Beiträge zur Pflege und Erneuerung anarchistischer Theorie


Anarchistische Theorie & Perspektiven
Beiträge zur Pflege und Erneuerung anarchistischer Theorie


In einer weiteren Auflage der Workshop-Reihe „Anarchie bilden!“ werden wir über anarchistische Theorie lernen, diskutieren, uns austauschen und zusammenkommen. Die angeleiteten Tagesworkshops bestehen aus einer Mischung von Vorträgen, Kleingruppenarbeiten, Spaziergängen, Übungen und Gruppendiskussionen. Beachtet die Rahmenbedingungen und meldet euch an (adi-leipzig.net).
Der Anarchismus ist eine sozialistische Strömung, die in sich sehr vielfältig ist. Nacheinander betrachten wir die „autonomen Tendenzen“ des mutualistischen, individualistischen, kommunistischen, insurrektionalistischen, syndikalistischen und kommunitären Anarchismus. Wir entdecken ihre Geschichten, Strategien und Utopien und beschäftigen uns mit ihren ideologischen, theoretischen und organisatorischen Vorstellungen. Anhand von Beispielen werden wir ihre Bedeutung besprechen.

Das ging rasch. Und für manche wie mich, war es dann doch überraschend, dass das Große Tier Donald Trump in den USA wieder zum Präsidenten gewählt worden ist. Die Ampel ist ausgegangen, in Sachsen gibt es keine „Brombeer-Koalition“. Zugegeben, wieder einmal hatte ich mich nicht detailliert mit den Wahlen beschäftigt. Denn wozu auch, Einfluss darauf habe ich ebenso wenig, wie jene auf die grundlegende Verfassung der kapitalistischen Staaten. Überrascht war ich möglicherweise dennoch deswegen, weil in der europäischen Mainstream-Presse häufiger klar Stellung für die Demokratische Partei bezogen wurde. Dies ist vorrangig wirtschaftspolitischen und geostrategischen Interessen der Europäischen Union geschuldet und nicht etwa einer Bevorzugung des Lagers von Kamela Harris aus ethischen Erwägungen.
Auch aus anarchistischer Perspektive ist klar, dass es Herrschaftsordnungen gibt, welche eher und solche, welche weniger Spielraum für Emanzipation lassen. Ausdrücklich benennt bereits Bakunin die unterschiedlichen Staatsformen – und welche Fraktion an der Regierung ist, spielt daher ebenso eine Rolle. Grundlegend kritisiert wird von Anarchist*innen dennoch der moderne Nationalstaat als spezifische Form politischer Herrschaft, welche in den letzten 200 Jahren weltweit gegen Widerstand und andere politische Gemeinwesen durchgesetzt wurde. Staatlichkeit bedeutet wesentlich Zentralisierung von Macht, Hierarchisierung, die in alle gesellschaftlichen Bereiche ausstrahlt und Autoritarismus im Sinne der Anmaßung von Entscheidungsgewalt und ihrer gesetzlich legitimierten Durchsetzung.
Die erneute Wahl Trumps zeigt, dass die vormals festgesetzten Rahmenbedingungen politischer Herrschaft im Umbruch sind. Dass seit den 1970er Jahren durchgesetzte neoliberale, technokratische Regierungsmodell wird abgelöst von einem protektionistischen, rechtspopulistischen Regierungsmodell. Trump, Bolsonaro, Milei und andere demokratisch gewählte Präsidenten betreiben – trotz aller Nuancen – Regierungsstile, die stärker jenen von Autokratien wie in Russland, China oder der Türkei gleichen. Trumps Bewunderung für die harte Hand der Autokraten und ihrer Huldigung ist hinlänglich bekannt. Der Wechsel von Superreichen wie Elon Musk ist zum einen Katalysator, zum anderen aber auch Indikator für den Paradigmenwechsel auf hoher Ebene.
