Die Gelegenheit ergreifen. Eine politische Philosophie des Kairós

Lesedauer: 4 Minuten

Eine politische Philosophie des Kairós

Alexander Neupert-Doppler

Kairós bezeichnet den günstigen Augenblick für eine Entscheidung. Über eine Theorieschrift, die das mutige Engagement im Handgemenge vorbereiten soll.

Rezension auf: https://kritisch-lesen.de

Rezen

Nach seiner Dissertation zum Staatsfetischismus (2013), einem Buch zu Utopien (2015) und einem Sammelband zu konkreten Utopien (2018), möchte Alexander Neupert-Doppler mit seiner politisch-theoretischen Beschäftigung anhand einer Theoretisierung der „Gelegenheit“ eine Brücke zwischen Kritik und Utopie konzeptionalisieren, die er mit dem Begriff des Kairós bezeichnet. So wird die Erfahrung und das Bestreben beschrieben, in einem besonderen Moment und in einer bestimmten politischen Konstellation die Initiative zu ergreifen, um eine Situation auf eine gewünschte Weise zu beeinflussen. Dazu schürft Neupert-Doppler tief in den Werken von politischen Denkern und zeichnet drei Linien nach: Erstens jene von Immanuel Wallerstein, Paul Tillich und Aristoteles mit einem Verständnis von Kairós als historisches Vakuum in der Krise, welches situative Entscheidungen verlangt. Zweitens die von Giorgio Agamben, Walter Benjamin und Paulus, im Sinne einer Erfahrbarkeit des Kairós in der „Jetztzeit“, die zu einem (invertierten) präfigurativen Handeln im Modus des „Als-ob-nicht“ führt. Und drittens die Linie von Michael Hardt/Antonio Negri, Spinoza und Machiavelli, in welcher die Gelegenheit zur Gründung des Neuen aus den utopischen Tendenzen in der Gegenwart herausgeschält wird. Neupert-Doppler rahmt diese umfangreichen Darstellungen mit der Diskussion um den Kairoś in der deutschen Revolution 1918, wobei seine Sympathie bei revoltierenden rätekommunistischen Gruppen liegt, sowie dem berüchtigten Mai 1968 in Paris, den er vor allem aus Perspektive der Situationisten begreift.

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Überlegungen zum politischen Subjekt im Anarchismus

Lesedauer: 16 Minuten

Okay, war dann doch ganz schön komisch, die Online-Diskussionsrunde am Sonntagnachmittag bei der HARP. Nun gut, das werde ich mir künftig also sparen, auch wenn ich es ganz nett fand, mit Thomas Seibert zu sprechen. Für den Anlass zum Thema habe ich einen Entwurf zur Frage des politischen Subjektes im Anarchismus geschrieben, der denke ich tatsächlich wesentliche Punkte enthält, aber auch ausgebaut, belegt und konkretisiert werden müsste.

zuerst veröffentlicht auf: https://www.untergrund-blättle.ch

[Entwurf]

Jonathan Eibisch

Die Frage nach dem politischen Subjekt im Anarchismus verweist auf ein Spannungsfeld innerhalb des anarchistischen Denkens. Es handelt sich um jenes zwischen Politik und dem Anderen von Politik, dem, was von ihr ausgeschlossen wird und/oder ihr entfliehen möchte.

Skepsis gegenüber politischer Subjektivität

Anarchistische Anti-Politik beinhaltet die ethische und utopische Forderung danach, dass alle Menschen sich als Einzelne selbst bestimmen können. Demnach können auch die Autonomie von Kommunen und Kollektiven dem Anspruch nach nur durch vollständig Freiwilligkeit, also aus dem eigenen vernünftigen Entschluss ihrer Mitglieder, verwirklicht werden. Menschen schlössen sich demnach nicht mehr aufgrund ihrer geographischen oder sozialen Herkunft und nicht aufgrund konstruierter Identitäten zusammen. Ihre Assoziation geschähe aufgrund der Orte an denen sie leben, den Tätigkeiten, welchen sie aktuell nachgehen und den Leidenschaften beziehungsweise Vorlieben, welche sie jeweils haben. Diese seien jedoch multiple und auch wandelbar. Wo keine Zwänge auf die Einzelnen ausgeübt werden, würden diese in der überwältigenden Mehrheit die meiste Zeit dazu tendieren, sich mit ihren Fähigkeiten in die Reproduktion und Gestaltung kollektiver Aktivitäten einzubringen. Damit könnten sie ihre ausgeprägten sozialen Bedürfnisse befriedigen, hätten individuell ein angenehmeres Leben und würden in Beziehung mit anderen erst zu wirklichen Individuen werden.

