Fluch auf die Querschwurbler

Lesedauer: 4 Minuten

Bevor die Genoss*innen aus Kassel die Audioaufnahme zu mei nem Vortrag veröffentlichen, hier schon mal vorab, der eingangs ausgesprochene Fluch, der als Auftakt der Veranstaltung diente. Möge er in zweihundert Jahren im Kanon der digitalen Lehrbücher stehen!

Fluch auf die Querschwurbler

ein Gedicht von Heinrich Heine

Oh ihr Querschwurbler!

Wie tief seid ihr gesunken! Wie unendlich hohl und niederträchtig ist eure Agenda! Wie bestialisch ist, was zu Tage tritt, wenn ihr euch versammelt; wenn ihr dem Wahnsinn huldigt und die Reste des gesunden Menschenverstandes verächtlich macht!

Euer Hass, der ein Selbsthass ist, eure Menschenfeindlichkeit, stinkt bis zum Himmel. Die Fantasiewelten, in die ihr euch eingerichtet habt und die ihr propagiert, zeugen von eurer Verkommenheit.

Projektionen eurer Blödsinnigkeit und eures Untertanengeistes sind es, denen ihr verfallen seid, mit denen ihr Aufsehen erregen wollt.

Ein Aufschrei der bedrängten, elenden Kreatur, ist es, den ihr in den Äther blast.

Nichts weiter als ein Produkt der brutalen, sinnentleerten Herrschaftsordnung seid ihr, welche ihr nicht begreifen könnt; die ihr nicht kritisieren könnt, sondern die ihr mittragt und aufrecht erhaltet, in grauenhafter Verzückung.

Euer irrationaler Fundamentalismus ist kein Gegenpol zur postmodernen Beliebigkeit, kapitalistischen Verwertungslogik und staatlichen Unterwerfung.

Er ist lediglich eine faschistische Reaktion und also ihr Spiegelbild.

~

Schaut euch eure Anführer an, eure Sprecher und Youtuber!

Besessene Vollidioten sind es, denen ihr in eurem Irrsinn hinterher lauft, deren vergiftete Propaganda ihr aufsaugt, um euch selbst und andere zu zerstören:

Michaels Irrwege, Avocadolfse, Volksverlehrer, Ur-Germanen, Kleingartenreichskönige, Jenn Kebsen, der Vogel Lenz und wie sie alle heißen – sagt mal, merkt ihr überhaupt noch irgendwas? Schämt ihr euch gar nicht bei diesen Leuten? Habt ihr jeden Respekt vor euch selbst verloren, denen nur ein Wort zuzuhören und ihr Geseier für bare Münze zu nehmen?

Mit ihnen scheißt ihr auf die Wiese der Vernunft und Solidarität, blast Phrasen voller Bullshit und fakenews in den digitalen und analogen Äther, nur um Gehör zu finden in eurem kümmerlichen Dasein.

Mit euren verschrobenen „Meinungen“ glaubt ihr, die Wahrheit erkannt zu haben; glaubt selbst zu denken, wenn ihr in euren Hass-verseuchten Hirnwindungen irgendwelche pulsierenden Gedankenfetzen wahrnehmt.

Voller Zynismus auf all jene, die unter den bestehenden Herrschaftsverhältnissen leiden, erklärt ihr euch als die größten Opfern – nur, um endlich wieder Täter sein zu können; nur, um endlich rächen zu können, was euch wie den vielen angetan wird in dieser Welt; den meisten aber schlimmer und konkreter als euch entfremdeten Verblendeten.

Ihr begreift nicht, welche Rolle ihr selbst ausübt in diesem dreckigen Spiel.

Ganz ehrlich: Mit honkenden Kaffeefahrten durch die Republik juckeln, sich als Abschaum vergemeinschaften, euch von Nazis penetrieren lassen, bis zum Erbrechen narzisstische Trotteln und Esoterik-Geleier anhören, im Supermarkt keine Maske tragen, Omas Geburtstag bis ins Grab zu feiern, stundenlang im Netz euren vollendeten Schwachsinn spreaden und ansonsten den Pöbel-Michel raushängen lassen wo es nur geht – ist es das, was ihr „Widerstand“ nennt? Sagt mal, Gates noch?

