6 Freiheit

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… hat eine individuelle, eine gesellschaftliche und eine intersubjektive Dimension, die im Anarchismus miteinander verknüpft gedacht werden und auf komplexe Weise zusammenwirken. Freiheit entsteht für einzelne Personen und Gruppen erst in Relation mit anderen Personen und Gruppen, welche sie anerkennen und mit ihnen in Beziehung treten. Durch Individualisierung und Massengesellschaft in der Moderne entsteht ein scheinbarer Widerspruch zwischen den Interessen Einzelner und jenen von Kollektiven. Wo es sich um Zwangskollektive handelt, artikulieren Anarchist*innen Dissens, um soziale Freiheit zu erkämpfen. Insofern Atomisierung der Gesellschaft zur Vereinzelung von Personen und Gruppen führt, gilt es mit sozialer Freiheit, ihre Verwiesenheit aufeinander herauszustellen und einzurichten.

5 Ethik

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… die Diskussion, Verhandlung und Einrichtung zur Ermöglichung eines guten, reichen, schönen, gelingenden Lebens für alle Menschen. Statt religiös, naturalistisch oder philosophisch begründeter Moralsysteme, gibt es in der Ethik keine per se festgelegten Normen und Maßstäbe für „richtiges“ oder „gutes“ Verhalten. Vielmehr sind diese permanenten Aushandlungsprozessen unterworfen, welche zu verschiedenen Graden bewusst gemacht und durch unterschiedliche Interessen beeinflusst werden. Ethik ist im →Anarchismus nicht primär eine Frage der „privaten“ Lebensführung, sondern zielt einerseits auf die Kritik an bestehenden Lebensweisen in der vorfindlichen →Gesellschaftsform ab und verweist andererseits auf die vorhandenen Alternativen zu dieser.

4 Dezentralität

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… ist als Gegenbegriff zur Zentralisierung zu sehen und meint die Gleichverteilung von Macht unter verschiedenen Personen, Gruppen und →Kommunen. Systeme in denen es mehrere Entscheidungsebenen, Sektionen oder Dimensionen gibt, sind deswegen nicht zwangsläufig dezentral organisiert. Dezentralität verlangt stattdessen eine Entscheidung zu ihr, als →Organisationsprinzip, welches eine Gesellschaftsform ermöglicht, welche vielfältig, aber nicht beliebig, ist. Akute Situationen geben kann, in denen eine zuvor legitimierte Instanz aufgrund ihrer spezifischen Kompetenz bestimmte Entscheidungen „zentral“ fällen kann, widerspricht nicht der Dezentralisierung an sich.

Welche Systeme und Ordnungen zu welchen Graden dezentral organisiert werden können, hängt auch von äußeren Bedingungen ab. Tendenzen zur Zentralisierung können dabei immer wieder auftauchen, weswegen Mechanismen und Verfahren etabliert werden müssen, um Dezentralität zu gewährleisten.

3 Chaos

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… stellt jegliche Ordnungen in Frage. Durch diese prinzipielle Infragestellung unterscheidet sich die Anarchie von anderen →Sozialist*innen. Dennoch geht Chaos über eine reflexartige Provokation um ihrer selbst Willen hinaus, sondern ermöglicht →Pluralisierung, →Kooperation und →Selbstorganisation. Chaos kann auch so betrachtet werden, dass es sich nicht zwangsläufig gegen jegliche angeordnete Welt („Kosmos“) richtet, sondern im Gegenteil deren Voraussetzung unter sich stets wandelnden, komplexen Bedingungen, ist. Daher ist Chaos im anarchistischen Sinne kein bloßer Selbstzweck, sondern in Beziehung zur infrage gestellten Struktur zu verstehen. Wenn andere Strömungen das Chaos anrufen, dann vorrangig, um ihre eigenen Ordnungen durchzusetzen. →Anarchist*innen setzen hierbei auf Überzeugung und freiwilliges Mitwirken, wobei sie häufig nur unzulängliche Antworten im Umgang mit ihren erklärten Gegner*innen finden.

2 Bewegung

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… bezeichnet, aus einer →Szene oder einem Milieu herauszukommen, sich mit anderen Akteur*innen zu verbünden, um ein gemeinsames größeres Ziel zu erreichen. Dabei weisen sie in der Regel verschiedene Flügel auf, welche sich mehr oder weniger klar abzeichnen. Soziale Bewegungen formieren sich im Protest für die Erreichung bestimmter Nah- und Fern-Ziele und gegen bestehende, verfestigte Strukturen. Sie sind emanzipatorisch, wenn mit ihnen Herrschaftsverhältnisse abgebaut werden sollen, wozu sie diesen Anspruch bei sich selbst angefangen umsetzen müssen. Deswegen sind soziale Bewegungen in Relation zu ihren Gegner*innen, Konkurrent*innen sowie zu sie betreffenden gesellschaftlichen Diskursen allgemein zu verstehen. Menschen in sozialen Bewegungen bilden bestimmte Narrative durch ihre Erfahrungen in und mit ihnen aus, entwickeln bestimmte Stile, Praktiken, Kommunikationsformen usw.. In sozialen Bewegungen werden auch Institutionen ausgebildet, deren Verstetigung, Bürokratisierung und Hierarchisierung aber zu ihrer Einhegung und zum Erliegen führen können.