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Zum 40. Todestag von Matthias Domaschk – DDR-Opposion und Repression

Lesedauer: < 1 Minute

Eine bewegende Kurzdoku über oppositionelle Jugendliche in der DDR am Beispiel der Kreise, die sich um die Junge Gemeinde Stadtmitte in Jena trafen. Der ungeklärte Tod von Matthias Domaschk im Stasi-Gefängnis in Gera bildet den traurigen Hintergrund dieser historischen Geschehnisse.

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Identität vs. Klasse? – Wer macht eigentlich linke Politik?

Lesedauer: 2 Minuten

Ja, ich weiß… es gibt immer viel Kritik an der Halkyonische Assoziation für radikale Philosophie. Mir gehen die infantilen Reflexe aktuell dann doch auch zu weit. Andererseits verachte ich ebenfalls die Exklusivität, Selbstbezüglichkeit und den Dogmatismus der gesellschaftlichen oder radikalen Linken. Dies ist der große Widerspruch, in dem ich mich bewege. Skylla und Charybdis. Die sozial-revolutionäre Perspektive geht aus dem Zwischenraum beider Pole hervor. Dies ist eben der Unterschied zum Dogmatismus der Linken und den Abwehrreflexen gekränkter Egos, seien es Nietzsche-Fans, Stirner-Apologeten oder Allzudeutsche.

Überhaupt sind Räume und Gelegenheiten zur kontroversen Diskussion eine wichtige und begrüßenswerte Sache, deren transformatives Potenzial nicht zu vernachlässigen ist. Immerhin sind subkulturelle oder radikal-politische Szenen entweder enorm exklusiv oder ihre Inhalte verflachen oftmals völlig und verlieren die Zähne, wenn aus ihnen heraus versucht wird, einen Teil der Mehrheitsgesellschaft zu adressieren. Ohne produktiven Streit keinerlei Weiterentwicklung – allerdings bleibt dafür dennoch zu klären, auf welcher Grundlage die Auseinandersetzung stattfindet, welche Rahmenbedingungen für sie gelten und was eigentlich das Ziel solcher Diskussionen sein soll.

Insbesondere Letzterem verweigert sich die Philosophie, auch die politische Philosophie, in einer verkürzten Vorstellung des Offenhaltens des Diskurses und einer langweiligen Selbstüberschätzung der Wirkungsweise ihrer Protagonist*innen. Statt um sich selbst zu kreisen und sich an ihren Gedankengängen zu ergötzen, mit welchen sie dies oder jenes Handeln und Sein Anderen empfehlen, gälte es, eine gestalterische gesellschaftliche Rolle einzunehmen, zu intervenieren und im besten Sinne emanzipatorisch zu bilden. ~ Auch hier verläuft also eine Grenze zwischen meiner Position und jener der Organisierenden.

Dennoch habe ich große Lust, mit Thomas Seibert und Tobias Prüwer zu diskutieren und bin gespannt darauf. Auch die Themenfelder der kommenden Podien zu „Emotion“, „Ästhetik“ , „Sprache“, „Apokalypse“ und „Utopie“ sind prinzipiell sehr interessant. Und danach… schaue ich mal weiter, wie ich mich dazu verhalte.