~

Anstatt ans Licht zu holen, was alltäglich verdrängt wird, in dieser Gesellschaft des Spektakels;

statt euch mit der Welt zu konfrontieren, wie sie in der Banalität ihrer hierarchischen Struktur mit ihrer ganzen Gewalt und Zerstörung ist,

bildet ihr euch ein, das ihr wisst, was hier wirklich läuft.

Statt euch einen Begriff von Kapitalismus und Klassengesellschaft zu bilden, imaginiert ihr euch Verschwörungen und finstere Mächte, die hinter allem stehen sollen; die eine Erklärung liefern sollen dafür, was bei euch – und bei vielen anderen – schief gelaufen ist.

Dies aber ist eine zutiefst infantile Haltung zu den Dingen, das Gegenteil von Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung.

Ihr verhaltet euch wie kleine Kinder, denen ein Spielzeug weggenommen wird, weil es giftig oder messerscharf ist. Darum instrumentalisiert ihr vermutlich auch so gerne Kinder.

Ihr heult rum, weil ihr nicht haben könnt und nie haben werdet, was euch eurer Meinung nach zustehen würde. Ganz gleich, ob ihr es zuvor jemand anderem gestohlen habt.

Dass Andere, das Alle, ein Recht auf Wohlstand, Würde und Gesundheit haben, geht euch hingehen nicht in den Schädel hinein.

Ihr könnt nur betrügen und betrogen werden, ihr könnt nur lügen und belogen werden, ihr könnt nur nach unten treten oder euch in den Staub treten lassen.

Das ihr die Gewalttäter, Besitzenden und Glänzenden seid; dass ihr Anteil an der Herrschaft habt

– darin besteht eure primitive Vorstellung von Freiheit, mit der ihr euch selbst in Ketten legt.

~

Weil ihr es auf die harte Tour wollt

– weil ihr danach lechzt, endlich als Niemande anerkannt zu und verachtet zu werden –

bekommt ihr es auf die harte Tour.

So wird eure geistige und ethische Armut eine Grenze finden;

eine Grenze an der Vernunft und Solidarität von Menschen, die ihre Würde bewahren, weil sie sich nicht von eurem Fanatismus anstecken oder einschüchtern lassen, sondern ihn konfrontieren.

Denn wir wissen: Ihr seid nichts als ein Zerrbild, nichts als die Fratzen, dieser durch und durch maroden Gesellschaft.

Ihr werdet fallen und eure Bewegung wird an ihren eigenen fakes ersticken, weil sie nichts als eine leere Hülle ist.

Eure Verschwörungsmythologien werden wie Kartenhäuser zusammenbrechen unter der Erkenntnis der Banalität der Herrschaft.

Erlahmen werdet ihr an der Langweiligkeit eurer stählernen Wolkenschlösser, bis dass ihr strauchelt und in den Abgrund stürzt, wo die Erde euch verschlingt.

~

Und doch lasst euch sagen:

Es ist nie zu spät zur Umkehr!

Fresst die schwarze Pille als Gegengift zur roten!

Wenn ihr stark seid und Selbstachtung habt,

so wacht auf aus eurem Horror-Trip und kapiert endlich, wer euch hier wirklich verarscht.

Denn mit Milde werden angesehen,

welche ihre Irrwege erkennen,

welche vom Faschismus Abstand nehmen

und heimkehren auf den Boden von Vernunft und Solidarität

Bejubelt aber werden jene,

die der Regierung trotzen,

weil sie dem Regieren trotzen

und dabei das Gute tun, weil sie es erkennen und lieben

Hochachtung jedoch erfährt,

wer dem Regieren selbst den Rücken kehrt

und ihm ein für alle mal den Garaus machen will

für die Vergesellschaftung der Freien, Gleichen und Solidarischen.

Mit dem Syndikalismus gegen den Syndikalismus?

