Für eine neue anarchistische Synthese!

Lesedauer: 41 Minuten

Jonathan Eibisch

zuerst veröffentlicht in 4 Teilen in: Gai Dao #100, #101, #102, #103

Zusammenfassung:

Mit diesem Text versuche ich eine Position in eine Strategiendebatte einzubringen, die zum Zeitpunkt seines Erscheinens aktuell ist. Zugleich handelt es sich um einen relativ zeitlosen Text, der das grundlegende Thema betrifft – und dieses neu setzen will -, ob und wie eine pluralistische Organisation möglich ist. Der Inhalt der sozialen Revolution ist keineswegs neu, ebenso wenig wie die Erkenntnisse des synthetischen Anarchismus, dass die verschiedenen Strömungen ihre Berechtigung haben und sie sich darum auf das Gemeinsame besinnen sollten, um Stärke und Selbstbewusstsein entwickeln zu können.

Meist sind es jedoch gerade die scheinbar klaren Einsichten, deren Überprüfung eine tiefe Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zum Vorschein bringt. Dies muss kein Problem sein. Immerhin erweisen sich fundamentale Wahrheiten (wie jene, dass wir aufeinander angewiesen sind und dass Vielfalt unsere Stärke ist), deswegen als wahr, weil wir sie nicht zu fassen kriegen und im Letzten nicht definieren können. Was wir scheuen, sind die ernsten solidarischen Auseinandersetzungen, weil wir verlernt haben, uns konstruktiv zu streiten. Doch nur, wenn wir den Tatsachen ins Augen blicken und uns ent-täuschen lassen, können wir die anarchistische Synthese neu eingehen. Denn ihrem Wesen nach ist sie nicht, sondern ist nur im Werden – das heißt, wenn wir sie bilden.

Nie zuvor war ein Zusammenschluß unserer Kräfte so notwendig wie heute. Heute, wo wir fast allein stehen gegen eine Welt von Feinden mit unserem Ideal der Freiheit, das durch die Entwicklung des [neuen] Faschismus und des [diskreditierten] Bolschewismus eine neue Bedrohung erfahren hat. Beeilen wir uns! Laßt uns nicht einen Tag verlieren! […]

Je zerstreuter unsere Kräfte sind, umso schwächer sind wir. Je stärker solidarische Bande uns vereinen, umso mächtiger wachsen uns die Kräfte. Laßt uns diese elementare Wahrheit nie aus dem Auge verlieren. Sorgt dafür, daß sie die Richtlinie unseres Handelns werde!“

– Sebastien Faure 1928

Endlich neue Tatsachen!

Lesedauer: 12 Minuten

Zu einigen grundlegenden Widersprüchen in der neuen anarchistischen Zeitschrift In der Tat.

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #99, März 2019

von Jens Störfried

Es gibt eine neue anarchistische Zeitung, IN DER TAT. Die erste Ausgabe des insurrektionalistischen Blattes erschien im Oktober 2018, die zweite folge im Januar 2019. Wenn sich das Projekt etabliert, haben wir es also mit einem Vierteljahres-Zirkular zu tun. Selbstverständlich sollten wir jedes anarchistische Zeitungsprojekt begrüßen, auch und gerade, wenn es unbequem ist – zumindest solange es sich zurecht als solches bezeichnet. Dabei liegt es in der Sache, dass Anarchist*innen selbst jeweils verschiedene Ansichten zum Individualismus‘ haben, der in In der Tat propagiert wird. Insbesondere, weil die Herausgebenden Beteiligung und eine Debatte wünschen, was ich gut und wichtig finde, möchte ich hier einige Zeilen auf ihre Inhalte verwenden.

