Fachgemäße Subversion

Lesedauer: 2 Minuten

Interessiert hörte ich mir die Erzählung zweier syndikalistischer Genoss*innen an, die über ihre Strategie bei einem Arbeitskampf sprachen. Es handelte sich um zwei gut ausgebildete Personen in technischen Berufen – nicht untypisch für den zeitgenössischen Anarch@-Syndikalismus. Und offenbar auch für den vergangenen. Ich habe vergessen, wo ich gelesen habe, dass die Anarch@-Syndikalist*innen insbesondere unter den Facharbeiter*innen stark waren. Leute, die sich organisieren können, weil sie sie das know-how haben; denen die Bosse zuhören müssen, weil ihre Arbeit nicht einfach ersetzt werden kann – und weil sie andere anleiten, welche nicht über die entsprechenden Fachkenntnisse verfügen. Auch daraus erwächst ein entsprechendes Selbstbewusstsein, dass die eigene Arbeitsleistung mehr wert ist.

Strategisch wird unter anderem das Firmenlogo kopiert und für die Kampagne subversiv verfremdet. Mehrere Schritte werden vorgedacht und Eventualitäten der Reaktion der Gegenseite abgewogen. Die Sprache der Genoss*innen selbst entspricht jener von Start-up-Unternehmen, in deren Branche sie ja auch ausgebildet wurden. Hinter der trotzigen und schelmischen Vorfreude auf die nächste Aktion steht der Stolz, sich nicht weiter gängeln zu lassen, sondern aktiv zu werden, zu handeln, sich zu ermächtigen, gegen ein strukturelles Ausbeutungsverhältnis. In welchem die beiden im Vergleich ganz gut dastehen. Doch das wissen sie auch und laden alle Angestellten ein, sich gewerkschaftlich für ihre Interessen einzusetzen.

Spätestens bei der Durchleuchtung der Unternehmensstruktur wird deutlich: Im Grunde genommen sind die Facharbeiter*innen der Ansicht, dass sie das Unternehmen auch ganz gut selbst verwalten könnten. Sie kennen die Abläufe, Prozesse, die Belegschaft, die Räumlichkeiten, die Produktionsketten und die Jahresbilanz. Umso größer ist der Skandal der Eigentumsverteilung, dass andere den Laden leiten, nur weil sie von jenen, die ihn besitzen, eingesetzt wurden. Der Wert der eigenen Arbeit wird dabei nivelliert. Dabei arbeiten die Betreffenden tatsächlich ganz gerne in ihrem Beruf. So kommen die Bosse ins Schwitzen, denn auf ihre hochqualifizierten Angestellten und Facharbeiter*innen können sie nicht verzichten. Eine gewisse Branche und ein bestimmter Berufszweig – ja. Aber ein Ausgangspunkt für die Praktizierung anarch@-syndikalistischer Vorstellungen und Konzepte.

(Anti-)Politik und der kommunistische Anarchismus

Lesedauer: 11 Minuten

Dieser Beitrag wurde zuerst am 6.8.2022 auf anarchismus.de veröffentlicht. Es handelt sich um einen Gastbeitrag, weil ich eine andere Position und Perspektive als die Personen hinter der Seite habe. Dennoch betrachte ich es als meine Aufgabe, mein erworbenes Wissen und Denken weiter zu geben, um anarchistische Positionen zu unterfüttern und zu debattieren.

Gastbeitrag von Jonathan

Als ich vor inzwischen fünf Jahren beschlossen habe, mich umfassend der politischen Theorie des Anarchismus zu widmen, erschien es mir naheliegend, die Grundbegriffen dieser pluralistischen sozialistischen Strömung zu erforschen. Denn im Anarchismus gibt es ein eigenständiges theoretisches Denken, welches unbedingt mit der anarchistischen Ethik und ihren Lebensformen sowie anarchistischen Organisationsvorstellungen im Zusammenhang zu denken ist. Deswegen habe ich mir die Fragen gestellt: Was verstehen Anarchist:innen eigentlich unter „Politik“? Wie verhalten sich Anarchist:innen gegenüber „Politik“? Und: Kann es eine anarchistische „Politik“ geben und was wären ihre Kriterien? Mit dem Arbeitsbegriff (Anti-)Politik wird ausgedrückt, dass es sich um ein durch die bestehende Herrschaftsordnung bedingtes Spannungsfeld handelt, in welchem Anarchist:innen immer im Widerspruch handeln.

