrschaftsverhältnis. Hieraus folgt auch kein unreflektiertes Feiern von gesellschaftlichen Teilbereichen, die Fiktion eines „herrschaftsfreien Raumes“16 oder die Behauptung einer von Herrschaftsverhältnissen „autonomen“ Gesellschaft. Vielmehr geht es um den Ansatz, die Komplexität und Vielschichtigkeit der gesellschaftlichen Konstellation zu erkennen und anzuerkennen, um in ihr zu agieren17.

Ich selbst befürworte wie angedeutet einen Autonomiebegriff, der sich vor allem auf eine organisatorische Dimension richtet. Dies tue ich nicht zu Letzt deswegen, weil ich dem bürgerlichen Subjektverständnis kritisch gegenüber stehe. Augenscheinlich kann dies jedoch nicht gelingen, würde ich die Subjekt-Dimension in diesem Zusammenhang einfach zu ignorieren. Heute „Autonomie“ zu verteidigen verlangt meines Erachtens unweigerlich, sich grundlegend vom Konzept des „autonomen“ Einzelgängers zu distanzieren. Da dieses zweifellos auch in der anarchistischen Szene zelebriert wurde und wird, ist hierbei das Umdenken, welches seit Jahren stattfindet endlich zum Grundsatz zu erheben: Selbstbestimmung geht nur kollektiv, verbindlich und mit der Erarbeitung gemeinsamer Grundlagen. Die verbreitete Angst, einen Konsens zu erarbeiten und sich diesem auch (freiwillig) zu fügen, ist ein Abwehrreflex gegenüber den vorhandenen Zwangsinstitutionen und -gemeinschaften, in die wir gepresst werden. Dies gilt unter veränderten Bedingungen vom Prinzip her genauso, wenn sich der Chef duzen lässt, in seinem (deinem?) Start-up mit flachen Hierarchien, oder wenn uns die Freiwilligenarmee Bundeswehr ihre Kriegseinsätze als Abenteuerspiele verkauft. Dennoch wehre ich mich gegen die Vorstellung des vermeintlich autonomen Subjekts, welches am Ende doch vor allem auf sich selbst gestellt klarkommen muss. Hinter dieser, in linksradikalen Szenen gepflegten individualistischen Vorstellung, scheint mir unterm Strich mehr Bindungsangst als erstrebenswertes Ideal zu stehen. Im selben Zuge gilt es sich aber genauso gegen jene unselbständigen, weinerlichen Parteilinken abzugrenzen, welche gar nicht anders können, als an den Staat zu appellieren bzw. sich ihrer Sehnsucht nach der Staatsmacht hinzugeben, mit der Vorstellung, trotz ihrer erlernten Hilflosigkeit, ihre Ansprüche realisieren zu können. Es sind feministische Überlegungen, die hierbei am weitesten fortgeschritten sind und am ehesten die materiellen Bedingungen für die Autonomie von Subjekten mitbedenken.