Anmerkungen zu anarchistischer (Text-)Kritik

Diese fallen absichtlich kritisch aus, beziehen sich aber einfach auf die vorliegenden Texte und nicht die Menschen, die sie geschrieben haben als Personen. Es wird auch nicht unterstellt, dass sie „an sich“ eine „falsche“ Praxis hätten und diese aus ihren in Textform dargelegten Denkweisen folgen müsste. Ziel ist es also NICHT „die“ Insurrektionalist*innen oder „dem“ Insurrektionalismus „an sich“ dumm zu machen, zu verurteilen oder was auch immer. Die Fragen, die sich daraus ergeben werden für alle Anarchist*innen als wichtig angesehen, weil die Widersprüche, die sich hier auftun, alle angehen. Deswegen ist eine Kritik einiger Aspekte dieser Art anarchistischer Texte aus einer solidarischen Haltung heraus meiner Ansicht nach legitim. Eine umfassende Textkritik kann hier aber nicht vorgenommen, sondern allen sonstigen Leser*innen überlassen werden. Dabei gibt es Sinn, bei den eher programmatischen Texten der anonymen Autor*innen anzufangen…

Bloße Negation oder Neuschaffung? / Revolutionäre Theorie oder praktisches Projekt?

Allgemein durchziehen die Texte ziemlich grundsätzliche Widersprüche. Beispielsweise im ersten einleitenden Text gleich zu Beginn zu lesen ist: „Jegliche Autorität in Frage zu stellen, jedliche [sic!] Formen von Herrschaft zu verwerfen und mit diesen in Konflikt zu treten, ist ein ständiger Kampf. Ein Kampf, in dem wir versuchen freie Beziehungen jenseits des Bestehenden zu entwickeln – doch etwas Neues zu schaffen bedeutet auch immer sich auf Unbekanntes einzulassen und neue Beziehungen, neue Projekte, neue Schritte und Experimente zu wagen“ (#1, S. 1). Was zunächst sehr inspirierend klingt, wird in den letzten Zeilen desselben Artikels jedoch schließlich verworfen. Anstatt etwas Neues schaffen zu wollen, steht dort nämlich geschrieben, der Anarchismus sei „also keine Theorie, welche die verschiedenen Individuen in einen Topf zu werfen beabsichtigt und ihnen ein neues Ideal, neue Moralgesetze und Normen überstülpt […]. Für uns kann er auch nicht die Theorie der Verwaltung einer künftigen ‚anarchistischen Gesellschaft‘ sein, sondern nur eine Theorie (und Praxis) des Kampfes der Zerstörung der Herrschaft. Er bietet somit keine positive Sicherheit, welche das Individuum so oder so besser in sich selbst und nicht ausserhalb [sic!] – in Theorien – suchen sollte“ (#1, S. 4). Also wie jetzt? Ist Anarchismus nun eine Neues schaffende Kraft oder die bloße Negation des Bestehenden?

Und der zweite Widerspruch ist in hierbei ja schon mit enthalten: Einerseits sei das „Projekt des Anarchismus […] also nicht Selbstzweck und auch keine blosse Philosophie, sondern Teil des Kampfes aller unterdrückten Menschen um Befreiung“ (Ebd.), andererseits heißt es, Anarchismus „das ist also eine revolutionäre Theorie welche das Ende jeder Herrschaft bezweckt“ (Ebd.). Na wie denn nun, Anarchismus als Theorie oder nicht? Fest stehe, für „die“ (also wohl: den) Autoren sei „also der Anarchismus nicht bloss eine weitere ‚politische Philosophie‘, welche einfach so an Schulen vermittelt werden könnte“ (#1, S. 3), denn Lehrer*innen, die ihn vermitteln würden, müssten ja mit ihrer eigenen Rolle in der Zwangsinstitution Schule brechen. Wahrscheinlich würden sie damit in Konflikt geraten, ja. Doch abgesehen davon, dass ich selbst noch nie ein*e Lehrer*in etwas Sachliches über Anarchismus habe sagen hören und zwar überrascht, aber keineswegs dagegen wäre, wenn sie dies tun würden, ergibt sich aus dieser Aussage keine Begründung dafür, warum der Anarchismus nicht auch eine politische Philosophie sei. (Wobei völlig klar ist, dass er weit mehr ist.) Zugespitzt gesagt: Weil Anarchist*innen so marginal und bedeutungslos sind und ihnen der Mainstream abspricht, eigenständige Traditionen und Denkweisen zu haben, übernimmt der*die Autor*in diese Stigmatisierung einfach und verwirft damit die Möglichkeit anarchistischer Perspektiven auf die Gesellschaft.