Schatzkiste: Demokratie und Anarchie (Malatesta)

Lesedauer: 6 Minuten

Der Slogan „This is what Democracy looks like“, welcher im Protest gegen den WTO-Gipfel in Seattle 1999 so populär wurde, bezog sich auf den Widerspruch der Demokratie, in welcher ein demokratisch nicht legitimiertes Treffen von Vertreter*innen der herrschenden Klassen durch eine nicht demokratisch strukturierte Polizei abgesichert wurde, mit dem Verweis darauf, dies sei dann eben Demokratie. Der Demo-Ruf hat jedoch noch eine andere Bedeutung unterstellt werden: In Protesten und den emanzipatorischen sozialen Bewegungen soll selbst schon vorweggenommen werden, wie eine andere Gesellschaft aussehen kann. Partizipation, Inklusion, Basisdemokratie, Horizontalität und Konsens waren und sind hierbei für viele Bewegungslinken und Anarchist*innen wichtige Stichworte. Was Demokratie ist, darüber lässt sich natürlich vortrefflich streiten.

Für Malatesta hingegen ist klar, dass die Rede von „Demokratie“ im Grunde genommen ein Betrug ist. In seinem Text von 1924 lässt er keinen Zweifeln der Ablehnung der parlamentarischen Demokratie, die er einfach als jene der bürgerlichen Herrschaft seiner Zeit entsprechenden Herrschaftsform ansieht. Diese Haltung ist natürlich auch aus den Erfahrungen in den radikalen Strömungen der sozialistischen Malatestas erwachsen. Seine Kritik wird allerdings auch dadurch möglich, dass Anspruch und Schein der Demokratie von der eigentlichen Realität der Herrschaftsordnung deutlich abweichen. Dass die „schlimmste Demokratie der besten Diktatur stets vorzuziehen“ ist, daran bestehe Malatesta zu Folge keinerlei Zweifel. Gleichzeitig sei dies kein Argument, sich in den demokratischen Käfig sperren zu lassen, sondern könnte gleich auf die freie Vereinbarung abgezielt werden…

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Tagung: Perspektiven anarchistischer und marxistischer Staatskritik

Lesedauer: < 1 Minute

Das in Göttingen basierte Utopie Netzwerk veranstaltet am Wochenende die erste von drei Tagungen zu Fragen rund um Staatskritik, antiautoritärem Kommunismus und Transformation.
Sicherlich sind einige spannende Beiträge dabei. Inwiefern im Hintergrund dennoch die Anmaßung und falsche Vorstellung von einer Konstruktion einer irgendwie-schönen Zukunftsgesellschaft steht oder dort glaubwürdige Entwürfen aus den Erfahrungen in emanzipatorischen sozialen Bewegungen heraus gesponnen werden, wird sich zeigen. Klar ist, dass sich das Denken in reiner Negation und reflexhaften Anti-Haltungen längst überlebt hat. Ein großer Teil der irgendwie-Linken kann in darin festhängen und gesellschaftlich irrelevant bleiben oder den Aufbruch wagen, zur organisatorischen und ethischen Ausgestaltung eines libertären Sozialismus.

Anarcha-feministische Debatten zwischen 1860 – 1918

Lesedauer: < 1 Minute

Aurelia Rohrmann schrieb eine Arbeit mit dem Titel

« refusing the right to anyone over her body »
Geschlechterbeziehungen, Sexualität und freie Mutterschaft –
Ansätze des Anarcha-Feminismus 1860 – 1918

welche sie mir freundlicherweise für die Veröffentlichung zur Verfügung stellte. Vielen Dank dafür. Damit liegen selbstverständlich alle Rechte bei der Autorin, die bei einer eventuellen Zitation zu nennen ist. (Namensnennung-Nicht kommerziell CC BY-NC)

Die historische Untersuchung ist ein Beitrag einer „Geschichte von unten“. Sie lohnt der Lektüre, weil in ihr nicht nur das Engagement von Anarchistinnen im benannten Zeitraum gewürdigt wird, sondern ebenso herausgearbeitet wird, welche wichtige Rolle Anarcha-Feministinnen schon in dieser Zeit spielten. Anders gesagt, dass es in der ersten Welle des Feminismus‘ einen beachtenswerten anarchistischen Flügel gab, während in die anarchistische Bewegung auch nicht allein der Männerverein war, als welcher er fälschlicherweise oftmals überliefert wurde. Diese Darstellung ermöglicht es, die feministische Kritik an den Anarcho-Onkels auf eine fundierte Grundlage zu stellen. Dabei kann ebenfalls im Hinterkopf behalten werden, dass es offenbar damals wie heute auch vereinzelt anti-feministische und pro-feministische Positionen innerhalb der anarchistischen Szene gab – sowohl unter Frauen, wie auch unter Männern.