Ohne die radikal-sozialistische Bewegung Autonomia im Italien der 70er Jahre, welche einen Kampf gegen die Arbeit führte, sich vom Parteikommunismus distanzierte, den herkömmlichen Gewerkschaften ebenso kritisch gegenüberstand und neue Formen der Militanz entwickelte, hätte es auch im deutschsprachigen Raum kaum eine autonome Bewegung ab den 80er Jahre gegeben. Kerngedanke dahinter aus der operaistischen Theorie ist die „Arbeiterautonomie“, anders gesagt, dass selbständige Handeln und Organisieren der von kapitalistischer Ausbeutung betroffenen Personen und Gruppen. Hierbei liegt es nahe, dass die autonome Frauenbewegung, sich auf diesen Ansatz beziehen konnte und mit der Theorie der „tripple oppression“ auch die rassistische Unterdrückung mitgedacht werden konnte. Statt einen Theoriekanon oder bestimmte Führungsstrukturen in den Vordergrund zu stellen, zielte die autonome Bewegung also tatsächlich auf das eigenmächtige Handeln der an ihr Partizipierenden. Diese Selbstermächtigung hatte eine individuelle Komponente, war gleichzeitig jedoch eine kollektive Erfahrung, denkt man beispielsweise an das proletarische Einkaufen, militante Demonstrationen oder ein Plenum zur Organisation eines Sozialen Zentrums. Im deutschsprachigen Raum, stellte die autonome Bewegung mit ihren sponaneistischen Aspekten, ihrem gelebten Antiautoritarismus, ihren selbstverwalteten Räumen und ihrem subkulturellen Wirken, einen völlig neuen Ansatz und Erfahrungsraum dar. Dezidiert antiimperialistische Theorien, wie jene zum „Trikont“, welche phasenweise tonangebend waren, erweisen sich mittlerweile nicht nur als unzeitgemäß, sondern auch als Projektionsfläche eines (oft jugendlichen) Bedürfnisses nach Rebellion. Es gilt nicht, das kapitalistische Zentrum in den westlichen Nationalstaaten anzugreifen, um sozialistische Befreiungsbewegung andernorts zu unterstützen, sondern wo wir stehen und verankert sind, sozial-revolutionäre Potenziale zu suchen, um über diesen Ansatz vermittelt weltweit Verbündete zu finden. In jedem Fall hat die autonome Bewegung in der BRD das Selbst- und Fremdbild von Linksradikalen so entscheidend und unwiederbringlich geprägt, dass sich auch ihre Konkurrent*innen und Gegner*innen an ihr abarbeiten müssen, um sich selbst legitimieren und positionieren zu können. In dieser Hinsicht ist es wichtig, eine Unterscheidung zwischen anarchistischer Szene und autonomer Bewegung aufzumachen. Weder würde sich alle Autonomen als Anarchist*innen bezeichnen, noch teilen diese insgesamt autonome Organisationsformen, den subkulturellen Habitus oder die theoretischen Grundgedanken. Dennoch sind die Parallelen und das Ineinandergreifen beider Strömungen offensichtlich und sogar im mehrheitsgesellschaftlichen Bewusstsein fest verankert. Weil dies Gründe hat, nehme ich an: Wenn die anarchistische Szene sich ernsthaft konstituieren, organisieren und erneuern will, sollte sie sich unbedingt auf die Erfahrungen der Autonomen beziehen und sollte das Streben nach Autonomie konsequenterweise als anarchistisch begriffen werden.

Formen der Verkümmerung autonomer Politik

Eine Betrachtung der aktuell vorgefundenen Landschaft emanzipatorischer sozialer Kämpfe und Bewegungen lässt den Kritiker aufgrund des größenwahnsinnigen wie zugleich naheliegenden Anspruchs, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Marx) stets pessimistisch erscheinen. Dies ist umso mehr der Fall, begibt er sich doch in diese Rolle, um mit seinen eigenen enttäuschten Sehnsüchten und Vorstellungen einen sinnvollen Umgang und im Schreiben einen Ausdruck zu finden, der ihm das Gefühl kontrollierbarer Handlungsfähigkeit vermittelt. Dies einzugestehen ist der erste Schritt dahin, die Falle der Selbstbezüglichkeit des Denkens zu umgehen und eine Intention mit ihm zu verbinden, die über das Bestehende (also auch die eigene Kränkung) hinaus zu weisen im Stande ist.

In diesem Sinne kritisiere ich bestehende Praktiken in linksradikalen und anarchistischen Szenen als Verfallsformen des Strebens nach Autonomie. Mehr noch trifft dies auf Irgendwie-Linke zu. Als sinnvoll erscheint mir diese Herangehensweise aufgrund der Wirkmächtigkeit der teilweise dargestellten, mit ihr mitschwingenden Assoziationen. Gleichzeitig erachte ich „Autonomie“ weiterhin als zentralen Bezugspunkt sozial-revolutionärer Bestrebungen. Mit der Vorstellung von Autonomie werden Spannungsfelder aufgemacht, die sich schwer aushalten lassen, die äußerst produktiv sind, jedoch umso fragiler und temporär erscheinen. Seien es die theoretische Vielfalt, die Verbindung von Basispolitik und politisiertem Privaten, die schwierige Zusammenarbeit z.B. mit Bürgerinitiativen, die Pluralität der Taktiken, die Konfrontation mit repressiven Strukturen oder die Versuche „Freiräume“ zu schaffen, in denen tatsächlich andere Beziehungen und Institutionen entstehen, ohne, dass es ein absolutes Außerhalb der herrschaftsförmigen Gesellschaft geben kann – überall sorgt die Autonomie für Spannungen. Meines Erachtens nach gibt es vier Tendenzen, die als Resultat einer falsch verstandenen, an sich gescheiterten oder auch besiegten Politik der Autonomie verstanden werden können:

1) Die Flucht in die reine Theorie, wie sie aus so unterschiedlichen Gruppierungen wie dem „Gegenstandpunkt“ oder bestimmten antideutschen Sekten bekannt sind. Meine ursprünglichen Vorbehalte dieser Zeitschrift gegenüber haben damit zu tun. Allgemein ist diese Tendenz bei sich selbst allgemein als „Marxist*innen“ verstehenden Personen verbreitet, greift von diesen jedoch über auf all jene, die „Praxis“ nur vom Arztbesuch her kennen, sowie jene, die sich mit ihren festen Vorstellungen „wie es halt ist“ und „was getan werden muss“, in der autonomen Gruppe nicht durchsetzen konnten. Autonome Politik bedarf selbständigen Denkens und des Austausches. Wo es selbstbezüglich, eigenbrötlerisch und rechthaberisch wird, kann es kein Gewinn für die soziale Revolution sein.