Staatlichkeit als organisiertes politisches Herrschaftsverhältnis

Auffällig ist, dass es in allen anarchistischen Strömungen eine grundlegende Kritik am Politikmachen gibt. Diese bezieht sich auf die Regierungspolitik, die staatliche Bürokratie, den Parlamentarismus und das Parteiensystem. Sie bezieht sich aber auch auf die politische Logik und Organisationsweise in einem weiteren Sinne. Denn das, was wir gemeinhin unter „Politik“ verstehen und mit ihr assoziieren ist kein neutrales Terrain. Vielmehr werden die Aktivitäten tendenziell autonomer und selbstorganisierter sozialer Bewegungen häufig dem Staat zugeordnet und oftmals von diesem vereinnahmt. „Politik“ gestaltet sich in liberal-demokratischen Gesellschaftsformen als politische Herrschaft. Das bedeutet, dass sich Staatlichkeit als Herrschaftsverhältnis zwischen Regierenden und Regierten herausbildete und dieses in potenziell alle gesellschaftlichen Bereiche hineingetragen wird.

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Selber verwirrt

Lesedauer: 3 Minuten

Die Soligruppe für Gefangene scheint ganz außer Rand und Band zu sein und schreibt sich in Rage (HIER). Bekanntermaßen gehe ich ebenfalls gern und ausführlich meinem Äußerungsbedürfnis nach, habe mir aber ernsthaft vorgenommen, dazu einen Reflexionsprozess zu beginnen. Bei der Soligruppe hingegen sieht es scheinbar anders aus. Mit den zahlreichen aneinander gereihten Wortfetzen kann nur mühevoll verschleiert werden, wie wenig Inhalt ihnen zu eigen ist. Was ist mein Problem? Warum lasse ich mich hier in die nächste verbale Schlammschlacht verwickeln, statt etwas Sinnvolles zu tun?

Um es noch mal zu sagen; Ich habe niemanden aufgefordert für die Ukraine zu kämpfen oder die deutsche Regierung, dazu Waffen zu liefern oder vermeintlich taktisch erst mal die mehr oder weniger liberale Demokratie des kapitalistischen Staates zu verteidigen. Sondern: Ich wünsche mir, dass sich Menschen selbst bestimmen und entscheiden können – was sicherlich häufig anders aussieht, als ich selbst handeln und mich positionieren würde. Ich wünsche mir auch, ein gemeinsames sozial-revolutionäres Projekt zu entwickeln. Natürlich ist es für Anarchist*innen nicht zielführend, irgendeinen Staat und eine Regierung zu unterstützen. Aber es organisieren sich unglaublich viele Menschen in der Ukraine selbst. Und daran gilt es anzuknüpfen, sich in solche Organisierungsprozesse einzubringen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht zu weit auszuholen. Und ich versuche, mich aus derartigen „Debatten“ künftig so gut es geht raus zu halten. Es sei denn ich werde direkt in meinen Positionen oder persönlich angefeindet – dann wehre ich mich selbstverständlich. Was mich leiden macht, ist der Fundamentalismus als problematische Reaktion auf gesellschaftlich bedingte Widersprüche; die dogmatische Engstirnigkeit; implizite Führungsansprüche und damit verbundene sektiererische Einstellungen. Heruntergebrochen meine ich in Bezug auf den aktuellen Text der Soligruppe:

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Sommerlektüre

Lesedauer: 2 Minuten

Zufällig stieß ich auf diese 1974 in zweiter Auflage herausgegebene Erzählung der linken Kommunist*innen Clara und Paul Thalmann. Aus der Schweiz stammend, hielt sich Paul auch einige Jahre lang in Moskau auf, um durch die Kaderschule der KPdSU zu gehen. Wieder einmal wurde mit deutlich, wie lang die Stalinisierung der KPs tatsächlich dauerte und wie widersprüchlich sie auch verlief. Emma Goldman, Alexander Berkman, Volin und Rudolf Rocker wiesen dagegen schon ab spätestens 1923 darauf hin, dass in der sogenannten Sowetunion keineswegs eine sozialistische Gesellschaftsform errichtet wurde, die ihren Vorstellungen entsprach.

Spannend an Clara und Pauls Biographie sind aber ihres an tagesaktuellen Geschehnissen orientierten Kämpfe, ihre Grenzgänge, internationale Vernetzung, Fähigkeiten, krasseste Situationen zu meistern und letztendlich ein ganzes Leben ihren Vorstellungen nach zu widmen – gerade auch, weil sie sich weiterentwickelten und nie stehen blieben in ihrem Denken und Handeln.

