Eine anarchistische Politik der Autonomie zwischen Politik und Anti-Politik

Lesedauer: 11 Minuten

Darstellung einiger Kernaspekte von Saul Newmans „The Politics of Postanarchism“ (2010)

zuerst veröffentlicht in: Paradox-A / Dez. 2017

von Jonathan Eibisch

Das Werk zur anarchistischen politischen Theorie Saul Newmans ist nun schon wieder einige Jahre alt. Obwohl ich davon ausgehe, dass diejenigen, welche an anarchistischer Theoriebildung interessiert sind und ihre Erneuerungsbewegungen verfolgen durchaus auch auf das Buch von Newman gestoßen sind und sich davon ausgehend ihre Gedanken gemacht haben, ist mir keine Besprechung des Buches auf deutsch bekannt. Ich vermute also weder der einzige noch der erste zu sein, der sich mit den Fragen beschäftigt, welche Annahmen über Politik im anarchistischen Denken bestehen, ob es überhaupt anarchistische politische Theorie gibt und welche Politikformen der Anarchismus anzubieten hat. Gleichzeitig wünsche ich mir, die Debatte darüber, vor allem in Hinblick auf eine strategische Entwicklung des Anarchismus in der BRD (anstatt nur aus reinem „Interesse“ oder als Hobby) auszuweiten und mitzugestalten. Dazu halte ich die Theorie von Newman für sehr wertvoll und durchaus geeignet, um sich darüber bewusst zu werden, was Anarchist*innen eigentlich meinen, wenn sie von „Politik“ sprechen und welche Konsequenzen für ihr Handeln sie daraus ableiten. Würde ich verschiedene Personen fragen die sich selbst als Anarchist*innen bezeichnen, so bin ich mir sicher, äußerst verschiedene und schwammige Antworten darauf zu erhalten. Ist Politik das was in staatlichen Institutionen, dem Parlament oder den Ministerien oder auch in hierarchisch strukturierten Parteien und großen Unternehmen stattfindet und ist sie deswegen aus anarchistischer Perspektive grundsätzlich abzulehnen? Oder handelt es sich um das, was wir in unseren politischen Gruppen und ganz von uns ausgehend tun wenn wir uns in Basiskämpfen engagieren, gelegentlich in der Öffentlichkeit wirken und anarchistische Ideen verbreiten und nicht zu Letzt uns zunächst erst einmal selbst gleichberechtigt und freiwillig organisieren? Ist für uns entscheidend, eine selbstbestimmte und reflektierte „Politik der ersten Person“ zu betreiben und mit Direkten Aktionen unmittelbar auf unsere Umgebung einzuwirken? Oder sollte es bei Politik vor allem darum gehen, „den Massen“ von Menschen (das heißt all jenen, die im demokratischen politischen Prozess unterrepräsentiert sind oder überhaupt nicht vorkommen) Hinweise und Fähigkeiten in die Hände zu geben, damit diese ihre Interessen selbst organisieren und artikulieren können? Unter welchen Umständen sind beispielsweise die Organisierung einer Soliparty, des kollektiven Zusammenlebens oder der Care-Arbeit als äußerst politische Angelegenheiten anzusehen und wann gibt es eher Sinn, sie explizit als weniger politisch zu bezeichnen – aber deswegen keineswegs als weniger wichtig als einen Infostand oder eine Demonstration? „Das Private ist politisch“ ist ein Slogan der „zweiten Frauenbewegung“ der 1970er Jahre der – so vermute ich – dem Politikverständnis der meisten Leser*innen dieses Textes sehr nahe liegen dürfe. Auch wenn ich diesem Ansatz grundsätzlich zustimme frage ich mich jedoch, welche Bedeutung der Begriff „Politik“ noch hat, wenn im Grunde genommen alles als politisch angesehen wird. Und ob dann der Poker und das Geklüngel um die Macht von verschiedenen kapitalistischen Fraktionen innerhalb staatlicher Institutionen noch als Politik zu bezeichnen ist oder nicht im Grunde genommen als etwas ganz anderes – zum Beispiel als „Verwaltung“ – beschrieben werden müsste… Vorstelllungen von Politik gibt es alleine im anarchistischem Denken sehr verschiedene. An dieser Stelle geht es nicht darum, festzulegen, was Politik an sich denn „eigentlich“ und noch weniger, was denn die richtige Politik ist. Vielmehr finde ich es wichtig Diskussionen darüber anzustoßen, was wir jeweils in unseren konkreten Situationen und Zusammenhängen unter Politik verstehen, wo wir sie betreiben wollen oder vielleicht gerade auch nicht.