2) Dem gegenüber steht der unreflektierte Aktionismus, wie er leider ja noch nicht einmal „zu viel“ seinem Tatendrang Geltung verschafft, wo er hingegen auftritt, schlichtweg „zu unreflektiert“ ist. Es sind nicht allein die konkreten Botschaften selbst, mit denen unreflektierte Aktivist*innen bei mir das Gefühl der Fremdscham erzeugen, sondern ihre Reproduktion des bürgerlichen Politikverständnisses, ob es in radikale Phrasen gehüllt wird, oder nicht. Nein, es geht nicht hauptsächlich darum, dass sich irgendwas irgendwohin bewegt. Die jüngsten Klimaproteste etwa führen in vielerlei Hinsicht zwar zur Aktivierung unruhiger Menschen und der Kanalisierung ihres Bedürfnisses nach Handlungsfähigkeit, dienten zu einem großen Teil dennoch Akteur*innen wie den Grünen, also der ohnehin unumgänglichen Erneuerung des kapitalistischen Staates. Wer dafür eintritt, sollte sich wenigsten angemessen für seinen Aktivismus bezahlen, anstatt sich glücklich ausbeuten zu lassen. Der andere Weg wäre, wenn sich beispielsweise die Klimabewegung tatsächlich in eine autonome Bewegung transformieren ließe. Doch bisher adaptiert sie allein den radical chic.

3) Vermeintliche autonome Unverbindlichkeit, unterstellte theoretische und organisatorische Diffusität, der hohe Aufwand an eigenem Engagement und dann noch diese als lästig empfundene Herangehensweise, sich in der autonomen Politik nicht zu entfremden, führen verbitterte Dogmatiker*innen dazu, sich von ihr abzuwenden. Klarheit in der Perspektive, Einheit in der Organisation und Reinheit in der Lehre sollen her. Dahingehend überrascht es etwas, dass neben ultraorthodoxen stalinistischen Kommunist*innen18 auch ein neuer dogmatischer Ansatz im Anarchismus entstanden ist19. Hierbei geht es nicht um eine Gleichsetzung der Inhalte, sondern gerade um ihre Unterscheidung. Ersterer Ansatz ist eine insgesamt langweilige Neuauflage des antisemitischen und sektiererischen Parteikommunismus, der sich ausschließlich in Abgrenzung zu seinen Gegner*innen definiert, weil er wie ein Zombie kein eigenes Leben hat. Letztere hingegen kann als Absetzungsbewegung von autonomen Politikformen gedeutet werden.

4) Ironischerweise erwies sich die Betonung individueller Befreiung und die Kultivierung eigensinniger Anliegen in der autonomen Bewegung schließlich auch für die Entstehung eines entkoppelten Hedonismus als anschlussfähig. So wie die reine Theorie zur zynischen Kritik tendiert und der unreflektierte Aktionismus zwischen manischen und depressiven Phasen schwankt, während sich der verbitterte Dogmatismus zumeist auf Griesgrämigkeit stützt und sie hervorbringt, ist die ironische Haltung der Grundzustand des entkoppelten Hedonismus‘. Genauer genommen müsste das inflationäre Abfeiern von musikalischem oder filmischem kulturindustriellen Müll in der gesellschaftlichen Linken eher als post-ironisch bezeichnet werden, immerhin handelt es sich keineswegs mehr um die vormals emanzipierende Infragestellung des eigenen subkulturellen Geschmacks und Wertekanons, sondern das Losreißen von den letzten gegenkulturellen Rudimenten. Wenn ich dies schreibe, bin ich mir der Gefahr der unzeitgemäßen Verteidigung etwa von Punkrock als Lebenseinstellung bewusst. Dass „alternative Clubkultur nicht für Realitätsflucht, sondern Veränderung und eine kritische Haltung steht“20 oder auf der Tanzfläche alle gleich wären und die „befreite Gesellschaft“ – d.h. im Kontext „Autonomie“ – erleben könnten, habe ich jedenfalls noch nicht erlebt. Und auch wenn ich es mit den richtigen Hilfsmitteln tun würde, wäre dieses Erlebnis kritisch zu hinterfragen.