Was kommt in der (negierenden) Rebellion wirklich zum Vorschein? Kann Szene-Sprache massentauglich werden?

Doch diese Perspektivlosigkeit hängt vielleicht mit dem dritten Widerspruch zusammen, nach welchem der „positive Gehalt […] [in der] Bejahung der freien Regung, welche die Herrschaft zu verhindern sucht(e), der Revolte – des Lebens, der Selbstbestimmung des Individuums in freier Beziehung mit anderen Individuen“ (#1, S. 4) bestünde. Widersprecht mir, doch ich sehe hier einen bürgerlichen Individualismus am Werk, welcher Herrschaft nur als von außen kommend und einschränkend betrachtet, anstatt zu verstehen, dass die Einzelnen selbst immer schon Produkte der gesellschaftlichen Beziehungen sind, gegen die sie rebellieren. Wenn allein der rebellische Akt, der gefeierte Bruch mit dem Bestehenden, zur Befreiung führen würde, würden wir schon längst in der Anarchie leben. Leider ist dem nicht so: Rebellion ist – für sich allein betrachtet – erst mal die Kehrseite von Herrschaft, wenn sich durch sie die rebellierenden Einzelnen nicht selbst umfassend verändern. Selbstverständlich ist es unheimlich schwer, sich von den verinnerlichten Herrschaftsideologien, der Selbstunterwerfung, Hörigkeit, Verlogenheit, Doppelmoral und dem vereinzelnden Individualismus der staatlich/kapitalistisch/patriarchalen Gesellschaft zu lösen. Die Annahme der Autor*innen von In der Tat, dass es sich dabei vor allem um die Entscheidung der Einzelnen handelt, ist allerdings zu kritisieren. Stattdessen braucht es ein gemeinsames und langfristiges Aufbauen herrschaftsfreier Strukturen und Beziehungen, die uns erst ermöglichen, unsere eigenen Leben und unsere Seinsweisen (unser „Selbst“) miteinander zu gestalten. Dies setzt voraus, gemeinsam eine anarchistische Ethik zu entwickeln, die ein gleichberechtigtes, solidarisches, freiheitliches Zusammenleben ermöglicht. Die zurecht zu kritisierenden Moralkodexe sind niemals sind in der Lage solches herzustellen. Dies meint etwas anderes, als das Streben nach reiner bürgerlicher Selbstverwirklichung, wie es in einer Passage an anderer Stelle ausgeführt wird, wo angenommen wird, in der Zerstörung der Autorität „realisieren [wir] uns selbst, wir werden wir selbst, indem wir uns bewegen und indem wir Pfade beschreiten, für die wir uns selbst entschieden haben“ (#2, S. 3).

Doch ich komme noch zu einem vierten Widerspruch, der im antiprogrammatischen programmatischen ersten Text angelegt ist, zurück. Sehr richtig finde ich den Ansatz, Anarchismus nicht „für ein kleines erlauchtes Milieu aufsparen […] [zu wollen] und nicht […], zu versuchen, die ganze Gesellschaft ins Wanken zu bringen und die eigenen Ideen zu verbreiten und umzusetzen“ (#1, S. 4). Für ein sozial-revolutionäres Wirken sollte der Bezugsrahmen weniger die politisch mehr oder weniger bewusste linke Szene sein, sondern die vorfindlichen gesellschaftlichen Widersprüche und darin stattfindenden Kämpfe. Da hat die heutige anarchistische Szene, zumal in der BRD, noch eine ganze Menge zu lernen. Äußerst seltsam finde ich dahingehend jedoch, das sich die Texte in In der Tat durchweg eher als Poesie lesen, anstatt, dass sie in einer alltagsweltlichen Sprache formuliert wären, welche außerhalb des marginalen Insurrektionalist*innen-Ghettos Menschen erreichen oder ansprechen könnten. Dies scheint allerdings auch gar nicht die Absicht der Autor*innen zu sein, welche sich zwar – meiner Ansicht nach zurecht – gegen plattformistische Disziplin und Militarisierungslogiken aussprechen (#2, S. 16f.), gleichzeitig aber in ihrer Sprache den Anschein erwecken, sich vor allem selbst als Avantgarde zu feiern.

