Sozial-liberale Inspirationsquelle oder Extremismus der Mitte?

Lesedauer: 26 Minuten

– äußerst ausführliche Buchbesprechung zu Wilhelm Wolfgang Schütz Antipolitik. Eine Auseinandersetzung über rivalisierende Gesellschaftsformen, Köln/Berlin (1969)

zuerst veröffentlicht auf: untergrund-blättle.ch

Jonathan Eibisch

Der Ausgangspunkt: „Erschütterungen“ und „Unfrieden“

In meiner Suche nach Bezugspunkten für die Erarbeitung eines anarchistischen Politikverständnisses stieß ich auf das Buch Antipolitik. Eine Auseinandersetzung über rivalisierende Gesellschaftsformen des Politikberaters und Journalisten Wilhelm Wolfgang Schütz. Zunächst gelangweilt vom etwas altväterlich wirkenden Stil des Autoren, wollte ich es lediglich grob durchzublättern, bis ich entdeckte, dass der Autor einer recht seltenen und heute kaum mehr anzutreffenden Gruppe angehört: Schütz (1911-2002) war tatsächlich ein Sozial-Liberaler, einer, der die Freiheit der Einzelnen betonte, mit humanistischem Ansatz Menschenrechtsvergehen anprangerte und für eine sich selbst kontrollierende demokratische und pragmatische Sachpolitik eintrat. Bekannt ist er für seine unkonventionellen Vorschläge zur damals sogenannten „Deutschlandpolitik“, also den Bestrebungen zur Wiedervereinigung. Er wollte sie durch eine wechselseitige Annäherung und wirtschaftliche Verflechtungen erreichen. Äußerst selten kommt es vor, dass jemand, die*der Teil des politischen Establishments ist, in diesem Betrieb zugleich eine selbstkritische Haltung einnimmt und eigene Meinungen vertritt. Schließlich ist es ja auch selten, dass Politiker*innen überhaupt eigene Meinungen haben.

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