150 Jahre anti-autoritäre Internationale

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Zufälligerweise machte ich genau einen Tag vorher und einen Tag nach dem Gründungstag der Anti-autoritären Internationale vor 150 Jahren Veranstaltungen, in welchen ich mich darauf bezog. Dabei geht es um das anarchistische Politikverständnis und die Absage ans Politikmachen, welche freilich im gesellschaftlich-historischen Kontext zu gesehen werden muss und nicht einfach scholastisch adaptiert werden kann.

Dennoch ist die grundlegende Kritik an der Politik statt Bestrebungen ihrer vermeintlichen Wiedergewinnung unter den Vorzeichen „sozialistisch“, „links“, „demokratisch“, „basisdemokratisch“, „radikal“ oder gar „revolutionär“ ein wesentlicher Ausgangspunkt für das (anti)politische Denken im Anarchismus. Prägnant formuliert findet sich dies in der Gründungserklärung der IAA:

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Nie wieder Deutschland!

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Der Tag der Wiedervereinignung wird auch dieses Jahr wie geplant stattfinden. Der Austragungsort der Feierlichkeiten zu einem großen Deutschland ist dieses Jahr in Erfurt. Das Interesse am Protest gegen die bürgerlich-konservative Geschichtsschreibung und den „Exportweltmeister“ Deutschland, inklusive seiner faschistischen Kontinuitäten, hat in den letzten Jahren spürbar abgenommen.

Dies ist auch eine Generationenfrage. Das kollektive Trauma bei der Systemtransformation unter den ehemaligen DDR-Staatsbürger*innen wird jedoch nach wie vor von der AfD ausgiebig bedient und politisch instrumentalisiert, während es für die konservative Wiederanschluss-Politik der Durchsetzung ihrer nationalstaatlichen Bestrebungen diente.

Wer umgekehrt die DDR als besseren Staat feiert, legt ebenso seine Geschichtsvergessenheit offen, die bis hin zur Geschichtsverfälschung reichen. Die DDR war kein besseres Deutschland, sondern ein abgeschlossenes und autoritäres Regime, dass Vielfalt und Individualität ebenso wie seine Opposition unterdrückte und eine enorm spießige und unterwürfige Alltagswelt hervorbrachte.

Um in diesem Zusammenhang wenigstens auf die Gewalt der Wiedervereinigung hinzuweisen hier der Hinweis auf das Projekt „zweiter Oktober 90“:

Autonome Theorieentwicklung – zum Beispiel Jörg Djuren

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In meinem Nachdenken über das Verhältnis von Anarchismus, Widerständigkeit, Theorie und Wissenschaft habe ich geäußert, dass es verschiedene Ebenen und Felder gibt, in denen anarchistische Theorie entsteht. So können Erkenntnisse aus akademischer Forschung Werkzeug für Aktive in der anarchistischen Szene liefern, ebenso, wie Entwicklungen in sozialen Bewegungen und ihren Kämpfen Theoretiker*innen inspirieren und ihre Theorie besser machen können. Ohnehin sollten wir derartige Trennungen nur schematisch ziehen. Letztendlich gilt es darauf zu schauen, wo die jeweiligen Personen stehen, welche Anliegen sie verfolgen, welche Mittel sie wählen und an welchen Schnittstellen sie stehen, um beurteilen zu können, ob ihr Handeln anarchistischen Ansprüchen entspricht.

Ich nichts dagegen habe, wenn anarchistische Themen und Perspektiven auch im akademischen Rahmen mehr diskutiert und verbreitet werden. Dies führt meiner Ansicht nach auch keineswegs zu einer „Akademisierung“ des Anarchismus insgesamt, die allerdings auch problematische Seiten hat. Sich theoretischem (und auch strategischem) Denken zu verweigern ist aber eben auch nicht die Lösung. In jedem Fall braucht es eine autonome Theorieentwicklung. Und dies ist leichter gesagt als getan, sind die Ansätze für eine selbstbestimmte Beschäftigung mit Theorie doch in den letzten Jahren zurückgegangen. Zumindest, als kollektive und selbstorganisierte Praxis.

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Demo in Weißenfels – Tierbefreiung

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Weil sich die Emanzipation des Menschen an ihrem Umgang mit dem nicht-menschlichen Leben misst, hier die Dokumentation dieser Demo als Ausdruck eines langen und anhaltenden Kampfes. Allgemeine Infos unter: https://tierbefreier.org/

„Gemeinsam mit ARWIA organisieren die Tierbefreier*innen Jena im Rahmen der Demoreihe “Für die Schließung aller Schlachthäuser” eine Demo in Weißenfels. Wir unterstützen den Aufruf und werden uns auch an der Demo beteiligen:

Tönnies als der größte Fleischkonzern in Deutschland tötet täglich tausende fühlende, intelligente Lebewesen und erzeugt somit unnötiges Leid. Wir wollen in Weißenfels ein Zeichen gegen diese Grausamkeit setzen und dafür einstehen, dass dieses für Tier, Mensch und Natur ausbeuterische System ein Ende haben muss.