Keine Ruhe bis der letzte Diktator stirbt!

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Erklärung der Solidarity Collectives. Beitrag aus Sympathie und zur Dokumentation übernommen von: https://enough-is-enough14.org

Solidarity Collectives“ (früher „Operation Solidarity„) ist ein antiautoritäres Netzwerk von Freiwilligen, das vor der groß angelegten russischen Invasion in der Ukraine gegründet wurde, um Genoss*innen an der Front und der vom Krieg betroffenen Zivilbevölkerung zu helfen. „Collectives“ ist nicht nur ein Name, sondern die Essenz unserer Initiative, der sich verschiedene Organisationen und Gruppen aus der Ukraine, Deutschland, Polen, Frankreich, den USA, den Niederlanden, Kanada und vielen anderen Ländern angeschlossen haben.

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1 Autonomie

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… bezeichnet im Anarchismus vor allem ein Organisationsprinzip, nach welchem einzelne Gruppen – von einer Kleingruppe bis zu einer Kommune mit zehntausenden von Personen – ihre Agenda und ihre Praktiken, Stile und Mittel gemeinsam selbst wählen und entwickeln. Dabei ist es entscheidend, die →Selbstbestimmung der einzelnen Personen und Zusammenhänge zu gewährleisten und zugleich einen common ground herauszuarbeiten. Autonome Organisationen fördern dementsprechend die Selbstbestimmung der Einzelnen, wie auch ihre verbindlichen →Beziehungen zueinander. Dass sich mit ihr Gemeinschaften und Systeme organisieren und integrieren lassen, beruht auf der Annahme der Fähigkeit zur →Selbstorganisation. Das Streben nach Autonomie bedeutet mittels verschiedener Strategien, Herrschaftsverhältnisse zu verlassen und alternative gesellschaftliche Verhältnisse auszuweiten. Der Gegenbegriff ist Heteronomie.

ABC des Anarchismus im Adventskalender

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Schon wieder neigt sich ein Jahr zu Ende. Ein Jahr voller Seuchen, Kriegen, Verelendung, Unterdrückung und Stumpfsinnigkeit. Aber auch ein Jahr, in welchem Menschen weltweit um ein abgesichertes und würdevolles Leben kämpfen. In der dunklen, kalten Jahreszeit werden die Waffen geschliffen, mit denen wir im Frühjahr wieder ins Feld ziehen. Es ist die Zeit der Einkehr, Regeneration, Selbstreflexion und dem Aushecken neuer Pläne.

Einen minimalen Anstoß dazu sollen die folgenden 24 Begriffsdefinitionen geben. Ich habe sie einfach herunter geschrieben. Sie entstammen einer bestimmten Perspektive, ich erhebe mit ihnen keine letztgültigen Wahrheitsansprüche und wissenschaftlichen Ansprüchen genügen sie auch nicht. Bei Gelegenheit werde ich sie sicherlich nachschärfen, was mich aber nicht daran hindert, sie in die Adventszeit mitzugeben. Denn Advent – das ist die Zeit vor der Ankunft. Und was sollen wir unter Ankunft anderes verstehen, als ein revolutionäres Ereignis, nachdem sich zu sehnen verständlich und legitim ist?

Kassiber aus der Vergangenheit

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Bei einer meiner Veranstaltungen tauchte Ralf G. Landmesser auf und drückte mir freundlicherweise ein kleines rotes Büchlein in die Hand. Er wies mich darauf hin, dass dieser KalendA von 1995 auch für das kommende Jahr 2023 gültig sei. Vor 27 Jahren befand sich dieser anarchistische Taschenkalender schon in der 13. Ausgabe. Eigentlich gar nicht so lange her – und dennoch haben sich die Zeiten in vielerlei Hinsicht grundlegend geändert.

War es damals beispielsweise auch mit antinationalem Anliegen noch ein Skandal, dass Deutschland „wieder vereint“ wurde, kräht danach heute kein Hahn mehr. Die Proteste am 03.10. in Erfurt wurden dieses Jahr mangels Interesse abgesagt. Auch Themen wie Cannabis-Legalisierung, welche die Genoss*innen dazumal stark beschäftigten, werden heute von institutionalisierten liberalen NGOs und Verbänden verhandelt – freilich ohne, dass es bis heute zu einer Legalisierung gekommen wäre. Auch das Thema Atomkraft und nukleare Bedrohnung sind heute nicht geringer als damals – doch damit lässt sich niemand mehr hinterm Ofen hervor locken…

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