In welche Richtung weist eine spekulative Politikverweigerung?

In der zweiten Nummer ist der Einleitungstext eine Übersetzung aus dem Französischen, wie internationale „Korrespondenz“ in In der Tat überhaupt einen recht großen Raum einnimmt. Unter dem Titel Weder Sieg noch Niederlage wird darin (in meinen Worten) eine grundsätzliche Kritik am Politik-machen geübt. Das finde ich ziemlich interessant, wichtig und anarchistisch. Es sollte Anarchist*innen darum gehen, die Logik von Politik zu begreifen und grundlegend zu kritisieren. Wohin der Weg dann gehen sollen, bleibt mir nach der Lektüre allerdings schleierhaft. Daher sage ich mir: Eine Vorstellung zu skizzieren, wie Anarchist*innen – zusammen mit anderen Unterdrückten und Ausgebeuteten -, siegen könnten, fände ich zur Abwechslung auch mal ganz spannend. Dafür braucht es keine ausgefeilten Pläne, abgeschlossenen Programme oder die berüchtigten Reißbrett-Utopien, welche Anarchist*innen schon immer abgelehnt haben. Ein paar Wegweiser, die sich aus Erfahrungen in konkreten Kämpfen ergeben, wären schon etwas.

Um meinen Text nicht übermäßig in die Länge zu ziehen, bitte ich dich Leser*in selbst In der Tat nachzulesen, was du dazu denkst und erlaube mir, zwei einzelne Sätze, die für mich ein paradigmatisches Problem dieser Denkweise auf den Punkt bringen, zu zitieren. Die Autor*innen kritisieren die Lethargie und Langweiligkeit linker Politik und fragen: „Wenn ein Aufruhr, ein Aufstand imstande ist, die Spannung in Richtung der Freiheit zu akzentuieren, zu vertiefen und möglicherweise sogar zu generalisieren, warum sollten wir darauf verzichten diesen Prozess zu beschleunigen, anzutreiben? Können wir im Angesicht der historischen Amnesie, der technologisierten Abstumpfung und der Verflachung von Herz und Bewusstsein nicht umso mehr auf der Notwendigkeit und den Verlockungen der Revolte beharren, sie als begehrenswerter denn je verteidigen, um den Dingen wieder eine Perspektive zu verleihen?“ (#2, S. 2). Beide Fragen entlarven sich selbst als reine Spekulationen. Vielleicht ist ein Aufstand im Stande ein Stück soziale Freiheit aufblitzen zu lassen und zu verwirklichen. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht erliegt er einfach der sich vielfach als falsch erwiesenen Annahme, Menschen könnten die äußerlichen Herrschaftsstrukturen einfach angreifen und letztendlich vernichten und dann würde „die befreite Gesellschaft“ ganz von allein kommen. Selbstverständlich können wir einfach nur Revoltieren und uns einreden, dies sei ein Selbstzweck. Anstatt zu glauben, könnten wir aber auch anfangen zu denken und von konkreten Erfahrungen ausgehend die Frage stellen, wie und durch was die alten gesellschaftlichen Strukturen und Beziehungen denn ersetzt werden können. Keineswegs möchte ich mit diesen Worten Überlegungen zu Aufständigkeit und Militanz unterbinden, mich davon distanzieren oder sie für falsch erklären. Worum es mir an dieser Stelle geht, ist die Reproduktion eines meines Erachtens nach für anarchistische Ziele problematischen Denkmusters, dass sich noch toll dafür findet, die eigenen Dogmen fortwährend zu wiederholen.

Wird Revolte mit Revolution verwechselt und dient als Selbstzweck?