Kritik postautonomer (Post-)Politik

Insofern ich entkoppelten Hedonismus, verbitterten Dogmatismus, unreflektierten Aktionismus und die Fiktion der reinen Theorie als Tendenzen der Auflösung von mit Politik der Autonomie einhergehenden Spannungsverhältnissen verstehe, ergibt sich schon daraus eine Kritik an sogenannten „postautonomen“ Politikansätzen. Ohne, dass ich dies hier ausreichend ausführen könnte, sind sie aus anarchistischer Perspektive mindestens aus folgenden Gründen zu kritisieren:

a) Postautonome kritisieren zurecht die Unverbindlichkeit und Unklarheit der autonomen Szene, wo es dieser aufgrund ihrer Schwäche und Strukturlosigkeit nicht (mehr) gelingt, langfristige Orientierung, Politisierung und Schlagkraft zu erreichen. Ebenfalls stimmt es, dass sich in informellen genauso wie in klar strukturierten Zusammenhängen Hierarchien einschreiben, die jedoch umso schwerer transparent gemacht werden können und eine Kritik an ihnen darum als persönliche gewertet wird. Daraus den Umkehrschluss zu ziehen, dass es hierarchische und zentralisierte Strukturen brauche, wie es in der Interventionistischen Linken inzwischen der Fall ist, stellt das Aufgeben antiautoritärer Errungenschaften dar.

b) Damit einher geht die Festlegung auf bestimmte Konsense, die immer stärker in Hinterzimmern verhandelt werden, anstatt, dass unterschiedliche Positionen offen ausgetragen und Differenzen kenntlich gemacht werden würden, was die einzige Basis für eine gleichberechtigte Zusammenarbeit verschiedener Akteur*innen sein kann. Hieran anknüpfend wird in postautonomer Politik regelmäßig spontanes Handeln einzelner Gruppen beschnitten und eigenmächtiges Handeln kritisch beäugt.

c) Mit der Orientierung auf Kampagnen und der starken Inszenierung von Protest als Event, reproduzieren postautonome Gruppen einerseits den Vorwurf, welchen sie ehemals Autonomen gegenüber gemacht haben, nämlich, sich auf phasenweise Hypes zu stürzen, sich aber kaum langfristig strategisch auszurichten. Andererseits fördern sie damit tendenziell eine Spaltung von Teilzeit- oder Berufsaktivismus und Privatleben, die der Vorstellung von autonomer Politik direkt entgegensteht, welche eben jene Unterscheidung als gesellschaftlich bedingte Trennung in Frage stellt und „als ganzer Mensch“ zu überwinden anstrebt.

d) Weiterhin geht der Trend postautonomer Politik stark Richtung Symbolpolitik. Dazu wurde festgelegt, dass es stets Sprecher*innen bedürfe und ein professionelles Video mehr politisches Gewicht hat, als die eigene Initiative an der Kampagne beteiligter Gruppen. Hierbei handelt es sich allerdings meiner Wahrnehmung nach jedoch nicht allein um taktische Erwägungen, sondern um die tatsächliche Vorstellung, wie Politik funktioniert. Dies reflektiert zumindest teilweise die Aufrüstung der Polizei, die Ausweitung der Überwachung und die (auch jüngste) Verschärfung der Sicherheitsgesetze. Militantes oder überhaupt spontanes und dezentrales Handeln erscheint damit als deutlich stärkeres Risiko für die eigene Unversehrtheit als in früheren Zeiten. Im Umkehrschluss muss die Inszenierung des Ereignisses herhalten, um den Aktivist*innen das Gefühl und der Öffentlichkeit den Eindruck von Handlungsfähigkeit zu simulieren.

e) Schließlich geht es in postautonomen Ansätze nur noch wenig um die Ausprägung kritischen Denkens, welches sich tatsächlich nur durch eine selbstkritische Einstellung herausbilden kann. Anstatt dass die selbständige inhaltliche Beschäftigung in postautonomen Gruppen gefördert wird, besteht eine Tendenz zum Rückzug hinter phrasenhaften theoretischen Einheitsbrei und die Gruppenidentität. Im Zweifelsfall muss auf Theorie-Kaderpersonen verwiesen werden, um die eigenen Inhalte oder Strategien zu begründen.