Kommt vorbei und seid laut mit uns!

Ab 12 Uhr geht es am Bahnhof Weißenfels los.

Das Schlachten beenden! Bei Tönnies und überall!

Personen und Gruppierungen, die eine rechte, rassistische, homophobe, sexistische oder eine sonstige antiemanzipatorische Weltanschauung vertreten, sind bei der Veranstaltung ausdrücklich nicht erwünscht! Gleiches gilt für Personen und Gruppierungen, die die mit Corona verbundenen Gefahren leugnen oder mit der „Querdenken“-Bewegung sympathisieren.“

Interview: Anarchist*innen im Iran über die Proteste

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gespiegelt von: https://barrikade.info

Einführung

Am 13. September 2022 wurde die 22-jährige Mahsa Amini von der iranischen „Sittenpolizei“ verhaftet. Mahsa wurde in Teheran verhaftet, weil sie sich nicht an die Kleidervorschriften gehalten hatte. Drei Tage später, am 16. September, teilte die Polizei der Familie von Mahsa mit, dass sie ein „Herzversagen“ erlitten habe und zwei Tage lang ins Koma gefallen sei, bevor sie verstarb.

Ursprünglich veröffentlicht von Black Rose / Rosa Negra Anarchist Federation. Übersetzt von Barrikade Info.

Augenzeugenberichte, darunter der ihres eigenen Bruders, machen deutlich, dass sie bei ihrer Festnahme brutal geschlagen wurde. Durchgesickerte medizinische Scans deuten darauf hin, dass sie eine Hirnblutung und einen Schlaganfall erlitten hatte – Verletzungen, die letztlich zu ihrem Tod führten.

In den Tagen nach Bekanntwerden dieser Details kam es in ganz Iran zu Massenprotesten, bei denen die Ermordung von Mahsa durch die Polizei beklagt wurde.

Um diese sich rasch verändernde Situation besser zu verstehen, haben wir ein sehr kurzes Interview mit der Federation of Anarchism Era geführt, einer Organisation mit Sektionen im Iran und in Afghanistan.

Dieses Interview wurde zwischen dem 20.9.22 und dem 23.9.22 geführt.

Proteste auch in Istanbul, Türkei.

Interview

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Radikaler Zweifel

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Ich dokumentiere diesen Text von indymedia, welcher zuerst in der 50. Ausgabe des Autonomen Blättchens (Nov. 2022) erschienen ist, weil ich die darin formulierte Stoßrichtung richtig finde. Dies hat auch mit eigenen Erfahrungen zu tun. Dennoch kenne ich die beteiligten Personen und Gruppen, wie auch den konkreten Fall nicht und hoffe, dass sich diese Konfrontation auf eine halbwegs akzeptable Weise auflösen lässt.

Der Zweifel – auch der am eigenen Vorgehen – ist essenzieller Bestandteil einer radikalen linken Praxis. Wir sehen uns genötigt, in eine zunehmend autoritäre Linke zu intervenieren. Autoritär formierte Subjekte verwechseln Entschlossenheit und entschiedenes Handeln mit dem Wegdrücken begründeten Zweifelns. Die ‚Ermittlungsarbeit‘, die zum bundesweiten Outing eines ehemaligen Kölner Aktivisten geführt hat, macht uns fassungslos. Geäußerte Zweifel am Vorgehen der Ermittlungsgruppe und an der Sinnhaftigkeit des Outings mit aktivem Täterschutz gleichzusetzen, ist eine gängige, aber wenig überzeugende Abwehrreaktion einer autoritär strukturierten Linken.

Das antirassistische Grenzcamp 2012 in Koln ist vielen immer noch als unrühmlicher Höhepunkt eines linksradikalen Autoritarismus in Erinnerung. Alle waren geschockt und paralysiert von der missbräuchlich-autoritären Auslegung des berechtigen Konzepts einer critical whiteness. Darüber wurden zahlreiche ungläubige (also zweifelnde) Genoss*innen mit Rassismusvorwürfen belegt und vom Camp ausgeschlossen. Die Vorwürfe durften nicht diskutiert werden, der Ausschluss blieb damit unhinterfragbar. Wärend des Camps hat die autonome Linke es nicht geschafft, sich erfolgreich und konsequent gegen einen derart machtbewussten Missbrauch einer vorgeblichen Diskurs-‚Awareness‘ zu wehren. Im Nachhinein habe viele ihre Sprache wiedergefunden und ein solches Vorgehen als autoritär-antilinks, regressiv-inquisitorisch und strukturell rechts bezeichnet. Ein Paradestück in Sachen Selbstzerlegung linker Strukturen. Wüssten wir nicht von der offenen Flanke weiter Teile der radikalen Linken gegenüber autoritären Anwandlungen, könnte man eine externe Inszenierung vermuten, die auf Zersetzung in Selbstbeschäftigung zielte.