Dazu passt natürlich, dass die Autor*innen von In der Tat klassische Texte mögen, die ja oftmals den Anstrich einer längst vergessenen, revolutionären (d.h. für jene, die Revolution nicht als Mittel, sondern Selbstzweck begreifen: „besseren“) Zeit haben. Sie besitzen für sie daher jene Autorität, die sie eigentlich in jeder Form abzulehnen behaupteten. Sicherlich, hier gehen unsere Ansichten weit auseinander. Ich persönlich möchte mich nicht mit Personen assoziieren, die ein Bedürfnis nach dem Ausbruch einer Revolution verspüren, wie es zu Beginn des Textes Politische Taktiererei oder Möglichkeiten ergreifen? heißt (#2, S. 12f.), sondern mit jenen, die ein Bedürfnis nach einer Gesellschaft haben, welche anarchistischen Vorstellungen entspricht.

Um einen sehr klassischen Text anzuführen, der dies thematisiert, verweise ich auf Peter Kropotkins Wortes eines Rebellen (1879/1922). An mehreren Stellen macht Kropotkin dabei unmissverständlich klar: „Eine Regierung zu stürzen – für einen Bourgeoisrevolutionär ist dies das höchste Ziel. Für uns bedeutet dies nur den möglichen Beginn der sozialen Revolution“. Wäre – rein hypothetisch – die Armee des kapitalistischen Staates besiegt worden, könnte mit „der Umwälzung all jener Gesellschaftseinrichtungen, welche zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen und politischen Sklaverei dienten [begonnen werden]. Die Möglichkeit, frei handeln zu können, ist erkämpft worden – aber was werden nun die Revolutionäre tun?“1 2. Als einzige Strömungen innerhalb der Revolutionäre seien es ausschließlich die Anarchist*innen, welche keine Regierung wollen, weil Regierung und Revolution sich nach anarchistischem Verständnis ausschließen. Eine „revolutionäre Regierung“ ist demnach ein Widerspruch in sich. Doch auch eine „Diktatur des Proletariats“ verfällt genau in jene Logik der Politik, welche die Autor*innen in In der Tat ja berechtigterweise kritisieren. Sofort „nach“ der erfolgreichen Revolte, bestehe nach Kropotkin „die Notwendigkeit einer gründlichen Umänderung der bestehenden Verhältnisse – man muß zu Aktionen greifen, man muß schonungslos mit dem Reorganisationswerk beginnen, um den Boden für das neue Leben frei zu machen“3. Diese selbstorganisierte und antiautoritäre Reorganisationsarbeit könne allerdings nur an den Vorstellungen anschließen, welche Anarchist*innen vorher in der Bevölkerung verbreiten, vorleben und verwirklichen konnten. Explizit müsse es um die Ausarbeitung von neuen gesellschaftlichen Formen gehen, die aber nicht von Anarchist*innen selbst, sondern „nur aus der gemeinschaftliche (kollektiven) Geistesarbeit der Massen hervorgehen“4 könne. Dennoch beinhalten diese Überlegungen klar, dass Anarchist*innen Vorstellungen davon entwickeln sollen, wie eine für sie erstrebenswerte Gesellschaft denn aussieht. Geschieht dies nicht, wird das alte System schneller als wir sehen können wieder eingerichtet – auch wenn die Regierenden andere sein mögen. Dies gilt meiner Ansicht nach auch, wenn lediglich gesehen wird, den „autoritären Revolutionären dient die Barrikade ausschließlich als Sprungbrett auf [sic!] den Verhandlungstisch, wo es Ordnung braucht um Gespräche weiter zu bringen. Die Anarchisten hingegen dürfen sich nicht erlauben auch nur einen Stein der alten Welt auf dem anderen zu lassen. Ihre Wiederherstellung muss undenkbar werden“ (#2, S. 12). Anders gesagt befürchte ich, Insurrektionalist*innen machen sich hier zu nützlichen Idioten autoritärer Straßenpolitik.

Möglicherweise besteht die „anarchistische Spannung“ von der die Autor*innen in In der Tat ausgehen, weniger zwischen der absoluten Gegner*innenschaft zum System und der alltäglichen Lebenswelt, sondern zwischen der Notwendigkeit zur Zerstörung bei gleichzeitiger Neuschaffung, der Übernahme von Verantwortung bei gleichzeitigem Vertrauen auf den Gehalt der eigenen Perspektive (wenn sie denn bewusst entwickelt worden wäre). Doch dazu bräuchte es ein anderes Machtverständnis als jene flapsige Behauptung, sich einfach gegen jede Macht zu richten ohne ein Verständnis von ihr zu haben. Natürlich kann man das Thema damit einfach wegwischen. Die gesellschaftlichen Widersprüche werden damit aber nicht überwunden, sondern reproduziert, was ich versucht habe hier ansatzweise auszuführen.