Versuche zur Wiederaneignung einer anarchistischen Politik der Autonomie

Aufgrund der Begrenzung dieses Formats in Verbindung mit meiner etwas ausufernden Schreibweise, müsste ich Überlegungen, die an das geschilderte Verständnis von Autonomie anschließen, in einem weiteren Text auszuformulieren. Wie eingangs dargestellt, geht es mir damit um eine Wiederaneignung autonomer Denkweisen und Praktiken, die ich insbesondere für den Anarchismus für sinnvoll und möglich halte. Dies kann verständlicherweise nicht durch eine verkürzte Remobilisierung von Vorstellungen und Konzepten der autonomen Bewegung der 80er, 90er oder 2000er Jahre im deutschsprachigen Raum gelingen, die beispielsweise aufgrund von Kritik an ihren Organisationsformen, zu hinterfragen wäre. Zudem haben sich die gesellschaftlich-politischen Bedingungen verändert. Auch die Fiktion des „autonomen Subjektes“, welches in der autonomen Bewegung teilweise reproduziert wurde, ist zu kritisieren und könnte beispielsweise durch ein Konzept von „sozialer Singularität“ ersetzt werden. Von der Fetischisierung von Militanz, die – nicht zuletzt dank staatstragender „politischer Bildung“ und Medienberichterstattung – oftmals mit der autonomen Bewegung assoziiert wird, kann ich an dieser Stelle nicht schreiben, auch wenn diese – wie so oft – am wenigstens von den verbliebenen wirklich Militanten betrieben wird. Aus diesen Gründen ist klar, dass ich unter Wiederaneignung von Autonomie keine Kompensation für eine mich derzeit unzufrieden machende Praxis verstehe, sondern es sich mit diesem Gedanken um eine Chiffre handelt, die mit konkreten Erfahrungen statt mit abstrakten Überlegungen zu füllen wäre.

Abschließend sind für mich damit einige Kerngedanken verbunden, die an den Rahmen des bisher Dargestellten meiner Ansicht nach logisch anknüpfen:

1) Anarchistische Ansätze wie auch die autonome Bewegung versuchen eine Kohärenz zwischen verschiedenen Ebenen herzustellen. Wenn Autonomie an dieser Stelle vorrangig als ein Organisationsprinzip verstanden werden soll, ist sie dennoch auf einer Ebene der ethischen Werte mit der Forderung nach Selbstbestimmung verbunden und hängt auf der theoretischen Ebene mit Grundannahmen zur Selbstorganisationsfähigkeit von sozialen Gruppen und der netzwerkartigen „Gesellschaft von Gesellschaften“ zusammen. Diese Übereinstimmung ist selbstverständlich nicht durch ein bloßes Postulat gegeben, sondern fortwährend aktiv herzustellen. Dahingehend ist es entscheidend, Autonomie nie alleine, sondern stets mit anderen anarchistischen Organisationsprinzipien wie Dezentralität, Förderalismus, Horizontalität und Freiwilligkeit als verknüpft zu begreifen und zu thematisieren.

2) Die erneuerte Vorstellung von Autonomie beinhaltet, dass eine politische Organisation nach wie vor jenseits von Parteien und NGOs möglich ist, ohne deswegen in individualistische Irrelevanz oder Sektierertum zu münden. Dass viele autonome Gruppen kurzlebig oder gescheitert sind, ist meiner Ansicht nach kein Argument dafür, dass ihre Ansätze zwangsläufig verkümmern oder in postautonome Formen münden müssen. Vielmehr kommen dadurch multiple Spannungen zum Vorschein, die zwar nicht leicht auszuhalten sind, mit denen es sich jedoch lohnt, produktiv umzugehen, um radikal werden zu können.

3) Autonome und viele anarchistische Vorstellungen verbindet, dass sie ihr Denken und Handeln nicht aus einem Theoriekanon ableiten oder von einer Führungsriege vorgeben lassen, sondern, dass sie sich in sozialen Auseinandersetzungen bilden und aus bestimmten Betroffenheiten ergeben. Gruppenidentitäten, die durch spezifische Ideologien zusammengehalten werden, sollten bei der autonomen Organisierung nicht im Vordergrund stehen, auch wenn es ein Wechselverhältnis zwischen den gelebten Praktiken und inhaltlicher Analyse gibt und geben muss.