Eine Weile waren sie bei der POUM im spanischen Bürgerkrieg. Auch hier lieferten ihre Erzählungen noch einmal wichtige Eindrücke, auch über die Machtübernahme der Stalinist*innen dort. Übrigens sei die POUM keineswegs an sich „trotzkistisch“ gewesen, sondern dies eine Diffamierung durch die Anhänger*innen der moskautreuen Parteilinie. Zu Anarchist*innen hatten sie immer wieder gute Kontakte. Die Trennungen der Strömungen war bei den Protagonist*innen eines libertären Kommunismus nie so streng, wenn nachträglich gelegentlich behauptet wird.

Wenngleich die beiden ihre theoretischen Standpunkte klar hatten, ließen sie diese meiner Lesart nie zu Dogmen werden, sondern hatten stets die Veränderung der tatsächlichen Lebensbedingungen der einfachen Leute im Blick… Weil sie nie einer Parteidoktrin folgten, sondern selbstständig dachten und handelten, wurden sie vom Geheimdienst der UdSSR, der GPU verfolgt. In Frankreich kämpfte das Paar schließlich gegen die deutsche Besatzung und brachten ihre Positionen bis in die 1968er Bewegung ein. – Wie auch immer, gut, das ich auf diesen Zufallsfund stieß.

A Camp Österreich 29.08. – 07.09.

Lesedauer: 2 Minuten

In Österreich wird wieder ein anarchistisches Sommercamp stattfinden. Weitere Infos finden sich hier: https://www.a-camp.net/

Selbstverständnis:

Mit dem Anarchistischen Sommercamp 2022 wollen wir, die diesjährige Orga-Gruppe, einen Raum schaffen, sich kennenzulernen, sich auszutauschen, sich zu vernetzen, sich über aktuelle sowie zukünftige Projekte auszutauschen, gemeinsam zu lernen, zu lachen und zumindest für einige Tage von dem kapitalistischen Alltag etwas Abstand zu nehmen.


Es handelt sich bei dem A-Camp um eine gemeinsam gestaltete und verbrachte Woche mit dem thematischen Fokus: Anarchie. Hier wirst du die Möglichkeit bekommen, allerlei Aktivitäten mitzumachen, Workshops zu besuchen sowie selbst Workshops anzubieten, gemeinsam zu leben, zu kochen, in der Sonne zu liegen, und was dir/euch sonst noch so einfällt.
Mit Beginn des Camps werden wir uns als Orga-Gruppe auflösen und das Camp wird in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit über die kommenden anderthalb Wochen gestaltet werden. Als Orga-Gruppe sehen wir unsere Aufgabe lediglich darin, einen Rahmen zu schaffen in welchem sich das A-Camp dann entfalten kann.

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KANTINE KROPOTKIN?

Lesedauer: 3 Minuten

Eine Anregung für das Kantine Festival in Chemnitz vom 01.-07. August.

Die Veranstaltungen des Zeitplans sind noch mal unten gelistet bzw. können ganz unten als pdf heruntergeladen und vergrößert werden.

KANTINE KROPOTKIN – Eine Anregung

Eine KANTINE KROPOTKIN – Kann es so etwas geben? Worin besteht eigentlich die anarchistische Theorie? Inwiefern kann für Pjotr Kropotkins Denken und seiner Person der gleiche Stellenwert angenommen werden, wie etwa für Marx, Luxemburg, Benjamin, de Pizan oder Gramsci? Und warum fokussieren wir uns überhaupt auf die großen Namen sozialistischer Denker*innen statt einen kollektiven, sozialgeschichtlichen Ansatz zu verfolgen?

Im Zeitplan auf der Vorderseite habe ich dargestellt, dass anarchistische Tradition, Praxis und Theorie durchaus breit und tiefgehend diskutiert werden könnte. Und dies auch im Kontext von intellektuell interessierten Linken, wie sie beim Kantine Festival zusammenkommen. Wenn du darüber nachdenken würdest, wer die ganzen Vorträge mit Kropotkin als Rahmen halten soll, fallen dir vermutlich kaum Personen ein. Und wenn du recherchieren, stößt du im deutschsprachigen Raum meistens auf ältere, verschrobene Männer, die einzuladen zwar okay, aber nicht besonders attraktiv für ein zeitgemäßes Theorie-Festival wäre.

