Recht behalten oder revolutionär mehr werden?

Lesedauer: 8 Minuten

– einige Gedanken v.a. zum Populismus-Verständnis in „Herrschaftsfrei statt populistisch. Aspekte anarchistischer Gesellschaftskritik“ (Wolfgang Haug/Michael Wilk, Edition AV 2018)

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #98, Februar 2019

von Jonathan Eibisch

Als eine gelungene Neuauflage ihres 1995 erschienenen gemeinsamen Buchs „Der Malstrom“ präsentieren Wolfgang Haug und Michael Wilk nun dasselbe mit dem Cover „Herrschaftsfrei statt populistisch. Aspekte anarchistischer Staatskritik“. Ein solch sachliche, undogmatische, Auseinandersetzung mit gesamtgesellschaftlichen Fragen, statt lediglich mit einzelnen Themen, macht das Buch auch heute lesenswert. Ob der Titel nun „herrschaftsfrei“ wie auf Cover oder „herrschaftslos“ im Text lautet, sei dabei dahingestellt – es braucht mehr derartige selbstbewusste Positionierungen von Anarchist*innen in der Öffentlichkeit.

Allerdings handelt es sich genau genommen nicht nur um ein Reprint des alten „Malstroms“, sondern sind diesem noch zwei aktuelle Beiträge vorangestellt mit „Mentaldroge Nationalismus. Völkisches Geschwurbel als politische Strategie“ (Wilk) und „Die Politik der Angst“ (Haug). Hierin, müsste man meinen, sei die Aktualisierung ihrer Gedanken zu finden. Doch schon der Titel macht mich persönlich skeptisch, weswegen ich die beiden Autoren an dieser Stelle einer Infragestellung unterziehen möchte. Diese richte ich an die meisten von uns, mich eingeschlossen. Daher mögen es mir Wolfgang und Michael verzeihen, dass ich meine Infragestellung von ihren Worten ausgehend entfalte. Gern lade sie zu einem guten Essen und einem Vortrag ein. Das ist für mich keine „persönliche“ Angelegenheit und ich fordere sie und euch auch nicht auf, dass ihr „endlich mal mehr machen“ sollt. Ich weiß, ihr sitzt nicht nur im stillen Kämmerlein… Wenn die beiden aber so große Worte wie „anarchische Gesellschaftskritik“ zu Papier bringen, erscheint mir deren kritische Betrachtung mehr als gerechtfertigt.

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K-Gruppen reloaded?

Lesedauer: 6 Minuten

Polemik zur Gründung der stalinistischen „Kommunistischen Organisation“

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #98, Februar 2019

von Simone

Auf einem Treffen zwischen dem 1. und 3. Juni gründeten um die 100 ehemalige DKP- und SDAJ-Anhänger*innen (oder zumindest deren Führungsgarde) die „Kommunistische Organisation“. Damit hat der Stalinismus in Deutschland wieder ein Gesicht und einen Namen. Die „Flamme des Kommunismus“ (wohlgemerkt: nicht die „Schwarze Flamme“!) brennt weiter.

Putzigerweise reagierte die KO schon wenig später reflexartig auf einen Vorwurf des „Linkssektierertums“ durch die DKP. Rein technisch gesehen dürfte das auch stimmen: In einer Religion wäre die KO als „ultra-orthodox“ zu beschreiben. Das heißt, sie hält so fanatisch an einer alten, längst überkommenen Lehre fest, dass sie sich erst einmal abspalten muss. An wahnhaften Gestalten und beängstigenden gruppendynamischen Entwicklungen dürfte es bei ihr dennoch nicht mangeln.

Wie Umgehen mit einer neuen Gruppierung deren menschenverachtende autoritäre Ideologie sich mit der Entschlossenheit mischt, einen „Klärungsprozess“ innerhalb des parteikommunistischen Lagers anzustoßen und – nicht zuletzt mittels „Kritik und Selbstkritik“ – selbst durchzumachen? Eingewandt werden könnte, dass die Splittergruppe, wie so viele vor ihr, aufgrund ihrer doktrinären, weltfremden Anschauungen – die sie als „wissenschaftlich“ bezeichnet -, ein weiterer historischer Treppenwitz ist, über den jede politisierte Generation erneut lachen sollte. Viele würden sagen, eine solche Gruppierung könne aufgrund ihrer Langweiligkeit und Lustfeindlichkeit überhaupt keine politische Schlagkraft und wegen ihres geschlossenen Weltbildes keine theoretische Stärke erlangen. Nach anfänglicher Euphorie der Erleuchteten werde ihr Tatdrang sicherlich abflauen, was ihr Kürzel ja dankenswerterweise schon vorwegnimmt: „K.O.“

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