Selbstreflexion braucht solidarische Kritik

Lesedauer: 5 Minuten

Goldman macht mir eine Ansage

Dann werde ich also auf die anarchistische Buchmesse fahren um meine Gedanken zu präsentieren und Mitte Juni in den Norden, um ein paar Veranstaltungen zu machen. Eigentlich würde ich nur so etwas machen, Seminare geben und Texte zu meinen Themen produzieren – wenn ich denn davon leben könnte. Das hat zumindest insofern einen gewissen Wert, als das anarchistisches Denken am Leben gehalten, weiter gegeben und auch weiter gedacht wird. Und im deutschsprachigen Raum gibt es nun mal wenige Menschen, die dies als ihre Aufgabe erachten und mit erlernten theoretischen Fähigkeiten verbinden können. Das ist auch verständlich. Der Fame für nicht-institutionell angebundene anarchistische Intellektuelle, die sich nicht als besonders krass inszenieren, sondern besonders bodenständig sein wollen, hält sich sehr in Grenzen. Die paar Fans sind oftmals nicht zahlreicher als die paar Hater, die eine Strohpuppe in mir gefunden haben. Meine Bezahlung ist… nun ja, im Wesentlichen ein moralisch gutes Gefühl, mit meinen Fähigkeiten und meiner Seinsweise etwas sinnvolles gemacht zu haben.

Ich bilde mir manchmal ein, damit in manchen Fällen auch die lokalen Szenen zu bestärken, weil sie dann etwas Thematisches nach außen hin anbieten können. Schwierig ist es aber, wenn lokale A-Gruppen gar keine Aktiven hervorbringen, die mit einer gewissen Bildung in der Öffentlichkeit auftreten und sprechen können. Jetzt, wo ich sogar den langen, zermürbenden Weg der Promotion gegangen bin, wäre ich vermutlich sogar in der Position, Genoss*innen in anarchistischer Theorie und Veranstaltungen auszubilden. Soll ich das aber wieder – wie gewohnt – alleine angehen? Es gibt auch Menschen, die auf einem ähnlichen denkerischen Level wie ich unterwegs sind. Diese sind aber wiederum nicht so aktivistisch eingestellt, als dass sie Anarchismus als potenziell sozial-revolutionäre, organisierende, vermittelnde und radikalisierende Kraft innerhalb emanzipatorischer sozialer Bewegungen begreifen. Sie machen vielleicht auch mal eine Veranstaltung, einen Text oder intervenieren in eine Debatte. Darüber hinaus denke ich aber, dass sie sich deutlich besser um sich kümmern und mit der Gegenwartsgesellschaft arrangieren können, als ich. Das ist allerdings erst mal eine Unterstellung von einem chronischen Nörgler.

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Anarchistische Buchmesse Prag 28.05.

Lesedauer: < 1 Minute

Leider zeitgleich zur Buchmesse in Mannheim findet dieses Jahr auch wieder eine in Prag statt. Rein von der Strecke her wäre das eigentlich kürzer für mich… Vielleicht im nächsten Jahr. Spannend finde ich auf jeden Fall die Einladung von Andrej Grubačič der zu „Mutual Aid“ sprechen wird.

28. 5. 2022, 10-20:00
free entrance (donation)

Cross Club – Plynární 23
Zdena community centre – Tusarova 41

We would like to invite you to the 9th Anarchist Book Festival, which will take place on Saturday 28th May, again in Holešovice in the garden of the Cross Club and also nearby in the Zdena community space.
As in previous years, the festival will be attended by publishers and distributors of Czech and foreign anarchist literature. Personal meetings with authors, publishers, various organisations, groups and collectives across the anti-authoritarian movement are an important part of the festival. Bookfair is an ideal place to meet, make friends, forge alliances, arrange collaborations and devise new projects.

More informations coming soon.

anarchistbookfaircz (A) riseup.net

Radio-Sendung: Zur (Anti-)Politik im Anarchismus

Lesedauer: 2 Minuten

Bei Radio Corax habe ich ein Gespräch zur (Anti-)Politik im Anarchismus geführt. Es lässt ebenfalls bei freie-radios.net anhören und downloaden und wird am 26.05. ausgestahlt. Weil wir unserer Zeit voraus sind, ist der Beitrag aber schon jetzt verfügbar. Hört gerne rein. Und macht eine Strichliste um alle „sozusagen“ und „eben“ zu zählen.

Hier noch der Beschreibungstext de Moderatoren:

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Veranstaltung in Nordhausen

Lesedauer: < 1 Minute

Normalerweise poste ich nicht jede meiner Veranstaltungen oder Hinweise darauf. Dazu ist die Reichweite des Blogs auch zu begrenzt. Diesen sehr schönen Flyer möchte ich dann aber doch gern festhalten und teilen. Darüber hinaus ist es mir auch wichtig, kleinere Städte und den ländlichen Raum mit meinen Inhalten zu unterstützen.

Buchmesse und anarchaqueerfeministischer Kongress (26.-29.05.)