Lesedauer: 6 Minuten

Inzwischen kam ich dazu die ersten drei veröffentlichten Teile des Textes Skizze eines konstruktiven Sozialismus von Holger Marcks ganz zu lesen. Da er auf der Homepage der Föderation der FAU erschienen ist und es aktuell kaum andere ausführliche Beiträge aus anarcho-syndikalistischer Richtung gibt wirkt er wie ein Grundlagentext, welcher von FAU-Mitgliedern möglichst gelesen werden sollte. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang jedoch noch mindestens die Schrift von Torsten Bewernitz Syndikalismus und neue Klassenpolitik. Eine Streitschrift.

übernommen von: https://www.fau.org/materialien

Leider habe ich gerade nicht die Zeit und die Muße eine ausführlichere Besprechung von Holger Marcks Text zu leisten, möchte aber dennoch ein paar Eindrücke und Kritikpunkte benennen. Doch zunächst zur Form: Der Text besteht aus den Teilen (1) Syndikalistische Transformationspolitik: Die Vermittlung zwischen Realität und Utopie, (2) Multiple Gewerkschaften als Unterbau: Erste Bausteine der Gegenmacht und (3) Grundlagen der Konstruktion: Das Gefüge transformatorischer Organisation. Im bisher noch nicht veröffentlichten vierten Teil soll es dann um programmatische Konsequenzen aus den mikropolitischen Erfahrungen und die utopische Vision gehen.

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Contra #Zero Covid – Debatte

Lesedauer: 14 Minuten

Auf indymedia wurde kürzlich ein interessanter Debattenbeitrag veröffentlicht, welcher wie den Kommentaren zu entnehmen ist, eine größere Kontroverse auslöste. Aus diesem Grund möchte ich diesen Text hier festhalten, nicht, weil ich den Stil insgesamt oder alle Inhalte teile. Was ich jedoch gutheiße, ist eine Kritik am Zero CovidAufruf der zurecht ein Armutszeugnis von Leuten ist, die es eigentlich besser wissen könnten. Oder möglicherweise auch nicht, insofern sie damit ihre eigene gesellschaftliche Positionierung widerspiegeln, welche Teil des Problems ist.

Die Forderung „Zero Covid“ hat ja einen wahren Kern: Es stimmt vermutlich, dass das Virus und seine Folgen zurückgedrängt werden könnten, wenn gebotene Verhaltensweisen konsequent umgesetzt werden könnten. Je mehr Menschen meinen Skifahren zu müssen, ihre Geschäfte zu öffnen, Party zu machen oder dergleichen, desto länger werden wir es mit diesem Virus zu tun haben. Das Menschen ohnehin sterben – auch an den Folgen der Herrschaftsordnung, in der wir leben – ist ebenfalls richtig. Es ist aber kein Argument dafür, die Pandemie einfach laufen zu lassen, sondern eine menschenverachtende, nihilistische Einstellung.

Das Problem ist, dass die Initiator*innen von Zero Covid sowohl die Ursachen verkennen, weswegen sich Covid19 dermaßen ausgebreitet hat und so gefährlich ist, als auch eine direkt falsche Vorstellung von der staatlichen Regulierung der Pandemie haben und mit dem Aufruf verbreiten. Mal abgesehen von Parteilinken, welche ohnehin der Meinung sind, besser regieren zu können (wobei die Herrschaft noch wo anders sitzt als allein oder vorrangig in den staatlichen Apparaten), erschreckt es zurecht, dass auch sich radikal wähnende Linke an die autoritäre Lösung glauben. Sicherlich, eine effektive Bekämpfung der Pandemie ist nicht möglich, wenn sich der Lockdown vorrangig auf das Sozialleben, Ausbildungsinstitutionen und das Einkaufen bezieht, während die Wirtschaft weiter laufen soll. Dass es sich hierbei jedoch um eine funktionale Logik des kapitalistischen Staates handelt, welcher eben nicht mit einem gut gemeinten Appell in eine andere Richtung schwenkt, ist eine Binsenweisheit, die in der gegebenen Situation wieder ihre Wahrheit erweist.