Damit könnten wir sagen: So ist es eben, der Anarchismus war und ist in der BRD zu marginal, als dass sich eine ausgiebige theoretische Beschäftigung mit seinen Themen und Perspektiven lohnt. Doch dies ist nur ein Teil der Wahrheit. Emanzipatorische Linke sollten sich auch die Frage stellen, wo sie hinschauen, um historische und theoretische Inspiration zu finden. So stimmt es leider damals wie heute, dass anarchistische Ansätze kaum recherchiert, ausgearbeitet und upgedatet werden.

Dies ist bedauerlich, denn mit und in ihnen gibt es einiges Wertvolle zu entdecken, womit sich auch das theoretische Denken zeitgenössischer emanzipatorischer Linker erweitern lässt. Selbstverständlich würde mit einer anarchistischen Position auch jene sozialistische Ansätzen angeschaut, welche jenseits kommunistischer Parteien und marxistischer Avantgarden zu verorten sind. Eine zeitgemäße intellektuelle Beschäftigung sollte endlich die politische Theorie sozialer Bewegungen in den Blick nehmen und ihr gerecht werden. Die KANTINE KROPOTKIN wäre damit ein Angebot zu konstruktivem und solidarischem Streit, der zumeist umgangen wird, wo verschiedene sozialistische Lager als per se von einander getrennt angenommen werden.

Mit diesem Beitrag habe ich keine einfache Lösung parat. Damit wollte ich lediglich einen Anstoß geben, wo wir hinschauen, wenn wir uns auf „große Namen“ fokussieren und ein doch etwas abgehobenes intellektuelles Festival besuchen – auch wenn die intensive theoretische Beschäftigung legitim für sich genommen ist.

Wenn du Interesse und Lust hast, mehr über anarchistisches Denken und anarchistische Theorie zu erfahren, eine Veranstaltungsreihe in dieser Richtung zu organisieren oder dir gar eine KANTINE KROPOTKIN vorstellen kannst, schreib mir gern unter: xxx.

ZEITPLAN

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Prinzipienreiter*innen mit Selbstbestätigungsfilm

Lesedauer: 23 Minuten

Eine Soligruppe für Gefangene hat HIER kürzlich mehrere Texte von Malatesta wieder veröffentlicht. Vermutlich, um sich vor allem zu versichern, dass sie sich gegen ach so jegliche Herrschaft positionieren. Tatsächlich kann ich der Argumentation Malatestas weitgehend zustimmen. Umso bedauerlicher, dass die Soligruppe sie ahistorisch handhabt und sich nicht bereit zeigt, ihren Gehalt zu kontextualisieren und auf die heutige Situation zu übertragen. Objektiv lässt sich durchaus sagen, dass der Krieg in der Ukraine – oder der in Syrien oder wo auch immer – nicht im Interesse des Großteils der Bevölkerung ist, sondern durch rivalisierende kapitalistische Staaten und andere autoritäre Akteure geführt wird. Anarchistisches Ziel muss es sein, dass der gegenwärtige Krieg beendet wird. Anarchistisches Ziel muss es aber eben auch sein, zu verhindern, dass Russland die Herrschaft über die Ukraine oder größere Teile von ihr erlangt, denn dies vermindert die Spielräume für soziale Kämpfe und den Grad sozialer Freiheiten und Rechte, welche die Ausgangsbedingung für etwaige zukünftige Verbesserungen – aufs Ganze gesehen, für die soziale Revolution – sind.

Die Einleitung, also das knappe Statement der Soligruppe strotzt vor romantischen Phrasen wie etwa: „Gegen die Kriege des Kapitalismus hilft nur Klassenkrieg, sozialer Krieg, Insurrektion/Aufstand und soziale Revolution. Wir haben kein Vaterland, wir sind Parias, wir werden keine eigene noch fremde herrschende Klasse verteidigen, es gilt sie alle anzugreifen und zu zerstören“. Liebe Genoss*innen ich glaube euch ja, das ihr das glaubt. Ich meine nur, dass fair wäre, dieses hochtönende Bekenntnis mit Inhalt zu unterfüttern und sich – statt sich vorrangig selbst zu versichern und in seinem Sektendasein wohlzufühlen – mit den Realitäten der russischen Invasion und des Regimes in Russland auseinander zu setzen. Dies schließt selbstverständlich dessen Stützung durch Exportabhängigkeiten, Handelsbeziehungen, geostrategische Bedrohung, die raubtierkapitalistische Ausbeutung in den 90er Jahren, die Duldung von groben Menschenrechtsverletzungen durch westeuropäische Regierungen ein.