4) Mit dem Vorrang der Praxis in diesem Sinne verbunden, ist die Suche nach Handlungsmöglichkeiten, ohne dass ihre strukturellen Bedingungen geleugnet werden. Die Erfahrung der individuellen und kollektiven Handlungsfähigkeit darf nicht zum Selbstzweck werden, gilt aber als wesentliche Voraussetzung für die Herausbildung sozial-revolutionärer und emanzipatorischer Akteur*innen. Autonomie wird daher (und wurde auch früher nie) als erreichbares Idealbildes eines fiktiven Außerhalb der Gesellschaft verstanden, sondern als erfahrbarer Organisations- und Handlungsmodus, der die Ohnmachtserfahrungen der bestehenden Gesellschaft als ihr Produkt begreift, deswegen als veränderlich ansieht und ihre Illusionen von Selbstwirksamkeit durchschaut. Stattdessen befindet sich autonome Politik im Widerspruch zu ihnen und ermöglicht daher die Entwicklung und Entfaltung der Selbstbestimmung von Einzelnen, welche zugleich Bedingung und Ergebnis emanzipatorischer Kämpfe sind.

5) Autonomie als Organisationsform, verbunden mit der ethischen Forderung von Selbstbestimmung und der theoretischen Reflexion über Möglichkeiten von Selbstorganisation, stellt eine Fluchtlinie für eine solidarische, freie und gleiche Gesellschaft dar. Das heißt, im anarchistischen Sinne ist sie als Mittel und Ziel der sozialen Revolution zu begreifen, welche heute und hier oder gar nicht beginnt. Unter sozialer Revolution ist wiederum etwas anderes als politische Revolution oder politische Reform zu verstehen. Deswegen steht Autonomie nicht einfach für den radikalen Flügel einer linksliberalen Zivilgesellschaft, sondern strebt die Überwindung von gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen und -institutionen an.

6) Daraus ergibt sich für eine anarchistische Politik der Autonomie meiner Ansicht nach einerseits eine gesunde Skepsis gegenüber politischem Handeln an sich, da dieses tendenziell dem Staat zugeordnet wird, und andererseits eine grundlegende Infragestellung von „Demokratie“ als Herrschaftsform. Auch wenn sie aus dem gesellschaftlichen Widerspruch nicht herauskommt, dass eine Überwindung der Herrschaftsverhältnisse nur in-und-gegen diese möglich ist, stellt sie sich dennoch auf einen Standpunkt des jenseits dieser, um deutlich zu machen, dass die vermeintliche Totalität Brüche und Risse aufweist und parallel zu den dominierenden auch andere Verhältnisse bestehen.

1 Diese Tradition wird auch von kritischeren Strängen in der gegenwärtigen Philosophie fortgesetzte, siehe z.B. Khurana, Thomas; Menke, Christoph (Hrsg.), Paradoxien der Autonomie, 2. Aufl. 2019, Berlin 2019.

Eine Konferenz mit dem Titel „Spontaneität und Autonomie“ am Forschungskolleg Analytic German Idealism vom 3.-5.01.2019 verdeutlicht, dass das Thema weiterhin aktuell bleibt.

2 Bakunin, Michael, Der Kampf gegen die Gesellschaft [1871], in: Rammstedt, Otthein (Hrsg.), Anarchismus. Grundtexte zur Theorie und Praxis der Gewalt, Köln 1969, S. 44-56, hier: S. 49.

3 Vgl. Bakunin, Michael, Das knutogermanische Kaiserreich und die soziale Revolution [1870], Ders., Gesammelte Werke, Band 1, Berlin 1975, S. 5-28; hier: S. 23.

4 So gab Erich Mühsam von 1911-1919 die Zeitschrift Kain – Zeitschrift für Menschlichkeit heraus, der Titel sehr bewusst gewählt war.

5 Möglicherweise wird in diesem Zusammenhang die Promotion von Alexandra Busch neue Erkenntnisse zu Tage fördern, die im November 2017 in Hamburg auf dem Kongress Anarchistische Perspektive auf Wissenschaften einen Vortrag hielt zum Thema: Zur Frage der Anwendbarkeit der Philosophie Immanuel Kants auf eine zeitgemäße anarchistische Ethik.

6 Mit einer postanarchistischen Subjekttheorie beschäftigte ich mich u.a. in: Tsveyfl, Nr. 2, S. 81-92.

7 vgl. Erikson, H. Erik, Identität und Lebenszyklus. Drei Aufsätze, Frankfurt am Main 1973

8 Vgl. z.B. Danneberg, Bärbel, Ein Stück Autonomie, in: An.Schläge. Das feministische Magazin, Februar 2019; verfügbar auf: https://www.anschlaege.at/feminismus/2019/02/ein-stueck-autonomie/; zuletzt aufgerufen am: 12.07.2019.