„Gegen-Hegemonie und Anti-Hegemonie im Umbruch“ weiterlesen
Offensichtlich scheppert uns die versprochene Zeitenwende deutlich lauter entgegen, als manche es vermutet hätten. Was interessiert die Anarchist*innen, wer an der Regierung ist?, könnte man fragen. Und tatsächlich bleibt die Herrschaftsordnung ja gerade durch die Auswechselung ihrer politischen Entscheidungsträger*innen die selbe. Klar ist: Das neoliberale-technokratische Regierungsmodell wird in dieser Phase vom protektionistisch-nationalistischen abgelöst. Und ironischerweise sind beide dennoch Seiten derselben Medaille. Wenn seit der Jahrtausendwende systematisch soziale Absicherungen geschleift, öffentliche Infrastrukturen marode, korrupten Superreichen nicht in die Schranken gewiesen und politische Rechte eingeschränkt werden, brauchen sich Demokrat*innen nicht zu wundern, warum Faschist*innen nacheinander die Bastionen der politischen Macht einnehmen. Korrekterweise muss man sagen, dass das protektionistisch-nationalistische Regierungsmodell nicht an sich faschistisch ist. Dem Faschismus kommt als konterrevolutionärer Avantgarde aber die Rolle des integrierenden Elemente im reaktionären und aggressiven Projekt zur Herrschaftssicherung zu.
Seitdem sie angeschaltet wurde, wurde auf die Ampelregierung in der BRD von konservativer Seite her eingedroschen. Was den einen zunächst Lust auf Veränderung machte, erschien für andere Teile der Bevölkerung zunehmend eine Zumutung. Trotz unterschiedlicher Bevölkerungszusammensetzung und Narrative sind die Kernthemen der Lagerbildung in Nordamerika und Europa die gleichen: Die Konfliktlinien verlaufen entlang von Wirtschaftsmodellen, der Bearbeitung von Migration und kulturellen Fragen. Auch wenn Landes- und Bundespolitik zwei paar Schuhe sind, trifft dies doch auf beide Ebenen zu. Dabei ergeben sich neue Konstellationen, während das Lager der Anhänger*innen einer sozial ausgleichenden, liberalen Demokratie zunehmend kleiner wird und zusammenrückt.
„Politik auf allen Ebenen, mit allen Mitteln“ weiterlesen
Eigentliche hatte ich die „dissensorientierte Zeitschaft“ Tsveyfl schon abgeschrieben – da brachte die Redaktion im April noch ihr letztes Heft heraus. Abgesehen davon, dass ich viel anderes zu tun hatte, war mein Interesse daran offensichtlich gering, sonst hätte ich es mir früher bestellt. Schade, denn zweifellos handelte es sich um einen – gescheiterten – Versuch, eine anarchistische Theoriezeitung im deutschsprachigen Raum zu begründen. Angepisst erklären die Herausgeber*innen im Vorwort, dass damit nun Schluss sei; dass sie nichts mehr mit dem Anarchismus zu tun haben wollten und sich verabschieden von einer „Szene“, welche sie ganz und gar verachten würden. So weit, so irrelevant. Doch möchte ich meinerseits zumindest noch einige abschließende Gedanken zur Beerdigung formulieren.
Auch nach der Lektüre des vierten Heftes ist mir nicht klar, was das Anliegen der Herausgeber*innen war. Die Beiträge „Arbeit. Klasse und neue Klassenverhältnisse heute“ (Redaktion), „in der linken alles so mittel klasse“ (AG Arbeitsunsinn) und „Anarchismus und Klasse“ (Yvonne Röll) sind alles in allem fundierte Überlegungen dazu, wie die Autor*innen sich einen Klassenbegriff vorstellen, welcher diese Kategorie weder (post-)sozialdemokratisch relativiert noch (neo-)leninistisch fetischisiert. Allgemein muss ich aber zugeben, dass bei diesen Ausführungen für mich leider überhaupt nichts Neues dabei ist. Tsveyfl zielt nicht darauf ab – und hat nie darauf abgezielt – eine theoretische Unterfütterung real vorhandener sozialer Kämpfe darzustellen. Sein implizites Anliegen war es viel mehr von Anfang bis Ende, der Angewidertheit vom eigenen Studentendasein und der eigenen Arroganz gegen für dumm erklärte Szene-Angehörige Ausdruck zu verleihen, sowie sich dabei radikal fühlen zu können.
„Im Zweifel gegen den Tsveyfl?“ weiterlesen
Im weiteren Nachdenken über das offensichtliche Fehlen einer geteilten Vision und damit verbundenes strategisches Handeln innerhalb von anarchistischen und emanzipatorischen Zusammenhängen, versuche ich meine Überlegungen dazu in diesem schlichten Schema zu sortieren. Im Nachdenken über historische soziale Bewegungen, aktuelle strategische Ansätze radikaler Akteure und damit verbundenen Narrativen, gelangte ich zur vereinfachten Unterscheidung dieser drei Strategien. Diese erachtete ich zunächst als gleichermaßen berechtigt und sinnvoll.