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Über das Pseudonym

Lesedauer: 4 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Paradox-A / Dez. 2017

von Paradox-A

Verdeckt das Pseudonym den bürgerlichen Namen, so verdeckt der bürgerliche Name die bruchstückhaft und durch vielerlei Einflüsse, Eindrücke und Auseinandersetzungen gewordene Persönlichkeit – jene Identität, welche als historisch-kontextuelle Fiktion der Einheit des Selbst konstruiert wird. Und die fortwährend zu konstruieren ist, lastet in der bürgerlichen Gesellschaft auf den Einzelnen doch der stetige Druck in der Anonymität der individualisierten Massengesellschaft eine kohärente und den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechende, sich auch in ihrer Abweichung immer an diesen orientierende, Erzählung des eigenen Lebensweges dar zu bieten, nicht zu Letzt, um die eigene Besonderheit gegen die graue und diffuse Allgemeinheit zu behaupten.

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Geh 20 Reflexionen anstellen

Lesedauer: 11 Minuten

zuerst veröffentlicht in: Lirabelle #16 / Dez. 2017; online auf: http://lirabelle.blogsport.eu/2017/12/12/geh-20-reflexionen-anstellen/

Die vielfältigen Ereignisse in den Tagen des G20-Gipfels in Hamburg bekamen bundesweit, europaweit, wie erwartet große Aufmerksamkeit. Wieder einmal kam es zu einer neuen Stufe von Polizeigewalt, Überwachung und Repression. Als Konsequenz daraus wird von staatstragenden Politiker*innen unter anderem die Ausräucherung von Rückzugsräumen für die „autonome Szene“ gefordert. Endlich sollen eine europaweite Extremist*innen-Datei durchgesetzt und die massive Aufrüstung der Polizei sowie ihr willkürliches Vorgehen gerechtfertigt werden. Im selben Zuge fordern Bewegungslinke fassungslos ein, rechtsstaatliche Prinzipien anzuerkennen und die Gewaltenteilung beizubehalten…

Das Großevent G20-Gipfel wurde wie zu erwarten zu einem prägenden Moment für linke Bewegungen. Mona Alona war im Gefahrengebiet und konzentriert sich in diesem Artikel auf einige diskussionswürdige Aspekte im Zusammenhang mit den Gipfel-Protesten. Noch von den Eindrücken des Gipfels berauscht als auch verstört werden sie nicht chronologisch und bruchstückhaft dargestellt…

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Von rechtsoffenen Anarchokapitalisten und anderen Schreckgespenstern

Lesedauer: 5 Minuten

Beobachtungen und Gedanken zur ultraliberalen Konferenz „Freiheit is future“

zuerst veröffentlicht in: AIBJ

von Jens

Vom 17. bis 19. November fand in Jena eine Konferenz von Marktfundamentalist_innen statt, welche von der rechts-offenen Gruppe „students for liberty“ organisiert wurde. Unter dem Schlagwort „Freiheit“ griffen sie somit Raum in der lokale Landschaft, nicht zuletzt, durch großangelegte Flyeraktionen zur Bewerbung ihrer Veranstaltung.

Im unmittelbaren Vorfeld regten sich einige von unserer Seite wieder mächtig über das – monatelang bekannte – Ereignis auf. Wie so oft war keine adäquate und selbstbewusste Gegenaktion vorbereitet worden, weswegen viele Linke reflexhaft nur zwei Umgangsweisen damit kennen: Pöbeln oder Verbieten. Meiner Ansicht sind dies weder zielführende, noch langfristig sinnvolle Mittel, um die eigentlichen Probleme hinter einer solchen Konferenz zu beleuchten. Vorgegangen werden müsste gegen die liberale Ideologie und ihre Organisationen selbst, anstatt sich wütbürgerlich damit zu begnügen ein paar Rechte diffamieren und ausgrenzen zu wollen, ohne jegliche Systemkritik vorzubringen.

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Gedankensplitter zur Oktoberrevolution

Lesedauer: 24 Minuten

Originaltitel: 100 Jahre rote Mythologie – einige Gedankensplitter zum Jahresabschluss

zuerst veröffentlicht in: Gai Dao #84 / Dez. 2017

von Jens Störfried

Die Oktoberrevolution in Russland war ein großes Ereignis und viel größer noch ihre Folgen für alle internationalen sozialistischen Strömungen. Auch Anarchist*innen standen den revolutionären Entwicklungen zunächst ambivalent gegenüber, da unklar war, welche Folgen die Übernahme der Staatsmacht durch die Bolschewiki haben würde. In der heutigen linken Geschichtsschreibung gibt es einige positive Veränderungen, auch wenn die Auseinandersetzungen um Deutungen weiter geführt werden. Grund genug also, sich dahingehend einen anarchistischen Input zu verschaffen!

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