9 Vgl. Augstein, Jakob (Hrsg.), Reclaim Autonomy. Selbstermächtigung in der digitalen Weltordnung, Frankfurt am Main 2017.

10 Die Konferenz Autonomy & The Urban Mobility Summit 16./17.10.2019 (Paris) wird organisiert wird organisiert vom Car-Sharing-Unternahmen „Stars“; verfügbar auf: http://stars-h2020.eu/event/autonomy-the-urban-mobility-summit/; zuletzt aufgerufen am: 12.07.2019.

11 Budde, Joachim, Autonome Waffensysteme. Wenn Waffen selbst über Leben und Tod entscheiden, Beitrag vom 15.02.2019; verfügbar auf: https://www.deutschlandfunk.de/autonome-waffensysteme-wenn-waffen-selbst-ueber-leben-und.676.de.html?dram:article_id=441194; zuletzt aufgerufen am: 12.07.2019.

12 Bastian, Nicole; Hua, Sha, Proteste eskalieren: Die Menschen in Hongkong kämpfen um ihre Autonomie, in: Handelsblatt.com am 12.06.2019; verfügbar auf: https://www.handelsblatt.com/politik/international/unruhen-proteste-eskalieren-die-menschen-in-hongkong-kaempfen-um-ihre-autonomie/24448238.html?ticket=ST-5186260-hGyBZG3HtoxmNc3f0lQh-ap1; zuletzt aufgerufen am: 12.07.2019.

13 Kerkeling, Luz, Autonomie statt Elitenwechsel. 25 Jahre Aufstand der Zapatistas in Chiapas / Mexiko, in: graswurzelrevolution, am 30.01.2019; verfügbar auf: https://www.graswurzel.net/gwr/2019/01/autonomie-statt-elitenwechsel/; zuletzt aufgerufen am: 12.07.2019.

14 Mezzadra, Sandro, Autonomie der Migration – Kritik und Ausblick. Eine Zwischenbilanz, übersetzt von Birkner, Martin, in: grundrisse. zeitschrift für linke theorie & debatte; verfügbar auf: https://www.grundrisse.net/grundrisse34/Autonomie_der_Migration.htm; zuletzt aufgerufen am: 12.07.2019.

15 Vgl. z.B. die „Hallmarks“, also Grundsätze des Peoples‘ Global Action (Network), die 2001 auf der Konferenz in Cochabamba verschlossen wurden, verfügbar auf: https://www.nadir.org/nadir/initiativ/agp/free/pga/hallm.htm; zuletzt aufgerufen am: 12.07.2019.

16 Die Illusion vom vermeintlich „herrschaftsfreien Raum“ der Öffentlichkeit wird u.a. reproduziert von: Honneth, Axel, Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung, Berlin 2015, S. 143ff..

17 Zumindest von der Analyse her geeignet ist dafür Wright, Erik Olin, Reale Utopien. Wege aus dem Kapitalismus, Frankfurt am Main 2017.

18 Die sogenannte „Kommunistische Organisation“ wurde Ende 2018 von vormaligen DKP und SDAJ-Mitgliedern gegründet, weil ihnen diese Organisationen nicht stalinistisch genug waren; verfügbar auf: https://kommunistische.org/; zuletzt aufgerufen am: 12.07.2019.

19 Die plattformistische Gruppierung „Die Plattform“ wurde ebenfalls Ende 2018 gegründet und strebt an, eine „dritte anarchistische Föderation im deutschsprachigen Raum“ zu gründen. Verfügbar auf: https://www.dieplattform.org/; zuletzt aufgerufen am: 12.07.2019.

20 Sie den Vortrag von „#afdwegbassen“ auf dem 35C3-Kongress vom Chaos Computer Club am 30.12.2018 in Leipzig; verfügbar auf: https://media.ccc.de/v/35c3-9943-afdwegbassen_protest_club-_kultur_und_antifaschistischer_widerstand#t=22; zuletzt aufgerufen am: 12.07.2019; hier insbesondere ab Min. 37.