Besonders ärgerlich ist, dass im Statement mit groben Verdrehungen und Unterstellungen gearbeitet wird. Dies verwundert nicht, denn wo grundsätzlich nicht die Bereitschaft besteht, die eigenen Dogmen zu überdenken, verfallen ihre Verfechter in Stresssituationen eben in die Ultra-Orthodoxie. Genoss*innen, die auf die eine oder andere Weise in der Ukraine gegen die russische Invasion kämpfen zu unterstützen, ist nicht das gleiche, wie den ukrainischen Staat zu unterstützen. Zumindest dem Anspruch nach auf die Selbstorganisation und die Einmischung von Anarchist*innen im Krieg zu setzen, ist nicht das gleiche, wie eine Beteiligung am Krieg zu rechtfertigen. Mit dem Herzen bei ihnen zu sein bedeutet nicht, einem höchst problematischen Militarismus und Waffenfetischismus zu verfallen. Diese Position schließt auch nicht aus, Rheinmetall zu entwaffnen und die Aufstockung des Rüstungsbudget um 100 Mrd. zu kritisieren.

Was übrig bleibt sind moralisierende Todschlagargumente, die den pseudo-religiösen Charakter der Autor*innen offenbaren. Von „Verräter*innen“, „Konterrevolution“, „Reaktion“, „Reformismus“ und „Schande“ wird da herum posaunt. Mit diesem Bauchgefühls-Geblubber werden dann jene Genoss*innen diffamiert, welche sich differenzierter mit der Situation in Russland und der Ukraine auseinandersetzen. Dabei mutet es albern an, dass die Autor*innen über kaum eine Vorstellung von „Revolution“ zu verfügen scheinen. Dies nämlich würde bedeuten, sich einmischen und aktuelle Entwicklungen mitgestalten zu wollen – in Solidarität mit jenen, die sich für die Potenziale und Spielräume freiheitlicher gesellschaftlicher Transformation engagieren.

Wer dies nicht begreift und anerkennen möchte, verachtet Menschenleben für die eigene Prinzipientreue. Wenn das „anarchistisch“ sein soll, dann gute Nacht! Eure Denkweise (inklusive den Versatzstücken leninistischer Imperialismustheorie) kommt dem Bolschewismus näher als dem Anarchismus!

Es folgen zur Dokumentation die historischen Texte zum Thema…

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Anmerkungen zu „Feindbild Individualismus“

Lesedauer: 6 Minuten

Gerade erschien auf indymedia ein Text mit dem Titel „Feindbild Individualismus“. Ich freue mich, wenn Menschen Positionen formulieren und mit diesen bestimmte Fragen durchdenken. Es ist schwierig, wenn dies völlig entkoppelt von der Lebensrealität geschieht und nur eine philosophische Gedankenspielerei bleibt. Doch ich gehe davon aus, dass die Autor*in des Textes durchaus von ihren eigenen Erfahrungen ausgeht – und sie* verfolgt ja offensichtlich auch ein Anliegen damit.

Das Ganze Thema zum Spannungsfeld von Individualismus und Kollektivismus möchte ich an dieser Stelle nicht noch mal aufmachen. HIER habe ich einen theoretischen Text dazu geschrieben, in welchem verschiedene anarchistische Positionen einbezogen und gegeneinander abgewogen werden. Ich habe mich entschieden, auf den Text „Feindbild Individualismus“ zu verweisen, auch wenn ich die in ihm vertretenen Positionen nicht teile. Denn ich finde es wichtig, verschiedene Standpunkte abzubilden, um eine Diskussion darüber zu ermöglichen. Und die vertretene Perspektive ist zweifellos eine anarchistische, auch wenn ich eine andere habe und sie auch kritisieren würde.

Wenn ich danach gehe, sind meine eigenen Positionen durchaus keine individual-anarchistischen. Ich vertrete aber auch keinen Anarcho-Kommunismus wie die Plattform oder eine syndikalistische Position hinsichtlich der Frage des Spannungsfeldes von Einzelnen und Gemeinschaften. Nun ja, sicherlich muss ich mir auch kein Label geben, denn wie im Text geschrieben wird, handelt es sich bei pauschalen Zuschreibungen oder auch Selbstbezeichungen um ein Verkennen der Komplexität von Individualität und oftmals das Aufdrücken und Annehmen von abstrakten Kategorien, in denen wir nicht aufgehen können – und nicht sollten.

Leider sind die Argumente, die ich vorbringen kann alle schon in früheren Beiträgen formuliert worden. Deswegen will ich an dieser Stelle nur einige Anmerkungen zum Text machen und verwende dafür Stichpunkte:

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