Ein postanarchistischer Ansatz zur Untersuchung sozialer Bewegungen

Lesedauer: 2 Minuten

Originaltitel: Whose streets, whose power? – Which streets, what power? – Ein postanarchistischer Ansatz zur Untersuchung sozialerBewegungen

Jonathan Eibisch

zuerst veröffentlicht in: Judith Vey, Johanna Leinius, Ingmar Hagemann (Hrsg.), Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen. Ansätze, Methoden und Forschungspraxis, Bielefeld:. transcript 2019, S. 184-197.

verfügbar open source beim Transcript-Verlag

Abstract:

Konzeption eines postanarchistischen Ansatzes

Kernidee und Perspektive des Ansatzes

Mit dem hier vorgestellten postanarchistischen Ansatz wird eine solidarisch-kritische Befragung sozialer Bewegungen auf ihren Umgang mit Macht möglich, wozu ein Denken in Paradoxien genutzt wird. Ausgangspunkt der postanarchistischen Perspektive ist, dass Akteur*innen in (emanzipatorischen) sozialen Bewegungen ein ambivalentes Verhältnis zu Macht und Herrschaft haben, welches jeweils spezifiziert und problematisiert werden kann. Postanarchistische Ansätze gehen vom Konzept einer nach Autonomie strebenden Politik aus, die damit sichtbar und theoretisierbar wird. Damit betrachten sie, wie die ethischen, organisatorischen und theoretischen Ebenen von Akteur*innen-Handeln vermittelt werden.

Zentrale theoretische Grundlagen/Arbeiten

Im postanarchistischen Ansatz werden verschiedene theoretische Denkfiguren aus poststrukturalistischen Theorien mit anarchistischen Vorstellungen und Annahmen verbunden. Einen Hauptbezugspunkt dafür stellt Saul Newman (2010) dar, weil in seinem Werk diese Verbindung nach-vollziehbar gezogen wird und damit Grundlagen für eine erneuerte politische Theorie entwickelt werden. Die Annahme eines grundlegenden Spannungsfeldes zwischen Politik und Ethik/Utopie erweist sich als plausibel, um anarchistisches Denken zu erfassen.

Anwendung: Methoden

Der Postanarchismus stellt einen theoretischen Ansatz zur Verfügung, aus welchem kein bestimmtes Methodenset folgt. Im Rahmen der entwickelten Betrachtungsweise wird die Annahme einer Kluft einerseits zwischen den Ansprüchen von bestimmten Akteur*innen und ihrem tatsächlichen Handeln, sowie andererseits zu anarchistischen Zielvorstellungen und Handlungsstrategien zugrunde gelegt.

Anwendung: Fallbeispiel

Illustriert wird der konzeptionelle Beitrag durch Erfahrungen in den Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg 2017.

Anwendung: Beispiele

Richard Day mit Gramsci is dead (2005) theoretisiert die globalisierungskritische Bewegung mit einer postanarchistischen Perspektive Saul Newman verbindet in The Politics of Postanarchism (2010) verschiedene Elemente poststrukturalistischer Theorien synkretistisch mit anarchistischem Denken um einen postanarchistischen theoretischen Ansatz zu entfalten Markus Lundström arbeitet in An Anarchist Critique of Radical Democracy (2018) mit postanarchistischer Theorie, um unter anderem die »Husby Riots« von 2013 unter einem spezifischen Blickwinkel zu betrachten

Für eine neue anarchistische Organisierung!

Lesedauer: 49 Minuten

Jonathan Eibisch

Zusammenfassung:

Es gibt unterschiedlichste Organisationen, die nach anarchistischen Prinzipien funktionieren. Mit verschiedenen Ansätzen streben sie danach, Autonomie zu verwirklichen, direkte Aktionen hervorzubringen, Menschen zu ermächtigen und genossenschaftliche und solidarische Beziehungen zu entwickeln. Um anarchistische Organisierungsprozesse neu anzustoßen, gilt es zunächst ihre Grundgedanken ins Bewusstsein zu rufen und über sie zu reflektieren.

Der Bruch auf dem Kongress von Nantes ging weit über die bloße Trennung von den politischen Elementen hinaus, er markierte den definitiven Bruch mit dem kapitalistischen Regime.