Lesedauer: < 1 Minute

In einer Woche findet in Mannheim die 6. anarchistische Buchmesse statt. Sie wird offenbar stark vom 50. Geburtstag der Zeitung Graswurzelrevolution geprägt sein. Damit kann gesagt werden, dass hier ein bestimmtes Spektrum des Anarchismus zusammen kommt. Auf jeden Fall ein anderes als zeitgleich in Berlin zum anarcha queerfeministischen Kongress together in love an rage.

In Mannheim werde ich eine Veranstaltung beisteuern – muss aber auch zugeben, dass mich der Kongress sehr neugierig macht. Grundsätzlich denke ich, dass es Personen braucht, welche die recht weite Distanz zwischen den jeweiligen anarchistischen Strömungen und Gruppierungen überbrücken, um diese entlang verschiedener Themenachsen vermitteln zu können.

Eine (anti-)politische Romanze

Lesedauer: 6 Minuten

Malatesta erweist mir die Ehre

„Lasst euch nicht erzähl’n, ihr hättet ein Problem! Propaganda der Yuppi-Schweine, Arbeit hat man besser keine!“ höre ich, während ich am See liege, ein Seminar vorbereite, daran denke, dass ich Freitag wieder mal einen Vortrag halten werde und auch daran, dass ich meine Diss in ein handliches, verständliches Buch umschreiben müsste. Also ein neues Buch, dessen Lohn darin bestünde, dass vielleicht ein paar hundert Menschen mehr sich mit meinen Gedanken auseinandersetzen und weiterbilden könnten. Machen wir uns nichts vor: Meine Tätigkeiten sind extrem unsexy und stellen ja vor allem eine Prokrastination von Verantwortungsnahme und Lebensgenuss dar. Wieder einmal beschleicht mich dieses erschreckende Gefühl, dass mein Leben an mir vorbei zieht und immer schneller läuft. Und auch wenn ich denke, dass dies vielleicht allen bisweilen mal so geht, frage ich mich doch, ob sich hier nicht der Schraubschlüssel rein werfen ließe. Doch Leben ist Wandel und Stillstand ist Tod – die Konsequenz daraus wäre also das Gegenteil von dem, was ich anstrebe.

Wenn ich ehrlich bin, möchte ich ja nur meine Ruhe. Und ja, ich beneide auch die Menschen, die ihre Arbeit, ihre Familie, ihren geregelten Alltag, ihren Kleingarten haben. Sie sind damit im Durchschnitt sicherlich nicht mehr oder weniger zufrieden als ich, der ich permanent herum renne in meiner kleinen Welt. Oftmals auch nur innerlich. Naja klar, da fehlen eben Dinge. Sie fehlten schon immer, ebenso wie das Zutrauen darin, dass es besser werden könnte und mein Leben mehr wert sein sollte. Gegen einen gesunden Pessimismus ist nichts einzuwenden, denke ich mir. Gegen funktionale Depression schon. Denn andere können die Dinge eben etwas leichter nehmen oder lassen sich das eigene Glück zumindest nicht vermiesen, weil sie es sich wert sind.

Ich weiß, das klingt wohl ganz schön niederschmetternd. Besser aber die Dinge klar zu benennen, als die ganze Zeit um den heißen Brei herum zu reden. Es hat ja Gründe, warum ein Mensch zum Theoretiker und Anarchisten wird. In meinem Fall als anarchistischer Theoretiker kommen dann noch zwei ungünstige Dispositionen zusammen. Da will ich voranschreiten, doch die Meta-Reflexion hindert mich am unmittelbaren Leben, wie ich unterstelle, dass es meine Gesinnungsgenoss*innen könnten. Und als Theoretiker bin ich eben auch nicht mit mir im Reinen, weil ich wieder das Gefühl habe, ich müsste das erwähnte oder ein anderes Buch schreiben. Doch wozu, wenn es niemanden in der eigenen Szene interessiert und es im akademischen Raum ebenfalls nicht gewertschätzt wird?

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Steh auf, steh auf – zur „letzten Generation“

Lesedauer: 3 Minuten

steh auf, steh auf, grüne deutsche Jugend, steh auf. Für eine bessere Zukunft bauen wir die Heimat auf.

Wieder einmal haben einige überzeugten Aktivist*innen den Klimawandel zum ersten mal verstanden. Mit zivilem Ungehorsam machen sie nun Politik. Mit spektakuläre Aktionen soll auf ein großes Gesetzespaket hingewirkt werden, um den CO2-Ausstoß zu senken und den Klimawandel in einem überschaubaren Ausmaß zu halten. Dass die Aktiven hierbei reformerisch – also vermeintlich „realistisch“ – denken und anstreben, kleine Erfolge zu erzielen, ist nicht das Problem. Sondern das sie Forderungen an Regierungen formulieren und der Ansicht sind nur durch rasches und umfangreiches Eingreifen des Staates könnte die ökologische Katastrophe ausreichend reguliert werden.