Herunter gebrochen ist festzustellen, dass alle drei Ansätze für sich genommen gescheitert sind. Mit der Opposition wird darauf bestanden, dass es einer Perspektive für eine Vision für eine signifikant andere Gesellschaftsform brauche. Die Subversion weist darauf hin, dass es die Revolutionierung der gesellschaftlichen Verhältnisse als permanenter Prozess zu verstehen ist, den es immer weiter voranzutreiben gelte. Was die Revision angeht, liegt in die Stärke darin, dass mit ihm Transformationen ausgehend von den immanent vorhandenen Bedingungen gedacht wird (denn andere gibt es nicht) und dass es immer um die Verbesserung von realen Lebensbedingungen gehen muss.
Insofern würde ich sagen, alle drei Ansätze zur Erosion der Herrschaftsordnung haben ihre Berechtigung, beruhen auf bestimmten Erfahrungen und Grundannahmen. Es ist leicht die jeweiligen Ansätze zu verwerfen – da sie wie erwähnt für sich genommen ohnehin alle gescheitert sind. Zumindest einer der Gründe für ihr Scheitern war, dass sie kaum zusammen gedacht wurden. So wird aus der (Fundamental-)Opposition am Ende doch die Übernahme der Staatsmacht, kreist die Subversion um sich selbst, ohne sich verständlich zu machen und driftet die Revision in den Reformismus ab, welcher eben nicht demokratisch-radikalisierend, sondern systemstabilisierend wirkt.
Wenn Anarchist*innen einen irgendwie relevanten Beitrag zur Gesellschaftstransformation bringen und sich als selbstbewussten Akteur formieren wollen, müssen sie Aspekte der ihnen ferner liegenden Ansätze zur Erosion der Herrschaftsordnung einbeziehen. Anders als „der Kommunismus“ oder „die befreite Gesellschaft“, kann eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform als konkreter Bezugspunkt für eine geteilte Vision skizziert werden. Statt nur reformerisch aufzuzeigen, dass Verbesserung von Lebensbedingungen unter den gegebenen Umständen durch vehemente Organisierung und Kämpfe möglich werden können, geht es darum, diese Veränderungen als sozial-revolutionäre Ausgangspunkte für eine Erosion der Herrschaftsordnung insgesamt zu verstehen. Und wenn der – an dieser Stelle etwas breit und schwammig verstandene – Ansatz zur Subversion davon ausgeht, dass andere Beziehungen, Strukturen, Logiken möglich sind – dann gilt es jene ethischen Werte und Organisationsweisen zu benennen, die einen wirklichen Unterschied zu denen der herrschaftlichen Gesellschaftsform machen.
Daraus lassen sich drei grobe Fragen ableiten:
Freundlicherweise hat Leo Schwalbe in der Novemberausgabe der Contraste eine Rezension zu meinem Buch geschrieben. Abonniert diese Zeitung, wenn ihr an selbstorganisierten, mutualistischen Projekten interessiert seid!
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Der folgende Beitrag ist übermäßig polemisch. Denn wer so wie Kindler austeilt, soll auch Gegenwind ernten dürfen.
Was passiert, wenn jemandem der frühe Erfolg zu Kopf steigt, kann man gut bei Jean-Philipp Kindlers Büchlein Scheiß auf Selflove, gib mir Klassenkampf nachvollziehen. In wetterndem Tonfall formuliert der Komiker, Podcaster und Moderator seinen sozialdemokratisch-konservativen Moralismus aus. Diesen grenzt er so polemisch gegen eine urbane „Hipster-Linke“ ab, dass man den Eindruck gewinnt, hierbei verarbeite er vor allem eigene Identitätskonflikte. Ob es für ihn besser ist, auf „Selflove“ zu scheißen und von einem imaginären Subjekt „Klassenkampf“ zu erbetteln, sollte deswegen hinterfragt werden.