Von Mensch zu Mensch: Das Herumnörgeln an (potenziellen) Gefährt*innen

Um zu einem letztes Bündel an Beispielen von den tatsächlichen Widersprüchen zu geben: Um sich „jenseits des digitalen Deliriums und […] [den] vorgekauten Meinungen“ (#1, S.1) zu bewegen, werde diese Zeitschrift auf Papier „von Individuum zu Individuum“ zirkulieren. Abgesehen davon, dass ich ungern als bürgerliches Individuum adressiert werde (wobei ich die Kritik an der digitalen Lebenswelt und den Bewusstseinsformen des gesellschaftlichen Spektakels gut finde), wundere ich mich dann aber umso mehr, warum ich den Text eines violenten Nörglers mit dem Titel Anarchismus-Spezialisten? dann auf anarchistischebibliothek.org finde. Immerhin ist diese feine Website genauso Bestandteil des Internets, wie jene Teil der bestehenden Gesellschaft sind, die meinen (mehr als andere?), Brüche mit dem System zu vollziehen. Im Übrigen glaube ich auch, dass die „Korrespondenz“ der Beteiligten sich bestimmt des Internets bedient – auch wenn heutzutage das Briefeschreiben zweifellos deutlich sicherer ist. Es wäre also die durchaus nicht marxistische Frage zu stellen, inwiefern es echte alternative Strukturen und Beziehungen innerhalb dessen gibt, was wir vorfinden. Ich glaube, es gibt sie und zwar haufenweise. Dies herauszustellen und zu betonen, finde ich persönlich wesentlich wichtiger, als die Idee einer (historischen?) Notwendigkeit eines Aufstandes zu propagieren – auch wenn ich sie nicht insgesamt ablehne.

Doch zurück, zum „Spezialisten-Text“ (#1, S 15f.): Wie auch andere in In der Tat verwendet der Nörgler ein verallgemeinerndes „Wir“, um seinen Gedanken den Anschein einer kollektiven Überlegung zu geben. Wäre sie es gewesen, hätte er wahrscheinlich nicht so tief gestapelt, denn mehr als nörgeln kann er offensichtlich nicht. Umso erstaunlicher, dass er sich gegen das – in einem Buch von Nino Kühnis wahrgenommene – „Aufspüren einer ‚kollektiven Identität‘ […] [von Anarchist*innen richtet, die] vor allem einen polizeilichen Blickwinkel aufzeigt“ (Ausrufezeichen). Der Nörgler sollte erst mal den Bullen in seinem eigenen Kopf töten, bevor er seine Eigenbrötelei als vereinnahmende Kollektivität ausgibt.

Sein Hauptanliegen ist die Zeitschrift Ne Znam zu diffamieren. Die vorgebrachte Kritik daran, dass eine fast ausschließlich historische Betrachtung des Anarchismus, diesen völlig entpolitisiert, verharmlost und „in die Vergangenheit verbannt“, teile ich sogar ausdrücklich. Ich gehe auch mit, dass immer die Gefahr besteht, dass eine rein akademische Betrachtung anarchistischer Themen überhaupt nicht automatisch zu einer „radikalen Infragestellung“ der Herrschaft führt. Nur frage ich mich, was das alles mit der Zeitschrift Ne Znam zu tun hat, um die sich „gewisse Leute“ „geschart“ hätten. (Man beachte die – mutmaßlich volkstümlich wirken wollende – Sprache der konservativen Dorfpresse.) Ich frage mich, warum der Nörgler annimmt, dass alle, die sich intellektuell mit Anarchismus beschäftigen, dazu nicht auch angesammeltes Wissen aus den Universitäten entreißen. Und wie er behaupten kann, dass sie das gewonnene Wissen „horten“ würden, wo sie es doch offensichtlich publizieren und somit für alle Interessierten zugänglich machen. Der Nörgler sollte froh sein, fast keine „horrende Preise […] für Kopien von historischen anarchistischen Zeitschriften“ mehr bezahlen zu müssen, weil gewisse Personen in freiwilliger Selbstausbeutung den ganzen Kram einscannen und zur Verfügung stellen. Gemein wäre dieses Argument, wenn er nicht die technischen Fähigkeiten oder finanziellen Möglichkeiten hätte, einen Internetzugangs nutzen zu können. Doch dass dies der Fall ist, hat sich ja schon gezeigt. Und selbst was die klassischen Texte angeht, die der Nörgler (wie ein nerdiger Historiker) irgendwie als Fetische benutzt, kann er doch froh sein, dass einige Personen auch diese – in freiwilliger Selbstausbeutung und weil es eben „ihre Sache“ ist – in Neuausgaben herausgeben. Eine berechtigte Kritik an einer (weit entfernten) Akademisierung des Anarchismus formuliert der Nörgler nicht…