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Sozialismus als Schweine-System

Lesedauer: 2 Minuten

Als ich diese Zeichnung fand, musste ich zunächst herzlich lachen. Selbstverständlich wegen der Moralisierung, die dort drinnen steckt. Jede Herrschaftsordnung ist ein Schweine-System könnte man leicht sagen. Doch was ist mit der „République Sociale“, einer Bezeichnung, die auch Proudhon verwendete? Wenn jedes Schwein das bekommt, was es braucht und verdient hat, ist das dann gerecht? Sicherlich ist das eine Form von Ordnung, vielleicht sogar von einer rationalen und gut gemeinten. Ich hab überhaupt nichts gegen Schweine. Menschen teilen mit ihnen den Großteil ihres Genmaterials. Schweine sind sehr intelligent, sozial und reinlich.

Es sind die miserablen Haltungsbedingungen, welche sie in Konkurrenz setzen, weswegen sie von Dreck umgegeben sind und bösartig werden. Da lässt sich einiges „verbessern“, sicherlich. Aber meine Sehnsucht geht doch eigentlich dahin, ein Wildschwein zu sein. Borstig und ungekämmt, flink und wendig durch das Unterholz und über grüne Wiesen zu rennen. Ich sage nicht, dass dann alles schön wäre? Aber wäre es nicht „Freiheit“? Nun ja, es gibt Argumente für beide Seiten. Denn immerhin entsteht mein romantisches Faible für das Wildschwein-Dasein innerhalb einer technokratischen, durchregulierten, überall institutionalisierten Gesellschaftsform. Die sicherlich auch ihre Vorteile hat, welche ein Großteil nicht missen wollen würde. Würde ich umgekehrt als Wildschwein vielleicht sogar das Schweine-System der sozialen Republik bevorzugen? Das kann gut sein…

Eine Frage, die in diesem Zusammenhang allerdings nicht gestellt wurde, bezüglich jedes der Schweine-Systeme: Steht dahinter nicht doch ein Bauer, der die Dinge so anordnet, wie sie eben sind? Ein dummer und grausamer oder ein kluger und milder?

Introduction to fear

Lesedauer: 4 Minuten

Einige Gedanken zu Brian Massumi, „Everywhere you want to be. Introduction to fear“ (1993)

Der erwähnte Text, welche nun bereits wieder 28 Jahre alt ist, warf einige weitere Gedanken bei mir auf. Es handelt sich um einen poststrukturalistischen Text, auch wenn er die Annahme Sprache konstruiere soziale Realität, dadurch erweitert, dass die Affekttheorie geradezu von einer Produktion sozialer Realität durch Affekte ausgeht. Ohne mich bisher tiefgehender damit beschäftigt zu haben, erscheint mir diese Herangehensweise sinnvoll, um die Vorstellung des vermeintlich kohärenten, sich selbst setzenden, sich selbst bewussten Subjektes in Frage zu stellen. Mit anderen Worten, davon auszugehen, dass wir uns als fühlende Fleischsäcke durch die Welt bewegen, geformt und motiviert von Affekten, welche auf uns einwirken.

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Sich trauen, ein Rebel Girl zu sein

Lesedauer: < 1 Minute

Um weiter bei einigen Klassiker*innen zu bleiben, hier mal was Vernünftiges. Text, Stil und Aussage sind selbsterklärend, da sollte ich nicht viel kommentieren. Unter dem Video kommt aber noch der Text..

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ZINE: Zusammenhalt – Kritik und Solidarität in der Coronapandemie

Lesedauer: 3 Minuten

Das Anarchistische Netzwerk Dresden veröffentlichte ein Zine, was HIER heruntergeladen werden kann. Zum Auftakt heißt es:

Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat dafür gesorgt, dass das Jahr 2020 in die Geschichte eingehen wird. Im Versuch mit dem, was gerade passiert, umzugehen, haben wir uns entschieden, ein Zine zu machen. Wir wollen eigene Perspektiven, Erlebnisse und unsere Diskussionen gerne teilen und anarchistische Blickwinkel zur Debatte beitragen. Und natürlich Humor, der soll nicht fehlen, obwohl es insgesamt doch ganz schön ernst geworden ist. 