Nichtsdestotrotz trifft er mit seinem Verlangen nach einer Vereindeutigung der Verhältnisse und einem Bruch mit dem neoliberalen Spektakel-Kapitalismus den Puls der Zeit einer jüngeren Generation, die es statt hat, fragend voranzuschreiten, sondern nach orientierenden Antworten verlangt. Und solche liebt Kindler offensichtlich gerne zu formulieren – gegen die Larifari-Hin-und-Hergerissenheit unter dem er selbst zu leiden scheint, setzt er auf Allerweltsweisheiten, auf die er sich verlassen kann.
„Politik – mimimi“ weiterlesenZusammenfassung zu Luigi Fabbri: Die präventive Konterrevolution (Teil 2b)
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Nicht zu vernachlässigen ist weiterhin, dass der Faschismus manchen Gruppen auch Karrierechancen eröffnete, insbesondere Freiberuflern und Anwälten. Nach dem Spektakel der Freischärler in Fiume, mäßigten sich die Faschisten und legten vor allem ihren Anti-Monarchismus und ihre trotzige Gegnerschaft gegen die Regierung ab. Dadurch wurden sie nun für viele Konservative tragbar (82). Eine wichtige Bedeutung nahmen faschistische Milizen in diesem Zeitraum auch in der Stadt Triest ein, um die italienische Vorherrschaft gegen die Selbstbestimmung der Stadt unter slawischer Mehrheit zu verhindern. So griffen sie Menschen auf der Straße an und zerstörten sozialistische Lokale.
Auf schwindelerregende Weise wurden die Faschisten so von einer einer gekränkt-patriotischen, obskur-elitären und stark von Studenten geprägten Splittergruppe zu einer echten Massenbewegung (84). In den reicheren Städten und kulturellen Zentren wandten sich ihm vor allem zurückgesetzt fühlende Gruppen zu. Weiterhin konnte ein großer Einfluss über die eigentlich faschistischen Organisationen hinaus erzielt werden. Daran hatten auch die großen Zeitungen ihren Anteil, in welchen faschistische Gewaltakte relativiert und gerechtfertigt wurden. Ein bedeutender Faktor war auch die Parteilichkeit der Gerichte: Während zahlreiche Sozialisten angeschuldigt und festgenommen wurden, endeten Verfahren gegen Faschisten – wenn sie überhaupt eingeleitet wurden – häufig mit Freisprüchen. Dies insbesondere auch bei schwerwiegenden Anschuldigungen, selbst bei Mord (85). Fabbri zwingt sich gerade wegen diesem himmelschreienden Unrecht zur Sachlichkeit und stellt:
„Reflexionen über Faschismus (2b)“ weiterlesen„dies ohne irgendein Bedauern oder einen Tadel fest. Ich glaube nicht an die Gerechtigkeit der Justiz, noch an die Wirksamkeit der in den Paragraphen festgelegten Strafen. Im Grunde finde ich all das oben Ausgeführte sehr natürlich. Wenn ich es ausführte, so um die Liebelei zwischen Faschismus und führenden Klassen hervorzuheben und um darzulegen, dass der Faschismus kein Phänomen an sich ist, losgelöst von allen anderen sozialen Ungerechtigkeiten, sondern deren direkte Folge und Ausdruck. Vielmehr noch ist der wirkliche Verantwortliche für den vom Faschismus geschaffenen Bürgerkrieg das aktuelle politische und ökonomische Regime“ (86).
In einer bekannten kommerziellen Kneipe im Szeneviertel wollte ich ein schön gestaltetes Plakat ins Fenster hängen. Immerhin hing dort auch die Werbung für ein Punk-Konzert. Kneipen und Cafés gibt es in diesem Viertel etliche, sicherlich. Doch jenes, welches ich ins Auge gefasst habe, lag nun mal prominent an einer Straßenkreuzung mit Ausgehflair, bekannt dafür, dass drinnen zumindest die Luft vor Tabakrauch steht und ansonsten vollgetaggt, weil das hier wohl zum guten Ton gehört.
Sicherlich kommen dort auch allerlei Selbstunternehmer und Hipster vorbei. Als ich zweimal Montagabends dort rein steuerte, stellte ich zudem fest, dass es offenbar ein Ort war, an welchem sich jugendliche Rich-Kids daten und dabei eine Limo schlürfen. Sonst kam schon mal die eine oder andere Zeckenbande dort eingefallen oder trafen sich die sonstigen Alternativen des Stadtteils mitunter – aber seit auch hier das Bier fast fünf Euro kostet, sind diese Zeiten eigentlich passé.
„unpolitisch im Szeneviertel“ weiterlesen