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Verstrickungen

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Seit einiger Zeit habe ich festgestellt, dass ich mich immer stärker in Szene-Streits, Abgrenzungs- und Zugehörigkeitsdebatten verstrickt habe, als mir lieb ist. Es hat etwas gedauert, bis ich verstanden habe, warum das so war und was ich daran problematisch finden. An sich spricht nichts dagegen, Statements zu bringen, wie man sich in Bezug auf bestimmte Themen oder gesellschaftliche Entwicklungen positioniert. Per se ist auch nichts an Begründungen und Ausformulierungen anarchistischer Gedanken einzuwenden, um sie von anderen unterscheidbar zu machen. Und selbstverständlich darf es im Umgang mit der ideologischen Konkurrenz auch mal polemisch zugehen, denn schließlich geht es auch um was.


Aber um was geht es ist, ist die Frage. Und so ist nicht ausgeschlossen, dass ich im Anschreiben gegen die verbohrte Rechthaberei, die dogmatischen Versatzstücke und romantischen Phrasen meiner anarchistischen und sozialistischen Konkurrent*innen, selbst deren schlechte Stile und Umgangsweisen übernehme. Also beispielsweise, indem ich ihnen Grundannahmen oder Absichten unterstelle, welche sie bei genauerer Betrachtung gar nicht haben. Oder indem ich mir vor allem ihre ausformulierten Gedanken anschaue – die ich ja zurecht als verkürzt oder aggressiv kritisieren kann – anstatt meinen Blick darauf zu richten, wie die Betreffenden sich tatsächlich verhalten und wie sie handeln.

Insgesamt steht im Hintergrund meines Bedürfnisses nach Abgrenzung, Klarstellung und Debatte natürlich auch eine gewisse Arroganz. Diese ergibt sich daraus, aus subjektiven Gründen für eine Minderheitsposition einzutreten, die tatsächlich oftmals diffamiert und ausgegrenzt wird. Außerdem ist sie komplex und muss deswegen erklärt werden. Soweit ist das in Ordnung. Zu überprüfen ist darin aber ein etwaiger Führungsanpruch – welchen im Übrigen auch Personen, die offensiv vor sich hertragen „gegen jede Autorität“ zu sein durchaus selbst haben können. Das wäre der antiautoritäre Reflex, der andere auf das eigene Niveau herabzieht und ihnen Führungsgebaren unterstellt, um intrigant selbst die Fäden in der Hand zu halten.

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Anarch@-Syndikalismus und (Anti-)Politik [TEIL 3]

Lesedauer: 6 Minuten

Ein Beitrag zur politischen Theorie des Anarchismus

zuerst veröffentlicht am 17.09.2022 auf: Direkte Aktion

Die vier anarch@-syndikalistischen Wege im Umgang mit der Politik

Im Umgang mit der politischen Sphäre haben sich im anarchistischen Syndikalismus im Wesentlichen vier verschiedene Richtungen herausgebildet. Gruppen, die sich so bezeichnen, letztendlich aber tatsächlich bloß wie linke politische Gruppen agieren (also z.B. nur Propaganda machen, sich im Plenum organisieren, vor allem an linken Demos teilnehmen, keine Arbeitskämpfe führen usw.), sind tatsächlich nicht dazu zu zählen.

Ein Strang bezieht sich darauf, eine Gewerkschaft für alles sein zu wollen. Dahinter liegt die Vorstellung, dass in den ökonomischen Fragen die politischen letztendlich enthalten wären. Wenn die Produktionsstätten übernommen und das Privateigentum durch Arbeitskämpfe vergesellschaftet werden, wäre dies die grundlegende Voraussetzung für eine Reorganisation der gesamten Gesellschaft, die dann ebenfalls nach anarch@-syndikalistischen Vorstellungen umstrukturiert werden könnte. Émile Pouget trat z.B. als prominenter Vordenker der Anarch@-Syndikalismus für diese Herangehensweise ein. Mit dieser Fokussierung lässt sich auch ein gewisses Selbstbewusstsein und eine Schlagkraft erzeugen. Meiner Ansicht nach ist sie aber verkürzt. Es ist berechtigt, gewerkschaftliche Fragen etc. in den Vordergrund zu stellen. Die Transformation der Gesellschaft in Richtung eines libertären Sozialismus muss aber auf verschiedenen Ebenen und mit verschiedenen Mitteln stattfinden.

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Über die Rache

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In einer Gesellschaftsform zu leben, welche auf Ausbeutung, Unterdrückung, Entfremdung, Zerstörung, Entwürdigung beruht, ist eine enorme psychisch-emotionale Herausforderung. Viele gehen den Weg, diese Anforderungen mit der Adaption des unmenschlichen Leistungsdenken, dem stumpfsinnigen Warenkonsum, der Unterwerfung und Eingliederung in die gesellschaftliche Hierarchie, zu bewältigen. Andere, die unter dem Bestehenden leiden, werden depressiv, passiv oder krampfhaft optimistisch und aktivistisch. Dass auch der Wunsch nach Rache durch das reale Leiden der Einzelnen genährt wird vor diesem Hintergrund verständlich.

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