Die Arbeiterklasse war dabei, sich autonome Organe zu schaffen, die einstweilen Kampforgane sein, aber in Zukunft genügend revolutionäre Kraft entwickeln sollten, um den politischen und Verwaltungsinstitutionen der Bourgeoisie entgegentreten und sie je nach Bedarf zerstören oder übernehmen können.“

– Émile Pouget 1905

Kommune der Faschisten

Lesedauer: 4 Minuten

Kersten Knipp: Die Kommune der Faschisten. Gabriele D’Annunzio, die Republik von Fiume und die Extreme des 20. Jahrhunderts

zuerst veröffentlicht auf: kritisch-lesen.de unter dem Titel „Kein faschistisches Paris“

Jonathan Eibisch

Wie in seiner zuvor erschienen zeitgeschichtlichen Studie „Im Taumel. 1918 – ein europäisches Schicksalsjahr“ gelingt es Kersten Knipp auf anschauliche Weise von der historisch-politischen Ausnahmeerscheinung, der zwischen 1919 und 1920 bestehenden Republik von Fiume, wie angekündigt, die Extreme des 20. Jahrhunderts zu beleuchten. In neun Kapiteln verknüpft Knipp die spannende Lebensgeschichte des exzentrischen Dichters Gabriele D’Annunzio, mit den Wirren der stark umkämpften forcierten Nationalstaatenbildung Italiens, dessen permanentes Legitimationsdefizit die Entstehung und schließlich den Aufstieg des historischen Faschismus begünstigte.

Im Stil einer literarischen Collage gelingt es Knipp dabei, der Leserin geschichtswissenschaftliche Studien und zahlreiche Zeitzeugnisse auf nachvollziehbare und kurzweilige Weise zu präsentieren. Dabei überrascht er mit einer Vielzahl an literarischen Einschüben, durch welche das Lebensgefühl der Jahrhundertwende, von der Dekadenz des Fin de Siècle bis zur – von den italienischen Nationalisten empfundenen – Kränkung eines „verstümmelten Siegs“ nach dem Ersten Weltkrieg, in die heutige Zeit gespiegelt wird. Immer wieder sucht Knipp aktuellere Bezugspunkte, indem er etwa die sexuellen, psychedelischen und musikalischen Exzesse der Aufständischen der kroatisch-italienischen Adriastadt – dem heutigen Rijeka – mit der Hippiebewegung der 1968er Jahre parallelisiert.

Insbesondere in seinem Schlusskapitel zum „demagogischen Erbe“, geht Knipp auf den heute vorhandenen Rechtspopulismus, die postdemokratische Ära Berlusconi und das von Beppe Grillo gegründete Movimento 5 Stelle ein. Der nationalistische, mit dem Futurismus sympathisierende, bekennende Kriegsbefürworter D’Annunzio ist zugleich ein selbstdarstellerischer und wankelmütiger Literat. Knipp stellt ihn als Vorläufer und Prototypen eines skrupellosen pseudo-faschistischen Anti-Politikers vor, der Gefühlsregungen über jede sachliche politische Überlegung und Abwägung stellt. Ausführlich zeichnet Knipp nach, wie der kühl berechnende Egozentriker die Schwingungen seiner Zeit gezielt aufnimmt, um in der kapitalistischen Massengesellschaft einen bis ins Extreme gesteigerten bürgerlichen Individualismus zu kultivieren, der sich zaghaft entwickelnden Demokratie mit Verachtung zu begegnen und im Technologiezeitalter hautnah bei der Etablierung des Flugzeugs mit zu fiebern – und bald darauf bei den ersten Formen des Luftkriegs.

Spannend liest sich die Gemengelage verschiedenster miteinander ringender politischer Strömungen und Weltanschauungen etwa von Syndikalismus, radikalem Sozialismus über das liberale Lager, den erzkonservativen Katholizismus bis hin zum Faschismus, welche das Setting abgeben, in welchem D’Annunzio und seine Zeitgenossen sich bewegen.