Die Armut der Kritik am Anarchismus

Lesedauer: 20 Minuten


von: Mona Alona // Juni 2019

Teaser:
In der Erfurter Zeitung „Lirabelle“ hätte eine Debatte zur vermeintlichen Kritik am Anarchismus und seiner Verteidigung stattfinden können. Auslöser waren die Vorurteile, Diffamierungen welche die Autorin Minna Takver verbreitete, in Verbindung mit ihrer hahnebüchenden Unkenntnis ihres Gegenstandes. Anstatt sich der Auseinandersetzung wirklich zu stellen, lehnte die Redaktion der Lirabelle den zweiten Teil der „Armut der Kritik des Anarchismus“ von Mona Alona ab. Da es sich um eine beispielhafte Reaktion handelt und es Formen solidarischer, respektvoller und konstruktiver Auseinandersetzungen weiter zu üben gilt, lohnt es sich, diese schriftliche Provinz-Debatte als Beispiel vor Augen zu führen. Und selbstverständlich, weil der zweite Teil der „Armut der Kritik am Anarchismus“ ja auch irgendwo noch auftauchen sollte und das Ganze ein gewisses Lesevergnügen bereitet.
Wer sich den billigen Szene-Gossip ersparen will, kann die Texte von Minna Takver auch überspringen. Wer den zweiten Teil der Entgegnung lesen möchte, kann ins letzte Viertel scrollen…

„Die Armut der Kritik am Anarchismus“ weiterlesen

Piratinnen-Abenteuer auf feministisch

Lesedauer: 4 Minuten

Rezension zu Die Irrfahrten der Anne Bonnie von Koschka Linkerhand (Querverlag 2018)

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #104, September 2019

von Simone

Als „Coming-of-Age-Geschichte“, als „Jugendroman“, bezeichnet die Leipziger Autorin Koschka Linkerhand ihren im letzten September erschienenen Roman Die Irrfahrten der Anne Bonnie, der schon einige Jahre zuvor die Grundlage für ein Theaterstück war. Das Setting ist das sogenannte „Goldene Zeitalter“ der Pirat*innen in der Karibik, wie es in der teils historisch fundierten, vor allem aber mythisch umwobenen Piratenlegende (offiziell) von Daniel Defoe im Buch A General History of the Pyrates (1724) bezeichnet worden war. Als Protagonist*innen dienen die Figuren der sich selbst suchenden Anne Bonnie, der mutigen, zwiespältigen Mary Reed und dem Captain „Calico“ Jack Reckham.

„Piratinnen-Abenteuer auf feministisch“ weiterlesen

Anarchistische Demokratiekritik

Lesedauer: 14 Minuten

Originaltitel: Immer wieder notwendig: Anarchistische Demokratiekritik

– Eine Besprechung von From Democracy to Freedom. Der Unterschied zwischen Regierung und Selbstbestimmung (CrimethInc, bei Unrast 2018).

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #104, September 2019

von: Jonathan Eibisch

Zum aktuellen Buch von CrimethInc, dass 2018 auf deutsch erschienen ist, gab es zwar schon erste Lesungen des Übersetzungskollektivs.1 Eine ausführlichere Darstellung des Buches lohnt sich dennoch, weil die Grundproblematiken die darin behandelt werden immer wieder auftreten. Auch in anarchistischen Zusammenhängen bestehen unterschiedliche Ansichten in Hinblick auf den Nutzen etwa von „direkter Demokratie“. Nur wenige Vorstellungen, Interpretationen und Praktiken sind verbreitet, die der Falle des Politikmachens entgehen ohne gleichzeitig post-politisch oder „unpolitisch“ zu werden, das heißt die Vorstellung und Hoffnung aufzugeben, dass wir die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend verändern sollten und dies auch können.

„Anarchistische Demokratiekritik“ weiterlesen

Für eine neue anarchistische Theorie!

Lesedauer: 45 Minuten

Jonathan Eibisch // September 2019

zuerst veröffentlicht in 3 Teilen: Gai Dao # 106, Januar 2020, #107, März 2020, #108, Mai 2020

Zusammenfassung:

Die Ausprägung und Weiterentwicklung anarchistischer Theorie ist ein wichtiger Bestandteil zur Formierung eines sozial-revolutionären Projektes und kein Selbstzweck. In Anschluss an Gedanken zur anarchistischen Synthese gibt dieser Text einen Anstoß zur kollektiven Arbeit an gemeinsamen theoretischen Grundlagen. Damit wird eine nicht-akademische Reflexion über autonome Theorie-Bildung ermöglicht.

Die Geschichte schreitet voran. Es nützt nichts, sich über die Wege zu beschweren, die sie geht. Diese Wege sind das Ergebnis einer langen Evolution. Gleichzeitig wird die Geschichte von Menschen gemacht.

Wenn wir den Verlauf der Geschichte nicht gleichgültig und passiv beobachten, sondern die Ereignisse im Sinne unserer Ideale mitbestimmen wollen, müssen wir uns mit den Tatsachen, vor die sie uns stellt, auseinandersetzen und uns in den historischen Konflikten positionieren.

– Errico Malatesta 1892