Das größte Problem war und ist jedoch in diesem Zusammenhang anarchafeministischen Ansätzen nicht den Stellenwert zuzugestehen, den sie verdienen. Mit den Themen Geschlechterbeziehungen, Sexualität und Mutterschaft wurden von Anarchafeministinnen verständlicherweise solche Auseinandersetzungen geführt, welche FLINT ganz besonders betrafen. Hierbei fiel es vielen Genossen dann vermutlich recht leicht, diese „Frauenfragen“ wohlwollend als mitlaufende Forderungen zu akzeptieren. Ein weiterer Schritt ist es hingegen, daraus auch eine Gesellschafts- und Herrschaftskritik abzuleiten und somit auch den Zusammenhang von Staat, Kapitalismus und Patriarchat in den Blick zu nehmen.

Voran – wohin eigentlich?

Lesedauer: < 1 Minute

Und wieder bin ich mit klassischer Musik unterwegs. Der Song „Es geht voran“ von 1982 von Fehlfarben ist ironisch gemeint. Muss man wissen. Also nein, die Vorstellung war nicht, dass die Geschichte effektiv voranschreitet und die Bewegung so stark wäre, die gesellschaftlichen Verhältnisse wirklich zum tanzen zu bringen und umzukrempeln. Und doch gab es da zweifellos motivierende moves, die auch darin begründet waren, sich selbst als antagonistisch zu verstehen. Mit den Jahren habe ich viel Verbalradikalismus gehört. Selbst der wird weniger in letzter Zeit. Es muss nichts schlimmes sein, wenn er versiegt, wenn stattdessen tatsächliche Radikalität wiedergefunden werden würde. Die Frage ist, wie mensch sich selbst ins Verhältnis zum umgebenden staatlich/kapitalistischen/patriarchalen Elend sieht und darauf reagiert. Sich kollektiv als Akteur zu setzen, verlangt eine Verortung zu anderen Kräften und in der Zeit. In der Phrase „Wir sind die letzte Generation, die …“ wird beispielsweise noch nicht unbedingt ein historisches Bewusstsein ausgedrückt. Geschichte ist eben kein gradliniger Weg, sondern ein verschlungener Pfad. Er verlangt, dass wir selbst und aufrecht gehen, anstatt getrieben oder gezogen zu werden. Das Gefühl, dabei voran zu kommen, möchte ich niemandem nehmen. Im Gegenteil, ich möchte es selbst wieder gewinnen.

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Be the Media: Indymedia-Archiv

Lesedauer: < 1 Minute

Bekanntermaßen wurde linksunten.indymedia im Nachgang der Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg im Sommer 2017 verboten. Die Proteste lieferten in Form der medial erzeugten Stimmung die Grundlage dafür, den konstruierten Verein um diese damals wichtigste Plattform für selbstorganisierte emanzipatorische Bewegungen stillzulegen. Aber: Zumindest das Archiv ist weiter vorhanden. Gerade aufgrund der Tatsache, dass Meinungsfreiheit keine Selbstverständlichkeit ist und nicht einfach gewährt wird, sondern verteidigt werden muss, solltet ihr es euch runterziehen, wenn ihr es noch nicht habt. Denn die Geschichte sozialer Bewegungen geht viel zu schnell verloren und damit sowohl die Erfahrungen in verschiedenen Kämpfen, als auch das Wissen, um die meist wenig sichtbare Aktivität von Genoss*innen…

https://linksunten.indymedia.org/