Warum der Staat das aus strukturellen Gründen nicht tut und nicht tun kann, bleibt den Beteiligten in ihrem bürgerlichen Bewusstsein ein Mysterium. Ebenso wenig ist die Rede von Kapitalismus und es bleibt zu vermuten, dass dieser als nicht mehr als ein ungerechte und zerstörerische Produktionsform begriffen wird, deren Eigendynamik, Gesellschaft zu prägen deutlich unterschätzt wird. Wer vom Kapitalismus schweigt, an den Staat appelliert und die Klimakatastrophe nicht als Ausdruck des herrschaftsförmigen gesellschaftlichen Naturverhältnisses begreifen kann, wird auch keine radikalen Antworten hervor bringen können. Das Bewusstsein und die Aktionsformen der „Letzten Generation“ verbleiben also in eingehegtem Rahmen, was in merkwürdigem Kontrast dazu steht, zivilen Ungehorsam als besonders innovativ oder krass darzustellen.

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Für 9 Euro durch’s Land?

Lesedauer: 2 Minuten

Auch ich würde gern mal nach Sylt fahren. Nicht allein, weil es dort so schön ist oder um den Bonzen ihre Strandplätze demokratisch streitig zu machen. Sondern einfach: Weil das eine gute Idee ist für neun Euro. Klar zu anderen Zeiten, in anderen Ländern gäbe es bei Inflationen, Ressourcenverknappung und erforderlichem Wandel der Produktions- und Infrastruktur keine 200 oder 300 Euro auf die Hand und kein 9 Euro Ticket, sondern einen fairen Lohnausgleich und langfristig garantierte niedrige Preise beim ÖPNV. Noch weiter gedacht, würden wir dafür gar nichts zahlen, sondern die öffentlichen Güter gemeinsam produzieren, nutzen und pflegen. Aber ja, das sind ferne Visionen…

Interessant wäre aber sicherlich das gönnerhafte Geschenk der Regierung nicht als solches zu verstehen. Sondern davon ausgehend das allgemeine 9-Euro-Ticket zu fordern. Ein reformistischer, aber naheliegender Schritt. Wenn einfach alle Leute, die im Sommer unterwegs sind und das nutzen, ab September weiterhin nur bereit wären 9 Euro zu zahlen, würde das für einige Überraschungen sorgen. Insbesondere, da die Argumente ja klar auf unserer Seite sind: Die Auto-Kratie muss beendet werden und generell braucht es eine Vergesellschaftung von Produktion und Infrastruktur, wenn wir eine klima- und sozialgerechte Gesellschaft erkämpfen wollen. Bahnfahren ist ein Ansatzpunkt.

Vorerst mache ich erst mal weiter, was ich halbwegs kann und von mir aus gedacht sinnvoll finde. Beiträge und Veranstaltungen, möglichst im direkten Kontakt mit Leuten, die meine Themen interessieren. Insofern bietet sich das 9-Euro-Ticket ja an, etwas rum zu kommen. Aber schade eben, dass es nur bis August gilt und nicht noch mindestens September und Oktober einschließt. Denn im Hochsommer finden in der Regel keine Veranstaltungen statt. Zumindest kaum in den lokalen Szene-Orten. Eher auf Camps. August hätte ich auf jeden Fall noch Kapazitäten, also fragt mich an 😉 Oder auch für später. Aber erst mal schauen, wie es bei mir im Herbst weiter geht… Wie auch immer, wenn ich nichts Besseres finden sollte, fahre ich dann doch einfach nach Sylt. Die Anreise allein könnte spannend und lustig werden.

Danke den unbekannten Künstler*innen für’s Erstellen der geklauten Memes, die ich zu Dokumentationszwecken hier plaziere. Eine der spannendesten Mobilisierungen der letzten Jahre, wie ich finde!

Eingesandter Text zur Kritik an staatlicher Pandemiebearbeitung

Lesedauer: 16 Minuten

Die Gruppe Autonomie und Solidarität hat mich angefragt, ob ich einen weiteren ihrer Texte veröffentliche. Darüber habe ich mich gefreut, doch es gab auch ein paar inhaltliche Differenzen bzw. solche in der Perspektive auf die Dinge. Wie aber damit korrekt umgehen? Ich denke es ist wichtig, Kontroversen zuzulassen. Ich denke aber auch, es ist wichtig, selbst klar Position zu beziehen. Dies bildet sich dann auch in der Sprache ab. Es bringt aber nicht, dabei kleinlich einzelne Aussagen und Formulierungen zu sezieren und zu kritisieren. Allem voran sollte der Wunsch und Versuch stehen, einander zu verstehen. Um dann beurteilen zu können, wie nah oder fern die jeweiligen Positionen sind. Nun ja, dies führt zu einem Dilemma, für das es keine gute Lösung gibt.

(lizenzfrei gefunden)

Ich habe mich für einige Anmerkungen unter dem Text Anarchistische Kritik an Wissenschaft(en) und staatlichen Narrativen in der Corona-Pandemie entschieden. Wer möchte kann mir gern weitere eigene Texte zukommen lassen.

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