Mit dem Ausbleiben militärischer und internationaler politischer Erfolge, einer durch den Krieg traumatisierten Jugend, der Mobilisierung unterschiedlichster Mythen, der Instabilität des italienischen Regimes, wie auch den bahnbrechenden technologischen Neuerungen, erklärt Knipp die nationalistische Projektion, mit welcher eine Gruppe Freischärler die Kleinstadt Fiume in die italienische Nation eingliedern und annektieren wollten. Gabriele D’Annunzio sei derjenige, welcher diesen kollektiven Wahn kanalisiert, die Richtung weist und mit seiner Sprache der Illusion kurzzeitig zur Wirklichkeit verhilft. Dieses Vorhaben kann als Protest gegen die Realität internationaler Politik und der Machtverhältnisse in dieser verstanden werden, wie sie 1919 in Paris neu verhandelt worden waren. Nicht zu Letzt wird dabei um die Interpretation des Wilson’schen Diktums eines „Selbstbestimmungsrechtes der Völker“ gerungen. Mit deutlichen Tendenzen zum Faschismus, handelte es sich bei diesem seltenen Spektakel in Fiume dennoch um einen Vorläufer desselben, vermischt mit sozialistischen, anarchistischen, liberal-demokratischen, in jedem Fall: anti-katholischen Aspekten. So wird beispielsweise die Kaperung von Schiffen mit antiimperialistischen Argumenten gerechtfertigt, als die Versorgung des Freistaats schon in absehbar Zeit im Zusammenbruch begriffen ist.

Kritisch anzumerken ist dahingehend, dass Knipp das eigentliche Ende dieses Experiments gar nicht beleuchtet. Als schwierig erachtet werden muss, dass er Passagen in denen von ungezügelter Erotik die Rede ist, unreflektiert mit der Anwesenheit von Frauen gleichsetzt, welche in dieser Lesart jedoch lediglich als bloßes Beiwerk zum Handeln egozentrischer Männer degradiert werden. Wenngleich dies der Wahrnehmung der nationalistischen Protagonisten durchaus entspricht, wäre es an Knipp gewesen, diese Darstellung zu durchbrechen, anstatt sie (vermutlich ungewollt) zu reproduzieren. In Hinblick auf den Nationalismus und die Kriegstreiberei gelingt es ihm immerhin auch, dessen instrumentelle Einführung und bewusste Förderung darzustellen und zu problematisieren. So interessant die zeitgeschichtliche Darstellung insgesamt ist, scheint der Titel des Buches nur teilweise treffend gewählt: Um die Episode der Republik Fiume selbst geht es schließlich lediglich nur in einem Kapitel explizit und wie Knipp selbst darstellt handelt es sich bei ihr nicht um ein rein faschistische Angelegenheit.

Wenn die Absicht darin bestehen sollte, diese mit der Bedeutung der Pariser Kommune von 1871 für die sozialistische Bewegung zu analogisieren, hinkt der Vergleich meines Erachtens nach in mehrfacher Hinsicht. Immerhin wurde Paris nicht von aufständischen Elitetruppen besetzt, sondern tatsächlich von großen Teilen der Bevölkerung selbst verwaltet, wobei reguläre Nationalgardisten zu dieser überliefen. Zwar spielten beide Ereignisse in von Krieg bedingten Umbruchsituationen, doch ist die Kommune von Paris nicht als Protest gegen die sich verändernden internationalen Machtverhältnisse zu betrachten, sondern als einer gegen autoritäre und zentralisierte Staatlichkeit selbst. In diesem Sinne stellte die Pariser Kommune im Unterschied zu Fiume auch weder einen Verhandlungsgegenstand internationaler Politik dar, noch diente sie zur Stärkung der Nation. Im Gegenteil war sie vielmehr ein – im weiten Sinne sozialistisches – Aufbegehren gegen die erzwungene Nationalstaatlichkeit. Was die Bereiche der Kultur und Lebensgestaltung angeht, wurden in beiden – tendenziell autonomen – Verwaltungsgebilden Frauen zumindest formell gleichgestellt. Im Fall der Pariser Kommune kommt darin tatsächlich ein Vorbild für die Weiterentwicklung des Sozialismus zum Ausdruck. Die Republik Fiume war damit allerdings keines für den Faschismus, welcher bekanntlich ganz im Gegenteil jegliche emanzipatorische Errungenschaften abschaffte. Am ehesten waren – wie Knipp fortwährend betont – der Führerkult, die Manipulation der Masse, die Entfaltung teils hanebüchener Mythologien und die übertriebene Ästhetisierung des Politischen die Wegweiser für den späteren Faschismus und wurden von diesem offenbar auch direkt aufgegriffen.

Dennoch gelingt es dem Autoren überzeugend, gerade die Vermischung verschiedenster ideologischer, mythologischer, politischer Aspekte und Lebensstile in einer Phase der allgemeinen Verunsicherung, der Orientierungslosigkeit und des Umbruchs darzustellen. Der Wert des Buches liegt demnach nicht in der Entdeckung neuer geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern darin, dass er einen Teil italienischer Geschichte lebendig beschreibt und andeutet, welche Lehren aus ihr gezogen werden könnten.