Zum Ende – Mach dir selbst (k)ein Bild!

Was bleibt also nach meinen Lektüre-Eindrücken der ersten zwei Ausgabe von In der Tat? Selbstverständlich zunächst die Aufforderung, dass du Leser*in dir selbst eine Eindruck verschaffst und deine eigene Ansicht dazu entwickelst. Als Freund von sehnsüchtigen Prosa-Texten, würde ich die Zeitschrift unbedingt empfehlen und anschließend zur Lektüre von Renzo Novatore raten. Als anarch@-kommunistischer Quälgeist muss ich allerdings sagen, dass ich mir doch schon die eine oder andere gedankliche Weiterentwicklung aus dieser Richtung wünschen würde. Fast hätte ich geschrieben (und so stehen gelassen): In der Poesie fänden Widersprüche ihren angemessenen Platz, machten sie diese lesenswert und schön, weil unsere Leben voller Spannungen sind – zumal, wenn Menschen tatsächlich für eine Gesellschaft der Freien und Gleichen kämpfen. In einer sozial-revolutionären Zeitschrift brächte dies jedoch nicht wirklich viel. – Doch das ist natürlich völliger Quatsch. Wirklich radikale Gedankengänge haben immer auch poetische Aspekte. Vor allem selbstverständlich unsere leidenschaftlichen Handlungen, die sich nicht eben mal in Worten fassen lassen und die vielleicht auch nicht in Worte gefasst werden sollen. Denn sie übersteigen und kritisieren alles, was mit Politik möglich gemacht werden könnte. Notwendigerweise bewegen sie sich in Widersprüchen, die sie nicht einfach auflösen können, da es nicht primär gedankliche, sondern gesellschaftliche Widersprüche sind. Doch könnte anarchistisches Denken dazu beitragen, jene nicht immer weiter zu reproduzieren. Dies würde ich mir In der Tat wünschen – auf Papier, mehr aber noch im Alltag.

1 Kropotkin, Peter, Worte eines Rebellen; herausgegeben von Pierre Ramus, Wien 1922, S. 172.

2 Fairerweise muss ich zugeben, dass ich glaube, die meisten Insurrektionalist*innen unterscheiden sehr wohl zwischen Aufstand und Revolution. Der Vorwurf, sie täten es nicht, kam historisch meistens aus der Richtung rechter Sozialdemokrat*innen, die sich damit allgemein gegen jegliche revolutionären Bestrebungen richteten, um ihre parlamentarische Parteipolitik zu legitimieren. Selbst Blanqui war klar, dass der Aufstand nicht die Revolution ist oder sie ersetzt. (siehe Emilio Lussu, Theorie des Aufstands, Wien 2017, S. 25f.). Anarchist*innen sollten daher nicht in die Falle tappen, unbewusst die Kritik rechter Sozialdemokrat*innen zu übernehmen.

Für den vorliegenden Fall habe ich dennoch den Eindruck, dass hier eine Verwechslungsgefahr zwischen Aufstand und Revolution besteht.

3 Kropotkin, Peter, Worte eines Rebellen; herausgegeben von Pierre Ramus, Wien 1922, Ebd. S. 174.

4 Ebd. S. 183.