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Schatzkiste: Die soziale Revolution (Joseph Peukert)

Lesedauer: 38 Minuten

Die hier gespiegelte Artikelreihe aus der Londoner Zeitung „Autonomie“ von 1887 ist unter Pseudonym erschienen. Aufgrund des „populistischen“ Stils und dem Grundlagen-Charakter des Textes gehe ich jedoch davon aus, dass sie von Joseph Peuket verfasst wurde, welcher in dieser Zeitung maßgeblich aktiv war. Peukert, ein Deutscher, der in der anarchistischen Exilant*innen-Gemeinschaft in London gestrandet war, entwickelte sich zum Anhänger Kropotkins und versuchte dessen Konzeption zum kommunistischen Anarchismus zu verbreiten und herunter zu brechen. Peukerts Anarcho-Populismus kommt dabei nicht ohne einen ausgeprägten Klassenhass und eine teils schwärmerische Sehnsucht aus, welche beides ist: Ausdruck und Beleg seiner eigenen Haltung beziehungsweise der seiner Gefährt*innen, als auch stilistische Ausdrucksmittel, sprich, offensichtliche Agitation und Propaganda, welche nur deswegen nicht instrumentell ist, weil sie sich ganz klar dazu bekennt, solche zu sein und damit die Lesenden zum Selbstdenken, zur Selbstermächtigung und zur Selbstorganisation auffordert. Durch Antizipation beider Seiten, die der Schreibenden und jene der Lesenden, entsteht ein Eindruck des politisierten libertär-sozialistischen Milieus vor der Jahrhundertwende.

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Geburtstag: Murray Bookchin

Lesedauer: 2 Minuten

Heute vor 100 Jahren wurde der US-amerikanische Anarchist Murray Bookchin (wikipedia) geboren. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Janet Biehl entwickelte er die Konzepte der sozialen Ökologie und das des libertären Kommunalismus. Ersteres inspirierte öko-anarchistische Bewegungen in den USA wie etwas verzögert auch in der BRD in den 1970ern und 1980ern. Letzteres wurde von der kurdischen Autonomiebewegung aufgegriffen und mündete in die Struktur des demokratischen Konföderalismus, welche heute in Rojava praktiziert und weiter aufgebaut wird. Bookchin war der Überzeugung, dass Menschen in einer modernen Gesellschaft ökologisch verträglich leben können, wenn das Herrschaftsverhältnis über die Natur gleichermaßen, wie das von Menschen über Menschen abgeschafft würde. Aus der Perspektive der radikalen Ökologiebewegungen arbeitete er an der Erneuerung eines anarchistischen Revolutionsverständnisses. Weiterhin beschäftigte er sich mit herrschaftsfreier Stadtplanung und wie die kapitalistische Mangelgesellschaft durch einen dezentralen Sozialismus überwunden werden könnte. 1971 war er an der Gründung des Institute for Social Ecology, gewissermaßen einem anarchistischen thinktank – etwas, dass es im deutschsprachigen Raum bedauerlicherweise nicht gibt.

In höherem Alter gelang es Bookchin aber leider nicht mehr mit den Veränderungen der Zeit und der sozialen Bewegungen mitzugehen. Zwar kritisierte er zurecht die esoterischen Tendenzen in der Ökologiebewegung, konstruierte jedoch eine falsche Kluft zwischen Social Anarchism or Lifestyle Anarchism (1995), die vermeintlich unüberbrückbar wäre – als wenn die umfassende Veränderung des eigenen Lebens nicht immer ein Teil des Anarchismus gewesen wäre und die Möglichkeiten zur Entfaltung von Individualität nicht ein Gradmesser für die gesamtgesellschaftliche Emanzipation seien! Unter anderem Bob Black antwortete ihm mit dem Buch Anarchy after Leftism (1997), in welchem er Bookchin fies, aber sehr erheiternd als „grumpy old man“ bezeichnete – und dessen Thesen ziemlich eloquent zerlegt, um seinen Individualanarchismus zu entfalten.

Auch diese Episode verdeutlicht jedoch die Bedeutung, welche Bookchin die die anarchistische Bewegung über einige Jahrzehnte hatte – zumals es wenige Anarchist*innen gibt, die als öffentliche Intellektuelle wirken, eigenständige Konzepte entwickeln und es schaffen, in verschiedene Bevölkerungskreisen Gehör zu finden.

Murray Bookchin starb am 30.06.2006.